un-zerschlagenes Geschirr

Es ist Ende Oktober geworden. Wir fahren ins Toggenburg. Es ist kälter geworden. Keine 10 Grad mehr. Ich kann den Winter riechen.

Das Haus sieht aus wie immer. Einsam erscheint es mir.
Mein Vater und seine Frau haben letzte Woche die Wiese gemäht. Jetzt liegen Tannzapfen herum. Ich sammle sie ein für den Winter.

Was sollen wir heute im Haus tun, fragen wir uns.
Ich mache mich daran, den Geschirrschrank weiter auszuräumen. Alles ist verstaubt. Die letzten zwei Jahre hat niemand mehr den Schrank geöffnet. Omi Paula hat das Geschirr aufbewahrt, aber nur selten gebraucht.

An Weihnachten und an Ostern nahm sie es heraus. Sie servierte Kaffee, Generoso und Schoggi auf Enziantellern.

So stehe ich da vor Omis Geschirrschrank und tue einen Blick in die Seele meiner Familie. Da steht ein Service, Porzellan aus Bayern, es wird wohl eine Mitgift gewesen sein. Goldrand. eine riesige Suppenschüssel. Alles sehr edel und gebraucht. Blaue Mokka-Tassen aus der Tschechoslowakei. Schnapsgläser. Weingläser. Dann eine ganze Schachtel voller Schnapsgläser. Ich bemerke rasch: in dieser Toggenburger Familie hat man gerne und viel Schnaps getrunken.

Nach zwei Stunden haben wir vier Regale voller Geschirr abgewaschen, abgetrocknet, sortiert und wieder eingeräumt. Es tut mir gut, mich von dem Zeugs zu verabschieden, das ich nicht mehr im Haus haben will. Ich bemerke, dass auch noch etwas anderes passiert: ich werde mich auch von vielen Dingen in meiner jetzigen Wohnung verabschieden müssen. Der Gedanke tut mir nicht weh; er ist viel eher befreiend.

Mutters Herz

In zehn Tagen ist sie sieben Jahre tot. Mir scheint, als wäre es hundert Jahre her. Ich sehe heute jünger aus als damals. Der Gram hat mich krumm gemacht.

Wenn ich an ihrer Strasse vorbei fahre, schaue ich nicht mehr zu ihrem Fenster, ob sie dasteht und wartet. Ich weiss ja, dass sie nicht mehr ist.

Aber am Anfang war sie überall. Ihr Geruch, ihre Habseligkeiten, ihre Kleider. Alles lag in meiner Wohnung herum. Ich konnte nicht anders, als mich mit ihr zu befassen. Ich trug ihr Herz aus Gold an einer Kette, bis man sie mir stahl. Ich verfluche den Dieb noch heute.

Die kurze Zeit, die uns beschieden war, brachte mich näher zu ihr hin. Ich begann zu überlegen, warum sie zu dem geworden ist, was sie war. Ich war gezwungen, mein eigenes Leben zu sezieren, wollte ich nicht so enden wie sie.

Ich hab ihr nie erzählt, warum ich keine Kinder habe. Der Frage bin ich immer elegant ausgewichen. Sie hat nie gefragt, warum ich ein Jahr vor ihrem Tod krank war. Die Sache mit der Weiblichkeit ist ein Lug. Man kann Brüste und ein breites Becken haben und trotzdem unfähig sein, ein Kind zu kriegen.

Ich bin nicht neidisch auf die, die Kinder haben. Ich freu mich für sie. Ich will nur mein eigenes Ding. Mein Haus. Das Schreiben. Freiheit. Glück. Ich bin meine eigene Herrin.

Ich wünschte mir, sie würde noch leben und mich in meinem baldigen Haus besuchen. Wir würden uns natürlich streiten. Aber ich wäre froh um sie. Ich vermisse sie.

Herz aus Glas

Der Oktober ist verlockend golden. Die Farben leuchten. Der Nebel lässt manchmal noch auf sich warten. Ich fahre ins Toggenburg, ins Haus.

Die Grippe, die meinen Körper seit zehn Tagen plagt, scheint vorüber, doch ich fühle mich noch kraftlos. Möbel schleppen ist nicht.

Das Haus gibt mir einen Vorgeschmack auf bevorstehende Winter. Es ist bereits etwas kühl. Ich versuche nicht daran zu denken, was wir noch alles räumen müssen. Mittlerweile freue ich mich auf die Mulde und die Dinge, die ich endlich wegschmeissen kann.

Ich entscheide mich, den Geschirrschrank aufzuräumen. Daran hab ich mich bisher nur schwer gewagt. Dabei hat Omi Paula bei jedem Besuch darauf gedrängt, dass ich was mitnehme, aufräume und putze. Die Erinnerungen an Omi, Röös und Henri scheinen im Geschirr zu stecken. Alles ist arg verstaubt. Ein Durcheinander.

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Ich fülle ein Becken mit heissem Wasser aus dem Bad, denn in der Küche gibt es kein warmes Wasser. Ich beginne, Stück für Stück der Gläser abzuwaschen und schliesslich zu trocknen. Der ganze Tisch ist voll von Glas. Die einen mögen bestimmt sechzig Jahre alt sein.

Ich muss mich entscheiden, was ich nicht behalten will. Die Wahl fällt mir erstaunlich leicht. Sascha verpackt für mich die Gläser und Schüsseln, die weg sollen. Nach zwei Stunden habe ich zwei Regale geräumt, alles abgewaschen und abgestaubt. Ich bin fix und fertig.

Herbstferienbeginn

Ich bin noch immer nicht ganz gesund. Die Grippe von letzter Wochen ist mir ans Lebendige gegangen. Ich wollte heute Paula besuchen, aber ich hab Angst davor, dass ich sie anstecke und sie auch krank wird.

Wir haben jetzt Ferien. Es ist ein seltsames Gefühl, denn im Februar bin ich davon ausgegangen, dass das Haus ausgeräumt ist und wir im Toggenburg leben. Das ist (noch) nicht der Fall.

Wir sind noch zwei Formulare vom Haus entfernt, jede Menge Sperrmüll steht im Haus bereit zum Abtransport. Innerlich sitze ich auf gepackten Koffer, obwohl dies äusserlich gar nicht der Fall ist. Ich bin dankbar für jene Menschen, die mich so sehr unterstützen. Da ist Omis Beistand, der einfach da ist. Meine Eltern, die anrufen und uns bei der Gartenpflege helfen. Meine Arbeitskollegen, die Ohr und Herz haben.

In zwei Wochen ist meine Mutter sieben Jahre tot. Ich kann es kaum glauben, dass die Zeit so schnell an mir vorbei rast. Bei all dem Trubel komme ich nicht dazu, trübselig zu sein und zu trauern. Ich sollte ihr Grab neu machen. Obwohl ich nicht gläubig bin, achte ich darauf, dass es an Allerheiligen für den Winter bereit ist. Omi hat darauf immer grossen Wert gelegt.

Vor sieben Jahren um diese Zeit bekam ich einige freie Tage von meinem Vorgesetzten, damit ich mit letzter Kraft die Wohnung meiner Mutter räumen konnte. Ich war am Ende. Die Angst, dass sie jeden Tag sterben könnte, der Druck vom Sozialamt, mein Gefühl des Versagthabens, die Trauer um sie, die Angst, dass man sie einfach aus dem Spital entlassen könnte, lastete schwer auf mir. Ich weiss nicht, wie ich das damals geschafft habe.

Jetzt, bei Paula, ist es irgendwie anders. Ich habe Hoffnung. Ich lebe in dem Gefühl, dass wenn ich umgezogen bin, ich Omi Paula wieder näher bin. Dass ich dann in einem sicheren Hafen lebe. Das Haus ist mein Schutzpanzer. Seine Geschichte ist älter als meine. Ich denke daran, wie meine Vorfahren schon dort gelebt haben und es macht mich glücklich.

Herbstferien. Früher bin ich mit Paula jeweils an die Olma gefahren. Das ist schon lange vorbei. Aber ich mag den dumpfen Nebel. Den Geruch der Bratwürste und der einschlafenden Erde.

Liebenswerk

Ich denke daran, wie sehr mich Paulas Geschichte zum Schreiben verleitet hat. Ist ihre Krankheit und meine Auseinandersetzung damit unser letztes Liebesbekenntnis?

In den letzten Wochen träume ich praktisch nur noch vom Haus. Ich renoviere es. Dazwischen träume ich von meiner Kindheit. Ich sehe meine Omi Paula vor mir, wie wir miteinander geredet haben, wie wir herumgereist sind und wie wir einfach immer zusammengehört haben.

Mich von der Einrichtung des Hauses zu trennen, ist ein schwerer Schritt. Doch es gibt so viele Möbel, die unpraktisch sind und die mir nicht gefallen. Ich werde sie entsorgen müssen. Doch im Gegenzug werde ich Bilder aufhängen. Porträts meiner Vorbewohner. Ich werde die Stoffe, die sich noch im Haus befinden, langsam aufbrauchen. Ich werde jeden einzelnen in etwas Sinnvolles vernähen. Das Holz im Keller werde ich verbrennen.

In der Stube liegen Opas und Uropas Musikinstrumente. Nie durfte ich eines lernen. Stattdessen scheint die Sprache heute mein Instrument. Doch die Geige lässt mich nicht los.

Das Haus scheint die Summe meiner Familie mütterlicherseits zu sein. Da wachsen Tulpen, Rosen und Primeln. Der Garten schreit danach, wieder belebt zu werden. Ich werde die Bäume schneiden, den Rasen mähen, die Fensterläden neu streichen.

Vor bald einem Jahr habe ich mir gewünscht, dass diese Weihnachten das Haus nicht mehr dunkel dasteht, sondern die Fenster beleuchtet sind. Ich hoffe, mein Traum wird wahr.

Fundstücke

Ich hatte mir für heute viel vorgenommen. Ich wollte das Gästezimmer aufräumen und so einrichten, dass es bewohnbar ist.

Das „Zimmerli“ ist klein aber fein. Es liegt im zweiten Stock, hat einen kleinen, nicht begehbaren Balkon und die Morgensonne erhellt den Raum. Er ist mit Holz getäfert und wurde irgendwann im letzten Jahrhundert angebaut.

Alles ist verstaubt. Einen grossen Teil der Schachteln habe ich bereits durchforstet und Müll entsorgt. Ich verschiebe die Möbel, um den verstaubten und verschmutzten Teppich wegzunehmen. Ich hänge ihn auf und lasse den Wind die Staubflocken entfernen.

Ich stelle die Möbel, die ich entsorgen werde in Flur. Eine Betttruhe, einen Tisch, Stühle, eine Kommode und das Buffet bleiben drin. Ich sauge, wische feucht auf. Plötzlich riecht der Raum nicht mehr nach Mottenkugeln, sondern nach Schmierseife.

Dann räumen wir in Omas altem Schlafzimmer, dem rosa Raum, der einmal Saschas Büro werden soll, das Bett frei.
Drei Bettduvets, zwei Bioresonanz-Matratzen, acht Leintücher, drei Kissen, eine Schaffelldecke und schliesslich den Matratzenbezug ziehen wir ab. Sascha entstaubt das Bettgestell. Es muss bestimmt siebzig Jahre alt sein!

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Nach der Räumerei lege ich ein Seitenabteil frei. In diesen Raum habe ich noch nie gesehen. Er ist über und über mit Karton ausgelegt. Einige Schachteln stehen herum. Alte, mintfarbene Küchengeräte, eine zarte Schachtel mit einem Puzzle drin und ein Plastiksack finde ich vor.

Ich schaue rein und erstarre. Eine Perücke auf einem Styroporkopf. Die Perücke ist in meiner Haarfarbe. Erschüttert lege ich das Teil zur Seite. Für heute ist genug.

 

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über die Gerechtigkeit

Manchmal frage ich mich, warum ich mir alles in meinem Leben so hart verdienen muss. Warum geht es immer schwer? Warum nicht beim ersten Mal einfach leicht?

Ich hielt mich immer für eine Optimistin. Aber im Moment bin ich das Gegenteil. Seit Monaten warte ich auf mein Haus. Seit mehreren Jahren geht meine Freizeit drauf. Ich räume, mähe, pflücke, wische. Aber nichts, was ich tue, hat einen Wert. Einen Sinn. Im Gegenteil. Es ist doch offensichtlich: als Frau darf ich für die Allgemeinheit, meine Verwandten arbeiten. Da wehrt sich niemand. Aber eine Gegenleistung einfordern kann ich nicht. Nicht mal auf den Kaufpreis des Hauses hat meine erbrachte Leistung einen Einfluss. Es ist viel eher so, dass sogar unbeteiligte Leute, wie zB. meine Schwester, plötzlich mitreden können.

Ich gebe Geld aus für Werkzeug, um die Wiesen und den Rasen mähen zu können. Zahlen dafür tut niemand, ausser ich. Meine Arbeit ist keinen Franken wert.

Ich verlange nicht einmal viel. Nur das Haus meiner Familie. Eine Perspektive.

Staubflocken und kleine Schritte

Der Tag abseits von zuhause hat mir gut getan. Der Blick auf den Hallwilersee, feines Essen und wohlschmeckender Wein haben mich abgelenkt von meinen aktuellen Sorgen.

Es gilt, nach vorne zu schauen. Es gibt soviel zu tun!
Falls morgen Montag klar wird, ob wir mit der Bank ins Geschäft kommen, werde ich in meinen Ferien im Oktober endlich mit der endgültigen Räumung des Hauses anfangen können.

Ich kann, solange mir das Haus nicht gehört, nicht einfach Omi Paulas Sachen wegschmeissen. Am liebsten würde ich alles verschenken in der Hoffnung, dass all ihre guten Gedanken auch andere Menschen befruchten würden. Aber wer hat schon Interesse an Möbeln aus den 50er und 60er Jahren?

Gestern wusste ich mit einem Mal, wo ich anfangen muss, zu ordnen. Zuerst muss das Gästezimmer hergerichtet werden. Omi nannte es immer „das Zimmerli“. Es ist irgendwie das hellste, aber auch das kleinste Zimmer. Ich will es putzen, die Möbel rausnehmen, das Bett aus dem ersten Stock raufholen. Alle Decken entstauben! Die Staubflocken sollen tanzen!

Ich möchte Bilder aufhängen. Den Vorraum weiss streichen. Die Vorhänge waschen.

Gestern war Svens Todestag. Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Jahren, an seinem Todestag den Aufbruch zu erkennen. Nicht mehr an seinen Tod denken, sondern daran, wie ich mir 2014 überlegt habe, welche Schritte ich als nächstes tue, wie ich leben will.

Warten. Teil 724.

Nein. wir leben noch nicht im Haus.
Ja. Es ist eine seltsam langwierige Sache.
Ja. Es ist mir bewusst, dass der Winter im Toggenburg früher anfängt als im Thurgau.
Nein. Ich habe unsere Wohnung noch nicht gekündigt.

Fragen über Fragen. Freunde fragen uns, warum alles so schleppend vor sich geht.

Ich habe keine Antwort An meinen freien Tagen fahren wir ins Toggenburg. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Unsere ganze Freizeit geht drauf. Im Moment für nichts.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich momentan glücklich bin. Ich bin unglücklich. Unzufrieden. Müde. Traurig.

Es gibt so vieles, worauf ich, neben meinem Job, meine Energie konzentrieren sollte: Omi, meine Gesundheit, das Schreiben.

Dass ich seit Anfang Jahr schlecht schlafe und mein Leben nur noch aus Warten auf irgendeinen Entscheid des Amtes besteht, möchte ich verdrängen. Im Februar bin ich davon ausgegangen, dass ich jetzt im Haus wohnen würde. Freunde von mir haben innerst kürzester Zeit ein Haus gekauft und ziehen jetzt ein. Es ist einfach nur ungerecht und macht mich wütend.

Wir hingegen warten. Wir fühlen uns wie unwichtige Nummern. Unser Leben zählt nicht. Was passiert, wenn Paula plötzlich stirbt und ich den Kaufvertrag noch nicht unterschrieben habe, mag ich mir nicht vorstellen. Der blosse Gedanke bringt mich zum Erbrechen.

Der September ist ein voller Monat. Ich weiss nicht, woher ich die Zeit nehmen soll, ins Haus zu fahren. Vielleicht ist es nicht mal so wichtig. Schliesslich war unsere ganze Arbeit der letzten Monate „nichts wert“. So ist es nämlich.

Ich mag nicht verbittert klingen. Ich will nur endlich einmal eine Perspektive haben. Ernst genommen werden. Keine Nummer sein. Endlich in Paulas Nähe wohnen, solange sie noch da ist. Sie öfters sehen. Sich in Ruhe voneinander verabschieden.

Denn eines kann ich prophezeien: wenn Paula nicht mehr lebt, wird es auch keinen Amtsträger mehr interessieren, was mit dem Haus ist und für wieviel ich es kaufen soll. So einfach ist das.

verdiente Armut

Gestern war ich im Haus. Es hat mir gefehlt, die letzten drei Wochen. Mir scheint, als würde das Leben allzu schnell an mir vorüber ziehen. Ich werde alt, während es, das Haus, gleichbleibend 175 Jahre zählt.

Ich bin jetzt 37 Jahre alt. Fast 140 Jahre jünger als das Haus., fast 90 Jahre jünger als Henri, der das Haus in den 50er Jahren kaufte. Henri ist der grosse Unbekannte in meinem Leben, nebst Anna, meiner Urgrossmutter.

Henri wurde 1889 im Toggenburg geboren. Er hat sein Leben lang in der Textilindustrie gearbeitet. Seit gestern weiss ich, dass er bis zu seinem 75sten Lebensjahr einen Job in der Textilfabrik hatte.

1964 wurde er „pensioniert“. Er blieb bis zum Ende seines Lebens umtriebig. Er züchtete Waschbären, Hunde und pflegte mit Röös seinen Garten.

Ich erinnere mich dunkel an seine knorrige Nase, die der meinen gleicht. seine Stimme. Seinen Bauch. Sein Lächeln. Ich war noch ein kleines Kind, als ich ihn wahrnahm, wie er so da sass in seiner dunklen Toggenburger Stube.

Die Stube sieht längst anders aus. Die Bewohner des Hauses sind gegangen. Walter, Henri und Röös sind tot. Paula lebt in einem Pflegeheim, während ich das Haus räume und mich seinen Geheimnissen stellen muss.

Als Röös und kurz darauf mein Urgrossvater Henri starb, waren meine Grosseltern Walter und Paula gezwungen, den übrigen Verwandten Geld zu überweisen. Ich habe nie verstanden, warum mein Grossvater derart gekränkt war.

Heute weiss ich es. Er musste beweisen, dass mein Urgrossvater Henri nicht arm geheiratet hat. Er musste Beweise vorlegen, dass Henri Geld besass.

Ich erinnere: Henri war zuerst mit Anna verheiratet. Sie mussten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs warten, bis sie heiraten konnten. Dann wurde Nelly geboren. Aus mir noch unbekannten Gründen starb Nelly als Kleinkind. 1924 wird mein Opa Walter geboren. 1947 stirbt Anna in St. Gallen an Brustkrebs und wird auch dort begraben.

Mein Uropa Henri hat jahrelang gearbeitet. Er war ein fleissiger Mann. Haben die Arztkosten von Anna ihn zu einem armen Mann gemacht? Hat dies meinen Grossvater so sehr gekränkt? Ich kann nur spekulieren und hoffen, dass das Haus mir weitere Spuren seiner Bewohner bereit hält.