Ein Pullunder für zwei Männer

Ich weiss gar nicht mehr, ob ich den fast fertig gestrickten Pullunder in den Hinterlassenschaften meiner Mutter oder aber im Haus gefunden habe. Möglicherweise wurde der Pullunder nämlich von Uromi Röös angestrickt.

Der Pullover wurde aus rot-schwarz-grauer Wolle gestrickt. Er ist altmodisch, keine Frage. Aber er hat was. Die Wolle ist angenehm auf der Haut zu tragen.

In meiner Familie wurde munter gestrickt. Meine Mutter hat mehrere, wunderschöne Pullover für mich angefertigt. Einen davon, den blauen, habe behalten. Ich trage ihn auf jenem unseligen Kindergartenfoto, wo ich lieber geheult hätte, als auf Kommando zu grinsen.

Omi Paula hat nie gestrickt. Durch ihre Sehbehinderung war ihr das nicht möglich. Vor einigen Jahren erklärte sie mir, wie dies zustande kam. Omi arbeitete als junges Mädchen nämlich in einer Strumpffabrik. Dort hat sie Strümpfe auf Löcher geprüft und dabei wurden ihre Augen trüb.

Ich freu mich drauf, den Pullunder fertig zu stricken, damit Sascha ihn tragen kann. Hier im Toggenburg sind die Winter nämlich lang und kalt.

Gartenglück

Bei milden Temperaturen machten wir uns heute daran, einen Haufen alter Äste abzutragen, die hinter dem Waschbärenstall lagen. Im letzten Jahr haben wir so viele Äste geschnitten, dass man die bald einmal zum Anfeuern brauchen kann.

Der Komposthaufen war ebenfalls ein Sorgenkind.
Leider hat Omi einen Teil ihres Mülls darin entsorgt. Langsam haben Sascha und ich den Haufen abgetragen und die halb verrotteten Plastikteile entsorgt.

Der alte Hühnerstall war ebenfalls zugestellt mit allerlei Gerümpel. Jede Menge behandeltes Holz stand herum. Wir müssen dies, nicht ganz billig, entsorgen. Sascha räumte den Stall aus und wischte ihn. Als Spinnenphobikerin bin ich froh, dass er diesen Part übernommen hat. Dass er dann am niedrigen Balken noch den Kopf angeschlagen hat, trug nicht zu seiner guten Laune bei. Am eigenen Leib bekommt er zu spüren, dass die Menschen noch vor zwei Generationen wesentlich kleiner waren als heute. Zumindest in meiner Familie und im Toggenburg.

Das Gefühl, im langsam erwachenden Garten zu arbeiten, ist grossartig. Ich weiss, was ich anpflanzen will und wo. Ich weiss, was wir noch alles entsorgen müssen. Ich lese den Müll zusammen, den ich auf dem Grundstück finde. Es ist nicht wenig.

Über unserem Haus kräht einer unserer Nachbarn. Es ist eine Krähe. Er scheint uns neugierig zuzuschauen, was wir da unten treiben. Ich hoffe, er findet bald einmal den Weg in unseren Garten.

Als ich am Bach stehe, muss ich an Uromi Röös denken. Unter ihren Händen verwandelte sich der Garten in eine riesige Tulpenwiese. Ich hoffe, dass sich auch mir das Gartenglück erschliessen wird.

Omi, der Müll und ich

Es ist schon seltsam. Omi lebt seit zweieinhalb Jahren nicht mehr hier, doch ihr Dasein hat Spuren hinterlassen. Ihre Schränke sind leer, ihre alten Kleider verschwunden, ebenso ihre Schuhsammlung. Ich habe ihr Lieblingsgeschirr behalten. Ihr Lieblingsglas. Ihre Heiligenbilder.

Gestern haben wir den alten Komposthaufen befreit. Ich hab mich drauf gefreut, seine Erde für die Blumen zu gebrauchen. Leider dauerte die Freude nur kurz. Omi hat den Haufen offenbar nicht nur für verderbliche Reste gebraucht, sondern vor allem als Müllkippe. Tonnenweise Joghurtpapier, Katzenfutterdosen, Plastiksäckchen und Folien kamen zum Vorschein. Teilweise hat die Erde eine ockergelbe Farbe, so dass ich sie wohl oder übel entsorgen muss. Ein Trauerspiel.

Aber es wundert mich nicht. Omi hat sich die letzten Jahre im Haus nicht mehr gut orientieren können. Die offiziellen Müllsäcke waren ihr zu teuer. Einen Teil des Mülls hat sie verbrannt, was der Kaminfeger rasch gemerkt hat. Wo der andere Teil steckt, weiss ich jetzt.

Im alten Hühnerstall stossen wir auf Eternit-Blumenkästen. Die kann ich für die Bepflanzung brauchen. Warum Omi ein WC-Beseli (angeschimmelt) in einem der Kästen verstaut hat, werde ich nie erfahren.

Nachdem gestern meine Freundin Daniela vorbei kam und sich Stoffe ausgesucht hat, kann ich den Rest entsorgen. Ein Teil der Stoffe ist „rostig“ oder brüchig. Nicht mehr zu gebrauchen. Das gibt (mindestens) eine Fuhre zur Altkleidersammlung. Einige Stoffe sind bestimmt fünfzig Jahre alt und stammen von meiner Uromi Röös. Hosenstoffe und Anzugsstoffe behalte ich. Aber alles, was nicht mehr gut beisammen ist, kommt weg. Und das ist gut so.

Frühlingsgefühle

Der Schnee ist abgetaut. Rund ums Haus spriessen die Knospen. Die Primeln im Garten strecken schüchtern ihre Köpfe aus dem Boden. Die Schneeglöckchen recken sich mutig aus dem Schnee. Frühling. Endlich!

Ein Amselmännchen sitzt auf dem Zaun und schaut neugierig auf unser Haus. Mittlerweile streifen drei paarungswillige Kater ums Haus und ersuchen unsere Katze Dreizehntel (13 Jahre alt!) um ihre Gunst. Auch in ihre Glieder scheint der Frühling gefahren zu sein. Sie springt und hüpft und maunzt wie eine junge Katze.

Als nächstes habe ich vor, unseren nicht-existenten Garten zu bepflanzen, beziehungsweise die Pflanzen in Töpfen zu ziehen. Dort, wo nämlich die Beete entstehen sollen, ist im Moment rein gar nichts ausser Wiese. Ich bemerke, wie sehr mir die Sonne gefehlt hat. Im Gegensatz zum Thurgau scheint im Toggenburg die Sonne öfters. Es ist hell, obwohl es kühl ist. Sogar die Luft schmeckt nach Holz und Bergen.

Ich werde mich überwinden müssen, im dunklen Keller nach Töpfen zu suchen. Meine Angst vor Spinnen ist nämlich (noch) nicht weg. Alles ist noch immer so, wie Opi Walter es verlassen hat. Es kostet mich Überwindung, Veränderung einzubringen.

Als ich Omi letzten Freitag besuchte, meinte sie, sie freue sich, mich in meinem Haus besuchen zu dürfen. Dann fragte sie, wo ich jetzt wohne. Ich nannte ihr die Adresse. Sie schaute mich lange und nachdenklich an. Dann entgegnete sie:
„Dort lebst du also. Ich kannte mal jemanden, der auch dort gelebt hat.“
Was sollte ich sagen?
„Ich bin neugierig, wie es jetzt aussieht“, sagte sie schliesslich, „die Zeit verändert alles. Nur die Liebe bleibt.“

Herisau – Toggeburg eifach

Gestern bin ich zum ersten Mal seit vielen Jahren vom Toggenburg aus mit dem Zug nach St. Gallen gefahren. Die Fahrt durch den Wasserfluhtunnel ist heute noch fast genauso aufregend wie in meiner Kindheit.

Ich musste dran denken, wie ich jeweils mit Omi an die Olma gefahren bin. Wir konnten uns fast nicht satt sehen an den grünen Hügeln um uns herum. Damals hatten die Nichtraucher-Abteile noch grüne und die Raucher-Abteile rote Polster. Man konnte die Fenster herunterlassen und die Fahrt geniessen. Omi hatte in ihrer schwarzen Handtasche immer Süssigkeiten und eine Flasche Cola für mich dabei, für den Fall, dass es mir schlecht würde.

Gestern wurde mir kotzübel. Ich hatte keine Cola dabei.
Wir nahmen auf seitlich angebrachten Sitzen Platz, weil der Zug voll war mit Leuten, die ihr Gepäck auf den Nachbarsitzen parkiert hatten. Ich hasse es, mit solchen Leuten zu diskutieren.

Auf dem Heimweg musste ich an Anna denken, die vor bald hundert Jahren meinen Urgrossvater Henri geheiratet hatte. Sie lebte in Herisau. Wie lange die Fahrt von Herisau nach Wattwil wohl dauerte? Wie hat sie ihre Aussteuer transportiert? Hatte sie Heimweh?

Als wir im Haus ankommen, scheint die Sonne. Erste Schneeglöckchen drücken ihre Köpfchen durch den Schnee an die Oberfläche. Es wird Frühling.

Die Stobete

Heute habe ich endlich das gemacht, was ich mir seit langem gewünscht habe: nach Feierabend einfach so Paula besuchen.

Nach dem ganzen Zügelstress und der Grippe fand ich heute endlich Zeit, bei ihr vorbei zu schauen. Wir kamen in einem guten Moment.

Paula sass breit grinsend vor einem Milchkaffee und hörte drei Männern beim Musizieren zu. Die gemütliche Ländlermusik schien Paula und die anderen Bewohner im Esssaal sehr zu erfreuen. Die einen sassen interessiert da, einige andere schliefen friedlich. Paula jedoch lächelte und klopfte den Takt zur Musik mit.

Omi erschrickt, als ich sie begrüsse und ihren Rücken berühre. Ich vergesse für einen Moment, dass ich in ihrer Welt nicht mehr einfach so existiere. Wir küssen uns kurz. Die Begrüssungen sind nicht mehr wie früher.

Ich setze mich hin und wir reden kurz, doch Omi ruft nach der Pflegenden. Sie sagt: „là-haut!“ und zeigt mit dem gichtigen Zeigefinger nach oben. Die junge Frau nickt wissend und hilft ihr aufzustehen. Sie begleitet sie auf die Toilette im oberen Stock. Ich bin erstaunt, weil Omi nie Französisch gelernt hat.
Nach zehn Minuten kehrt Omi winkend und grinsend zurück und wirkt so, als käme sie gerade von einer Weltreise. Sie freut sich, als sie mich sieht, begrüsst mich, Sascha und auch die etwas verkniffen aussehende Tischnachbarin erneut.

Die Tischnachbarin findet die Begrüssung nicht so nett und knurrt Omi zu: „Ich bi dänn im Fall scho vorher do gsi!“*
Omi lächelt ihr freundlichstes Omi-Lächeln und meint:
„Da han ich dänk scho gwüsst. Han nu well bsunders fründlech mit dir si!“**

Die Musik spielt weiter auf. Mit einem Mal kann ich mir genau vorstellen, wie Omi Paula als junges Mädchen war. Das Klatschen fällt Omi heute schwer. Ihre gichtigen Hände sind lautlos geworden.

Ich habe Omi einen Strauss gelber Tulpen mitgebracht. Lieber hätte ich ihr rote Nelken geschenkt, denn das sind ihre Lieblingsblumen. Omi schaut zuerst auf die die Blumen, dann blickt sie mich mit ihren grauen Augen an und sagt: „Schad, dass da Mamme nöd gseh chan.“***

* „Ich war im Fall vorher schon da!“
** „Das weiss ich doch. Ich wollte nur besonders freundlich zu dir sein!“
*** „Schade, dass meine Mutter das nicht sehen kann.“

Bachtosen

Gestern früh, als ich aufwachte, wusste ich genau, was passiert war. Ich kannte das Geräusch noch aus meiner Kindheit.

Der kleine stille Bach neben unserem Haus hatte sich nach einer Nacht der Regenfälle in einem wilden, gelben Sturzbach verwandelt. Sein Tosen drang durch die Fenster hindurch.

Als ich noch ein Kind war, wurde Opa bei Regen nervös. Er fing dann jeweils an, auch mitten in der Nacht, alles ums Haus herum zusammenzuräumen. Er kannte die Launen des Baches zu gut.

Der Bach trat nur einmal über die Ufer. Er zerrte Holz mit. Das Haus wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen. Zum Glück.

Gestern morgen fühlte ich wieder versetzt in meine Kindheit. Ich rannte zum Fenster und schaute hinaus. Der Bach toste und ich hielt für einen kleinen Moment Ausschau nach meinem Grossvater, der hastig das Holz ums Haus versorgt. Doch dann fiel mir ein, dass das jetzt unsere Aufgabe ist.

Die Alt-Vorderen

Beim Einräumen meines Atelier wird mir bewusst, wie sehr ich mit dem Beruf und der Herkunft meiner Urgrosseltern schon immer verwoben war.

Die Wollknäuel türmen sich. Stickgarne in allen Farben. Alte Musterbücher. Opas Zuschnittbuch. Stoffscheren.

Alles scheint sich hier im Toggenburg um Stoff und Wolle zu drehen. Es wundert mich nicht. Das ganze Haus duftet nach Handarbeit. Ich kann mir gut vorstellen, wie Uromi Röös in der Stube, wo ich jetzt, beim Schreiben dieses Textes sitze, sass und Socken strickte. Sie konnte nicht nur mit Stricknadeln umgehen, nein. Sie konnte auch wunderbar nähen und sie hat es bis zum hohen Alter getan.

Es ist ihr wohl auch nichts Anderes übrig geblieben. Denn hier im Haus gabs damals wohl noch keinen Fernseher, keinen Telephonapparat, natürlich keinen Internetanschluss und erst später einen Radioapparat. Dieser steht übrigens heute noch hinter der Türe. Ich liebe ihn, er passt perfekt in die dunkel getäferte Stube, als wäre er eigens dafür geschaffen worden.

Meine Urgrosseltern wirkten auch auf den letzten Fotos verliebt. Vielleicht lag das daran, dass sie gar nicht anders konnten, als miteinander zu reden. Auf einem meiner Lieblingsbilder von ihnen sitzen sie da. Beide halten sie ein Glas Schnaps in den Händen und strahlen sich an. Sie waren damals weit in den 80ern. Die Zärtlichkeit des Moments aber lässt sie jung erscheinen. Wer weiss, was sie alles gemeinsam durchgestanden haben, welche Klippen sie gemeinsam umschifft haben.

Es scheint mir ein Privileg, jetzt hier im Haus wohnen zu können. Ob ich meine Beziehung auch bis ins hohe Alter so liebevoll leben kann?

 

heinrich_rosa (785x578)