danach und davor

Die Summe der Menschen in meiner Familie, die ich tot sah, ist klein. Ich sah meinen Urgrossvater Henri, wie er in seinem weissen Totenhemd im Sarg lag, meinen Grossvater Walter im schwarzen Anzug und meine Mutter.

Wenn ich an meine tote Mutter denke, kommen mir viele Gedanken. Ich bin dankbar, dass ich ihre letzten 36 Stunden miterleben durfte. Die Wache an ihrem Bett, die schlaflose Nacht, die Tränen und die Nähe zu ihr waren nervenaufreibend. Ich hatte das Gefühl, ich wäre die Löwin, die ihr Löwenjunges verteidigt. Ich hatte mich so lange nach meiner Mutter gesehnt, solange mit ihr Streit gehabt, dass ich am Ende dabei sein wollte und durfte. Ihr Tag, an dem sie starb, begann neblig und endete mit Sonne. Als sie um 16.15 ihren letzten Atemzug tat, war ich erleichtert.

Oft denke ich über diese Stunden nach. Sie starb einige Meter vom Spital Wil weg, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Vier Tage lang wartete sie auf meine Geburt. Hochsommer. Sie hat bis fast am Ende darüber gelästert, wie genervt sie über mein Nicht-Geboren-Werden-Wollen war. Im Vergleich dazu kommen mir die 36 Stunden Warten_auf_ihr_Gehen wie ein schlechter Witz vor.

Sie starb in einem Alter, wo Menschen sich normalerweise mit ihrer Pensionierung auseinandersetzen. 56 ist kein Alter zum Sterben. Eigentlich ist es das ohnehin nie.

Oft habe ich mich gefragt, ob sie noch etwas offen hatte. Wollte sie noch was klären? Hatte sie alles erledigen können?

Mit grosser Rührung stellte ich am letzten Tag fest, dass sie tatsächlich eine Patientenverfügung erstellt hatte. Sie hatte sich wirklich mit ihrem Ableben auseinandergesetzt. Sie hat mir, ihrer Tochter, nicht einfach Verantwortung delegiert.

Was wird sein, wenn ich sterbe?
Sterbe ich alleine? Langsam? Allzu schnell?
Im Frühling? Im Winter?
Wird meine Liste abgearbeitet sein?

Das Allerheiligen-Grab

Auf meiner heutigen to-do-Liste stand „Allerheiligengrab für Uschi machen“. Obwohl ich nicht gläubig bin, mag ich das Novembergrab am liebsten. Ich kaufe jeweils Heidekraut und ein bemoostes Herz. Es sieht alles sehr schlicht aus und trotzdem schön.

Als ich heute auf den Friedhof kam, traute ich meinen Augen nicht. Uschis Grab war völlig leer geräumt. Alle Pflanzen, die ich gekauft hatte, waren weg. Da ich nicht jede Woche auf den Friedhof gehen kann, achte ich immer darauf, dass ich Pflanzen kaufe, die lange halten, schön aussehen und die ich eventuell nochmals zuhause verwenden kann. Dass NICHTS mehr da war ausser einem Porzellaneichhörnchen und einem kleinen Engel, schockte und verletzte mich. Der grössere Porzellanengel, ein Fliegenpilz, alles Dinge, die meine Mutter zu Lebzeiten gemocht hatte, waren weg.

Ich komme relativ gut klar mit schwierigen Situationen, aber dieser Anblick hat mich verstummen lassen. Ich war so wütend, dass ich am liebsten etwas kaputt gemacht hätte. Es ist nämlich nicht das erste Mal. Ostern 2008 kaufte ich für ihr Grab einen grossen Chrysanthementopf. Dieser war zwei Tage weg. Auf dem Friedhof zumindest war er nicht. Verdammte Sauerei!!

Zum Glück war Sascha an meiner Seite. Er blieb cool, als ich völlig fassungslos vor Uschis Grab stand. Er meinte, dass möglicherweise jemand alles abgeräumt hatte, um Platz für die Blumen der Toten im Grab nebendran zu schaffen. Das half mir noch weniger weiter. Das Grab meiner Mutter ist doch kein Abstellplatz!!!

So bepflanzte ich das Grab meiner Mutter von neuem, Lustlos tat ich das Heidekraut in die Erde und legte das Allerheiligen-Herz aufs Grab.

Wie lange wird das wohl halten?
Tut sich auch daran ein anderer gütlich??

Sascha reagierte zu Hause rasch und rief auf dem Friedhofsamt an. Jetzt bin ich gespannt, was dabei rauskommt…

Unser dreier Leben

Als ich heute morgen um 6.15 das Haus verliess, erstarrte ich. Über mir war der Himmel voller Sterne. So hatte ich ihn noch nie gesehen im Oktober.

Anders als andere Jahre habe ich heute gearbeitet. Ganz bewusst. Ich wollte eintauchen in Beschäftigung und nicht in trüben Gedanken herumwühlen. Anders als in anderen Jahren trug ich heute keine schwarze Kleidung.

Erstaunlicherweise hat das geklappt.
Ich war ganz bei mir. Konzentriert. Zufrieden.

Schon am Vormittag leuchtete die Landschaft um mich herum. Schon lange nicht mehr sah ich all diese Farben. Als ich Feierabend hatte und von Weinfelden über Land in Richtung Frauenfeld fuhr, war ich ergriffen von der Schönheit der Gegend. Jetzt, wo die Felder abgeerntet sind, sieht man erst, wie sanft gewellt die Böden sind.

Ich musste daran denken, dass vor sechs Jahren dichter Nebel geherrscht hatte. Erst kurz vor Uschis Todesminute lichtete er sich langsam. Die Sonne schien schüchtern.

Paula und ich hatten seit dem Vormittag gemeinsam an Uschis Sterbebett gesessen. Immer wieder hielten wir inne, wenn ihr Atem aussetzte. Meine Grossmutter und ich wussten, dass Uschi schon ganz nah an der Schwelle des Todes stand.

Als es schliesslich soweit war, die Pflegende hatte meine Mutter gerade umlagern wollen, ging es sehr rasch. Uschi blickte uns aus ihren braunen Augen traurig an. Nach einem letzten tiefen Atemzug war Stille. Aus ihrem einen Auge trat eine gelbe Träne.

Nachdem meine Mutter also gestorben war, öffneten Paula und ich das Fenster. Paula und ich blickten uns an. und umarmten uns. Wir hatten das Selbe gedacht: „Uschi will jetzt bestimmt eins rauchen gehen!“

Mein damaliger Freund kam zu spät.
Aber ich bin nicht unglücklich, dass ich diesen Moment des Übergangs mit meiner Mutter und meiner Grossmutter alleine teilen konnte. Für mich war der Ort von Uschis Sterben mehrfach emotional. Sie starb einige Meter entfernt von dem Ort, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Ihr eigener Geburtsort lag ebenfalls einige hundert Meter weit weg. Es schien mir, als hätte sich unser dreier Leben auf diesen Ort konzentriert. Loslassen und festhalten.

Ich bin dankbar, dass ich bei ihrem Tod dabei sein durfte und sehe es als ein letztes Liebesgeschenk meiner Mutter an. Dass wir nur drei Monate Zeit hatten, uns als Mutter und Tochter wiederzufinden, ist zwar traurig, aber in letzter Instanz dennoch tröstlich. Ich wünschte mir, sie wäre jetzt hier und könnte mich sehen.

Ein sehr langer Tag

Als ich vor sechs Jahren zum Frühdienst fuhr, hatte ich keine Ahnung wie dieser Tag enden würde.

Um acht Uhr wurde ich auf meinem Handy von der Pflegenden angerufen, die mir mitteilte, dass sich Uschis Zustand stark verschlechtert hatte. Ein Kollege vertrat mich, so dass ich einfach zu meiner Mutter gehen konnte.

Sie so zu sehen, wie sie da in ihrem Bett umhüllt von schöner, bunter Bettwäsche lag, war ein Schock. Ihr Mund war trapezartig verformt. Ihre Augen weit geöffnet, ins Leere schauend. Ich bin einfach nur zu ihr hingegangen und habe ihre Hand gehalten.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg. Was hätte ich auch sagen können? Ich hatte den Eindruck, als wäre ihr Körper noch hier, aber ihre Seele nur noch an feinen Seidenfäden festgemacht.

36 Stunden blieben uns noch. Aber das wusste ich damals nicht. Wenn mir das jemand gesagt hätte, wäre ich zusammengebrochen. Doch stattdessen sass ich da.

Ihr Atem rasselte stark. Dieses Geräusch, dieses unglaubliche Geräusch, werde ich nie mehr vergessen. Es klang, als würden sich alle Säfte in ihrer Lunge bewegen. Sie atmete schwer.

Ihr Herz schlug noch immer regelmässig. Es war so stark. Mir kam in den Sinn, dass sie doch eigentlich ein zerbrochenes haben musste.

Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass sie noch einmal ihre Augen aufgeschlagen hätte. Am Ende ihres Lebens fanden jedoch keine grossen Worte mehr Platz.

Ich redete mit ihr, doch sie reagierte nicht mehr sichtbar. Ich wusste, nein: hoffte, dass ihr Gehör noch da war. Ich strich über ihre Hände, ihre Finger, deren Nägel die jungen albanischen Pflegenden so schön lackiert hatten.

Immer wieder setzte ihr Atem aus. Mehr als einmal meinten die Pflegenden, dass jetzt ihre Stunde gekommen sei. Aber wir täuschten uns alle.

Meiner Mutter Herz schlug einfach weiter. Ich hatte das Gefühl, dass sie noch jeden Moment Leben auskosten wollte.

Der Pflegedienstleiter kam mehrere Male vorbei und saugte Schleim ab. Er versuchte mich zu beruhigen, indem er mir erklärte, dass sie keine Schmerzen hatte. Meine Mutter hatte nämlich, und das hat mich sehr überrascht, eine Patientenverfügung erstellt. In jener stand, dass sie in die Behandlung mit Morphium eingewilligt hatte. Es überraschte mich insofern, als dass ich nie gedacht hätte, dass sich Uschi mit ihrem Tod auseinander gesetzt hatte.

Ich war ihr sehr dankbar, dass ich in jenen Stunden zwischen Leben und Tod nichts mehr entscheiden musste.

Irgendwann wurde es Abend, dann Nacht. Aber meine Mutter lebte noch immer.

Uschi verlieren

Die Tage vor Uschis erstem Todestag im Jahre 2008 habe ich mit Paula verbracht. Wir hielten uns an den Händen und weinten. Wir redeten gemeinsam über Uschis Tod. Für Paula war alles sehr präsent und schmerzhaft.

Wie oft hatten wir darüber gesprochen!
Für Paula war der Tod ihrer Mutter Berta tief einschneidend gewesen. Sie hat es sich, solange sie sich daran erinnern konnte, nie vergeben, dass sie in der Stunde des Todes nicht an Bertas Seite war.

Das kann ich von mir nicht behaupten.
Ich bin nicht von Uschis Seite gewichen, obwohl ihr Sterben alle meine Kräfte überstiegen hat. Sie lag in ihrem Bett, atmete schwer und ihr Leben aus, während ich stumm daneben sass. Die Pflegenden versuchten immer wieder mal, mich abzulenken, wohl weil sie aus Erfahrung wussten, dass die Sterbende erst gehen könnte, wenn ich weg war.

Aber ich wusste auch, dass meine Mutter und ich eine Art Pakt hatten. Sie hat es gehasst, wenn ich schwarze Kleider trug.
Manchmal, so denke ich, war das der Grund, warum ich bis zum Ende dabei sein durfte. Vielleicht war meine Aufgabe hierbei, die Angst vor dem Tod zu verlieren.

Das Ende ist nicht schwarz oder dunkel. Es ist traurig. Es ist herzzerreissend, aber nicht schwarz.

Wenn ich an meine tote Mutter zurückdenke, so sehe ich ihr dunkles Gesicht mit den schönen braunen Augen. Sie sah sehr entspannt aus, zufrieden, schlafend wie Dornröschen.

Der Tod hat etwas unheimlich friedliches. Er ist wie ein rückwärtsgewandte Geburt. Nur das Sterben scheint anstrengend.
Ich weiss nur, wenn ich sterbe, wird kein Kind von mir an meiner Seite sein. Davor habe ich Angst.

Warum ich schreibe

Ich wurde schon einige Male gefragt, warum ich überhaupt über Paulas Demenzerkrankung, das Sterben und den Tod schreibe. Schliesslich sind das sehr intime Themen. Auch der Vorwurf des Breittretens wurde mir schon gemacht.

Es ist ganz einfach.
Ich finde, diese Themen gehören zum Leben dazu, genauso wie andere auch. Beispielsweise finde ich Babyfotos sehr viel privater.
Das Schreiben über die Ereignisse und Erlebnisse befreit mich. Das ist mein egoistischer Grund. Aber da gibt es noch einen anderen.

Als ich 2007 um meine Mutter trauerte, war ich sehr verzweifelt. Es gab nichts, was mich tröstete und niemanden, der mich verstanden hat. Ich las in jener Zeit sehr viele Bücher übers Trauern. Die meisten waren bullshit.

Dann stiess ich auf die Bücher von Jorgos Canacakis.
Seine Herangehensweise ans Thema Trauer hat mich total berührt. Jorgos begrüsst den Leser seines Buches und bietet sich als Expeditionsleiter ins Land der Gefühle an.

Nachdem ich monatelang nicht mehr über meine Gefühle sprechen oder lesen konnte, nicht mehr weinte, brachen beim Lesen von „Ich sehe deine Tränen“ alle Dämme. Ich weinte, bis ich nicht mehr konnte.

Ich begann mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen und schrieb.
Jorgos Canacakis Worte begleiteten mich von nun an. Ich bemerkte, dass nur schon die Erlaubnis, übers Traurigste zu reden, ohne Furcht, einem die Herzen zu anderen Menschen öffnet.

Als Paulas Demenzerkrankung vor über einem Jahr weiter fortschritt, und ich einfach nur noch überfordert und mit meinen Kräften am Ende war, fiel es mir wieder ein: sobald du darüber schreibst, bist du nicht mehr alleine.

So ist es noch heute. Wenn ich über meine Gefühle schreibe, komme ich ins Gespräch mit Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Der Austausch über Ängste und tiefe Gefühle bringt uns einander näher in einer Zeit, wo Rituale von früher nicht mehr gelebt werden (können).

Ein Platz für Uschi

Es war natürlich klar, dass meine Mutter im Spital nicht am richtigen Ort war. Dafür war die Pflege zu teuer und der Nutzen zu klein.
Meine Mutter wurde schliesslich, als sie wieder halbwegs lebendig war, in Absprache mit den betroffenen Abteilungen in die Psychiatrie verfrachtet.

In den Tagen vor dem Transport in die Psychiatrie hatte meine Mutter schreckliche Albträume. Sie rief mich an und sagte: „Ich hab geträumt, dass mich in der Psychiatrie Ratten bei lebendigem Leibe anfressen.“ Meine Mutter hatte nämlich schreckliche Angst vor Mäusen und anderen Nagern. Ich verstand, konnte aber nur wenig tun. Die Pflegemaschinerie war ins Rollen geraten.

Wider Erwarten gefiel es ihr.
Die Psychiatrische Klinik, in der sie nun lebte, führte ein ausgezeichnetes Aktivierungsprogramm. Uschi war glücklich, Sie konnte stricken, häkeln und keiner verbot ihr, Kreuzworträtselzeitschriften auf die Tischplatte zu kleben. Im Gegenteil.

Ich war allerdings etwas erstaunt, als meine Mutter mir erzählte, dass sie in einer Gruppentherapie war. Jahrelang hatte sie Therapien umgangen. Besonders die Gesprächstherapie lag ihr gar nicht. Doch dann meinte sie: „Weisst du, es ist schon komisch. Da bin ich am Sterben und ich sitze mit 20jährigen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben da und rede darüber, dass ich getrunken habe.“

Als ich sie besuchte, wurde ich von einem Arzt abgefangen. Der führte mich in ein Büro, wo er mich ausfragte. Er wollte wissen, ob ich begriffen hatte, dass sie stirbt. Das hatte ich natürlich. Ich war ja nicht doof. Dann fragte er mich unverhohlen, ob auch ich alkoholkrank sei, denn schliesslich sei ich als Tochter besonders in Gefahr.

Da wurde ich wirklich wütend.
Ich fand es unverschämt, in dieser Situation zu so einer Kackscheisse befragt zu werden. Ich antwortete ihm barsch, dass ich schon als Kind begriffen hatte, was los war und ihr geholfen hatte, die morgendliche Kotze wegzuwischen. Dieser Arzt hatte keine Ahnung von meinem Leben. Ich verliess sein Büro.

zwei Tage später erlitt meine Mutter einen Infekt und musste zurück ins Spital gebracht werden. Ich war darüber nicht unglücklich.

Sterben

Meines Erachtens das wirklich Schlimme am Sterben an Leberzirrhose sind die Bewusstseinsschwankungen.
Dadurch, dass das Gehirn langsam vergiftet wird, weil die Leber die Giftstoffe nicht mehr filtrieren kann, funktioniert nichts mehr richtig.

Meine Mutter litt an Sprechstörungen. Obwohl sie während Monaten keinen Schluck Alkohol mehr getrunken hatte, lallte sie phasenweise schwer. Sie hatte ebenfalls Mühe zu schreiben.

Ein Erlebnis im Spital Frauenfeld hat mich besonders berührt:

Meine Mutter hat während ihres Spitalaufenthalts verzweifelt versucht „ihr Hirn in Schwung zu bringen“, wie sie es nannte. Dies tat sie mittels Kreuzworträtseln und Sudokus. Da sie allerdings nur noch schwer aufsitzen konnte, ihr Aszites behinderte sie stark, lag sie halb im Bett. Sie hatte früher immer ihre Rätsel auf den Knien gemacht. Doch dies war nun nicht mehr möglich.

Sie hatte versucht, die Rätsel auf der schräggestellten Nachttischablage zu lösen, doch da die Kanten alle abgeschliffen waren, rutschten die Zeitschriften immer wieder ab. Als ich dies bemerkte, brachte ich ihr Klebeband mit. Ich machte den Umband ihres Heftlis an der Fläche fest. Nun konnte sie endlich wieder in Ruhe rätseln.

Doch schon einen Tag später war damit Schluss. Auf Druck der Pflegenden musste sie ihre Zeitschrift wieder abnehmen, da das Klebeband störte. Ich wollte reklamieren, doch meine Mutter bat mich, nichts zu sagen, da sie Angst hatte, deswegen Probleme zu bekommen. Sie wusste genau, dass sie als Alki hier nicht wirklich respektiert wurde.

Ich habe nie verstanden, warum man einer Sterbenden dies nicht ermöglicht hat. Es macht mich heute noch wütend.

Als ich einige Tage später mit einem Pfleger über den Gesundheitszustand meiner Mutter sprach, sagte er: „Sie kooperiert nicht.“ Als ich ihn fragte, was er genau meint, erzählte er, dass sie sich weigere, herumzulaufen. Mein Argument, dass meine Mutter einen riesigen Aszites mit sich herumtrug, der ihr Mühe beim Atmen bereitete und sie noch einige Tage zuvor an der Schwelle des Todes gestanden hatte, liess er nicht gelten.

Für ihn war meine Mutter nichts als eine leidige, mühsame und unangenehme Patientin. Es tut mir heute noch leid, dass meine Mutter so viel Zeit in diesem Spital verbringen musste.

Der Brief

Als ich vor sechs Jahren meine Mutter im Pflegeheim besuchte, hatte ich einen schweren Gang vor mir. Die nette Dame des Sozialamts drängte drauf, dass ich sofort die Wohnung meiner Mutter kündigte und auflöste, da diese sonst den Steuerzahler zuviel kostete. Das ist ja auch nachvollziehbar.

Allerdings bedeutete diese Wohnung alles für meine Mutter. Ich wusste nicht, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich vom Sozialamt eine Kündigungsvorlage bekommen hatte, die sie unterschreiben musste.

Ich trug den Zettel tagelang mit mir rum. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.
Als meine Mutter eines Tages eher müde und antriebslos war, gab ich ihr den Zettel. Ich hab nicht mal gelogen, als ich sagte, dass sie damit ihre Wohnung kündigte. Meine Mutter meinte nur: „Dann ziehe ich jetzt also in diese tolle, weisse, grosse Wohnung mit Waschmaschine und Lift ein?“ Ich zuckte mit den Schultern, aber das sah sie nicht.

Als sie einige Tage später fitter war, fragte sie mich danach. Sie wollte wissen, ob sie mit dem Unterschreiben des Zettels ihre Wohnung gekündigt hatte und nun für den Rest ihrer Tage (es waren nicht einmal mehr zwei Wochen) hier bleiben müsste. Ich nickte.

Sie begann zu fluchen und toben.
Und dann schmiss sie mich raus.
Sie schrie, dass sie mich nie mehr wiedersehen wollte.

Ich weiss nicht mehr viel, nur dass ich auf dem Flur einfach zusammensackte. Ich weinte. Ich konnte nicht mehr. Ich werde die blasse Farbe des Flurs, die nette Stationsleitung mit den roten Haaren und den Aufdruck auf der Tempo-Taschentücherverpackung nie mehr vergessen. Ich sass im Büro jener Frau und heulte. Ich war verzweifelt.

Kopfmässig wusste ich ja, dass meine Mutter im Begriff war zu sterben. Aber ich konnte es nicht ertragen, dass ich das Werkzeug war, mit dem sie ihre Wohnung kündigte. Noch heute werde ich wütend, weil ich denke, diese teilnahmslose Beamtin hätte das mal besser selber getan.

Die Stationsleitung meinte, nachdem ich mich beruhigt hatte, ich sollte wieder reingehen und der Mutter in die Augen schauen, denn dann würde ich bemerken, dass sie warm und lieb leuchten und sie nicht mehr wütend auf mich ist. Dem war auch so.

Meine Mutter beruhigte sich nach einigen Minuten wieder. Sie sass in ihrem Bett, ächzend, die Hände auf ihrem riesigen Bauch, in dem doch kein Kind heranwuchs, senfgelb. Sie blickte mich aus ihren verweinten, dunklen Augen an. Sie blutete aus der Nase.

Ich sagte nicht viel, sondern holte aus meiner Handtasche einen Tampon hervor und reichte ihn ihr.
Sie blickte mich verwundert an. Dann begann sie lauthals zu lachen. Sie öffnete ihre Arme, damit ich sie umarme. Wir hielten uns ganz fest.

Sie sagte: „Du bist mir ja vielleicht eine Lustige.“
Ich hingegen wusste, dass es das letzte Mal war, dass ich dieses Lachen hören würde.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.