Der schwarzgoldene Oktober.

Der Oktober ist ein seltsamer Monat. Ich liebte den Herbst, seit ich ein Kind war. Ich liebte die Farben. Gelb. Orange. Fauliges Grün.

Als ich meine Mutter zum letzten Mal sprechend sah, es war der 14. Oktober, wusste ich nichts. Es war sehr neblig. Ich wurde an meinem Arbeitsplatz angerufen und gebeten zu kommen, da es ihr sehr schlecht ging. Ich fuhr hin. Sonntagnachmittag. Die Strecke schien mir endlos.

Meine Mutter sass still, aber zufrieden in ihrem Bett. Ich hatte es mir dramatischer vorgestellt. Wir redeten ein wenig. Sie roch nach frischer Leber, dieser Geschmack, den ich niemals mehr in meinem Leben mehr aus meinem Kopf herausbringen werde. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre Haut senfgelb. ebenso ihre Augäpfel.

Wir sassen nebeneinander. Ich hatte das Gefühl, als sässe der Tod zwischen uns. Ich konnte seine Knochenhand und seinen eisigen Atem fühlen. Ich dachte, ich wäre bereit, sie gehen zu lassen. Die Nächte waren die Hölle. Ich konnte nicht mehr schlafen. Immer wieder wachte ich auf. Schweissnass. Horror.

Als ich zwei Tage später um acht Uhr morgens von Weinfelden nach Wil fuhr, hatte ich Panik. Ihre Nacht war schlecht gewesen. Man erwartete, dass sie in kürzester Zeit gehen würde.

Der Nebel war sehr, sehr dicht gewesen. Ich musste vorsichtig fahren. Ich fluchte am Steuer. Weinte. Schrie. Ich war so wütend. So abgrundtief traurig.

Als ich ankam, lag sie in ihrem Bett wie ein riesiger, senfgelber Embryo. Ihr Mund war trapezförmig geöffnet. Ich war nicht geschockt. Ich setzte mich neben sie hin. Ich streichelte sie. Nach einiger Zeit begann ich damit, ihre Häkeldecke zu flicken. Sie hatte die Endfäden jeweils stehen gelassen, weil sie nicht gerne nähte. Also tat ich das für sie.

Nach einer Nacht ohne Schlaf, vielen Tränen und einem unbequemen Sessel wurde es Morgen. Meine Mutter lag noch immer in ihrem Bett und lebte. Ich hatte dutzende von Atemaussetzern miterlebt. Aber sie ging nicht.

Am Vormittag kam Paula vorbei. Wir setzten uns an Mutters Bett und erzählten ihr ihre Lebensgeschichte. Um 16.15 machte meine Mutter den letzten Atemzug. Draussen schien die Sonne, leuchteten die Farben, so als hätten sie nur darauf gewartet, dies für sie tun zu können.

Sonntage

Der Sonntag war immer ein besonderer Tag in der Woche.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, ging ich jeden Sonntagmorgen in die Sonntagsschule.
Dies habe ich nicht auf Druck meiner Eltern getan, denen war das egal, sondern weil ich (auch heute noch) fürs Leben gern Geschichten höre.
In der Sonntagsschule wurden einem diese von Frauen erzählt.
Meine Lieblingslehrerin war eine alte Dame mit Dutt, Alice, deren liebes Gesicht ich noch heute vor mir sehe. Sie erzählte die biblischen Geschichten alle auswendig.

Am Sonntagmittag kochte meine Mutter, wenn mein Vater da war, ein Festmahl, meistens Voressen mit Teigwaren und Gemüse. Wenn aber mein Vater nicht da war, kochte meine Mutter „schlampiges“ Essen. Das war immer wunderbar. Wir sassen dann mit ihr auf dem Teppich vor dem Fernseher, assen im Schneidersitz und lachten. Danach schauten wir fern.

Dazu ist zu sagen, dass meine Mutter ein wandelndes Filmlexikon war zu einer Zeit, da es noch kein Internet gab. Mehr als einmal habe ich Wetten gegen sie verloren. Ihr Namensgedächtnis war einfach grossartig.

Sonntags schauten wir mit ihr alte Filme. Hans Moser, Paul Hörbiger oder Grete Weiser. Das waren unsere Helden. Ich schaute mit ihr Klassiker, B-Movies, Serien. Mit ihr fern zu sehen, war eine Offenbarung. Sie liebte Fernsehen und ich liebte meine Mutter.

Als ich ins Welschland ging, ich war 16, zerbrach die Ehe meiner Eltern vollends.
Mir war, als wäre ich die personifizierte Silikonschicht, die meine Mutter und meinen Vater noch verband.

Danach waren die Sonntage anders. Die Kindheit scheint ein zerbrechliches Gut zu sein.

Als ich schliesslich die Sonntagabende mit meinem damaligen Freund verbrachte, war meine Mutter wieder präsenter. Sie rief jeden Sonntagabend um punkt 19.31 an und wollte mit mir reden.
Dass ich um diese Zeit Terra X schaute, war ihr egal.

Als sie vor bald sechs Jahren starb, brauchte ich sehr lange Zeit, bis ich am Sonntagabend nicht mehr neben dem Telefon sass und auf ihren Anruf wartete. Schliesslich war es 19.31.

Wie das so war.

Ich erinnere mich an den Bauch meiner Mutter, als sie meinen Bruder drinne hatte. Ich weiss noch genau, wie ich den Kopf hinhielt und seine Fusstritte spürte. Das war für mich ein wahres Wunder.
Ich freute mich so sehr, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeutete.

Den Tod meines Bruders bekam ich nur dunkel mit. Ich erinnere mich daran, dass von einem Moment auf den anderen Paula da stand und mich umarmte und weinte. Es war Nacht.
Das nächste, was ich wirklich klar vor meinen Augen sehe, ist meine Mutter, die in einem dunkelgrün gekachelten Badezimmer auf dem Klo sitzt und weint.

Meine Mutter erzählte mir danach, dass ich mit einem Bodenputzlumpen zu ihr hin marschiert sei und ihn ihr hingehalten habe mit den Worten: „Hör bitte auf zu regnen, Mami.“

Irgendwann wurde meine Mutter wieder schwanger.
Sie gebar meine kleine Schwester und ich begriff, dass sie ein Schatz war.
Für meine Eltern war sie ein Geschenk des Himmels, vom lieben Gott oder wem auch immer.
Für mich war sie ein seltsames, blondes blauäugiges Wesen.

Ich war vier Jahre älter als meine Schwester. Vier Jahre sind sehr viel.
Für mich war Sven immer präsent, aber sie hat ihn nie erlebt.
Trotzdem musste meine Schwester die Erinnerungen an ihn ertragen.

Meine Mutter hat mehr als einmal zu meiner Schwester gesagt:
„Für mich bist du zwei Kinder!“
Nur meine Schwester allein kann ermessen, was das für ihr Leben bedeutete.

Ich schreibe dies im Gedanken an meine Schwester, die ich sehr vermisse, weil ich sie viel zu selten sehe. Aber: sie lebt. Und das ist das wichtigste von allem.

Vom langsamen Verschwinden

Vor sechs Jahren um diese Zeit war meine Mutter bereits im Pflegeheim. Sie war 56 Jahre alt und wartete auf ihren Tod.

Meine Mutter hatte die letzten 13 Jahre ihres Lebens in einer Einzimmerwohnung in der Stadt gelebt. Diese Wohnung war ihr ganzer Stolz. Sie nannte sie ihr „Wöhnigli“. Sie wohnte in einem alten Haus unter dem Dach.

Ihr grosses Bett stand in der Stube, daneben eine ausgeleierte Couch, ein scheusslicher Couchtisch mit einem Tischtuch drauf, welches voll von Brandflecken war. Sie besass ein kleines Bücherregal, sehr viel Nippes und einen grossen Fernseher.

Die Küche war in einem Nebenraum, klein aber fein, dahinter das Bad mit Klo.

Sehr oft sass ich bei ihr in der Wohnung, umgeben von Zigarettenrauch und Verzweiflung. Meine Mutter sinnierte beim Rauchen über ihre Liebhaber, mich, meine Schwester, meinen Bruder und die Vergangenheit. Die Scheidung von meinem Vater war nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Nichts desto trotz liebte meine Mutter das Leben.

Umso schlimmer war es für mich, als ich die Wohnung betrat im Wissen, dass sie nie mehr dorthin zurückkehren würde. Mit ihrer Leberzirrhose, dem Wasserbauch und den Atemproblemen konnte sie keine Treppen mehr steigen.

Es gibt nichts Traurigeres als die verlassene Wohnung eines Menschen, den man liebt. Sie riecht nach kaltem Rauch und verletzten Gefühlen.

Da meine Mutter längere Zeit arbeitslos war und kein Geld mehr hatte, war sie abhängig vom Sozialamt. Die Dame des Amtes machte Druck, damit ich so schnell als möglich die Wohnung räumte. Niemand könne vom Staat verlangen, und der Staat war in dem Fall wohl die Dame vom Amt, dass man Pflegeheim und die Wohnung zahle. Natürlich nicht. Für die Dame vom Amt war meine Mutter nichts anderes als eine Zahl und in Gedanken wahrscheinlich ein Stück Scheisse. Jedenfalls vermittelte sie mir dieses Gefühl.

Das Räumen war leichter gesagt als getan. Ich arbeitete 100% in der Betreuung. Daneben pflegte ich Paula und sorgte mich um meine Mutter. Das Räumen der Wohnung war ein Kraftakt. Mein Chef gab mir drei Tage frei, damit ich das bei guter Gesundheit schaffe. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Ich habe den Kraftakt nur mit Tränen geschafft. Mein Vater und seine Frau halfen mir dabei. Einige Tage nach der Räumung starb meine Mutter und ich blieb zurück mit einem Gefühl des Versagens. Viel lieber wäre ich so lange wie möglich noch an ihrer Seite gewesen, hätte gerne noch mit ihr geredet. Doch stattdessen schleppte ich Kartons und wusch das Nikotin von den Wänden.

Das letzte Telephonat mit ihr, am 15. Oktober 2007, zwei Tage vor ihrem Tod, bleibt mir in Erinnerung. Ich fuhr durch den dichten Thurgauer Herbstnebel, den Knopf im Ohr und redete mit ihr. Sie erzählte vom Besuch ihrer besten Freundin, einem Plüschtier, das sie erhalten hatte und meinte schlussendlich: „Zora, ich wollte dir einfach danke sagen, für alles, was du für mich getan hast. Ich habe dich sehr, sehr gern.“

Als sie zwei Tage später, nach einem 36stündigen Ringen mit dem Tod starb, schien die Sonne.

melancholischer august

der tod gehört zum leben.
das sagt man so gemeinhin.
ich akzeptiere den tod, weil er das leben erst recht lebenswert macht.

als ich noch ein kind war, schien mir die welt nicht immer gewogen.
ich hatte oft angst.
ich hatte angst, meine mutter würde sterben. ich fürchtete oma und opa würde was schlimmes passieren. ich sorgte mich um meine kleine schwester.

dann wird man älter und man verliert seine lieben wirklich.
ich frage mich oft, ob es einfacher gewesen wäre, wenn ich meine mutter später verloren hätte.
würde sie mich bei der pflege von paula unterstützt haben?

ich vermisse meine mutter unsäglich bei gesprächen über männer.
wie oft rief sie mich an und erzählte mir von ihren sorgen und problemen mit den männern, die sie liebte. sie führte buch über sie. über jeden.

als ich ihre wohnung räumen musste, fand ich ihre notizen. ich brachte sie ihr, doch sie wollte sie nicht. sie meinte nur, ich soll ihre sachen nicht wegschmeissen. das habe ich auch nicht getan.
ihre notizbücher halte ich in ehren, auch wenn ich nicht jeden ihrer gedanken nachvollziehen kann.

wenn ich ihre schrift sehe und am papier rieche, kommt sie ein wenig zurück.
ich vermisse sie furchtbar.
gerade jetzt im august.
ich würde so furchtbar gerne mit ihr ein panache trinken gehen.
pommes essen.
ingrid bergman sehen.
mit ihr über männer sprechen.
über die liebe.
über mein leben.

stattdessen pflanze ich blumen auf ihr grab.

Übers Loslassen

Als ich meinen Opa Walter verlor, war ich keine 20 Jahre alt.
Keiner wusste so genau, woran er litt, denn er hielt es geheim. Einfach so.
Nur er und seine Krankenschwester wussten, wie er sterben würde.
1996, ich hatte meine Lehre beendet und hielt mich im Spital in St. Gallen auf, um meinen Kiefer zu operieren. Ich weiss nicht mehr, wie lange ich da war. Ich erinnere mich an starke Schmerzen und mein deformiertes Gesicht. Ich konnte damit nicht mehr herumlaufen. Also reiste ich nach Lichtensteig zu meinen Grosseltern Paula und Walter. Es war August.

Walter war schwach. Er lag oft im Bett. Er war müde, ass wenig.
Die Wärme des Sommers drang nicht bis in sein Krankenzimmer, ein dunkel getäfertes Zimmer.
Abends sassen wir vor dem Fernseher.
Ich konnte nicht sprechen, weil mein Ober- und Unterkiefer miteinander verdrahtet waren, damit beide Teile wieder anwuchsen. Also schwieg ich.

Das Schweigen wurde in jenen sechs Wochen zu meinem ständigen Begleiter.
Nichts sagen zu können, mag eine Strafe sein.
In meinem Fall war sie manchmal barmherzig.
Ich trat, nach Entfernung meiner Verdrahtung, meine erste Stelle an.
Ich war wesentlich abgemagert, weil ich während Wochen nur noch Flüssiges essen konnte.
Ich war blass. Das Sprechen fiel mir nach sechs Wochen Abstinenz schwer.

Walter wurde nicht wieder gesund.
Wir ahnten es alle. Er würde sterben.
Ich sah ihn an Weihnachten 1996 das letzte Mal. Seine Haut war senfgelb gefärbt.
Seine wundervollen, blauen Augen leuchteten. Doch auch seine Augäpfel waren gelb.
Nie hätte ich gedacht, dass ich diese Farbe einmal so hassen würde.

Wir redeten letzte Worte. Er segnete mich.
Er sagte mir, wie sehr er mich liebte, gab mir alles Gute mit auf den Lebensweg, ermutigte mich, dass ich das tun sollte, was ich wollte, ohne Rücksicht auf die Gesellschaft.
Am 7. Januar 1997 starb er in Paulas Armen, um Punkt acht Uhr.

Ich war froh, dass er gestorben war, denn ich konnte sein Leiden fast nicht ertragen.
Für mich war er immer jener ältere Mann, der im Keller des Hauses arbeitete und sein eigenes Ding machte. Ihn nur noch im Bett liegend zu sehen, hat mich geschockt.
Zugleich aber hat dafür für mich der Tod an Schrecken verloren.
Ich konnte plötzlich nachvollziehen, was es bedeutete, langsam zu sterben.

2007 wurde Uschi, meine Mutter, krank.
Ich hatte es seit längerer Zeit geahnt.
Aber sie in jenem Krankenbett zu sehen.
So senfgelb. Dünn. Diese riesigen gelben Augen.
Das hat mich sehr getroffen.
Das war einer jener Momente, wo man genau weiss, was passiert.
Man weiss, man wird leiden wie ein Tier.
Man wird traurig sein. Alles wird unüberbrückbar schwer.

Sie lag in diesem Bett und ich konnte absolut nichts tun.
Alles, was ich wusste, war in jenem Moment nichts mehr wert.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich in jenem Fluss mittreiben zu lassen.

Von Walter wusste ich ja schon, wie das abläuft.
Das ist keine gute Sache.
Leberversagen ist ein Scheissding.
Man erstickt, wenn die Leber nicht mehr richtig tut und die Lungen in Mitleidenschaft gezogen sind.

Das war bei Uschi so.
Dieses stundenlange Seufzen, dieses Ächzen, das man eigentlich nur von Ertrinkenden kennt,
ist das Allerschlimmste.
Ich werde ihre Seufzer, ihr Stöhnen und ihr erschrecktes Augenaufschlagen nie mehr vergessen.
Du sitzst daneben und kannst dem Menschen, den du liebst, und dem du dein Leben verdankst, nicht helfen. Du wirst dir deiner ganzen Machtlosigkeit bewusst.

Sie liegt da und kämpft mit dem Tod. Eigentlich möchte sie lieber leben. Sie liebt das Leben so sehr. Aber der Tod ist stärker und überwältigt sie.

Ich sitze daneben und kann es nicht fassen.
Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, rauchen, trinken, schreien, mir die Haare ausreissen.

Alles stellt sich auf den Kopf.
Du selber lebst weiter. Das ist die Abmachung. Und die ist scheisse.

Paula, Hadi und Bibi

Als mich heute nachmittag Sascha darüber informierte , dass meine Grosstante Hadi tot ist, war ich total geschockt. Hadi war die mittlere der drei Schwestern und starb vor ein paar Tagen im Alter von 87 Jahren. Paula ist mit bald 85 die jüngste. Die älteste, Bibi, ist 89.

Ich bewunderte Hadi schon als Kind: Sie trug Dutt, hatte rotes Haar, liebte exzentrische Brillen und war einfach wunderschön und elegant. Ich wollte so sein wie sie. Ich erinnere mich an das letzte Telephon mit Tante Hadi vor über einem Jahr. Wir hatten Streit. Hadi war sauer auf mich, weil ich ihrer Meinung nach Paula einfach alleine in ihrem alten Haus liess. Sie fand es ebenfalls sehr nachlässig von mir, dass ich Paula nicht hatte entmündigen lassen. Das konnte ich so nicht stehen lassen.

Erst als wir darüber sprachen, dass es nicht einfach ist, dass ich als Enkelin Omi Paula Vorschriften mache, beruhigte sie sich. Am Schluss des Telephons sagte sie mir: „Du kennst ja Paula. Die hat einen Grind wie Beton. Die ist so stur. Da kommst du mit nichts durch.“

Natürlich ist Paula sehr betroffen von Hadis Tod. Sie ist traurig und wirkt melancholisch. Als ich sie anrufe, erfahre ich mehr: Paula ist verletzt, weil Bibi mit ihr geschimpft hat. Paula hat nämlich laut Bibi seit Donnerstag das Telephon nicht abgenommen. Seit diesem Zeitpunkt versuchten Hadis Söhne, Paula die traurige Nachricht mitzuteilen. Paula erzählt mir, dass Bibi echt sauer auf sie ist. Früher hatte Paula nämlich immer dann das Telephon nicht abgenommen, wenn sie wütend war. Paula meint schliesslich, dass sie mit dem Tod von Hadi nicht einverstanden ist:

„Sie ist nicht die Älteste. Bibi ist die Älteste. Sie wäre die nächste gewesen. Nicht Hadi.“

Ich seufzte. Aus Paulas Sicht auf die Welt stimmt das sogar.

Und so rief ich Bibi an.

Bibi hat eine tiefe, knorrige Stimme. Sie erkennt mich sofort am Telephon, obwohl wir uns seit Paulas 80stem nicht mehr gesprochen haben. Sie freut sich über meinen Anruf und erzählt mir, dass sie sich über Paula genervt hat. Ich erkläre ihr, dass Paulas Phone wohl endgültig kaputt ist. Doch Bibi lässt das nicht gelten.

„Blödsinn. Ich kenne deine Grossmutter seit bald 85 Jahren. Das hat sie mal wieder extra gemacht!“

Wir reden ein wenig und ich erfahre so nebenbei die Krankengeschichte von Tante Hadi und vieles über die besondere Beziehung der drei Schwestern. Ich bin froh, dass Paula selbständig ihre Schwestern über ihren Heimaufenthalt informiert hat.

Bibi spricht mir Mut zu und sagt: „Ich weiss ja, wie es dir geht. Mein Mann hatte auch Alzheimer. Das war schlimm. Du machst das gut.“

Ich bin erleichtert. Ihre Stimme tut mir wohl. Bibi bittet mich, mal vorbei zu schauen. Oder anzurufen. Das werd ich tun.

 

 

 

 

 

 

 

opa walter

heute ist also der 7. januar.
heute vor 16 jahren starb walter, mein opa.

ich bin natürlich nicht mehr so traurig wie damals.
walter war schwer krank. er litt an leber- und lungenkrebs und ist einfach so, ganz langsam, innerhalb von drei monaten gestorben. er wurde immer dünner, seine haut pergamentartig und am ende gelb. walter hatte strahlend blaue augen, ein wenig wie peter o’toole in „lawrence von arabien“. er hatte auch blondes haar.

walter bekam am ende morphium und ist, begleitet von paula, um punkt acht uhr morgens verstorben. paula war sehr verstört. sie und walter hatten jahrelang streit. zumindest hab ich es als das angeschaut. sie schrien sich gerne an. heute deute ich das als leidenschaftliches lieben.

paula sagte mir, am ende seien sie so nah beieinander gewesen wie damals, als sie sich in ihn verliebt hat und er sich in sie. sie sagte sogar, sie hätte sich wieder eine intime beziehung vorstellen können.

all das schwirrt mir heute durch den kopf.

ich denke an den schlichten, ja ärmlichen sarg, geschmückt mit gestanzten goldenen kartonblumen. wenig kränze. einige ältere herren, die mit ihm im aktivdienst waren,sind traurig. walter war ein lustiger, einer, der die musik im blut und den roséwein in den adern hatte. sie alle, die überlebt hatten, kamen an seine beerdigung. ich stehe zwischen meiner schwester und paula, meine mutter nebendran. meine schwester und ich weinen wie schlosshunde, als wir im trauerzug durch das städtchen laufen. ich weine, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass opa in dieser schäbigen kiste drin liegt. ich will mir nicht vorstellen, dass er nicht seinen blaumann trägt, sondern seinen anzug für den ausgang. das hier war alles andere, aber nicht ausgang.

für mich bleibt er mein lieber opa. schon früh hatte er wenig zähne. grauenvolle angst vor dem zahnarzt, weil ihm während des krieges einer wirklich weh gemacht hat. mit opa habe ich eisenbahn gespielt. über archäologie, physik, chemie und den zweiten weltkrieg diskutiert, werkzeuge geputzt und sortiert. geflucht. oh ja. wir beiden konnten wunderbar zusammen herumfluchen.

opa walter war wie alle männer meiner familie: sanft. lieb. friedlich. er hat uns kinder sehr gemocht. ich glaube, er war furchtbar stolz auf uns. am 25sten dezember 1996 bat er mich in die stube, wo er zwei wochen später sterben würde. er segnete mich und bat mich, alle meine träume zu leben. er sagte: „du kannst das. du bist wunderbar.“

dann ging ich. ich hab ihn nie wiedergesehen ausser in meinen träumen.

der besuch

als ich noch ein kleines mädchen war und in den kindergarten ging, wurde ich jeden mittwoch von oma abgeholt. sie kam vom bahnhof und marschierte jeweils auf den hügel, wo der kindergarten lag. ich konnte es fast nicht erwarten, dass es endlich elf uhr wurde. oma war das highlight meiner woche. ich wusste genau: wir würden hand in hand die zwei kilometer nach hause laufen, vorbei am friedhof, wo mein bruder lag. wir würden an seinem grab stehen und ich würde sie fragen, wo er jetzt ist. sie würde antworten, dass er jetzt im himmel ist. dann würden wir noch am grab des nachbarn vorbei gehen, die blumen giessen und schliesslich nach hause gehen. meine mutter würde was feines kochen, sich mit meiner oma über meine erziehung streiten und sich über die katze beschweren. am nachmittag würden wir draussen spielen, damit mami mal eine stunde für sich hätte. um 17h würde paula dann wieder auf den bahnhof laufen und ich würde denken: „bitte komm wieder.“

ich konnte es jeweils kaum erwarten, bis ich oma die strasse zum kindergarten heraufgehen sah. kreischend und jubelnd rannte ich zu ihr hin, die kindsgi-tasche, jacke und mütze weit wegschmeissend und immerzu schreiend: „omiomiomi!!!!!“ oma stand jeweils da, breitete die arme aus und fing mich auf, drückte mich fest an sich.

wenn ich heute zu paula gehe, rufe ich immer vorher an, um ihre einkaufsliste abzufragen. ich sage ihr, wann ich etwa da bin. manchmal wartet sie schon hinter der türe und ich frage mich, wie lange sie schon da steht. selten sagt sie meinen namen. aber freuen tut sie sich immer. wir umarmen uns und ich stelle fest, dass sie ein wenig säuerlich riecht. früher roch sie nach rexona. wir gehen in den oberen stock, wo ich ihre einkäufe verräume und schaue, ob es irgendein problem gibt, das ich grad lösen kann.

meistens schimpft sie über die neue waschmaschine, die nun auch schon ein jahr da steht. immer zeigt sie mir ihre katze, die jedes mal einen neuen namen hat. dann gehen wir zurück in die ungeheizte küche, wo ich versuche, den alten ofen anzufeuern.

auf mamis grab sind wir schon lange nicht mehr zusammen hin gegangen. sie hat seit monaten nicht mehr nach ihr gefragt. sehr gerne würde ich mit ihr darüber sprechen, dass ich über ihren tod noch immer traurig bin. und dass ich angst habe, dass auch sie mich bald verlässt. aber dann stellt sie den radio etwas lauter und meint, sie liebe tanzmusik. sie spricht darüber, dass sie ihre brüder und ihre eltern vermisst und sich oft fragt, wann die gestorben sind.

wenn ich mich dann verabschiede, drückt sie mich an sich und hält einen moment lang inne, bevor sie meinen namen ausspricht. jedes mal sagt sie: „gell, du kommst dann wieder. ich brauche dich noch.“ ich nicke und sage „ja.“