Neue Ufer

Paula hat seit einigen Wochen einen Beistand. Er ist etwa gleich alt wie meine Eltern und hatte selber eine Mutter, die an Demenz erkrankt ist. Ich bin froh, dass wir hier nicht das Rad neu erfinden müssen.

Ich bin froh, dass es einen Menschen gibt, der all das amtliche und finanzielle übernehmen wird. Es ist eine emotionale Entlastung. Seine Aufgabe ist, das Beste für Paula herauszuholen. Das befreit mich.

Dennoch tue ich mich schwer, den Zweitschlüssel des Hauses zu übergeben. Mir wird bewusst, dass die letzten Jahre nur wenige Menschen das Haus betreten haben. Es ist ein komisches Gefühl. Keine Ahnung, wieso.

Der Beistand und ich telephonieren. Wir sprechen über Paulas Telephonanschluss. Sie hat ihn seit Monaten nicht mehr benutzt. Seit ihr altes Telephon defekt ist, kann sie das neue (altersgerecht mit riesigen Tasten!!) nicht mehr bedienen. Natürlich bezahlt sie noch allmonatlich ihren Anschluss bei der Swisscom…

Ich getraute mich nicht, einfach so bei ihr anzurufen, weil ich nicht weiss, wie sie darauf reagieren würde. Würde sie mich erkennen? Würde sie stürzen (und sich nochmals Knochen brechen)?

Da nächste Woche die periodische Hausschätzung ansteht, bringe ich am Samstag dem Beistand den Schlüssel vorbei und besuche Paula.

Zwei Familien.

Im Zuge der Diskussionen um die Masseneinwanderungsinitiative musste ich immer wieder daran denken, woher ich eigentlich komme.

Meine Familie väterlicherseits ist urthurgauisch, was auch immer das heissen mag. Die Debrunners stammen aus einem Weiler bei Herdern, haben sich offenbar nie ernsthaft bei Kriegen betätigt und irgendwie überlebt. Der Name „Debrunner“ bedeutet Hirschtränke. Diese Seite macht mich sesshaft. Es ist kein Zufall, dass ich keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt vom namensgebenden Weiler „Debrunne“ lebe.

Bei der Familie meiner Mutter verhält es sich total anders. Diese Familie beinhaltet halb Europa: da sind Toggenburger, Appenzeller, St. Galler, Polen, Tschechen, Deutsche, Franzosen und Italiener involviert. Es scheint mir kein Wunder, dass ich von dieser Seite die künstlerischen Fähigkeiten geerbt habe.

Noch weiss ich viel zu wenig von meinen Altvorderen, aber bei einer Sache bin ich sicher: sie waren neuem aufgeschlossen. Anders wäre die Verschmelzung dieser verschiedenen Nationalitäten gar nicht möglich gewesen.

Die Männer in unseren Leben

Was ich an der Erziehung meiner Eltern und dem Einfluss meiner Oma Paula auch heute noch schätze, war die Haltung gegenüber Männern und Sexualität. Nie haben sie so seltsame Dinge gesagt wie „ein Mädchen muss sich für den Richtigen, den Ehemann aufsparen“ oder „benimm dich nicht wie ein leichtes Mädchen“.

Zwar haben mir meine Eltern, als ich 13 Jahre alt wurde, unter Androhung einer kalten Dusche verboten, dass ich mir mit Kajal die Augen zu schminke und herumzuknutsche, aber das beirrte mich nie. Im Gegenteil.
Mit 13 wäre ich feinmotorisch gar nicht in der Lage gewesen, mir die Augen schwarz zu schminken. Meine starke Kurzsichtigkeit und die dicke Brille taten den Rest dazu. Zudem war auch anfangs der 90er das Geek-Girl (hellblaue, dicke Brille, sehr kurze Haare, Cordhosen) nicht unbedingt das beliebteste Mädchen der Schule. Im Ernst: ich habe nie herumgeknutscht, nie herum gemacht und schon gar nicht herum geschlafen. Das war mir damals viel zu unheimlich, zu eklig und zu aufwändig.

Bei meiner Mutter lag der Fall etwas anders. Sie war schon als Teenager aussergewöhnlich schön: Sie war eine Frau mit glänzendem, langen schwarzbraunen Haar, dunklen Augen, zarten roten Lippen und leicht olivfarbener Haut. Sie besass sehr lange Beine, elegante Hüften und einen tollen Busen. Meine Mutter konnte sich wohl vor Verehrern nicht retten. Ihre Erziehung gestaltete sich Paula zufolge als anspruchsvoll. Die Angst vor unerwünschten Schwangerschaften (meine Mutter beichtete mir in den 90ern, dass man „damals“ noch so habe können, wie man wollte, ohne Angst vor AIDS haben zu müssen), war riesig, zumindest für ihre Mutter Paula. Es war die Zeit der freien Liebe und mehr als einmal schwärmte meine Mutter von ihren Ex-Freunden, u.a. einem Hippie, der Gras rauchte. Die Liebesgeschichte meiner Eltern hörte sich damals an wie ein wunderbarer, kitschiger Roman.

Paulas Liebesgeschichte habe ich ja schon erzählt. Erwähnenswert scheint mir, dass sie mir vor vielen Jahren mal noch von einem anderen Mann erzählt hat. Ich weiss leider seinen Namen nicht mehr, doch ich war ganz sicher, dass die beiden sich gerne hatten. Er war ein eleganter, gross gewachsener Mann, ein Gentleman. Manchmal muss ich dran denken, dass sie sich vielleicht in schlimmen Ehezeiten nach diesem einen Mann gesehnt hat. Ihr Leben wäre an seiner Seite ganz anders verlaufen. Aber vielleicht wäre ich dann auch nicht da.

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in der Mitte mein Vater, ganz rechts meine Mutter, 1974 in den Flitterwochen

1914

Heinrich, genannt Henri, war 1914 bis 1918 im Militär. Er, 1889 geboren, verbrachte einige Jahre im Militär. Während der ganzen Zeit hielt er via Postkarten Kontakt zu Anna, meiner Urgrossmutter. Ihre Karten lesen sich fast wie heutige SMS:

„Liebe A. Hiermit teile ich Dir mit, dass ich also bestimmt am 3. März komme. Jedoch kann ich leider nicht bestimmt berichten, wann. Die Bahnverbindung ist sehr schlecht. Es kann Abend werden. Mit Gruss Henri“

Sie kannten sich bestimmt seit 1912, haben aber erst nach 1914 geheiratet. Meine Grosstante Nelly muss nach 1914 auf die Welt gekommen sein, starb aber früh. Mein Grossvater kam Ende 1924 auf die Welt, als mein Urgrossvater schon Mitte 30 war. Anna war nur wenig jünger. Was muss ihnen durch den Kopf gegangen sein? Wie haben sie sich gefühlt?

Immer wieder hoffe ich, dass ich im Haus auf ihre Spuren stosse, noch mehr Briefe finde, vielleich sogar ein Tagebuch. Ich sehne mich danach, mehr zu erfahren über Annas Leben

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Angehörig

Als Paulas Enkelin erlebe ich, wie Paula langsam altert. Als Kind dachte ich, man wächst einfach. Oder man wird knorrig wie Heinrich. Später bemerkte ich, dass die Haare grau werden, die Bäuche dicker werden und die Rücken gebeugter.

Ich mag Paulas lange Hände. Schon als Kind hab ich ihre langen Finger, die schönen Nägel und die Adern bewundert. Meine Hände sind auch heute noch kindlich kurz.

Wenn ich Paula ansehe, sehe ich meine eigene Zukunft. wie alt werde ich werden? Wie werde ich altern? Werde auch ich irgendwann meine Erinnerung verlieren?

Ich bin froh, dass ich nach Mamis Tod mit Paula übers Sterben sprechen konnten. Es war ihr damals sehr wichtig, dass ich Bescheid weiss. Sie meinte, sie wollte nicht einfach die Asche irgendwo ausgekippt haben. Sie wünschte sich eine hübsche letzte Ruhestätte, am liebsten in Walters Grab, aber falls sie uralt werden sollte, auch gerne in Uschis Grab, drin.

Angehörig bedeutet, man gehört zueinander.
Aber die letzten Monate habe ich vermehrt das Gefühl, dass uns soviel trennt. Ihr Weg ist ein anderer als meiner. Sie hat den grössten Teil ihres Lebens hinter sich. Meines ist bald in der Mitte angelangt.

Was wird mich in diesem Jahr erwarten?

 

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Ich bin traurig.

Weihnachten ist die Zeit der glücklichen Gesichter.
Ich bin nicht glücklich.
Am Mittwoch bin ich zum Weihnachtsessen im Pflegeheim mit Paula eingeladen. Es macht mir Angst, dorthin zu gehen, weil ich mich so gar nicht mit der Realität konfrontieren mag. Weihnachten war immer so eine schöne Zeit für mich, als ich noch ein Kind war. Paula wusste Weihnachten zu zelebrieren. Ihr Haus steht leer. Sie ist nicht da. Trotzdem riecht es nach ihr. Es ist so unerträglich. Ich stehe mit einem Bein in der Zukunft und mit dem anderen in der Vergangenheit.

Ich würde so gerne mein Weihnachten anders feiern. Mit den Menschen, die ich liebe. Freunde. Menschen, die mir gut tun und die mir am Herzen liegen. Ich werde arbeiten an Weihnachten, um zu verdrängen, wie einsam ich mich fühle. Ich werde nicht einmal meine eigene Familie sehen.

Ich bin traurig. Ich soll es nicht sein. Schon wieder traurig.
Ich trauere um meine Mutter, die mir gerade um Weihnachten so schrecklich fehlt. Ich trauere um Paula, die mir immer so ein Fels war. Jetzt bin ich ihr Fels und es ist nicht leicht.
Traurig sein ist nicht sexy. Es verstört.

Ich sollte aufgestellt sein.
Aber das schaffe ich nicht. Ich bin schlussendlich auch nur ein Mensch.

weihnachtsguetzli

ich bin kein weihnachtskind.
mir ist und war die feierliche stimmung um weihnachten herum immer eher suspekt. ich bin dankbar, dass man in meiner familie nie gross einen auf harmonie an den feiertagen gemacht hat.

seit paulas demenz weiter fortgeschritten ist, macht mir weihnachten noch weniger freude als früher. ohne ihre freude, ihre geschenke und unsere gespräche scheint mir alles flach.

ich habe heute guetzli gebacken. ich besitze heute die kochbücher von paula, rosa und meiner mutter. trotzdem backe ich die kekse alleine. ich wünschte mir, ich hätte schwestern, brüder oder kinder, mit denen ich backen könnte.

lace cookies backe ich jedes jahr. als meine mutter sie zum ersten mal gemacht hat, war ich keine zehn jahre alt. das ist über ein vierteljahrhundert her. die zeit fliegt einfach so an mir vorbei.

Weihnachtsgefühle

Seit frühester Kindheit kaufte ich immer mit Paula ein.
Wir liebten es besonders durch Haushaltsabteilungen grosser Kaufhäuser zu laufen.
Paula und ich marschierten ernsten Blickes durch Ausstellungen jeglicher Geschirrsorten, Teppiche, Mercerie und Gebrauchsgegenstände.
Paula trug meistens ihren dunkelblauen Blazer und musterte alles, was ihr unter die Finger kam. Mit ihr war Einkaufen wirklich ein Erlebnis.

Als ich noch in der Lehre und später im Praktikum war und kaum Geld hatte, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, griff sie mir oft unter die Arme. Sie schenkte mir Lebensmittel, die ich mir damals unmöglich hätte leisten können.
Immer hat sie für mich gesorgt. Nie hat sie irgendwas bemängelt, was ich tat.

Ich vermisse die Weihnachtseinkäufe mit ihr. Ich vermisse ihre Pakete, die Krippe, die Weihnachtsbeleuchtung, Weihnachtsfilme schauen mit ihr, ihre Umarmungen, ihre Stimme, wenn sie Weihnachtslieder sang.

An Weihnachten 93 kehrte ich vom Welschlandjahr nach Hause zurück und merkte, dass die Ehe meiner Eltern am Ende war. Scheidung. Was für ein schlimmes Wort als Ausdruck erloschener Liebe.

Ich muss an das letzte Weihnachten mit Paula und Walter denken. 1996. Er lag im Bett. Wir wussten, er stirbt bald. Es würde noch genau 13 Tage bis zu seinem Tod dauern. Alles ging so furchtbar schnell und doch sehr langsam.
Das Haus war mit einem Male ruhig.

Ich war noch nicht mal 20 Jahre alt, als mein Opa starb. Jetzt bin ich 36. Alles liegt offen vor mir. Was wird werden in einem halben Jahr? In einem Jahr? Werde ich bald alleine sein, ohne meine Familie, die ich über alles liebe? Wo werde ich in 20 Jahren sein?

Anna, Nelly und die alten Karten

Heute war ein Aufräumtag. Ich habe die Postkarten sortiert und eingeordnet, die Paula mir geschenkt hat. Dabei fielen mir einmal mehr all jene Karten in die Hand, die vor hundert Jahren an meine Urgrossmutter Anna verschickt wurden.

Ich weiss nicht viel über Anna.

Ich weiss nur, dass sie bis zu ihrer Heirat mit meinem Urgrossvater Henri in Herisau gelebt und gearbeitet hat, zwei Kinder hatte (Nelly und Walter) und 1947 an Brustkrebs gestorben ist.

Mein Grossvater hat nicht viel über sie gesprochen. Aber ich erinnere mich genau, dass er sie als liebe Frau bezeichnete. Als sie starb, war er gerade mal 23 und aus dem Militär entlassen.

Heute war ein besonderer Tag, denn ich fand inmitten all der Karten aus dem ersten und zweiten Weltkrieg, ein Familienphoto von Anna, Nelly und Henri. Es muss vor 1924 aufgenommen worden sein, da Walter auf dem Bild nicht auftaucht. An Annas Seite, sie ist schwarz gekleidet, sitzt ein kleines Mädchen. Vielleicht ist es Nelly. Falls ja, ist es das einzige Bild, dass von meiner Grosstante existiert.Ich vermute, dass sie es ist, denn Anna strahlt voller Stolz und grinst breit. Sie hat ihren Arm um das Mädchen gelegt. Die anderen auf dem Bild sehen mehr oder weniger aus, so wie es sich für jene Zeit geziemt. Anna scheint sich ihr Lachen zu verkneifen.

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Ich fühle mich Anna nahe. Ich hätte sie zu gerne gekannt, mit ihr geredet.
Nun steht das Photo auf meinem Schreibtisch und ich fühle mich seltsam beschützt durch Annas munteren Blick.

die guten seelen

es gibt zeiten, da ist einfach alles nur noch dunkel.
für paula ist das jetzt bestimmt so. sie ist sehr traurig, weil sie in ein paar tagen ins heim zieht. sie trauert stark und ist zerstreuter denn je. sie lässt gerade los und das ist eine sehr schwierige sache.
auch für mich ist es herausfordernd, stark zu sein. denn eigentlich überkommt mich immer wieder eine welle der trauer und ich möchte nur noch weinen.

als paulas enkelin begleite ich jetzt wahrscheinlich einen ihrer letzten wege. mir wäre lieber gewesen, sie hätte die entscheidung ins pflegeheim zu gehen, früher getroffen. die ablösung von ihrem haus ist schwierig und ich leide mit, denn es ist das haus meiner kindheit, das einzige, was jemals diesem zweig der familie gehörte.

normalerweise begleitet mich immer mein freund, wenn ich zu paula fahre. heute jedoch waren mein vater rolf und seine frau helene mit dabei. dies hängt vor allem mit meinem zusammenbruch von vor ein paar tagen zusammen. eigentlich haben die beiden keine verantwortung, denn paula ist rolfs ex-schwiegermutter. trotzdem helfen sie mir und ich bin sehr, sehr froh darüber.

das muss umso schwerer sein, weil die zeit der scheidung nicht spurlos an allen beteiligten vorüber gegangen ist. ich habe grossen respekt und tiefe liebe für diese beiden menschen, die für mich wirkliche eltern sind. besonders helene ist mir eine grosse stütze, denn mit ihrer ruhigen, pragmatischen art, nimmt sie mir die schwere. sie hat immer ein beruhigendes, liebevolles wort für mich, wenn ich nicht mehr weiter weiss.

so möchte ich mich daran motivieren, dass wir alle diese situation gemeinsam meistern und paula in ihr neues heim begleiten. vielleicht ist das für mich die bedeutung von wirklicher familie.