Als meine Mutter starb

Die drei Monate, während denen meine Mutter starb, waren die bisher schlimmsten meines Lebens. Ich war gerade erst 30 Jahre alt geworden, erfreute mich guter Gesundheit und Lebensfreude, wollte mich bald verheiraten und glücklich sein.

Ihr Sterben veränderte alles.
Wenn man es mit einem sterbenden Menschen zu tun kriegt, hinterfragt man alles bisher dagewesene. Kein Stein blieb bei mir mehr auf dem anderen. Die eigene Beziehung, das Leben, die Karriere, die eigene Haltung? Alles war unsicher. Angst durchzog mein Leben.

Die Wochen, in denen meine Mutter zwischen Spital und Pflegeheim, Leben und Tod schwebte, raubten mir den Schlaf und meinen Seelenfrieden. Ich wachte nachts schweissüberströmt auf. Ich litt mit ihr, wenn sie mir am Abend zuvor erzählte, welche Todesängste sie aushielt. Sie träumte von Ratten, die sie bei lebendigem Leibe auffrassen, dass man sie quälte und peinigte. Meine Mutter, so hilflos in ihrer Krankheit, löste bei mir Gefühle aus, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie in mir existierten.

Ihr Kampf zwischen Leben und Tod, Wachsein und Schlafen beschäftigte mich sehr. Mit einem Mal fühlte ich mich wie eine Löwin, die ihr Junges beschützen sollte. Was für eine verkehrte Welt!

In Wirklichkeit fühlte ich mich selber völlig verloren.
Ich hätte am liebsten nur noch geweint, mich unter die Bettdecke verkrochen, mich beschützen lassen wollen von wem auch immer.
Doch stattdessen war ich stark. Ich managte Mutters Leben. Löste ihre Wohnung auf. Verstaute ihre Habseligkeiten in meiner Wohnung. Ertrug den Geruch ihrer Möbel.

Als meine Mutter starb, war ich alleine. Ich fühlte mich von Gott und der Welt verlassen.

Vergangenheitsform

Paula und ich haben immer offen über den Tod gesprochen. Irgendwie waren wir in dem Punkt sehr ähnlich:
Ich verbrachte als Kind einige Zeit im Krankenhaus.

Paula ist im Alter von 8 oder 12 Jahren fast an einer Hirnhautentzündung gestorben. Ihre Erzählungen über diese Zeit hörten sich jeweils hochdramatisch und sehr traurig an. Sie erzählte oft, wie schlecht es ihr ging, sie nicht mehr sprechen konnte und sich in Tobsuchtsanfällen die Haare vom Kopf riss. Der Tod war ihr also nahe und ich denke, er muss damals seinen Schrecken für Paula verloren haben.

Wir sprachen oft über meinen Bruder. Paula konnte auf sehr anschauliche Art beschreiben, dass mein lieber Bruder jetzt im Himmel sei. Dies fand ich zwar etwas speziell fand, da er doch meinem Vater zufolge in jenem kleinen Kindersarg unter der Tanne begraben war. Aber ich wagte es nicht, Paula auf diese logische Diskrepanz aufmerksam zu machen.

Paula erlebte in ihrer Ehe oft Krisen und mehr als einmal hat sie ausgesprochen, was sie gefühlt hat: sie wäre am liebsten tot. Doch dann schreckte sie jeweils zusammen und meinte, das sei dumm, denn dann hätte ich ja keine Oma mehr. Damit hatte sie irgendwie recht.

Als Paula und ich älter wurden und mein Opa starb, kam der Tod wieder näher. Aber irgendwie spürte sie, dass es nicht Zeit war zu sterben. Paula war kreativ, baute ihr Haus mit Tante Hadi um. Erst als meine Mutter starb, wurde Paula nachdenklicher. Mehr als einmal meinte sie, es wäre furchtbar, sein Kind sterben zu sehen. Es war ihr immer wieder wichtig, dass ich Bescheid weiss, wenn es einmal so weit wäre. Was sie sich wünscht. Was nicht. Der Tod verlor einmal mehr seinen Schrecken.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mehrheitlich die Vergangenheitsform benütze. Seltsam. Paula lebt und erfreut sich angesichts ihres hohen Alters einer guten Gesundheit. Doch eines weiss ich ganz sicher. Solche Gespräche werde ich nie mehr mit ihr führen. Sie fehlen mir, denn ich erfuhr nie im Leben einen Menschen, der derart offen über sich selber und seine Gefühle sprechen konnte.

Der Tod ist eine Sau.

Als ich damals um Uschi trauerte, war ich ganz und gar alleine. Nur wenige Menschen sprachen mich auf ihren Tod an. Dabei hätte ich gerne darüber gesprochen, welche ambivalenten Gefühle in mir brodelten. Gefühle, die unausgesprochen sind, fressen dich langsam auf.

Da ist einerseits die tiefe Trauer, dass sie nicht mehr lebt. Es ist eine unvorstellbare Sache, dass der Mensch, der dich geboren hat, der dich neun Monate in sich herumtrug, einfach nicht mehr da ist. Ihr Tod war und ist eine Bedrohung. Sie sterben zu sehen, war einfach zu viel.

Dann ist da die Wut. Zuwenig Zeit für die Sterbende, zu viel Bürokratie, Beamte, denen ein Datum wichtiger ist als die Not. Fehlendes Geld. Die Wut ist schlimm. Sie zerfrisst dich langsam aus deinem Innersten heraus.

Verzweiflung. Du liegst am Boden und weinst dir die Augen aus. Möchtest einfach nur noch schlafen. Geht aber nicht, weil du zu erschöpft bist.

All das ist in dir drin. Aber niemand spricht dich an, weil es zu „persönlich“ ist. Der Mut fehlt. Selbst mir. Wie das Unaussprechliche ansprechen? Wie sagen? es tut mir so leid. Ich kann dich in deiner Not nicht trösten. Nur für dich da sein.

danach und davor

Die Summe der Menschen in meiner Familie, die ich tot sah, ist klein. Ich sah meinen Urgrossvater Henri, wie er in seinem weissen Totenhemd im Sarg lag, meinen Grossvater Walter im schwarzen Anzug und meine Mutter.

Wenn ich an meine tote Mutter denke, kommen mir viele Gedanken. Ich bin dankbar, dass ich ihre letzten 36 Stunden miterleben durfte. Die Wache an ihrem Bett, die schlaflose Nacht, die Tränen und die Nähe zu ihr waren nervenaufreibend. Ich hatte das Gefühl, ich wäre die Löwin, die ihr Löwenjunges verteidigt. Ich hatte mich so lange nach meiner Mutter gesehnt, solange mit ihr Streit gehabt, dass ich am Ende dabei sein wollte und durfte. Ihr Tag, an dem sie starb, begann neblig und endete mit Sonne. Als sie um 16.15 ihren letzten Atemzug tat, war ich erleichtert.

Oft denke ich über diese Stunden nach. Sie starb einige Meter vom Spital Wil weg, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Vier Tage lang wartete sie auf meine Geburt. Hochsommer. Sie hat bis fast am Ende darüber gelästert, wie genervt sie über mein Nicht-Geboren-Werden-Wollen war. Im Vergleich dazu kommen mir die 36 Stunden Warten_auf_ihr_Gehen wie ein schlechter Witz vor.

Sie starb in einem Alter, wo Menschen sich normalerweise mit ihrer Pensionierung auseinandersetzen. 56 ist kein Alter zum Sterben. Eigentlich ist es das ohnehin nie.

Oft habe ich mich gefragt, ob sie noch etwas offen hatte. Wollte sie noch was klären? Hatte sie alles erledigen können?

Mit grosser Rührung stellte ich am letzten Tag fest, dass sie tatsächlich eine Patientenverfügung erstellt hatte. Sie hatte sich wirklich mit ihrem Ableben auseinandergesetzt. Sie hat mir, ihrer Tochter, nicht einfach Verantwortung delegiert.

Was wird sein, wenn ich sterbe?
Sterbe ich alleine? Langsam? Allzu schnell?
Im Frühling? Im Winter?
Wird meine Liste abgearbeitet sein?

Angst vor dem Tod – oder dem Leben?

Als Kind hatte ich kein Bild vom Tod.
Ich wusste nur, dass es ein Ausdruck für „tief und fest schlafen“ ist. Dass Menschen, wie mein kleiner Bruder, nach ihrem Tod in ein Bett aus Holz und Tannenreisig kommen, mit Blumen bedeckt werden und alle rundherum weinen. Das schien mir nicht so schlimm zu sein.

Mit neun oder zehn stand ich dann selber an jenem Punkt.
Ich erwachte langsam nach einer Operation und fragte mich, ob ich wirklich in jenen (meinen) schmerzgepeinigten Körper zurück wollte. Der Gedanke an die Eltern und die Grosseltern holen mich schnell zurück. Aber das friedvolle Gefühl, die Ruhe und das Licht beruhigten mich irgendwie. Ich hatte keine Angst mehr vor dem grossen Nichts.

Als mein Grossvater starb, bemerkte ich, wie mühsam und lange Sterben dauern kann. Es ist eine quälende Sache, besonders wenn ein Mensch weiss, was ihn an Leiden erwartet. Doch ist nicht das einzig Gute daran, dass man von seinen Lieben bewusst Abschied nehmen kann?

Meine Mutter starb nicht ruhig und friedlich. Bis sie endlich ihren letzten Atemzug tun konnte, dauerte es 36h. Todeskampf ist ein schlimmes Wort. Ich mag es lieber anders nennen: Lebenskampf. Sie wollte leben, nicht sterben.

Ich denke oft über meine Mutter und ihre letzten Tage nach. Sie hat so gerne gelebt, trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse. Die letzten Jahre ihres Lebens hat sie wirklich und intensiv gelebt, Dinge getan, die sie liebte. So überredete sie an ihrem Geburtstagsfest 2006 im Restaurant Rebstock einen Rocker, ob sie auf seinem Trike mitfahren dürfte. Natürlich durfte sie das, denn Rocker sind liebe Menschen. Es war das letzte Fest, das wir gemeinsam verbrachten. Ich sass da und schämte mich, weil meine 55jährige Mutter sich benahm wie ein Teenager. Ich hatte keine Ahnung, was uns erwarten würde.

Sie hat so sehr geliebt. Wenn sie verliebt war, dann liebte sie mit Haut und Haar und Kochbuch. Sie hat auch oft geweint. Denn zu grosser Liebe gehören auch viele Tränen.

Was würde sie zu mir sagen, wenn sie mich heute sähe?
Wäre sie glücklich? Oder würde sie fragen: Meitli, läbsch würklech?

Was sich verändert hat.

Vor einem Jahr schrieb ich über meinen Opa Walter, der am 7.1.1997 gestorben ist. Es ist seltsam, aber ich habe das Gefühl, als wenn es schon sehr viel länger her wäre.

Ich erinnere mich aber noch wie gestern daran, dass ich am Vorabend seines Todes ins Cinema Luna in Frauenfeld gegangen bin und 8 1/2 mit Marcello Mastroianni geschaut habe. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren und habe noch in der Pause das Kino verlassen.

Ich war ruhelos. Ich war wütend. Einige Tage zuvor war ein kleiner Junge in meinem Umfeld gestorben. Ich konnte nicht verstehen, warum ein kleines Kind einfach so stirbt, während mein Grossvater seit Tagen am Sterben war.

Ich fuhr nach Hause in meine schäbige kleine Einzimmerwohnung und weinte. Ich betete. Ich bat, dass mein Grossvater endlich sterben möge. Und ich habe geflucht. Ganz furchtbar. Plötzlich war ich ruhig. Unendlich ruhig. Nach Tagen völliger Ruhelosigkeit konnte ich endlich wieder schlafen.

Am nächsten Morgen ging ich wie immer zur Arbeit. Um Punkt acht Uhr fiel mir ein Glas aus den Händen. Das war mir noch nie passiert. Ich war verstört. Um viertel nach acht klingelte das Telephon. Meine Chefin rief mich mit ernster Miene ins Büro. Am anderen Ende erklang die Stimme meiner Mutter. Sie informierte mich kurz und sachlich: Opa ist gestorben. Um Punkt acht Uhr. Dann weinte sie. Ich auch.

Jetzt sind sie beide tot, meine Mutter und mein Grossvater. Sie liegen sogar auf dem selben Friedhof, wie schon Rosa und Heinrich und Anna und sogar Nelly.

Aber wer war mein Opa wirklich?

Im Haus entdecke ich seine Spuren, berühre seine Werkzeuge, die noch immer am gleichen Ort liegen wie 1997, als er sich ins Bett legte, um auf Bruder Tod zu warten. Ich erfahre aus Briefen, dass er seine Eltern gepflegt hat. Wie verzweifelt er war. Wie traurig. Ein sehr sensibler, kluger, humorvoller Mann. Mein Opa halt. Ich betrete das Haus und denke an ihn. Wie er immer nach Tabak gerochen hat. Sein Lachen. Seine Liebe zur Musik. Er fehlt mir.

 

Opa Walter

Opa Walter ca. 1988

Meine Mutter, der Tod, die Schuld und ich

1979 war ich gerade mal zwei Jahre alt.
Meine Mutter war schwanger.
Sie wirkte so glücklich. Zufrieden. Sie strahlte.
Schwangere Frauen stehen unter Naturschutz.

Ich erinnere mich an jene Nacht, als sie meinen Bruder gebar. Ich war zwei Jahre alt. Mein Vater wurde von einem Telephonanruf alarmiert. Irgendwas war mit meinem Bruder. Mein Vater rief panisch Paula an.

Als meine Paula da war, verschwand mein Vater. Er wirkte gehetzt. Ängstlich. Er fuhr wie ein Irrer nach Frauenfeld. Dort lagen meine Mutter und mein Bruder im Spital.

Mein Bruder war tot.
Ich begriff lange nicht, was das bedeutete.
Ich verstand nicht, warum meine Mutter ohne ihn zurückkehrte.
Warum meine Eltern so lange weinten.
Und irgendwann gar nicht mehr.

Erst viele Jahre später erzählten mir zuerst meine Mutter, dann mein Vater die wahre Geschichte.

Mein Bruder wurde gesund geboren, im Gegensatz zu mir.
Trotzdem starb er drei Tage nach seiner Geburt.
Für die Ärzte war rasch klar, dass nur meine Mutter daran Schuld haben konnte.
Sie war Raucherin.
Sie haben es ihr an den Kopf geknallt, so wie man eine Hexe auf dem Scheiterhaufen anzündet. Sie hat es nie verarbeitet.

Als mein geliebter Vater in Frauenfeld ankam, fand er meine Mutter alleine auf dem Balkon vor. Sie hatte versucht, sich umzubringen, indem sie sich vom Balkon stürzen wollte. Nur seine Anwesenheit und seine Geistesgegenwärtigkeit haben dieses Unglück verhindert. Die Scham, die Demütigung, die Verantwortung am Tode meines Bruders schuldig zu sein, hat sie bis zum Ende ihres Lebens nicht verarbeitet.
Auch ich kann das nicht vergeben. Ich weiss bis heute nicht, was tatsächlich die Todesursache für den Tod meines Bruders Sven ist.

Aber ich weiss, dass es schändlich von Seiten der Ärzte war, meine Mutter, eine junge Frau, zu beschuldigen. Leider weiss ich nicht, wer dieses medizinische Urteil über meine Mutter gefällt hat.

Es hat mein Leben, das meiner Schwester und das meiner Eltern zerstört. Das ist unentschuldbar.

Weihnachtsgefühle

Seit frühester Kindheit kaufte ich immer mit Paula ein.
Wir liebten es besonders durch Haushaltsabteilungen grosser Kaufhäuser zu laufen.
Paula und ich marschierten ernsten Blickes durch Ausstellungen jeglicher Geschirrsorten, Teppiche, Mercerie und Gebrauchsgegenstände.
Paula trug meistens ihren dunkelblauen Blazer und musterte alles, was ihr unter die Finger kam. Mit ihr war Einkaufen wirklich ein Erlebnis.

Als ich noch in der Lehre und später im Praktikum war und kaum Geld hatte, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, griff sie mir oft unter die Arme. Sie schenkte mir Lebensmittel, die ich mir damals unmöglich hätte leisten können.
Immer hat sie für mich gesorgt. Nie hat sie irgendwas bemängelt, was ich tat.

Ich vermisse die Weihnachtseinkäufe mit ihr. Ich vermisse ihre Pakete, die Krippe, die Weihnachtsbeleuchtung, Weihnachtsfilme schauen mit ihr, ihre Umarmungen, ihre Stimme, wenn sie Weihnachtslieder sang.

An Weihnachten 93 kehrte ich vom Welschlandjahr nach Hause zurück und merkte, dass die Ehe meiner Eltern am Ende war. Scheidung. Was für ein schlimmes Wort als Ausdruck erloschener Liebe.

Ich muss an das letzte Weihnachten mit Paula und Walter denken. 1996. Er lag im Bett. Wir wussten, er stirbt bald. Es würde noch genau 13 Tage bis zu seinem Tod dauern. Alles ging so furchtbar schnell und doch sehr langsam.
Das Haus war mit einem Male ruhig.

Ich war noch nicht mal 20 Jahre alt, als mein Opa starb. Jetzt bin ich 36. Alles liegt offen vor mir. Was wird werden in einem halben Jahr? In einem Jahr? Werde ich bald alleine sein, ohne meine Familie, die ich über alles liebe? Wo werde ich in 20 Jahren sein?

Unser dreier Leben

Als ich heute morgen um 6.15 das Haus verliess, erstarrte ich. Über mir war der Himmel voller Sterne. So hatte ich ihn noch nie gesehen im Oktober.

Anders als andere Jahre habe ich heute gearbeitet. Ganz bewusst. Ich wollte eintauchen in Beschäftigung und nicht in trüben Gedanken herumwühlen. Anders als in anderen Jahren trug ich heute keine schwarze Kleidung.

Erstaunlicherweise hat das geklappt.
Ich war ganz bei mir. Konzentriert. Zufrieden.

Schon am Vormittag leuchtete die Landschaft um mich herum. Schon lange nicht mehr sah ich all diese Farben. Als ich Feierabend hatte und von Weinfelden über Land in Richtung Frauenfeld fuhr, war ich ergriffen von der Schönheit der Gegend. Jetzt, wo die Felder abgeerntet sind, sieht man erst, wie sanft gewellt die Böden sind.

Ich musste daran denken, dass vor sechs Jahren dichter Nebel geherrscht hatte. Erst kurz vor Uschis Todesminute lichtete er sich langsam. Die Sonne schien schüchtern.

Paula und ich hatten seit dem Vormittag gemeinsam an Uschis Sterbebett gesessen. Immer wieder hielten wir inne, wenn ihr Atem aussetzte. Meine Grossmutter und ich wussten, dass Uschi schon ganz nah an der Schwelle des Todes stand.

Als es schliesslich soweit war, die Pflegende hatte meine Mutter gerade umlagern wollen, ging es sehr rasch. Uschi blickte uns aus ihren braunen Augen traurig an. Nach einem letzten tiefen Atemzug war Stille. Aus ihrem einen Auge trat eine gelbe Träne.

Nachdem meine Mutter also gestorben war, öffneten Paula und ich das Fenster. Paula und ich blickten uns an. und umarmten uns. Wir hatten das Selbe gedacht: „Uschi will jetzt bestimmt eins rauchen gehen!“

Mein damaliger Freund kam zu spät.
Aber ich bin nicht unglücklich, dass ich diesen Moment des Übergangs mit meiner Mutter und meiner Grossmutter alleine teilen konnte. Für mich war der Ort von Uschis Sterben mehrfach emotional. Sie starb einige Meter entfernt von dem Ort, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Ihr eigener Geburtsort lag ebenfalls einige hundert Meter weit weg. Es schien mir, als hätte sich unser dreier Leben auf diesen Ort konzentriert. Loslassen und festhalten.

Ich bin dankbar, dass ich bei ihrem Tod dabei sein durfte und sehe es als ein letztes Liebesgeschenk meiner Mutter an. Dass wir nur drei Monate Zeit hatten, uns als Mutter und Tochter wiederzufinden, ist zwar traurig, aber in letzter Instanz dennoch tröstlich. Ich wünschte mir, sie wäre jetzt hier und könnte mich sehen.

Uschi verlieren

Die Tage vor Uschis erstem Todestag im Jahre 2008 habe ich mit Paula verbracht. Wir hielten uns an den Händen und weinten. Wir redeten gemeinsam über Uschis Tod. Für Paula war alles sehr präsent und schmerzhaft.

Wie oft hatten wir darüber gesprochen!
Für Paula war der Tod ihrer Mutter Berta tief einschneidend gewesen. Sie hat es sich, solange sie sich daran erinnern konnte, nie vergeben, dass sie in der Stunde des Todes nicht an Bertas Seite war.

Das kann ich von mir nicht behaupten.
Ich bin nicht von Uschis Seite gewichen, obwohl ihr Sterben alle meine Kräfte überstiegen hat. Sie lag in ihrem Bett, atmete schwer und ihr Leben aus, während ich stumm daneben sass. Die Pflegenden versuchten immer wieder mal, mich abzulenken, wohl weil sie aus Erfahrung wussten, dass die Sterbende erst gehen könnte, wenn ich weg war.

Aber ich wusste auch, dass meine Mutter und ich eine Art Pakt hatten. Sie hat es gehasst, wenn ich schwarze Kleider trug.
Manchmal, so denke ich, war das der Grund, warum ich bis zum Ende dabei sein durfte. Vielleicht war meine Aufgabe hierbei, die Angst vor dem Tod zu verlieren.

Das Ende ist nicht schwarz oder dunkel. Es ist traurig. Es ist herzzerreissend, aber nicht schwarz.

Wenn ich an meine tote Mutter zurückdenke, so sehe ich ihr dunkles Gesicht mit den schönen braunen Augen. Sie sah sehr entspannt aus, zufrieden, schlafend wie Dornröschen.

Der Tod hat etwas unheimlich friedliches. Er ist wie ein rückwärtsgewandte Geburt. Nur das Sterben scheint anstrengend.
Ich weiss nur, wenn ich sterbe, wird kein Kind von mir an meiner Seite sein. Davor habe ich Angst.