paula und das alter

es ist schon sehr seltsam.
während meiner und saschas grippe sind wir natürlich nicht ins toggenburg gefahren. nein! wir sind sogar danach mal wieder für zwei tage in unser lieblingshotel gereist und haben es uns gut gehen lassen. das war auch bitter nötig. ich fühle mich noch immer erschöpft. der gang in paulas haus fällt mir nicht leicht.

letzten montag jedenfalls gingen wir wieder bei ihr vorbei, nicht ohne sie vorher anzurufen, was sie noch bräuchte:

3 bananen
6 äpfel
1 pack incarom

„alles andere haben die hier. die verwöhnen mich. es hat immer genug zu essen. ich werde langsam dick.“
ich nicke durchs telephon.
ich kann nicht ausdrücken, wie froh ich bin, sie im altersheim zu wissen.
sie wird gepflegt, muss keine angst mehr haben, nachts.
keine fremden leute mehr ums haus.

sie zeigt uns ihr zimmer, als wäre es das erste mal.
„hier. das ist der barri. der ist so weich.“
sie zeigt auf den plüsch-sennenhund, den ich ihr vor jahren gekauft habe.

wir reden darüber, wie lange sie schon hier ist.
sie kann sich nicht mehr erinnern.
„weisst du denn, wie alt du im mai wirst?“
paula nickt eifrig.
„55.“
sie grinst.
„aber ich fühle mich wie 45.“

opa walter

heute ist also der 7. januar.
heute vor 16 jahren starb walter, mein opa.

ich bin natürlich nicht mehr so traurig wie damals.
walter war schwer krank. er litt an leber- und lungenkrebs und ist einfach so, ganz langsam, innerhalb von drei monaten gestorben. er wurde immer dünner, seine haut pergamentartig und am ende gelb. walter hatte strahlend blaue augen, ein wenig wie peter o’toole in „lawrence von arabien“. er hatte auch blondes haar.

walter bekam am ende morphium und ist, begleitet von paula, um punkt acht uhr morgens verstorben. paula war sehr verstört. sie und walter hatten jahrelang streit. zumindest hab ich es als das angeschaut. sie schrien sich gerne an. heute deute ich das als leidenschaftliches lieben.

paula sagte mir, am ende seien sie so nah beieinander gewesen wie damals, als sie sich in ihn verliebt hat und er sich in sie. sie sagte sogar, sie hätte sich wieder eine intime beziehung vorstellen können.

all das schwirrt mir heute durch den kopf.

ich denke an den schlichten, ja ärmlichen sarg, geschmückt mit gestanzten goldenen kartonblumen. wenig kränze. einige ältere herren, die mit ihm im aktivdienst waren,sind traurig. walter war ein lustiger, einer, der die musik im blut und den roséwein in den adern hatte. sie alle, die überlebt hatten, kamen an seine beerdigung. ich stehe zwischen meiner schwester und paula, meine mutter nebendran. meine schwester und ich weinen wie schlosshunde, als wir im trauerzug durch das städtchen laufen. ich weine, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass opa in dieser schäbigen kiste drin liegt. ich will mir nicht vorstellen, dass er nicht seinen blaumann trägt, sondern seinen anzug für den ausgang. das hier war alles andere, aber nicht ausgang.

für mich bleibt er mein lieber opa. schon früh hatte er wenig zähne. grauenvolle angst vor dem zahnarzt, weil ihm während des krieges einer wirklich weh gemacht hat. mit opa habe ich eisenbahn gespielt. über archäologie, physik, chemie und den zweiten weltkrieg diskutiert, werkzeuge geputzt und sortiert. geflucht. oh ja. wir beiden konnten wunderbar zusammen herumfluchen.

opa walter war wie alle männer meiner familie: sanft. lieb. friedlich. er hat uns kinder sehr gemocht. ich glaube, er war furchtbar stolz auf uns. am 25sten dezember 1996 bat er mich in die stube, wo er zwei wochen später sterben würde. er segnete mich und bat mich, alle meine träume zu leben. er sagte: „du kannst das. du bist wunderbar.“

dann ging ich. ich hab ihn nie wiedergesehen ausser in meinen träumen.

lächeln.

ich arbeite dieses jahr über weihnachten durch. zum ersten mal seit langem habe ich keinen der feiertage frei. die kolleginnen mit kindern haben sich frei gewünscht. ich habe keine, da fällt die wahl leicht.

ich war recht erledigt, als ich heute mittag mit sascha ins auto stieg und ins toggenburg fuhr. eigentlich wollte ich mich vor einem besuch drücken, einfach mal ausruhen. ich dachte mir, dass paula ja gar nicht so genau weiss, ob weihnachten ist oder nicht.

die fahrt ins toggenburg zieht sich in die länge. wir fahren hinter sonntagsfahrern her. zwischendurch machen wir einen halt. ich besuche das grab meines kleinen bruders sven und sage ihm, wie sehr er mir an weihnachten fehlt. ich denke, die schulter meines bruders zum anlehnen wäre jetzt gerade praktisch. doch an seiner statt bleibt nur der baum, den mein vater vor 33 jahren angepflanzt hat.

wir fahren weiter, ins altersheim. als wir in den eingang kommen, steht ein kleiner tisch mit dem bild eines alten mannes drauf. paulas flurnachbar ist tot. ich schlucke schwer. wir gehen in den zweiten stock und finden paula in ihrem bett vor.
sie trägt keine brille, ihr nase ist ganz spitz und sie sieht sehr alt aus.

ich spüre es. sie bittet mich platz zu nehmen. hält mich mit ihrer hand fest. tätschelt meine schenkel. redet mit mir. sie sagt, es gehe ihr gar nicht gut. unkraut vergehe nicht. blutentnahme. keine entzündung. immer wieder: unkraut vergeht nicht.

verschiedene bilder tauchen vor meinem auge auf. ich sehe meine mutter vor mir, wie sie hechelt und kaum mehr atmen kann. ich denke: bitte nicht. nicht jetzt.

ich sitze an ihrem bett und möchte weinen. aber das geht natürlich nicht.
ich schlucke die tränen, den dicken kloss, runter. lächle.

kommunikation ist glückssache

wie schon vor einem monat gibt es bei einem altersheimeintritt sehr viele probleme, aber auch helfer.

als ich vor bald zwei jahren mit der spitex eine unterstützung für paula zum erledigen ihrer finanziellen dinge suchte, war ich froh, dass ich schnell hilfe bekam. herr muheim, mitarbeiter des gemeinnützigen vereins x, kam vorbei und erklärte paula, sascha und mir, wie wir vorgehen sollten. für paula war es damals noch klar, dass ich ihre finanziellen belange übernehmen sollte. ich wusste, dass ich das nicht wollte. herr muheim versprach, dies für die ersten monate zu übernehmen.

vor über einem halben jahr übergab er sein ämtli dann an seine mitarbeiterin frau ganzgenau. man kann seit dem letzten erlebnis sagen, dass frau ganzgenau und ich das heu nicht auf der selben bühne haben. gestern schickte mir sascha ein sms, dass frau ganzgenau mich anrufen würde. sie hatte ihm nicht sagen wollen, warum es ging, obwohl er ihr gesagt hatte, ich sei in einem seminar.

frau ganzgenau rief mich dann auch mitten im mittagessen an und kam sehr schnell auf den punkt.
„im oktober wurden vom konto ihrer grossmutter 300.- abgehoben. ich finde keinen beleg.“
ich zucke kauend die schultern.
„keine ahnung.“
„da muss aber eine quittung vorhanden sein.“
„ich weiss es nicht.“
„ihre oma kann sich an nichts erinnern.“
ich antworte nicht: logo, sie hat ja auch eine demenz, sondern kaue weiter.
„haben sie geld abgehoben?“
„wie bitte?“
„waren sie auf der bank und haben das geld genommen?“
eine leise welle von wut steigt in mir hoch.
„nein. das habe ich nicht.“
„haben sie vielleicht geld für den umzug genommen?“
die leise welle verwandelt sich in einen sturm. ich kriege einen roten hals. ich bin stocksauer. ich habe es bisher in meinem leben nicht nötig gehabt, das geld meiner 84jährigen oma zu klauen.
mühsam schlucke ich die wut runter und antworte:
„nein.“
frau ganzgenau stutzt und meint:
„irgendjemand muss das geld geholt haben. und ihre oma war nicht alleine dort.“
ich gebe ihr recht, verweise auf die spitex, die ich mal drum gebeten habe.
frau ganzgenau grummelt und meint:
„dann frag ich die.“
wir hängen auf.

ich unterbreche dann das essen und gehe an die frische luft. ich bin sehr, sehr, sehr wütend. das hat mir doch noch keine gesagt. ich verspüre grosse lust, einen kleinen schneemann zu zertrümmern, tue es aber nicht. ich informiere sascha.

fortsetzung folgt.

sommerferien bei paula

die sommerferien bei paula und walter im toggenburg waren die schönsten erlebnisse meiner kindheit. meine schwester und ich packten jeweils koffer (und migrossäcke) voll mit zeugs, das wir während zwei bis vier wochen mit zu ihnen nahmen. die eltern fuhren uns jeweils hin. dann verschwanden sie schnell wieder.

paula trug weite, bunte kleider. sie war gross gewachsen, ein wenig rundlich, aber nicht dick. ihr schwarzes haar war durchzogen von grauen strähnen. walter war schmächtig, hatte einen leichten buckel und trug fast immer seinen blaumann. nur wenn er in den ausgang ging, trug er einen feinen anzug mit krawatte.

wir waren vollkommen frei, meine schwester und ich. wir konnten spielen, bauten uns hütten aus tüchern über der wöschhänki, schwammen im lederbach, tollten mit barri herum oder schauten fern. manchmal gingen wir ins schwimmbad, wir gärtnerten, strichen das gartentor.

ich sortierte knöpfe, vogelfutter, walters werkzeug, studierte briefmarken, während meine schwester mit der schaufel barris haufen aus dem hohen gras fischte und in den bach schmiss.

manchmal machten wir ausflüge. wir reisten nach luzern zum löwendenkmal, ins kloster einsiedeln, in die epa nach st. gallen oder nach augusta raurica.

der sommer ging immer schnell vorbei. irgendwann ging ich nicht mehr zu paula und walter. ich glaube, mit 19 war ich das letzte mal da. ich hatte gerade eine woche im spital verbracht, da mein kiefer operiert wurde. ich konnte nicht mehr essen, nur noch trinken. es war warm draussen. paula verwöhnte mich wie ihren augapfel. barri schwänzelte um mich herum. walter lag im bett und fühlte sich krank. viereinhalb monate später würde er tot sein.

was paula trug

in meiner erinnerung war paula stets perfekt gekleidet. sie liebte kleider mit psychedelischen mustern, besonders jenes weisse mit den grossflächig aufgedruckten pied de poule.
auf vielen photos, paula liebte pilgerreisen nach rom und lourdes, trägt sie deux-pièces in mint mit tollen, hochhackigen schuhen. sie war, wie ich jetzt, in jungen jahren sehr gross, mindestens 10 cm grösser als mein opa walter. sie liebte modeschmuck in massen, immer elegant, immer einfach.

als paula älter wurde, schwenkte sie zu hosen über. sie trug dunkelblaue hosen, die nicht hauteng waren, darüber stets einen feinen wollpullover sowie eine elegante jacke.

die letzten jahre zog paula am liebsten trainer und ihre rote hose an. ihren pinken trainer, den sie von meiner mutter bekommen hatte, musste ich irgendwann entsorgen, weil er so fadenscheinig war.

seit sie im altersheim wohnt, wechselt sie ihre kleider täglich und sie fragt nach blusen, jacken und ihrer armbanduhr. sie blickt in den spiegel und sieht ihr gesicht und kann sich nicht erinnern, warum sie plötzlich falten hat.

ich frage mich, wie ich altern werde.

paula und der erste advent

seit wochen hab ich mir diesen termin in meiner vollbepackten agenda reserviert und langes, romantisches wochenende, konzertbesuch und candle-light-dinner gecancelled. am 1. dezember würde schliesslich die alljährliche, hochoffizielle 1. adventsfeier im altersheim von paula stattfinden. wir wurden speziell eingeladen, die karte zierte ein scherenschnitt, sehr schön und sehr klar von einer über 80jährigen erschaffen.

paula erwartete uns lächelnd, mit neuer frisur und gut gekleidet. wir setzten uns in den speisesaal des altersheims und harrten der dinge. meiner lust zu twittern, schaute paula gelassen entgegen. das instagram-pic jedoch haben wir mehrere male wiederholt, bis es paula passte. sie kann momentan nicht wirklich verstehen, warum sie falten im gesicht hat. das argument, dass sie bald 85 ist, schmettert sie ab.

der pfarrer trägt schwarzes hemd und anzug und eine dunkelrote krawatte, eine ebensolche brille. seine vorderzähne verstören mich, seine predigt ebenso. dass er weihnachten mit einem blitzschlag vergleicht, leuchtet mir nicht ein.
ich singe auch fünf strophen „macht hoch die tür, die tor macht weit“ mit, weil ich paula nicht brüskieren will. dass sie meinen gesang mit „du hast abgenommen, oder zora?“ quittiert, macht mich glücklich.

später sitzen wir da und essen kuchen, trinken koffeinfreien kaffee. paula findet, der kaffee sei zu heiss. „Der ist süttigheiss. Den blas ich mir kalt.“ Wir grinsen. Die anderen älteren Herrschaften am Tisch schauen betüpft auf uns drei. Wir lachen. Paula lächelt.
„Ich will nicht wissen, was ihr gerade meint.“
Dann gröhlen wir alle drei. Halten uns die Bäuche. Schönen Advent!

paula und uschis beerdigung

vor fünf jahren starb meine mutter. eine woche nach ihrem tod war die beerdigung in paulas wohnort. uschi wollte zwar, dass ihre asche in alle winde verstreut wird, aber paula wünschte sich einen ort zum hingehen. diesen wunsch wollte ich ihr erfüllen

das war etwas schwierig. uschi lebte im thurgau und starb in einem st. galler pflegeheim. paula lebt in einer gemeinde im toggenburg, die keine fremden begräbnisse zulässt. irgendwie habe ich es aber geschafft, einen tag nach uschis tod, wenig schlaf und vielen tränen, den gemeinderat umzustimmen. vielleicht haben die auch nachgegeben, weil ich geschildert habe, wie lange meine familie schon in dem städtchen ansässig ist und dass tote verwandte nun einmal auf einen friedhof gehören.

das vorgespräch mit dem katholischen priester war friedlich und schön. zwar sah ich wohl etwas puzzled aus, als er unbedingt mit mir und paula beten wollte, aber nun denn.

einen tag vor der beerdigung musste ich den transport von uschis urne aus dem thurgau organisieren. mein vater, längst von meiner mutter geschieden, bekam mit, dass mein damaliger freund keine zeit/lust hatte, mir dabei zu helfen. mein vater verbot mir, die urne alleine irgendwo hin zu fahren.
die erinnerung an das begräbnis meines bruders war ihm wohl sehr präsent. so fuhren denn mein vater, auf dem rücksitz in einer urne verpackt und angeschnallt: die asche meiner mutter, und ich ins toggenburg.

wir übergaben den tontopf dem friedhofmitarbeiter, der ihre sterblichen überreste übernahm. als ich einen blick auf die plakette nahm, musste ich unweigerlich lachen. uschi d., 1051 – 2007. das hätte ihr gefallen.

am nächsten tag war es dann soweit: paula, mein damaliger freund, meine tante berty, uschis freund, unser srilankischer mitarbeiter und einige freunde sassen in der kirche. uschis lebenslauf, den ich schreiben musste, wurde verlesen. der priester erzählte von uschis hobbies und ich hatte den eindruck, als wäre sie hier. paula war standhaft und im gegensatz zu mir weinte sie nicht. sie wirkte gefasst und irgendwie erleichtert, dass sie ihre tochter an einem sicheren ort wusste. mehr als einmal umarmten wir uns.

der priester übergab mir schliesslich eine kerze der hoffnung mit einem baum drauf als erinnerung an meine wurzeln und meine mutter.

nach dem gottesdienst trafen wir uns, noch ca. 6 leute, zum leichenmahl. ich hätte mir gewünscht, uschis rockerfreunde, die alten männer aus dem männerheim und ihre freundinnen wären da gewesen. stattdessen sassen wir im kleinen kreis da und redeten.

paula erzählte eine geschichte aus ihrer kindheit über ihren vater. berty, ihre drei jahre ältere schwester, auch schon über 80, fällt ihr ins wort:

„woher willst du denn wissen, wie das wirklich war. dafür bist doch noch viel zu jung.“

wir haben gelacht, bis wir geweint haben.

anna und ich

ich habe anna nie kennengelernt. was ich über sie weiss, habe ich nur von walter, meinem grossvater und paula gehört. auch paula hat sie nie getroffen, aber oft von ihr geträumt.

anna wurde zwischen 1890 und 1898 wahrscheinlich in herisau geboren. sie arbeitete als serviertochter in einem gasthof. in der zeit um 1914 hat sie meinen urgrossvater heinrich kennen gelernt. die beiden haben sich ineinander verliebt. 1924 wurde dann walter geboren.

das klingt auf den ersten blick sehr idyllisch.
in den letzten monaten, während paulas züglete habe ich viele briefe und dokumente über anna erhalten. mir wurde vieles klarer.

anna und heinrich haben sich sehr viele briefe und karten geschrieben. in ihren briefen hat sie in ihn immer henri genannt. sie haben lange zeit im toggenburg gelebt. erschütternd war für mich der tag, als paula mir annas todesanzeige in die hand gedrückt hat. ein kleines stück papier aus dem jahr 1947 erzählt mir, wie meine urgrossmutter unter furchtbaren qualen starb. sie litt an brustkrebs und starb als junge frau.

doch nicht genug. in dem kleinen schächtelchen, von dem ich nicht weiss, wer es immer so sorgsam mit andenken meiner familie gefüllt hat, finde ich noch mehr: die todesanzeige meiner grosstante nelly, die 1922 starb. niemand hat je über sie gesprochen. ich weiss nicht, woran sie gestorben ist.

nelly erinnert mich an meinen bruder sven, der ebenfalls als kind starb. wiederholt sich hier ein muster? warum fühle ich diese nähe zu anna? wenn ich ihr gesicht auf photos anschaue, sehe ich mich selber. wir haben dieselben kantigen gesichtszüge. dieselbe frisur.

ich hätte sie sehr gerne kennengelernt.

paula und die hunde

in meiner frühesten kindheit war paula eine absolute vierbeiner-hasserin. vor katzen hatte sie angst und hunde fand sie schlimm. ich durfte, wenn ich mit ihr durch die stadt marschierte, niemals einen hund anfassen. zu gross war ihre angst, der hund könnte mich beissen.

als sie dann anfangs der 80er jahre peu-à-peu zu meinem grossvater und den urgrosseltern gezogen ist, war da barri. barri war ein appenzeller sennenhund / schäferhund-mischling, etwas fett und hinkte. er genoss zwar den urgrosselterlichen grossen garten, aber wegrennen war eines seiner lieblingshobbies. und so wurde er eines tages auf der hauptstrasse angefahren.

paula mochte barri anfangs gar nicht. er roch komisch und war sehr verfressen.
als dann die urgrosseltern verstorben waren, zog oma endgültig zu opa. und zu barri. das war der beginn einer schönen freundschaft.

paula und barri verstanden sich nämlich immer besser. ich würde heute sogar behaupten, dass dieser hund paula geliebt hat. paula mochte es zu singen und barri jaulte dazu. paula hängte wäsche auf und barri hockte daneben und schaute zu. paula und walter stritten sich, barri heulte.

auch meine schwester und ich liebten es, mit barri zu spielen, herum zu rennen und seinen scheisshaufen auszuweichen, indem wir drüber hüpften.

in den 90er jahren mussten paula und walter barri einschläfern lassen. er war alt und krank geworden. für meine paula und walter war sein tod wie der eines geliebten kindes. sie wollte keinen hund mehr. nach walters tod freundete sie sich dann mit herumstreunenden katzen an.

heute besuchten wir paula im pflegeheim. als wir uns verabschiedeten, kam sie mit vor die türe, um uns zu winken. wie wir so vor dem eingang des heims stehen, kommt eine 50jährige frau mit langen haaren daher. an der leine führt sie einen putzigen, jungen berner sennenhund. paula vergitzelt fast.
sie jubelt und freut sich, grüsst die frau und den hund.

paula: hoi büsibüsibüsi!!!

der hund bleibt stocksteif stehen und starrt paula neugierig an.

paula: du bist aber ein süsser, lieber, kleiner!

der hund gähnt und schüttelt den kopf.

paula: hoi büsibüsibüsi!

zora: (zur grauhaarigen frau) meine oma hatte früher auch einen sennenhund.

die frau nickt wissend und fordert ihren hund auf, weiter zu gehen.
der hund entscheidet, paula definitiv interessanter zu finden als den befehl

paula: jösses, bist du ein herziger! du lieber, kleiner barri!

die frau zerrt an der leine. der hund sträubt sich.

paula: büsibüsibüsi!

die frau schafft es endlich, den hund fort zu ziehen und verabschiedet sich.

zora: das war ein hund, omi!

paula: ach ja?