Die wilde 87

Paula freute sich, als sie uns sah.
„Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr“, sagte sie. Fast wie früher, nur dass sie nicht mehr weiss, wer wir sind. Sascha und ich setzen uns hin. Sie fragt, wie die Fahrt war. Und wo unsere Kinder sind.

Ich schalte schnell. Heute bin ich wohl Ursle, ihre Tochter und meine Mutter. Ich gebe ihr das Geschenk. Aber Geschenke sind nicht mehr wichtig. Viel schöner ist es für sie, dass wir da sind.
„Wie fühlst du dich?“, frage ich. „Wie 51“, antwortet Paula und strahlt mich schelmisch an. Als Paula 51 Jahre alt war, war ich gerade zwei. Wir stossen mit Mineralwasser an.

Paula redet wie ein Wasserfall. Dann gibt es Suppe. Paula weiss nicht mehr, wie sie den Löffel benutzen soll. Ich gebe ihr ein. Nur wenig. Damit sie sich nicht den Mund verbrüht. Sie redet. Dann kriegt sie Schluckauf.
Wir legen eine Pause ein. Meine Suppe ist währenddessen kalt, schmeckt aber prima. Dann gibt es Salat. Omi isst einige Bissen und amüsiert sich köstlich über mich.

Schliesslich gibt es Knöpfli, Poulet und Bohnen. Ich zerschneide es ein wenig. Dann fängt Omi selber an zu essen. Sie lässt sich Zeit. Geniesst es. Zwischendurch strahlt sie und bietet mir von ihrem Teller etwas an. Sie spiesst die zerschnittenen Bohnen auf, klaubt mit den Fingern Knöpfli und steckt sie sich genüsslich in den Mund.
Omi singt einige Kinderlieder. Dann erfindet sie noch rasch eine Strophe, die ich hier aufgrund der Ausdrücke, die sie verwendet hat, nicht wiedergeben kann.

Dann wird Omi müde. Sie lehnt sich etwas zurück und schliesst die Augen. Ich spüre, dass sie fix und fertig ist. Es gibt aber noch Dessert und Kaffee. Omi aber will schlafen gehen. Und aufs Klo.
Ich verhandle mit der Hauswirtschaftsmitarbeiterin, dass Omi ihr Stück Erdbeertorte am Abend kriegt. Wir warten auf die Pflegende, die Omi ins Bett bringen soll. Omi schaut mich an, berührt mich mein Gesicht und streichelt es.

„Du hast wirklich einen schönen Kopf. Den könnte ich immer ansehen“.

Ich lächle. Streichle ihre sehr alten Hände. Dann kommt die Pflegende, die Omi ins Zimmer bringt. Omi schläft tatsächlich immer um diese Zeit. Wir verabschieden uns.

Frühling im Toggenburg

Nach fast zehn Tagen Krankheit bin ich heute zum ersten Mal wieder zur Arbeit gefahren. Es ist schon unglaublich, was 200 Meter Höhenunterschied zwischen Toggenburg und Thurgau bewirken!

Während bei uns hier oben die Natur erst langsam erwacht, blühen im Thurgau bereits Magnolien und Löwenzähne. Hier oben leuchten die Primeln in allen Farben, so wie früher, als ich noch ein Kind war. Dieses Jahr hab ich das Gefühl, sie sind schöner als je zuvor.

Jetzt ist es schön warm und sonnig auf unserer Terrasse. Ich möchte mich hinlegen und mich sonnen. Ich fühle mich gut.

Dann ein Anruf von Omis Pflegeheim. In drei Wochen hat sie Geburtstag. Ich weiss. Ich hab ja extra Ferien genommen. Wir reden über Omis Zustand. Sie ist oft müde. Sie kann praktisch nicht mehr alleine essen.

Essen eingeben ist nicht so einfach, wie es vielleicht aussehen mag. Man muss sich auf den Essenden einstellen. Alte Menschen kauen vielleicht lange oder gar nicht. Verschlucken sich. Oder können gar nicht aufhören zu essen. Essen eingeben ist eine äusserst intime Sache. Es gehört sehr viel Vertrauen dazu.

Dann gebe ich ihr am Geburtstag also das Essen ein, wenn sie mag. Ich muss an ein Bild von mir und Omi denken. Ich war noch ganz klein. Sie hat mich mit einem Schaumkuss gefüttert und dabei gelacht.

 

zora sofa omi

 

zora isst Schokoküsse

Der verdammte Familienschluuch

Ich reagiere manchmal etwas ungehalten auf Menschen, die sich über ihren Familienschluuch* auslassen. Das liegt wohl daran, dass ich nie grosse Familienfeste erlebt habe. Ich bin da wirklich neidisch.

Umso wichtiger erscheint es mir, an den Festtagen und Geburtstagen mit meinen Familienangehörigen, also Sascha und meinen Eltern, zusammen zu sein und etwas Feines zu essen.

Omi ist, seit sie im Pflegeheim lebt, nicht mehr bei unseren Essen dabei. Je nach Tagesform hat sie Mühe, sich zu orientieren, Probleme mit Kauen und Schlucken und ist überfordert von zu vielen Eindrücken. Sie hat Mühe mit Gehen und mit dem Toilettengang. Und obwohl ich all diese Dinge beruflich täglich unterstütze, habe ich Mühe, es bei ihr zu tun. Viel lieber gehe ich dann einfach so bei ihr vorbei, sitze bei ihr und gehe wieder, wenn es ihr zuviel ist. Ich habe das Gefühl, dass ich ihr dann sehr viel gerechter sein kann, als wenn ich auf Teufel komm raus ein Fest organisiere, wo sie mit dabei sein kann.

Trotzdem beschäftigte es mich gestern. Omi war immer der Mittelpunkt unserer Familie. Sie hat gekocht, beschenkt, gelacht und uns ihre Liebe gezeigt. Jetzt müssen wir uns alle neu orientieren, überlegen, wie wir unsere Festtage ohne ihr Mittun gestalten können. In einem Punkt machen wir weiter: wir streiten uns nicht an Festtagen. Jedes Essen führt danach zu einer tiefgründigen Diskussion über unsere Leben und Familie. Am Ende gehen wir auseinander und sind dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam verbringen können.

Ich stand in der Küche, in der sie fast dreissig Jahre lang gekocht hat. Sie hat nicht wirklich gern gekocht. Sie hat immer gesagt: „Ich habs halt nicht gelernt. Ich hab immer nur gearbeitet.“

Voressen hat sie fast immer gemacht, wenn wir bei ihr zu Besuch waren. Ihr Voressen war das beste. Später dann, als sie immer mehr vergass, kochte sie es nicht mehr. Am Abend rief dann jemand von Omis Pflegeheim an. In einem Monat hat sie Geburtstag. Sie wird 87 Jahre alt und wenn wir wollen, dürfen wir mit ihr im Pflegeheim essen. Leider kann sich Omi nicht mehr an ihr Lieblingsessen erinnern. Auf Fragen danach reagiert sie mit: „Ich esse alles.“

Wir sollen den Pflegenden einen Tipp abgeben. Ich weiss schon, was ich mir für Omi wünsche: Voressen mit Rüebli und Müscheli.

* Schweizerdeutscher Ausdruck für Familientreffen

Meine Welt, deine Welt

Gespräche mit Omi sind selten linear. Heute war ein Tag, an dem sie sehr viel sprach, mitten im Satz abbrach und eine neue Geschichte zu erzählen begann.

Sie schaut fern. Eine Tiersendung läuft. Sie liebt Tiere und redet mit ihnen. Bären in Alaska, die Zebrafinken im Käfig oder die Heimkatze, für alle hat sie ein liebes Wort. Büsibüsi, miezmiez, Biepsli und brummbrumm. Sie lächelt.

Ein Gespräch ist schwierig. Es geht ihr gut, soweit ist es klar. Sie isst kleine Fruchtstücke aus einem Tellerchen, der auf ihrem Rollator steht. Ihr Blick geht an uns vorbei auf den Fernseher.

Wir reden über Ostern.
„Ostern?“, fragt sie, „ist das auch schon wieder?“.
Ich nickte.
Sie redet über einen Chef, einen Menschen, der längst tot ist. Dann spricht sie von kleinen Kindern, wohl weil im Fernseher gerade ein kleines Kind zu sehen ist.

Nach einer Viertelstunde verabschieden wir uns. Omi ist mit sich selbst beschäftigt. Wir stehen auf und versorgen unsere Stühle wieder. Eine Mitarbeiterin des Pflegeheims sieht uns und meint: „Sie können sich im Fall schon hinsetzen.“
Ich winke ab.
„Schon gut. Heute ist kein Tag für Besuch.“
Omi zuckt die Schultern.
Die Pflegende findet es schade.
„Jetzt haben Sie extra Besuch gekriegt, Frau X.“
„Wir kommen wieder“, sage ich zu beiden, „wir wohnen ja jetzt im Nachbardorf.“
„Das ist schön, dann mussten Sie jetzt nicht extra lange fahren.“
Ich schüttle den Kopf.
„Kein Problem.“

Frühlingsgefühle

Der Schnee ist abgetaut. Rund ums Haus spriessen die Knospen. Die Primeln im Garten strecken schüchtern ihre Köpfe aus dem Boden. Die Schneeglöckchen recken sich mutig aus dem Schnee. Frühling. Endlich!

Ein Amselmännchen sitzt auf dem Zaun und schaut neugierig auf unser Haus. Mittlerweile streifen drei paarungswillige Kater ums Haus und ersuchen unsere Katze Dreizehntel (13 Jahre alt!) um ihre Gunst. Auch in ihre Glieder scheint der Frühling gefahren zu sein. Sie springt und hüpft und maunzt wie eine junge Katze.

Als nächstes habe ich vor, unseren nicht-existenten Garten zu bepflanzen, beziehungsweise die Pflanzen in Töpfen zu ziehen. Dort, wo nämlich die Beete entstehen sollen, ist im Moment rein gar nichts ausser Wiese. Ich bemerke, wie sehr mir die Sonne gefehlt hat. Im Gegensatz zum Thurgau scheint im Toggenburg die Sonne öfters. Es ist hell, obwohl es kühl ist. Sogar die Luft schmeckt nach Holz und Bergen.

Ich werde mich überwinden müssen, im dunklen Keller nach Töpfen zu suchen. Meine Angst vor Spinnen ist nämlich (noch) nicht weg. Alles ist noch immer so, wie Opi Walter es verlassen hat. Es kostet mich Überwindung, Veränderung einzubringen.

Als ich Omi letzten Freitag besuchte, meinte sie, sie freue sich, mich in meinem Haus besuchen zu dürfen. Dann fragte sie, wo ich jetzt wohne. Ich nannte ihr die Adresse. Sie schaute mich lange und nachdenklich an. Dann entgegnete sie:
„Dort lebst du also. Ich kannte mal jemanden, der auch dort gelebt hat.“
Was sollte ich sagen?
„Ich bin neugierig, wie es jetzt aussieht“, sagte sie schliesslich, „die Zeit verändert alles. Nur die Liebe bleibt.“

Die Stobete

Heute habe ich endlich das gemacht, was ich mir seit langem gewünscht habe: nach Feierabend einfach so Paula besuchen.

Nach dem ganzen Zügelstress und der Grippe fand ich heute endlich Zeit, bei ihr vorbei zu schauen. Wir kamen in einem guten Moment.

Paula sass breit grinsend vor einem Milchkaffee und hörte drei Männern beim Musizieren zu. Die gemütliche Ländlermusik schien Paula und die anderen Bewohner im Esssaal sehr zu erfreuen. Die einen sassen interessiert da, einige andere schliefen friedlich. Paula jedoch lächelte und klopfte den Takt zur Musik mit.

Omi erschrickt, als ich sie begrüsse und ihren Rücken berühre. Ich vergesse für einen Moment, dass ich in ihrer Welt nicht mehr einfach so existiere. Wir küssen uns kurz. Die Begrüssungen sind nicht mehr wie früher.

Ich setze mich hin und wir reden kurz, doch Omi ruft nach der Pflegenden. Sie sagt: „là-haut!“ und zeigt mit dem gichtigen Zeigefinger nach oben. Die junge Frau nickt wissend und hilft ihr aufzustehen. Sie begleitet sie auf die Toilette im oberen Stock. Ich bin erstaunt, weil Omi nie Französisch gelernt hat.
Nach zehn Minuten kehrt Omi winkend und grinsend zurück und wirkt so, als käme sie gerade von einer Weltreise. Sie freut sich, als sie mich sieht, begrüsst mich, Sascha und auch die etwas verkniffen aussehende Tischnachbarin erneut.

Die Tischnachbarin findet die Begrüssung nicht so nett und knurrt Omi zu: „Ich bi dänn im Fall scho vorher do gsi!“*
Omi lächelt ihr freundlichstes Omi-Lächeln und meint:
„Da han ich dänk scho gwüsst. Han nu well bsunders fründlech mit dir si!“**

Die Musik spielt weiter auf. Mit einem Mal kann ich mir genau vorstellen, wie Omi Paula als junges Mädchen war. Das Klatschen fällt Omi heute schwer. Ihre gichtigen Hände sind lautlos geworden.

Ich habe Omi einen Strauss gelber Tulpen mitgebracht. Lieber hätte ich ihr rote Nelken geschenkt, denn das sind ihre Lieblingsblumen. Omi schaut zuerst auf die die Blumen, dann blickt sie mich mit ihren grauen Augen an und sagt: „Schad, dass da Mamme nöd gseh chan.“***

* „Ich war im Fall vorher schon da!“
** „Das weiss ich doch. Ich wollte nur besonders freundlich zu dir sein!“
*** „Schade, dass meine Mutter das nicht sehen kann.“

Weihnachtsessen und Zweisamkeit

Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag fuhr ich mit Sascha ins Toggenburg. Weihnachtsessen im Pflegeheim mit Paula.

Der Abendverkehr ist träge. Es ist kalt.
Das Toggenburg aber ist in festliches Licht getaucht. Ich muss an all die Male denken, wo ich mit meinem Vater mitgefahren bin und wie meine Schwester und ich beleuchtete Christbäume gezählt haben. Heute sind da fast keine mehr.

Das Pflegeheim ist festlich geschmückt. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind wie immer gut gelaunt und hilfsbereit. Omi Paula sitzt auf einem Stuhl im Gang und sieht grau und traurig aus. Eine Pflegende tröstet sie. Als Omi uns erblickt, strahlt sie. Sie hatte Angst, wir würden sie vergessen. Welche Ironie.

Wir nehmen Platz. Reden. Trinken. Essen. Omi hat Mühe mit dem vielen Besteck vor sich. Zwei Messer. zwei Gabeln. Ein Löffel. Eine kleine Gabel. Ein Rotweinglas. Ein Weissweinglas. Ein Wasserglas. Es verwirrt sie.

Omi hat wenig Appetit. Zum Glück, denke ich. Letztes Jahr konnte sie sich kaum bremsen. Wir reden wenig. Omi schaut fasziniert einem anderen Bewohner zu, der mit starken Spasmen in seinem Stuhl sitzt.

Dann, mit einem Mal schaut sie Sascha und mich an und lächelt uns zu.
„Gell, ihr zwei, es wär schono schö, wenn ihr beidi mol zäme chönntet si und’s schö mitenand händ.“
Verschmitzt widmet sie sich wieder ihrem Essen.

 

Übersetzung:
„Nicht wahr, ihr beiden, es wäre wunderbar, wenn ihr zusammen wärt und Sex miteinander hättet.“

Samichlaus-Freuden

Mit dem Auto voller Bücher und meiner Stoffsammlung fuhren wir heute ins Toggenburg. Die Temperaturen sind weiter gefallen. Der erste Schnee liegt in der Luft. Mir ist kalt. Das Haus ist seltsam warm. Es ist heimelig. Die bereits entsorgten Möbel schaffen Platz.

Wir räumen die Bücher ins Gästezimmer. Die Möbel für den Sperrmüll kommen in den Keller. Opas alter Schreibtisch muss dran glauben. Ich zersäge ihn. Das alte Kinderbett bleibt stehen. Vielleicht kann ich es verschenken. Der riesige Schrank muss ebenfalls warten. Der Platz im Keller ist ausgegangen. Bald ist wieder eine Ladung Sperrmüll fällig.

In meinem zukünftigen Büro, Opas und Uropas alter Werkstatt erwartet uns ein Bild des Schreckens. Der beseitigt geglaubte Schimmel beim alten Fenster ist zurück. Es ist zum K*****.

Doch dann fahren wir ins Pflegeheim. Jetzt, wo ich weniger huste, kann ich mich hinwagen, ohne Omi Paula zu verstören.

Wir kommen gerade richtig. Omi wartet mit den anderen Bewohnern des Heims auf den Samichlaus. Wir trinken Kaffee miteinander. Omi Paula stellt mich der Pflegenden als ihre Mamme vor.

Als ich frage: „Gell, ich gleiche deiner Mamme?“, entgegnet Paula strahlend: „Ja. Das tust du. Schön, dass du wieder zugenommen hast. Das steht dir gut.“

Der nächsten Pflegenden stellt sie mich als ihre Schwester vor, der übernächsten als ihre Tochter. Es verletzt mich nicht mehr. Unsere Nähe scheint keine Bezeichnung zu brauchen. Ich sitze da und höre ihr zu. Sie sucht immer wieder nach den richtigen Worten. Ich gebe mir Mühe, ihre Sätze nicht zu vollenden.

Ich erzähle ihr, dass ich ins Haus ziehe. Sie freut sich. Riesig. Sie äussert ihre Sorge, dass ich mich überanstrengen könnte. Der Winter ist so hart. Der Stich ins Haus so steil. Nach einigen Minuten wird mir klar, dass wir nicht vom selben Haus sprechen. Sie denkt, ich ziehe in ihr Elternhaus, der alten Mühle in Wil. Wir belassen es dabei. Sie freut sich aber, wenn ich öfters zu Besuch komme.

Sie isst Kuchen von Hand. Genüsslich. Sie lebt völlig im Moment und geniesst jeden Bissen. Es ist ihr egal, dass ihr Krumen auf den Pullover fallen. Sie pickt sie elegant mit ihren Fingern wieder weg.

Als wir schliesslich wieder gehen müssen, ich will ja schliesslich die alten Menschen nicht in ihrer Samichlaus-Freude stören, lässt mich Paula fast nicht gehen. Wir begleiten sie an ihren Tisch zu den anderen, doch sie will mir nachgehen und mich nochmals umarmen. Nochmals winken.

Mit einem Mal wird mir klar, dass sich trotz Demenz rein gar nichts verändert hat. Es ist so wie früher. Ich gehe, sie winkt. Paula lächelt mich an. Ihr Blick verheisst: komm wieder und vergiss mich nicht.

Alle Jahre wieder.

Seltsame Sache. Wieder trudelt eine Einladung an ein Weihnachtsessen ein. Seit Omi Paula im Pflegeheim lebt, ist es bereits die dritte.
Omi lebt seit über zwei Jahren im Pflegeheim. Mir scheint, als wäre der Umzug erst gestern gewesen. Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich Omi, wie sie 60 ist, herumblödelt und in ihrem rosa Arbeitskostüm im Garten arbeitet. Dabei sind bereits 26 Jahre vergangen.

Die Zeit fliegt davon.
Vor einem Jahr hab ich davon geträumt, dass ich bestimmt an Weihnachten 2014 in meinem eigenen Haus leben würde. Jetzt wird es Februar 2015.

Die Erleichterung, bald im Haus und in Paulas Nähe leben zu dürfen, hat mich umgehauen. Zum ersten Mal lebe ich an einem Ort, an dem ich mich erwünscht fühle. Zum ersten Mal in meinem Leben gehört mir etwas.

Dankbarkeit ist eines der Worte, die mir einfallen, wenn ich an Paula denke. Jede Ecke des Städtchens atmet ihren Namen. Hier hat sie fast dreissig Jahre gelebt. Hier werde nun auch ich leben.

Omi wohnt zwei Dörfer weiter.
Nie weiss ich, ob sie mich wiedererkennt.
Manchmal habe ich Angst, dass sie erschrickt, wenn ich zur Türe eintrete, weil sie nicht mehr weiss, wer ich bin. weil ich zu lange nicht mehr da war.

Am Sonntagabend hatte ich Fieber. Fast 39°C. Am Montag blieb ich zuhause im Bett. Am Dienstag ging ich ins Haus aber nicht zu Paula. Ich habe Angst, sie mit einer Grippe anzustecken. Aus irgendeinem Grund ist dieser Gedanke erschreckend für mich.

Am 17. Dezember darf ich zum Weihnachtsessen mit Paula gehen. Ich freue mich so.

Zwei Jahre

Zwei Jahre ist es jetzt her, seit Paula aus ihrem Haus im Toggenburg ins Pflegeheim gezogen ist. Die Zeit verrinnt einfach so zwischen unseren Händen.

Paula leidet nicht mehr. Es geht ihr gut. Sie wird verwöhnt und man zeigt ihr jeden Tag aufs Neue, dass man sie gern hat. Die Pflegenden sind wirklich wunderbar. Als Angehörige habe ich das beruhigende Gefühl, dass Omi Paula einen guten Heimplatz hat.

Wenn ich dran denke, wie es mir vor zwei Jahren ging, bemerke ich, dass ich mich verändert habe. Ich grenze mich heute mehr ab. Ich sage meine Meinung, auch wenn sie anderen nicht passt. Das Haus gibt mir Kraft. Ich habe ein Ziel. Ohne Ziel wäre ich unglücklich.

Was mir zu schaffen macht, ist, dass der Hauskauf so langsam vonstatten geht. Alles geht langsam und ich bemerke, dass Geduld nun wirklich nicht meine Stärke ist. Dauerhaftes Warten zermürbt mich.

Ich habe einen grossen Teil von Paulas Haus geräumt. Lange konnte ich das nicht. Es war, als müsste alles so bleiben, wie es ist. Nun sehe ich klarer. Ich weiss, wovon ich mich trennen muss und will. Ich will dem Haus neues Leben einhauchen. Der Keller, mein zukünftiges Büro ist entschimmelt. Jetzt muss ich nur noch die sperrigen Möbel wegtun.

Paula weiss davon nichts. Oder besser: es ist unwichtig geworden für sie. Sie sitzt in ihrem Fernsehsessel, schaut fern, redet mit ihrem Mitbewohnern und freut sich, wenn ich komme. Auch wenn sie oftmals nicht mehr weiss, dass ich ihre Enkelin bin, erkennt sie mich doch.

Sie wirkt zerbrechlicher, so wie sehr alte Menschen nun mal sind. Noch immer ist sie ein Mensch, der Zärtlichkeit mag und braucht. Eine Umarmung, ein Kuss, ein Festdrücken ist ein Muss.

Ihre Augen leuchten noch immer schelmisch. Auch ihren wunderbaren Humor hat sie wiedergefunden. Sie erinnert mich dabei sehr oft an Uschi, meine Mutter. Omi ist kindlich, ohne kindisch zu sein. Sie ist weise, ohne es zu wissen.