Der Geburtstag.

Wir fuhren heute zu Paula.
Die feiert nämlich Geburtstag.
Sie trägt ein knallbuntes Jerseyoberteil, einen grünen Cardigan und eine braune Hose.
Ihre Frisur ist etwas windschief, aber ihr Lächeln und ihre Freude, als sie uns erkennt, sind grossartig.

Ich frage sie, ob sie mit uns zum Haus fahren will. Natürlich will sie! Das hatte sie sich schon so lange gewünscht und heute können wir ihr endlich diesen Wunsch erfüllen. Die Baustelle vor dem Haus ist nämlich weg, der Schnee geschmolzen und die elektrischen Öfeli, deren Stromverbrauch sie immer gereut hat und die wir den Winter durch eingestellt haben, damit das Haus nicht grau wird, sind sorgsam verstaut.

Die Pflegende bespricht mit mir dann kurz, wie wir vorgehen. Sie findet es gut, dass ich Paula kurzfristig „entführe“. So kann sie sehr viel besser drauf einstellen. Das Essen mitsamt Geburtstagsdessert bewahrt sie auf, für den Fall, dass Paula im Heim essen will. Sehr nett!!

Es ist ein sehr berührendes Bild mit Paula zu ihrem Haus zurückzukehren.
Ich bemerke, dass sie alles wieder erkennt, sich wegen des Löwenzahns auf dem Fussweg nervt, und sich trotzdem nur langsam ans Haus heranwagt. Ich schliesse die Tür auf und wir betreten den Flur, den Paula über ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hat und aus dem sie und ich weinend gegangen sind.

Sie wirkt befremdet über die Unordnung. Ich habe mich bisher nicht gewagt, ihre Sachen zu entsorgen, weil es doch ihre sind und obwohl sie mich darum gebeten hat. Ich bemerke in jenem Moment, dass dies eine gute Entscheidung war. Nur so kann sie sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht mehr hier leben wird. Sie wirkt ruhig und neugierig, durchsucht ihre Schränke nach Dingen, die sie noch mitnehmen will. Einen Schuhlöffel will sie. Und Blusen. Und ihre Blazer.

Im Gegensatz zu vor einem halben Jahr kann ich ihr nun sagen: „Das brauchst du nicht.“ oder „Das sieht nicht mehr schön aus.“ Es scheint, als hätten ihre vielen Dinge ihren Wert verloren, als könnte sie sich nun mehr denn je auf das Wesentliche konzentrieren.

Nach einer halben Stunde verlassen wir ihr Haus. In einer Tasche sind einige Kleidungsstücke von ihr verstaut, ein Schuhlöffel, ein Tierchen, das ihr als Kind gestrickt habe, ein Foto von ihr als sehr junge, schöne Frau sowie eine grosse Kiste mit Briefen, die ihr seit meiner Kindheit geschrieben habe. Sie hat sie alle aufbewahrt. Sie sagt, das seien ihre Liebesbriefe. Mit geschlossenen Augen sagt sie:

„Ich habe dich geliebet. Ich liebe dich nicht mehr. Ich scheiss dir in die Augen, dann siehst du mich nicht mehr.“

Paula grinst. Wir fallen uns um den Hals.

Danach wünscht sich Paula, einen Milchkaffee in ihrem ehemaligen Lieblingscafé trinken zu gehen. Auch dies berührt mich, denn ich weiss ja, dass Hadi und Paula hier immer zusammen Käsekuchen gegessen haben. Paula allerdings erinnert sich nicht mehr. Sie geniesst den Moment. Sie hört den Vögeln zu, beobachtet die Kinder und lässt sich den Wind ums Gesicht ziehen.. Als nach zehn Minuten die Bedienung uns noch immer nicht bedient hat, wird Paula ungeduldig. Sie sagt: „Also, ich hab dann nicht ewig Zeit. Kommt, lasst uns gehen. Im Heim warten Teigwaren und ein Dessert auf mich.“

Ich lächle.
Ich erkenne, dass Paula angekommen ist.
Sie freut sich auf die Pflegenden, die so lieb sind, ihre Mitbewohner und das Essen.
Also fahren wir heim mit ihr. Was für ein schöner Geburtstag.

 

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Paula wird 85.

Am nächsten Montag ist Paulas 85ster Geburtstag. Wow.

Doch, wie feiere ich diesen Tag mit ihr?
Ich habe frei genommen.
Ich werde eine Schwarzwäldertorte kaufen.
Doch ich weiss nicht mal, ob sie den Schriftzug auf der Torte noch lesen kann.

Geschenke mag sie nicht so sehr, ausser es sind Plüschtierhunde oder Früchte.
Aber bitte solche ohne Kerne!

Paula war 49 Jahre alt, als ich geboren wurde.
Ihren 60sten Geburtstag haben wir wild gefeiert!
Meine Mutter kaufte Torte und wir assen Raclette.

Den 70sten haben wir eher besinnlich begangen. Schliesslich starb kurz zuvor mein Opa Walter.
Nie habe ich Paula so frei erlebt wie damals. Sie war voller Tatendrang und Ideen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Hadi hat sie das halbe Haus renoviert. Wir sind gemeinsam an meinen freien Tagen durch die Schweiz gereist. Nach Berlin. Gingen ins Kino.

Als Paula 80 wurde, sind wir mit ihr essen gegangen, mein Ex und ich. Sie mochte ihn nicht so besonders. Einige Monate später war ich dann mit Sascha zusammen. Ihn mochte und mag sie sehr.

85 Jahre alt. Ein so langes Leben. Ich kann nicht ermessen, wie viel sie erlebt hat.
Ich weiss, dass sie gute und schlechte Zeiten hatte.
Was davon weiss sie noch?

Gestern telephonierten wir.
„Gell Omi, du weisst ja. Am Montag hast du Geburtstag.“
Paula seufzt.
„Ja. Sie haben’s gesagt. Aber 85? Ist das nicht etwas… alt?“

Nachtrag:
Auf dem Täfelchen wird stehen: „Omi, ha di gärn.“ #ausgründen

Telefonieren mit Paula

Paula liebt das Telefonieren.
Sie redet gern und lange.
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was wir nicht schon übers Telefon miteinander besprochen hätten.

Ich erzählte ihr von meinen Früsten, meinen Liebesfreuden, der Katze, Streit in der Familie, feinem Essen, tollen Erfahrungen mit Tieren und immer wieder von den Erlebnissen in der Kindheit.

Sie schwärmte von ihren Jugendfreunden, meinem Grossvater, ihren Brüdern, unserem Sennenhund, von Röteli und Simeli, schimpfte über ihre Schwestern, den Schwager aus Italien, den Krieg, die Armut und den Hunger.

Gemeinsam redeten wir früher über die Sommerferien, jenen Tag, als ich Barris Wassergeschirr ausleerte und meine Schwester und ich dachten, das Haus explodiert. Wir retteten unsere liebsten Dinge (ich meinen Schreibfüller, meine Schwester ihre Puppen und den Hund) und warteten im Garten. Paula und Walter fanden das derart schräg, dass sie beide noch jahrelang später deswegen Lachkrämpfe bekamen, wenn sie diese Geschichte erzählten.

Paula weiss sie heute nicht mehr.
Es scheint, als wäre ich die Verwalterin unserer familiären Anekdoten geworden.
Manchmal erzähle ich sie ihr, im Wissen, dass sie sie bald nicht mehr hören mag, weil sie darüber traurig wird.

Zwei Raumschiffe

Ich wusste ja schon lange, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Paula mich nicht mehr erkennt.
Heute war dieser Tag.
Ich glaube, sie ist selber ein wenig darüber erschrocken.

Wir gingen bei Paula vorbei, um ihr das neue Telephon zu bringen. Ihr altes hatte endgültig den Geist aufgegeben. Als letzte Woche meine Grosstante Hadi, Paulas Schwester, starb, konnte niemand der anderen Verwandten Paula erreichen. Erst am Samstagnachmittag schaffte dies Tante Bibi unter Einsatz eines Vokabulars, das ich gar nicht genauer wissen will. Offensichtlich konnten die Pflegenden den Anruf auf dem Hauptanschluss nicht sofort entgegen nehmen. Tante Bibi ist in solchen Situationen gnadenlos und kommt stimmlich daher wie eine Dampfwalze. Dies trotz oder gerade wegen ihrer 89 Jahre. Sie ist schliesslich die Älteste.

Als wir ankommen, ist es bereits Montagmittag. Sascha und ich haben ausgeschlafen, weil es mein einziger freier Tag diese Woche sein wird. Paula sitzt beim Mittagessen. Wir wollen sie nicht stören, informieren aber die Pflegende, dass wir das neue Telephon dabei haben und es oben anschliessen werden.

Um halb eins schliesslich kommt Paula ins Zimmer. Sie macht die Türe auf und erschrickt, sagt: „Was machen Sie denn bitte auf meinem Bett?“ Ich schaue sie verdutzt an. Sie kommt näher und blickt mich und Sascha mit grossen Augen an.
„Ich kenn euch beide doch. Mir fällt nur grad der Name nicht mehr ein.“

Noch vor einem halben Jahr hätte mich dies zum Weinen gebracht. Sofort.
Heute nicht.
Ich wusste es ja.
In der Ausbildung habe ich es gelernt. Ich weiss Bescheid. Nur mein Herz hat es noch nicht begriffen.
Paula und ich sitzen mehr denn je in zwei unterschiedlichen Raumschiffen in unterschiedlichen Umlaufbahnen. Die Begegnungsmomente werden nun wohl noch kürzer werden.

Ich lächele sie an und sage: „Zora.“
Paula lächelt zurück und umarmt mich.

Paula kocht(e)

Meine Grossmutter Paula hatte, seit sie 16 Jahre alt war, hart gearbeitet. Sie war immer Teilzeit-Hausfrau, Mutter und 100% berufstätig.
Paula war keine grosse Köchin. Sie hatte dafür einfach nie Zeit.

In ihrem Haus finden sich nur wenige Kochbücher und die vorhandenen wurden nie benutzt. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie in den 50er Jahren versucht hat, einen Fuchsbraten zu machen. Dieses Experiment war derart grauenvoll, dass Paula und ihr Mann einen schlimmen Ehestreit hatten. Dementsprechend kochte sie, wenn wir bei ihr die langen Ferien verbrachten immer etwa dieselben Gerichte:

  • Rösti, Spiegeleier und Spinat
  • Tomatenspaghetti (die Sauce aus aufgewärmten Püreekonzentrat und Aromat)
  • Buchstabensuppe, auf Wunsch auch ohne Suppe
  • heisser Fleischkäse (Opas Lieblingsgericht)

und dann war da noch

  • das wunderbare Voressen

Dieses Essen kochten meine Mutter und Paula genau gleich. Beide taten sie für mich viele Rüebli in die Sauce, weil ich die so gerne mochte. Wenn das Voressen fertiggekocht war, schmolzen die Rüebli in meinem Mund, weil sie total weich waren. Die Farbe der Sauce war zutiefst dunkelbraun. Dazu gab es immer Müscheli, die ebenfalls weich gekocht waren, damit mein Opa sie essen konnte.
Leider habe ich meine Mutter nie nach dem Rezept gefragt, weil ich dachte, wir hätten genügend Zeit. Als jene Zeit abgelaufen war, dachte ich, ich hätte noch mehr. Denn Paula kannte das Rezept ja auch.
Aber auch diese Frist habe ich verpasst. Paula kann das Voressen nicht mehr kochen. Sie erinnert sich nicht mehr an die Zutaten, ja nicht einmal mehr daran, dass sie es einst gekocht hat und ich es liebte. Ich werde es nie mehr essen, geschweige denn kochen.

ja oder nein?

Paula wird bald einen Beistand brauchen. Noch haben wir ein wenig Zeit.
Ich soll es mir überlegen. Ja klar.
Schon vor bald zwei Jahren hat sich Paula gewünscht, dass ich ihre Angelegenheiten übernehme. Aber ich bin dazu bereit?

Ich bin nun in dem Alter, in welchem andere Frauen pubertierende Töchter und Söhne haben. Ich habe keine Kinder. Ich habe Paula, die sich darauf verlässt, dass ich das richtige tue. Die meisten Menschen treffen Entscheidungen für die Zukunft.

Doch was ist das richtige?
Was ist das Erbe meiner Familie mütterlicherseits, das ich übernehme?
Kann ich die Verantwortung für meine Paula tragen?

Paula und ich haben über so vieles gesprochen: ihre Beerdigung, ihren Grabstein, die Musik an der Trauerfeier. Aber wir haben nie darüber gesprochen, was sein wird, wenn sie nicht mehr alleine über ihr Leben entscheiden kann.

Paula und Barri

Barri war ein Schäferhund-Appenzeller-Sennenhund-Mischling. Er war der Hund meiner Urgrosseltern. In jungen Jahren büchste er aus dem Garten aus und wurde im Altstädtchen von einem Auto angefahren. Er hinkte seither.

Barri war mir der liebste Hund und Paulas bester Freund. Sie hat ihn sehr geliebt. Barri war auch der schlecht erzogendste Hund ever. Er konnte zwar Pfötchen geben und Stöckchen holen, aber das war’s dann auch schon.

Dieser Hund war wirklich aussergewöhnlich. Er liebte es, in den Bach zu springen, der aus einem kleinen Tunnelkanal am Haus meiner Grosseltern vorbei floss. Sein grosses Geschäft verrrichtete er meistens im Tunnel. Wir Kinder machten uns einen Spass daraus zu warten, bis es an uns vorbei floss.

Ich liebte es, mit Barri an der Sonne zu liegen und zu träumen. Ich bin mir ganz sicher, dass auch er oft geträumt hat.

Als ich schon in der Lehre war, wurde Barri krank. Er muss bestimmt 15, 16 Jahre alt gewesen sein. Er konnte immer schlechter laufen. Irgendwann brach er zusammen. Es regnete. Paula und ihr Mann mussten den Tierarzt holen.

Ich weiss nicht genau, was damals passiert ist, aber es hat Paula sehr lange beschäftigt. Immer wieder machte sie sich Vorwürfe.

Der Tierarzt hatte Barri eine Spritze gegeben. Paula wartete im Regen, bis er tot war. Sie sagte später, der Tierarzt habe Barri wie ein Stück totes Fleisch abtransportieren lassen. Sie war sich lange nicht sicher, ob er wirklich tot war. Oft litt sie unter Albträumen, Barri würde noch leben und gequält werden. Wie oft haben wir darüber gesprochen und geweint. Noch Jahre später, sogar nach Opas Tod, unterschrieb sie alle Briefe mit „Paula, Opi und Barri“.

Das hat vor ein paar Jahren aufgehört. Vielleicht ist das etwas der wenigen Dinge, die gut sind an einer Demenz. Man erinnert sich nicht mehr an alle Scheusslichkeiten des Lebens. Man vergisst seine lieben Toten und ist für sich selber existent und irgendwann nicht einmal mehr das.

Ostern mit Paula

Ich erinnere mich gut an unsere Osterfeste. Das Haus im Toggenburg war umgeben von hunderten von Primeliwolken, Tulpen und Osterglocken. Paula machte sich oft schon am frühen Morgen daran, für uns Osterhasen, Ostereier und Nestli zu verstecken.

Manchmal half auch Opa mit. Der versteckte dann die von Paula sorgsam verborgenen Geschenke von neuem. Noch heute, zwanzig Jahre später, warten bestimmt noch irgendwo auf dem Gelände Osterhasen darauf, entdeckt zu werden.

Unsere Kindheit im Toggenburg war friedlich und fröhlich. Ich kann noch heute den Geruch von frischem Moos, dem Wasser aus dem Bach, den Kräutern und den Duft von frischem Kaffee aus Paulas Küche ausmachen, wenn ich nur daran denke.

Doch dieses Jahr wird es anders. Paula lebt über ein halbes Jahr schon nicht mehr in ihrem Haus. Es ist nicht verwahrlost, denn ich habe mich darum gekümmert. Der harte Winter half mir dabei. Bald schon werden die Blumen blühen. Die Wiese wird wieder grün. Paulas Anwesenheit fehlt.

Ich soll mit ihr nochmals ins Haus, damit sie den Abschied besser begreift. Wieder ist Schnee gefallen. Es ist, als ob die Jahreszeiten sich dagegen wehren, dass sie dem Haus „Lebewohl“ sagt.

Paula und die Päpste

Paula war während ihrer 40er Jahre eine eifrige Wallfahrerin. Sie war in Lourdes und einige Male in Rom. In ihrem Gebetsbuch trägt sie die Bilder „ihrer“ Päpste Johannes XXIII und Paul VI mit sich herum. Deren Bilder, schwarz-weiss, etwas unheimlich, hingen in ihrem Haus im Toggenburg und begleiteten mich so durch meine Kindheit.

Beim Scannen alter Negative machte ich die Bekanntschaft mit Paulas Reisen. Lustig ging es da zu und her. Paula und ihre Arbeitskolleginnen, mehrheitlich Italienerinnen, machten Rom unsicher. Da ist Paula in ihrem Hotelzimmer, Paula in Rom, Paula an der Sonne, immer strahlend, immer glücklich.

Ich weiss nicht, wie stark Paula noch mit dem lieben Gott und ihren Päpsten kommuniziert. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie damals verstanden hat, dass Johannes Paul II gestorben ist und Benedikt XVI ans Ruder kam. Wie soll ich ihr erklären, dass der alte Papst nicht tot ist, sondern, im gleichen Alter wie sie, sich zurückgezogen hat? Wie erkläre ich Paula, dass der neue Papst einen neuen Namen trägt, nämlich Franz. Sie wird mich für verrückt halten.

Nachtrag 30.3.2013
Wir sprechen über den neuen Papst. Paula nickt eifrig und meint, der neue hätte einen einfacheren Namen als der letzte. Ich sage: „Der neue heisst Franz“. Sie nickt eifrig. „Hast du von dem schon gehört, Paula?“ Sie nickt erneut und zeigt auf das Photo auf ihrem Nachttisch. „Ich hab sogar ein Bild von ihm. Er ist ein hübscher.“ Das Bild zeigt Johannes XXIII.

Paula und das soziale Leben

Paula geht’s gut. Sie hat die ersten drei Monate in guter Gesundheit überstanden. Langsam gewöhnt sie sich in den Heimalltag ein. Sie geht morgens um halb neun in den Essraum und kriegt dort ihren Incarom und ihre Gonfi serviert (ohne Kerne, damit sie nicht zwischen den Zähnen stecken bleiben). Nachher marschiert sie zurück in ihr Zimmer und räumt auf. Nicht, dass sie das müsste. Ihr Zimmer ist immer sauber. Aber sie macht es eben gern.
Und um viertel vor zwölf klopft die Pflegende an die Tür, um sie zu erinnern, dass sie Mittagessen kriegt. Paula hat einen festen Platz und diskutiert dort über das Wetter. Oder den Papst. Dass der heute seinen Rücktritt angekündigt hat, sage ich ihr nicht. In ihrer Welt leitet Johannes XXIII seine Schäfchen. Und er macht es gut. Alles andere würde sie wohl verstören.

Am Nachmittag legt sie sich hin. Manchmal geht sie auch schwimmen. Das heisst, die Schwester begleitet sie in die Badewanne. Morgen besucht Paula einen Theaternachmittag für Senioren im Dorf. Das wird sicher lustig, meint die Pflegende. Paula geht natürlich hin. Wenn ich sie morgen abend anrufen werde, wird sie allerdings nicht mehr so genau wissen, was sie gemacht hat.

Als wir heute da waren, erzählte Paula, dass sie vor ein paar Nächten einen Geist zu sehen geglaubt hatte. Ich schreckte schon auf. Bitte nicht schon wieder!!
Aber nein, beruhigt mich Paula. Alles ist in Ordnung. Der Geist war zwar sehr dick und nackt und weiblich, stellte sich aber als desorientierte Mitbewohnerin heraus, die das Klo suchte. Paulas lakonischer Kommentar: „Die ist eben schon sehr alt, bestimmt schon 80. Und drei Jahre jünger als ich.“

Ich atme beruhigt aus.
Paula begleitet uns nach unten. Gleich gibt’s Mittagessen. Wir laufen vorbei an einer betagten Frau, die inständig die Pflegende versucht davon zu überzeugen, dass das Theaterstück im Schulhaus und nicht in der Altersanlage gezeigt wird. Das sei sehr wichtig. Auf Paulas freundliches Grüezi und „das ist meine Enkelin“, reagiert die alte Frau gehässig und ruft Paula nach: „Das hab ich schon gemerkt. Ich bin ja nicht blöd.“ Paula entgegnet im Weggehen: „Die hat einfach immer schlechte Laune. So ein Totsch.“