Atemlos

Die Geburt eines Menschen ist ein wunderbarer, denkwürdiger Vorgang. Ein Leben fängt an. Ein Kind wächst im Körper seiner Mutter heran. Sie gebärt es und das Kind wird gross.
Soweit alles gut. Das Glück einer jeden Frau. Eines jeden Mannes.

Meines ist es nicht. Ich war nie an einer Geburt dabei, ausser vielleicht bei meiner eigenen. Aber daran erinnere ich mich eher dunkel. Wenn überhaupt.

Das Gegenteil des Geburtsvorganges ist das Sterben. Damit habe ich Erfahrung. Sterben ist nicht minder berührend als eine Geburt, nur anders.

Als Lebender neben dem Sterbenden zu sitzen, in dem Fall sass ich neben meiner Mutter, war ein Gefühl von grösster Betroffenheit, Verletzbarkeit und Traurigkeit. Ich hatte Bauchschmerzen. Es schien mir, als risse man sie mir aus dem Herzen heraus.

So sass ich also da. Weinte. Aber nur innerlich. Ich dachte mir, sie mag es nicht, wenn ich offen weine. Sie lebt ja noch. Hätte sie nur geredet. Hätte sie nur noch einmal meine Hand gedrückt.

Wir waren miteinander im Reinen. Sie und ich. Trotzdem fiel es mir unsagbar schwer, sie loszulassen. Sie war immer ein Teil meines Lebens gewesen. Sie hatte mich geboren. Mich getröstet, wenn ich traurig war. Sie hatte mich auch geschlagen. Aber das verdrängte ich nun, es spielte für den Moment keine Rolle mehr.

Sie atmete noch. Ihr Lungen war stark, trotz ihrer jahrelangen starken Raucherei. Ihre Lippen waren braunrot. Sie roch nach Leber. Ihr Gesicht war eingefallen, denn sie hatten ihr zum Sterben das Gebiss entnommen. Ihr Mund formte sich trapezförmig. Manchmal öffnete sie ihre Augen, blickte panisch wie eine Ertrinkende um sich. Ihre Lungen füllten sich langsam mit Wasser.

Ich sass daneben. Die Stunden gingen, als wenn nichts wäre. Draussen wurde es dunkel, dann Nacht. Aber sie starb nicht. Sie atmete weiter, als würde sie den Ärmelkanal durchschwimmen. Ich legte mich neben sie. Hielt ihre Hand. Schämte mich, weil ich Angst hatte, sie vom Gehen abzuhalten. Mit einem Mal träumte ich, wir stünden an einem Bahnhof. Ich trug ein Costume und einen Hut. Sie öffnete das Fenster des Zugabteils und winkte heraus mit einem Taschentuch. Und dann fuhr der Zug ab. Ich schreckte auf.

Ihre Hand lag in meiner. Sie atmete. Noch immer.
Dann wurde es morgen. Mittag. Nachmittag.
Sie starb, als die Pflegenden sie umlagerten: Sie öffnete ein letztes Mal ihre Augen. Und dann entfuhr ihr ein letzter, tiefer, trauriger Atemzug.

Geschenktes Leben

Als kleines Mädchen hatte ich oft das Gefühl, ich lebte ein geschenktes Leben. Der Tod meines Bruders hing wie eine graue Wolke über mir. Ich lebte. Er nicht.

Ich hatte dankbar zu sein, dass ich da war. Trotz meiner deformierten Hüften. Meiner schlechten Augen. Ich weiss nicht, aber das Überleben der frühen Kindheit setzte unvermutete Kräfte frei. Ich hatte nach den drei Hüftoperationen mit neun, zehn Jahren schreckliche Schmerzen. Ich hatte insgesamt vier Mal gelernt, wieder zu laufen. Jeder Schritt war eine Qual. Das Körpergefühl will neu entdeckt werden.

Oft dachte ich: Du lebst. Das ist ein Geschenk.

„Du musst ein Vorbild sein!“ sagte ein Lehrer in der Primarschule zu mir. Ich frage mich heute noch, woher Menschen die Unverschämtheit nehmen, einem Kind zu sagen, was es zu sein hat.

Heute bin ich 38 Jahre alt.
Der Gedanke, überlebt zu haben, lodert noch immer in mir.
Ich fühle mich oft sehr alt.
Unerfahren.
Ich streiche über die wulstigen Narben an meinen Beinen.
Narben sind erkaltete Lebensadern.
Vulkanstreifen.

Mein Brudergefühl

Am 17. September würde mein Bruder 36 Jahre alt werden. Doch seit bald 36 Jahren ist er tot. Sein Leben hat er nie gelebt. Mir bleibt nur die Erinnerung an sein Wachsen in Mutters Bauch. Seine Fusstritte. Die Vorstellung im Alter von zwei Jahren, bald ein Geschwisterchen zu haben.

Mein Bruder hat mein Leben geprägt.
Seinetwegen weiss ich, was Trauern und Verlust bedeutet.
Ich weiss, was nicht gelebtes Leben heisst.
Ich bin traurig, dass er nicht da ist, gerade in Zeiten, wo ich mir einen Bruder wünsche. Ich denke oft daran, dass ich ihn anrufen, mit ihm sprechen oder lästern würde. Ich wäre seine grosse Schwester und er mein kleiner Bruder. Das Leben wäre anders. Es wäre nicht einfacher. Aber mit ihm und meiner kleinen Schwester wäre es bereichernd.

Als Kind war es leicht. Da redete ich einfach mit dem Holzkreuz auf seinem Grab, später mit dem Grabstein. Als ich ein Kind war, war er trotz allem existent. Nur anders. Es gibt kein gemeinsames Foto von uns. Es ist, als hätte er nie existiert.

Heute denke ich daran, dass in meinem Alter meine Mutter bereits zehn Jahre lang ein Kind verloren hatte. Ich bin 38, habe keine Kinder und muss oft an meine Mutter denken, die so sehr gelitten hatte.
Ist es wirklich ein Segen, Kinder zu haben?
Meiner grössten Angst im Leben, ein Kind zu verlieren, habe ich mich nie gestellt.
In dieser Hinsicht bin ich feige.

Die zwei Welten

Etwas fällt mir beim Diskutieren mit Menschen, die meinen Blog lesen, immer wieder auf: viele Leser wollen über ihre Ängste vor dem Alter und dem Sterben, dem langsamen Verlust eines geliebten Menschen sprechen oder schreiben. Manchmal scheint es mir, als brächen beim Lesen Dämme. Ich frage mich, warum gerade wir Schweizer derart verhalten mit Emotionen umgehen.

Ich glaube, ich habe damals beim Tod meines kleinen Bruders ein unschätzbares Geschenk mit auf den Weg bekommen: dank Omi Paula habe ich früh gelernt, offen zu trauern. Omi hat mich immer ermutigt, über ihn zu sprechen. Denn nur weil ein Mensch nicht mehr präsent ist, heisst es nicht, dass er nie da war.
So ergeht es mir jetzt mit Omi. Sie lebt. Sie ist demenzkrank und erinnert sich nicht mehr an mich. Ich kann sie nicht mehr einfach anrufen und mit ihr reden. Aber sie ist nicht tot.

Es gibt für mich zwei Welten.
In der einen meiner Welten befinden sich Menschen, die der Meinung sind, man sollte nie zu viel über sich verraten, weil man sich damit verletzlich macht. Ich hab mich gefragt, was an einer Beschreibung einer Demenzerkrankung und meinem Gefühl dabei so intim ist, dass es mich angreifbar machen könnte. Ich finde keine Antwort. Denn nur schon die Tatsache, dass ich meinen Angehörigen auf die Art und Weise verliere, verletzt mich. Gleichzeitig aber fühle ich auch Stärke, weil ich den Verlust aushalte und nicht verzweifle.

In der anderen meiner Welten sind Menschen, die ähnliches wie ich erlebt haben, gerade erleben oder spüren, dass sie ihren Menschen so verlieren werden. Es ist ein Gefühl der Verbundenheit. Wir müssen uns nichts erklären. Jede auch nur denkbare Emotion scheint dem anderen bekannt. Da ist die geteilte Verzweiflung, der Austausch von gemachten Erfahrungen, die Hoffnungslosigkeit, die vielen kleinen Freuden, die Gewissheit, dass man den Weg nicht gemeinsam zu Ende geht. Das ist ein Geschenk. Ich bin dankbar für jede dieser Begegnungen, für die Lebensgeschichten und den geteilten Moment.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Aber manchmal finde ich es schade, dass wir Menschen, die der gesprochenen Sprache mächtig sind, so wenig miteinander über die wirklich wichtigen Dinge im Leben reden. Man könnte sich nämlich trösten. Das Gefühl von Verlust und Trauer ist ein Menschliches, dass sich durch alle Kulturen zieht.

So denke ich an meine Oma, die immer versucht hat, ihre Gefühle in Worte zu kleiden. Dort, wo sie es nicht mehr geschafft hat, weinte sie. Oder sie fluchte. Darin sind wir uns ähnlich und dafür bin ich ihr dankbar.

Versteck dich nicht.

Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich über Omi rede. Was ich mir davon verspreche, wenn ich über die Krankheit meiner Angehörigen erzähle und im Blog erkläre, was es bedeutet, wenn jemand langsam die Welt vergisst.

Ich gebe mir bei dieser Frage Mühe, keinen Wutausbruch zu kriegen.

Es ist nun mal so, dass ich immer über die Menschen gesprochen habe, die ich liebe. Ich spreche über meinen Freund, meine Eltern, meine Stiefmutter, meine Geschwister und – über Omi. Denn obwohl sie demenzkrank ist, gehört sie doch zu meiner Welt. Ich habe schon als Kind über sie geredet und ich tue auch jetzt, wo sie nicht mal mehr weiss, dass es mich gibt.

Ich wehre mich dagegen, dass es zu privat sein soll, wenn man über Menschen redet, die es selbst nicht mehr in der Gesellschaft tun können. Demenzkranke Menschen gehören dazu. Nur weil man sie nicht mehr sieht, bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt.

Ich bin nicht der Meinung, dass Demenz ein Makel ist.

Niemand sollte sich verstecken müssen. Über Menschliches zu sprechen, macht uns alle empfindsamer und sensibler für andere. Wer sich nicht für seinen Nächsten interessiert, wird sein Herz auch nicht für Fremde öffnen können.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der auch demenzkranke Menschen ein Teil davon sind. Nur weil jemand vergisst, bedeutet das nicht, dass er tot ist.

 

Hände

Geburtstag ohne Muttern

Ich denke, die Mutter vermisst man selten so sehr wie am Geburtstag, denn das ist ja schlussendlich die Sache, die einen zu 100% mit einander verbindet. Es geht mir nicht anders.

Ich kann mich allerdings nicht mehr wirklich daran erinnern, wann wir das letzte Mal ein Geburtstagsfest miteinander verlebt haben. Als Kind war ich an meinem Geburtstag immer in den Ferien bei Omi und Opi im Toggenburg und als Erwachsene versuchte ich, meiner Mutter an diesem Tag aus dem Wege zu gehen. Ich bereue das heute ein wenig. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Menschen konnte meine Mutter so sehr feiern, wie sie litt.

Mir war das alles immer zu nah.
Heute, wo ich in einem Alter bin, wo sie bereits drei Kinder geboren und zwei verloren hatte, sehe ich das anders. Ich frage mich, wo sie einen Ausgleich fand zu ihrem Leben. Wie sie versucht hat, ihre Ängste zu verarbeiten. Ihre Texte, die ich erst nach ihrem Tod gefunden habe, zeigen eine unglaubliche Neugier. Eine Liebe zum Leben. Eine Leidenschaft fürs Verliebtsein. In diesem Punkt sind wir uns verdammt ähnlich.

Ich hätte sie so gerne hier, jetzt. Ich würde mich gerne an sie anlehnen. Sie würde über mein Haar streichen und finden, es sei zu lang. Ich hingegen würde ihr kurzes blondiertes oder gefärbtes Haar verstrubbeln und versuchen, sie auszukitzeln. Denn das ist mir zu ihren Lebzeiten nie gelungen.

Mutter vermissen

Seltsames Gefühl, so lange Zeit krank zu sein. Verdacht auf Mononukleose. Pfeiffer. Oder ganz simpel: Kusskrankheit. Mir ist es eigentlich egal, wie diese ärgerliche Zusammenrottung von Viren heisst. Ich möchte nicht krank sein.

Das Gefühl jedoch kenn ich. Vor acht Jahren lag ich bereits einmal wegen Pfeiffer flach. Ich kam sogar in Spitalpflege, weil ich nicht mal mehr meinen eigenen Speichel schlucken konnte.

Nachher trat ich eine neue Stelle an. Zur gleichen Zeit wurde meine Mutter krank.

Ich denke oft an sie, wenn ich krank bin. Ihre Pflege war immer sehr liebevoll. O-Saft und Essigsocken. Die Universalwaffen gegen alle schlimmen Krankheiten. Manchmal denke ich: vielleicht hat sie sich nur, wenn ich krank war, nützlich in meinem Leben gefühlt. Für sie war ich immer „die Grosse“, die Selbständige, so als hätte ich sie gar nicht gebraucht.

Dabei war es ganz anders. Als sie Ende der 80er eine Geschwulst im Kiefer entfernen lassen musste, starb ich tausend Tode. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie nicht mehr am Leben ist.

Fast zwanzig Jahre später fand ich es heraus.
Geändert hat sich äusserlich nicht viel. Sie ist einfach nicht mehr da. Ihre Wohnung ist längst weiter vermietet. Ihre Möbel sind verschwunden, ihre Kleider in der Altkleidersammlung.

Innerlich aber hat ihr Tod viel ausgelöst. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie mit 30. Meine etwaig vorhandene Unbeschwertheit hat sich im Nichts aufgelöst. Einen Menschen sterben zu sehen ist ein Geschenk und Verantwortung zugleich.

Was stelle ich mit meinem eigenen Leben an?
Versuche ich wirklich mit allen Kräften, sinnvoll und glücklich zu leben?

Freundschaften

Ich erinnere mich noch gut daran, als Omi mir von ihrer besten Freundin M. berichtete. M. war ein guter Geist in diesem Haus. Sie war etwas jünger als Omi, die Frau eines Geschäftsmanns hier im Ort, und ein wirklich lieber Mensch. Ich lernte sie in natura kennen, als sie Omi einen grossen Teller voller selbstgebackener Guezli vorbei brachte.

Wir verstanden uns sofort: M. hatte Confiseurin gelernt. Ich war Confiserie-Verkäuferin gewesen. Es rührte mich, dass Omi eine Freundin hatte, die sie mochte und die gerne mit ihr zusammen war.

Doch dann, einige Jahre später rief mich Omi an. M. war an Brustkrebs erkrankt. Einige Monate später starb sie. Für Omi brach eine Welt zusammen. Wann immer wir Opis Grab besuchten, machten wir Halt an M’s Grab.

Auch meine Mutter hatte eine gute Freundin. R. war einige Jahre älter als Mami und hatte eine Tochter, die drei Jahre älter war als ich. R. hatte in meiner Erinnerung immer schon graue Haare. Ich konnte R. nicht ausstehen. R. war eine arrogante, herablassende und unangenehme Person. Nichtsdestotrotz war und blieb sie Mamis Freundin. Sie erlebten gemeinsam Abstürze, sie ertrug Mamis Liebeskummerattacken und – sie schaffte es, mich in dem Geschäft, wo sie arbeitete, vor mehreren Personen blosszustellen.

Ich habe R. nur noch dieses eine Mal in jener Bäckerei in Frauenfeld gesehen, wo sie jahrelang gearbeitet hat. Ich weiss nicht mal mehr, wie alt ich damals war, vielleicht 20? R. fragte mich, als ich an die Reihe kam, zischend, aber gut hörbar, ob mein Vater noch immer so ein Bock sei wie früher.

Ich lief knallrot an und verliess das Geschäft. Ich bin nie mehr zurück in diese Bäckerei gegangen. Zu peinlich war mir der Spruch, zu tief sass die ungerechte Verletzung und die Beleidigung meines Vaters.

R. aber blieb bis fast zuletzt an der Seite meiner Mutter. An ihrem letzten Tag, den sie bei Bewusstsein erlebte, war R. da und schenkte ihr ein jodelndes Murmeltier. Später hat R. immer wieder Mamis Grab besucht. Ich bin sicher. Mami fehlt ihr genauso wie mir.

Ich tue mich schwer mit Freundschaften. Wenn ich mich zurück erinnere, hatte ich fast immer nur männliche beste Freunde. Ich bewundere Omis Vertrauen zu M. Eine solche Freundin habe ich mir immer gewünscht.

Einer von tausend Toden

Ich wache am Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Wenn Menschen sterben, spüren sie, was sie noch brauchen. Meine Mutter hatte Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: Ich bin müde.

Ich werde ins Pflegeheim gerufen. Uschi liegt da. Ihr Atem geht schwer. Diese kochelnden Laute. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet sie ihre riesigen, dunklen Augen und sieht mich an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Patientenverfügung. Meine Mutter. Immer einen Plan B.
Ich bin nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Ich weiss nicht, wie ich bei ihr bleiben könnte.
Ich kann nicht gehen.

Während sie daliegt und stirbt, verstäte ich ihre Häkeldecke. Das hat sie immer gehasst. Also mache ich es für sie.
Wenn man dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kommen viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt, etwas sagt. Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie bereit scheint, loszulassen, es aber noch nicht kann. Ich warte.

Am Abend fahre ich nach Hause. Ich bin getrieben von Angst. Dass, wenn ich wieder zu ihr zurückkehre, meine Mutter bereits gegangen ist. Aber sie wartet auf mich. Ich nehme Platz in dem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder Aussetzer. Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhörlich.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Keinen Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer. Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie sie kälter wird. Wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie beim Gehen stören. Zwischendurch nicke ich ein. Denke, vielleicht schläft sie dann auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliessen sie sich. Der Atem geht langsamer.

Um fünf Uhr schrecke ich auf. Nachdem ich rund zwanzig Minuten am Stück geschlafen habe, wache ich von der Stille auf. Mutters Atem hat ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelt sie. Dann atmet sie weiter. Ich sitze fassungslos da. Schwitze. Weine. Krieche auf das Bett neben ihrem. Ich lege mich hin und halte ihre Hand. Dann werde ich müde. Sobald ich die Augen schliesse, habe ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Da alle Sterbezimmer belegt sind, muss meine Mutter in einem Vierbettzimmer liegen. Wir hören Musik. Immer wieder setzt Mutters Atem aus. Es klingt für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen, und das Auftauchen wäre eine Qual.
Ihre Hände werden kälter. Ich weiss, bald ist es soweit. Um viertel nach vier tut sie ihren letzten Atemzug. Aus ihren Augen treten gelbe Tränen. Ich öffne das Fenster. Draussen scheint die Sonne. Der Nebel ist verflogen.

Dieser Text ist im Ebook „Tausend Tode schreiben“ im Frohmann Verlag erschienen.

Die Alt-Vorderen

Beim Einräumen meines Atelier wird mir bewusst, wie sehr ich mit dem Beruf und der Herkunft meiner Urgrosseltern schon immer verwoben war.

Die Wollknäuel türmen sich. Stickgarne in allen Farben. Alte Musterbücher. Opas Zuschnittbuch. Stoffscheren.

Alles scheint sich hier im Toggenburg um Stoff und Wolle zu drehen. Es wundert mich nicht. Das ganze Haus duftet nach Handarbeit. Ich kann mir gut vorstellen, wie Uromi Röös in der Stube, wo ich jetzt, beim Schreiben dieses Textes sitze, sass und Socken strickte. Sie konnte nicht nur mit Stricknadeln umgehen, nein. Sie konnte auch wunderbar nähen und sie hat es bis zum hohen Alter getan.

Es ist ihr wohl auch nichts Anderes übrig geblieben. Denn hier im Haus gabs damals wohl noch keinen Fernseher, keinen Telephonapparat, natürlich keinen Internetanschluss und erst später einen Radioapparat. Dieser steht übrigens heute noch hinter der Türe. Ich liebe ihn, er passt perfekt in die dunkel getäferte Stube, als wäre er eigens dafür geschaffen worden.

Meine Urgrosseltern wirkten auch auf den letzten Fotos verliebt. Vielleicht lag das daran, dass sie gar nicht anders konnten, als miteinander zu reden. Auf einem meiner Lieblingsbilder von ihnen sitzen sie da. Beide halten sie ein Glas Schnaps in den Händen und strahlen sich an. Sie waren damals weit in den 80ern. Die Zärtlichkeit des Moments aber lässt sie jung erscheinen. Wer weiss, was sie alles gemeinsam durchgestanden haben, welche Klippen sie gemeinsam umschifft haben.

Es scheint mir ein Privileg, jetzt hier im Haus wohnen zu können. Ob ich meine Beziehung auch bis ins hohe Alter so liebevoll leben kann?

 

heinrich_rosa (785x578)