Uschi verlieren

Die Tage vor Uschis erstem Todestag im Jahre 2008 habe ich mit Paula verbracht. Wir hielten uns an den Händen und weinten. Wir redeten gemeinsam über Uschis Tod. Für Paula war alles sehr präsent und schmerzhaft.

Wie oft hatten wir darüber gesprochen!
Für Paula war der Tod ihrer Mutter Berta tief einschneidend gewesen. Sie hat es sich, solange sie sich daran erinnern konnte, nie vergeben, dass sie in der Stunde des Todes nicht an Bertas Seite war.

Das kann ich von mir nicht behaupten.
Ich bin nicht von Uschis Seite gewichen, obwohl ihr Sterben alle meine Kräfte überstiegen hat. Sie lag in ihrem Bett, atmete schwer und ihr Leben aus, während ich stumm daneben sass. Die Pflegenden versuchten immer wieder mal, mich abzulenken, wohl weil sie aus Erfahrung wussten, dass die Sterbende erst gehen könnte, wenn ich weg war.

Aber ich wusste auch, dass meine Mutter und ich eine Art Pakt hatten. Sie hat es gehasst, wenn ich schwarze Kleider trug.
Manchmal, so denke ich, war das der Grund, warum ich bis zum Ende dabei sein durfte. Vielleicht war meine Aufgabe hierbei, die Angst vor dem Tod zu verlieren.

Das Ende ist nicht schwarz oder dunkel. Es ist traurig. Es ist herzzerreissend, aber nicht schwarz.

Wenn ich an meine tote Mutter zurückdenke, so sehe ich ihr dunkles Gesicht mit den schönen braunen Augen. Sie sah sehr entspannt aus, zufrieden, schlafend wie Dornröschen.

Der Tod hat etwas unheimlich friedliches. Er ist wie ein rückwärtsgewandte Geburt. Nur das Sterben scheint anstrengend.
Ich weiss nur, wenn ich sterbe, wird kein Kind von mir an meiner Seite sein. Davor habe ich Angst.

Zwei Mütter

Als die Ehe meiner Eltern auseinander ging, war ich 16 Jahre alt. Ich war geschockt und gleichzeitig erleichtert. Ich hatte jahrelang mitbekommen, wie meine Eltern sich alle erdenkliche Mühe gaben, zusammen zu bleiben und es doch nicht schafften. Ich wusste, sie hatten das für uns Kinder getan.

Mein Vater hatte sich (endlich!) neu verliebt und zwar in eine von Uschis nächsten Freundinnen. Sie hiess Heidi, war ebenfalls verheiratet und irgendwie eine heimliche Heldin meiner Kindheit. Heidi war nämlich der coolste Mensch, den ich kannte. Sie hatte immer ein beruhigendes Wort zur Hand und ich bin ganz sicher, wäre sie an Bord der Titanic gewesen, hätte sie das Schiff und die Menschen gerettet. Das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber im Gegensatz zu Uschi konnte Heidi nichts erschüttern.

Heidi war Mutter von vier Kindern. Wir verbrachten viel Zeit bei ihr und ihrem Mann zuhause. Bei ihr ass ich zum ersten Mal in meinem Leben Raclette. Ihr ältester Sohn war der erste Junge, den ich geküsst hatte. Wenn sie bei uns vorbeikam, gab ich ihr jeweils Liebesbriefe für ihren Sohn mit, weil ich mir die Briefmarken nicht leisten konnte und das sowieso doof gewesen wäre.

Nun war ich also 16 und bemerkte, dass mein Vater sich in diese tolle Frau verliebt hatte. Ich war glücklich für ihn – und für mich.

Die Wirren der Pubertät allerdings liessen mich zu einem Monster werden. All das, was ich an Abnabelung mit meiner Mutter nicht geschafft hatte, reagierte ich nun an Heidi, die mit meinem Vater zusammengezogen war, ab. Ich schäme mich noch heute dafür.

Eigentlich hätte ich ihr am ersten Tag am liebsten gesagt, dass ich froh bin, wenn sie jetzt meine Mutter ist. Aber das getraute ich mich nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie jetzt mit meinem Vater, meiner Schwester und mir zusammenlebte, für uns kochte, ihre Kinder jedoch bei deren Vater blieben.

Erst einige Jahre später, ich war längst ausgezogen und in einer unglücklichen Beziehung, kamen wir uns wieder näher.
Sie schenkte mir liebe Worte, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Sie tröstete mich, wenn mir alles über den Kopf wuchs.

Das liebste aber tat sie für mich, während meine Mutter im Sterben lag. Sie fragte mich regelmässig wie es mir ging. Das taten damals nur wenige Menschen. Das hätte sie nicht tun müssen, denn meine Mutter war seit der Scheidung sehr gemein zu ihr gewesen. Aber für Heidi spielte das alles keine Rolle.

Als wir letztes Jahr Paula ins Pflegeheim brachten, waren sie und mein Vater zur Stelle und halfen uns. Ich hab vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen. Heidi jedoch, bewaffnet mit Massband und Bleistift, mass Möbel ab und organisierte den Transport der Züglete.

Heidi ist für mich nach wie vor die Mutter, die ich gerne gehabt hätte und irgendwie auch habe. Wenn ich Kinder hätte, wäre ich gerne wie sie: lebensfroh, witzig, gelassen und lieb.

Als ich Heidi heute erzählte, dass mein erstes Buch erscheint, hat sie sich so sehr mit mir gefreut, dass ich danach weinen musste, weil ich weiss, dass sie für mich da ist.

Meine Mutter, Paula und ich

Natürlich wäre es mir lieber, sie würde noch leben, meine Mutter. Die Frau, die mich geboren hat, lebt aber leider seit bald sechs Jahren nicht mehr.

Ganz bestimmt würde sie Bemerkungen über meinen Freund fallen lassen. Aber keine Angst: meine Mutter wäre die allerbeste und allerliebste aller Schwiegermütter geworden. Niemals hat sie einen meiner Freunde runter gemacht. Im Gegenteil. Sie fand jeden toll, weil er eben meiner war.

Meinen Beruf fand sie immer sehr speziell. Wir haben nie gross darüber geredet. Ich aber konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie über ihre Kunden im Denner gesprochen hat. Sie hat ihre Arbeit als Verkäuferin so sehr geliebt.

Einige Jahre vor ihrem Tod half ich ihr bei ihrer Bewerbung als Rottenköchin. Meine Mutter war die beste Köchin ever. Ihr Voressen war legendär. Leider hat sie den Job nicht gekriegt.

Das bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was ich immer werden wollte. Schon als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Einige tolle Lehrer versuchten mir die Sprache abzugewöhnen. Meine Mutter war diesbezüglich immer sehr fordernd. Sie gab sich mit keiner halbwegs perfekten Note zufrieden. Deutsch fand sie wichtig. Also strengte ich mich an.

Zu gerne würde ich wissen, was sie über meine Hauspläne denkt. Würde sie mich unterstützen? Würde sie mich tatkräftig unterstützen?

Wahrscheinlich würde sie das nicht tun.
Sie hat mich auch all die Jahre vor ihrem Tod bei der Betreuung von Paula nicht unterstützt. Ein Beispiel? Meine Oma hatte immer so einen seltsamen Aschenbecher der Swissair. Den habe ich als Kind so sehr geliebt. Ich fand es wunderbar, das silberne Flugzeug aus seiner Verankerung zu holen und mit dem Ding zu spielen. Meine Mutter hat es Oma abgeschwatzt mit dem Vorwand, es behalten zu wollen. Stattdessen hat sie es verkauft. Das fand ich wirklich schlimm.

Nie übernahm meine Mutter einen der Einkaufsdienste. Nie ging sie mit Paula zum Arzt. Stattdessen habe ich das getan, obwohl ich 100% berufstätig war.

Ich mag meiner Mutter keine Vorwürfe machen. Sie ist tot. Aber manchmal denke ich, dass es furchtbar ungerecht ist. Sie sollte jetzt an meiner Stelle stehen. Sie sollte sich um Paula sorgen. Ich würde sie dabei unterstützen. Bestimmt.

Ein Leben aufräumen

Ich versuchte während Wochen, Uschis Wohnung zu räumen.
Es war ein Ding der Unmöglichkeit.

Zwar war die Wohnung sauber, aber Uschis Geruch war überall. Es roch nach Zigaretten (Mary Long!) und kaltem Rotwein. Auf dem Herd stand ein Topf mit Suppe drin, der angeschimmelt war. Ihr Kühlschrank gammelte ebenfalls vor sich hin.

Ihre Bettwäsche war verblutet. Durch ihre Lebererkrankung litt sie immer wieder unter starkem Nasenbluten. Die Couch und das Couchdeckchen waren übersät von Brandflecken von Zigaretten.

Ich fing an, Regale zu räumen. Ihre Bücher, ihren Nippes, ihre persönlichen Dinge.
Ich packte Fotos ein. Sie hatte tatsächlich Fotos von mir, meiner Schwester und den Katzen behalten. Es gab Fotos von ihren Liebhabern, meinem Vater und meinen Grosseltern.

Mir fielen Briefe in die Hand, die 40 Jahre alt waren. Ich erfuhr daraus, dass sie mit 16 von einem Schulschatz vergewaltigt worden war. Sie hat nie darüber geredet. Ich fand ihren Schmuck. Ihre Kruzifixe. Den silbernen Apfel, den sie während meiner Kindheit getragen hatte. Den Ring der Nofretete.

Ich weiss nicht, wie oft ich heulend ausgestreckt auf dem schmutzigen Teppich lag.
Ihr Leben aufräumen zu müssen, während sie im Spital und später im Pflegeheim lag, brachte mich halb um den Verstand.

Am nächsten Tag besuchte ich sie im Pflegeheim. Ich sagte ihr, dass ich die Briefe mit dem lila Band gelesen hatte. Ich fragte sie nach G. Sie drückte meine Hand, sah mich aber nicht an. Dann sagte sie:

„So weisst du es.“

Das hatte ich nie wissen wollen. Doch nun war das Geheimnis meiner Mutter in meinen Händen. Ich habe dann einige Monate später Paula gefragt, was passiert war. Doch sie konnte sich nicht mehr erinnern. Meine Mutter war für meine Grossmutter zu einem geliebten Phantom geworden.

Vom anständigen Sterben und was einen daran hindert

So kehrte meine Mutter zurück ins Spital.
Diese Zeit würde schwierig werden, das wusste ich.

So wunderte ich mich nicht, als man mir wenige Tage später eröffnete, ich hätte am folgenden Tag um punkt zwei dem behandelnden Arzt zu telephonieren, der mir die weiteren Schritte erklären würde.

Auf die Schritte war ich gespannt. Es gab meines Erachtens nämlich keine. In meinem Nacken sass das Sozialamt, welches von mir verlangte, dass ich rasch Uschis Wohnung räumte. So staunte ich nicht schlecht, als mir der Arzt eröffnete, sie würden Uschi am nächsten Tag entlassen. Ich bekam fast die Krise. Uschi hatte einen Aszites, schrecklichen Durst und würde innert weniger Stunden ohne medizinische Hilfe sterben. Ihre Wohnung lag im dritten Stock. Es gab keinen Lift. Doch statt einer klaren Antwort auf meine Fragen, meine Ängste, sie tot aufzufinden, meinte der Arzt nur:

„In einer intakten Familie würde man den Sterbenden zuhause aufnehmen und pflegen.“

Na vielen Dank.
Da war er wieder. Der passiv-aggressive Vorwurf.
Nur weil meine Mutter alkoholkrank war, nahm sich dieser Typ das Recht raus, meine Familie (und mich!) als nicht intakt zu bezeichnen. Er machte mir Vorwürfe, weil ich nicht einfach so meinen Job hinschmiss, um Uschi zu pflegen. Er beleidigte mich. Er hatte keine Ahnung von meinem Leben und fühlte sich schrecklich im Recht. Damals gab es nämlich für Menschen wie Uschi keine Hilfe zuhause. Sie hatte, nach Meinung der medizinischen Fachpersonen, ihr Unglück, selbst verschuldet

Ich war wirklich wütend und ich hatte grosse Angst um meine Mutter.

Aber ich hatte Glück.
Mir fielen meine Kontakte zu meiner ehemaligen Therapeutin und ihrer Beratungsstelle ein. Sie rief ich an. Ich erzählte ihr unter Tränen, was passiert war und bat sie um Hilfe.

Sie und ihre Kollegen halfen mir schnell und tatkräftig. Sie reichten bei der Stadt eine Gefährungsmeldung ein und sorgten so dafür, dass meine Mutter nicht in ihren sicheren, einsamen und entwürdigenden Tod entlassen wurde.

Was nun geschah, mag sich der geneigte Leser vorstellen.
Man darf nämlich allen möglichen Scheiss melden, aber wenn man einen bevorstehenden Tod anmeldet, der nur passieren wird, weil man eine todkranke Frau nicht mehr pflegen will, dann rebelliert das System.
Die Vorwürfe kamen von allen Seiten und das nicht zu knapp.
Der Arzt reagierte beleidigt, sogar die Dame des Sozialamts machte mich an, was mir eigentlich einfiele, eine solche Meldung zu machen. Ich war zu einer Art sozialem Freiwild geworden.

Aber das war es mir wert, denn am Ende, wenn Uschi hilflos in ihrer Wohnung gestorben wäre, hätte es nur noch mich gegeben, die ihre Überreste weggeputzt hätte. Und das hätte ich nicht ertragen.

Ein Platz für Uschi

Es war natürlich klar, dass meine Mutter im Spital nicht am richtigen Ort war. Dafür war die Pflege zu teuer und der Nutzen zu klein.
Meine Mutter wurde schliesslich, als sie wieder halbwegs lebendig war, in Absprache mit den betroffenen Abteilungen in die Psychiatrie verfrachtet.

In den Tagen vor dem Transport in die Psychiatrie hatte meine Mutter schreckliche Albträume. Sie rief mich an und sagte: „Ich hab geträumt, dass mich in der Psychiatrie Ratten bei lebendigem Leibe anfressen.“ Meine Mutter hatte nämlich schreckliche Angst vor Mäusen und anderen Nagern. Ich verstand, konnte aber nur wenig tun. Die Pflegemaschinerie war ins Rollen geraten.

Wider Erwarten gefiel es ihr.
Die Psychiatrische Klinik, in der sie nun lebte, führte ein ausgezeichnetes Aktivierungsprogramm. Uschi war glücklich, Sie konnte stricken, häkeln und keiner verbot ihr, Kreuzworträtselzeitschriften auf die Tischplatte zu kleben. Im Gegenteil.

Ich war allerdings etwas erstaunt, als meine Mutter mir erzählte, dass sie in einer Gruppentherapie war. Jahrelang hatte sie Therapien umgangen. Besonders die Gesprächstherapie lag ihr gar nicht. Doch dann meinte sie: „Weisst du, es ist schon komisch. Da bin ich am Sterben und ich sitze mit 20jährigen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben da und rede darüber, dass ich getrunken habe.“

Als ich sie besuchte, wurde ich von einem Arzt abgefangen. Der führte mich in ein Büro, wo er mich ausfragte. Er wollte wissen, ob ich begriffen hatte, dass sie stirbt. Das hatte ich natürlich. Ich war ja nicht doof. Dann fragte er mich unverhohlen, ob auch ich alkoholkrank sei, denn schliesslich sei ich als Tochter besonders in Gefahr.

Da wurde ich wirklich wütend.
Ich fand es unverschämt, in dieser Situation zu so einer Kackscheisse befragt zu werden. Ich antwortete ihm barsch, dass ich schon als Kind begriffen hatte, was los war und ihr geholfen hatte, die morgendliche Kotze wegzuwischen. Dieser Arzt hatte keine Ahnung von meinem Leben. Ich verliess sein Büro.

zwei Tage später erlitt meine Mutter einen Infekt und musste zurück ins Spital gebracht werden. Ich war darüber nicht unglücklich.

Der schwarzgoldene Oktober.

Der Oktober ist ein seltsamer Monat. Ich liebte den Herbst, seit ich ein Kind war. Ich liebte die Farben. Gelb. Orange. Fauliges Grün.

Als ich meine Mutter zum letzten Mal sprechend sah, es war der 14. Oktober, wusste ich nichts. Es war sehr neblig. Ich wurde an meinem Arbeitsplatz angerufen und gebeten zu kommen, da es ihr sehr schlecht ging. Ich fuhr hin. Sonntagnachmittag. Die Strecke schien mir endlos.

Meine Mutter sass still, aber zufrieden in ihrem Bett. Ich hatte es mir dramatischer vorgestellt. Wir redeten ein wenig. Sie roch nach frischer Leber, dieser Geschmack, den ich niemals mehr in meinem Leben mehr aus meinem Kopf herausbringen werde. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre Haut senfgelb. ebenso ihre Augäpfel.

Wir sassen nebeneinander. Ich hatte das Gefühl, als sässe der Tod zwischen uns. Ich konnte seine Knochenhand und seinen eisigen Atem fühlen. Ich dachte, ich wäre bereit, sie gehen zu lassen. Die Nächte waren die Hölle. Ich konnte nicht mehr schlafen. Immer wieder wachte ich auf. Schweissnass. Horror.

Als ich zwei Tage später um acht Uhr morgens von Weinfelden nach Wil fuhr, hatte ich Panik. Ihre Nacht war schlecht gewesen. Man erwartete, dass sie in kürzester Zeit gehen würde.

Der Nebel war sehr, sehr dicht gewesen. Ich musste vorsichtig fahren. Ich fluchte am Steuer. Weinte. Schrie. Ich war so wütend. So abgrundtief traurig.

Als ich ankam, lag sie in ihrem Bett wie ein riesiger, senfgelber Embryo. Ihr Mund war trapezförmig geöffnet. Ich war nicht geschockt. Ich setzte mich neben sie hin. Ich streichelte sie. Nach einiger Zeit begann ich damit, ihre Häkeldecke zu flicken. Sie hatte die Endfäden jeweils stehen gelassen, weil sie nicht gerne nähte. Also tat ich das für sie.

Nach einer Nacht ohne Schlaf, vielen Tränen und einem unbequemen Sessel wurde es Morgen. Meine Mutter lag noch immer in ihrem Bett und lebte. Ich hatte dutzende von Atemaussetzern miterlebt. Aber sie ging nicht.

Am Vormittag kam Paula vorbei. Wir setzten uns an Mutters Bett und erzählten ihr ihre Lebensgeschichte. Um 16.15 machte meine Mutter den letzten Atemzug. Draussen schien die Sonne, leuchteten die Farben, so als hätten sie nur darauf gewartet, dies für sie tun zu können.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.

Wo zieht es mich hin?

Als ich 16 Jahre alt war, zog ich von zuhause aus, floh vor der Mutter, die mich nicht verstand und dem Vater, den ich so gern hatte. Erwachsensein. Selbständigkeit. Mich verlieben. Französisch lernen. Mondän sein.

Ich war das Gegenteil von alledem.
Ein Kindskopf. Pickelig. Unsicher. Kindlich.
Ein ganzes Jahr habe ich abseits meines geliebten Thurgaus gelebt.
Ich hab die Romandie in jeder Jahreszeit gesehen. Lavaux im Herbst. Ich lieb es.
Ich hab so viele Filme gesehen. Mich in Genf verliebt.

Dann kam ich zurück.

Währenddessen war die Ehe meiner Eltern vollends am Ende. Meine Mutter war so unglücklich, dass sie ging und sich traute, ihr eigenes Leben zu leben. Da war sie 43, sieben Jahre älter als ich jetzt. Mutter von drei Kindern, eines davon tot.

Nie wieder wollte ich hier weg.

Eine Weltreise kam für mich nie in Frage. Mehr als fünf Tage nicht in meinem eigenen Bett schlafen, war mir eine Qual. Schliesslich lebten hier all jene Menschen, die ich liebte: mein Vater, meine Mutter, Paula und mein Grossvater.

Jetzt leben nur noch mein Vater und Paula. Alles, was von meiner Familie übrig geblieben ist, lässt sich einstellig beziffern. Nichts hält mich mehr hier, möchte man glauben.

Doch dann sind da diese wunderbaren Landschaften. Die sanften Hügel des Thurgaus, das Toggenburg, verbunden durch die Lebensader, der Thur. Meine Vorfahren lebten an ihrem Ufer.

Ich kann mir nicht vorstellen, hier weg zu gehen. Ich bin wie ein Baum, der seine Wurzeln tief in die Erde geschlagen hat.

Wie es ist.

Heute war zum ersten Mal seit vielen Jahren ein guter Tag für mich.
Den 20.9. verbrachte ich bisher jeweils gedämpft und traurig.
Ich trug meistens schwarz und redete wenig.
Ich trauerte um meinen Bruder.

Das war heute anders.
Ich entschloss mich, den Herbst einzulassen und zu meinen grauen Kleidern rostrote Strümpfe zu tragen. Ich will nicht länger traurig sein.

Ich verbrachte heute den ganzen Tag am Frauenseminar in Romanshorn und habe mich im Rahmen meiner Ausbildung zur Biographie-Schreibpädagogin mit der Heilkraft der Laute, umgeben von lieben Kolleginnen, beschäftigt. Nur wenig dachte ich an meinen Bruder. Es war mir, als würde das Herbstlicht mich ermuntern, Sonne in mein Herz lassen. Ich wünschte mir mit einem Mal, er könnte auch in meinem Leben langsam verblassen.

Ich habe es heute so stark gespürt, dass er weg ist und ich offenbar noch die einzige bin, die sich seiner erinnert. Er ist nicht mein Kind, sondern das meiner Mutter. Trotzdem bin ich traurig, dass er nicht mehr lebt.

Diese Trauer, dieses Erinnern ist mir geblieben. Wie oft habe ich mit Paula über ihn geredet?
Auch sie weiss nicht mehr, dass es ihn mal gegeben hat. Ihre Erinnerung an das Leben vor über 30 Jahren ist verschwunden.

Ich wollte nie Kinder haben. Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass ich Angst hatte, ein Kind zu gebären und so zu verlieren, wie es meiner Mutter passiert ist. Andererseits denke ich heute, dass es vielleicht, in jüngeren Jahren, das Risiko wert gewesen wäre.

Die Natur, Gott, was auch immer, hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich werde nie Kinder kriegen.

Allerdings ist da noch das Schreiben, was mich beflügelt und glücklich macht.
Etwas zu schreiben ist wie Gebären: Man ist inspiriert, verliebt, leidet, wartet und ist glücklich und erleichtert, wenn es endlich da ist. Das Wort. Der Satz. Die Geschichte.

So wie diese hier.