Krankenbesuche

Anstrengend waren während Mutters letzten drei Monaten die Besuche. Es erfüllt mich heute noch mit Wut.

Ich hatte gerade eine neue Stelle angetreten, pendelte zwischen meiner Wohnung und dem 80km entfernten Wohnort meines damaligen Freundes, kümmerte mich um Paula und nun das: es rieb mich völlig auf.

So arbeite ich zwischen vier bis sechs Tage die Woche, ging nach Feierabend im Spital vorbei. Natürlich ist es ein bisschen suboptimal, wenn man unregelmässig arbeitet. Vor dem Spätdienst vorbei konnte ich natürlich nie, weil da keine Besuchszeiten waren, nicht mal bei einem sterbenden Menschen.
Meine Mutter hatte praktisch nie Besuch. Das war vielleicht ein Segen. Ich hätte aufgestellte Menschen, die ihr Hoffnung machen, nicht ertragen.

Ich lernte das Spital, wo schon mein Bruder zur Welt kam und gestorben war, von Herzen hassen. Noch heute überkommt mich Wut, wenn ich es betrete. Meine Mutter wurde dort nicht besonders liebevoll gepflegt. Aber das wunderte ja auch keinen: Schliesslich war sie unheilbar an Leberzirrhose erkrankt. Eine sterbende, alternde Alkoholikerin.

Die Besuche laugten mich aus.
Ich hatte Angst. Wie würde meine Mutter die nächsten Tage überstehen? Was würde passieren? Meine Nächte waren grauenvoll. Ich wachte regelmässig schweissgebadet aus Albträumen auf. Wenn mich jemand berührte, begann ich zu weinen.

Den Geruch von Krankenhäusern hasse ich. Dieses saubere, klinische. Dieses „hier-wird-man-schnell-wieder-gesund-Gefühl“, das man einem vermitteln will. Nein. Ich wusste es. Hier kommt sie nicht heil raus.

Ich vermeide seither Krankenbesuche. Es ist nicht so, dass ich kranke Freunde nicht besuchen will. Aber die Emotionen, die Gerüche, die Klänge berühren mich so sehr, dass ich Mühe habe.

Umso mehr geniesse ich es, wenn ich Paula in ihrem Pflegeheim besuchen kann. Es riecht nach daheim. Nach alten Menschen, Putzmittel, Kaffee und Essen. Es ist sauber, aber heimelig.

Wenn ich nicht zuhause sterben kann, dann will ich doch lieber so gehen. Das Spital wäre für mich die Hölle.

Spiegel

Was ich an meiner Mutter am Ende so bewundert habe, war ihre unerschütterliche Hoffnung und ihren Lebenshunger. Am Anfang meines Lebens, nach dem Tod meines kleinen Bruders, war sie dem Leben nicht mehr sehr nahe.

Ich habe mich als Zwanzigjährige immer etwas über sie gewundert. Sie liebte Feste, sie trank gern. Sie liebte Volksmusik. Stundenlanges Philosophieren. Im Rückblick erscheint sie mir manchmal wie eine Kerze, die von beiden Enden her gebrannt hat.

Am Ende ihres Lebens hat sie sich ans Leben geklammert. Nicht verzweifelt, eher mit einer Art Bedauern. Ich sass an ihrem Bett, während sie kämpfte.
Ihr Atem ging schwer. Ihre Hände wurden langsam kalt. Sie wurde regelmässig umgelagert.

Wobei, kämpfen ist harter Ausdruck. Ich halte nicht viel von Esoterik, aber im Rückblick scheint es mir, als hätte sie sich zurückgekämpft.
Meine Mutter wirkte in den letzten Stunden ihres Lebens mehr denn je wie eine Schwangere, die gebärt. Ihre Körperhaltung, die Beine, ihr Seufzen. Es war für mich, 30 Jahre nach meiner Geburt, berührend zu erleben, wie sehr sie sich anstrengte, hier zu bleiben. Nicht zu gehen.

Nachdem sie diesen einen, letzten Atemzug getan hatte, war es so seltsam leer. Ohne eine Mutter zu leben, erschien mir damals unvorstellbar. Es schien mir, als wäre meine psychische Nabelschnur ein zweites Mal durchtrennt worden.

Manchmal sehe ich Frauen um die 60 mit ihren schwangeren Töchtern. Ich stelle mir vor, wie das gewesen wäre. Hätte meine Mutter mich genervt? Wäre sie eine so tolle Grossmutter geworden wie ihre eigene Mutter? (Meine Mutter hat mir damals immer gedroht, sie würde meine Kinder mal genauso furchtbar verwöhnen wie Paula mich).

Wenn dir deine Mutter stirbt, verlierst du, gerade als Frau, deinen zukünftigen Spiegel. Mein Spiegel wird bis gerade mal 56 reichen. Danach gibt es nichts mehr, was Vorbild sein könnte.
Das Leben fängt aber lange davor an.

Sterben

Der Tod ist kein Freund für mich.
Er ist eine Art dunkler Schatten über meiner Familie. Als Kind verstand ich ihn nicht. Ich wusste, er bringt meine Mutter zum Weinen. Ich ahnte, dass er was mit dem Nichtnachhausekommen meines Bruders zu tun hatte.

Als meine Urgrosseltern starben, wusste ich, dass das daran lag, dass sie sehr, sehr alt waren. Mein Uropa Henri war 95 Jahre alt, als er im Schlaf starb.

Opa Walter hatte Leberkrebs. Er wusste, dass sein Tod nicht friedvoll sein würde. Es muss ihn bei der Diagnose, vier Monate vor seinem Tod, erschüttert haben. Er schwieg. Aber Paula erfuhr von der Spitexfrau, wie er sterben würde. Und: dass er es wusste.

Es erscheint mir heute noch grauenvoll, dass er geschwiegen hat. Hatte er grosse Angst? Paula erzählte mir, dass er langsam erstickte, ja beinahe ertrank.

Ursulas Sterben verlief ähnlich. Ihre Leber gab ebenfalls auf. Ihre Lungen liefen voll Wasser. Ihr Nach-Luft-Holen im Sterbeprozess hör ich heute noch in Albträumen.

Ich denke oft über den Tod nach, allerdings nicht in der Weise von „ich will nicht sterben!“. Ich mache mir sehr wohl Gedanken, was ich mir wünsche und was nicht. Ein Unfall wäre schrecklich. Ich mag nicht einfach mit einem Knall weg sein.

Ich kriege mit, dass Menschen sagen: „Also, mit Demenz leben würd ich nicht wollen. Das wäre ein Grund, mit allem Schluss zu machen“.

Wenn ich mir Paula ansehe, so fühle ich ihre Lebensfreude. Sie ist unbeschwerter als noch vor zwei Jahren. Sie lebt im Jetzt.

Smalltalk vs. wirkliche Nähe

Wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man sich verhält:

Die einfache Variante ist die, in der man sich mit Arbeit zumüllt, sich abwendet und sich erst wieder meldet, wenn alles vorbei ist. In der heutigen Zeit ist die Beschäftigung mit dem Tod so eine Sache. Wir sind alle sehr viel lieber jung, smart und lebendig. Totsein ist eine belastende Sache fürs Umfeld. Besonders trauernde Männer bevorzugen diese Art der Trauer.

Die andere Variante, die ich persönlich bevorzuge, ist jene, wo ich mich zuwende. Sterben ist per se nichts Abnormales. Es ist sozusagen genauso normal, wie wenn jemand ein Kind zur Welt bringt, nur andersrum.

Die Beschäftigung mit dem Sterben hat allerdings Nebenwirkungen. Ich wage zu behaupten, dass ich mich verändere, wenn ich mich mit einem Sterbenden abgebe. Ich gewinne neue Einsichten über das Leben und mich selbst. Wie gehe ich mit dem Schmerz um? Was fühle ich? Wie viel Nähe lasse ich zu?

Als meine Mutter im Sterben lag, konnte ich fast nicht mehr reden, denn es gab fast niemanden, der mir hätte zuhören wollen. Man wiederholt sich. Smalltalk ist mit dem Angehörigen eines Sterbenden keine gute Sache.

Auf die Frage: „Wie geht es dir?“ zu antworten mit: „Es geht mir schlecht. Meine Mutter liegt im Sterben.“ ist natürlich kein Satz, den man auf einer lustigen Party sagt.

Wir haben den Tod aus unseren Leben ausquartiert. Man sterbe bitte in Sterbehäusern, in Altersheimen, im Spital, aber bitte nicht neben mir.

Aber ich habe auch noch was anderes beobachtet. Wenn ich mich öffne, gerade gegenüber Angehörigen, die jemanden verlieren, ist wirkliche Nähe möglich. Es braucht sehr viel Mut, über seine Gefühle zu sprechen. Schlussendlich erleben wir doch fast alle dasselbe: wir verlieren Menschen, die wir lieben, die unser Leben bereichert haben. Wir sind es uns doch schuldig, dass wir nicht nur über ihr Leben, sondern auch über ihr Gehen von dieser Welt sprechen, oder?

Das erste Mal

Ich glaube, die wirklich schlimme Sache an der Demenz meiner Oma war das erste Mal, als sie mich nicht mehr erkannt hat. Ich wusste damals nicht, warum mich das so sehr verletzte, dass ich weinen musste.

Mit dem Abstand von fast zwei Jahren sehe ich klarer:
Als Mensch lebe ich verschiedene Rollen aus. Bei Paula und mir war es klar. Sie ist die Oma, ich die Enkelin. Ich weiss genau, wie sehr sie mich geliebt und beinahe auf Händen getragen hat. Auch sie war für mich die wichtigste Bezugsperson meines Heranwachsens.

Die Demenz nahm uns das alles. Es kam der Tag, an dem sie meinen Namen nicht mehr wusste, wo sie mich nicht mehr erkannte. Schon als sie viele Leute nicht mehr erkannt hat, so wusste sie mich doch immer einzuordnen. Das war mit einem Mal nicht mehr der Fall. Ich wurde wütend, aufs Schicksal. Auf alles.

Ich sehe es heute gelassener.
Als Angehörige meiner demenzkranken Oma bin ich mit einem Mal auf mich selbst gestellt. Meine Rollendefinition muss ich neu formulieren. Das ist schmerzhaft und stellt mein Sein als solches in Frage. Doch ist es notwendig, um zu trauern.

Etwas neues macht der angestammten Rolle Platz.
Mit einem Mal erkannte ich meine neue Funktion in Paulas Leben. Ich bin noch immer ihr Fleisch und Blut. Sie ist noch immer meine Oma. Ich bin in ihrem Vergessen nicht verschwunden. Ich habe nur Platz gemacht. Heute sieht sie in mir ihre Mamme, ihre grosse Schwester, ihre Tochter Uschi und manchmal sogar Zora, ihre Enkelin, also mich.

Das sind dann die Momente, die ich geniesse. Wir sind ganz im Jetzt.
Carpe diem.

Letzte Momente

Einen Menschen beim Sterben begleiten zu dürfen, sei eine grosse Gnade, las ich mal. Ich weiss nicht genau, worin genau diese Gnade besteht, denn einen lieben Menschen zu verlieren ist einfach nur hart.

An jenem Wochenende, bevor meine Mutter starb, wurde ich vom Pflegeheim angerufen. Es ging ihr schlecht und ich hatte darum gebeten, dass man mich informiert. So fuhr ich für zwei Stunden von der Arbeit weg zu ihr, durch den dicken Nebel. Ich erinnere mich noch genau, dass ich die Fenster meines Wagen runtergelassen habe, damit die Kälte mich umgibt. Ich weinte.

Meine Mutter sass auf ihrem Bett und freute sich, dass ich vorbei kam. Sie fand es allerdings fragwürdig, dass ich dunkle Kleider trug. „Ich bin im Fall noch nicht tot, Mädchen!“ sagte sie. Sie liebte Farben über alles. Ich hingegen liebte Schwarz, Braun und Grau.

Ich wollte sie eigentlich fragen, wie es ihr geht. Ich hätte wissen wollen, ob sie Angst hat vor dem grossen Nichts. Doch sie verbat sich jegliches Fragen nach dem Tod. Ich akzeptierte es. So sass ich neben ihr auf dem Bett und schaute mit ihr Strickhefte an. Sie erklärte mir, was ihr gefiel, welche Wolle sie bevorzugte und welches Muster etwas schwierig war.

Ich hatte den Geruch von Leber in der Nase. Sie litt an einer Leberzirrhose, die ihren Körper langsam vergiftete.

Wir sassen da und sie hielt meine Hand.
Dann ging ich wieder fort durch den Nebel.

Am nächsten Abend, es war Montag, rief sie mich auf mein Handy an. Sie klang aufgestellt.
„Wie gehts dir so?“ wollte sie wissen.
Ich erzählte ihr, dass ich gerade auf dem Heimweg war.
„Pass auf durch den Nebel. Das ist gefährlich.“
Ich fragte sie, wie es ihr ging.
„Ach, heute war so ein richtig lustiger Tag. Meine Freundin R. kam vorbei. Ich ass eine Portion Spaghetti und jetzt bin ich sehr müde.“
„Dann schlaf“, sagte ich.
„Das werde ich, meine Liebe. Ich wollte dich nur noch anrufen, um dir danke zu sagen, dass du immer für mich da warst.“

In dem Moment wusste ich es.
Wir verabschiedeten uns.

Am nächsten Morgen war sie nicht mehr ansprechbar. Sie schlief sehr langsam ein. Der Nebel lichtete erst einen Tag später. Die Sonne schien.

Ein Paradies für Atheisten.

Das mit dem Sterben ist so eine Sache.
Als ich meine Mutter damals in ihrem Spitalbett sah, wusste ich, dass sie jetzt stirbt. Die Tatsache, dass wir alle jeden Tag ein wenig sterben, tröstete mich da nur wenig.

Seine Mutter sterben zu sehen, ist schwierig. Es tut einem in der Seele weh, den Menschen, der einen geboren hat, leiden zu sehen. Jeden Tag verschwand sie ein klein wenig. Manchmal ging es ihr ein bisschen besser, dann wieder schlechter. Das Leben verliess ihren Körper in Raten.

Am schwierigsten war für mich ihre Hoffnung zu ertragen. Mir wäre lieber gewesen, wir hätten übers Sterben und ihre Ängste reden können. Doch stattdessen plapperte sie von der blütenweissen Wohnung mit Lift und Waschmaschine mit Tumbler. Alles war toll.

Während sie von ihrer neuen schönen Wohnung träumte, räumte ich ihre versiffte, kleine Einzimmer-Dachwohnung. Ich entsorgte Müllsäcke, leere Flaschen, den vergammelten Inhalt ihres Kühlschranks. Ich wusste, sie würde niemals mehr in diese Wohnung zurück kehren.

Sie lag im Spital. Ich räumte. Manchmal legte ich mich heulend auf den Teppichboden. Atmete die Zigarettenasche ein. Mutters Geruch. Alles haftete an den Möbeln. Den Wänden. Ihr ganzes Lebensglück und -unglück hatte die letzten Jahre in dieser Wohnung stattgefunden.

Ich begriff nicht, was sie mir sagen wollte, damals. Erst jetzt, Jahre später weiss ich es. Sie erzählte mir von ihrem ihr eigenen Paradies. Ihr Paradies bestand nun einmal aus einer tollen Wohnung mit Haushaltsgeräten. Sie wollte kochen, Freunde und uns Kinder beherbergen. Das war ihr das wichtigste am Ende ihres Lebens. Ich dumme Kuh habs nicht verstanden. Wie auch?

Eines weiss ich jetzt: wenn mir ein Sterbender von seinem Traum erzählt, höre ich lächelnd zu und nicke. Ich streichle seine Hand. Ich werde nicht berichtigen, sondern nur zuhören.

Ich bin gespannt, wie mein Paradies sich am Schluss zeigen wird.

Tränen

Ich hätte es ahnen können, dass meine Mutter nicht sehr alt werden wird. Das war erstaunlich, denn in meiner Familie mütterlicherseits wurden die Jüngsten weit über 70, die Ältesten fast 100, meine Mutter hingegen gerade mal 56 Jahre alt.

Ich erinnere mich dunkel an die Aufbahrung, die kurze Besprechung, was nun mit ihrem toten Körper geschehen sollte. Einäscherung hatte sie sich gewünscht. Ausgekippt irgendwo im Nirgends. Paula wollte das nicht. Ich organisierte also ein Begräbnis in der Stadt, wo schon Vater und Grossvater meiner Mutter lagen.

Wie in Trance erlebte ich die Überführung ihrer Asche durch meinen Vater. Der hatte mir verboten, alleine die Urne in meinem Auto durch die Ostschweiz zu fahren. Er hatte es fast 30 Jahre zuvor mit den sterblichen Überresten meines kleinen Bruders getan. Mein Vater stand mir bei, obwohl er alle Gründe hatte, dies zu verweigern.

Die Beerdigung im Oktober 2007 war eine traurige Sache. Wenig Menschen kamen. Natürlich.
Es war das letzte Mal, dass ich meinen Grossonkel Sepp gesehen hatte. Er starb kurze Zeit später. Hadi, meine Grosstante und Uschis Gotte, konnte ebenfalls nicht an der Beerdigung teilnehmen. Nur Bibi, Paula, mein damaliger Freund und Uschis Freund Weewoo assen mit an der Tafel.

Ich hatte bis dahin gedacht, dass sich die Trauer um einen lieben Menschen nach der Beerdigung legt. Das Gegenteil war der Fall. Ich befand mich erst in einer Art Schockstarre. An jeder Ecke konnte ich meine Mutter spüren, ihre Stimme, ihr leises Lachen hören. Ich trug ihre Kleider, um ihren Geruch nicht zu verlieren. Ich trug ihre Schuhe. Ich färbte mir meine Haare nicht mehr und hatte gleichzeitig den Wunsch, mir alle meine langen Haare zu scheren.

Ich wollte irgendwie, dass man mir meinen Verlust ansah.
Nichts war mehr wie vorher.
Meine Mutter, die Frau, die mich geboren hatte, war tot.
Ich war alleine.
Es gab nichts, was mich trösten könnte.

Ich konnte nicht mehr weinen.
Längere Zeit lief ich herum, ohne auch nur eine Träne zu verlieren.
Dann, eines Nachts überkam es mich.
Ich brach zusammen.
Die Tränen liefen mir aus den Augen, während ich auf dem Boden lag.
Es war mir egal. Nur noch weinen.
Ich ahnte, dass meine grösste Angst die Traurigkeit war. Stattdessen war sie meine Rettung. Je mehr ich weinte, desto leichter fühlte ich mich. Die Emotionen, die ich zuliess, halfen mir, sie loszulassen und ihren Verlust zu akzeptieren. Tränen sind niemals dein Feind.

Vergangenheitsform

Paula und ich haben immer offen über den Tod gesprochen. Irgendwie waren wir in dem Punkt sehr ähnlich:
Ich verbrachte als Kind einige Zeit im Krankenhaus.

Paula ist im Alter von 8 oder 12 Jahren fast an einer Hirnhautentzündung gestorben. Ihre Erzählungen über diese Zeit hörten sich jeweils hochdramatisch und sehr traurig an. Sie erzählte oft, wie schlecht es ihr ging, sie nicht mehr sprechen konnte und sich in Tobsuchtsanfällen die Haare vom Kopf riss. Der Tod war ihr also nahe und ich denke, er muss damals seinen Schrecken für Paula verloren haben.

Wir sprachen oft über meinen Bruder. Paula konnte auf sehr anschauliche Art beschreiben, dass mein lieber Bruder jetzt im Himmel sei. Dies fand ich zwar etwas speziell fand, da er doch meinem Vater zufolge in jenem kleinen Kindersarg unter der Tanne begraben war. Aber ich wagte es nicht, Paula auf diese logische Diskrepanz aufmerksam zu machen.

Paula erlebte in ihrer Ehe oft Krisen und mehr als einmal hat sie ausgesprochen, was sie gefühlt hat: sie wäre am liebsten tot. Doch dann schreckte sie jeweils zusammen und meinte, das sei dumm, denn dann hätte ich ja keine Oma mehr. Damit hatte sie irgendwie recht.

Als Paula und ich älter wurden und mein Opa starb, kam der Tod wieder näher. Aber irgendwie spürte sie, dass es nicht Zeit war zu sterben. Paula war kreativ, baute ihr Haus mit Tante Hadi um. Erst als meine Mutter starb, wurde Paula nachdenklicher. Mehr als einmal meinte sie, es wäre furchtbar, sein Kind sterben zu sehen. Es war ihr immer wieder wichtig, dass ich Bescheid weiss, wenn es einmal so weit wäre. Was sie sich wünscht. Was nicht. Der Tod verlor einmal mehr seinen Schrecken.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mehrheitlich die Vergangenheitsform benütze. Seltsam. Paula lebt und erfreut sich angesichts ihres hohen Alters einer guten Gesundheit. Doch eines weiss ich ganz sicher. Solche Gespräche werde ich nie mehr mit ihr führen. Sie fehlen mir, denn ich erfuhr nie im Leben einen Menschen, der derart offen über sich selber und seine Gefühle sprechen konnte.

Der Tod ist eine Sau.

Als ich damals um Uschi trauerte, war ich ganz und gar alleine. Nur wenige Menschen sprachen mich auf ihren Tod an. Dabei hätte ich gerne darüber gesprochen, welche ambivalenten Gefühle in mir brodelten. Gefühle, die unausgesprochen sind, fressen dich langsam auf.

Da ist einerseits die tiefe Trauer, dass sie nicht mehr lebt. Es ist eine unvorstellbare Sache, dass der Mensch, der dich geboren hat, der dich neun Monate in sich herumtrug, einfach nicht mehr da ist. Ihr Tod war und ist eine Bedrohung. Sie sterben zu sehen, war einfach zu viel.

Dann ist da die Wut. Zuwenig Zeit für die Sterbende, zu viel Bürokratie, Beamte, denen ein Datum wichtiger ist als die Not. Fehlendes Geld. Die Wut ist schlimm. Sie zerfrisst dich langsam aus deinem Innersten heraus.

Verzweiflung. Du liegst am Boden und weinst dir die Augen aus. Möchtest einfach nur noch schlafen. Geht aber nicht, weil du zu erschöpft bist.

All das ist in dir drin. Aber niemand spricht dich an, weil es zu „persönlich“ ist. Der Mut fehlt. Selbst mir. Wie das Unaussprechliche ansprechen? Wie sagen? es tut mir so leid. Ich kann dich in deiner Not nicht trösten. Nur für dich da sein.