Umziehen Teil 398

Ich muss leidlich anerkennen, dass die einzige, die wirklich Spass an Kisten, Staub und Stress hat, unsere liebste, alte Katze ist. Sie turnt topfit herum. Maunzt. Setzt sich in Pose. Für Dreizehntel scheint das alles ein grosser Spass zu sein. Nicht für mich!

Morgen kommt dann also der Schreiner. Er soll sich den Boden anschauen. Mir wäre lieber, wir würden einen Spinnenflüsterer anstellen. Der würde dann nämlich den freundlichen Achtbeinern mitteilen, dass ich wenig Lust auf deren Bekanntschaft habe.

Jetzt, wo Omis Bett raus ist, ist zumindest das Obergeschoss leer. Wir können den Raum renovieren und ihn bereit machen für unseren Einzug in vier Wochen. Kaum vorstellbar, dass wir in so wenigen Tagen dort schlafen werden.

Mein Büro aka Atelier nimmt langsam Gestalt an. Ich weiss jetzt klar, was ich darin machen will (und was nicht). Ich freue mich unbändig auf den Frühling und den Sommer. Denn dann werde ich Opas Keller durchlüften und entrümpeln.

Ich fühle mich aktuell unwohl, was wohl auch daran liegt, dass meine Bücher bereits alle weg sind. Ohne Bücher ist mein Leben leer. Ich will mir unsere Wohnung gar nicht leer vorstellen.

Zügelei Teil 357

Nach dem grossen Schneefall wagten wir uns heute wieder ins Toggenburg. Der Schnee war von den Strassen verschwunden, nicht aber vor unserer Einfahrt.

Eine gute Seele pfadete die Strasse sauber und – deponierte den ganzen Schnee vor unserem Gartentor. Eintreten? Unmöglich. Sascha ist zuerst über den Schneehaufen geklettert und hat eine Schaufel geholt. Ich muss dringend eine Tafel anbringen: „Einfahrt freihalten!“

Für einen Moment lange frage ich mich, ob die das schon so gemacht haben, als Omi noch im Haus lebte. Ich hoffe nicht!

Im Haus packe ich die Kisten aus. Das ist das Gute daran, dass wir langsam umziehen: ich miste aus, räume ein, stelle um. Werfe weg. Es scheint mir wie ein fortwährender Kreislauf.

Dann sortiere ich die Bettwäsche aus. Im oberen Stock liegt auf einer Kommode Wäsche aus Damast. Omi hat sie vor über zwei Jahren bereit gelegt. Mehr als einmal. Immer wieder vergass sie, dass sie sie bereits gerichtet hatte. Ich kann diesen Wäscheberg nicht mehr sehen. Ich will mich von allem trennen, was ich nicht brauchen kann. Alles, was ich nicht mehr brauche, wandert in grosse Koffer, damit meine Freundin, die Textildesignerin ist, sich aussuchen kann, was sie will.

Mit einem Mal halte ich Omis Mitgift-Bettwäsche in den Händen. Sie ist wunderschön. Omis Initialen sind kunstvoll aufgestickt. Ich lege die Wäsche zur Seite. Die gebe ich nicht weg. Der Kissenbezug und der Duvetbezug müssen um die 64 Jahre alt sein, so alt, wie meine Mutter im September werden würde.

Ich hörte wieder auf mit sortieren. Omis Initialen, das liebevoll aufbewahrte Bettzeug, rührten mich. Zudem war es kalt.

Wir probierten den ersten Anstrich in Saschas Büro aus. In vier Wochen ziehen wir hier doch ein!! Es ist noch soviel zu tun! Zuoberst auf der Liste steht der Schreiner, der in meinem Büro die Bodenbretter anschauen soll. Nochmals ein morsches Brett und eine schwarze Spinne überlebe ich nicht! Notiz an mich: Arachnophobie bekämpfen! Dann brauchen wir einen Internetanschluss. Und einen Parkplatz.

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Nebenbei besuche ich Ende Januar eine Weiterbildung und schreibe mein Buch fertig. Die Energien wollen gut eingeteilt sein. Ich mache mir Sorgen, wie wir die Katze friedlich verschieben. Sie spürt genau, dass sich etwas verändert. Sie ist jetzt bald 13 Jahre alt und ich hoffe, sie übersteht das ganze Theater gut. Noms helfen!

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Vielleicht mache ich mir einfach zu viele Sorgen. Ich hab hier im Thurgau so gerne gewohnt. Übergänge sind einfach nicht meine Sache. Ich will in Ruhe an einem Ort wohnen, das Haus dekorieren, nähen und kochen. Kisten packen ist echt nicht mein Ding!

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Nachtrag: in den nächsten Tagen poste ich hier Bilder von Möbeln, die ich verschenke. Es lohnt sich also, dran zu bleiben.

Röteli

Der Röteli ist eine gestreifte rotfarbene Katze. Ich weiss nicht, wie alt er ist. Vor einigen Jahren tauchte er vor Paulas Haus auf. Damals ging es Omi noch sehr gut. Sie meinte, sie wolle keine Katze im Haus. Sie hatte in jüngeren Jahren immer Angst, dass eine Katze ihr die Strümpfe und die Beine zerkratzen würde. Doch dann, mit Fortschreiten ihrer Demenz wuchs ihre Freundschaft zu Röteli.

Röteli kam fast täglich vorbei.
Er schmuste mit Paula. Sie bastelte ihm Schlafplätze und verwöhnte ihn, als wäre er ein kleines Baby. Ich weiss nicht, wie viele Packungen Katzenfutter ich eigens für ihn zu Paula brachte.

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ca 2012 (Photo Sascha Erni)

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Omis selbstgebaute Katzennester (Photo Sascha Erni)

 

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Röteli wird von Omi verwöhnt

 

Natürlich hatte Röteli ein Zuhause. Aber nun wohnte er bei Paula. Er brachte Mäuse vorbei. Wenn wir bei Paula vorbei schauten, lag er meistens tiefschlafend auf dem senfgelben Sofa, eingewickelt mit kuscheligen Frottiertüchtern.
Als Paula 2012 ins Pflegeheim zog, blieb Röteli zurück. Paula weinte so sehr. Doch nach einigen Tagen im Pflegeheim verblasste die Erinnerung an ihn.

Seit wir am Räumen sind, gehört Röteli zu unseren Gästen. Er kommt vorbei, legt sich auf der alten Gartenbank zum Schlafen hin und macht später seine Runde ums Haus. Es ist fast alles wie früher.

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Röteli kehrt zurück (Frühling 2013, Photo Sascha Erni)

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Juli 2014

Nur eines ist anders. Er kommt nicht mehr ins Haus. Es ist, als ob er genau weiss, dass sie nicht zurück kommt. Sein Miauen klingt vorwurfsvoll, sein Blick wirkt traurig. Ich setze mich zu ihm hin und streichle ihn. Er ist so verschmust. Jedes Mal sag ich ihm: es geht ihr gut, da wo sie jetzt lebt.

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Winter 2012. Röteli beim verlassenen Haus (Photo Sascha Erni)

Sehnsucht

An Tagen wie diesen denke ich sehr oft an meine Mutter. Erdbeeren.
Sie hat sie jeweils für mich gepflückt und mir zu essen gegeben, weil sie wusste, dass ich sie so gerne habe.

Es ist bestimmt bald 25 Jahre her, es war ein Mittwoch, so wie heute, im Juni. Omi Paula besuchte uns. Wir redeten, tranken Kaffee. Ich war knapp zwölf Jahre alt.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir sassen auf dem Balkon. Die Katzen strichen um unsere Beine. Negi und Mauzi. Meine Mutter tadelte mich, wenn ich Mauzi aufhob und sie an den Tisch nahm.

„Sie stinkt“, sagte sie.
Ich wusste genau, dass Mami und Mauzi das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten. Mauzi war mir meine liebste Freundin in jener Zeit.

Mami tischt Dessert auf. Sie war eine wunderbare Köchin.
Wir sitzen da und ich geniesse jenen Moment der Ruhe, denn ich weiss genau, dass, sobald Omi weg ist, meine Mutter ihr wahres Gesicht zeigt.

Meine Mutter konnte sich nur schlecht beherrschen. Der Alkohol machte sie zu einem komplett unberechenbaren Menschen. Die Katze und ich bekamen das oft genug zu spüren. Manchmal, wenn mir alles von den Schlägen wehtat und ich weinend im Bett lag, kam Mauzi in mein Bett. Sie stupste mich mit ihrer rosafarbenen Nase an und leckte meine Tränen weg. Dann stellte ich mir vor, dass Mauzi eine verzauberte Fee und ich in Wirklichkeit ihre verzauberte Tochter war.

Es ist eine seltsame Sache, doch bis auf Omi Paula und ich sind alle tot: Mauzi, Negi, und meine Mutter. Und Paula erinnert sich nicht mehr. Nur ich weiss noch.

paula und die katzen

paula wuchs in den 20er jahren in einer kleinstadt in der ostschweiz auf. ihre eltern waren sehr, sehr, sehr arm. ich vermute, daher kommt auch paulas aufbewahrungszwang her. ihre eltern, berta und johann, hatten neben paula noch vier andere kinder. ich weiss nicht genau, wie sie aufgewachsen sind, nur wo. aber ich vermute mal, dass sie nicht immer genügend zu essen hatten.

als paula und mein opa verheiratet waren, schafften sie sich einen wellensittich an, piepsli. meine mutter hat ihm sprechen beigebracht. katzen hatten sie nie. paula fürchtete sie würden ihr die beine verkratzen. ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass paula angst vor diesen tieren hatte.

paula und mein opa zogen in den 80er jahren zu den urgrosseltern ins toggenburg. dort pflegten sie nicht nur die beiden hochbetagten, sondern auch deren tiere: eine strubbelige katze und barri, den sennenhund. paula und opa liebten barri über alles. als dieser starb, brach für paula eine welt zusammen. mit der strubbelkatze wurde sie nie so richtig warm.

nach opas tod war paula sehr einsam. doch sie blieb nicht lange allein. röteli, ein rotfelliges katzenweibchen und simeli, ein tiger, (und bestimmt noch x andere) kamen bei ihr vorbei. paula hatte grossen respekt vor diesen tieren und mir mehr als einmal geschildert, wie sie erfolglos versucht hat, die beiden zu vertreiben.

schliesslich zogen die beiden bei ihr ein. röteli schlief oft in der stube auf einem bereitgelegten barchetlaken, simeli kam zum fressen. mit der zeit vergass paula auch mal die namen der beiden oder gab ihnen neue. röteli blieb ihr so oder so treu. mir fiel allerdings auf, dass röteli kastriert und auch sonst gepflegt herum lief. wer war ihr anderer mensch?

die trennung von röteli war ganz furchtbar für paula. ich bin ganz froh, dass röteli bei paulas auszug nicht da war. als wir am mittag des selben tages noch ins haus gingen, um alles abzuschliessen, sah ich röteli das letzte mal. ich gab ihr zu fressen und richtete ihr grüsse von paula aus.

paulas nachbarin erzählte uns, dass der wahre besitzer von simeli und röteli sehr wohl wusste, dass paula seine katzen durchfütterte. er liess es aber geschehen und musste sich sprüche anhören, dass er sie jetzt wieder selber ernähren muss.

paula jedoch hat eine neue feline freundin gefunden. noch hat sie keinen namen. aber sie hat schon begriffen, dass es bei paula immer etwas feines zu fressen gibt.

der besuch

als ich noch ein kleines mädchen war und in den kindergarten ging, wurde ich jeden mittwoch von oma abgeholt. sie kam vom bahnhof und marschierte jeweils auf den hügel, wo der kindergarten lag. ich konnte es fast nicht erwarten, dass es endlich elf uhr wurde. oma war das highlight meiner woche. ich wusste genau: wir würden hand in hand die zwei kilometer nach hause laufen, vorbei am friedhof, wo mein bruder lag. wir würden an seinem grab stehen und ich würde sie fragen, wo er jetzt ist. sie würde antworten, dass er jetzt im himmel ist. dann würden wir noch am grab des nachbarn vorbei gehen, die blumen giessen und schliesslich nach hause gehen. meine mutter würde was feines kochen, sich mit meiner oma über meine erziehung streiten und sich über die katze beschweren. am nachmittag würden wir draussen spielen, damit mami mal eine stunde für sich hätte. um 17h würde paula dann wieder auf den bahnhof laufen und ich würde denken: „bitte komm wieder.“

ich konnte es jeweils kaum erwarten, bis ich oma die strasse zum kindergarten heraufgehen sah. kreischend und jubelnd rannte ich zu ihr hin, die kindsgi-tasche, jacke und mütze weit wegschmeissend und immerzu schreiend: „omiomiomi!!!!!“ oma stand jeweils da, breitete die arme aus und fing mich auf, drückte mich fest an sich.

wenn ich heute zu paula gehe, rufe ich immer vorher an, um ihre einkaufsliste abzufragen. ich sage ihr, wann ich etwa da bin. manchmal wartet sie schon hinter der türe und ich frage mich, wie lange sie schon da steht. selten sagt sie meinen namen. aber freuen tut sie sich immer. wir umarmen uns und ich stelle fest, dass sie ein wenig säuerlich riecht. früher roch sie nach rexona. wir gehen in den oberen stock, wo ich ihre einkäufe verräume und schaue, ob es irgendein problem gibt, das ich grad lösen kann.

meistens schimpft sie über die neue waschmaschine, die nun auch schon ein jahr da steht. immer zeigt sie mir ihre katze, die jedes mal einen neuen namen hat. dann gehen wir zurück in die ungeheizte küche, wo ich versuche, den alten ofen anzufeuern.

auf mamis grab sind wir schon lange nicht mehr zusammen hin gegangen. sie hat seit monaten nicht mehr nach ihr gefragt. sehr gerne würde ich mit ihr darüber sprechen, dass ich über ihren tod noch immer traurig bin. und dass ich angst habe, dass auch sie mich bald verlässt. aber dann stellt sie den radio etwas lauter und meint, sie liebe tanzmusik. sie spricht darüber, dass sie ihre brüder und ihre eltern vermisst und sich oft fragt, wann die gestorben sind.

wenn ich mich dann verabschiede, drückt sie mich an sich und hält einen moment lang inne, bevor sie meinen namen ausspricht. jedes mal sagt sie: „gell, du kommst dann wieder. ich brauche dich noch.“ ich nicke und sage „ja.“