Vom „schweren Schicksal“

Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erwähne, dass meine Oma demenzkrank ist, herrscht zuerst einmal tiefes Schweigen. Dann folgen Sätze wie: „Es ist halt schon schwierig.“ oder „Man weiss halt nicht, wie man alt wird.“

Was es wirklich bedeutet, wenn man Angehöriger eines Demenzkranken ist, wissen nur die Betroffenen.

Man arrangiert sich mit der Schusseligkeit und der Vergesslichkeit seines Angehörigen. So hört man sich hundert verschiedene Rechtfertigungen an, warum die Fernbedienung im Kühlschrank, das Portemonnaie im Müll und das Katzenfutter in der Pfanne gelandet ist. Man macht sich selber was vor.

Ich hab schon als Kind bemerkt, wie pedantisch und wie korrekt meine Oma ist. Es ist mir nicht aufgefallen, dass sie im Alter noch korrekter wurde. Nicht bemerkt habe ich, dass sie keinerlei Sinn mehr darin erkannte. Ich hatte mich daran gewöhnt.

Ich behaupte mal einfach so, dass das Vergessen das Schlimmste ist. Wenn ich als Enkelin nicht mehr als solche erkannt werde, sondern vielleicht mit der längst toten Tante Hadj verwechselt werde, dann tut sich auch was in meiner Identität.

So kann ich mir nie sicher sein, ob meine Oma Paula mich als Enkelin, Tochter, Schwester oder gar Mutter ansieht. Ich bin dankbar, dass ich von Paula so viele Familiengeschichten kenne. So finde ich mich zurecht. Aber der Schmerz bleibt.

Als sie mich das erste Mal nicht mehr als Enkelin Zora erkannte, habe ich auf dem Heimweg geweint. Es tat so furchtbar weh. Denn schliesslich ist meine Oma diejenige, die ich mich seit Geburt immer nahe und liebend begleitet hat.

Die Schildgeschichte

Als meine Mutter im Pflegeheim lag und auf ihren Tod wartete, wollte sie immer wieder zurück in ihre Wohnung. Diese jedoch musste ich räumen.

Das Sozialamt meinte, sie zahlten nicht für zwei Wohnungen, Sterbeprozess hin oder her. Ich solle mich beeilen. Nun denn. Ich hätte mich zurücklehnen können. Dann hätte die Stadt Frauenfeld die Wohnung selber geräumt und alle Habseligkeiten meiner Mutter wären in die Mulde gewandert. Da ich wusste, wie sehr meine Mutter an ihrem Nippes hing, war es an mir, ihre kleine Wohnung zu leeren.

Sie litt sehr darunter, dass sie nun keine richtige Bleibe mehr hatte. Ich musste ihr versprechen, dass ich ihr Hab und Gut für sie aufbewahre.
„Irgendwann komme ich vorbei und hole alles wieder ab“, pflegte sie müde zu sagen. Ich nickte.

Unter all den Zwergen, putzigen Kätzchen und Pimmelfigürchen befand sich auch ein gelbes Schild. All die Jahre hatte es über ihrer Haustüre gehangen. Wenn ich sie jeweils besucht habe in ihrer verrauchten Wohnung, sind wir da gestanden und sie zeigte drauf und lachte. Ich fand es peinlich.

Während der Räumung fiel mein Blick auf ihr Schild. Ich habe es abgenommen und ihr ins Pflegeheim gebracht. Sie hat fast geweint vor Freude. Natürlich musste ich es direkt über ihrem Bett aufhängen.

Ihr Lebenspartner fand das gar nicht lustig. Er versuchte mich dazu zu bewegen, dass ich es wieder mit nach Hause nahm – oder noch besser: wegwarf. Aber das tat ich nicht. Ich sagte zu ihm mit vehementer Stimme:

Das Schild bleibt!

Nach dem Tod meiner Mutter, noch am selben Abend habe ich ihre Tasche gepackt. Den roten Minirock, den sie unbedingt ins Pflegeheim mitnehmen wollte, ihre Zigaretten, das schreckliche jodelnde Murmeltier und ihr Schild.

Als ich zuhause ankam und nach einigen Wochen ihre Tasche endlich aufräumte, fiel mir das Schild wieder in die Hand. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Dann nahm ich es und hängte über meine eigene Haustür. Und da hängt es jetzt, seit bald sieben Jahren.

 

 

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Sprache und Trauer

Wisst ihr was?
Es lohnt sich über seine Trauer und seine Gefühle zu sprechen.
Nie habe ich mehr Kontakt zu anderen Menschen gefunden, als in jenen Momenten, als ich über meine Trauer und meine Ängste sprach.

Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass es nicht gut ist, über Gefühle zu sprechen. Der Tod meines Bruders? Kein Thema! Der Alkoholismus meiner Mutter? Kein Thema! Der Verlust der Heimat? Kein Thema!

Ich gehorchte. Ich sprach nicht darüber. Aber ich schrieb. Irgendwann ging es nicht mehr anders. Gefühle lassen einen nicht in Frieden. Man kann ihnen nicht entkommen.

Also redete ich.
Es geschah wenig. Aussen. Aber ich fühlte mich besser.
Der Weg der Trauer führt über die Sprache.
Das weiss ich ganz genau.

Handarbeit. Herzarbeit.

In meiner Familie mütterlicherseits wurde Handarbeit seit Generationen gepflegt und gelebt.

Mein Urgrossvater Henri arbeitete in einem Spinnerei-Betrieb im Toggenburg, ebenso wie meine Stief-Urgrossmutter Rosa. Im Estrich zeugen mehrere alte Strickmaschinen vom privaten Interesse meiner Urgrosseltern an diesem Handwerk. Gewisse alte Schränke sind voll mit Stoffen und Fäden. Nadeln, Borten, Spitzen, alles ist im Haus meiner Familie zu finden.

Auch mein Grossvater Walter arbeitete in der Textilbranche. Von ihm habe ich jede Menge technischer Bücher über Webmaschinen und Schnittmuster vererbt bekommen.

Meine Oma Paula war und ist nicht besonders handwerklich begabt. Nein, sie mochte nie Handarbeiten. Ihre Qualitäten lagen in der Kommunikation und der Herzlichkeit ihres Wesens.

Wenn ich an meine Mutter denke, so sehe ich sie auf ihrem Sofa sitzend, umgeben von Wollknäueln, Nadeln und Mustern. Sie liebte es zu häkeln. Riesige Decken aus Wollresten hat sie angefertigt und verschenkt, eine jede ein Kunstwerk mit viel von ihr gemacht.

Ich muss daran denken, was sie alles ausprobiert hat. Sie konnte Kleider nähen, Patchwork, Socken und Pullover stricken, Deckchen häkeln. Sie war so geschickt. Sie liebte Farben über alles.

Als meine Mutter im Spital und später im Pflegeheim lag, strickte sie Babysocken. Sie konnte nicht damit aufhören. Sie hatte vor über dreissig Jahren damit angefangen. Das Muster konnte sie längst ohne Vorlage stricken. Sie sass in ihrem Bett und schaute auf ihre Arbeit. Dann sagte sie:

„Zora, wann strick ich für dich Babysocken? Wann kriegst du ein Kind? Wann machst du mich zur Grossmutter?“

Was hätte ich sagen sollen? Nie? Mutter, du stirbst?

Ich schwieg.

Vor ein paar Tagen räumte ich mein Nähzimmer auf. In einer Kiste stiess ich auf die hellblauen Babysocken. Sie sind noch immer nicht vollendet Ich musste mich setzen. Sieben Jahre ist sie tot. Ich weine.

Vom Vermissen

Der Mittwoch war Paulas und mein Tag. Seit frühester Kindheit hat sie mich an jenem Tag besucht. Für mich war es der schönste Tag der Woche. Wenn sie einmal nicht vorbeikam, sei es, weil sie arbeiten musste oder mit meiner Mutter Streit hatte, war ich traurig.

Mindestens einmal in der Woche hab ich mit Paula telephoniert. Wir konnten stundenlang reden. Sie wusste immer noch mehr zu erzählen und wenn wir uns nichts aktuelles mehr zu sagen hatten, sprachen wir eben über die Vergangenheit. Mehr als einmal hat mir Paula so die Geschichte ihres ersten Treffens mit Walter erzählt. Gewisse Geschichten werden besser und schöner, je öfter man sie sich erzählt.

Jetzt, wo Paula im Pflegeheim ist, telephonieren wir nicht mehr. Es fehlt mir, denn ich habe früher so gerne mit ihr geredet. Aber ich habe so grosse Mühe, ihr zuzuhören. Ich habe Angst, dass sie beim Gang zum Telephon stürzen könnte, dass sie überfordert ist, wenn es klingelt und sie nicht mehr weiss, wie bedienen. Ihre Scham ist zu meiner geworden.

Meine Mutter hat fürs Leben gerne erzählt, wie ich nackt im Bädli herumgeschwommen bin. Das tat sie aber nur, wenn von mir hochverehrte Männer in der Nähe waren. Ich schämte mich in Grund und Boden. Heute denke ich oft daran und wie sehr mir diese kleine Geschichte fehlt. Was gäbe ich darum, wenn meine Mutter jetzt dasässe vor einem Glas Merlot und sie mir erzählte?

Am schlimmsten waren am Anfang der Trauerzeit die Tage, an denen meine Mutter mich früher angerufen hatte. Terra X ist eine meiner liebsten Sendungen. Sie läuft seit meiner Kindheit um 19.30 auf ZDF. Meine Mutter hat mich just immer dann angerufen, um mir von ihrer Beziehung, ihren Sorgen und ihren kleinen Freuden zu erzählen. Mehr als einmal sass ich augenrollend auf dem Sofa meines damaligen Freundes und hoffte, das Telephonat wäre bald zu Ende.

Kurze Zeit danach war es zu Ende. Ich bereue es zutiefst, nicht mehr mit ihr geredet zu haben, kein schriftliches Zeugnis ihrer Gedanken zu haben, nicht zu wissen, wie man das beste Voressen der Welt macht. a

Vom Loslassen Teil 256

Manchmal muss man eben loslassen können, das sagte schon meine Mutter. Sie hielt sich selten dran. Meinen Bruder hat sie nicht los gelassen und er sie irgendwie auch nicht. Die gescheiterte Ehe mit meinem Vater hat sie lange verfolgt. Von meinem Tochter-Boot aus konnte ich das damals nicht verstehen. Heute ist mir das schon klarer.

Auch das Leben wollte sie nicht loslassen. Sie liebte es. Meine Schwester und mich liess sie gehen. Als Teenager fühlte ich mich sogar gezwungen, aus ihrem Leben zu treten. Das tat weh. Ich bin heute noch neidisch auf Töchter, die es gut mit ihren Müttern haben. Ich wollte, ich wäre eine davon.

Meine Mutter hat in Sachen Haare immer kurzen Prozess gemacht. An ihrer Hochzeit trug sie ihr langes, gerades, starkes Haar bis weit unter die Schultern. Sie war eine wunderschöne, junge Frau.

Nach meiner Geburt hat sie ihre Haare geschnitten. Sie wurden danach immer kürzer. Später färbte sie sie dann auch. Sie trug sie in allen möglichen Farben. Sie legte grossen Wert, trotz aller Geldprobleme gegen Ende ihres Lebens, dass sie eine „anständige“ Frisur trug. Voller Stolz zeigte sie mir jeweils ihre jeweiligen Kurzhaarfrisuren.

Als sie meine Schwester geboren hatte, war sie 30 Jahre alt. Als meine Mutter starb, war sie 56; 20 Jahre älter als ich jetzt.

Heute habe ich meine Haare geschnitten. Es ist das erste Mal seit sechseinhalb Jahren, seit Mamis Tod, dass sie so kurz sind. Reichten sie vorher bis unter die Schultern, sind sie nun nur noch kinnlang. Sie sind ungefärbt, obwohl ich natürlich weiss, dass eine Frau meines Alters die weisse Strähne verdecken sollte.

Ich muss daran denken, dass ich an Mutters Sterbebett gesessen bin und gewartet habe. Da sah ich zum ersten Mal, dass sie weisses Haar hatte. In all den Jahren habe ich das nicht bemerkt. Ich beschloss, mein Haar auch nicht mehr zu färben. Am liebsten hätte ich es mir abgeschnitten. Kahl. Der Gedanke kommt mir immer, wenn ich etwas loslassen muss. Ich denke an den Frühling. Der Wind bläst mir um die Ohren. Der Dutt ist ab. Vielleicht sind es die Sorgen und die Trauer auch bald.

Loslassen II

Ich denke oft über den Tod meiner Mutter nach. Ich bin trotz des Schmerzes dankbar, dass ich mit dabei sein durfte. Es ist ein Geschenk, anwesend sein zu dürfen, wenn jemand geht.

Nicht immer habe ich mich mit meiner Mutter gut verstanden. Als Kind fühlte ich mich oft von ihr verletzt, ungeliebt, nicht wahrgenommen. Aber trotz allem spürte ich, dass ich ihr Kind bin. Ein Teil von ihr. Das konnte ich nicht wegreden.

Als ihre letzten drei Monate gekommen waren, musste ich mich entscheiden. Wollte ich an ihrer Seite sein oder gehen? Ich konnte nicht anders. Dreissig Jahre zuvor hatte sie mich geboren, nur wenige Meter von der Geburtsklinik weg, im Pflegeheim, würde sie nun sterben.

Ich halte mich nicht für einen besonders spirituellen oder esoterisch veranlagten Menschen. Aber diese Tatsache hat mich sehr berührt. Wenn ein Mensch stirbt, so ist das eine Art rückwärtige Geburt. Der Ausdruck klingt seltsam, das ist mir bewusst, aber mir fällt kein anderer ein.

Als sie im Sterben lag, konnte ich nicht gehen. Es hielt mich an ihrer Seite. Ich fühlte mich mit einem Mal, als wäre ich eine Art Zerberus. Nichts konnte mich von ihr wegbringen.

Ich wusste sehr wohl, dass die Pflegenden fürchteten, sie könnte nicht gehen, solange ich an ihrer Seite bin. Sie schickten mich Kaffee trinken. Aber ich wollte nicht weg. Ich musste daran denken, wie lange sie auf meine Geburt gewartet hat. Sie hat oft darüber geflucht, denn der Juli 1977 war heiss. Vier Tage lang wartete sie. Ich wartete nur 36 Stunden.

So oft habe ich im Nachhinein das Gefühl, wir konnten uns wirklich nicht loslassen. Wir hatten uns eben erst gefunden. Sie, meine Mutter, lebensfroh, genusssüchtig, lustig. Ich, ihre Tochter, zu grüblerisch, oberflächlich und voller Fragen.
Jetzt konnte sie doch nicht gehen. Wir konnten endlich reden. Nichts stand mehr zwischen uns, denn die Vergangenheit hatte ihre Wichtigkeit eingebüsst.

Es war schwer für mich, sie so zu sehen. Manch einer würde gesagt haben, dass sie gelitten hat. Das glaube ich nicht. Es war natürlich eine Art Kampf. Aber das Ende war sehr friedlich, wie am Ende eines fulminanten klassischen Konzerts. Vielleicht wie Le Sacre du Printemps.

Tröstendes Weinen

Ich lese momentan ein Buch, von dem ich erst nicht mal wusste, warum ich es gekauft habe. Es hat mich einfach so aus dem Regal angelacht: „Die sieben Tröstungen“ von Anselm Grün. Beim Überfliegen in der Buchhandlung stach mir das Thema „Tränen“ ins Auge.

Wie schon beim Buch „Ich sehe deine Tränen“ von Jorgos Canacakis, welches ich im Sommer 2008 in den Ferien heulend unter einer grossen Sonnenbrille an der Adria gelesen habe, handelt auch dieses Buch von Anselm Grün von Trauer und dem Umgang damit.

Weinen ist eine Sache, die in meiner Familie nicht negativ behaftet ist. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit meiner Mutter Filme schauen konnte und wir beide hemmungslos weinten. Im Weinen waren wir uns nahe.

Eine Freundin meiner Eltern hatte mir an einer Geburtstagsfeier erzählt, dass sie noch nie einen Mann so hatte weinen sehen wie meinen Vater nach dem Tod meines Bruders. Sie machte sich grosse Sorgen.

Einer der frühesten Erinnerungen an meine Mutter ist jene, in der sie in Wängi in unserem alten Haus auf der Toilette sass, es war jene mit den dunkelgrünen Kacheln, und furchtbar weinte. Sie hatte die Türe angelehnt, doch ich kroch trotzdem den Absatz hoch. Ich war wahrscheinlich so zweieinhalb, fast drei Jahre alt. Es muss mich sehr erschreckt haben, sie so zu sehen, denn sie erzählte noch Jahre später, ich hätte gesagt: „Hör uf rägne, Mami.“ Dann soll ich ihr einen Putzlumpen hingehalten haben.

Auch als mein Opa Walter starb, erinnere ich mich gut an die vielen Tränen, die ich mit meiner kleinen Schwester an der Beerdigung weinte. Die Vorstellung, dass unser geliebter Grossvater nun in dieser schlichten Holzkiste liegt, öffnete alle Schleusen. Meine Schwester und ich hielten uns an den Händen und verabschiedeten uns so.

Als meine Mutter starb, hatte ich zwischendurch schon oft geweint. Manchmal lag ich heulend auf dem von Asche verschmutzten Teppich in ihrer Wohnung und schaute zur Decke hinauf. Auch nach jedem Besuch bei ihr kamen mir die Tränen. Die Beerdigung war schlimm. Zwar war ich nicht alleine da, Paula, mein Ex, ein Mitarbeiter meines Vaters und eine liebe Nachbarin meiner Mutter waren ebenfalls gekommen. Doch meine Schwester fehlte mir. Ich dachte mir, es muss doch so sein, dass wir zusammen trauern. Deshalb hat man doch Geschwister.

Nach der Beerdigung erholte ich mich langsam. Nach drei Monaten sagte ich mir: Fertig. Schluss. Die Trauer ist hiermit beendet. Vielleicht sagte ich auch was anderes, ziemlich dummes zu mir.

Jedenfalls staute sich in mir etwas an. Wenn mich jemand berührte, fühlte ich mich unwohl. Es schien mir, als sei ich um Jahre gealtert. Meine Gelenke schmerzten, manchmal sogar die Haare. Eines Abends, ich hatte gearbeitet und wollte eigentlich schlafen gehen, da überkam es mich. Zuerst wehrte ich mich dagegen. Ich hatte einen Kloss im Hals, der furchtbar weh tat. Irgendwann schloss ich die Augen.

All die Tränen, von denen ich gedacht hatte, sie wären geweint, kamen auf einmal. Ich lag auf meinem Flur und weinte gottserbärmlich. Ich hab geheult. Es tat verdammt gut, einfach loszulassen. Denn in jenem Moment, als ich dachte, ich verliere mich, weil ich weine, da passierte das Gegenteil.

Ich hatte das Gefühl, dass es mich zwar erschöpft, aber auch reinigt. Ich dachte mir, die Trauer ist jede Träne wert. Der Mensch, den man verloren hat, ist jede Träne wert, und auch den Schmerz. Aber noch viel mehr halte ich mich für wert, dass ich weinen kann. Wenn ich mir nicht mehr erlaube, zu weinen, werde ich krank. Dann verstopfe ich meine Lebensadern.

Geschichten erzählen

Was ich wirklich schlimm finde an Paulas Demenz ist ihr Erinnerungsvermögen, das langsam verloren geht. Als ich noch ein Kind und später ein Teenager war, konnte ich ihr stundenlang zuhören, wenn sie von meiner Kindheit und meinen Streiche erzählte. Es hat was unglaublich liebevolles, wenn man über sich Geschichten hört. Ich wusste früh, dass meine Oma mich über alles liebt. Ich liebte sie auch.

Meine Schwester und ich verbrachten alle Ferien bei ihr und Walter. Wir spielten von morgens bis abends, tollten ums Haus herum, gingen ins Schwimmbad und bauten uns aus Tüchern Hütten. Wir liebten es, mit Barri, dem Hund zu spielen. Er war ein wirklich guter Freund. Er war ein Erbstück von Henri und Rosa.

Als ich in die Lehre ging, stellte meine Oma mit Bedauern fest, dass meine Besuche bei ihr seltener wurden. Ich hatte viel weniger Ferien und wenig Zeit. Das Hüttenbauen und halbnackte Herumhüpfen ums Haus hatte ein Ende gefunden. Dann starb Barri. Er war ja auch schon ein alter Hund. Sein Tod war traurig.

Als nächstes starb mein Opa.

Wir erinnerten uns oft an seine Spässe während wir in der Küche sassen. Wie er uns Kinder liebevoll geärgert hat. Oma sprach sehr nachdenklich über ihn. Oft erzählte sie mir, wie sie über ihn nachgedacht hatte und wie sehr sie sich gewünscht hätte, friedlich mit ihm zusammen zu leben.

In jener Zeit sagte sie mir schon sehr oft den falschen Namen. Urseli. Der Name meiner Mutter. Sie entschuldigte sich immer sofort, wenn sie das getan hatte. Am Anfang ärgerte es mich, denn ich wollte nicht, dass ich sie an meine Mutter erinnere.

Dann starb meine Mutter.

Paula und ich trauerten gemeinsam, telephonierten stundenlang und redeten über unsere Gefühle. In jener Phase erzählte mir Paula sehr viel aus Uschis Kindheit. Es schien mit einem Mal alles präsent. Ich profitierte und lernte so meine verstorbene Mutter ganz anders kennen, was den Verlust noch schlimmer machte.

Einige Monate nach dem Tod meiner Mutter trennte ich mich von meinem damaligen Freund. Kurze Zeit später begann eine nächste Phase von Paulas Demenz. Sie brauchte Hilfe bei Medi einnehmen. Sie konnte nicht mehr alleine einkaufen gehen. Mich kannte sie noch. Ich war mit einem Male wieder ich selber.

In der Zeit vor dem Eintritt ins Pflegeheim wurde Paulas Kindheit unglaublich präsent. Sie wusste nicht mehr, dass sie ein Kind geboren hatte und verheiratet war. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie Mann und Tochter verloren hatte. Stattdessen lebte sie gefühlsmässig im Krieg. Sie hatte Angst. Sie verstand nicht mehr, was um sie herum passierte. Nachrichten hörte sie wenig. Der Radio war oft an. Dass gerade in der Zeit die Musikwelle abgestellt und der Sender nur noch via DAB empfangbar war, machte die Betreuung meiner Oma nicht einfacher. Einem über 80jährigen Menschen zu erklären, wie man ein Gerät mit Digitalanzeige und zu vielen Knöpfen bedient, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich heute bei Paula vorbei gehe, bin ich wohl einfach ein nettes Gesicht, das sie an irgendwen erinnert. Meine Geschichte weiss sie nicht mehr. Sie kann noch immer sprechen, an guten Tagen reden wir fast wie früher. Doch es ist anders. Die kindliche Unbekümmertheit ist verflogen. Bald weiss nur noch ich, was war.

Gesellschaftlich anerkannte Todesursache

Als meine Mutter vor bald sieben Jahren im Sterben lag und ich deswegen total von der Rolle war, wurde ich natürlich von meinem Umfeld gefragt, was sie denn habe.

Für Kinder und Angehörige von Alkoholkranken ist diese Frage die ultimative Nervenprobe. Denn in diesem Moment kommt es schlussendlich aus, aus welcher familiären Situation man entstammt. Man könnte natürlich sagen: meine Mutter hat Krebs. Dann kann man sich des Mitgefühls sicher sein. Man kriegt einige nette Worte zu hören und das unbeschwerte Leben dreht sich wieder weiter um sich selbst.

In meinem Fall war es etwas anders. Ich war es müde, zu lügen. Mir stand in jener Situation, an jenem Wendepunkt meines Lebens der Sinn nach Ehrlichkeit.

Ich trug schwarz, weil ich mich schwarz vor Trauer fühlte. Ich schminkte mich nicht mehr. Ich färbte meine Haare nicht mehr. Die weisse Strähne war nicht zu übertünchen. Nicht mehr.

So begann ich auf Fragen meines Umfelds nach meinem Befinden mit „es geht mir nicht gut“, zu antworten. Natürlich nicht. Schliesslich lag meine Mutter im Sterben. Diese Antwort impliziert aber offenbar eine Respektlosigkeit gegenüber dem Umfeld. Überraschte, um nicht zu sagen, schockierte Blicke fing ich mir zuhauf ein.

Nein, über den Tod spricht man nicht, habe ich mir sagen lassen. Erst recht nicht, wenn der Sterbende sich den Tod selber beifügt. Oder so.

Ich weiss nicht mehr, wie oft mir Ärzte damals gesagt hatten, dass meiner Mutter dieses Sterben selbst zuzuschreiben war. Das machte mich wütend, denn es widersprach dem, was ich unter professioneller Pflege und Medizin verstand.

Ja,, meine liebe Mutter hat sich auf gut Deutsch gesagt die Birne weg gesoffen. Die Gründe dafür aber waren vielfältig. Schlussendlich war es ihre Entscheidung. Aber Schuld hat sie nicht.

Offen zu sagen, dass die eigene Mutter getrunken hat und nun an diesem übermässigen Alkoholkonsum langsam aber sicher und wie ein Tier eingehen würde, war und ist eine Provokation sondergleichen.

Darüber spricht man nicht. Man darf leiden. Ja. Aber nicht zu sehr, denn schliesslich ist die Sterbende selber schuld. Hätte sie mal etwas weniger gesoffen…

Die Pflege im Spital war schlecht. Schliesslich war meine Mutter ein Sozialfall und galt als sozialer Müll. Keiner wollte wissen, wie gut sie stricken und häkeln konnte, was für ein fantastisches Namensgedächtnis sie hatte, wie sehr sie Filme liebte.

Am Schluss konnte sie es nämlich nicht mehr. Die Giftstoffe, welche ihre Leber nicht mehr filtern konnte, stiegen ihr zu Kopf und töteten sie langsam. Manchmal lallte sie. Ihr Aszites schränkte sie bei der Bewegung ein und ermüdeten sie. Die Pflegenden im Spital bezeichneten sie deshalb als „nicht kooperativ“. Klar, wer stirbt, und erst recht am Alk, hat gefälligst bis zur letzten Sekunde das zu tun, was eine Pflegende erwartet. Wie pervers ist das denn?

Ihre Lungen funktionierten wunderbar, trotz des jahrelangen Rauchens. Ihr einst wunderschönes, dunkles Gesicht wurde senfgelb. Ihre Augäpfel färbten sich ebenfalls und liessen sie noch verletzlicher, noch verhärmter, aussehen. Sie roch nach frischer Leber. Den Geruch werde ich nie mehr vergessen.

Was bleibt, ist der letzte Blick auf sie. Ich hatte gedacht, ich könnte ihr Gesicht fotographieren, um mich für immer daran zu erinnern. Doch ich tat es nicht, weil es falsch war. Ihr friedliches, totes Gesicht würde ich nie vergessen. Nie.

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