Vom Frieren und Wäsche waschen

Das Haus wärmt sich langsam auf. Ein kleines Wunder, schliesslich stand es fast zweieinhalb Jahre leer. Das Einheizen ist eine Wissenschaft für sich. Sascha lernt es gerade und es scheint ihm Spass zu machen.

Die manchmal vorherrschende Kühle ist ungewohnt. Aber ich glaube, sie härtet ab. Dass ich jetzt gerade stark erkältet bin, deute ich als Zeichen, dass das in Zukunft besser werden wird. Mir wird mit einem Mal auch klar, warum früher Menschen die Abende mit Stricken und Kunsthandwerk verbracht haben. In Bewegung bleiben hält warm.

Ich bin sehr froh, dass unser Herd wieder funktioniert. Bei den Umbauarbeiten in meinem Atelier haben sich offenbar im plombierten Hauptsicherungskasten alle Sicherungen gelöst. Der Elektriker, der gestern vorbei kam, hat uns dann wieder zu warmem Essen (und gewaschener Wäsche) verholfen.

Gestern abend musste ich lange an Paula denken. Meine Dankbarkeit, dass sie nicht mehr hier, sondern im Pflegeheim lebt, ist noch immer gross. Ich erlebe es jetzt ja am eigenen Leib, wie hart der Winter im Haus ist. Doch sie hat es all die Jahre geschafft. Sie kannte aus ihrer Kindheit wohl nichts anderes.

Ich habe ihre Frottierwäsche, die Rasiertücher und Waschlappen nicht weggeschmissen. Sie gehören ins Haus. Als die Waschmaschine lief, schien es mir, als komme sie gleich um die Ecke. Der Duft ihres Weichspülers. Die Leintücher, die sie in der Winde aufgehängt hat. Gebügelt hat sie nie. Mit ihren Wäscheklammern hänge ich all die Putzlappen auf, die wir in den letzten Tagen im Thurgau und hier gebraucht haben. Bunte Farben auf Schnüren, die bestimmt dreissig Jahre alt sind. Zwischen den Balken in der Winde sind alte Wäschebretter festgemacht. Im Frühling können wir damit auf der Wiese unsere Kleider trocknen. Das Haus ist ein Museum und ein Biotop der Vergangenheit.

Noch etwas hat das Leben im Toggenburg: ich sehe von meinem Schlafzimmer aus auf einem von Tannen bewachsenen hohen Hügel. Die Sonne scheint. Keine Spur vom berüchtigten Thurgauer Nebel und es riecht auch nicht nach Zuckerrüben, sondern nach Holz und Schnee.

Kältetest

Die ersten drei Tage im Haus sind vorüber.
Sie waren turbulent. Wir haben tatsächlich die kältesten Tage in unserem Haus mit Holzheizung hinter uns. Ich musste dran denken, dass Omi all die Jahre alleine geheizt hat. Wie hat sie das alles nur geschafft? Schmunzelnd habe ich die Schaffelle ins Bett gelegt. Omi hat sie fein säuberlich versorgt. In dieser Kälte tun sie gute Dienste. Wollsocken sind hier plötzlich sehr beliebte Kleidungsstücke.

Die Katze hat alles gut überstanden. Sie stören die Berge von Schachteln, die noch immer herrschende Unordnung nicht. Im Gegenteil. Sie scheint im Katzenparadies. Jeden Tag eine neue Entdeckung.

Wir putzen unsere alte Wohnung. Ich bin froh, alles, was ich nicht mitnehmen möchte, dort lassen zu können. Mich überkommt Melancholie. Hier habe ich fast achtzehn Jahre lang gelebt. Fast mein ganzes Leben habe ich im Thurgau verbracht. Und nun bin ich sozusagen St. Gallerin geworden. Thur-Toggenburgerin gefällt mir besser

Der Schnee steht uns bis zu den Knien. Die Eiszapfen hängen von den Dächern und schillern bunt, als die Sonne durch sie hindurch scheint. Unser Haus steht, umgeben von weiss, einfach da. Es lebt wieder.

Verschwundenes

Nachdem wir das ganze Haus geleert und Gerümpel entsorgt haben, bleiben doch noch einige Fragen offen.

Mutter Schulhefte sind verschwunden. Das ist schade, denn sie konnte nicht nur wunderbar schreiben, sondern auch zeichnen. Ihre Sicht auf die Welt, als sie noch ein Teenager war, hat mir beim ersten Lesen vor Jahren sehr gefallen.

Einer der schlimmsten Streite mit meiner Mutter entstand wegen der schönsten Christbaumkugel der Welt. Ich war vielleicht vierzehn Jahre alt. Weihnachten 1991. Meine Mutter sagt zu Omi Paula, sie wünscht sich nichts sehnlicher als die braungoldene, wunderschöne Kugel, die sie schon als Kind gerne mochte. Ich stehe daneben und sage: „Omi, kann ich die nicht kriegen?“ Meine Mutter wird sehr wütend und zischt mich an: „Das ist meine!“

Als meine Mutter sechzehn Jahre später im Sterben liegt, muss ich wieder an die Kugel denken. Ich frage Omi danach, vielleicht bereitet es Mutter ja Freude, wenn sie die Kugel noch einmal sieht. Omi kann sich nicht erinnern, welche Christbaumkugel es sein könnte. Als ich vor zwei Jahren den Christbaumschmuck sichten konnte, fand ich keine braungoldene Kugel. Ich weiss bis heute nicht, über welches Teil ich mich mit meiner Mutter damals so gestritten habe.

Ich habe immer gehofft, ich würde Briefe von Anna finden. Erhalten sind nur jene von Henri. Vielleicht tue ich Röös unrecht, aber ich habe den Eindruck, als wären alle Spuren von Anna getilgt. Nur die Todesanzeigen von ihr und Nelly bezeugen, dass sie gelebt haben. Dann ist da noch dieses paar Schuhe. Sie sind uralt und klein. Röös hatte grössere Füsse. Vielleicht haben sie ebenfalls Anna gehört.

Der andere Klang

Erst jetzt wird mir bewusst, in welchem Lärm wir vorher im Thurgau gewohnt haben. Wir lebten an der Strasse zwischen Frauenfeld und Weinfelden, der Rübenstrasse. Tagein und Tagaus fuhren Traktoren an unserer Stube vorbei. Immer wieder vibrierte das ganze Haus. Wenn wir TV schauten, verstanden wir jeweils für einige Sekunden kein Wort mehr. Dasselbe geschah, wenn vom nahegelegenen Waffenplatz Panzer bei uns vorbei donnerten. Gegenüber unserer Wohnung lag eine Garage. Es war keine Seltenheit, dass wir am Samstagabend von Gehupe und Motorengeheul geweckt wurden.

Hier im Toggenburg ist alles anders. Unser Haus liegt in einem Tobel. Es ist windstill und ruhig. Der Bach plätschert vor sich hin. Er wirkt beruhigend. Vögel pfeifen. Zum ersten Mal seit Jahren sehe ich wieder auf einen Baum vor dem Haus. Amseln klettern darauf herum. Am Samstagabend läuteten die Kirchenglocken. Ein heimeliges Gefühl, obwohl ich nicht gläubig bin. Es erinnert mich an meine Kindheit im Thurgau.

Ich genoss die Samstagabende bei Omi in den Ferien. Wir spielten den ganzen Tag und abends kochte Omi unser Lieblingsessen. Um sechs Uhr abends läuteten die Kirchenglocken. Wir schauten fern.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist es Sonntagmorgen. Wieder haben die Glocken geläutet. Es ist ein zärtlicher Klang. Draussen fällt Schnee. Von unserem Schlafzimmer aus sehe ich auf die Dächer der Nachbarhäuser. Es ist alles ganz ruhig, nur das Tapsen der Katze rauscht durch das Haus.

Eine erste Nacht und ein erster Tag

Spätnachts bin ich ins Bett gefallen und eingeschlafen.
Die Katze liess uns im Stich. Es war ihr wohl zu kalt im Schlafzimmer. Es ist anders als im Thurgau. Das Haus braucht einige Tage, bis die Mauern warm sind. Wir müssen uns alle umgewöhnen.

Ich mummle mich in tausend Decken ein. Omi wusste schon, warum sie eine halbe Herde Schaffelle gekauft hat. Leise rauscht der Bach neben dem Haus. Wir schauen auf die anderen Häuser. Von unserem Schlafzimmer aus wirkt alles kleiner. Wir spüren hier unten nicht mal die Bise.

Sascha und ich fahren zurück in den Thurgau und fangen, das Bad zu putzen. Es ist seltsam. Die Wohnung ist fast leer. Es stehen nur noch jene Möbel hier, die wir weitergeben oder aber entsorgen lassen. Entsorgung ist ohnehin ein schreckliches Wort.

Wieder muss ich mich entscheiden: was ist mir noch wichtig? Was ist Gerümpel? Die Schränke sind bald leer geräumt. Fast nichts mehr erinnert daran, dass ich fast fünfzehn Jahre in dieser Wohnung und achtzehn Jahre im Haus gelebt habe.

Zügelfieber

Gestern sind wir nun also aus dem Thurgau ins Toggenburg gezogen. Der Tag ging vorbei wie im Fluge. Ich fühlte mich wieder kraftvoll.

Um viertel vor sieben kamen die beiden Zügelmänner an. Ich packte sofort die Katze ein, die das anfänglich gar nicht witzig fand. Fast zwei Wagenladungen voll mit unseren Kisten und den Möbeln stapelten die beiden Männer. Sie taten es aufgestellt und sehr freundlich, was in unserer Situation wohltuend war.

Sascha sorgte für die Katze und beantwortete Fragen der beiden Männer, derweil ich die Küche fertig ausräumte, mich von Geschirr trennte und anfing zu putzen. Draussen tobte ein kalter Wind. Durchzug. Abschied von den Nachbarn. Keine Tränen.

Um elf Uhr ging die Fahrt los.

Wir waren sehr dankbar, dass unsere neuen Nachbarn offenbar Saschas Flyer gelesen hatten und niemand die Einfahrt versperrte. Ich ging mit der Katze ins Haus, deponierte sie in ihrer neuen Stube und Sascha fing an, Schnee zu schippen.

Es war ein seltsames Gefühl, vor dem Haus zu stehen und sagen: jetzt bist du daheim. Das ist deins.

Das Haus war kalt. 5°C. Sascha feuert ein. Ich fange damit an, die Küche einzuräumen. Schmeisse weiter Sachen weg. Es ist ganz leicht. Was nicht passt, kommt weg. Mit einem Mal weiss ich, was wohin gehört.

Ich bemerke meine Müdigkeit. Jetzt in die Stube aufs Sofa liegen, neben die schnurrende Katze und schlafen. Das wärs. Aber das geht ja jetzt nicht. Später. Ich räume weiter aus.

Der Berg von Schachteln wird nicht kleiner. Aber immerhin ist die Küche jetzt ausgestattet und einsatzbereit. Vor lauter Auspacken vergesse ich das Essen. Das wird mir erst klar, als es mir trümmelig wird. Sascha kauft mir ein Sandwich. Ich esse. Packe weiter aus.

Die Katze darf schliesslich aus der Stube raus, als die Zügelmänner gegangen sind. Für sie ist es das erste Mal, dass sie in einem Haus mit Treppen lebt. Sie geht auf Entdeckungsreise. Sie ist neugierig. Ich erkenne sie nicht wieder. Mit einem Mal wird mein kleiner Stubentiger zu einem Raubtier. Das Estrichabteil, in dem ich Mäuse vermute, hat es ihr angetan. Kriege ich wohl bald kleine Geschenke von ihr?

Um Mitternacht falle ich ins Bett. Ich möchte lesen, aber die Nachttischlampe ist noch irgendwo im Haus. Aber ich weiss jetzt: Das Haus verliert nichts. Ich bin glücklich.

Mittwochsfreude

Zwei Tage vor Umzug stehen alle Zeichen auf Sturm. Ich bin müde, erschöpft und kann nicht mehr schlafen. Ich bin unruhig.

Wir fahren zu IKEA und kaufen Saschas Schreibtisch. Sein jetziger Arbeitstisch kommt in unsere Küche. Mit einem Mal interessiert mich die Küchenausstellung mehr als je zuvor. Schliesslich wollen wir, irgendwann, die über sechzigjährige Küche renovieren.Ich ignoriere sogar tobende Kinder, die ihre Mütter terrorisieren. Das muss die neue Gelassenheit sein.

Von St. Gallen aus düsen wir ins Toggenburg. Sascha will die Türen noch beschriften, damit die Zügelleute sich orientieren können und ich meinen Büroboden sehen. Wir waten durch tiefen Schnee. Mit einem Mal leuchtet mir unser Haus entgegen und ich muss dran denken, was ich an Weihnachten 2013 gehofft habe: im nächsten Jahr ist das Haus belebt.

Belebt war das Haus wohl: da waren wir, die wir sechzig Jahre Familienschrott entsorgten. Mein Vater und seine Frau, die uns immer wieder tatkräftig mit der Gartengestaltung unter die Arme griffen. Röteli und Simeli, die uns immer mal mit einem Besuch auf der Fensterbank erfreut haben. Ich erinnere mich auch noch an den Sektenheini, der zu Omi wollte und den ich zum Teufel gejagt habe. Und dann waren da noch die Schreiner letzte Woche, die den Boden meines Büros ersetzt haben.

Die alte Werkstatt, der versiffteste Raum im ganzen Haus, verschimmelt, vermodert, ist renoviert. Ich kanns gar nicht glauben. Ich bin nahe an den Tränen, weine aber nicht, weil ich dazu zu müde bin und später wieder in den Thurgau fahren muss. Der Raum ist wunderschön geworden. Nichts, schon gar nicht der Geruch, erinnert an die Unordnung, die wir langsam abgetragen haben. Ich weiss genau, wo welches Möbel hinkommen wird. In die Ecke der Arbeitstisch, das Schreibzeug. Dort die Regale für die Schnittmuster und Wörterbücher. Eine Sitzecke für die Katze.

Ich denke, während ich in dem Raum stehe: Das muss Omi sehen. Das glaubt sie mir nie.

20131008_105132

Sommer 2013

20140724_154328

Sommer 2014

20141222_142529[1]

Weihnachten 2014

 

20150103_142728

Neujahr 2015

 

20150204_190031[1]

20150204_185010[1]

20150204_184743[1]

Februar 2015

Züglete. Endspurt. Schlafmanko

Die Wohnung leert sich langsam. Nur noch Regale stehen herum. Einige Bilder. Die Spiegel. Die Katzenschlafplätze.
Ich bin müde. Jetzt könnte ich einfach einschlafen und erst wieder im Frühling erwachen. Wir brauchen noch einen Schreibtisch für Sascha. Und ich will den Boden meines Ateliers vor dem Einzug sehen.

Der Boden des Ateliers ist neu gemacht. Der Schreiner hat ihn in zwei Tagen neu gelegt. Es hat sogar eine Dampfsperre. Ich erlerne praktisch täglich neue Wörter.
Morgen nach meinem Feierabend fahren wir hin. Dabei wäre es gescheiter, wenn ich einfach schlafen ginge. Aber wahrscheinlich spielt das jetzt gar keine Rolle mehr. Schlafen kann ich später.

Kurz gesagt: der Thurgauer Estrich muss noch durchetikettiert werden. Ich muss mich entscheiden, was ich mitnehmen will und was nicht. Ha! Man gebe mir weitere zwölf Stunden pro Tag.

Die Katze, bald dreizehn Jahre, übrigens, geniesst den Kartonberg. Nachts besteigt sie ihn, gurrt, miaut und weckt mich. Mich nimmt ja nur wunder, wie sie das im Toggenburg noch toppen will.

Die Kindheit, Erich Kästner und ich

Mit acht Jahren erhielt ich von Opa Walter das Buch „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner geschenkt. Es hatte einen rot-goldenen Einband mit Zeichnungen drauf. Ich las es in einem Schnurz durch und habe doch gar nichts verstanden.

Doch dann sahen wir gemeinsam in der Toggenburger Stube Ruedi Walter in der Rolle des Millionärs. Ich war mit einem Mal sehr dankbar für das Buch.
Ich las „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und schliesslich das mich prägende Buch „Als ich ein kleiner Junge war“.

Kästners Schreibweise hat mich angesprochen. Sein Spruch „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.“ hat mich sehr geprägt.

Meine Kindheit mag ich nicht vergessen. Aber ich mag sie in Ruhe verdauen. Die Samstagnachmittage mit meiner Mutter vor dem Fernseher werd ich nicht mehr los.