Freunde verlieren

In meinem Leben herrschen die männlichen besten Freunde vor. Ich mag Männer. Sie sind witzig, manchmal bärtig, sensibel und oft unsicher, was Frauen angeht. Ich verlor einige von ihnen.

Da war N. Er war mein Kindergartenschatz. Schon mit sechs Jahren wusste ich: das ist einer, den du irgendwann heiraten kannst und mit dem du Kinder hast. Er wird eine Schaukel bauen, die Waschmaschine reparieren und macht dich glücklich.
N. war katholisch. Schon in der ersten Klasse war mir klar: der heiratet dich wohl eher nicht. Dann zogen wir weg.
Einige Jahre später, ich war mit meinem Töffli unterwegs ins Toggenburg zu meiner Oma, machte ich am Friedhof Halt, um meinen Bruder zu besuchen. Ich wandelte immer sehr gerne über die Wiesen und die Gräber. Besonders der katholische Teil hat mir immer sehr gefallen, weil so viele Gräber mit Bildern der Toten geschmückt waren.
1995. Ich erinnere mich noch, wie wenns gestern gewesen wäre, stand ich plötzlich vor N.’s Grab. Mir kam alles wieder in den Sinn. Unsere Streiche. Der Tintenfischbaum. Sein liebes Gesicht. Ich begann zu weinen.

Vor bald drei Jahren starb O. Er war mir in meiner Teenagerzeit ein verlässlicher Freund. Ich weiss nicht mal, warum wir uns aus den Augen verloren. Wir hatten nochmals kurz vor seinem Tod Kontakt. Er schien mir unsagbar alt geworden. Ich erkannte ihn fast nicht mehr. Er hat sich selber getötet. Ich fühlte mich schuldig, weil er mir in meinem verrückten Zeiten soviel Ruhe geschenkt hat. Doch in seiner Not konnte ich nicht helfen. Das zu akzeptieren fiel und fällt mir schwer. Ich vermisse ihn, sein Lachen, seine feine Tenorstimme und sein Gesicht noch heute.

D. und ich stritten. Ich mochte ihn gern, obwohl wir wie Feuer und Wasser, Hund und Katz, Himmel und Erde waren. Seine Stimme hallt noch jetzt in meinem Ohr und manchmal weine ich einfach aus heiterem Himmel, weil ich ihn so vermisse.
Wir unterstützten uns mit Rat bei familiären Angelegenheiten. Dann stritten wir wieder. Er hat mich ermutigt, meine Schreibe zu veröffentlichen.
Doch dann hatten wir Streit.

Wir reden nicht mehr miteinander. Ich leide weniger, seit wir keinen Kontakt mehr haben. Ich vermisse ihn. Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Ihm erzählen, wies Paula geht. Wie wir das Haus wieder auf Vordermann bringen. Stattdessen schreibe ich jede Frage in mein Tagebuch in der Hoffnung, dass ich die Antworten in mir selber finde.

Mein Bruder und ich

Ich frage mich oft, was wäre, wenn mein Bruder Sven noch leben würde. Diesen September würde er 35 Jahre alt werden.

Er war noch ein Baby, als er starb. Sein nicht gelebtes Leben macht mich unsagbar traurig. Was hätte er alles erleben können? Wie hätte er ausgesehen?Hätte er rotes Haar gehabt?

Einen Bruder zu haben, der sein Leben nur kurz gelebt hat, ist eine Bürde. In jedem Mann seines Alters suche ich sein Gesicht. Welchen Beruf er wohl ergriffen hätte? Wäre er Landmaschinen-Mechaniker geworden? Jurist? Förster? Autor?

Mit 19 dachte ich oft daran, wie wir uns gestützt hätten. Er hätte mich getröstet, wenn ich unglücklich verliebt war. Ich hätte ihm Mut zugesprochen, wenn er in der Schule ein Problem gehabt hätte. Wahrscheinlich hätten wir uns auch sehr oft gestritten, denn dafür sind Geschwister schliesslich da.

Bestimmt hätte er mich an die Beerdigung unserer Mutter begleitet. Diesen letzten Weg hätten wir Kinder alle gemeinsam auf uns genommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Doch ich kann dieses „hätte“ und „würde“ nicht mehr sehen. Ich bin nicht traurig, ich bin wütend. Wütend auf dieses Baby, das nie gelebt hat und einfach starb. Auf Babies darf niemand wütend sein. Auf das Schicksal und den lieben Gott schon.

Manchmal denke ich, dass sein Tod so vieles zerstört hat. Ohne ihn ist alles anderes. Trotzdem haben wir uns noch. Wir leben. Warum bloss reisst der Tod eines drei Tage alten Kindes eine so tiefe Schneise in unsere Familie?

Beim Räumen in Paulas Haus fand ich Svens Geburtsanzeige. Sie gleicht der meinen. Die Eltern freuen sich, die Geburt ihres ersten Sohnes bekannt zu geben. Ich weiss nicht mal, ob diese Karte jemals abgeschickt wurde. Denn der Tod trat drei Tage nach der Geburt ein. Schliesslich fand ich seine Todesanzeige. Tod des Kindes. Eltern. Schwester. Grosseltern. Alle erschüttert. Noch heute.

Auch in Paulas Erinnerung ist sein Tod tief eingegraben. Sie nennt ihn den Schutzengel, hofft, dass sie ihn, ihre Eltern und ihre Tochter irgendwann wieder sieht.

Ich bin gespalten. Ich glaube nicht an das Jenseits. Da hab ich keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Mir steht der Sinn nach Klarheit. Ich will wissen, wie und warum er gestorben ist. Das gibt mir Frieden und nichts anderes.

Mein Herz in St. Gallen

Gestern durfte ich in St. Gallen zwei meiner Texte am Fest des Kulturmagazins Saiten vorlesen. Ich war aufgeregt.
Und wurde wehmütig. Zu gerne hätte ich meine Mutter und Omi hier gehabt. Wäre meine Mutter stolz auf mich gewesen?

Wenn ich an St. Gallen denke, kommt mir jene Stadt aus den 80ern vor mein Auge. Ich erinnere mich an jene seltsame Maestrani-Installation im Bahnhof. Wenn Omi und ich an die Olma gingen, blieb ich immer sehr lange stehen. Ich war fasziniert davon. Der Jahrmarkt. Die Riitschuel. Die vielen Gerüche. Halle 7. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.

St. Gallen ist aber auch der Ort, an den meine Schwester notfallmässig eingeliefert wurde, als sie einen Fieberkrampf erlitt. Obwohl dies schon dreissig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an die Angst meiner Mutter, den leblosen Körper meiner Schwester.

In St. Gallen wurde ich vor bald zwanzig Jahren am Kiefer operiert. Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ich litt Schmerzen und ich verlor meinen Geschmackssinn. Der Sommer aber war sehr heiss.

Später begleitete ich Paula zu ihrem Orthopäden nach St. Gallen. Wir marschierten keine weiten Strecken mehr. Jetzt führe ich Omi an der Hand, so wie sie mich als Kind an der Hand genommen hatte.

Vor über zwei Jahren erfuhr ich, dass Anna Aerne, meine Urgrossmutter, 1947 an ihrer Brustkrebserkrankung im Spital in St. Gallen verstorben ist. Als ich vor zwei Wochen ihre Todesanzeige fand, man stelle sich vor, ein Blatt Papier, das über 65 Jahre alt ist, wusste ich auch, dass sie in St. Gallen beerdigt wurde. Sie liegt nicht auf dem selben Friedhof wie alle anderen meiner Familie.

Ich las keinen ernsten Text in St. Gallen vor. Mir stand der Sinn nach Lebensfreude. Traurig sein kann ich auch morgen noch.

Mutterfarben

Wenn ich durch Frauenfelds Strassen fahre, denke ich an meine Mutter. Ihr liebes Gesicht fehlt mir. Ihre Stimme. In Gedanken sehe ich sie, wie sie läuft, grossgewachsen und dennoch leicht gebückt, mit kurzem Haar. In der Hand hält sie eine rote Denner-Tasche. Darin transportiere sie ihre Weinschlegel.

Immer trug sie bunte Oberteile, so als könnten nur Farben ihrem Lebensgefühl Form verleihen. Weisse Pullover mit roten Streifen. Regenbogenfarben. Nur ja kein braun, grau oder schwarz.

Meine Mutter war am Ende ihres Lebens keine schöne Frau mehr. Dennoch sehe ich auf den Photos, die mir geblieben sind, einen Menschen mit warmherzigen Augen und höre ihre Stimme. Ihr Dialekt, eine Mischung aus Thurgauer und Toggenburger Mundart, ihr Kichern werde ich nie vergessen.

Ich muss dran denken, wie ich vor sieben Jahren verzweifelt war. Ich bin es heute nicht mehr. Trotz des Leides durfte ich die Erfahrung machen, dass ich nicht alleine bin. Da waren so viele Leute. Besonders berührt hat mich die Fürsorge meines Vaters und seiner Frau.

Meine Mutter war kein Engel gewesen. Sie war nach der Scheidung wütend. Sie beschimpfte Menschen und machte aus ihren Gefühlen und ihrer Verletzung keinen Hehl.

Wenn ich an Mutters Wohnung vorbei fahre, werfe ich einen Blick hinauf zu jenen Fenstern, die heute geschlossen sind. Ich sehe ihr Gesicht, ihr Winken und winke zurück, obwohl da niemand mehr ist.

Herzweh

Ab morgen arbeite ich wieder. Die grossen Ferien sind vorbei. Ich freue mich, meine ArbeitskollegInnen wieder zu sehen. Trotzdem schwingt auch Wehmut mit, denn in den letzten drei Wochen hab ich so viel Zeit im Haus verbracht, geräumt, geputzt und gearbeitet. Ich verbrachte nach fast zwanzig Jahren Unterbruch mal wieder eine Nacht unter seinem Dach.

Jetzt, wo mich der Alltag wieder hat, werde ich dort weniger Zeit verbringen können. Ich versuche nicht daran zu denken, denn es tut mir weh. Ich weiss, dass ich mich nicht vierteilen kann.

Als ich heute mit Sascha und seiner Schwester im Haus war, wurde mir bewusst, wie viel Potential in seinen Mauern steckt. Die Geschichten meiner Vorfahren hängen in den Wänden. Sie begleiten mich im Alltag. Doch noch etwas anderes geschah:

Wir sassen in der Küche und diskutierten. Da fiel mir ein, dass ich jetzt, mit 37 in derselben Situation bin wie Paula vor über 17 Jahren mit 69. Die Welt, das Haus, steht mir offen. Ich kann über mein Leben bestimmen. Ich kann das Haus entrümpeln und neuen Wind wehen lassen.

Ich habe heute den Küchenschrank neu eingeräumt. Er war mein Pièce de résistance. Ich wagte mich nicht daran, Omis Tassen zu berühren, ihre Teller, ihre Beggeli, ihre Gläser. Ich habe abgewaschen, sortiert und abgestaubt. Ich habe ihre Pfanne entkalkt. Es war nicht einfach,

Die nächsten Wochen werden nicht einfach. Geduld ist nicht meine Stärke. Noch soviel ist zu tun. Der Herbst kommt. Der Winter. Und ich arbeite irgendwo im Thurgau, fern des Hauses, tagein tagaus. Aber mein Herz schlägt schon jetzt ganz stark im Toggenburg.

Zu früh. Doch Gottes Wille.

Diese Karte fand ich im Haus meiner Oma.
Sie hat mich entsetzt.

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Zu früh. Doch Gottes Wille.
Man könnte, wie mir jemand geraten hat, Gottes Wille durch „Schicksal“ ersetzen. Doch das steht da nicht.

Die Karte wurde versendet mit einem vermeintlichen Trost. Die Karte war an meine Oma adressiert. Den Absender kenne ich leider nicht. Grosse Wut steigt in mir hoch, wenn ich diese Worte lese.
Meine Mutter starb mit 56. Gottes Wille, dass sie in diesem Alter starb? Wohl eher nicht. Sie starb an einer Leberzirrhose, nachdem sie über Jahre hinweg versucht hat, ihren Lebenskummer mit Alkohol zu betäuben.

Ich glaube nicht an Gott.
Der Glaube kam mir abhanden, nachdem ich mitbekommen habe, wie schwer meine Eltern am Tod meines Bruders getragen haben. Gottes Wille? Dass ein Säugling stirbt? Wer bitte ist schuld daran?

Meine Mutter gab sich über Jahrzehnte lang die Schuld am Tod meines Bruders. Man hat es ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie als Mutter die Verantwortung für sein (Über-)Leben trug und versagt hat. Sie ist daran zerbrochen. Über Jahrzehnte hinweg hat sie versucht, sich an seinem Todestag das Leben zu nehmen. Sie hat geweint. Da war kein Gott und erst recht kein Mensch an ihrer Seite, der sie hätte trösten können.

Die Gottes-Keule ist ein super Mittel, trauernden Menschen so richtig eins reinzuhauen. Jemandem so, der gerade einen Menschen auf grauenvollste Art und Weise verloren hat, mit Gottes Willen zu kommen und dass alles bestimmt einen Sinn hat, ist unverschämt und pervers.

Nachtrag: Hass macht krank. Ich versuche, nur wütend zu sein. Der Song hier hilft. Danke, lieber Freund!