Rosa und ich

Rosa war meine Urgrossmutter, die einzige, die ich je gekannt habe. Sie war die zweite Frau von Heinrich. Eigentlich war sie meine Stief-Urgrossmutter, doch das war irgendwie nie wichtig.

Rosa, oder „Röös“, wie sie von meinem Opa und meinem Urgrossvater Heinrich genannt wurde, war Ende der 70er Jahre eine alte Frau. Sie war immer noch ein Stück jünger als Heinrich, der damals um die 90 war. Rosa wirkte auf mich so, wie man sich eine Kräuterfrau vorstellte. Ihr Gesicht war faltig. Sie trug manchmal arg strapazierte Kleidung. Sie, war wohl, wenn ich es mit Paula vergleiche, auch in einem Zustand beginnender Demenz, damals.

Jetzt, wo ich Paulas Haus aufräume, das Haus, das einmal Rosa und Heinrich gehört hat, stosse ich überall auf Rosas Spuren. Die Strickmaschinen. Die vielen Schuhe. Bestimmt sind auch noch jede Menge Kleider irgendwo in den Schränken. Den Samowar habe ich schon entsorgt. Jede Menge Andenken an Brandenburg und die Havelmündung stehen herum. Auf Bildern und Negativen blickt mir eine herbe, aber selbstbewusste Frau entgegen.

Ich kenne Rosas Schicksal nicht genau. Fest steht nur, dass sie nach dem Krieg und nach Annas Tod 1947 meinen Urgrossvater geheiratet hat. Bald einmal zogen sie in das Haus. Rosa hatte Kinder, die aber hinter dem eisernen Vorhang aufwuchsen. Es gibt Bilder von ihnen, aber ich weiss nicht mal, wie sie heissen.

Jetzt, mit 36, dreissig Jahre nach ihrem Tod, entdecke ich Rosa ganz neu.
In den letzten Monaten, die Paula in ihrem Haus verbracht hat, war Rosa mehr als präsent. Paula hat mit ihr, der verhassten Schwiegermutter abgerechnet. Der Konflikt zwischen Rosa und Paula hatte kurz vor Rosas Tod fast zu einer Trennung zwischen Paula und Walter geführt.

Paula, gefangen in der Vergangenheit des Hauses, stiess immer wieder von neuem auf Rosas Gegenstände. Für Paula war klar, dass Rosa schuld war an dem Durcheinander, dem Verschwinden wichtiger Dinge und überhaupt an Paulas psychischem Zustand.

Ich schaue Rosas Porträts an und erkenne mich selbst wieder. Wie ich, war auch sie eine Frau, die sich gerne fotographieren liess, die Tiere liebte, ihr Haus einrichtete, gärtnerte, mit ihrem Mann kuschelte, rauchte und schöne Kleider trug.

Heinrich, damals 94, schrie im Frühling 1983 nach seinem Sohn Walter, der ihn und Rosa pflegte. Walter fand Rosa tot am Boden liegend vor. Heinrich überlebte ihren Tod kein Jahr. Aber irgendwie ist Rosa noch heute nicht fort, aus ihrem Haus.

9. August 1925img324   img291img100

Umgeben von Toten

Ich habe mich als Kind schon nicht gegruselt vor Toten.
In meiner Familie ist der Tod allgegenwärtig und vertraut.

Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Bruder. Zwar habe ich ihn nie gesehen, doch sein Sein hat Spuren hinterlassen. Ein einziges Photo habe ich von ihm.

Anders verhält es sich mit meiner Stief-Urgrossmutter Rosa und meinem Urgrossvater Heinrich. Sie sind mir nahe, obwohl ich erst sechs Jahre alt war, als sie beide starben. In meinem damaligen Empfinden waren beide uralt. Mein Urgrossvater wurde 95 Jahre alt!

Ich entdecke gerade die Welt dieser beiden Menschen, die auch im hohen Alter offenbar kein Problem damit hatten, sich ineinander verliebt zu zeigen. Auf den Bildern, die ich gefunden habe, ist Rosa eine herbe, aber stilsichere Frau, Heinrich, ein gemütlicher Mann mit einer enormen Ausstrahlung.

Fast 30 Jahre lang haben sie im Haus gewohnt. Beide sind sie darin gestorben. Das Haus atmet ihre Lebenshaltung aus: arbeiten. Fleissig sein. Sauber sein. Geniessen.

Einer ihrer Lieblingsplätze scheint die grüne Gartenbank zu sein. Mittlerweile ist sie von der Witterung beinahe verfault. Auf den Bildern ist die Gartenbank der Mittelpunkt jeglicher familiärer Aktivitäten. Sie sitzen drauf. Kinder turnen drauf rum. Der Hund thront brav vor der Bank.

Walter, mein Grossvater, hat die beiden zuhause gepflegt. Aus seinen Briefen erfahre ich, dass es zeitweise für ihn die Hölle gewesen sein muss. Dank erhielt er nicht viel. Er, der seit Jahren arbeitslos war, nahm die Bürde auf sich, zwei hochbetagte Menschen zu pflegen. Einen Spitex-Dienst gab es 1983 noch nicht…

Walter, Rosa und Heinrich sind seit Jahren tot. Doch im Haus leben sie noch immer. Ich finde ihre Gegenstände. Rosas Kämme. Heinrichs Strickmaschinen. Walters Zeugnisse. Rosas Fasnachtskostüme. Heinrichs Brillen.

Was bleibt von einem übrig, wenn man stirbt?

Aufräumen

Von Sonntag auf Montag hatte ich einen seltsamen Traum:
Ich sah mich, wie ich Paulas Schopf räumte. Ich sortierte Gerümpel, entsorgte Gegenstände, die defekt waren, warf alles weg, was nicht mehr brauchbar war.
Am Ende meines Traums war der ganze Raum sonnendurchflutet und ich erschöpft.

Als ich aufwachte, war ich aufgeregt. Ich wusste, ich musste einfach meinen Traum in die Tat umsetzen. Der Schopf war in einem schlimmen Zustand. Da Paula im letzten Jahr nicht mehr weit laufen mochte, stapelten die Haushaltshelferinnen Anzündholz und Holzscheite im Schopf. Da stapelten sich Geschirrberge, Tragtaschen voller Müll, Kartons in allen Farben und Formen.

Ich muss gestehen, dass ich bisher nicht die Energie dazu gefunden hatte, den Müll zu trennen und zu entsorgen. Schliesslich war es ja Paulas Haus und ich nur Gast. Doch nun, da Paula das Haus langsam vergisst, spüre ich, dass ich wirklich altes und neues trennen muss.

Es ist wirklich unglaublich: zwischen Reklamebriefen und alten Rechnungen, die Paula fein säuberlich geordnet hat, finde ich massenhaft Familienphotos, Briefe von mir und viele ungeschriebene Briefe von Paula an meine Mutter. Es rührt mich, wie sehr die beiden miteinander gerungen habe und erkenne mich selber darin.

Ich finde Negative von Photos meiner Urgrosseltern und sehe plötzlich, wie das Haus vor 40 Jahren ausgesehen hat. Ich sehe seine Bewohner, Gäste und die Tiere, die einst hier gelebt haben. Ich bin gerührt, wie liebevoll meine Urgrosseltern ihr Haus gepflegt haben. Einmal mehr fehlt mir auf, wie sehr das Haus lebt und doch wie auf einer Insel liegt.

Ich sehe die Zukunft des Hauses, während ich die Vergangenheit aufräume. Schirme, alte Staubsauger, einen defekten alten Samowar. Ich werfe einen vakuumierten Fleischkäse weg, den Paula in ihrer Büroschublade seit Sommer 2011 aufbewahrt hat. Immer wieder stosse ich auf handgeschriebene Zettel in Paulas schöner Schrift: Nicht vergessen, Paula! Denk dran, Paula! Rechnung einzahlen, Paula!

Dann finde ich einen Brief, der mich mehr als alles andere rührt. Mein Grossvater und Paula steckten in einer Ehekrise, weil mein Grossvater seine Eltern pflegen musste. Sie schreiben sich Briefe. Er entschuldigt sich bei Paula, dass er ungerecht zu ihr war und fleht sie an, zurück zu kommen, weil er das Leben hier, zwischen seinen greisen Eltern, nicht erträgt.

Ich bin den Tränen nahe, möchte mich hinsetzen und weinen. Ich empfinde das unbändige Verlangen, meinen Opa Walter zu umarmen und zu sagen: „Opa, ich versteh dich so gut!“ Doch dann fährt mir durch den Kopf, dass ich weiter aufräumen muss, nein: will!

Nach fast drei Stunden habe ich den Raum aufgeräumt. Ich nehme einen Papiersack voller alter Photos und Negative nach Hause. Dort scanne ich die Negative ein und entdecke wieder mein Haus darauf. Ich bin müde, aber glücklich.

Unser dreier Leben

Als ich heute morgen um 6.15 das Haus verliess, erstarrte ich. Über mir war der Himmel voller Sterne. So hatte ich ihn noch nie gesehen im Oktober.

Anders als andere Jahre habe ich heute gearbeitet. Ganz bewusst. Ich wollte eintauchen in Beschäftigung und nicht in trüben Gedanken herumwühlen. Anders als in anderen Jahren trug ich heute keine schwarze Kleidung.

Erstaunlicherweise hat das geklappt.
Ich war ganz bei mir. Konzentriert. Zufrieden.

Schon am Vormittag leuchtete die Landschaft um mich herum. Schon lange nicht mehr sah ich all diese Farben. Als ich Feierabend hatte und von Weinfelden über Land in Richtung Frauenfeld fuhr, war ich ergriffen von der Schönheit der Gegend. Jetzt, wo die Felder abgeerntet sind, sieht man erst, wie sanft gewellt die Böden sind.

Ich musste daran denken, dass vor sechs Jahren dichter Nebel geherrscht hatte. Erst kurz vor Uschis Todesminute lichtete er sich langsam. Die Sonne schien schüchtern.

Paula und ich hatten seit dem Vormittag gemeinsam an Uschis Sterbebett gesessen. Immer wieder hielten wir inne, wenn ihr Atem aussetzte. Meine Grossmutter und ich wussten, dass Uschi schon ganz nah an der Schwelle des Todes stand.

Als es schliesslich soweit war, die Pflegende hatte meine Mutter gerade umlagern wollen, ging es sehr rasch. Uschi blickte uns aus ihren braunen Augen traurig an. Nach einem letzten tiefen Atemzug war Stille. Aus ihrem einen Auge trat eine gelbe Träne.

Nachdem meine Mutter also gestorben war, öffneten Paula und ich das Fenster. Paula und ich blickten uns an. und umarmten uns. Wir hatten das Selbe gedacht: „Uschi will jetzt bestimmt eins rauchen gehen!“

Mein damaliger Freund kam zu spät.
Aber ich bin nicht unglücklich, dass ich diesen Moment des Übergangs mit meiner Mutter und meiner Grossmutter alleine teilen konnte. Für mich war der Ort von Uschis Sterben mehrfach emotional. Sie starb einige Meter entfernt von dem Ort, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Ihr eigener Geburtsort lag ebenfalls einige hundert Meter weit weg. Es schien mir, als hätte sich unser dreier Leben auf diesen Ort konzentriert. Loslassen und festhalten.

Ich bin dankbar, dass ich bei ihrem Tod dabei sein durfte und sehe es als ein letztes Liebesgeschenk meiner Mutter an. Dass wir nur drei Monate Zeit hatten, uns als Mutter und Tochter wiederzufinden, ist zwar traurig, aber in letzter Instanz dennoch tröstlich. Ich wünschte mir, sie wäre jetzt hier und könnte mich sehen.

Ein sehr langer Tag

Als ich vor sechs Jahren zum Frühdienst fuhr, hatte ich keine Ahnung wie dieser Tag enden würde.

Um acht Uhr wurde ich auf meinem Handy von der Pflegenden angerufen, die mir mitteilte, dass sich Uschis Zustand stark verschlechtert hatte. Ein Kollege vertrat mich, so dass ich einfach zu meiner Mutter gehen konnte.

Sie so zu sehen, wie sie da in ihrem Bett umhüllt von schöner, bunter Bettwäsche lag, war ein Schock. Ihr Mund war trapezartig verformt. Ihre Augen weit geöffnet, ins Leere schauend. Ich bin einfach nur zu ihr hingegangen und habe ihre Hand gehalten.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg. Was hätte ich auch sagen können? Ich hatte den Eindruck, als wäre ihr Körper noch hier, aber ihre Seele nur noch an feinen Seidenfäden festgemacht.

36 Stunden blieben uns noch. Aber das wusste ich damals nicht. Wenn mir das jemand gesagt hätte, wäre ich zusammengebrochen. Doch stattdessen sass ich da.

Ihr Atem rasselte stark. Dieses Geräusch, dieses unglaubliche Geräusch, werde ich nie mehr vergessen. Es klang, als würden sich alle Säfte in ihrer Lunge bewegen. Sie atmete schwer.

Ihr Herz schlug noch immer regelmässig. Es war so stark. Mir kam in den Sinn, dass sie doch eigentlich ein zerbrochenes haben musste.

Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass sie noch einmal ihre Augen aufgeschlagen hätte. Am Ende ihres Lebens fanden jedoch keine grossen Worte mehr Platz.

Ich redete mit ihr, doch sie reagierte nicht mehr sichtbar. Ich wusste, nein: hoffte, dass ihr Gehör noch da war. Ich strich über ihre Hände, ihre Finger, deren Nägel die jungen albanischen Pflegenden so schön lackiert hatten.

Immer wieder setzte ihr Atem aus. Mehr als einmal meinten die Pflegenden, dass jetzt ihre Stunde gekommen sei. Aber wir täuschten uns alle.

Meiner Mutter Herz schlug einfach weiter. Ich hatte das Gefühl, dass sie noch jeden Moment Leben auskosten wollte.

Der Pflegedienstleiter kam mehrere Male vorbei und saugte Schleim ab. Er versuchte mich zu beruhigen, indem er mir erklärte, dass sie keine Schmerzen hatte. Meine Mutter hatte nämlich, und das hat mich sehr überrascht, eine Patientenverfügung erstellt. In jener stand, dass sie in die Behandlung mit Morphium eingewilligt hatte. Es überraschte mich insofern, als dass ich nie gedacht hätte, dass sich Uschi mit ihrem Tod auseinander gesetzt hatte.

Ich war ihr sehr dankbar, dass ich in jenen Stunden zwischen Leben und Tod nichts mehr entscheiden musste.

Irgendwann wurde es Abend, dann Nacht. Aber meine Mutter lebte noch immer.

Meine Mutter, Paula und ich

Natürlich wäre es mir lieber, sie würde noch leben, meine Mutter. Die Frau, die mich geboren hat, lebt aber leider seit bald sechs Jahren nicht mehr.

Ganz bestimmt würde sie Bemerkungen über meinen Freund fallen lassen. Aber keine Angst: meine Mutter wäre die allerbeste und allerliebste aller Schwiegermütter geworden. Niemals hat sie einen meiner Freunde runter gemacht. Im Gegenteil. Sie fand jeden toll, weil er eben meiner war.

Meinen Beruf fand sie immer sehr speziell. Wir haben nie gross darüber geredet. Ich aber konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie über ihre Kunden im Denner gesprochen hat. Sie hat ihre Arbeit als Verkäuferin so sehr geliebt.

Einige Jahre vor ihrem Tod half ich ihr bei ihrer Bewerbung als Rottenköchin. Meine Mutter war die beste Köchin ever. Ihr Voressen war legendär. Leider hat sie den Job nicht gekriegt.

Das bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was ich immer werden wollte. Schon als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Einige tolle Lehrer versuchten mir die Sprache abzugewöhnen. Meine Mutter war diesbezüglich immer sehr fordernd. Sie gab sich mit keiner halbwegs perfekten Note zufrieden. Deutsch fand sie wichtig. Also strengte ich mich an.

Zu gerne würde ich wissen, was sie über meine Hauspläne denkt. Würde sie mich unterstützen? Würde sie mich tatkräftig unterstützen?

Wahrscheinlich würde sie das nicht tun.
Sie hat mich auch all die Jahre vor ihrem Tod bei der Betreuung von Paula nicht unterstützt. Ein Beispiel? Meine Oma hatte immer so einen seltsamen Aschenbecher der Swissair. Den habe ich als Kind so sehr geliebt. Ich fand es wunderbar, das silberne Flugzeug aus seiner Verankerung zu holen und mit dem Ding zu spielen. Meine Mutter hat es Oma abgeschwatzt mit dem Vorwand, es behalten zu wollen. Stattdessen hat sie es verkauft. Das fand ich wirklich schlimm.

Nie übernahm meine Mutter einen der Einkaufsdienste. Nie ging sie mit Paula zum Arzt. Stattdessen habe ich das getan, obwohl ich 100% berufstätig war.

Ich mag meiner Mutter keine Vorwürfe machen. Sie ist tot. Aber manchmal denke ich, dass es furchtbar ungerecht ist. Sie sollte jetzt an meiner Stelle stehen. Sie sollte sich um Paula sorgen. Ich würde sie dabei unterstützen. Bestimmt.

Vom anständigen Sterben und was einen daran hindert

So kehrte meine Mutter zurück ins Spital.
Diese Zeit würde schwierig werden, das wusste ich.

So wunderte ich mich nicht, als man mir wenige Tage später eröffnete, ich hätte am folgenden Tag um punkt zwei dem behandelnden Arzt zu telephonieren, der mir die weiteren Schritte erklären würde.

Auf die Schritte war ich gespannt. Es gab meines Erachtens nämlich keine. In meinem Nacken sass das Sozialamt, welches von mir verlangte, dass ich rasch Uschis Wohnung räumte. So staunte ich nicht schlecht, als mir der Arzt eröffnete, sie würden Uschi am nächsten Tag entlassen. Ich bekam fast die Krise. Uschi hatte einen Aszites, schrecklichen Durst und würde innert weniger Stunden ohne medizinische Hilfe sterben. Ihre Wohnung lag im dritten Stock. Es gab keinen Lift. Doch statt einer klaren Antwort auf meine Fragen, meine Ängste, sie tot aufzufinden, meinte der Arzt nur:

„In einer intakten Familie würde man den Sterbenden zuhause aufnehmen und pflegen.“

Na vielen Dank.
Da war er wieder. Der passiv-aggressive Vorwurf.
Nur weil meine Mutter alkoholkrank war, nahm sich dieser Typ das Recht raus, meine Familie (und mich!) als nicht intakt zu bezeichnen. Er machte mir Vorwürfe, weil ich nicht einfach so meinen Job hinschmiss, um Uschi zu pflegen. Er beleidigte mich. Er hatte keine Ahnung von meinem Leben und fühlte sich schrecklich im Recht. Damals gab es nämlich für Menschen wie Uschi keine Hilfe zuhause. Sie hatte, nach Meinung der medizinischen Fachpersonen, ihr Unglück, selbst verschuldet

Ich war wirklich wütend und ich hatte grosse Angst um meine Mutter.

Aber ich hatte Glück.
Mir fielen meine Kontakte zu meiner ehemaligen Therapeutin und ihrer Beratungsstelle ein. Sie rief ich an. Ich erzählte ihr unter Tränen, was passiert war und bat sie um Hilfe.

Sie und ihre Kollegen halfen mir schnell und tatkräftig. Sie reichten bei der Stadt eine Gefährungsmeldung ein und sorgten so dafür, dass meine Mutter nicht in ihren sicheren, einsamen und entwürdigenden Tod entlassen wurde.

Was nun geschah, mag sich der geneigte Leser vorstellen.
Man darf nämlich allen möglichen Scheiss melden, aber wenn man einen bevorstehenden Tod anmeldet, der nur passieren wird, weil man eine todkranke Frau nicht mehr pflegen will, dann rebelliert das System.
Die Vorwürfe kamen von allen Seiten und das nicht zu knapp.
Der Arzt reagierte beleidigt, sogar die Dame des Sozialamts machte mich an, was mir eigentlich einfiele, eine solche Meldung zu machen. Ich war zu einer Art sozialem Freiwild geworden.

Aber das war es mir wert, denn am Ende, wenn Uschi hilflos in ihrer Wohnung gestorben wäre, hätte es nur noch mich gegeben, die ihre Überreste weggeputzt hätte. Und das hätte ich nicht ertragen.

Ein Platz für Uschi

Es war natürlich klar, dass meine Mutter im Spital nicht am richtigen Ort war. Dafür war die Pflege zu teuer und der Nutzen zu klein.
Meine Mutter wurde schliesslich, als sie wieder halbwegs lebendig war, in Absprache mit den betroffenen Abteilungen in die Psychiatrie verfrachtet.

In den Tagen vor dem Transport in die Psychiatrie hatte meine Mutter schreckliche Albträume. Sie rief mich an und sagte: „Ich hab geträumt, dass mich in der Psychiatrie Ratten bei lebendigem Leibe anfressen.“ Meine Mutter hatte nämlich schreckliche Angst vor Mäusen und anderen Nagern. Ich verstand, konnte aber nur wenig tun. Die Pflegemaschinerie war ins Rollen geraten.

Wider Erwarten gefiel es ihr.
Die Psychiatrische Klinik, in der sie nun lebte, führte ein ausgezeichnetes Aktivierungsprogramm. Uschi war glücklich, Sie konnte stricken, häkeln und keiner verbot ihr, Kreuzworträtselzeitschriften auf die Tischplatte zu kleben. Im Gegenteil.

Ich war allerdings etwas erstaunt, als meine Mutter mir erzählte, dass sie in einer Gruppentherapie war. Jahrelang hatte sie Therapien umgangen. Besonders die Gesprächstherapie lag ihr gar nicht. Doch dann meinte sie: „Weisst du, es ist schon komisch. Da bin ich am Sterben und ich sitze mit 20jährigen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben da und rede darüber, dass ich getrunken habe.“

Als ich sie besuchte, wurde ich von einem Arzt abgefangen. Der führte mich in ein Büro, wo er mich ausfragte. Er wollte wissen, ob ich begriffen hatte, dass sie stirbt. Das hatte ich natürlich. Ich war ja nicht doof. Dann fragte er mich unverhohlen, ob auch ich alkoholkrank sei, denn schliesslich sei ich als Tochter besonders in Gefahr.

Da wurde ich wirklich wütend.
Ich fand es unverschämt, in dieser Situation zu so einer Kackscheisse befragt zu werden. Ich antwortete ihm barsch, dass ich schon als Kind begriffen hatte, was los war und ihr geholfen hatte, die morgendliche Kotze wegzuwischen. Dieser Arzt hatte keine Ahnung von meinem Leben. Ich verliess sein Büro.

zwei Tage später erlitt meine Mutter einen Infekt und musste zurück ins Spital gebracht werden. Ich war darüber nicht unglücklich.

Der schwarzgoldene Oktober.

Der Oktober ist ein seltsamer Monat. Ich liebte den Herbst, seit ich ein Kind war. Ich liebte die Farben. Gelb. Orange. Fauliges Grün.

Als ich meine Mutter zum letzten Mal sprechend sah, es war der 14. Oktober, wusste ich nichts. Es war sehr neblig. Ich wurde an meinem Arbeitsplatz angerufen und gebeten zu kommen, da es ihr sehr schlecht ging. Ich fuhr hin. Sonntagnachmittag. Die Strecke schien mir endlos.

Meine Mutter sass still, aber zufrieden in ihrem Bett. Ich hatte es mir dramatischer vorgestellt. Wir redeten ein wenig. Sie roch nach frischer Leber, dieser Geschmack, den ich niemals mehr in meinem Leben mehr aus meinem Kopf herausbringen werde. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre Haut senfgelb. ebenso ihre Augäpfel.

Wir sassen nebeneinander. Ich hatte das Gefühl, als sässe der Tod zwischen uns. Ich konnte seine Knochenhand und seinen eisigen Atem fühlen. Ich dachte, ich wäre bereit, sie gehen zu lassen. Die Nächte waren die Hölle. Ich konnte nicht mehr schlafen. Immer wieder wachte ich auf. Schweissnass. Horror.

Als ich zwei Tage später um acht Uhr morgens von Weinfelden nach Wil fuhr, hatte ich Panik. Ihre Nacht war schlecht gewesen. Man erwartete, dass sie in kürzester Zeit gehen würde.

Der Nebel war sehr, sehr dicht gewesen. Ich musste vorsichtig fahren. Ich fluchte am Steuer. Weinte. Schrie. Ich war so wütend. So abgrundtief traurig.

Als ich ankam, lag sie in ihrem Bett wie ein riesiger, senfgelber Embryo. Ihr Mund war trapezförmig geöffnet. Ich war nicht geschockt. Ich setzte mich neben sie hin. Ich streichelte sie. Nach einiger Zeit begann ich damit, ihre Häkeldecke zu flicken. Sie hatte die Endfäden jeweils stehen gelassen, weil sie nicht gerne nähte. Also tat ich das für sie.

Nach einer Nacht ohne Schlaf, vielen Tränen und einem unbequemen Sessel wurde es Morgen. Meine Mutter lag noch immer in ihrem Bett und lebte. Ich hatte dutzende von Atemaussetzern miterlebt. Aber sie ging nicht.

Am Vormittag kam Paula vorbei. Wir setzten uns an Mutters Bett und erzählten ihr ihre Lebensgeschichte. Um 16.15 machte meine Mutter den letzten Atemzug. Draussen schien die Sonne, leuchteten die Farben, so als hätten sie nur darauf gewartet, dies für sie tun zu können.

Meine Schwester und ich, das ist eine schwierige Geschichte. Teil 1

Wir verstehen uns nicht besonders.
Wir sind uns fremd. In den letzten 15 Jahren haben wir uns keine 5 Mal gesehen.

2006 rief sie mich an Weihnachten an. Sie erzählte mir panikhaft, dass sie von jemandem missbraucht würde. Ich war geschockt. Ich riet ihr, sich sofort an die Polizei zu wenden. Sie meinte, das ginge nicht, weil „sie“ auch dort unter der Polizei zu finden wären. Meine Schwester reagierte heftig. Sie bat mich, sie sofort in Fribourg abzuholen und sie und ihre Katzen zu retten.

Dies habe ich nicht getan. Ich habe sie nicht gerettet. Ich riet ihr zum Eintritt in die psychiatrische Klinik. Das machte sie sehr wütend.

Einen Tag später rief mich ein Arzt an, der mir mitteilte, dass meine Schwester seine Patientin war und sie Hilfe brauchte. Er erzählte mir in kurzen Worten, dass sie stark abgemagert vor ihm stand. Sie litt unter einem Verfolgungswahn, konnte praktisch nichts mehr zu sich nehmen.
Der Arzt meinte daraufhin, ich müsse dies den Eltern mitteilen. Das habe ich getan. Meine Eltern waren total geschockt. Mein Vater und auch meine Mutter weinten am Telephon. Ich habe sie niemals zuvor so erlebt.

Dann rief mich ihre Freundin aus Bern an. Sie erzählte mir, dass sie Bambü und Flüss, die beiden alten Katzen meiner Schwester, bei sich aufgenommen hatte und sie ins Tierheim geben würde, wenn ich sie nicht sofort abholen würde.

In der Weihnachtsnacht 2006 bekam ich auf der Brücke zwischen Pfäffikon und Rapperswil einen Suizid mit. Vor meinen Augen stürzte sich ein Mann vor mir in den See. Das hat mich tief erschüttert.

Nach jener Nacht mit wenig Schlaf, vielen polizeilichen Befragungen und vielen Albträumen, fuhr ich mit meinem damaligen Freund nach Bern um die Katzen meiner Schwester zu holen.

Jeden Tag habe ich daraufhin mit meiner Schwester telephoniert. Sie war so sehr traurig. Sie erzählte mir von ihrer eigenen Trauer, die ich bis dahin nie wahrgenommen hatte. Ich hätte sie so gerne in den Arm genommen. Aber das ging nicht.

Selbst als ich sie Wochen später besuchte, waren wir uns fremd geworden, Unsere gemeinsame Kindheit war verschwunden.