Vanillefarbene Melancholie

Ich liebe Confiserien über alles.
Wenn ich mein Wunschdasein mit einem Ladengeschäft beschreiben müsste, so wäre es eine Confiserie.

Hier treffen sich Menschen jeglichen Alters. Sie können im Café miteinander reden, wunderbaren Kaffee trinken und dazu Tortenstücke essen. In einer Confiserie gibt es köstlichste Süssigkeiten, Salzgebäck und Pralinen. Mitte der 90er Jahre habe ich in einer längst verschwundenen Frauenfelder Confiserie eine Lehre als Verkäuferin gemacht.

Rückblickend waren das die zwei schönsten Jahre meiner Jugend, mitten in der Pubertät und den Wirren des Abschieds von zuhause. Meine Eltern waren längst getrennt und mein erstes Kapitel als junge Frau fand in diesem uralten Geschäft statt.

Ich hatte meine Lehrmeisterin sehr gerne. Sie war mir Lehrerin, Mutter und Verbündete. Sie war ein e resolute ältere Dame. Mein Leben, meine Schwärmereien interessierten sie. Sie hatte für jede Lebenslage Ratschläge und trostreiche Worte. Die Alkoholkrankheit meiner Mutter fand sie schlimm, aber sie hat mir nie deswegen Vorwürfe gemacht, so wie es vielleicht andere taten. Im Gegenteil. Sie sagte: du kannst nicht in einen anderen Menschen hineinsehen.

In einer Confiserie tragen alle Uniformen.
Die Frauen damals in der Backstube trugen Kochschürzen, die Frauen im Laden weisse Blusen, Schürzchen und Jupes. Alles hatte seine Ordnung. Farben. Geschmäcker. Schachteln. Säckchen.

Manchmal denke ich mir: in mein Leben darf auch jeder treten, der sich anständig benimmt, die Regeln meines Geschäfts beachtet, keine Sauornig anrichtet und sich beim Verlassen des Geschäfts verabschiedet. Menschen, die keine Süssigkeiten, keine kulinarischen Kostbarkeiten, mögen, sind bei mir wohl im falschen Geschäft.

Schon als kleines Mädchen besuchte ich mit meinem Omi Kaffeehäuser. Oft bekam ich eine heisse Ovi und ein Schöggeli. Omi bestellte sich immer eine Schale. Die Serviererinnen und Verkäuferinnen in ihren Uniformen fand ich grossartig.

Wenn ich heute in ein Kaffeehaus gehe, werde ich jeweils von einer gewissen Melancholie eingeholt. Ich vermisse meine Besuche und die Gespräche mit Omi über Gott, die Welt und Prinzessin Di. Ich bin traurig, wenn ich andere Frauen in meinem Alter mit ihren Müttern sehe. Zu gerne würde auch ich mit meiner eigenen Mutter an einem Tischchen sitzen und mich über die Konsistenz von St. Honoré-Torte und den Gehalt von Rum in Savarins unterhalten.

Kindheitsrisse

Wenn mich jemand fragt, wo ich aufgewachsen bin, so sage ich jeweils: „In Wängi, Thurgau.“
Dort wohnte ich, ging in den Kindergarten zu Frau H., in die erste und zweite Klasse zu Frau N. In Wängi liegt mein Bruder Sven begraben. Meine Schaukel stand dort.

Später sind wir nach H. gezogen.
Ich habe mich dort niemals wohl gefühlt.
Die Gründe sind vielfältig. Es war eine Tortur, dort zu leben.
Nichts verbindet mich mit diesem Ort.

Ich war mit 16 nur froh, von dort weg zu kommen, in die Romandie zu ziehen.
Rückblickend bin ich wohl geflohen. Eine fremde Sprache, eine andere Mentalität, schienen mir damals kein Hindernis zu sein.
Es gibt Dinge, die ich vermisse: den türkisfarbenen Stein. Das Biotop. Die Nachbarskinder. Die archäologischen Funde.

Meine beiden geliebten Katzen Mauzi und Negusch starben in H. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte heute noch eine Urne mit ihrer Asche drin, damit sie nur bei mir wären. Mauzi starb an Krebs. Negusch wurde überfahren. Man konnte ihn nur noch anhand seines Stummelschwänzchens identifizieren.

Heimat schien mir in jenen Jahren eine seltsame Sache zu sein. Sich nicht wohl fühlen. Sich fremd fühlen. Das hab ich alles erlebt.

Ich brauche nicht weiter zu beschreiben, was geschah, als Ende der achtziger Jahre ein dunkelhäutiger Mann, S., mit meinen Eltern anfing zusammen zu arbeiten. Er war wohl der erste Schwarze, den diese Menschen zu sehen bekamen. Wir nahmen ihn in unsere Familie auf. Für meine Mutter war er eine Art Sohn, den sie schon lange verloren hatte. Ein guter Freund. Er war denn auch einer der wenigen, die an ihre Beerdigung im Toggenburg kamen.

Ich habe Fremdenhass am eigenen, verdammten und geschundenen Leib erlebt. Es ist für mich auch heute noch schwierig zu beschreiben, wie schrecklich die Reaktionen gewisser Leute damals waren.

Ich fühle mich heute noch immer an den meisten Orten fremd. Ich kann wenig anfangen mit Smalltalk und oberflächlichem Gehabe. Es schreckt mich einfach nur ab. Wirklich daheim war ich immer nur bei Omi und Opi im Toggenburg. Im Haus neben dem tosenden Bach.

 

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Musik verwandelt sich in Worte

Meine Familie mütterlicherseits war immer sehr musikalisch.
Ich bin es nicht.
Ich spiele kein Instrument. Noten lesen habe ich mir irgendwann selber beigebracht.
Singen tue ich seit mehreren Jahren nicht mehr. Eine chronische Angina hat meine Alt-Stimme ins ewige Grab getrieben.

Meine Schwester lernte Flöte spielen. Da ich nach Beginn der zweiten Klasse ins Dorf H., dem untersten Teil des Rektums des Kantons Thurgau, zog, war es offenbar zu spät, noch in den Flötenkurs einzutreten.

Bitte versteht mich richtig, das werfe ich meinen Eltern nicht vor. Diese albernen Flötenabende vor den versammelten Eltern des Dorfes wären nie mein Ding gewesen. Ich wusste immer, dass ich schreiben wollte. Ich fühlte mich als Kind nur auf der Theaterbühne und in meinem Schlafzimmer wohl. Musik hatte da keinen Platz. Ich habe mein unmusikalisches Sein in der Primarschule teuer bezahlt. Ich kann bis heute nur schwer darüber sprechen.

Ich hätte furchtbar gerne Keyboard spielen gelernt. Aber mein Vater pflegte zu sagen: „Du musst in die Sekundarschule gehen. Dann hast du eh keine Zeit mehr für Musik und Musikunterricht. Du wirst die erste Debrunner sein, die je die Sek besucht hat.“

Wie hätte ich meinen Vater da enttäuschen können?

Mein Opa Walter hingegen fand es eine Verschwendung, dass ich kein Instrument spielen konnte. Er war multimusikalisch. Er spielte Saxofon, Klarinette, Geige, Zither und Querflöte. Am Ende seines Lebens schenkte Omi Paula ihm noch ein Keyboard. Ich kriegte das gleiche, nur leider keinen Unterricht dazu. Das Geld war zu knapp dafür. So wurde ich Opa keine würdige Musikpartnerin und wir liessen das Musizieren bleiben.

Als Sascha und ich begannen das Haus umzuräumen, stiessen wir auf ein Bild, geklebt auf Karton. Mein Uropa Henri ist, neben vielen anderen Männern darauf abgebildet. Er war damals, als das Bild gemacht wurde, Aktuar der Musikgesellschaft Harmonie Lichtensteig.

Ich liebe dieses Bild. Es sagt so viel aus über die Herkunft meiner Familie.

Ich erinnere mich noch immer an jenen Moment, als ein Mann auf dem Friedhof zu mir trat. Ich kniete, nahe den Tränen, am Grab meiner Mutter. Er hielt mich für die Gärtnerin. Er wollte wissen, wie eine Debrunner ins Toggenburg zu liegen kommt. Ich erklärte ihm, dass meine Mutter die Tochter meines Opas Walter und die Enkelin von Henri war. Er kannte sie alle beide.

Dann erzählte er mir die Geschichte wie in Lichtensteig der Zweite Weltkrieg ausgerufen wurde. Henri wurde mit seiner Trompete durch den Ort gekarrt. Er war damals 50 Jahre alt, mein Opa Walter 15.

Ich hielt die Geschichte lang für übertrieben. Erst jetzt, wo hier lebe, verstehe ich sie. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier an diesem Ort leben darf. Ich hätte diesem mir unbekannten Mann, der mit mir diese Geschichte geteilt hat, sehr gerne von Herzen gedankt. Leider kenne ich seinen Namen nicht.

 

 

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Gewöhn dich dran!

Ja, ich weiss. Ich muss mich dran gewöhnen.
Tu ich ja auch. Trotzdem tut es mir jedes Mal weh.
Ich weiss nicht genau, warum.

Ich meine, wir haben immer so viel gesprochen. Und jetzt reden wir wenig. Wir lachen oft. Ich versuch mich daran zu gewöhnen, dass Namen nicht mehr wichtig sind. Dass mein Name nicht mehr wichtig ist.

Ich mach ihr keinen Vorwurf. Aber es schmerzt mich trotzdem.

Sie wusste immer alles. Sie kannte jeden Namen. Sie arbeitete als Verkäuferin, da musst du dir sehr rasch alle Nachnamen und die jeweiligen Titel, besonders der männlichen Kunden, merken. Ihr Gedächtnis war phänomenal.
Sie kannte alle Haupt- und Nebendarsteller von „California Clan“, „Denver Clan“, der „Lindenstrasse“, „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ und „Dallas“. Sie verfügte auch über die aussergewöhnliche Fähigkeit, die Namen sämtlicher Adeligen Europas zu auswendig zu wissen.

Heute morgen besuche ich sie.
Sie sitzt da, sieht mich. Lächelt und sagt meinen Namen.
Ich steh da, weine nicht, sondern umarme sie.
Für einen Moment lang ist alles wie früher.
Ich halte Omi und den Augenblick fest im Arm.

Jahresrückblick 2015

Der Anfang des Jahres verlief sehr turbulent. Wir hatten mit sehr viel Schnee beim Umzug zu kämpfen. Gleichzeitig investierten wir alle freien Tage in die Renovation unserer wichtigsten Wohnräume. Das Schlafzimmer und unsere Bureaus haben wir frisch gestrichen.

Kurz vor dem Umzug renovierte unser Schreiner schliesslich mein Bureau. Da war nämlich der Boden durchgebrochen. Überglücklich konnte ich am Vorabend der grossen Zügelei mein Bureau anschauen. Wir zogen am kältesten Tag um. Es war furchtbar!

Nach fast 18 Jahren in Wellhausen am selben Ort mit meinen geliebten Nachbarn verliess ich den Thurgau. Es hat mich fast zerrissen. Ich war sehr traurig, weil nun alles werden sollte. Umziehen ist etwas, was ich nicht mehr tun will. Ich hoffe, ich sterbe als alte Frau in diesem meinem Haus.

Dann lebten wir uns langsam im Toggenburg ein. Zuerst haute es mich um. Ich wurde sehr krank, litt unter Fieber und Hustenanfällen. Die Last der vergangenen Monate zeigte sich nun. Ostern lag ich flach.

Dann wurde es langsam wärmer und meine Lebensgeister erwachten von neuem! Ich stürzte mich in die Gartenarbeiten, pflanzte und schnitt und jätete. Ich grub neue Beete. In dieser Zeit stellte ich auch das Manuskript für „Demenz für Anfänger“ fertig. Ich war sehr stolz, als ich Omi Cover und schliesslich das fertige Buch überreichen konnte.

Anfangs Juli haben wir schliesslich den Keller ausgemistet und eine ganze Mulde voll Müll entsorgen lassen. Ein erhebendes Gefühl. Einige Tage später hat „unser“ Schreiner damit angefangen, den Vorratsraum zu renovieren.

An meinem Geburtstag schliesslich konnte ich mit meinen Freunden feiern. Es war zwar sehr heiss, aber es war unvergesslich schön, all jene Menschen in meine Arme zu schliessen, die in den vergangenen Monaten Jahren zu mir gehalten hatten.

Die Sommerferien haben wir mit dem Renovieren der Fensterläden und Gartenarbeiten verbracht. Es war ein tolles Gefühl, frühmorgens aufzustehen und zu malen und um 11Uhr schweissüberströmt Pause zu machen, später ins Sommerbeizli zu gehen und einen Peperoni-Lillet trinken zu gehen.

Die Begegnungen im Städtli haben mich sehr aufgestellt. Ich fühle mich sehr wohl, besonders unter den WWL.
Glücklich hat mich auch gemacht, dass ich mit meinen Freunden #modernistcuisine in unserer alten Küche durchführen konnte.

Der lange Herbst und der milde Winter im Toggenburg haben mir gut getan. Ich geniesse die vielen Sonnenstunden und bin manchmal fast etwas traurig, wenn ich runter in den Nebel fahren muss. Trotzdem mag ich die Pendlerei, denn die Sonnenaufgänge, die Thurgauer Landschaft im Frühling und die Berge in voller Pracht machen mich bei jeder Fahrt glücklich.

Dass so viele Menschen an meinen Adventsfensterabend kamen, war für mich ebenfalls ein Highlight. Es ist ein schönes Gefühl, nicht alleine zu sein und zu wissen, dass das Haus jetzt wieder belebt ist.

Alles in allem war es ein wunderschönes Jahr 2015 und ich bin dankbar dafür, dass ich hier im Haus im Toggenburg leben darf.

Geschenke finden oder: Bettmümpfeli

Noch bis vor wenigen Jahren wusste ich einfach immer, was ich Omi Paula zu Weihnachten schenken würde. Ich druckte Fotos aus, machte daraus Collagen, kaufte Foulards, warme Socken, Parfum, Handgelenkwärmer und Wollmützen.

Dann wurde Omi älter. Ich schenkte ihr Plüschtiere, einen Porzellan-Barri, Blumen, Katzenfutter.
Als ich Omi 2011, ihr letztes Weihnachten im Haus, den Porzellan-Barri übergab, weinte sie und herzte ihn. Das hat mich damals total geschockt. Sie war so gerührt und berührt.

Omis Geschenke haben sich auch verändert. Als ich noch ein Kind war, überhäufte sie mich mit Geschenken. Ich kriegte Barbies, Puppenhaus-Möbel, Bücher. Ich kriegte wohl all das, was Omi als kleines Mädchen nicht bekommen hat. Als ich älter wurde, schenkte sie mir Schokolade, Bündnerfleisch, Katzenzüngli und später dann Salami.

Nützliche Dinge. Das wars.
Für sie war es wichtig. Sie hat sich für alles immer hundert Mal entschuldigt. Das war mir so peinlich. Denn die Art und Weise wie sie schenkte, war einfach wunderbar. So herzlich.

Ich wusste nicht mehr, was ich Omi schenken soll. Fotos verstören sie. Sie erkennt mich und sich nicht mehr und es ist nicht mehr wichtig. Plüschtiere scheinen mir auch nicht das Richtige zu sein. Sie hat alles, was sie braucht im Pflegeheim.

Die Pflegende am Weihnachtsessen hat mich nun auf eine Idee gebracht. Omi liebt Süsses. Sie hat offenbar ein neues Ritual entwickelt: sie isst abends immer ein Bettmümpfeli. Jetzt schenke ich Omi kleine Napolitains, die sie vor dem Schlafengehen essen und geniessen kann.

Das Wort“Bettmümpfeli“ rührt mich noch immer, denn es passt so zu Omi und zu mir. Ich erinnere mich noch an das Buch, das ich als Kind gelesen habe, und das ich ebenfalls mit Omi verbinde.

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Papierberge

Heute machte ich mich mit Sascha und der Katze ans Ordnen und Räumen unseres Estrichs. Mir machte das Gewicht, das auf den Balken lastet, etwas Sorgen. Ich wollte sortieren, entsorgen und neu einräumen.

Ich sortierte heute sehr viel Papier und entsorgte alte Zettel. Ich musste mich entscheiden, was wichtig genug ist, damit ich es nochmals einige Jahre aufbewahre. Ich tat einen tiefen Blick ins Eheleben meiner Grosseltern, erfuhr einiges über die Preise von Schlafzimmermöbeln in den 70ern und wie viel Gebissprothesen 1953 kosteten (90.- für eine obere Prothese, aber nur bei Barzahlung).

Ich las, wie viel das Totenhemd meines Opas kostete und dass man damals meiner Oma sogar die Kinnbinde korrekt verrechnete. Ich weiss nicht recht, wie ich auf eine derart detaillierte Rechnung nach dem Tod meines Lebenspartners reagiert hätte. .

Omi, korrekt wie sie noch immer ist, hatte bis zu ihrem Einzug ins Pflegeheim fein säuberlich alle Menüpläne des Senioren-Menü-Lieferservices der letzten Jahre in Ordner abgelegt.
Fünf Stapel Altpapier!

Ich stiess auf die Todesanzeigen meines Opas und Uropas, fand Kostenvoranschläge von ortsansässigen Bildhauern, Bildern von Grabsteinen, Rechnungen von Leichenmahlen und Verlobungsessen, Babyfotos und Dankesbriefe von Baby-Eltern, Glückwunschkarten zum 80sten und schliesslich die Trauerkarten zum Tode meiner Mutter.

Es rührte mich, sie nochmals zu lesen. Einige wenige darunter waren sehr persönlich. Ich stiess auf die Traueranzeige meiner Mutter, die ich selber gemacht hatte und staunte für einen kurzen Moment über meine Wortwahl damals.

In einem letzten Ordner schliesslich stiess ich auf die Unterlagen meiner Mutter, jener Briefe, die ich nach ihrem Tod erhalten habe und Kopien der Briefe, die ich als Antwort schrieb.

Es tut nicht mehr so weh wie damals.
Aber die Wut ist noch da.

Ich ärgere mich noch immer über die Abgebrühtheit und Unverschämtheiten der damaligen Protagonisten vom Sozialamt und Amt für IV und bin – trotz allem, stolz darauf, dass ich ihnen zumindest verbal die Stirn geboten habe. Das war für mich damals in der Trauerzeit nicht einfach. Aber ich habe es getan.

Ich kämpfte mit mir. Soll ich das Zeugs wegschmeissen, damit es weg ist oder soll ich es noch behalten als Beweis, dass das alles passiert ist und vor allem: dass meine Mutter gelebt hat?

Schön, dass du da bist!

Es ist Samstag. Samstag ist Omi-Tag, wenn ich frei habe.
Wir kaufen ein, hetzen von Geschäft zu Geschäft. Das Vorweihnachts-Theater lässt mich kalt. Aber im Gegensatz zu Frauenfeld, ist die Wattwiler Migros ein Ort der Ruhe und des Friedens.

Dann fahren wir zu Omis Pflegeheim. Auf den nahen Hügeln liegt Schnee. Das Heim aber strahlt Wärme aus. Wir treten ein. Nach über drei Jahren fühle ich mich hier schon fast zuhause.

Omi sitzt auf ihrem roten Sessel im Fernsehzimmer, vor sich den befüllten und dekorierten Rollator. Sie sitzt aufrecht da mit geschlossenen Augen. Ich grüsse sie sanft. Sie scheint nicht zu schlafen, denn sie schreckt nicht auf. Sie sagt, ohne die Augen zu öffnen: „Schön bist du da.“

Das ist erstaunlich, denn sie kennt mich ja nicht mehr. Ich setze mich neben sie. Auf dem Stuhl neben ihr sitzt eine andere, sehr alte Dame, die friedlich gekrümmt döst. Ein Ort der Ruhe und der Entspannung, denke ich.

Omi hat inzwischen ein Auge geöffnet. Sie jammert ein wenig. Ihr linkes Auge geht nicht richtig auf. Es sieht leicht entzündet aus. Aber da Omi sich nicht erinnern kann, kann sie mir auch nicht erklären, was passiert ist.

Wir reden über dies und das. Einkaufen. Weihnachten. Omi nickt eifrig und antwortet in Sätzen. Sie erzählt vom Hans, der sie grad noch besuchen kam. Hans ist vor vielen Jahren gestorben. Er war ihr Lieblingsbruder. Ich sage: „Den Hans hattest du sehr gerne.“ Omi nickt strahlend und es scheint mir, als wäre es die richtige Antwort gewesen.

Einige Zeit später kommt eine Pflegende ins Zimmer und bietet den alten Menschen Tee an. Sie tut dies auf ruhige und sehr liebevolle Art und ich spüre ihre Wärme und ihre Freude an der Arbeit. Ich frage sie nach Omis Auge. Sie holt eine andere Pflegende.

Diese erklärt mir dann sehr freundlich, was los ist. Omi hat offenbar eine kleine Verletzung am Auge und kriegt seit einigen Tagen Antibiotika-Salbe. Gestern sahs noch schlimmer aus. Aber weil Omi die ganze Zeit in ihrem Auge herumreibt, geht die Besserung halt langsamer vonstatten. Dafür kriegt sie dann eine Piratenklappe. Ha!

Omi sitzt grinsend da, zeigt auf mich und meint: „Das ist meine Schwester.“ Ich lache.
Die Pflegende lacht auch und geht wieder weiter. Da meint Omi: „Ich muss mal.“
Ich möchte jemanden holen, der ihr hilft. Aber Omi winkt ab.
„Ich kann das alleine.“

„Genau. Einäugig. Mit Rollator. Nee. Ich geh dann mal jemanden suchen.“

Einige Augenblicke später habe ich eine andere Pflegende rufen können. Sie kommt sofort zu Omi und hilft ihr. Sie zeigt auf das Buch in Omis Rollator und sagt:
„Ich habs gelesen. Ich kann Ihre Oma jetzt viel besser verstehen. Abends lesen wir manchmal daraus vor und sie erinnert sich wieder.“

Die Frau ahnt nicht, welche Freude sie mir mit diesen Worten gemacht hat. Ich würde sie am liebsten umarmen. Stattdessen bedanke ich mich bei ihr, verabschiede mich bei Omi und gehe mit Tränen in den Augen wieder aus dem Haus heraus.

Spätherbst

Zum ersten Mal erlebe ich den Herbst bewusst im Haus mit. Es wird kälter. Seit September heizen wir ein. Zum Glück ist es dieses Jahr lange mild.
Die Linde vor dem Fenster hat längst ihr Blätterkleid abgeworfen. Unsere Katze hat jede Menge netter Verstecke im Haus gefunden, in denen sie schläft oder von wo aus sie ihre Blaumeisen beobachten kann.

Der Garten fällt bald in seinen Winterschlaf. Ich freu mich drauf, wenn er schneebedeckt ist und wenn er langsam wieder erwacht und die Krokusse sich durch die Eiskruste küssen.

Es ist gemütlich warm. Ich mag den Kachelofen, er ist die Seele des Hauses. Ich denke sehr oft, wenn ich daran lehne, an meinen Opa. Auch er mochte den Ofen. Opa hat sich nie beschwert, dass er in einem Haus ohne Ölheizung lebt. Das Prasseln des Feuers und die warmen Kacheln sind eine Wohltat.

Omi hat zuletzt sehr gefroren. Sie hatte damals grosse Mühe, selber anzuheizen. Doch sie hat ihren Kopf durchgesetzt. Erst als es gar nicht mehr ging, zog sie aus.

Seit über drei Jahren lebt Omi nicht mehr hier. Seit über drei Jahren schreibe ich diesen Blog. Manchmal scheint es mir, als wäre alles ein Traum.
Es ist soviel passiert.

Seltsamkeiten

Es gibt seltsame Dinge im Leben.
Schreiben ist eine Sache. Die Auseinandersetzung mit meiner Herkunft, meinen Familien, eine andere. Seit neun Monaten lebe ich jetzt im Haus. Wir sind verschmolzen. Ich staube ab, entdecke und erschaffe neues.

Doch da sind noch immer Menschen von früher. Überall im Haus haben sie ihre Spuren hinterlassen. Röös ist die geheimnisvollste unter ihnen. Sie ist meine Stiefurgrossmutter und stammte aus dieser Gegend hier. Ich weiss wenig über sie.

Vor einigen Tagen schrieb mich P. an. Er ist Röös‘ Urenkel und ebenfalls auf der Suche nach ihrer Geschichte. Ich musste das erst setzen lassen. Es war emotional, zu bemerken, dass ein anderer Mensch meiner Generation sich die gleichen Fragen stellt wie ich.

Wir tauschen nun Photos aus. Und dank P. komme ich zu neuen Photos von Omi Paula, die ich bisher nicht kannte. Ich bin furchtbar gespannt, was wir über unsere Urgrossmutter herausfinden werden. Ich will all die Geschichten hören, die mir noch nicht erzählt wurden. Ich hoffe, dass ich P. und seine Familie, seine Mutter ist Röös‘ Enkelin, bald kennenlernen werde.