Zwei Jahre

Zwei Jahre ist es jetzt her, seit Paula aus ihrem Haus im Toggenburg ins Pflegeheim gezogen ist. Die Zeit verrinnt einfach so zwischen unseren Händen.

Paula leidet nicht mehr. Es geht ihr gut. Sie wird verwöhnt und man zeigt ihr jeden Tag aufs Neue, dass man sie gern hat. Die Pflegenden sind wirklich wunderbar. Als Angehörige habe ich das beruhigende Gefühl, dass Omi Paula einen guten Heimplatz hat.

Wenn ich dran denke, wie es mir vor zwei Jahren ging, bemerke ich, dass ich mich verändert habe. Ich grenze mich heute mehr ab. Ich sage meine Meinung, auch wenn sie anderen nicht passt. Das Haus gibt mir Kraft. Ich habe ein Ziel. Ohne Ziel wäre ich unglücklich.

Was mir zu schaffen macht, ist, dass der Hauskauf so langsam vonstatten geht. Alles geht langsam und ich bemerke, dass Geduld nun wirklich nicht meine Stärke ist. Dauerhaftes Warten zermürbt mich.

Ich habe einen grossen Teil von Paulas Haus geräumt. Lange konnte ich das nicht. Es war, als müsste alles so bleiben, wie es ist. Nun sehe ich klarer. Ich weiss, wovon ich mich trennen muss und will. Ich will dem Haus neues Leben einhauchen. Der Keller, mein zukünftiges Büro ist entschimmelt. Jetzt muss ich nur noch die sperrigen Möbel wegtun.

Paula weiss davon nichts. Oder besser: es ist unwichtig geworden für sie. Sie sitzt in ihrem Fernsehsessel, schaut fern, redet mit ihrem Mitbewohnern und freut sich, wenn ich komme. Auch wenn sie oftmals nicht mehr weiss, dass ich ihre Enkelin bin, erkennt sie mich doch.

Sie wirkt zerbrechlicher, so wie sehr alte Menschen nun mal sind. Noch immer ist sie ein Mensch, der Zärtlichkeit mag und braucht. Eine Umarmung, ein Kuss, ein Festdrücken ist ein Muss.

Ihre Augen leuchten noch immer schelmisch. Auch ihren wunderbaren Humor hat sie wiedergefunden. Sie erinnert mich dabei sehr oft an Uschi, meine Mutter. Omi ist kindlich, ohne kindisch zu sein. Sie ist weise, ohne es zu wissen.

Der nächste Tag

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter.

Ich sass fassungslos da. Ich schwitzte. Weinte. Ich kroch auf das Bett neben ihrem. Es war leer. Ich legte mich hin und hielt ihre Hand. Dann schlief ich wieder ein. Aber mein Schlaf war oberflächlich. Sobald ich die Augen schloss, hatte ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Um sieben Uhr morgens kam eine Pflegende. Da alle Sterbezimmer belegt waren, musste meine Mutter mit mir in diesem Vierbettzimmer liegen. Auf der anderen Seite lag eine hochbetagte demenzkranke Frau. Während sie die andere Frau aufnahm, ging ich unter die Dusche. Ich nahm etwas vom Duschmittel meiner Mutter und seifte mich ein. Mir schien, als könnte ich nur so den Geruch des Sterbens abwaschen und gleichzeitig mir etwas von ihr aufbewahren.

Ich ging frisch gewaschen wieder zu ihr.
Man bot mir etwas zu essen an. Aber ich hatte keinen Hunger.
Ich legte mich wieder neben sie und hielt ihre Hand.

Und dann kam endlich meine Oma Paula. Sie stand in der Türe und ich eilte zu ihr, umarmte sie. Sie wirkte wie ein Fels in der Brandung. Atmete schwer, als sie meine Mutter sah.

Was muss in Paula vorgegangen sein, als sie ihr Kind sterben sah? Omi Paula hat nie darüber geredet. Sie zog ihren dunkelgrünen Mantel aus, stellte ihre Tasche hin und setzte sich auf einen Stuhl.

Ich fühlte mich mit einem Mal nicht mehr alleine. Wir redeten miteinander, mit meiner Mutter. Mit Urseli. Es war wie immer. Nur dass meine Mutter keine Antwort mehr geben konnte.

Die Zeit verging. Paula und ich sassen da und warteten gemeinsam mit der Sterbenden.

Es macht mir zu schaffen, dass ich mit Omi Paula nicht mehr darüber reden kann. Meine Mutter ist für sie verschwunden. Vergessen sind unsere gemeinsamen Erlebnisse, jener 17. Oktober 2007. Ich bin für Omi glücklich, aber ich hasse es.

Wir hörten leise Musik. Immer wieder setzte Mutters Atem aus. Immer länger wurden die Pausen. Es klang für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen und das Auftauchen wäre eine Qual.

Ihre Hände wurden immer kälter. Ich wusste, bald ist soweit. Dann, um kurz nach vier, wurde meine Mutter nochmals umgelagert. Sie öffnete nochmals die Augen. Im Radio erklang „Schacher Seppli“ von Ruedi Rymann. Meine Mutter hat es immer sehr geliebt. Um Punkt viertel nach vier tat sie ihren letzten Atemzug. Das Lied war zu Ende. Aus ihren Augen traten gelbe Tränen.

Omi und ich sassen da, hatten uns an den Händen gefasst. Sie stellten Mutters Tod fest. Ich öffnete das Fenster. Draussen schien die Sonne. Der Nebel war verflogen. Ich hörte eine Krähe. Ich sagte: „Jetzt muss Uschi bestimmt eins rauchen, nach all der Anstrengung.“ Omi und ich sahen uns an, dann lachten wir, umarmten uns. Dann liefen uns die Tränen herunter. Wir verabschiedeten uns von Uschi, die Paulas Tochter und meine Mutter gewesen war.

Herzweh

Ab morgen arbeite ich wieder. Die grossen Ferien sind vorbei. Ich freue mich, meine ArbeitskollegInnen wieder zu sehen. Trotzdem schwingt auch Wehmut mit, denn in den letzten drei Wochen hab ich so viel Zeit im Haus verbracht, geräumt, geputzt und gearbeitet. Ich verbrachte nach fast zwanzig Jahren Unterbruch mal wieder eine Nacht unter seinem Dach.

Jetzt, wo mich der Alltag wieder hat, werde ich dort weniger Zeit verbringen können. Ich versuche nicht daran zu denken, denn es tut mir weh. Ich weiss, dass ich mich nicht vierteilen kann.

Als ich heute mit Sascha und seiner Schwester im Haus war, wurde mir bewusst, wie viel Potential in seinen Mauern steckt. Die Geschichten meiner Vorfahren hängen in den Wänden. Sie begleiten mich im Alltag. Doch noch etwas anderes geschah:

Wir sassen in der Küche und diskutierten. Da fiel mir ein, dass ich jetzt, mit 37 in derselben Situation bin wie Paula vor über 17 Jahren mit 69. Die Welt, das Haus, steht mir offen. Ich kann über mein Leben bestimmen. Ich kann das Haus entrümpeln und neuen Wind wehen lassen.

Ich habe heute den Küchenschrank neu eingeräumt. Er war mein Pièce de résistance. Ich wagte mich nicht daran, Omis Tassen zu berühren, ihre Teller, ihre Beggeli, ihre Gläser. Ich habe abgewaschen, sortiert und abgestaubt. Ich habe ihre Pfanne entkalkt. Es war nicht einfach,

Die nächsten Wochen werden nicht einfach. Geduld ist nicht meine Stärke. Noch soviel ist zu tun. Der Herbst kommt. Der Winter. Und ich arbeite irgendwo im Thurgau, fern des Hauses, tagein tagaus. Aber mein Herz schlägt schon jetzt ganz stark im Toggenburg.

Ruhelos

Der erste richtige Ferientag. Es zieht mich weg. Augusta Raurica. Da war ich in den 90ern mit Oma. Wir sind damals mit dem Zug gereist. Das waren Welten. Wir alleine, fast in Basel!

Es hat sich soviel verändert. So viele neue Häuser. Sascha und ich fahren über Land durch den Aargau. Das Wetter ist wechselhaft. Die Sonne brennt, weisse Wolken, dann Schauer. Wieder Sonnenschein. Prasselnder Regen.

Die Landschaft zieht an uns vorbei. Das Zusammenspiel zwischen blauem Himmel, weissen Wolken und goldenen Feldern berührt mich sehr. Wir fahren dem Rhein entlang, der ockergelb und schnell fliesst. Es riecht nach Lehm.

Ich bin unruhig.
Zwar geniesse ich die freie Zeit, erhole mich. Oft muss ich an Omi denken, meinen Traum. Ich wünsch mir so sehr, dass sie noch einmal das Haus sehen kann, wie es (auf)-geräumt aussieht.

Es geht mir nicht darum, dass das Haus mir gehörte und ich dort leben könnte. Nein. Ich hab das Gefühl, es ist eine Art Erlösung. Sie hat mich so oft in den letzten Jahren angefleht, alles auszuräumen und wegzuwerfen und gleichzeitig alles Brauchbare zu behalten.

Sie hat oft darüber geredet, dass sie fürchtet, man/ich könnte sie vergessen. Alle ihre Tücher, ihre Briefe, ihre Photos sind Erinnerungen an jemanden, der längst nicht mehr lebt. In jenen Zeiten, als ihre Erinnerung verblasste, hatte sie Angst, ich könnte auch mit einem Mal nicht mehr an sie denken.

Es hat mir immer sehr weh getan, weil es nicht so ist. Nicht so war. Vielleicht will ich drum, alles Kaputte aus dem Haus werfen, damit wieder mehr Platz für mich und Erinnerung für sie da ist.

Kann man Heimweh nach früher haben?

Im Sommer ist das Haus eine kühle Höhle. Die Wärme kann ihm nichts anhaben. Es konserviert Lebensmittel ohne Kühlschrank. Man wird nicht alt darin.

Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich den Flur und Omi Paula, die gerade ein Himbeerjoghurt holt. Sie kocht Kaffee. Ich bin wieder neun Jahre alt und seh ihr zu, wie sie die Bingozahlen im Blick liest. Sie hat ein ganz eigenes System. Ordnung. Ihr entgeht nichts. Sie liebt es, Bingozettel auszufüllen, so wie ich gerne Vogelfutter sortiere oder Stifte nach Farben ordne.

Oma störts nicht, wenn ich stundenlang am Tisch neben ihr sitze und schreibe und male. Sie sagt nicht die ganze Zeit: „Kinder müssen sich bewegen.“ Das sagt sie nicht mehr.
Ich bin neun Jahre alt. Es ist Sommer und an meinen Beinen klaffen tiefe Wunden. Ich gehe an Stöcken.

Manchmal tritt Omi neben mich und küsst mich. Sie sagt, ich wär ihr ganzer Stolz, denn ich liesse mich nicht unterkriegen. Ich finde nichts aussergewöhnliches dabei, wieder laufen zu lernen. Es bleibt mir nichts anderes übrig.

An die Schmerzen erinnere ich mich nicht mehr. Denn Schmerzen hat man in den 80ern einem Kind wie mir abgesprochen.
„Stell dich nicht so an“, sagt die Lehrerin. „Sei ein Vorbild“, sagt der Lehrer.

Oma sagt das nicht.
Sie treibt mich nicht an.
Oma zieht Pflanzen auf, die andere weggeschmissen haben. Unter ihren Händen begannen sie wieder weiterzuleben.

Wenn die Ferien vorbei waren, verliess ich Omi. Doch jedes Mal kam ich mir vor, wie ein Kaktus, auf dessen Spitze rosa Blüten spriessten.

Sehnsucht

An Tagen wie diesen denke ich sehr oft an meine Mutter. Erdbeeren.
Sie hat sie jeweils für mich gepflückt und mir zu essen gegeben, weil sie wusste, dass ich sie so gerne habe.

Es ist bestimmt bald 25 Jahre her, es war ein Mittwoch, so wie heute, im Juni. Omi Paula besuchte uns. Wir redeten, tranken Kaffee. Ich war knapp zwölf Jahre alt.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir sassen auf dem Balkon. Die Katzen strichen um unsere Beine. Negi und Mauzi. Meine Mutter tadelte mich, wenn ich Mauzi aufhob und sie an den Tisch nahm.

„Sie stinkt“, sagte sie.
Ich wusste genau, dass Mami und Mauzi das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten. Mauzi war mir meine liebste Freundin in jener Zeit.

Mami tischt Dessert auf. Sie war eine wunderbare Köchin.
Wir sitzen da und ich geniesse jenen Moment der Ruhe, denn ich weiss genau, dass, sobald Omi weg ist, meine Mutter ihr wahres Gesicht zeigt.

Meine Mutter konnte sich nur schlecht beherrschen. Der Alkohol machte sie zu einem komplett unberechenbaren Menschen. Die Katze und ich bekamen das oft genug zu spüren. Manchmal, wenn mir alles von den Schlägen wehtat und ich weinend im Bett lag, kam Mauzi in mein Bett. Sie stupste mich mit ihrer rosafarbenen Nase an und leckte meine Tränen weg. Dann stellte ich mir vor, dass Mauzi eine verzauberte Fee und ich in Wirklichkeit ihre verzauberte Tochter war.

Es ist eine seltsame Sache, doch bis auf Omi Paula und ich sind alle tot: Mauzi, Negi, und meine Mutter. Und Paula erinnert sich nicht mehr. Nur ich weiss noch.

ein freier Tag

Heute ist mein einziger freier Tag in dieser Woche. Über die Feiertage arbeite ich. Ich habs nicht zu Paula geschafft.

Hab ich das Recht, einfach so einen freien Tag für mich zu beanspruchen? Darf ich einen Tag lang mich einfach erholen von der Arbeit und allem, was sonst noch so um mich herum schwirrt?

Darf ich einen Tag lang mal die sein, die ich tief drinnen bin? Die Frau, die gerne mal tagsüber eine Stunde schläft? Eine, die träumt. Eine, die nicht immer stark sein will.

Das schlechte Gewissen sitzt in meinem Nacken. Ich sollte so vieles. Vorbei gehen. Trost spenden. Hände halten. Fragen, ob sie etwas braucht.
Doch stattdessen sitze ich zuhause. Ich nähe. Warte, dass ich mein Auto von der Reparatur abholen kann. Gehe an die Sonne. Höre den Vögeln zu.
Ich erhole mich. Ich lese. Streichle die Katze. Denke übers Kochen nach, über die Menschen, die ich in meinem Leben so arg vermisse.

Auf dem Heimweg gehen wir im Café Nafzger in Wängi vorbei und essen einen Coupe. Ich schaue auf die Kreuzung und den kleinen Bahnhof. Dort ist Paula immer ausgestiegen, wenn sie mich mittwochs vom Kindergarten abholte.

Sie ist die Strasse entlang gelaufen und hat dann den „Stich“ hinauf zum Kindergarten in Angriff genommen. Wenn um elf Uhr Schluss war, trat ich auf die Strasse, denn ich wusste, dass Omi von unten her hinauf laufen würde.

Ich rannte jeweils jubelnd und schreiend auf sie zu.

„Omiomiomiomi!“ rief ich, während ich meine Jacke und mein grünes Heiditäschchen in weitem Bogen von mir schmiss. Ich rannte und sie breitete die Arme aus, um mich aufzufangen. Ich wusste, Omi würde mich immer halten.

Ich sitze im Café. Es sieht fast noch alles gleich aus wie vor dreissig Jahren. Nur ich bin älter geworden. Die grüne Heidi-Kindergartentasche habe ich gegen eine braune Damenhandtasche ausgetauscht. Ich reisse mir nicht mehr einfach so die Kleider vom Leib.

Das Bähnchen hält. Viele Leute steigen aus. Ich sehe eine Frau mittleren Alters und stelle mir vor, dass auch sie eine Oma ist, die zu ihrem Enkelkind geht. Ich lächle. Sie läuft an der Terrasse der Conditorei vorbei und lächelt mir zu. Ich nicke. Alles klar.

Paula wird 85.

Am nächsten Montag ist Paulas 85ster Geburtstag. Wow.

Doch, wie feiere ich diesen Tag mit ihr?
Ich habe frei genommen.
Ich werde eine Schwarzwäldertorte kaufen.
Doch ich weiss nicht mal, ob sie den Schriftzug auf der Torte noch lesen kann.

Geschenke mag sie nicht so sehr, ausser es sind Plüschtierhunde oder Früchte.
Aber bitte solche ohne Kerne!

Paula war 49 Jahre alt, als ich geboren wurde.
Ihren 60sten Geburtstag haben wir wild gefeiert!
Meine Mutter kaufte Torte und wir assen Raclette.

Den 70sten haben wir eher besinnlich begangen. Schliesslich starb kurz zuvor mein Opa Walter.
Nie habe ich Paula so frei erlebt wie damals. Sie war voller Tatendrang und Ideen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Hadi hat sie das halbe Haus renoviert. Wir sind gemeinsam an meinen freien Tagen durch die Schweiz gereist. Nach Berlin. Gingen ins Kino.

Als Paula 80 wurde, sind wir mit ihr essen gegangen, mein Ex und ich. Sie mochte ihn nicht so besonders. Einige Monate später war ich dann mit Sascha zusammen. Ihn mochte und mag sie sehr.

85 Jahre alt. Ein so langes Leben. Ich kann nicht ermessen, wie viel sie erlebt hat.
Ich weiss, dass sie gute und schlechte Zeiten hatte.
Was davon weiss sie noch?

Gestern telephonierten wir.
„Gell Omi, du weisst ja. Am Montag hast du Geburtstag.“
Paula seufzt.
„Ja. Sie haben’s gesagt. Aber 85? Ist das nicht etwas… alt?“

Nachtrag:
Auf dem Täfelchen wird stehen: „Omi, ha di gärn.“ #ausgründen