Ein Vormittag mit Paula

Unsere Fahrten zu Paula dauern je nach Verkehrlage 40 bis 60 Minuten, vorbei an Frauenfeld, Wil bis ins Toggenburg. Wenn ein Traktor, oder so wie heute vier Traktoren als Grüppchen, unterwegs ist, geht die Fahrt noch länger. Die schöne Landschaft allerdings entschädigt einen für manchen Ärger. Wir fahren durchs Grüne, sehen auf die Thur. Melancholisch denke ich dran, wie wir letzten Frühling um diese Zeit längstens wandern gegangen sind. Heute regnet es. Schon wieder Schnee? Ich könnt kotzen.

Als wir im Pflegeheim ankommen, ist Paula nicht in ihrem Zimmer, auch nicht in den Aufenthaltsräumen. Ich kriege Panik. Dann denke ich: Paula kann ja nicht weit laufen. Keine Sorge. Weit kann sie nicht sein.

Sascha schaut zum Fenster raus und sieht sie auf dem Hof stehen. Sie schaut dem Treiben zu. Bauernhof. Tiere. Landwirtschaft. Paula sieht aus, als ob sie auf den Bus wartet. Ich bin erleichtert. Ich bin sogar glücklich, weil sie endlich wieder nach draussen geht, ihre Umwelt erkundet. Früher war sie so neugierig. So naturverbunden. Ich denke daran, dass die Natur, die Luft, der Geruch von frischer Erde ihr ein Gefühl von Gegenwart und Leben gibt.

Sascha geht zu ihr hin. Sie reden. Sie erkennt ihn.
Ich warte oben. Wie immer, wenn sie mich sieht, sagt sie: „Du hast abgenommen, nicht wahr?“
Wir gehen in ihr Zimmer. Sie freut sich über die Rosen, die wir ihr mitgebracht haben. Sascha geht mit ihr in den Keller, eine Vase suchen. Ich warte und schaue mich um. Paulas Zimmer sieht aus wie ihre Wohnung. Aufgeräumt. Ordentlich. Über den Fernseher hat sie ein Tuch gehängt, weil sie sich sorgt, dass die Sonne den Bildschirm bleichen könnte.

Paula erzählt uns von ihren Geschwistern und dem schweren Unfall ihres geliebten Vaters. Dieser hatte einen Arbeitsunfall und wurde von einer Rampe erdrückt. Paula erzählt uns die Geschichte, als wäre es gestern gewesen und ich kriege einen kleinen Einblick in ihr Leben. Ihr Vater, so schwer verletzt, mit einem abgerissenen Arm, mit einer Hirnverletzung, die zu Epilepsie führte, wie heftig muss dies für die fünf Geschwister gewesen sein?

Wir sprechen über ihre Zimmerpflanzen, die sie damals, vor über einem halben Jahr erst nicht mitnehmen, sondern „sterben“ lassen wollte. Jetzt gedeihen sie schöner denn je. Sie erzählt stolz, dass sie jetzt im 86sten Lebensjahr ist. Ich lächle. Ich möchte sie umarmen, doch sie ist so zerbrechlich, so klein. Dann sagt sie, sie mag nicht mehr essen. Ihr kleines Bäuchlein spricht eine andere Sprache. Paula erzählt, wie liebevoll man sie behandelt, wie die Pflegenden sich um sie kümmern, auch wenn sie einfach mal nur müde im Bett liegen will.

Ich bin so unsagbar froh, dass Paula so gehegt und gepflegt wird. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass sie nicht in ihrem Haus ist, sondern im Pflegeheim. Als wir aus dem Haus treten, regnet es stärker. Auf dem Korbsessel im Eingang sitzt eine Katze. Ich gehe zu ihr hin. Sie ist so weich und zutraulich. Als wir wegfahren, steht Paula am Eingang, wie früher vor ihrem Haus und winkt. Wir schauen zurück im Rückspiegel, bis wir sie nicht mehr sehen.

Der Geburtstag.

Wir fuhren heute zu Paula.
Die feiert nämlich Geburtstag.
Sie trägt ein knallbuntes Jerseyoberteil, einen grünen Cardigan und eine braune Hose.
Ihre Frisur ist etwas windschief, aber ihr Lächeln und ihre Freude, als sie uns erkennt, sind grossartig.

Ich frage sie, ob sie mit uns zum Haus fahren will. Natürlich will sie! Das hatte sie sich schon so lange gewünscht und heute können wir ihr endlich diesen Wunsch erfüllen. Die Baustelle vor dem Haus ist nämlich weg, der Schnee geschmolzen und die elektrischen Öfeli, deren Stromverbrauch sie immer gereut hat und die wir den Winter durch eingestellt haben, damit das Haus nicht grau wird, sind sorgsam verstaut.

Die Pflegende bespricht mit mir dann kurz, wie wir vorgehen. Sie findet es gut, dass ich Paula kurzfristig „entführe“. So kann sie sehr viel besser drauf einstellen. Das Essen mitsamt Geburtstagsdessert bewahrt sie auf, für den Fall, dass Paula im Heim essen will. Sehr nett!!

Es ist ein sehr berührendes Bild mit Paula zu ihrem Haus zurückzukehren.
Ich bemerke, dass sie alles wieder erkennt, sich wegen des Löwenzahns auf dem Fussweg nervt, und sich trotzdem nur langsam ans Haus heranwagt. Ich schliesse die Tür auf und wir betreten den Flur, den Paula über ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hat und aus dem sie und ich weinend gegangen sind.

Sie wirkt befremdet über die Unordnung. Ich habe mich bisher nicht gewagt, ihre Sachen zu entsorgen, weil es doch ihre sind und obwohl sie mich darum gebeten hat. Ich bemerke in jenem Moment, dass dies eine gute Entscheidung war. Nur so kann sie sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht mehr hier leben wird. Sie wirkt ruhig und neugierig, durchsucht ihre Schränke nach Dingen, die sie noch mitnehmen will. Einen Schuhlöffel will sie. Und Blusen. Und ihre Blazer.

Im Gegensatz zu vor einem halben Jahr kann ich ihr nun sagen: „Das brauchst du nicht.“ oder „Das sieht nicht mehr schön aus.“ Es scheint, als hätten ihre vielen Dinge ihren Wert verloren, als könnte sie sich nun mehr denn je auf das Wesentliche konzentrieren.

Nach einer halben Stunde verlassen wir ihr Haus. In einer Tasche sind einige Kleidungsstücke von ihr verstaut, ein Schuhlöffel, ein Tierchen, das ihr als Kind gestrickt habe, ein Foto von ihr als sehr junge, schöne Frau sowie eine grosse Kiste mit Briefen, die ihr seit meiner Kindheit geschrieben habe. Sie hat sie alle aufbewahrt. Sie sagt, das seien ihre Liebesbriefe. Mit geschlossenen Augen sagt sie:

„Ich habe dich geliebet. Ich liebe dich nicht mehr. Ich scheiss dir in die Augen, dann siehst du mich nicht mehr.“

Paula grinst. Wir fallen uns um den Hals.

Danach wünscht sich Paula, einen Milchkaffee in ihrem ehemaligen Lieblingscafé trinken zu gehen. Auch dies berührt mich, denn ich weiss ja, dass Hadi und Paula hier immer zusammen Käsekuchen gegessen haben. Paula allerdings erinnert sich nicht mehr. Sie geniesst den Moment. Sie hört den Vögeln zu, beobachtet die Kinder und lässt sich den Wind ums Gesicht ziehen.. Als nach zehn Minuten die Bedienung uns noch immer nicht bedient hat, wird Paula ungeduldig. Sie sagt: „Also, ich hab dann nicht ewig Zeit. Kommt, lasst uns gehen. Im Heim warten Teigwaren und ein Dessert auf mich.“

Ich lächle.
Ich erkenne, dass Paula angekommen ist.
Sie freut sich auf die Pflegenden, die so lieb sind, ihre Mitbewohner und das Essen.
Also fahren wir heim mit ihr. Was für ein schöner Geburtstag.

 

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Paula wird 85.

Am nächsten Montag ist Paulas 85ster Geburtstag. Wow.

Doch, wie feiere ich diesen Tag mit ihr?
Ich habe frei genommen.
Ich werde eine Schwarzwäldertorte kaufen.
Doch ich weiss nicht mal, ob sie den Schriftzug auf der Torte noch lesen kann.

Geschenke mag sie nicht so sehr, ausser es sind Plüschtierhunde oder Früchte.
Aber bitte solche ohne Kerne!

Paula war 49 Jahre alt, als ich geboren wurde.
Ihren 60sten Geburtstag haben wir wild gefeiert!
Meine Mutter kaufte Torte und wir assen Raclette.

Den 70sten haben wir eher besinnlich begangen. Schliesslich starb kurz zuvor mein Opa Walter.
Nie habe ich Paula so frei erlebt wie damals. Sie war voller Tatendrang und Ideen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Hadi hat sie das halbe Haus renoviert. Wir sind gemeinsam an meinen freien Tagen durch die Schweiz gereist. Nach Berlin. Gingen ins Kino.

Als Paula 80 wurde, sind wir mit ihr essen gegangen, mein Ex und ich. Sie mochte ihn nicht so besonders. Einige Monate später war ich dann mit Sascha zusammen. Ihn mochte und mag sie sehr.

85 Jahre alt. Ein so langes Leben. Ich kann nicht ermessen, wie viel sie erlebt hat.
Ich weiss, dass sie gute und schlechte Zeiten hatte.
Was davon weiss sie noch?

Gestern telephonierten wir.
„Gell Omi, du weisst ja. Am Montag hast du Geburtstag.“
Paula seufzt.
„Ja. Sie haben’s gesagt. Aber 85? Ist das nicht etwas… alt?“

Nachtrag:
Auf dem Täfelchen wird stehen: „Omi, ha di gärn.“ #ausgründen

Zwei Raumschiffe

Ich wusste ja schon lange, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Paula mich nicht mehr erkennt.
Heute war dieser Tag.
Ich glaube, sie ist selber ein wenig darüber erschrocken.

Wir gingen bei Paula vorbei, um ihr das neue Telephon zu bringen. Ihr altes hatte endgültig den Geist aufgegeben. Als letzte Woche meine Grosstante Hadi, Paulas Schwester, starb, konnte niemand der anderen Verwandten Paula erreichen. Erst am Samstagnachmittag schaffte dies Tante Bibi unter Einsatz eines Vokabulars, das ich gar nicht genauer wissen will. Offensichtlich konnten die Pflegenden den Anruf auf dem Hauptanschluss nicht sofort entgegen nehmen. Tante Bibi ist in solchen Situationen gnadenlos und kommt stimmlich daher wie eine Dampfwalze. Dies trotz oder gerade wegen ihrer 89 Jahre. Sie ist schliesslich die Älteste.

Als wir ankommen, ist es bereits Montagmittag. Sascha und ich haben ausgeschlafen, weil es mein einziger freier Tag diese Woche sein wird. Paula sitzt beim Mittagessen. Wir wollen sie nicht stören, informieren aber die Pflegende, dass wir das neue Telephon dabei haben und es oben anschliessen werden.

Um halb eins schliesslich kommt Paula ins Zimmer. Sie macht die Türe auf und erschrickt, sagt: „Was machen Sie denn bitte auf meinem Bett?“ Ich schaue sie verdutzt an. Sie kommt näher und blickt mich und Sascha mit grossen Augen an.
„Ich kenn euch beide doch. Mir fällt nur grad der Name nicht mehr ein.“

Noch vor einem halben Jahr hätte mich dies zum Weinen gebracht. Sofort.
Heute nicht.
Ich wusste es ja.
In der Ausbildung habe ich es gelernt. Ich weiss Bescheid. Nur mein Herz hat es noch nicht begriffen.
Paula und ich sitzen mehr denn je in zwei unterschiedlichen Raumschiffen in unterschiedlichen Umlaufbahnen. Die Begegnungsmomente werden nun wohl noch kürzer werden.

Ich lächele sie an und sage: „Zora.“
Paula lächelt zurück und umarmt mich.

Hadi und ich

Tante Hadi war die Gotte meiner Mutter. Dies schlug sich in deren zweiten Namen nieder. Ich hätte auch gerne Hadi geheissen. Tante Hadi war in meiner Kindheit sowas wie eine Mischung aus Audrey Hepburn, Rita Hayworth und Hildegard Knef. Ich mochte sie immer sehr und hatte grossen Respekt vor ihr.

Hadi war zwei Jahre älter als Paula. Sie war Sekretärin und sie hatte einen sehr ehrbaren Herrn geheiratet. Hadi hatte sich allerdings später von ihm scheiden lassen und das war wohl in der sehr katholischen Familie meiner Grossmutter eine absolute Revolution.

Jahre später hat Hadi mir gesagt, dass sie und ihr Ex-Mann sich trotz der Scheidung noch gerne gehabt hätten. Nach seinem Tod ist sie täglich auf sein Grab gegangen. Auch dies hat mir grossen Eindruck gemacht. Sie war eine sehr liebende Frau.

Ich war als Kind und als Erwachsene mit Paula bei Hadi zu Besuch. Ich erinnere mich an ihre vornehme Wohnung, die so ganz anders als das einfache Haus von Paula war. Hadi freute sich über unseren Besuch. Wir gaben uns Küsschen. Das ist mittlerweile sechseinhalb Jahre her und das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

2007 sass ich am Sterbebett meiner Mutter. Es war ein Dienstagmorgen im Oktober. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass noch über 30 Stunden vergehen würden, bis meine Mutter tot war. Ich hatte mich noch nicht daran gewagt, Paula anzurufen, da ich nicht von meiner Mutter weggehen wollte, um sie abzuholen. Da klingelte das Telephon. Zuerst wagte ich mich nicht, es abzunehmen, weil ich Angst hatte, einfach so meinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Hadi war dran.
„Es ist soweit, oder?“ Ich nickte nur, die Tränen im Hals. Ihre Stimme war gefasst, tief und sanft.
„Du musst jetzt ganz stark sein. Du musst für deine Mutter da sein. Sie hat dir das Leben geschenkt. Jetzt kannst du für sie am Ende da sein. Das ist ein Geschenk.“
Ich wusste das. Aber das Geschenk war ein schweres.
Hadi sagte: „Ich werde fest an euch beide denken und zum Herrgott beten.“
Ich musste gar nicht viel sagen. Ich spürte Hadis Kraft und Liebe. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

Hadi hat bei allen Erzählungen über Familien und die damit verbundenen Dramen Einhalt geboten und gesagt: „Über die Toten soll man nichts schlechtes sagen.“
Sie hat recht. Wie immer. Über Hadi kann niemand etwas schlechtes sagen. Sie fehlt ungemein.

Am Donnerstag ist ihre Beerdigung. Ich werde wohl nicht hingehen. Ich kenne niemanden und ich mag keine Beisetzungen. Ich werde wohl Paula abholen und mit ihr und Sascha Bibi besuchen. Das ist mein Zugeständnis ans Leben.

Paula, Hadi und Bibi

Als mich heute nachmittag Sascha darüber informierte , dass meine Grosstante Hadi tot ist, war ich total geschockt. Hadi war die mittlere der drei Schwestern und starb vor ein paar Tagen im Alter von 87 Jahren. Paula ist mit bald 85 die jüngste. Die älteste, Bibi, ist 89.

Ich bewunderte Hadi schon als Kind: Sie trug Dutt, hatte rotes Haar, liebte exzentrische Brillen und war einfach wunderschön und elegant. Ich wollte so sein wie sie. Ich erinnere mich an das letzte Telephon mit Tante Hadi vor über einem Jahr. Wir hatten Streit. Hadi war sauer auf mich, weil ich ihrer Meinung nach Paula einfach alleine in ihrem alten Haus liess. Sie fand es ebenfalls sehr nachlässig von mir, dass ich Paula nicht hatte entmündigen lassen. Das konnte ich so nicht stehen lassen.

Erst als wir darüber sprachen, dass es nicht einfach ist, dass ich als Enkelin Omi Paula Vorschriften mache, beruhigte sie sich. Am Schluss des Telephons sagte sie mir: „Du kennst ja Paula. Die hat einen Grind wie Beton. Die ist so stur. Da kommst du mit nichts durch.“

Natürlich ist Paula sehr betroffen von Hadis Tod. Sie ist traurig und wirkt melancholisch. Als ich sie anrufe, erfahre ich mehr: Paula ist verletzt, weil Bibi mit ihr geschimpft hat. Paula hat nämlich laut Bibi seit Donnerstag das Telephon nicht abgenommen. Seit diesem Zeitpunkt versuchten Hadis Söhne, Paula die traurige Nachricht mitzuteilen. Paula erzählt mir, dass Bibi echt sauer auf sie ist. Früher hatte Paula nämlich immer dann das Telephon nicht abgenommen, wenn sie wütend war. Paula meint schliesslich, dass sie mit dem Tod von Hadi nicht einverstanden ist:

„Sie ist nicht die Älteste. Bibi ist die Älteste. Sie wäre die nächste gewesen. Nicht Hadi.“

Ich seufzte. Aus Paulas Sicht auf die Welt stimmt das sogar.

Und so rief ich Bibi an.

Bibi hat eine tiefe, knorrige Stimme. Sie erkennt mich sofort am Telephon, obwohl wir uns seit Paulas 80stem nicht mehr gesprochen haben. Sie freut sich über meinen Anruf und erzählt mir, dass sie sich über Paula genervt hat. Ich erkläre ihr, dass Paulas Phone wohl endgültig kaputt ist. Doch Bibi lässt das nicht gelten.

„Blödsinn. Ich kenne deine Grossmutter seit bald 85 Jahren. Das hat sie mal wieder extra gemacht!“

Wir reden ein wenig und ich erfahre so nebenbei die Krankengeschichte von Tante Hadi und vieles über die besondere Beziehung der drei Schwestern. Ich bin froh, dass Paula selbständig ihre Schwestern über ihren Heimaufenthalt informiert hat.

Bibi spricht mir Mut zu und sagt: „Ich weiss ja, wie es dir geht. Mein Mann hatte auch Alzheimer. Das war schlimm. Du machst das gut.“

Ich bin erleichtert. Ihre Stimme tut mir wohl. Bibi bittet mich, mal vorbei zu schauen. Oder anzurufen. Das werd ich tun.

 

 

 

 

 

 

 

Anna, Nelly und die alten Karten

Heute war ein Aufräumtag. Ich habe die Postkarten sortiert und eingeordnet, die Paula mir geschenkt hat. Dabei fielen mir einmal mehr all jene Karten in die Hand, die vor hundert Jahren an meine Urgrossmutter Anna verschickt wurden.

Ich weiss nicht viel über Anna.

Ich weiss nur, dass sie bis zu ihrer Heirat mit meinem Urgrossvater Henri in Herisau gelebt und gearbeitet hat, zwei Kinder hatte (Nelly und Walter) und 1947 an Brustkrebs gestorben ist.

Mein Grossvater hat nicht viel über sie gesprochen. Aber ich erinnere mich genau, dass er sie als liebe Frau bezeichnete. Als sie starb, war er gerade mal 23 und aus dem Militär entlassen.

Heute war ein besonderer Tag, denn ich fand inmitten all der Karten aus dem ersten und zweiten Weltkrieg, ein Familienphoto von Anna, Nelly und Henri. Es muss vor 1924 aufgenommen worden sein, da Walter auf dem Bild nicht auftaucht. An Annas Seite, sie ist schwarz gekleidet, sitzt ein kleines Mädchen. Vielleicht ist es Nelly. Falls ja, ist es das einzige Bild, dass von meiner Grosstante existiert.Ich vermute, dass sie es ist, denn Anna strahlt voller Stolz und grinst breit. Sie hat ihren Arm um das Mädchen gelegt. Die anderen auf dem Bild sehen mehr oder weniger aus, so wie es sich für jene Zeit geziemt. Anna scheint sich ihr Lachen zu verkneifen.

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Ich fühle mich Anna nahe. Ich hätte sie zu gerne gekannt, mit ihr geredet.
Nun steht das Photo auf meinem Schreibtisch und ich fühle mich seltsam beschützt durch Annas munteren Blick.

Paula und Barri

Barri war ein Schäferhund-Appenzeller-Sennenhund-Mischling. Er war der Hund meiner Urgrosseltern. In jungen Jahren büchste er aus dem Garten aus und wurde im Altstädtchen von einem Auto angefahren. Er hinkte seither.

Barri war mir der liebste Hund und Paulas bester Freund. Sie hat ihn sehr geliebt. Barri war auch der schlecht erzogendste Hund ever. Er konnte zwar Pfötchen geben und Stöckchen holen, aber das war’s dann auch schon.

Dieser Hund war wirklich aussergewöhnlich. Er liebte es, in den Bach zu springen, der aus einem kleinen Tunnelkanal am Haus meiner Grosseltern vorbei floss. Sein grosses Geschäft verrrichtete er meistens im Tunnel. Wir Kinder machten uns einen Spass daraus zu warten, bis es an uns vorbei floss.

Ich liebte es, mit Barri an der Sonne zu liegen und zu träumen. Ich bin mir ganz sicher, dass auch er oft geträumt hat.

Als ich schon in der Lehre war, wurde Barri krank. Er muss bestimmt 15, 16 Jahre alt gewesen sein. Er konnte immer schlechter laufen. Irgendwann brach er zusammen. Es regnete. Paula und ihr Mann mussten den Tierarzt holen.

Ich weiss nicht genau, was damals passiert ist, aber es hat Paula sehr lange beschäftigt. Immer wieder machte sie sich Vorwürfe.

Der Tierarzt hatte Barri eine Spritze gegeben. Paula wartete im Regen, bis er tot war. Sie sagte später, der Tierarzt habe Barri wie ein Stück totes Fleisch abtransportieren lassen. Sie war sich lange nicht sicher, ob er wirklich tot war. Oft litt sie unter Albträumen, Barri würde noch leben und gequält werden. Wie oft haben wir darüber gesprochen und geweint. Noch Jahre später, sogar nach Opas Tod, unterschrieb sie alle Briefe mit „Paula, Opi und Barri“.

Das hat vor ein paar Jahren aufgehört. Vielleicht ist das etwas der wenigen Dinge, die gut sind an einer Demenz. Man erinnert sich nicht mehr an alle Scheusslichkeiten des Lebens. Man vergisst seine lieben Toten und ist für sich selber existent und irgendwann nicht einmal mehr das.

Ostern mit Paula

Ich erinnere mich gut an unsere Osterfeste. Das Haus im Toggenburg war umgeben von hunderten von Primeliwolken, Tulpen und Osterglocken. Paula machte sich oft schon am frühen Morgen daran, für uns Osterhasen, Ostereier und Nestli zu verstecken.

Manchmal half auch Opa mit. Der versteckte dann die von Paula sorgsam verborgenen Geschenke von neuem. Noch heute, zwanzig Jahre später, warten bestimmt noch irgendwo auf dem Gelände Osterhasen darauf, entdeckt zu werden.

Unsere Kindheit im Toggenburg war friedlich und fröhlich. Ich kann noch heute den Geruch von frischem Moos, dem Wasser aus dem Bach, den Kräutern und den Duft von frischem Kaffee aus Paulas Küche ausmachen, wenn ich nur daran denke.

Doch dieses Jahr wird es anders. Paula lebt über ein halbes Jahr schon nicht mehr in ihrem Haus. Es ist nicht verwahrlost, denn ich habe mich darum gekümmert. Der harte Winter half mir dabei. Bald schon werden die Blumen blühen. Die Wiese wird wieder grün. Paulas Anwesenheit fehlt.

Ich soll mit ihr nochmals ins Haus, damit sie den Abschied besser begreift. Wieder ist Schnee gefallen. Es ist, als ob die Jahreszeiten sich dagegen wehren, dass sie dem Haus „Lebewohl“ sagt.

Über Verantwortung, fehlende Zeit und ein schlechtes Gewissen

Wer nun denkt, dass man sich als Angehöriger zurücklehnen kann, wenn der alte Mensch im Pflegeheim wohnt, hat sich geschnitten. Nun geht es erst richtig los.

Da ist zuerst einmal das Haus oder die Wohnung, für die man sorgt oder auflösen muss. In unserem Fall ist es so, dass Paula ein eigenes Haus besitzt. Dieses hüte ich. Das bedeutet, dass ich bei jedem Besuch bei Paula vorher kurz vorbei fahre und schaue, ob alles in Ordnung ist.

Ich gehe noch jedes Mal für Paula einkaufen, denn obwohl sie im Altersheim alles kriegt, was sie will, braucht sie doch ihre eigenen Sachen. Sie will ihre Früchteschale mit ihren Lieblingsäpfeln, Bananen und Orangen. Sie will ihre Lieblingsmeringues und die Schümli aus der Migros haben. Und Schoggi. Falls mal jemand zu Besuch kommt. Paula trinkt fürs Leben gern Incarom. Den gehe ich ebenfalls kaufen. Und dann mag sie nur Gonfi ohne Körner drin, weil die sonst unter ihrem Gebiss kleben bleiben könnten und das hasst Paula.

Paula braucht neue BH’s, da sie so stark abgenommen hat, während sie zuhause lebte. Ich soll mit ihr in die Nachbarstadt fahren und neue kaufen. Auch damit fühle ich mich überfordert. Sie kann nicht mehr als eine halbe Stunde herumlaufen. Ihre Arme tun ihr weh. Wie sollen wir da BH’s ausprobieren? Ich entscheide mich dafür, mich von meiner Stiefmutter beraten zu lassen. Als Fachfrau hat sie das richtige Auge.

Die Frau, die Paulas Finanzen verwaltet, kommt offensichtlich nicht regelmässig vorbei. Paula hat bisher keinen Beistand. Auch die Klärung dieser Situation scheint meine Aufgabe zu sein, zumindest aus Sicht der Pflegenden. Diese Sache liegt mir schon lange auf dem Magen. Ich gebe es zu, es überfordert mich. Ich, die Enkelin. Aber sonst ist ja niemand mehr da.

Dann ist plötzlich Paulas Telephon defekt. Auch das ist meine Aufgabe. Ich besorge entweder neues oder versuche es zu flicken. Sascha bringt das Kunststück fertig. Glück gehabt.

Paula wünscht sich, mal wieder in ihr Haus zu gehen. Aufgrund der Wetterverhältnisse war dies aber nicht möglich, da der Weg zum Haus recht steil ist und ich nicht so nahe mit dem Auto ranfahren kann. Die Pflegenden würden ja gerne mit ihr dorthin gehen, aber leider haben sie dazu keine Kapazität. Also ist es mein Job. Ein freier Tag, der dafür drauf geht. Geplant ist er für übernächste Woche. Dann ist hoffentlich auch der Schnee ganz weg und Paula kann gefahrlos ins Haus laufen.

Es bleibt spannend.