weihnachtsguetzli

ich bin kein weihnachtskind.
mir ist und war die feierliche stimmung um weihnachten herum immer eher suspekt. ich bin dankbar, dass man in meiner familie nie gross einen auf harmonie an den feiertagen gemacht hat.

seit paulas demenz weiter fortgeschritten ist, macht mir weihnachten noch weniger freude als früher. ohne ihre freude, ihre geschenke und unsere gespräche scheint mir alles flach.

ich habe heute guetzli gebacken. ich besitze heute die kochbücher von paula, rosa und meiner mutter. trotzdem backe ich die kekse alleine. ich wünschte mir, ich hätte schwestern, brüder oder kinder, mit denen ich backen könnte.

lace cookies backe ich jedes jahr. als meine mutter sie zum ersten mal gemacht hat, war ich keine zehn jahre alt. das ist über ein vierteljahrhundert her. die zeit fliegt einfach so an mir vorbei.

Meine Mutter, der Tod, die Schuld und ich

1979 war ich gerade mal zwei Jahre alt.
Meine Mutter war schwanger.
Sie wirkte so glücklich. Zufrieden. Sie strahlte.
Schwangere Frauen stehen unter Naturschutz.

Ich erinnere mich an jene Nacht, als sie meinen Bruder gebar. Ich war zwei Jahre alt. Mein Vater wurde von einem Telephonanruf alarmiert. Irgendwas war mit meinem Bruder. Mein Vater rief panisch Paula an.

Als meine Paula da war, verschwand mein Vater. Er wirkte gehetzt. Ängstlich. Er fuhr wie ein Irrer nach Frauenfeld. Dort lagen meine Mutter und mein Bruder im Spital.

Mein Bruder war tot.
Ich begriff lange nicht, was das bedeutete.
Ich verstand nicht, warum meine Mutter ohne ihn zurückkehrte.
Warum meine Eltern so lange weinten.
Und irgendwann gar nicht mehr.

Erst viele Jahre später erzählten mir zuerst meine Mutter, dann mein Vater die wahre Geschichte.

Mein Bruder wurde gesund geboren, im Gegensatz zu mir.
Trotzdem starb er drei Tage nach seiner Geburt.
Für die Ärzte war rasch klar, dass nur meine Mutter daran Schuld haben konnte.
Sie war Raucherin.
Sie haben es ihr an den Kopf geknallt, so wie man eine Hexe auf dem Scheiterhaufen anzündet. Sie hat es nie verarbeitet.

Als mein geliebter Vater in Frauenfeld ankam, fand er meine Mutter alleine auf dem Balkon vor. Sie hatte versucht, sich umzubringen, indem sie sich vom Balkon stürzen wollte. Nur seine Anwesenheit und seine Geistesgegenwärtigkeit haben dieses Unglück verhindert. Die Scham, die Demütigung, die Verantwortung am Tode meines Bruders schuldig zu sein, hat sie bis zum Ende ihres Lebens nicht verarbeitet.
Auch ich kann das nicht vergeben. Ich weiss bis heute nicht, was tatsächlich die Todesursache für den Tod meines Bruders Sven ist.

Aber ich weiss, dass es schändlich von Seiten der Ärzte war, meine Mutter, eine junge Frau, zu beschuldigen. Leider weiss ich nicht, wer dieses medizinische Urteil über meine Mutter gefällt hat.

Es hat mein Leben, das meiner Schwester und das meiner Eltern zerstört. Das ist unentschuldbar.

Weihnachtsgefühle

Seit frühester Kindheit kaufte ich immer mit Paula ein.
Wir liebten es besonders durch Haushaltsabteilungen grosser Kaufhäuser zu laufen.
Paula und ich marschierten ernsten Blickes durch Ausstellungen jeglicher Geschirrsorten, Teppiche, Mercerie und Gebrauchsgegenstände.
Paula trug meistens ihren dunkelblauen Blazer und musterte alles, was ihr unter die Finger kam. Mit ihr war Einkaufen wirklich ein Erlebnis.

Als ich noch in der Lehre und später im Praktikum war und kaum Geld hatte, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, griff sie mir oft unter die Arme. Sie schenkte mir Lebensmittel, die ich mir damals unmöglich hätte leisten können.
Immer hat sie für mich gesorgt. Nie hat sie irgendwas bemängelt, was ich tat.

Ich vermisse die Weihnachtseinkäufe mit ihr. Ich vermisse ihre Pakete, die Krippe, die Weihnachtsbeleuchtung, Weihnachtsfilme schauen mit ihr, ihre Umarmungen, ihre Stimme, wenn sie Weihnachtslieder sang.

An Weihnachten 93 kehrte ich vom Welschlandjahr nach Hause zurück und merkte, dass die Ehe meiner Eltern am Ende war. Scheidung. Was für ein schlimmes Wort als Ausdruck erloschener Liebe.

Ich muss an das letzte Weihnachten mit Paula und Walter denken. 1996. Er lag im Bett. Wir wussten, er stirbt bald. Es würde noch genau 13 Tage bis zu seinem Tod dauern. Alles ging so furchtbar schnell und doch sehr langsam.
Das Haus war mit einem Male ruhig.

Ich war noch nicht mal 20 Jahre alt, als mein Opa starb. Jetzt bin ich 36. Alles liegt offen vor mir. Was wird werden in einem halben Jahr? In einem Jahr? Werde ich bald alleine sein, ohne meine Familie, die ich über alles liebe? Wo werde ich in 20 Jahren sein?

Die wilden Tiere

Die Liebe zu den wilden Tieren ist meiner Familie weit verbreitet.

Mein Urgrossvater Heinrich züchtete Waschbären. Er hielt diese in einem Stall im Toggenburg Mitte des letzten Jahrhunderts. Ich weiss nicht genau, warum er das tat. In meiner Familie war nur die Rede davon, dass er diese „lustig“ fand. Legendär und mit vielen Ausschmückungen hat mir mein Grossvater davon berichtet, dass die Waschbären ausgebrochen sind. Ich bin überzeugt, dass auch heute noch Urururururur-Enkel der Waschbären meines Urgrossvaters im Toggenburg ihr Unwesen treiben.

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Mein Grossvater Walter war ein hervorragender Beobachter. Er konnte regungslos dasitzen und den Eidechsen, die sich sonnten, zuschauen. Auch die Forellen im Bach konnte er stundenlang beobachten. Wenn er den Tieren zuschaute und ich daher kam, brauchte er nur eine einzige Geste, ein kleines Geräusch zu machen und ich verstand. Die Momente, in denen ich mit Walter die Zeit vergass, waren die friedvollsten meiner Kindheit.

Mein Vater ist ein Tierfreund. Seit früher Kindheit züchtet er Kaninchen, Hühner, hielt Tauben, Enten und Wachteln. Als kleiner Junge fand er eine weisse Krähe, wie er immer wieder erzählte. Er und seine Freunde zogen sie auf. Als sie allerdings anhänglich wurde, sorgte der Lehrer dafür, dass die Krähe in den Zoo kam.

Meine Mutter zog während mehreren Wochen eine verwaiste Ente auf. Das Patschen der kleinen Füsse auf den Holzstiegen unseres Hauses werde ich nie mehr vergessen.

2011 fand mein Vater erneut eine verwaiste Krähe. Er nahm sie mit und rettete ihr damit ihr Leben. Gemeinsam mit Heidi und Sascha haben wir sie aufgezogen.

Ich wollte keine Krähe haben. Eine Krähe ist ein wildes Tier. Kein Papagei. Keine Katze. Sie ist ein komplexes Lebewesen mit einem Sozialverhalten, das seinesgleichen sucht. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit der kleinen Krähe verbringen wurde, denn für mich war es eine Art Mutterschaft auf Zeit.

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Der Tanz um die Zähne

In meiner Familie sind Zähne so eine Art Tabuthema.
ich wuchs mit fehlenden Backenzähnen und herrlich schiefen Schneidezähnen auf. Die Besuche in der Schulzahnklinik, ebenso die Begegnung mit tschechischen Zahnärztinnen, hat mich wesentlich und nicht im positiven geprägt. Für meine Eltern war das anfangs der 90er ein Grund, mich zum Kieferorthopäden zu schicken und mir eine Spange zu besorgen. Ich bin ihnen beiden noch heute zutiefst dankbar.

Doch woher kommt dieser Tanz um die schönen Zähne?
Von meines Vaters Seite her kann’s nicht kommen. Da erweisen sich die Vorfahren als zähe Beisser mit festen Zähnen.
Ganz anders sieht auf Mutter’s Seite aus:
Meine Mutter verlor während ihrer Schwangerschaft mit mir praktisch alle Zähne. Da war sie gerade mal 26 Jahre alt. Meine Grossmutter verlor alle Zähne in den Kriegsjahren, als sie an einer Hirnhautentzündung erkrankte. Ich mag gar nicht dran denken, wie sie so durch ihre Jugend kam. Ich bemerke allerdings auch heute noch, wie grosse Sorge sie ihren (künstlichen) Zähnen trägt.

Mein Grossvater Walter war in den Kriegsjahren gerade mal 20 geworden. Seine Begegnung mit einem Zahnarzt war derart traumatisch, dass er für den Rest seines Lebens keinen mehr aufsuchte.

Ein klein wenig scheine auch ich von dieser Angst ab bekommen zu haben. Obwohl ich das Glück habe, offensichtlich die Zähne meiner Vorfahren väterlicherseits vererbt bekommen zu haben, fürchte ich mich furchtbar vor Zahnarztbesuchen.

Ich schlafe schlecht. Ich schwitze. Ich habe Angst.
Heute war es wieder einmal so weit.
Ich bibberte im Wartezimmer meines (sehr fähigen und sehr netten) Zahnarztes. Ich schaue mich nicht gross um, denn der Zahnhocker für die Kinder, die Bestuhlung und die Zeitschriften verstören mich. Twitter hilft da sehr.

Doch dann holt mich die Dentalhygienikerin aus dem Wartezimmer ab, nett wie immer. Sie lenkt mich von meinen trüben Gedanken ab und das zwar etwas einseitige Gespräch (mein Mund ist voller Schläuche) hilft mir, meine Angst abzubauen. Ich schliesse die Augen und denke an einen schönen Herbsttag. Der Wind bläst mir um die Ohren. Ich entspanne mich.
Ich denke an schönere Dinge als die Geräusche. Zum ersten Mal seit Jahren laufen mir keine Tränen mehr übers Gesicht. Endlich Heilung von all diesen vererbten Gefühlen?

Dann ist die Behandlung zu Ende. Ich kann wieder meines Weges gehen und ich besitze noch immer alle meine Zähne. Als ich in mein Auto steige, wünschte ich mir für einen kurzen Moment, dass auch meine Vorfahren einen so netten, fähigen Zahnarzt gehabt hätten.

Über meine Identität

Ich habe mich ja schon an anderer Stelle über den SRF Themenmonat „Die Schweizer“ aufgeregt. Mein Groll ist noch immer nicht kleiner geworden.

Eines der Argumente, dass SRF Spielfilme über bärtige Eidgenossen jeglicher Couleur ausstrahlt, ist die sogenannte „Identitätsstiftung“. Die Fernsehzuschauer, die offensichtlich ohne das Schweizer Farben-Fernsehen nicht in der Lage sind, über ihre Identität nachzudenken, kriegen hier bunte Nachhilfe.

Ich kann darüber nur lachen.

Wer bin ich? Wie setzt sich meine Identität zusammen?

Ich bin die Tochter meiner Eltern.
Beide stammen aus ärmlichen Verhältnissen. Meine Mutter ist die Tochter eines Spinnerei-Angestellten und einer Verkäuferin. Meine Grossmutter mütterlicherseits, also Paula, war ihrerseits die Tochter eines Elektrikers und einer Hausfrau. Mein Grossvater war der Sohn eines Spinnerei-Angestellten sowie einer Serviceangestellten. Diese Seite meiner Familie zeichnet sich durch handwerkliche Fähigkeiten aus. Durch sie habe ich die Spinnereikrise im letzten Jahrhundert miterleben können.

Mein Grossvater war im zweiten Weltkrieg an der Grenze. Mehr als einmal hat er mir, ich war noch ein Kind, von seinen Erlebnissen erzählt. Diese waren weiss Gott nicht so rosig, wie der Scheiss, den unsere Lehrer verbreiteten. Mein Grossvater hielt nicht viel von Patriotismus, ebenso mein Urgrossvater, der ebenfalls im Krieg, allerdings im ersten Weltkrieg, war. Ich diskutierte sehr viel mit meinem Grossvater über dieses Bild des tapferen Eidgenossen. Aus den Erzählungen meines Grossvaters schloss ich sehr früh, dass Krieg eine schreckliche Sache ist und nicht, wie unterrichtet heroisch. Dass ich mich später kritisch zu Wort meldete, als unser Lehrer mal wieder von den Eidgenossen schwärmte, war nicht besonders hilfreich. Auch meine Fragen nach dem Verbleib und der Rolle der Frauen kamen nicht besonders gut an. So etwas fragte man in Ende der 80er Jahre im Thurgau nicht. Es wird heute wohl nichts anders sein.

Paula erzählte mir früher oft von den Bombenangriffen auf Konstanz, deren Auswirkungen sie bis nach Wil mitbekam. Ihre Ängste zu sterben, waren allgegenwärtig. Als der Golfkrieg ausbrach, ging sie als erstes Vorräte anschaffen. Heute, da sie an Demenz erkrankt ist, sind die damaligen Erlebnisse und Ängste allgegenwärtig.

Mein Vater ist ein Bauernsohn.
Ich verdanke ihm die Einsicht in das Leben der Bauern während und nach dem Krieg. Er hob immer wieder besonders die Rolle meiner Grossmutter hervor. Sie hatte in den Kriegsjahren den Hof ganz alleine geführt. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie sie das geschafft hat. Wahrscheinlich fühle ich mich auch deshalb sehr mit ihr verbunden, weil sie eine starke, tatkräftige Frau war, die sich von nichts abschrecken liess.

Identität kann nur entstehen, wenn man sich mit seiner EIGENEN Geschichte auseinandersetzt. Das bedingt, dass man seine Vorfahren kennt und sich für deren Leben interessiert. Viele Verhaltensweisen und Haltungen werden einem plötzlich klar. Für diese Erkenntnis brauche ich keine bärtigen Eidgenossen und keine nackten Hintern. Die Antwort liegt in mir selber.

Geschichte von unten

Die Bloggerin @nightlibrarian hat mich auf einen Gedanken gebracht, der mich unterschwellig schon lange verfolgt und nun wieder von neuem aufgebrochen ist.

Wer sind unsere Vorfahren und Vorfahrinnen?
Wenn die Geschichtsschreibung die Frauen und deren Leben auslässt, weil es zu uninteressant ist, bleibt doch nichts anderes übrig, als selber zu forschen.

Anhand von Photos kann ich nachvollziehen, was meinen Vorfahrinnen wichtig war. Die Reise in die Vergangenheit ist spannend, berührend und oft auch tränenselig.

Indem ich sie auf den Photos sehe, bemerke ich, wie sehr sie fehlen. Doch wenn ich die Bilder, die Sujets analysiere, bin ich ihnen nahe.

Rosa hat beispielsweise ihr Eheleben dokumentiert. Viele Photos zeugen von gemütlichen Nachmittagen auf der Terrasse mit Ehemann, Hund und Kaffee. Anders Paula: Sie hat ihr Leben lang gearbeitet. Sie photographierte ihre Arbeitsplätze, später uns Enkelinnen oder Pilgerreisen nach Lourdes.

Meine Mutter hingegen hat viele Photos ihres späteren Ehemannes, meines Vaters gemacht. Die Flitterwochen, Ausflüge, Abende zuhause hat sie liebevoll dokumentiert. Auch das spätere Familienleben hat sie photographiert, was wohl dazu führte, dass von ihr nur wenige Bilder vorhanden sind.

Die Frauen in meiner Familien lassen mich nicht kalt. Ich will und muss mehr über sie wissen, um mich selber besser kennen zu lernen und zu verstehen.

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Rosa und ich

Rosa war meine Urgrossmutter, die einzige, die ich je gekannt habe. Sie war die zweite Frau von Heinrich. Eigentlich war sie meine Stief-Urgrossmutter, doch das war irgendwie nie wichtig.

Rosa, oder „Röös“, wie sie von meinem Opa und meinem Urgrossvater Heinrich genannt wurde, war Ende der 70er Jahre eine alte Frau. Sie war immer noch ein Stück jünger als Heinrich, der damals um die 90 war. Rosa wirkte auf mich so, wie man sich eine Kräuterfrau vorstellte. Ihr Gesicht war faltig. Sie trug manchmal arg strapazierte Kleidung. Sie, war wohl, wenn ich es mit Paula vergleiche, auch in einem Zustand beginnender Demenz, damals.

Jetzt, wo ich Paulas Haus aufräume, das Haus, das einmal Rosa und Heinrich gehört hat, stosse ich überall auf Rosas Spuren. Die Strickmaschinen. Die vielen Schuhe. Bestimmt sind auch noch jede Menge Kleider irgendwo in den Schränken. Den Samowar habe ich schon entsorgt. Jede Menge Andenken an Brandenburg und die Havelmündung stehen herum. Auf Bildern und Negativen blickt mir eine herbe, aber selbstbewusste Frau entgegen.

Ich kenne Rosas Schicksal nicht genau. Fest steht nur, dass sie nach dem Krieg und nach Annas Tod 1947 meinen Urgrossvater geheiratet hat. Bald einmal zogen sie in das Haus. Rosa hatte Kinder, die aber hinter dem eisernen Vorhang aufwuchsen. Es gibt Bilder von ihnen, aber ich weiss nicht mal, wie sie heissen.

Jetzt, mit 36, dreissig Jahre nach ihrem Tod, entdecke ich Rosa ganz neu.
In den letzten Monaten, die Paula in ihrem Haus verbracht hat, war Rosa mehr als präsent. Paula hat mit ihr, der verhassten Schwiegermutter abgerechnet. Der Konflikt zwischen Rosa und Paula hatte kurz vor Rosas Tod fast zu einer Trennung zwischen Paula und Walter geführt.

Paula, gefangen in der Vergangenheit des Hauses, stiess immer wieder von neuem auf Rosas Gegenstände. Für Paula war klar, dass Rosa schuld war an dem Durcheinander, dem Verschwinden wichtiger Dinge und überhaupt an Paulas psychischem Zustand.

Ich schaue Rosas Porträts an und erkenne mich selbst wieder. Wie ich, war auch sie eine Frau, die sich gerne fotographieren liess, die Tiere liebte, ihr Haus einrichtete, gärtnerte, mit ihrem Mann kuschelte, rauchte und schöne Kleider trug.

Heinrich, damals 94, schrie im Frühling 1983 nach seinem Sohn Walter, der ihn und Rosa pflegte. Walter fand Rosa tot am Boden liegend vor. Heinrich überlebte ihren Tod kein Jahr. Aber irgendwie ist Rosa noch heute nicht fort, aus ihrem Haus.

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Umgeben von Toten

Ich habe mich als Kind schon nicht gegruselt vor Toten.
In meiner Familie ist der Tod allgegenwärtig und vertraut.

Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Bruder. Zwar habe ich ihn nie gesehen, doch sein Sein hat Spuren hinterlassen. Ein einziges Photo habe ich von ihm.

Anders verhält es sich mit meiner Stief-Urgrossmutter Rosa und meinem Urgrossvater Heinrich. Sie sind mir nahe, obwohl ich erst sechs Jahre alt war, als sie beide starben. In meinem damaligen Empfinden waren beide uralt. Mein Urgrossvater wurde 95 Jahre alt!

Ich entdecke gerade die Welt dieser beiden Menschen, die auch im hohen Alter offenbar kein Problem damit hatten, sich ineinander verliebt zu zeigen. Auf den Bildern, die ich gefunden habe, ist Rosa eine herbe, aber stilsichere Frau, Heinrich, ein gemütlicher Mann mit einer enormen Ausstrahlung.

Fast 30 Jahre lang haben sie im Haus gewohnt. Beide sind sie darin gestorben. Das Haus atmet ihre Lebenshaltung aus: arbeiten. Fleissig sein. Sauber sein. Geniessen.

Einer ihrer Lieblingsplätze scheint die grüne Gartenbank zu sein. Mittlerweile ist sie von der Witterung beinahe verfault. Auf den Bildern ist die Gartenbank der Mittelpunkt jeglicher familiärer Aktivitäten. Sie sitzen drauf. Kinder turnen drauf rum. Der Hund thront brav vor der Bank.

Walter, mein Grossvater, hat die beiden zuhause gepflegt. Aus seinen Briefen erfahre ich, dass es zeitweise für ihn die Hölle gewesen sein muss. Dank erhielt er nicht viel. Er, der seit Jahren arbeitslos war, nahm die Bürde auf sich, zwei hochbetagte Menschen zu pflegen. Einen Spitex-Dienst gab es 1983 noch nicht…

Walter, Rosa und Heinrich sind seit Jahren tot. Doch im Haus leben sie noch immer. Ich finde ihre Gegenstände. Rosas Kämme. Heinrichs Strickmaschinen. Walters Zeugnisse. Rosas Fasnachtskostüme. Heinrichs Brillen.

Was bleibt von einem übrig, wenn man stirbt?

Unser dreier Leben

Als ich heute morgen um 6.15 das Haus verliess, erstarrte ich. Über mir war der Himmel voller Sterne. So hatte ich ihn noch nie gesehen im Oktober.

Anders als andere Jahre habe ich heute gearbeitet. Ganz bewusst. Ich wollte eintauchen in Beschäftigung und nicht in trüben Gedanken herumwühlen. Anders als in anderen Jahren trug ich heute keine schwarze Kleidung.

Erstaunlicherweise hat das geklappt.
Ich war ganz bei mir. Konzentriert. Zufrieden.

Schon am Vormittag leuchtete die Landschaft um mich herum. Schon lange nicht mehr sah ich all diese Farben. Als ich Feierabend hatte und von Weinfelden über Land in Richtung Frauenfeld fuhr, war ich ergriffen von der Schönheit der Gegend. Jetzt, wo die Felder abgeerntet sind, sieht man erst, wie sanft gewellt die Böden sind.

Ich musste daran denken, dass vor sechs Jahren dichter Nebel geherrscht hatte. Erst kurz vor Uschis Todesminute lichtete er sich langsam. Die Sonne schien schüchtern.

Paula und ich hatten seit dem Vormittag gemeinsam an Uschis Sterbebett gesessen. Immer wieder hielten wir inne, wenn ihr Atem aussetzte. Meine Grossmutter und ich wussten, dass Uschi schon ganz nah an der Schwelle des Todes stand.

Als es schliesslich soweit war, die Pflegende hatte meine Mutter gerade umlagern wollen, ging es sehr rasch. Uschi blickte uns aus ihren braunen Augen traurig an. Nach einem letzten tiefen Atemzug war Stille. Aus ihrem einen Auge trat eine gelbe Träne.

Nachdem meine Mutter also gestorben war, öffneten Paula und ich das Fenster. Paula und ich blickten uns an. und umarmten uns. Wir hatten das Selbe gedacht: „Uschi will jetzt bestimmt eins rauchen gehen!“

Mein damaliger Freund kam zu spät.
Aber ich bin nicht unglücklich, dass ich diesen Moment des Übergangs mit meiner Mutter und meiner Grossmutter alleine teilen konnte. Für mich war der Ort von Uschis Sterben mehrfach emotional. Sie starb einige Meter entfernt von dem Ort, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Ihr eigener Geburtsort lag ebenfalls einige hundert Meter weit weg. Es schien mir, als hätte sich unser dreier Leben auf diesen Ort konzentriert. Loslassen und festhalten.

Ich bin dankbar, dass ich bei ihrem Tod dabei sein durfte und sehe es als ein letztes Liebesgeschenk meiner Mutter an. Dass wir nur drei Monate Zeit hatten, uns als Mutter und Tochter wiederzufinden, ist zwar traurig, aber in letzter Instanz dennoch tröstlich. Ich wünschte mir, sie wäre jetzt hier und könnte mich sehen.