Weihnachtessenübermorgen

Nächsten Mittwoch sind wir bei Omi im Pflegeheim zum Weihnachtsessen eingeladen.
Ganz im Ernst: mir graut davor.

Ich mag das Pflegeheim wirklich sehr. Die Tradition des Weihnachtsessens ist super, dass Angehörige dabei sein dürfen, finde ich wunderschön. Aber irgendwie habe ich Mühe damit, mit Omi, die müde sein wird, wenig Appetit hat, da zu sitzen, sie zu überreden, dass sie essen oder ihre Medis nehmen oder den Lärm aushalten soll.

Unsere Weihnachtsfeiern zuhause waren immer still. Wir haben im allerkleinsten Familienkreis gefeiert. Es gab Geschenke, Omi kochte Voressen oder wir assen Fondue Chinoise oder Raclette. Wir waren nie mehr als sechs Personen.

Omi hat immer gerne gegessen. Sie hat mir einmal erzählt, dass ihre Eltern so arm waren, dass sie jeweils ins Kapuzinerkloster gehen musste, um dort um Suppe zu bitten. Omi hat nie Essen weggeschmissen. Das alte Brot hat sie, wenn es Resten gab, klein geschnitten und den Enten gefüttert.

Ich bin froh, dass Sascha an meiner Seite ist, denn alleine würde ich den Mittwochabend nicht durchstehen. Ich weiss, dass Omi gut gepflegt wird. Ich weiss, dass alle es gut meinen. Aber ich komme damit nicht klar, dass sie essen soll, auch wenn sie nicht mag.

Ich würde Omi gerne beschenken, so wie sie mich all die Jahre an Weihnachten, und vor allem das ganze Jahr, beschenkt hat. Aber jetzt machen grosse Geschenke keinen Sinn mehr. Sie mag zwar Schokolade und Plüschtiere, aber immer nur Plüschtiere schenken, scheint mir auch doof. Zeit ist das, was ich ihr schenken mag, aber auch das kann sie nur bedingt annehmen.

So bleibt mir nur ein Versprechen, nämlich jenes, das wir uns gegeben haben, als mein Mami vor neun Jahren starb.
„Bleibst du auch bei mir bis zum Ende?“
„Ja, Omi. Aber das Ende kommt hoffentlich weder heute noch morgen.“
„Nein. Aber übermorgen. Oder überübermorgen. Oder überüberübermorgen.“
„Ich habs verstanden, Omi.“
„Ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“

Ungebetene Gäste

Plötzlich waren sie da.
Ich hatte sie nicht eingeladen. Die ersten beiden Tage nach ihrer Entdeckung konnte ich nicht darüber sprechen. Mit niemandem. Tausend Dinge schwirrten durch meinen Kopf.
Was ist, wenn…?
Was machst du jetzt? Wie soll dein Leben weiter gehen?

Vor zwei Wochen entdeckte ich Knoten in meiner Brust.
Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt verstarb, litt ebenfalls darunter. Sie wurde 56 Jahre alt.
Darüber nachzudenken, was nun passieren würde, fiel mir schwer. Frauenärztin. Ein Besuch. Die nächste Kontrolle war zwar erst für Februar 2017 geplant, aber dies war wohl eine andere Sache.

In der Phase des Nichtdarübersprechenkönnens musste ich an Omi Paula denken.
„Das kannst du Omi nicht antun!“ schrie eine Stimme in mir.
Ich musste lachen und weinen gleichzeitig. Omi würde nicht mal merken, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich schob den Gedanken zur Seite.

Ich dachte an jene Menschen und Dinge, die mir Kraft gaben. Aber bei Omi ging ich nicht vorbei. Denn ich wusste genau, sie würde meine Traurigkeit spüren und es würde sie verwirren. Denn trotz Demenz würde sie noch immer direkt in mein Herz sehen können, so wie sie es immer getan hat, als ich noch ein Kind war und sie meine Oma.

Einige Tage zuvor hatte ich ein Referat übers Trauern gehalten. Dass ich mich nun damit auseinandersetzen musste, dass ich selber vielleicht sehr krank würde, befand ich als Ironie des Schicksals.

Der Termin bei meiner Ärztin verlief gut. Ein Ultraschall. Keine Tumoren. Kein Krebs. Lediglich eine Laune der Natur. Ich war erleichtert. Und dann dachte ich: mit 39 ist es verdammt noch Mal zu früh, um über das eigene Ende nachzudenken.

Unsagbare Wut

Heute war ich zum ersten Mal richtig wütend, als ich aus dem Pflegeheim wegfuhr. Das ist mir noch nie passiert.

Ich wollte nach dem Einkaufen kurz bei Paula vorbei schauen. Nach dem Besuch letzte Woche habe ich das Gefühl, die Zeit rinnt mir wie Sand zwischen den Händen davon. Ich will ihre Stimme hören, ihre Hand streicheln, sie umarmen. Ich weiss doch nicht, wann es das letzte Mal sein wird.

Als ich ins Fernsehzimmer trete, sitzt Omi nicht wie gewohnt in ihrem Königinnensessel. Der Platz ist leer. Es gibt mir für einen Moment einen Stich ins Herz. Ich gehe zur nächsten Pflegenden. Omi ist noch im Zimmer. Sie war fast nicht aufzuwecken.

Ihr Zimmer ist im dritten Stock. Ich klopfe an die Türe, höre die Stimme einer anderen Pflegenden. Ich warte, bis sie mich hineinruft. Omi sitzt auf dem Bett. Sie trägt weder Brille noch ihr Gebiss, ist aber wach. Sie wirkt sehr müde und sehr, sehr alt, aber irgendwie auch wie ein kleines Mädchen. Die Pflegende hilft Omi beim Anziehen der Brille und Einsetzen des Gebisses.
Die Pflegende hat Omi eben im Bett gewaschen und unterstützt Omi mit lieben Worten beim Transfer auf den Rollator. Omi hat fast keine Kraft mehr. Sie hat Mühe, ihre Hände und ihre Beine zu koordinieren. Zum ersten Mal, seit sie im Pflegeheim ist, tut es mir wirklich weh, sie so zu sehen.
Omi macht tapfer mit, aber ich bemerke, dass sie gar nicht richtig versteht, was sie tun soll und es sie gleichzeitig beschämt, dass sie so viel Unterstützung braucht. Ich denke: alt werden ist manchmal richtig Scheisse.

Wir gehen alle nach unten in den Essraum, weil es in 10 Minuten Mittagessen gibt. Cordon bleu mit Pommes. Omi hat das immer sehr gerne gegessen und oft für mich und meine Schwester gekocht. Ich setze mich neben sie. Ich traue mich nicht, sie anzufassen.
Omi blickt in die Ferne. Das hat sie früher oft getan, wenn wir am Bahnhof auf den Zug gewartet haben. Ihr linkes Auge ist entzündet. Das Lid hängt ein wenig herunter.
Schliesslich sage ich: „Omi, wenns nachher Essen gibt, gehe ich wieder. Dann lasse ich dich in Frieden essen.“ Omi dreht langsam ihren Kopf und schaut in meine Richtung. Sie lächelt.

„Aber Sie müssen doch nicht extra meinetwegen gehen. Bleiben Sie doch.“ Sie schaut wiederum in die Ferne. Ich reisse mich zusammen, dass ich nicht sofort weine. Es tut mir unendlich weh.

Die anderen Bewohner – ich habe übrigens gelernt, dass es jetzt politisch korrekt ist „Bewohnende“ zu sagen. Ich frage mich, welcher politisch korrekte Vollidiot sich sowas Saublödes ausdenkt – kommen jetzt langsam an den Tisch. Ich bin umgeben von lauter achtzigjährigen, langsam gehenden Menschen. Ich bilde mir ein, dass mich einige mitleidig anschauen. Ich stehe auf und frage Omi, ob ich sie noch umarmen darf.
Sie blickt mich an und nickt: **„Jo, da dörfsch du. Ich ha da gärn, wenn du mir zum Abschied äs Küssli gisch.“ Ich umarme ganz sanft mein zerbrechliches, altes Omi. Sie drückt mir einen sanften Kuss auf die rechte Wange und sagt: „Gross bisch worde.“

Dann gehe ich. Im Auto laufen mir die Tränen herunter. Ich bin so unsagbar wütend auf die Demenz, die mir Omi einfach nimmt. Ich bin wütend auf alles und jeden und auf Gott, der nicht existiert. Ich bin wütend auf die, die mich trösten wollen und sagen, es ist doch alles nicht so schlimm und auf die, die sagen: das geht vorbei. Ich bin wütend auf all jene, denen Menschen wie Omi am Arsch vorbei gehen und die denken, sie wären über alles und jeden erhaben.

Ich atme tief durch und fahre nach Hause.

**“Ja, das darfst du. Ich mag es gern, wenn du mir zum Abschied einen Kuss gibst.“ / „Gross bist du geworden.“

Wenn du nichts mehr kannst.

Die Hügel über unserem Haus sind schneebezuckert. Der Winter hält Einzug und die Geschäfte feiern schon jetzt Weihnachten. Ich bin ein bisschen traurig, weil ich den Herbst gerne mehr ausgekostet hätte. Ich liebe die kräftigen Farben. Orange. Rot. Grün. Warmes Braun. Die Früchte. Der Winter passt mir nicht. Er ist mir zu kalt und grau.

Der Spiegel meines Alterns fehlt mir. Meine Mutter ist tot. Aber Omi Paula lebt noch. Ich besuche sie. Sie thront wie immer in ihrem bequemen Sessel im Pflegeheim. Sie wirkt rosig und zufrieden, als wäre sie ein grosses, altes sattes Baby. Neben ihr sitzt eine andere alte Dame, die ich bisher noch nie gesehen habe. Sie unterhält sich mit Omi, die fröhlich vor sich hin sinniert. Das freut mich, denn ich weiss auch, dass es andere Bewohner gibt, die sich einfach nur über Omis Wortfetzen aufregen.

Natürlich erkennt mich Omi nicht. Sie begrüsst uns freundlich und ich tue mich schwer, sie zu berühren. Wie soll das gehen: jemanden zu küssen, zu umarmen und zu streicheln, der einen nicht mehr kennt? Ich habe Angst davor, dass sie Angst vor mir hat. Ich bin eine Fremde geworden in ihrem Leben.

Wir sprechen ein wenig miteinander. Die andere alte Dame klinkt sich in unser Gespräch ein und lässt mich wissen, dass meine Omi für sie ein Vorbild ist.
„Sie ist so tapfer!“ sagte die Dame.
Omi liegt neben ihr und strahlt sie zufrieden an.
„Ich meine, wie sie das alles trägt. Nie beschwert sie sich. Jetzt, wo sie gar nichts mehr kann.“

Es stösst mir sauer auf. Omi soll nichts mehr können?
Ja, sie kann nicht mehr laufen. Sie kann nicht mehr alleine aufs Klo.
Und ja, sie braucht Hilfe bei den alltäglichsten Dingen. Aber dieses Nichtsmehrkönnen klingt so negativ, so würdelos. Sie ist trotz Pflegebedürftigkeit ein Mensch mit Gefühlen, Träumen und Wünschen.

Omi und ich reden weiter. Ich sage Omi, dass sie im Mai 89 Jahre alt wird.
Sie blickt mich an mit ihrem wachen, grau-braunen Augen und sagt:
„Ich glaube, a da Fäscht chumm ich dänn nöd.“ **

Der Stich in meinem Herzen ist messerscharf, aber nicht weniger schmerzhaft.

**Übersetzung:
„Ich glaube, an diesem Fest werde ich nicht teilnehmen.“

Demenz-Gespräche

Ich habe zwei unglaublich schöne Tage an der Einweihung der Demenzabteilung „Sunnegarte“ im Alterszentrum Sunnewies in Tobel verbracht. Ich wurde von der Heimleitung eingeladen aus meinem Buch zu lesen und durfte dabei meine Bücher verkaufen. Dabei habe ich sehr viele Gespräche mit Angehörigen von Demenzkranken geführt, die aufgrund meines Buchstitels „Demenz für Anfänger“ jeweils sehr offen, aber auch immer nahe an den Tränen von ihren Erfahrungen berichteten. Es ist ganz seltsam, aber genau in diesen Momenten ist mir Paula sehr präsent. Ich stehe da und höre zu, versuche den Menschen, die mit ihren Worten und ihren Gefühlen ringen, gut zuzuhören und zu ermutigen, dass sie auf einem guten Weg sind, wenn sie das tun, was ihr Herz ihnen sagt.

Die Belastung von Angehörigen von Demenzkranken ist immens hoch. Das berichten mir auch Pflegefachfrauen, die jeden Tag aufs Neue, gerade bei Eintritten, mit diesem Thema zu tun haben. Wenn ein demenzkranker Mensch ins Pflegeheim eintritt, ist der pflegende Angehörige meist am Ende seiner Kräfte, besonders wenn der Betroffene der Partner/Ehemann/die Ehefrau ist.

Jede/r, der ein Buch bei mir kauft, kriegt auch meine Visitenkarte mit meiner emailadresse. Das ist mir wichtig, weil ich einerseits Freude an einem Feedback habe, aber auch davon ausgehe, dass dies eine erste Hilfe ist, wenn jemand Unterstützung sucht.

Ich habe an diesen zwei tollen Tagen nur eine einzige, wirklich negative Erfahrung gemacht. Die möchte ich dennoch mit euch teilen, denn ich war wirklich entsetzt von so viel Respektlosigkeit, denn der folgende Dialog gibt genau das wieder, was Angehörigen von Demenzkranken im Umgang mit Nicht-Betroffenen blühen kann:

Zwei Damen treten um kurz nach elf an meinen Büchertisch. Sie sind so Mitte, Ende 60, beide gut gekleidet und gut gelaunt, offenbar Freundinnen. Ich lade sie ein, die Bücher in die Hände zu nehmen. Da sagt die eine zur anderen: „Ähä. Das ist jetzt also dieses Buch, das die geschrieben hat.“
Die andere nickt, mit recht abfälligem Ausdruck im Gesicht.

Ich spreche die beiden erneut an und sagte, dass ich die Autorin des Buches bin. Die beiden blicken mich lächelnd an. Die eine sagt: „Also, DAS muss ich Ihnen sagen. Den Titel „Demenz für Anfänger“ find ich eine Frechheit. Sowas geht gar nicht. Das hat ganz viele Leute aufgeregt, als sie es auf der Einladung gelesen haben. Ich bin da nicht die Einzige.“

Ich: „Aha. Stimmt. Der Titel ist etwas provokativ.“

Die andere: „Das geht gar nicht. Da kommen ganz viele Leute nicht bei Ihnen vorbei.“

Ich: „Okay, das ist halt so. Darf ich Sie was fragen? Sind Sie selber Angehörige eines Demenzkranken? Ich meine, weil der Titel Sie so aufregt.“

Beide: „Nein! Sicher nicht.“ (sie lachen alle beide)

Ich bin etwas irritiert, denn sooo lustig find ich das nicht.

Die eine: „Ich hab ne Nachbarin, die ihren Mann pflegt. Ganz furchtbare Sache. Ich hab ihr schon x Mal gesagt, sie soll ihn endlich ins Heim tun. Aber die hört einfach nicht auf mich.“

Ich: (sprachlos)

Die eine: „Ich meine, die soll sich halt mal ein Wellness-Weekend gönnen. Ist doch nicht so schwierig. Und viel kosten tuts auch nicht. Aber die macht sich zuhause unentbehrlich. Nimmt keine Hilfe an. Dabei hab ich ihr x Ratschläge gegeben. Die ist selber schuld, wenn es sie irgendwann zusammenlegt.“

Ich: (suche die versteckte Kamera)

Die andere: „Ja. Die hört einfach nicht auf dich. Dabei meinst du es gut. Man muss sich so einen Dementen doch nicht antun. Also, ich würde das nie tun.“

Die andere: „Ich auch nicht. Das wär mir zu anstrengend.“

Und dann gehen sie.

LIEBSTER BLOG AWARD

Ich fühle mich sehr geehrt, weil Tempest mich für den Liebster Blog Award vorgeschlagen hat. Danke für die Nominierung!

Hier meine Antworten auf deine Fragen:

1. Auch wenn es evtl. schon in deiner Blogbeschreibung steht: Was hat dich dazu bewogen, einen Blog zu starten?

Ich fing vor ziemlich genau vier Jahren mit „Demenz für Anfänger an“. Ich hatte vorher schon einige andere, literarische Blogs. Doch das hier war ganz anders: ich begann über meine demenzkranke Omi und mein Leben mit ihr zu schreiben. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, wo ich am Ende meiner psychischen Kräfte war und Omi kurz davor stand, ins Pflegeheim einzutreten. Ich musste einfach schreiben, wie es mir ging.

2. Bereichert dein Blog dein Leben auf irgendeine Art und Weise, hilft er dir?

Mein Blog hat mein Leben total auf den Kopf gestellt. Von Anfang an hatte ich den Eindruck, dass er anders ist, als alles andere, was ich bisher geschrieben hatte. Meine Texte kriegten viele Kommentare, ich viele Mails von Menschen, die mir ihre eigenen Erlebnisse mit Demenz schrieben. Mir hilft der Blog bis heute, meine Gefühle, meine Erlebnisse mit dem Thema Demenz und Erinnerung zu sortieren und zu analysieren.
Ende 2013 wurde „Demenz für Anfänger“ in der Kategorie „Bester Tagebuchblog“ nominiert und gewann. Im Frühjahr 2014 wurde der Blog schliesslich für den Grimme-Online-Award nominiert. Das war ein unglaubliches Erlebnis und ich bin sehr dankbar dafür.

3. Über was/was bloggst du am Liebsten?

Das kann ich so gar nicht sagen. Ich schreibe immer über all die Themen, die mich gerade beschäftigen. Mein Freund sagt jeweils: die ausgekotzten Texte sind die besten.

4. Horrorfilm oder Liebesschnulze?

Schwierig. Ich liebe Liebesfilme. Aber ich mag mittlerweile auch Horrorfilme.

5. Welches Buch/welchen Film kannst du empfehlen?

Meine eigenen Bücher? 🙂
Spass beiseite. Ich liebe Bücher. Eines meiner aktuellen Lieblingsbücher ist „Moderne Poesie in der Schweiz“. Es ist eine Fundgrube für moderne Schweizer Lyrik. Ich mag auch sehr die Krimis von Paul Lascaux.

6. Welchen großen Traum konntest du dir bereits erfüllen?

Meine beiden Bücher „Lavinia Morgan“ und „Demenz für Anfänger“ waren ein grosser Traum von mir. Auch dass ich heute in Omis Haus wohnen darf, macht mich sehr glücklich.

7. Auf was bist du im Leben „stolz“?

Ich bin stolz auf meinen Rosengarten, den ich mit sehr viel Liebe pflege und von dem ich hoffe, dass er die nächsten Jahre noch grösser wird.

8. Hast/hattest du ein Haustier?

Ja. Meine Katze „Dreizehntel“, sie begleitet mich seit mittlerweile 14 Jahren durch mein Leben, ist eine wunderbare Bereicherung. Als Mädchen vom Lande bin ich immer mit Tieren zusammen gewesen: Hühner, Enten, Tauben, Kaninchen…

9. Hast du besondere Pläne/Ziele?

Ja natürlich habe ich die. Ich plane die Erweiterung meines Rosengartens, die weitere Renovation unseres Hauses, Schreibprojekte usw.

10. Heimatverbunden oder flexibel/reiselustig?

Ich leide sehr rasch unter Heimweh. Ich bin nie länger als eine Woche weg. Aber ich reise gerne durch die Alpen, fahre gerne über den Susten oder die Grimsel.

11. Welche Eigenschaft schätzt du an dir?
Ich bin loyal und zuverlässig. Wer einmal in meinem Herzen ist, muss sich ziemlich arschlochig anstellen, dass ich ihn aus meinem Leben schmeisse.

Die Regeln, wenn ihr nominiert wurdet:

1. Bedankt euch bei der Person, die euch nominiert hat, und verlinkt sie auf eurer Seite.

2. Kopiert das Emblem oder holt euch ein zu euch passendes aus dem Netz und stellt es sichtbar auf die Award-Seite.

3. Beantwortet die 11 Fragen, die euch gestellt wurden und veröffentlicht sie auf eurer Seite.

4. Denkt euch 11 neue Fragen für die Blogger aus, die ihr nominieren wollt und stellt die Fragen auf eurem Blog.

5. Kopiert die Regeln und stellt sie ebenfalls auf euren Blog, damit die Nominierten wissen, was sie zu tun haben.

6. Nominiert zwischen 2 und 11 neue Blogger, die ihr gerne weiter empfehlen wollt. Das sollten möglichst solche sein, die noch wenig bekannt sind, aber empfehlenswerte Inhalte bieten.

7. Stellt die neuen Nominierungen auf eurer Seite vor und gebt den jeweiligen Bloggern eure Nominierung persönlich bekannt.

 

Meine 11 Fragen an euch (die ihr gerne mittels Worten oder auch Bildern beantworten dürft)

1. Warum hast du angefangen, diesen Blog zu schreiben?
2. Wie kommst du zu deinen Texten? Was inspiriert dich?
3. Würdest du gerne vom Schreiben leben? Oder, wenn dies bereits der Fall ist: was musstest du unternehmen, damit du vom Schreiben leben kannst?
4. Wie sähe dein perfekter Tag aus?
5. Wer hat dich in deinem Leben massgeblich geprägt?
6. An welches Erlebnis aus deiner Kindheit denkst du gerne zurück?
7. Dürrenmatt oder Frisch?
8. Welche Gegend magst du am liebsten und warum?
9. Wenn du nicht bloggen würdest (und es kein Internet gäbe), was würdest du dann tun?
10. Glaubst du an das Gute im Menschen? Falls ja, warum? Falls nein, warum nicht?
11. Welchen Tipp würdest du jemandem geben, der bloggen möchte?

Hier die Blogger, die ich nominiere, weil ich ihre Texte und Bilder besonders gerne mag und finde, dass noch sehr viel mehr Leute auf diese aufmerksam gemacht werden sollten…

 

Regula

Florence

Sofasophia

Frau Gminggmangg

Patrick

Rosentrost

Heute ist der neunte Todestag meiner Mutter.
Anders als in anderen Jahren habe ich heute noch nicht geweint. Ich bin nicht unglücklich darüber. Wir fuhren am Morgen in die Landi, um den Grabschmuck für Allerheiligen zu kaufen. Seit Jahren schmücke ich um diese Zeit ihr Grab neu. Heute leuchtet die Sonne nochmals richtig golden, so wie an jenem Tag, als sie starb.

Ich kaufte Callunas in weiss und lila. Ich weiss nicht mal, ob sie lila mochte. Kräftige Farben waren ihr Ding. Je knalliger, desto besser. Ich pflege ihr Grab und muss dran denken, dass sie sowas gar nie wollte. „Schütt‘ mich einfach aus!“, hat sie gesagt. Sie war nicht grossartig religiös, im Gegensatz zu Omi Paula. Diese bat mich nach Mamis Tod sofort: „Gell, das machen wir nicht. Wir können ihre Asche nicht einfach wegkippen. Ich will ein Gräbli, wo ich sie besuchen kann.“

So habe ich am Tag nach Mamis Tod hier im Städtli angerufen und darum gebeten, meine Mutter hier oben begraben zu dürfen. An meine Tränen und die Erleichterung, als der Mensch am Ende sagte: „Sie dürfen Ihre Mutter bringen“, erinnere mich so, als wäre es gestern gewesen.

Ich suche im Frühling und im Herbst aus, welche Blumen ich ihr bringe. Diesen Frühling habe ich ihr gelbe Blümchen und einen kleinen Rosenstock gepflanzt. Im Herbst wechsle ich die Pflanzen dann wieder aus. Was noch schön blüht, kommt in meinen Garten, was verblüht ist, kommt weg. Die Pflanzen sitzen immer locker in Mamis Grab. Ich entferne die gelben Blümchen, jäte und mache mich schliesslich an den Rosenstock. Doch der will nicht weichen, obwohl er klein ist.

Es scheint mir, als wehre er sich dagegen aus der Erde gezogen zu werden, in der die Asche meiner Mutter liegt. Ich streichle ihn. „Dann bleibst du bei ihr.“

Später am Vormittag mähe ich den Rasen und mache den Garten, so gut ich kann, winterfest. Der Rosenstock geht mir nicht aus dem Kopf. Seit ich hier in Omis Haus lebe, bin ich von Rosen umgeben. Anders als früher blühen sie und es scheint mir, als wären die Rosen mir näher als alle anderen Blumen in diesem verwilderten Garten.

 

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Während ich den Rasen wegbringe, kommt mir ein Gedanke:
Habe ich genug getrauert? Ist jetzt die Zeit da, das Herz frei für die Blüten des Lebens zu machen?

Neun Jahre ohne dich

Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn der morgige Tag nicht der wäre, der er für mich geworden ist: dein Todestag. Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn du noch lebtest.

Neun Jahre sind eine lange Zeit und ein Flügelschlag.

65 wärst du jetzt und ich stelle mir vor, dass du ein klein wenig aussiehst wie Connie Palmen. Eine rauhe Stimme vom vielen Rauchen und Trinken. Ein charmantes Lächeln. Viele Falten. Du wärst ne ziemlich coole Rentnerin geworden.

Doch dann stellen sich die Bilder in meinem Kopf ein, wie du gegangen bist. Dein Leiden. Dein Festhalten am Leben wie eine Ertrinkende. Sterben ist kein Ponyhof. Das Band zwischen Mutter und Tochter scheint in unserem Falle tiefer und enger zu sein, als wir es beide je erwartet haben.

In 16 Jahren bin ich so alt wie du, als du starbst. 16 Jahre sind nichts. Neun Jahre sind nichts. Das ganze Leben verläuft im Sand. Es geht viel zu schnell. Es bleiben nur die Erinnerungen und die Gedanken an jene Menschen, die einen geprägt haben.

Kraftquellen in der Sterbephase

Als meine Mutter im Pflegeheim lag, ging es mir schlecht. Ich hatte andauernd Angst, mich nicht mehr von ihr verabschieden zu können. Ich war am Ende meiner Kräfte, denn ich musste gleichzeitig auf Druck des Sozialamts auch noch ihre Wohnung räumen. Mir schien, als würde alles über mir zusammenbrechen. Ich allein auf weiter See. Meiner Mutter gegenüber aber durfte ich nicht zeigen, dass ich unsagbar traurig war. Sie mochte es nicht. „Noch bin ich nicht tot“, sagte sie.

Ganz so alleine, wie es sich anfühlte, war ich nicht. Rückblickend waren viele Menschen für mich da. Meine Stiefmutter hörte mir oft zu. Sie kannte meine Mutter ja auch gut und ich hatte das Gefühl, dass sie genau verstand, wie es mir ging. Auch mein Vater war für mich da. Doch ich verspürte Hemmungen, mit ihm über meine Mutter zu sprechen, denn ihre Scheidung war schwierig gewesen.

An meinem Arbeitsplatz konnte ich ebenfalls darüber sprechen, dass meine Mutter bald sterben würde. Das war eine Erleichterung. Ich hatte keine Kraft mehr, Theater zu spielen.

Mit Omi habe ich oft über Mami gesprochen. Omi war sehr traurig, aber auch sehr gefasst. Meine Mutter war ja ihr einziges Kind. Dieses zu verlieren, muss ihr wie ein einziger Hohn vorgekommen sein. Omi tröstete mich und nahm mich in den Arm. Sie sagte: „Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir haben nur noch einander.“

Meine Katze war ein sehr grosser Trost für mich.
Meine Mutter wünschte sich so sehr, nochmals mit einer Katze spielen zu dürfen, als sie im Pflegeheim lag. Ich hatte Angst, diesen Wunsch vor den Pflegenden vorzubringen, weil die schlechten Erfahrungen mit den Pflegenden im Kantonsspital Frauenfeld mich ernüchtert hatten. Aber Mami traute sich. Sie fragte einfach: „Darf meine Tochter ihre Katze mitnehmen?“

Am Ende des Lebens scheinen Wünsche schneller in Erfüllung zu gehen. Natürlich durfte die Katze ins Pflegeheim mitkommen. Wir blieben über eine Stunde bei meiner Mutter, die sich riesig freute, ihr weiches Fell zu streicheln und sie mit Keksen zu füttern. Zuhause schliefen die Katze und ich ein. Wir waren erschöpft.

Sie fehlt.

Als meine Mutter vor bald neun Jahren verstarb, hätte ich nicht gedacht, dass es jemals ein anderes Gefühl als Trauer und Leere für mich geben würde. Ihre letzten Tage hatten mir alles abverlangt. Ich hatte das Gefühl, einen Marathon absolviert zu haben.

Die Erleichterung darüber, dass sie „es“ geschafft hatte, herrschte nur am Anfang vor. Schnell einmal war der Alltag wieder da. Es war, als hätte es meine Mutter nie gegeben. Als wäre sie nie gestorben. Als wäre ich nicht dabei gewesen, wie sie ihren letzten Atemzug tat. Trauer ist ein gottverdammter Hemmschuh in einer Gesellschaft von allzeit fröhlichen Menschen.

Nichts war mehr wie vorher. Mir schien, als hätte ich all meine Zwiebelhäute auf einmal verloren. Als wäre ich ein Haus, das zwar aussieht wie früher, aber als wären alle Steine, aus denen ich erbaut worden war, neu aufgeschichtet und mit frischem Putz überzogen. Ich hatte Schmerzen. Mein Herz. Es schien mir, als wäre es von tausend feinen, kleinen Schnitten durchzogen und würde langsam ausbluten.

Ich las Bücher über Trauer. Einige waren hilfreich. Lyrik war ebenfalls ein gutes Pflaster. Manchmal schaute ich unsere gemeinsamen Lieblingsfilme an, nur um einfach weinen zu können. Manchmal schmunzelte ich auch über mich. Nie hatte ich um einen Mann, einen Liebhaber, so sehr getrauert wie um meine Mutter. Sie hätte das bestimmt witzig gefunden.

Durch die Strassen zu fahren, durch die sie einst gelaufen ist, tat mir weh. Noch heute erinnere ich mich daran, wie und wo wir uns in Frauenfeld getroffen hatten. Alles scheint präsent. Nur sie fehlt.