Und schon gar nicht in einem Leben

Im Winter vermisse ich meine Mutter am meisten.
Sie liegt da in dieser Toggenburger Erde, hoch über dem Städtli, in Asche.
Die Wärme hatte sie nie gerne. Da ging es ihr schlecht.
Ich kann mich nicht mehr an die Winter mit ihr erinnern.
Ihre Zigaretten habe ich aufbewahrt. Mary Long. Sie zerfallen langsam.

Ich möchte sie so gerne anrufen. Mit ihr reden.
Ich würde ihr so gerne zeigen, wie gut ich heute nähen und häkeln kann.

Aber da ist nichts mehr von ihr. Ihr Geruch ist weg. Es ist so,
als hätte es sie nie gegeben. Sie existiert nur noch auf Fotos.
Ihre Tagebücher.
Ihre Zeichnungen sind verschwunden.
Noch immer hoffe ich, sie im Haus zu finden.
Die Welt mit ihren Kinderaugen gemalt.
Ihre Schrift war wunderschön.

Ich vermisse ihre Stimme.
Ihr kratziges Lachen.
Ihre weichen Hände, die den meinen so gleichen.

Es gibt wenig Fotos von uns beiden.
Sie sind immer verschwommen, so als gäbe es Zeit in Ruhe für
Mutter und Tochter nie in einem Bild.
Und schon gar nicht in einem Leben.

mami und ich

Opis letzte Nacht

Vor 19 Jahren um diese Zeit sass ich im Kino. Ich weiss es noch ganz genau. Ich war 19 Jahre alt und besuchte im Cinema Luna in Frauenfeld die Filmvorstellung „8 1/2“ mit Marcello Mastroianni.
Ich war unruhig.

An Neujahr 1997 hatte ich das letzte Mal mit Opa und Omi telephoniert. Opa lag im Sterben. Das Telephon war grau, hatte eine Wählscheibe und lag auf einem Telephonbuch aus dem Jahr 1984. Opa konnte kaum noch sprechen, hustete oft. Seine Stimme klang leise und müde und seltsam aufgestellt.

Omi wirkte aufgekratzt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wusste, was sie erwartete.

Ich sass im Kino. Die Sitze waren hart. Dennoch hatte ich Mühe, mich wachzuhalten. In der Pause ging ich. Ich fuhr mit meiner Chopper zurück nach Hause. Ich wollte weinen, aber es ging nicht. Die Nacht war kalt und ich erinnere mich, dass meine Tränen fast auf meinen Wangen anfroren. Ich trug eine riesige Zahnspange.

Ich konnte fast nicht nicht einschlafen. Wälzte mich hin und her. Mitten in der Nacht schreckte ich auf. Tausend Albträume. Ich fing an zu beten. Mir fiel nichts anderes ein. Ich wünschte mir, dass Opi endlich sterben könnte. Kein weiteres Leiden. Nicht mehr diese schreckliche Angst vor dem Ersticken. Einfach Schlaf. Dann wurde ich ruhiger. Meine Wut wich.

Am nächsten Morgen fuhr ich zur Arbeit. Um Punkt acht Uhr fiel mir meine Tasse zu Boden. Ich war unkonzentriert und fahrig. Eine Viertelstunde später klingelte das Telephon. Meine Mutter.
Opa. Tot. Um Punkt acht Uhr.

Ich weinte. Aber ich konnte auch nicht verleugnen, dass ich unendlich froh war, dass er nicht mehr länger leiden musste. Verdammter Scheisskrebs.

19 Jahre später sitze ich in der Stube, in der Opa seine letzte Nacht verbracht hat. Nichts mehr erinnert daran, dass hier ein Mensch gestorben ist. Das Bett ist verschwunden. Das blinde Fenster ist ersetzt. Keine schweren Vorhänge mehr.

Mir ist seltsam zumute. Ich vermisse Opi noch immer. Er wäre 91 Jahre alt. Ich bin mir sicher, dass er sich über mich freuen würde.

Aufräummoment

Es gibt Dinge, Momente, die treffen einem tief im Herzen drin und alle Erinnerungen von damals sind wieder da, als wären sie nie weg gewesen.

Vor einigen Tagen habe ich bei IKEA einige grosse Plastikkisten gekauft. Ich wollte darin die Wollknäuel einsortieren, damit ich endlich weiss, was da ist und was weg kann. So öffnete ich die grosse Kiste in meinem Büro. Die Knäuel hatte ich vor über zehn Jahren hastig in der Kiste verstaut.

Da fällt mein Blick auf zwei angefangene Strickarbeiten. Socken.
Mir steigen die Tränen in die Augen.
Mami.
Die vermüllte Wohnung.
Kalter Zigarettenrauch in der Luft.
Auf der Herdplatte die angeschimmelte Suppe.
Bluttropfen auf den Kissen.
Es riecht nach Traurigkeit.

Die angefangenen Socken riechen nicht mehr nach ihr.
Es sieht so aus, als wäre sie gerade erst aus dem Haus gegangen.
Und als würde sie bald wieder zurückkehren, um ihre Strickarbeit zu beenden.
Ich weiss es natürlich besser.
Sie kommt nicht mehr.

 

 

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Geschenke finden oder: Bettmümpfeli

Noch bis vor wenigen Jahren wusste ich einfach immer, was ich Omi Paula zu Weihnachten schenken würde. Ich druckte Fotos aus, machte daraus Collagen, kaufte Foulards, warme Socken, Parfum, Handgelenkwärmer und Wollmützen.

Dann wurde Omi älter. Ich schenkte ihr Plüschtiere, einen Porzellan-Barri, Blumen, Katzenfutter.
Als ich Omi 2011, ihr letztes Weihnachten im Haus, den Porzellan-Barri übergab, weinte sie und herzte ihn. Das hat mich damals total geschockt. Sie war so gerührt und berührt.

Omis Geschenke haben sich auch verändert. Als ich noch ein Kind war, überhäufte sie mich mit Geschenken. Ich kriegte Barbies, Puppenhaus-Möbel, Bücher. Ich kriegte wohl all das, was Omi als kleines Mädchen nicht bekommen hat. Als ich älter wurde, schenkte sie mir Schokolade, Bündnerfleisch, Katzenzüngli und später dann Salami.

Nützliche Dinge. Das wars.
Für sie war es wichtig. Sie hat sich für alles immer hundert Mal entschuldigt. Das war mir so peinlich. Denn die Art und Weise wie sie schenkte, war einfach wunderbar. So herzlich.

Ich wusste nicht mehr, was ich Omi schenken soll. Fotos verstören sie. Sie erkennt mich und sich nicht mehr und es ist nicht mehr wichtig. Plüschtiere scheinen mir auch nicht das Richtige zu sein. Sie hat alles, was sie braucht im Pflegeheim.

Die Pflegende am Weihnachtsessen hat mich nun auf eine Idee gebracht. Omi liebt Süsses. Sie hat offenbar ein neues Ritual entwickelt: sie isst abends immer ein Bettmümpfeli. Jetzt schenke ich Omi kleine Napolitains, die sie vor dem Schlafengehen essen und geniessen kann.

Das Wort“Bettmümpfeli“ rührt mich noch immer, denn es passt so zu Omi und zu mir. Ich erinnere mich noch an das Buch, das ich als Kind gelesen habe, und das ich ebenfalls mit Omi verbinde.

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Omiomiomiomiomi!!!!

Das Weihnachtsessen im Pflegeheim. Seit 2012 ist es eine feste Grösse in meiner überfüllten Agenda. Es ist der Abend, an dem wir mit Omi Weihnachten feiern. Eigentlich ist es der Abend, an dem wir mit Omi zusammen sitzen, uns im Gesprächsgewirr rundum anbrüllen und Omi sehr klar zeigt, wie gerne sie Ruhe hat.

Omi zeigt zur Begrüssung auf mich und sagt zur Pflegenden: „Sie ist noch immer ledig.“ Dazu schüttelt sie den Kopf. Ich nicke.

Dieses Jahr sassen wir genau neben der Musik. Ein paar hochmotivierte, talentierte junge Damen der ansässigen Kantonsschule spielten mit ihren Querflöten Weihnachtslieder. Omi, die ich bisher nie für besonders musikalisch gehalten hatte, zuckt bei jedem krummen Ton zusammen. Es ist ihr zu laut. Es klingt fast ein wenig wie damals, als Opa Saxophon oder aber Klarinette gespielt hat.

Wir fangen an zu essen. Eine der Pflegenden fragt mich, ob ich Omi die Medis eingeben mag. Na klar, denke ich. Ist doch mein Beruf.

Noch im Frühling hatte ich Mühe damit. Dieses Mal geht es sehr viel besser. Ich kann auf Omis Mühen und Schluckbeschwerden eingehen. Sie braucht lange. Druck aufsetzen bringt nichts. Ein Sirup ist ihr zu bitter. Es schüttelt sie durch und mir tut es tief drin weh.

Ich denke darüber nach, dass es nicht schön ist, wenn man nicht mehr richtig schlucken kann. Das Problem ist bekannt bei Demenzkranken. Die Folgen sind nicht schön. Ich gebe Omi Löffel für Löffel ein, rede wenig, lächle. Sie wirkt auf mich wie ein sehr altes, grosses Baby. Sie lächelt, macht Witze. Nicht alles schmeckt ihr.

Ich setze keinen Druck auf. Sie muss nichts essen, wenn sie signalisiert, dass es nicht geht. Ich bin für einmal sehr dankbar für bald 17 Jahre Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Ich kann ihren Ausdruck lesen, erst recht, wenn es wenig Worte gibt dafür.

Ich bin 38 Jahre alt und muss daran denken, dass Omi in meinem Alter bereits eine 15jährige, schwer pubertierende Tochter hatte. Ich reiche Omi den nächsten Löffel. Von einer anderen Pflegenden erfahre ich dann, dass Omi fürs Leben gern vor dem Zubettgehen ein Bettmümpfeli isst. Ich lächle. Süsses. War ja klar.

Omi mochte den Hauptgang nicht besonders. Als die Pflegende weg ist, zieht sie eine Tomatenhaut aus ihrem Gebiss hervor. Ich kann ihr etwas Dessert, es gibt unter anderem ein köstliches Orangenmousse, anbieten. Sie liebt es!
Die Tomatenhaut drapiere ich unter dem Zuckerchristbaum, der ebenfalls auf dem Dessertteller ist. Omi quittiert dies mit einem schelmischen Lächeln und mit einem Mal habe ich das Gefühl, dass alles wie immer ist. Omi und ich. Pech und Schwefel. Ich lächle.

 

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Omi schaut mich an, lächelt auch und sagt: „Wer bist du denn?“

Papierberge

Heute machte ich mich mit Sascha und der Katze ans Ordnen und Räumen unseres Estrichs. Mir machte das Gewicht, das auf den Balken lastet, etwas Sorgen. Ich wollte sortieren, entsorgen und neu einräumen.

Ich sortierte heute sehr viel Papier und entsorgte alte Zettel. Ich musste mich entscheiden, was wichtig genug ist, damit ich es nochmals einige Jahre aufbewahre. Ich tat einen tiefen Blick ins Eheleben meiner Grosseltern, erfuhr einiges über die Preise von Schlafzimmermöbeln in den 70ern und wie viel Gebissprothesen 1953 kosteten (90.- für eine obere Prothese, aber nur bei Barzahlung).

Ich las, wie viel das Totenhemd meines Opas kostete und dass man damals meiner Oma sogar die Kinnbinde korrekt verrechnete. Ich weiss nicht recht, wie ich auf eine derart detaillierte Rechnung nach dem Tod meines Lebenspartners reagiert hätte. .

Omi, korrekt wie sie noch immer ist, hatte bis zu ihrem Einzug ins Pflegeheim fein säuberlich alle Menüpläne des Senioren-Menü-Lieferservices der letzten Jahre in Ordner abgelegt.
Fünf Stapel Altpapier!

Ich stiess auf die Todesanzeigen meines Opas und Uropas, fand Kostenvoranschläge von ortsansässigen Bildhauern, Bildern von Grabsteinen, Rechnungen von Leichenmahlen und Verlobungsessen, Babyfotos und Dankesbriefe von Baby-Eltern, Glückwunschkarten zum 80sten und schliesslich die Trauerkarten zum Tode meiner Mutter.

Es rührte mich, sie nochmals zu lesen. Einige wenige darunter waren sehr persönlich. Ich stiess auf die Traueranzeige meiner Mutter, die ich selber gemacht hatte und staunte für einen kurzen Moment über meine Wortwahl damals.

In einem letzten Ordner schliesslich stiess ich auf die Unterlagen meiner Mutter, jener Briefe, die ich nach ihrem Tod erhalten habe und Kopien der Briefe, die ich als Antwort schrieb.

Es tut nicht mehr so weh wie damals.
Aber die Wut ist noch da.

Ich ärgere mich noch immer über die Abgebrühtheit und Unverschämtheiten der damaligen Protagonisten vom Sozialamt und Amt für IV und bin – trotz allem, stolz darauf, dass ich ihnen zumindest verbal die Stirn geboten habe. Das war für mich damals in der Trauerzeit nicht einfach. Aber ich habe es getan.

Ich kämpfte mit mir. Soll ich das Zeugs wegschmeissen, damit es weg ist oder soll ich es noch behalten als Beweis, dass das alles passiert ist und vor allem: dass meine Mutter gelebt hat?

Der 7. Januar

Mein Opa starb am 7. Januar 1997.
Rückblickend war sein Tod das Ende meiner Jugend, so wie der Tod meines Bruders 1979 das Ende meiner Kindheit gewesen ist. Ich war 19 Jahre alt, trug eine riesige Spange und hatte eine Kiefer-OP im September 1996 überlebt. Ich war damals enttäuscht, dass Opa niemals mein makelloses Lächeln sehen würde.
Ich war ein Kindkopf.

Die Zeit im Toggenburg nach der OP im September 1996 brachte mich meinem Opa sehr nahe.
Wir redeten viel. Ich spürte, dass er bald sterben würde, auch wenn niemand das wahrhaben wollte. Ich hatte Träume, damals. Ich wollte Schauspielerin werden. Mein Opa, als Kind des zweiten Weltkriegs, als blutjunger Mann in einen Krieg eingezogen, der nicht seiner war, ermutigte mich immer, das zu tun, was mich glücklich machen würde. Unser letztes Gespräch in der Stube, in der ich jetzt gerade sitze, drehte sich darum, dass ich meine Träume verwirklichen sollte. Das geschah am 25. Dezember 1996.

Opa war wohl nicht besonders glücklich.
Er lebte in diesem Keller unter dem Haus. Betrieb seine Studien über Elektrotechnik, Eidechsen und Forellen und verstummte zusehends neben meiner Grossmutter.
Er soff. Wie so viele in diesem Tal früher und heute. Ich behalte ihn in Erinnerung als einen sehr sensiblen, liebenswürdigen Mann. Er fehlt mir über alle Massen, gerade jetzt, wo wir hier leben. Ich hätte ihn gerne bei mir, um ihn um Rat zu fragen und mit ihm zu politisieren.

Der 7. Januar 2015 war kein guter Tag. Wie immer an diesem Tag trauerte ich um Opi Walter. Das Attentat auf Charlie Hebdo rauschte an mir vorbei. Ich nahm es nicht mal wirklich wahr.

Dezember 2015. Ich lese „Katharsis“ von Luz. Er schreibt über sein Trauma, die Trauer, das Anschauen vom Tod und seinen Gefühlen. Sein Comic ist so wahr und seine Figuren drücken all das aus, was mir im Kopf herum schwirrt. Ich bin dankbar. Ich lese immer wieder darin, um zu weinen. Zu lachen. Wieder zu weinen.
Danke, Luz. ❤

Wasser

Ich mag den Chlorgeruch, wenn ich nach der Umkleidekabine in die holde Wärme des Schwimmbads trete. Immer denke ich zuerst an meine Mutter.

Sie liebte Schwimmen. Das Wasser war ihr Element.
Ich erinnere mich an meine Schwimmversuche im Untersee bei Steckborn. Das grosse Wasser war angsteinflössend. Es war dunkel und warm im Hochsommer. Die Hände meiner Mutter griffen nach meinem Körper, damit ich nicht ertrank. So muss es sich auch vor meiner Geburt angefühlt haben.

Oft gingen wir nach Frauenfeld und schwammen dort.
Zuerst konnte ich mich gar nicht über Wasser halten.
Das Tauchen war mir näher.
Meine Hüfterkrankung liess mich den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Oder schwimmen.

Das Hellblau des Bades. Die Silhouetten. Die Wärme.

Dann: senfgelbes Wasser. Der Hüttwilersee. Ich erinnere mich ungerne daran.

Omi schwamm auch gerne.
Sie war bestimmt über 60 Jahre alt, als wir jeweils im Schwimmbad Bütschwil zusammen schwammen. Omi war ängstlich. Sie wachte über mich und meine Schwester, als wäre sie die Glucke und wir die Küken. Omi war allgegenwärtig. Sie machte jeden Blödsinn mit und ihr Lachen hallt in mir wider. Sie war unsagbar glücklich, uns Enkelinnen um sich zu haben. Ich war glücklich, dass sie da war.

Die Dusche in Bütschwil sieht noch immer aus wie vor 25 Jahren.
Das Bad riecht gleich.
Nur die Schrankschlüssel haben sich verändert.

Meine Mutter ist nicht mehr hier.
Omi weiss nicht mal mehr, dass wir hier gemeinsam geschwommen sind.
Die Orte, an denen ich als Kind glücklich war, verändern sich.

Vor-Weihnachts-Gedöns

Ich tue mich innerlich schwer mit Weihnachten.

Da die Familie nicht mehr so gross ist, feiere ich keine grossen Feste. Ich schlage mir nicht den Bauch voll und ich betrinke mich auch nicht. Es gibt auch keine Familienzwiste an Weihnachten. Das ist der Vorteil an einer Familie wie meiner, die vom Aussterben bedroht ist.

Aber es schmerzt mich auch, dass ich nicht mehr so wie früher mit Omi feiern kann. Sie ist so rasch müde. Sie isst nicht mehr viel. Gesprächen kann sie oft nicht mehr folgen. Sie spricht nurmehr bruchstückhafte Sätze. Dennoch ist sie präsent mit ihrem Lächeln und ihren schalkhaften Augen. Manchmal frage ich mich wie sie als Kind war.

Früher war Weihnachten anders. Omi und ich trafen uns zum Einkaufen in Wil, diskutierten in Cafés und schenkten uns Kleinigkeiten. Wir telephonierten, um am Weihnachtsfeiertag miteinander essen zu gehen.

Ich fiel mir lange Zeit schwer, diesen Verlust von Gewohnheiten zu verdauen und neu zu beleben. Ein Anfang war, dass ich vor einigen Jahren damit begann, am dörflichen Adventsfenster mitzumachen. Ich mag es, von Menschen Besuch zu bekommen. Ich dekoriere das Haus. Ich werde dieses Jahr Omis und Uromis Christbaumkugeln hervorholen und Räume weihnächtlich einrichten.

Wir gehen jedes Jahr zu Omi ins Pflegeheim ans Weihnachtsessen. Jetzt, wo wir so nahe wohnen, können wir es noch mehr geniessen. Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, dass ich Omi nicht nach Hause nehmen kann.

Und dann denke ich daran, was einmal sein wird, wenn Omi nicht mehr da ist und wie sich mein Leben danach verändert.

Am Morgen

Ich sitze neben ihr. Sie atmet unregelmässig. Immer wieder stockt ihr Atem. Ihr Herz jedoch schlägt unermüdlich. Ich bin zu müde zum Weinen. Draussen steht mein Auto auf dem Parkplatz und ich sollte Münzen einwerfen gehen. Es erscheint mir seltsam, jetzt aufzustehen und etwas derart Sinnloses zu tun, damit ich keine Busse kriege.

Ich habe Angst, dass es an mir liegt, dass sie nicht sterben kann. Ich fühle mich unsagbar einsam. Ein paar Meter vom Pflegeheim weg liegt das Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hat. Ich frage mich, ob sie bei meiner Geburt auch einsam war. Ob das einfach dazu gehört, dieses Gefühl vollständiger Verlorenheit bei endgültigen Abschieden.

Sie wird von den Pflegenden umgelagert. Ich hoffe irgendwie, dass sie aufwacht und noch etwas letztes zu mir sagt. Dabei ist alles gesagt. Ihr Weg ist nicht meiner.
Ich lege mich auf das Bett neben ihrem. Die Pflegenden haben es neben sie geschoben, damit ich ihr nahe sein kann. Das Sterbezimmer ist leider schon belegt. Die Bettwäsche ist unverschämt bunt. Die Wände des Zimmers sind hölzern. Nie hätte ich gedacht, dass es sich so anfühlt.

Draussen lichtet sich der dichte Nebel. Es wird ein schöner Tag werden, so denke ich. Die Sonne scheint zärtlich. Ich aber sitze hier drinnen. Die Luft ist schwer. Mittags kriege ich ihr Essen. Dabei habe ich keinen Hunger und keinen Durst mehr.

Ich sitze da und wünsche mir ihren Tod. Wünsche mir, dass sie weiter lebt. Dass ich nochmals Kind und sie wieder Mutter ist. Denke darüber nach, was noch kommen wird. Was sie niemals erleben wird, aber ich schon. Ich denke darüber nach, was sie erlebt hat und ich nie erfahren werde. Es gleicht sich wohl aus.

Ich werde immer müder. Schlafe ein. Schrecke auf.
Bin besoffen vor Schlaflosigkeit und Tränen.
Noch ist sie da. Noch kann sie mich hören. Ich flüstere, denn ich will sie nicht erschrecken, nicht stören. Ich verspüre den Wunsch, sie zu umarmen und schaffe es doch nur, ihre Hände zu streicheln. Ich sehe sie an und entdecke mich in ihr.
Wir gleichen uns.
Wir werden uns geglichen haben.