Was ist Dankbarkeit?

Ich fragte die Pflegende nach Paulas Befinden. Als Angehörige sieht man ja nicht wirklich den Pflegealltag. Die Einschätzung der Fachfrau hilft mir, klar zu sehen.

Paula braucht viel Hilfe. Aber sie gibt sich grosse Mühe, so autonom wie möglich zu bleiben. Das bewundere ich an ihr. Dieser unbeirrbare Wille!

Dann sagte die Pflegende etwas, was mich sehr gerührt hat: Ihre Oma ist eine so dankbare Person.

Das war sie schon immer. Ihr Wesen ist freundlich und zuversichtlich. Anders könnte sie in ihrer aktuellen Lage nicht so sein. Ich bin dankbar dafür, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht.

Am Samstag habe ich in einem der vielen Seitenschränke endlich Paulas Sonntagsblusen gefunden. Ich freu mich, ihr diese beim nächsten Besuch zu übergeben. Hoffentlich erkennt sie sie noch und hat Freude daran.

Ebenfalls gerührt war ich, als ich mit Paulas Beistand geredet habe. Wir diskutierten darüber, ob sie wohl Freude daran hätte, ins Haus zu gehen. Mal sehen, wann wir das machen!

Happy

Was mich glücklich macht

– der Storch neulich auf der Wiese vor unserem Dorf

– blühende Magnolienbäume

– Filme, bei denen ich weinen muss

– Gedichte, bei denen ich denke: das hat die Autorin nur für mich geschrieben

– gut gereifter Käse

– gespitzte Bleistifte

– Aretha Franklins Stimme

– der Fuchs, der mich manchmal morgens vor der Arbeit scheu anschaut

– die Katze, wenn sie mich morgens weckt

– das Haus

– orange Tulpen

– Väter, denen man ansieht, dass sie ihre Kinder mögen

– Dior 999

– Sacre de Printemps

– junge Krähen

– nähende Frauen

– Jacquard

– Stewart Granger in „King Solomons Mines“

– handgeschriebene (Liebes-)Briefe

– Golden Cadillacs

– meine Bernina 531

– alte Menschen, die sich über kleine Babies freuen

– die Hände alter Menschen

– Nina Simone

– Perlen

– Briefmarken

– Queen

– der Duft der Apfelblüten

– Langlaufen auf dem Wellenberg

– Sonnenaufgänge über der Thur

– Freunde wiedersehen und in die Arme schliessen

– bei prasselndem Regen ein Buch unter der Bettdecke lesen

– Jasmintee

– Sherlock Holmes

– Priscilla, Queen of the Desert

– Coupe Nesselrode mit Schoggiglacé

– Der Bodensee im Sommer

Was macht Dich glücklich?

Als meine Mutter starb

Die drei Monate, während denen meine Mutter starb, waren die bisher schlimmsten meines Lebens. Ich war gerade erst 30 Jahre alt geworden, erfreute mich guter Gesundheit und Lebensfreude, wollte mich bald verheiraten und glücklich sein.

Ihr Sterben veränderte alles.
Wenn man es mit einem sterbenden Menschen zu tun kriegt, hinterfragt man alles bisher dagewesene. Kein Stein blieb bei mir mehr auf dem anderen. Die eigene Beziehung, das Leben, die Karriere, die eigene Haltung? Alles war unsicher. Angst durchzog mein Leben.

Die Wochen, in denen meine Mutter zwischen Spital und Pflegeheim, Leben und Tod schwebte, raubten mir den Schlaf und meinen Seelenfrieden. Ich wachte nachts schweissüberströmt auf. Ich litt mit ihr, wenn sie mir am Abend zuvor erzählte, welche Todesängste sie aushielt. Sie träumte von Ratten, die sie bei lebendigem Leibe auffrassen, dass man sie quälte und peinigte. Meine Mutter, so hilflos in ihrer Krankheit, löste bei mir Gefühle aus, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie in mir existierten.

Ihr Kampf zwischen Leben und Tod, Wachsein und Schlafen beschäftigte mich sehr. Mit einem Mal fühlte ich mich wie eine Löwin, die ihr Junges beschützen sollte. Was für eine verkehrte Welt!

In Wirklichkeit fühlte ich mich selber völlig verloren.
Ich hätte am liebsten nur noch geweint, mich unter die Bettdecke verkrochen, mich beschützen lassen wollen von wem auch immer.
Doch stattdessen war ich stark. Ich managte Mutters Leben. Löste ihre Wohnung auf. Verstaute ihre Habseligkeiten in meiner Wohnung. Ertrug den Geruch ihrer Möbel.

Als meine Mutter starb, war ich alleine. Ich fühlte mich von Gott und der Welt verlassen.

Ich habe Angst

Angst vor Morgen.
Ich soll mich mit Behördenmitgliedern und dem zukünftigen Beistand von Paula treffen. Noch weiss ich nicht, was mich da erwartet. Ich bin froh, dass es keine Frage ist, dass Paula da mit dabei ist.
Meine Angst überwiegt. Wie geht es weiter?
Kann ich Paula das Haus abkaufen? Wie wird sich die weitere Betreuung gestalten?

Ich stehe so voller Tatendrang. So gerne würde ich das Haus räumen. Aber ohne Auftrag geht das nicht. Es tut mir in der Seele weh, dass das Haus leer steht. Bald ist Frühling. Es gibt soviel zu tun.

Ich weiss ganz bestimmt, dass sich mein Leben ändern wird. Es hängt von den nächsten Wochen ab. Ich bin bereit.

Was mich wirklich wütend macht

Ich bin in Wängi, einem kleinen Thurgauer Dorf, aufgewachsen. Dort liegt auch mein Bruder begraben. Als ich in den Kindergarten und später in die erste Klasse ging, war ich eines von fünf Schweizer Kindern unter 20. Mit mir zur Schule gingen italienische, portugiesische und türkische Kinder. Wir haben uns alle recht gut verstanden, wenn auch die Heimwege manchmal etwas problematisch waren. Im Kindergarten waren wir alle recht anständig zueinander. Doch kaum waren wir raus, haben wir uns gefetzt und geprügelt. Ich konnte dabei nichts schlimmes finden, denn es ging weniger um Nationalitäten, als ums Sein als solches. Die Friedensschlichtungen empfand ich jeweils als gewinnbringend.

Als wir später umzogen, wohnten wir in einem kleinen Dorf fast am Ende der Welt. Hier gab es keine Ausländer. Im Gegenteil. Mit einem Mal waren wir die Eindringlinge, die Ausländer. Ich bekam mit etwa acht Jahren zu spüren, wie es ist, wenn man absolut unerwünscht ist. Ich spreche nicht von grossen Dingen; als Kind sieht man die Welt im Kleinen. Ich hatte plötzlich nichts mehr für mich. Alles musste geteilt werden. Wir wohnten auf dem Gelände einer Schule. Es gab nichts privates mehr. Jemand störte sich an unseren Katzen? Weg damit! Meine Schwester und ich bauten uns eine Hütte. Am nächsten Tag war sie zerstört und niemand konnte was dagegen tun. Nachbarn liessen ihren Rottweiler auf unsere Hühner und Enten los. Er zerfetzte sie. Es geschah nichts.

Als N., ein Flüchtling aus Sri Lanka, bei meinem Vater anfing zu arbeiten, da wurde alles noch schlimmer. Meine Mutter wurde im Laden als Hure beschimpft. Meine Schwester wurde mit Steinen beschmissen. Ich wurde von einem Jungen, der zwei Köpfe grösser war als ich, in die Brüste gekniffen und als Negermädchen beschimpft. Eine Strafe gab es für ihn keine. Ich sollte mich nicht so anstellen.

Das hat mein Bild übers Fremdsein verändert.
Ich fühlte mich ausgestossen. Das Gefühl bleibt.

Als meine Mutter im Pflegeheim lag, wurde sie von jungen albanischen Frauen gepflegt. Diese waren sehr betroffen, weil meine Mutter noch so jung war. Sie crèmten sie ein, pflegten und lackierten ihre Fingernägel. Lange nicht mehr hatte meine Mutter so schön ausgesehen. Ich war gerührt, wie liebevoll und ohne Vorurteile diese Frauen mit meiner Mutter umgegangen sind.

Auch später, als ich Kurse unterrichtete, machte ich die Erfahrung, wie die jungen Pflegenden, die meisten von ihnen sind Migrantinnen der zweiten Generation, an die Sache gehen. Sie sind engagiert, aufgestellt und offen. Ich erinnere mich an eine Diskussion, die mich sehr betroffen gemacht hat. Die jungen Frauen befassten sich mit politischen Parolen. Sie waren geschockt über die Politik der SVP.

Eine Frau fragte mich: „Warum hasst ihr Schweizer uns so?“
Ich konnte keine Antwort geben, denn es gibt keine Antwort auf eine solche Frage.

Viel eher sollte man sich fragen, warum der Fremdenhass hier derart kultiviert wird.

Hilfe annehmen

Eines der zentralen Themen, wenn ein Mensch älter (und vergesslicher) wird, ist die Hilfestellung. Niemand mag sich vorstellen, dass er von einem anderen abhängig ist. Es ist schlicht schlimm, daran zu denken, dass man plötzlich Hilfe bei alltäglichen Dingen brauchen könnte.

Das war bei Paula genau so.
Wie hätte ich, die Enkelin, meiner Oma befehlen können, Hilfe anzunehmen?
Paula war immer selbständig. Sie war die, die geholfen hat. Nicht umgekehrt.
Aber die Veränderung des Älterwerdens führte schliesslich dazu, dass sie sich damit auseinandersetzen musste.

Es fing vor bald 10 Jahren an, als sie einen starken Rheumaschub in den Händen hatte. Sie konnte sich fast nicht mehr bewegen, nicht mehr einkaufen gehen und auch nicht mehr selber kochen.

Die Hilflosigkeit als Angehörige war riesig. Was sollte ich tun?
Ich lebe 1 Autofahrstunde von ihr entfernt. Kochen auf Vorrat wäre eine Möglichkeit gewesen, aber bei meinen Arbeitseinsätzen schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hätte mit dem Arzt reden sollen, aber das wollte Paula nicht.
Der Arzt verordnete ihr Spitex und Mahlzeitendienst. In meinen Augen war das eine Möglichkeit, Paula so lange wie möglich in ihrem Haus schalten und walten zu lassen.

Hier kommen wir zu einem weiteren Punkt: auch wenn ein Mensch eine beginnende Demenz hat, bedeutet das nicht, dass er keine Entscheidungen mehr treffen kann. Für mich war das immer das wichtigste: ich würde nichts tun, was meine Oma nicht will.

Meine Strategie war Überzeugen, immer wieder ansprechen und Verantwortung abgeben. Mehr als einmal habe ich ihr gesagt: „wenn du deinen Notfallknopf nicht trägst und verunfallst, werde ich dir nicht helfen können.“
Es war ihre Entscheidung, ihn nicht zu tragen – und ihr gutes Recht.

Natürlich denke ich oft daran, ob sie nicht hätte früher ins Pflegeheim gehen sollen. Wie viel Ängste wären ihr (und mir) erspart geblieben?

Dennoch denke ich, dass das höchste Gut eines Menschen die Freiheit bzw. die Selbstbestimmung ist. Ich habe immer gespürt, dass sie die Kontrolle über ihr Leben haben will. Da kann man auch als junge Frau nicht einfach kommen und sagen: So. Fertig! Jetzt lässt du dir helfen.
Im Gegenteil.

Vom langsamen und vom schnellen Sterben

Wie ich noch ein Kind war, hörte ich immer wieder den Ausspruch: Er/Sie ist einen schnellen Tod gestorben. Dies klang immer sehr positiv. Es war mir etwas unheimlich.

Als mein Opa mit seiner Leberkrebsdiagnose konfrontiert wurde, wussten wir plötzlich alle, dass er langsam sterben wird. Trotzdem ging es sehr schnell. Zu schnell. Ich hatte gehofft, dass er mich einmal noch ohne Zahnspange sehen und mein schönes Gebiss loben würde. Drei Monate sind nichts.

Das Sterben meiner Mutter zog sich über viele Jahre hin. Vielleicht begann für mich als Kind ihr Sterben mit dem Tod meines Bruders, denn danach war ihr Leben anders. Sie war nicht mehr glücklich und dem Tod immer näher als dem Leben. Besonders um ihren und den Geburtstag meines Bruders im September herum war ihre Selbsttötungsgefahr riesig. Zerbrochene Gläser, Messer und Tabletten waren eine Dauergefährdung.

Ihr Sterben in Spital und Pflegeheim dauerte schlussendlich drei Monate. Drei Monate sind fast 100 Tage. Praktisch nichts. Einen Menschen langsam zu zerfallen sehen, ist grausam. Es hielt zumindest mir den Spiegel meiner eigenen Vergänglichkeit rücksichtslos vors Gesicht.

Paulas Sterben verläuft anders. Es ist ein Prozess des Vergessens, des Hintersichlassens.
Sie lebt. Das ist das wichtigste.

Meine Mutter war 56 Jahre alt, als sie starb. Ich bin 36.
Ich weiss nicht, wie ich sterben werde.
Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gnädige Form des Sterbens gibt, weil ich den Weg als solches als Teil des Lebens ansehe.
Natürlich hoffe ich sehr, dass ich nicht durch einen Autounfall sterbe, sondern Zeit habe, mich von den Menschen zu verabschieden, die ich über alles liebe. Aber das ist wohl ein frommer Wunsch. Es gibt in bestimmten Situationen weder Wünsche noch Ansprüche.

Vergangenheitsform

Paula und ich haben immer offen über den Tod gesprochen. Irgendwie waren wir in dem Punkt sehr ähnlich:
Ich verbrachte als Kind einige Zeit im Krankenhaus.

Paula ist im Alter von 8 oder 12 Jahren fast an einer Hirnhautentzündung gestorben. Ihre Erzählungen über diese Zeit hörten sich jeweils hochdramatisch und sehr traurig an. Sie erzählte oft, wie schlecht es ihr ging, sie nicht mehr sprechen konnte und sich in Tobsuchtsanfällen die Haare vom Kopf riss. Der Tod war ihr also nahe und ich denke, er muss damals seinen Schrecken für Paula verloren haben.

Wir sprachen oft über meinen Bruder. Paula konnte auf sehr anschauliche Art beschreiben, dass mein lieber Bruder jetzt im Himmel sei. Dies fand ich zwar etwas speziell fand, da er doch meinem Vater zufolge in jenem kleinen Kindersarg unter der Tanne begraben war. Aber ich wagte es nicht, Paula auf diese logische Diskrepanz aufmerksam zu machen.

Paula erlebte in ihrer Ehe oft Krisen und mehr als einmal hat sie ausgesprochen, was sie gefühlt hat: sie wäre am liebsten tot. Doch dann schreckte sie jeweils zusammen und meinte, das sei dumm, denn dann hätte ich ja keine Oma mehr. Damit hatte sie irgendwie recht.

Als Paula und ich älter wurden und mein Opa starb, kam der Tod wieder näher. Aber irgendwie spürte sie, dass es nicht Zeit war zu sterben. Paula war kreativ, baute ihr Haus mit Tante Hadi um. Erst als meine Mutter starb, wurde Paula nachdenklicher. Mehr als einmal meinte sie, es wäre furchtbar, sein Kind sterben zu sehen. Es war ihr immer wieder wichtig, dass ich Bescheid weiss, wenn es einmal so weit wäre. Was sie sich wünscht. Was nicht. Der Tod verlor einmal mehr seinen Schrecken.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mehrheitlich die Vergangenheitsform benütze. Seltsam. Paula lebt und erfreut sich angesichts ihres hohen Alters einer guten Gesundheit. Doch eines weiss ich ganz sicher. Solche Gespräche werde ich nie mehr mit ihr führen. Sie fehlen mir, denn ich erfuhr nie im Leben einen Menschen, der derart offen über sich selber und seine Gefühle sprechen konnte.

Der Tod ist eine Sau.

Als ich damals um Uschi trauerte, war ich ganz und gar alleine. Nur wenige Menschen sprachen mich auf ihren Tod an. Dabei hätte ich gerne darüber gesprochen, welche ambivalenten Gefühle in mir brodelten. Gefühle, die unausgesprochen sind, fressen dich langsam auf.

Da ist einerseits die tiefe Trauer, dass sie nicht mehr lebt. Es ist eine unvorstellbare Sache, dass der Mensch, der dich geboren hat, der dich neun Monate in sich herumtrug, einfach nicht mehr da ist. Ihr Tod war und ist eine Bedrohung. Sie sterben zu sehen, war einfach zu viel.

Dann ist da die Wut. Zuwenig Zeit für die Sterbende, zu viel Bürokratie, Beamte, denen ein Datum wichtiger ist als die Not. Fehlendes Geld. Die Wut ist schlimm. Sie zerfrisst dich langsam aus deinem Innersten heraus.

Verzweiflung. Du liegst am Boden und weinst dir die Augen aus. Möchtest einfach nur noch schlafen. Geht aber nicht, weil du zu erschöpft bist.

All das ist in dir drin. Aber niemand spricht dich an, weil es zu „persönlich“ ist. Der Mut fehlt. Selbst mir. Wie das Unaussprechliche ansprechen? Wie sagen? es tut mir so leid. Ich kann dich in deiner Not nicht trösten. Nur für dich da sein.

danach und davor

Die Summe der Menschen in meiner Familie, die ich tot sah, ist klein. Ich sah meinen Urgrossvater Henri, wie er in seinem weissen Totenhemd im Sarg lag, meinen Grossvater Walter im schwarzen Anzug und meine Mutter.

Wenn ich an meine tote Mutter denke, kommen mir viele Gedanken. Ich bin dankbar, dass ich ihre letzten 36 Stunden miterleben durfte. Die Wache an ihrem Bett, die schlaflose Nacht, die Tränen und die Nähe zu ihr waren nervenaufreibend. Ich hatte das Gefühl, ich wäre die Löwin, die ihr Löwenjunges verteidigt. Ich hatte mich so lange nach meiner Mutter gesehnt, solange mit ihr Streit gehabt, dass ich am Ende dabei sein wollte und durfte. Ihr Tag, an dem sie starb, begann neblig und endete mit Sonne. Als sie um 16.15 ihren letzten Atemzug tat, war ich erleichtert.

Oft denke ich über diese Stunden nach. Sie starb einige Meter vom Spital Wil weg, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Vier Tage lang wartete sie auf meine Geburt. Hochsommer. Sie hat bis fast am Ende darüber gelästert, wie genervt sie über mein Nicht-Geboren-Werden-Wollen war. Im Vergleich dazu kommen mir die 36 Stunden Warten_auf_ihr_Gehen wie ein schlechter Witz vor.

Sie starb in einem Alter, wo Menschen sich normalerweise mit ihrer Pensionierung auseinandersetzen. 56 ist kein Alter zum Sterben. Eigentlich ist es das ohnehin nie.

Oft habe ich mich gefragt, ob sie noch etwas offen hatte. Wollte sie noch was klären? Hatte sie alles erledigen können?

Mit grosser Rührung stellte ich am letzten Tag fest, dass sie tatsächlich eine Patientenverfügung erstellt hatte. Sie hatte sich wirklich mit ihrem Ableben auseinandergesetzt. Sie hat mir, ihrer Tochter, nicht einfach Verantwortung delegiert.

Was wird sein, wenn ich sterbe?
Sterbe ich alleine? Langsam? Allzu schnell?
Im Frühling? Im Winter?
Wird meine Liste abgearbeitet sein?