Das Telephonat

Ich kriege selten noch Anrufe aufs Festnetz, weil praktisch keiner mehr von jenen lebt, die es gerne und häufig benutzt haben. Meine Nummer hatten lediglich meine Eltern, Omi Paula und – Mamis Freund W.

Heute abend nun ruft W., nach über zehn Jahren – unverhofft – an. Es ist so viel Zeit in unserer beider Leben vergangen. Er verlor vor zehn Jahren die langjährige Freundin, ich die Mutter.

Ich bin erstaunt, dass er ausgerechnet mich anruft, doch ich freue mich. Ich lächle am Telefon. Meine Mutter hatte ihn furchtbar gern. In ihren Tagebüchern schreibt sie immer wieder über ihn. Ist es überheblich, dass ich mich für sie freue?

Für einen Moment tauchen mir die Bilder ihres Sterbens vor meinem Augen auf. Meine Mutter, die röchelnd da liegt. W., der hilflos und trauernd neben mir sitzt. Ich, die spüre, dass nun alles anders wird, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Wie ich die ganze Nacht neben ihr wache, sie loslassen muss, obwohl ich es jetzt gar nicht mehr will.

Wir sprechen über vieles; ihren Tod, ihre letzten Jahre mit ihm und die Tatsache, dass sie ihn an Svens Grab mitnahm. Das konnte ich fast nicht glauben, denn sie hat mir gegenüber alles abgewehrt, was mit meinem Bruder zu tun hatte. W. gegenüber aber zeigte sie sich offen. Er beschreibt mir seine Hilflosigkeit im Umgang mit ihrer Trauer und ich denke: Auch du. Willkommen im Club.

Wir reden und reden und er rechtfertigt sich, dass er mich angerufen hat. Er sagt, er hat Mami versucht die Welt zu zeigen, auch wenn sie am 2. September 2001 in Wien für sie beide endete. Sie war 50 Jahre alt und danach ging die Welt beinahe unter und 6 Jahre später ist sie tot. Er war damals 65 Jahre alt und die besten Jahren erwarteten ihn noch. Er liebte sie und hatte seit ihrem Tod keine neue Beziehung mehr angefangen.

Er erzählt mir, eine alte Freundin meiner Mutter wollte Omis Grab besuchen und fand es nicht. Ausgerechnet! Omis Grab liegt zwei Meter von Mamis Grab entfernt! Lappi!

Da ist all die Jahre ein Mensch da, der an dich gedacht hat.
Der noch immer deinen Namen weiss, der wenig vergessen hat.
Der mit deiner Mutter am Grab deines Bruders war und seinen Namen noch weiss.
Der deinen Beruf kennt.
Der weiss, dass du irgendwo da draussen bist.
Der einige Tage nach seinem 75sten einfach deine Nummer wählt, weil er sie vor über 10 Jahren aufgeschrieben hat und sie immer aufbewahrt hat.

Wut

Ich sah heute auf Facebook den Anfang eines Videos, in dem eine weinende ältere Frau zu sehen war. Das Video stammte von einer amerikanischen Alzheimer-Seite. Ganz im Ernst? Es hat mir wehgetan und mich stinksauer gemacht.

Ich glaube nicht daran, dass wir Angehörigen das Leiden unserer demenzkranken Eltern, Grosseltern oder Partner vermitteln können, indem wir einfach jene Momente filmen, in denen es ihnen schlecht geht. Es ist entwürdigend, so wie die ganze Krankheit entwürdigend für einen Menschen sein kann.

Man(n) hat mir mehr als einmal vorgeworfen, ich würde „zu intim“ über die Krankheit schreiben. Im Gegensatz zu einer Filmaufnahme sind meine Texte nur Wörter. Es sind meine Worte und die Art und Weise, wie ich ihre Krankheit wahrnahm und verarbeitete. Aber es zeigt nicht auf, wie es ihr wirklich ging, was sie sagte oder ausdrückte.

Es gab viele Situationen, in denen Omi weinte, verzweifelt war oder aber schimpfte, weil sie nicht mehr einordnen konnte, was um sie herum passierte. Das letzte und abgefuckteste, was man in einer solchen schlimmen Situation einem Menschen antun kann, ist, eine Handykamera aufs Gesicht zu halten und zu filmen.

Der menschliche Kontakt, die Kommunikation, die Liebe macht uns zu dem, was wir sind. Das bleibt und das hilft schlussendlich auch, wenn ein Mensch alles vergisst.

Ein Jahr später

Meine Omi ist ein Jahr tot. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, so wie es Omi auch getan hätte. An Dienstagen mag ich nicht frei nehmen. Unser Tag war der Mittwoch.

Abends schaute ich Game of Thrones. Omi hätte es geliebt.
Mehr als einmal musste ich in den letzten Tagen an sie denken, als sie mir in den 80ern in bunten Worten die Handlung von „California Clan“ erklärte und ich nichts verstand. („Den Typen dort mag ich nicht. Der ist mir zu schön. Und den anderen mag ich auch nicht. Der ist einfach ein Schofseckel.“)
Heute ist das anders.

Ich habe heute morgen nur einmal kurz geweint, als diesen Song hörte.
Es ist seltsam, das zu schreiben, aber ich weiss, Omi ist wohlbehalten.
Alles wird so werden, wie es muss.

Manchmal

Morgen ist Opi Walter 21 Jahre tot. Omi ist am Dienstag ein Jahr tot. Ich vermisse meine Grosseltern sehr. Mir fehlen ihre Stimmen, ihre Umarmungen, ihr Geruch.

Omi und Opi haben sehr viel miteinander gestritten. Sie schrien sich an, verfluchten sich, riefen einander wüsteste Schlötterlig nach, die ich so gar nicht mehr wiedergeben kann und will.

Es gab Tage in den Ferien bei den beiden im Toggenburg, wo Omi wütend in die Stube trat und sagte:
Kinder, euer Opa spinnt total! Der hat sie nicht alle.
Dann stampfte sie wieder zurück in den Garten.

Zehn Minuten später trat Opi in die Stube, wo wir spielten und sprach mit der Pfeife im Mund:
Kinder: Eure Omi hat sie nicht alle! Die spinnt echt!
Und dann ging er wieder runter in den Keller in seine Werkstatt und arbeitete weiter.

Heute nachmittag musste ich an einen Dialog denken, den Omi und ich vor vielen Jahren führten. Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt:

– Omi, wenn dich Opi so sehr nervt, warum lässt du dich dann nicht scheiden?
– Dein Opi spinnt total. Aber deshalb lasse ich mich doch nicht scheiden.
– Ja, aber wenn er dich nervt?
– Dein Opi spinnt. Dagegen kann man nichts sagen. Aber weisst du was. Ich spinne
auch. Manchmal.

Omi, Opa, wo immer ihr beiden jetzt auch seid: ihr fehlt. ❤

Ein ganzes Jahr

Ein ganzes Jahr ist vergangen, seit ich einen Anruf aus Omi Pflegeheim erhielt und man mich darüber informierte, dass es wohl nicht mehr sehr lange dauern würde.
Omi hatte sich auf den Weg gemacht.

Ein Jahr später ist alles anders.
Omi ist tot. Wieder liegt Schnee. Es ist kalt.
Omi liegt auf dem Friedhof oberhalb des Städtchens.
Ich bin 40.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ohne Omi sein würde.
Das Leben geht weiter, soviel ist sicher.

Aber wie?
Die Erinnerungen sind wichtig.
Solange man sich an jemanden erinnert, ist er nicht wirklich tot.

Ich erinnere mich oft an Omi.
Aber ich weiss auch: Sie ist tot. Sie kommt nicht mehr. Ihr Leben ist Geschichte.

Ich lebe in ihrem Haus. Immer wieder treffe ich auf ihre Spuren.
Ihr Bild hängt in der Stube.
Sie würde das Haus nicht wieder erkennen.
Es ist warm. Überall stehen Bücher herum.
Meine Nähmaschinen.
Die Wände sind frisch gestrichen.

Und dennoch sehe ich uns alle noch immer, wie wir vor 30 Jahren alle gemeinsam in der kleinen Stube vor einem Berg von Geschenken sassen und nicht ahnten, was das Leben uns bringen würde.

Der Tod ist die Antwort auf alle Fragen im Leben. Irgendwann muss man einfach gehen.
Das ist der Kreislauf der Natur und das ist gut so.
Wichtig ist doch, was man aus seinem Leben macht, wie und dass man liebt. Alles andere ist unwichtig.

Der 93ste.

Heute ist Opi Walters 93ster Geburtstag.
Vor drei Monaten ist sein Grab vom Friedhof verschwunden.
Seit bald drei Jahren wohnen wir hier im Haus seiner Eltern.

Opi Walter ist der Vater meiner Mutter.
Er wuchs im Toggenburg auf, lernte hier seinen Beruf.
Wie alle in diesem Familienstrang arbeitete auch er im Textilsektor.
Das war wohl auch der Grund, warum er in den 70er Jahren seine Arbeit verlor.
Er wurde zum Eigenbrötler. Er war ein Mann, der gerne gearbeitet hat.

Mit knapp 20 Jahren wurde er ins Militär eingezogen.
Das war 1944.
Er blieb Zeit seines Lebens ein Kriegsgegner.
Aber das Militär hat er nicht verdammt.
An seiner Beerdigung 1997 waren seine Freunde anwesend, mit denen er im Krieg seinen Dienst geleistet hatte.

Opi förderte meinen Wissensdrang. Für ihn war es gar kein Thema, dass ein Mädchen Naturwissenschaften NICHT verstehen könnte. Er sagte, mir stehe die Welt offen.

Ich sitze in der Stube, wo er vor über 20 Jahren verstorben ist. Es ist alles anders und doch vieles gleich. Ich vermisse seinen Blick, seine warme Stimme, den Geruch seiner Pfeife. Manchmal schliesse ich die Augen und höre ihm zu, wie er über den Lauf der Welt sinniert, wie er flucht und wie er lacht. Er fehlt.

Was fehlt.

Mein Bruder Sven ist jetzt über 38 Jahre tot.
Er fehlt noch immer, obwohl er doch nur drei Tage gelebt hat.

1979 gab es wenig Unterstützung in der Schweiz für Eltern, die ein neugeborenes Kind verloren.
Ich spreche hier notabene nicht von finanzieller Hilfe, sondern von gesundem Menschenverstand.
Meine Eltern wurden im Spital Frauenfeld nach dem plötzlichen Kindstod meines Bruders Sven weder psychologisch noch sonst wie unterstützt. Der „professionelle“ Umgang mit meinen geschockten Eltern trug dazu bei, dass sie umso mehr traumatisiert wurden. Dieses Verhalten jener Ärzte ist auch heute noch absolut stossend.

Mein Vater erzählte mir Jahre später, dass er nie wegen Svens Obduktion gefragt worden war. Umso schrecklicher war für ihn, als er unerwartet meinen Bruder mit zerschnittenem Körper im Sarg sah. Meine Mutter konfrontierte man nach dem Tod meines Bruders mit Schuldzuweisungen, weil sie Raucherin gewesen war.

Im Nachlass meiner Mutter fand ich „Trauerkarten“, deren Inhalte zum Tode meines Bruders einfach nur fragwürdig waren. Ich frage mich ernsthaft, wie Menschen einander solche Dinge nach dem Tod eines neugeborenen Kindes schreiben können.

Heute sprechen wir sehr offen über Sternenkinder und stille Geburten.
Mein Bruder fiel in keine dieser Kategorien.

Braucht es wirklich solche Schubladen, wenn ein Mensch stirbt, um in Würde um dessen Tod trauern zu können?

Stiere-Grind

Draussen liegt Schnee. Heute ist mein Omi elf Monate tot.
Es passt. Wieder umgibt mich Kälte und endloses Weiss.

Und doch ist alles anders.
Ich stehe an einem anderen Punkt in meinem Leben.
Trotz all der Trauer, trotz der vielen Tränen bin ich stärker geworden.
Anders als beim Tod meiner Mutter fühlte sich meine Haut nicht wie die
einer Zwiebel an. Keine endlosen Häutungen und Verletzungen, die tief in mein Innerstes eindringen.

Es ist viel eher so, als hätten sich auf meiner Haut kleine Diamanten gebildet,
die das Gift von Speerspitzen undurchdringbar machen und mein Innerstes schützen.

Die Trauer um einen geliebten Menschen verlangt einem vieles ab.
Doch stärkt sie auch, weil man die Angst vor dem Tod langsam wie zu klein gewordene Kleider ablegt.

Seit Omis Tod entdecke ich neue Seiten in mir.
Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen.
Das Leben ist zu kurz, um sich mit Menschen zu umgeben, die einem nicht gut tun.

Omi sagte immer:
„Ich han halt en Stiere-Grind“.
Er scheint sich weiter vererbt zu haben.

Lebensaufgaben

Omi pflegte zu sagen, dass jeder Mensch in seinem Leben eine Aufgabe hat. Die muss er erfüllen, egal, ob es ihm passt oder nicht.

Ich hab in den letzten Monaten sehr oft über meine Aufgaben nachgedacht.
Aufgaben wählt man sich nicht einfach aus. Sie werden einem zugetragen, warum auch immer.

Die erste meiner Aufgaben, seit frühester Kindheit, scheint die Trauer um die Toten in unserer Familie zu sein.
Oftmals denke ich, ich bin eine von wenigen in der Familie, die trauert. Manchmal scheint es mir, als trauere ich in Stellvertretung für jene, die gerade keine Zeit haben oder denen all der Tod im Leben zu nahe geht. Das ist okay, denn die Toten sind mir wichtig.

Die zweite meiner Aufgaben scheint, zumindest in den letzten zehn Jahren, Sterbende zu begleiten.
Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll.
Es ist immer eine Grenzerfahrung, egal ob beruflich oder im privaten Bereich.
Dass ich dabei die Angst vor dem Tod verliere, ist eine positive Nebenerscheinung. Doch der Schmerz bleibt.

Die dritte meiner Aufgaben ist die Pflege der Familiengräber. Omi war dies immer wichtig und sie hat mich in guten Zeiten gefragt, ob ich auch für ihres schaue oder ob wir lieber jemanden dafür engagieren wollen. Das war für mich keine Frage, denn ich mag es, Blumen zu pflanzen oder ein Grab instand zu halten. Diese Aufgabe ist zeitlich stark begrenzt, denn sie dauert in dieser Gegend höchstens zwanzig Jahre. Ich mag es, Omis Lieblingsblumen zusammen zu tragen. Ich mag Farben und natürliche Materialien.

Die vierte und letzte meiner Aufgaben ist die Sorge um das Haus.
Das war eine von Omis grossen Sorgen.
Das Haus ist nicht einfach ein Haus, sondern ein altes Lebewesen. Die Mauern und das Holz sind uralt. In diesen vier Wänden haben schon sehr viele Menschen gelebt.
Mit dem Kauf des Hauses habe ich auch einen Teil der Geschichte des Hauses geerbt. Es ist an mir, etwas Gutes daraus zu machen.

Wir renovieren die einzelnen Räume, streichen Wände. Wir ersetzen die elektrischen Leitungen, die nach all den vielen Jahren spröde waren. Wir graben den Garten um, um neues Leben zu ermöglichen.

Aufgaben im Leben kann man ablehnen. Man kann flüchten.
Aber letztlich sind sie da und man kann sich ihnen stellen.