Vom Lieben

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bekam ich sehr wohl mit, dass meine Mutter und meine Oma Paula sich regelmässig stritten, Wie viele Mütter ertrug es auch meine Mutter nicht, dass Oma ihr dreinquatschte. Dies führte zu regelmässig stattfindenden Streitgesprächen und danach folgenden Besuchsverboten.

Streitthema Nummer eins war das Essen. Als Kind war ich sehr mager. Ich hasste Fleisch und wollte es einfach nicht essen. Auch Bohnen und gewisse Gemüsesorten konnte ich auf den Tod nicht aufstehen. Meine Mutter hatte da aber ganz eigene Erziehungsmethoden. Wenn ich nicht aufass, dann musste ich so lange sitzen bleiben, wie sie es wollte oder aber, bis ich das Essen gegessen hatte. Mehr als einmal schob sie mir das Essen in den Mund und drückte ihn zu. Noch heute kann ich gewisse Nahrungsmittel nicht essen.

Meine Oma sah diesem Treiben zu und hinterfragte es. Das konnte meine Mutter nicht ausstehen. Da Oma auffiel, dass ich zeitweise gar nichts mehr ass, schenkte sie mir Süssigkeiten, die wir in meinem Zimmer versteckten. Das machte meine Mutter sehr wütend. Verwüstungen meines Zimmers waren die Folge.

Paula hat auch immer wieder kritisiert, wenn meine Mutter mich geschlagen hat. Einmal ging sie sogar zwischen uns und hielt mich fest, damit meine Mutter sie trifft und nicht mich.

Meine Mutter war enttäuscht von meiner Oma, denn eigentlich übte sie nur dieselbe Art von Erziehung aus, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Meine Oma versuchte mehr als einmal zu erklären, dass dies falsch gewesen sei. Sie bedauerte zutiefst, dass auch sie als junge Mutter ihr Kind geschlagen habe. Oma fand klare Worte für ihre eigene Gewalt: ich war müde von der Arbeit, überfordert und unglücklich und wollte nur meine Ruhe. Aber geliebt habe ich dich immer.

Für meine Mutter waren das denkbar schlechte Argumente. Sie sah sich betrogen. Wenn ich mit ihr Streit hatte und sie mich schlug, rief sie mehr als einmal: „Deine Oma, die du so liebst, hat es genau gleich gemacht.“ Das nützte mir nicht viel. Wie eine Gläubige klammerte ich mich an meine Oma, die mir Schutz versprach.

Die Ferien bei Paula verbot uns unsere Mutter nicht. Sie sah wohl ein, dass sie so zumindest für einige Wochen von mir und meiner Schwestern befreit würde. Dieses Angebot nahm sie gerne an.

Als ich schliesslich älter wurde und meine Mutter auszog, war es mit ihren ambivalenten Gefühlen gegenüber meiner Oma nicht zu Ende. Ich erinnere mich noch gut, dass sie ein Jahr vor ihrem Tod sagte: „Irgendwann wirst du noch bereuen, dass du sie mehr geliebt hast als mich. Dann kannst du für sie schauen.“

Ich bereue es nicht, dass meine Oma und ich uns so nahe stehen. Meine Oma ist meine Oma und meine Mutter ist meine Mutter. Die Liebe, die ich für beide Frauen empfinde, ist nicht vergleichbar. Dass ich jetzt für Oma sorge, ist keine Strafe, es scheint mir nur die logische Folge unserer Beziehung seit Kindheit an.

Das Haus, mein Vater und ich

Bei aller Hoffnung bald mein Haus zu kaufen, leide ich doch darunter, dass mein Vater das Haus nicht mag. Ich wünschte mir von Herzen, er würde Dinge sagen wie: „Du schaffst das schon, Zora.“ oder „Es wird wunderschön werden, du wirst schon sehen.“ Aber das tut er nicht.

Ich gehöre nicht einer Familie an, die mit Wohlstand gesegnet ist. Mein Vater hat mir weder Autoprüfung noch einen schicken Erstwagen gekauft. Nein, ich war von Anfang an auf meine eigenen Beine gestellt. Ich bin nicht unglücklich darüber, denn es hat mich gelehrt, mich zu wehren.

Trotzdem bin ich manchmal neidisch auf Freundinnen, deren Eltern mal einfach so ein bisschen Geld zur Verlobung sprechen, ein Studium bezahlen oder teure Geschenke machen. Ich kenne so etwas nicht. Ob das wirklich elterliche Liebe ist, wage ich zu bezweifeln.

Mehr umtreibt mich noch die Frage, warum mein Vater das Haus so hasst, dass er es liebend gerne abreissen würde.

Es ist das Haus meiner Familie mütterlicherseits und nach der Scheidung von meiner Mutter hat mein Opa ihn des Hauses verwiesen. Ich verstand damals nicht, wie unglaublich gemein und verletzend das war. Aber ich ahnte und spürte, dass Menschen nun mal so ticken.

Mein Opa hat ihn dann auch um Verzeihung gebeten. Trotzdem ist die Wunde nicht geschlossen. Irgendwie hoffe ich, mit dem Kauf neues Leben einzuhauchen. Ich möchte so gerne, dass das Haus und die Wiese wieder belebt werden. Zu gerne würde ich Hühner halten. Wenn ich dann am Samstagnachmittag, im Sommer, auf der Terrasse sitze, würd ich ihnen zuschauen, wie sie herumhüpfen und glücklich sind.

Ich möchte die Fassade neu streichen, die Küche renovieren und die Räume neu einrichten. Aber das beste wäre, wenn ich dann meine Familie und meine Freunde einladen könnte. Wir würden in der kleinen Stube sitzen und der Kachelofen gäbe uns warm.

Ein bisschen Hoffnung habe ich dennoch, dass er es mögen wird.

Ein Samstag mit Henri

Eigentlich wollte ich heute frühlingshafte Photos und den dazugehörigen Text veröffentlichen. Gestern beschloss ich dann aber, dass ich an meinem Photoprojekt weiter arbeiten will.

Henri, mein Urgrossvater, beschäftigt mich immer wieder mal. Seit ich seine Karten an die Ururgrosseltern und an Anna gefunden habe, sehe ich ihn ganz anders. Er arbeitete in der damals florierenden Textilbranche im Toggenburg. Das ganze Haus zeugt davon. Es gibt keinen einzigen Schrank, wo nicht Wollresten, antike Fadenspulen oder gar Maschinen herumstehen. Drei Strickmaschinen befinden sich alleine im Dachgeschoss. Ich hoffe, ich werde es schaffen, mich mit der Materie vertraut zu machen…

Henri ist 1889 geboren. Das Haus ist 60 Jahre älter. Henri diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Vielleicht liegt es an seinen schriftlichen Zeugnissen, dass ich einen allzu lockeren Umgang mit der Zeit um 1914 nicht toll finde.

Die Zeit hat sich in Henris Gesicht eingeprägt. Über seine Kindheit weiss ich nichts. Er heiratete spät meine Urgrossmutter Anna. Sie waren beide nicht mehr die jüngsten, als sie ihr erstes Kind zeugten, meine Grosstante Nelly. Dieses Kind verstarb früh. Dann wurde mein Grossvater Walter geboren. 1947 verstarb Anna an Krebs. Wie muss das für Henri gewesen sein, als er seine geliebte Frau verlor?

Ich wurde 1977 geboren, da war Henri bereits 88 Jahre alt. Ich erinnere mich jedoch noch gut an ihn. Seine knarrende Stimme, heiser und blechern. Seine Hände. Sein riesiger Bauch. Der immergleiche Wollpullover. Seine würdevolle Ausstrahlung. Sein Zungenschlag. Toggenburger. Ein harter Grind.

Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Wie er den Krieg wirklich erlebt hat. Woran er an seinem Leben Freude gehabt hat. Worunter er litt. Ich würde ihn gerne noch einmal umarmen.

 

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Henri, wahrscheinlich in den späten 60er Jahren vor dem Haus.

 

 
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Henri vor seinem Waschbärengehege. Im Hintergrund ist klar zu erkennen, wie die Landschaft hier vor 50 Jahren ausgesehen hat.

 

 
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Henri und sein Hund vor dem Waschbärengehege, wahrscheinlich Ende der 60er Jahre

 

Heiraten und so.

An der Hochzeit meiner Eltern wäre ich gerne dabei gewesen. Ich kenne diese Feier natürlich nur von den Fotos aus dem Album meiner Oma. Ich vermute, das war ein richtig gutes Fest.

Ich sehe meine Mutter als junge, schöne Braut. Irgendwie hab ich in jüngeren Jahren gehofft, sie würde mir ihr Kleid einmal vermachen. Ich hoffte, mein Mann würde einmal genau so gut und so verliebt aussehen wie mein Vater.

Es ist nicht dazu gekommen. Mit anfangs zwanzig träumte ich, ich würde heiraten. Ich stand da in einem weissen Kleid. Ich hatte sogar einen Bräutigam, dessen Gesicht ich aber nicht erkennen konnte.

Ich stand da ganz vorne in jener Kirche in meinem Dorf, als sich meine Verwandten anfingen zu streiten. Plötzlich waren sie fort. Auch der Pfarrer war mit einem Mal verschwunden. Der Bräutigam schien in Luft aufgelöst.

Ich stand da vorne in einem weissen Kleid. Ganz alleine. Ich zog es aus und lief davon. In der Nähe befand sich damals ein Teich. Ich sprang hinein und verwandelte mich in einen Fisch.

Ich wäre sehr gerne dabei gewesen an der Hochzeitsfeier meiner Eltern. Damals waren sie noch glücklich. Sie ahnten nicht, was auf sie zukommen würde, drei Jahre vor meiner Geburt.

Sie wussten nicht, dass sie mich und meine Schwester aufziehen und meinen Bruder verlieren würden. Wie viel hält die Liebe aus?

Nicht wenig, würde ich sagen. Aber Todesfälle zerstören jegliche Liebe. Ich kenne nur wenige Menschen, die den Tod eines Kindes unbeschadet und in Liebe überleben. Meine Eltern gehörten nicht dazu. Ich trage es ihnen nicht nach.

 

 

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meine Mutter und meine Oma 1974

 

 

Hühner, Hunde und andere Tiere.

In Sachen Tiere bin ich empfindlich.
Ich liebe Tiere. Am allerliebsten würde ich gerne Hühner halten. Tauben. Krähen aufziehen. Raubvögel füttern!

Ich wuchs mit jeder Menge Tiere auf. Wir hatten Katzen. Mauzi, Tigi, Negi und wie sie alle hiessen. Sie waren nicht einfach Tiere, sondern Familienmitglieder. Tigi bewachte mich, während ich in meinem Kinderbettchen lag. Mauzi hat mehr als einmal meine Tränen weg geschleckt. Negi kuschelte gerne.

 

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Mit den Kaninchen meines Vaters wusste ich nicht soviel anzufangen, nur soviel: ich ahnte früh, dass es äusserst schreckhafte, sensible Tierchen sind. Eine Narbe an meiner Hand zeugt davon. Keine Kuscheltiere. Aber mein Vater machte mir auch nie Illusionen über ihren Zweck, wenn ihr Leben vorbei war. Wir assen oft das Fleisch unserer Kaninchen. Das störte mich nicht, damals. Ich wusste, wenn mein Vater sie schlachtet, müssen sie nicht lange leiden.

Mein Vater züchtete auch Enten. An unserem früheren Wohnort habe ich mich sehr mit einigen angefreundet. Ich mochte das sanfte Klatschgeräusch ihrer Füsse. Eines Tages brach eine Schafherde aus und zertrampelte alles. Unsere Enten starben. Meine Mutter hat eine kleine Ente von Hand aufgezogen. Ich wäre am liebsten immer dagesessen und hätte ihnen zugehört: meine Mutter, die zärtlich spricht und das Entenküken, das antwortet.

Die Hühner meines Vaters habe ich sehr geliebt. Da war beispielsweise Berta, das Seidenhuhn. Ihr Mann, Berto. Schwarz. Majestätisch! Ein wahrer Gentleman. Dann waren da die Wyandotten. Ich glaube, wir hatten zwei. Die Antwerpener Bartzwerge. Was für ein Wort! Was für wundervolle, liebe Tiere! Als ich noch ein Kind war, hatten wir wachtelfarbige. Ich mochte den Gockel, der vornehm um seine Hühner herum lief. Später kauften mein Vater und seine Frau schwarze. Auch diese Hühner zeichneten sich durch eine unglaubliche Neugier und eine Gutmütigkeit aus.

Schliesslich kaufte mein Vater moderne englische Kämpfer. Diese Hühner, die einst für Hahnenkämpfe gezüchtet worden waren, wuchsen mir sehr ans Herz. Da ich sie täglich füttern durfte, wurden sie rasch zutraulich. Wenn ich mit dem Futtergeschirr in Richtung Hühnerhof kam, sie liefen damals frei herum, kamen sie geflogen.

Vielleicht liest es sich auf den ersten Blick wie eine Szene aus Hitchcocks „Die Vögel“. Sie landeten auf meinen Armen, meinem Nacken, immer gierig aufs Futter. Die feinen, aber spitzigen Schnäbel knabberten alsdann an meiner Haut, niemals bösartig, eher aufmunternd.

Die Idylle meiner Kindheit zerflog, als ein schwarzer Rottweiler zum wiederholten Mal durchs Dorf strich. Sein Herr, ein Nachbar, hatte es offenbar nicht für nötig befunden, seinen Hund an die Leine zu nehmen, beziehungsweise ihm Erziehung zukommen zu lassen. Als er unsere Hühner sah, drehte der Hund durch. Ich erinnere mich an Schreie meiner Mutter, damit wir Kinder uns in Sicherheit begeben. Für die Hühner kam der Warnschrei zu spät. Meine Mutter und mein Vater wollten nicht, dass wir rauskommen. Ich habs trotzdem getan. Der Hund hatte eine Spur der Verwüstung durch unsere Hühnerschar hinterlassen. Er hat die Hühner zerrissen und zerfetzt.
Berto, der tapfere Hahn, verlor einen Teil seiner Krallen, als er mutig versucht hatte, das Untier zu verscheuchen und Berta und die anderen Hühner zu beschützen.

Mein Vater hat den Besitzer des Hundes nie zur Rechenschaft gezogen. Das bedauere ich wirklich sehr.

 

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ca 1983.

 

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 ca 2011

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ca. 1983

 

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2011

Schuldgefühle und Dankbarkeit.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fühlte ich mich schuldig, weil ich meinen Bruder überlebt hatte. Mehr als einmal, besonders bei wüsten Streitereien, fuhr es mir durch den Kopf: eigentlich hätten sie lieber deinen Bruder als dich gehabt.

Einen toten Bruder zu haben, ist eine Hypothek von gewisser Schwere. Ich hab mir oft überlegt, wie glücklich sie wirklich waren, ein Kind wie mich aufzuziehen und ihn verloren zu haben. Ein totes Geschwister ist immer perfekt. Es streitet nie. Es wird nie erwachsen.

Im Gegensatz zu meinem Bruder kam ich mit deformierten Hüften zur Welt. Mit neun Jahren wurde ich zum ersten Mal operiert. Der Rollstuhl schien mir damals sicher. Für meine Mutter war der Gedanke, dass ich mit vernarbten Beinen würde leben müssen, ein Gräuel. Bei einem Gespräch mit dem Chirurgen ist sie total ausgeflippt.

Ich wusste früh, dass ich nicht das Kind war, das sich Eltern wünschen. Ich war grüblerisch, las lieber Bücher, war dünn und unsportlich. Meine Freizeit verbrachte ich am liebsten im Bett oder in Gesellschaft von Tieren. Ich war nie ein hübsches kleines Mädchen.

Natürlich wäre ich lieber eine Schönheit gewesen. Die Blicke in der Badi auf meine vernarbten Beine brachten mich damals aus der Ruhe. Beleidigungen und Witzeleien waren nicht selten. Ich war hässlich, das wusste ich. Ich bemerkte nicht, dass meine Beine lang und wohlgeformt waren. Die Narben überdeckten alles.

Paula pflegte mich jeweils nach meinen Spitalaufenthalten. Sie verwöhnte mich, trug mich die steile Holztreppe in die Schlafräume rauf und tröstete mich, wenn ich Schmerzen hatte. Alles würde gut werden.

Die offenen Wunden von 1986 sind längst zu wulstigen, dicken Narben verheilt. Die Schuldgefühle aus der Kindheit sind der Dankbarkeit gewichen. Ich bin dankbar für meine Eltern.

Fasnacht 1995

Ist das wirklich schon fast 20 Jahre her?

Ich sitze bei meiner Mutter auf dem Sofa. Ihre kleine Wohnung ist gemütlich und wirkt trotzdem geräumig. Wir schauen fern. Sie kocht Teigwaren und Rindsvoressen. Ich liebe die Sauce, obwohl ich damals kein Fleisch ass. Den Geschmack dieses Mahls werde ich nie mehr vergessen.

Ich möchte später an den Fasnachtsmzug gehen. Meine Mutter will mir zuvor ihren Freund vorstellen. Was für ein seltsames Gefühl: Fast 2o Jahre lang waren meine Eltern verheiratet. Jetzt sind sie geschieden. Beide haben neue Partner. Ich bin keine 18 Jahre alt und es passt mir irgendwie gar nicht.

Natürlich war mir klar, dass meine Eltern nicht mehr zusammen leben konnten. Sie waren zu verschieden. Ich wünschte mir damals nichts sehnlicher, als dass alle beide wieder glücklich werden würden. Kinder wünschen sich wohl so was. In jener Zeit ihrer Scheidung wuchs in mir die Gewissheit heran, dass ich niemals heiraten würde. Zu tief ging der Schmerz des Streits, die Verletzung durch die gegenseitige Abneigung. Ich wusste, soviel Nähe und soviel Distanz würde ich in meinem Leben nicht wollen.

Ein Ehering ist keine Versicherung. Im Gegenteil. Manchmal erscheint es mir, als ob in den meisten Fällen das ewige Versprechen vor Gott, und was weiss ich wem alles, den Anfang des Endes bedeutet.

Paula und Walter waren 46 Jahre verheiratet. Es waren nicht ihre besten Jahre. Sie haben es gemeistert, indem sie sich immer wieder an verschiedenen Wohnorten aufgehalten haben. Am Ende begleitete Paula Walter bis in den Tod und hielt seine Hände bis zum letzten, verzweifelten Atemzug.

Ich mochte den Freund meiner Mutter anfangs nicht.
Für meine Mutter hätte ich mir einen wunderschönen, romantischen, liebevollen und tollen Mann gewünscht; einen Mann wie meinen Vater. Stattdessen traf sie auf Willy. Der war so ziemlich das Gegenteil von allem, was ich toll fand. Ich gewöhnte mich an Willy. Zwar fand ich seinen Charme jenseits und immer etwas hölzern, seine Sprüche furchtbar und ihn selbst nicht einen wirklich gut aussehenden Mann.

Am Ende des Lebens meiner Mutter war er aber da. Er hielt ihre Hand und konnte nicht glauben, dass sie, seine liebe Uschi, einfach starb. Sie war jünger als er. Es war unfair. Einige Monate nach ihrem Tod trafen wir uns wieder. Willy hatte stark abgenommen. Er war nicht glücklich darüber.
„Ihr Essen fehlt mir“, sagte er. Ich hab es ihm sofort geglaubt.

Angst vor dem Tod – oder dem Leben?

Als Kind hatte ich kein Bild vom Tod.
Ich wusste nur, dass es ein Ausdruck für „tief und fest schlafen“ ist. Dass Menschen, wie mein kleiner Bruder, nach ihrem Tod in ein Bett aus Holz und Tannenreisig kommen, mit Blumen bedeckt werden und alle rundherum weinen. Das schien mir nicht so schlimm zu sein.

Mit neun oder zehn stand ich dann selber an jenem Punkt.
Ich erwachte langsam nach einer Operation und fragte mich, ob ich wirklich in jenen (meinen) schmerzgepeinigten Körper zurück wollte. Der Gedanke an die Eltern und die Grosseltern holen mich schnell zurück. Aber das friedvolle Gefühl, die Ruhe und das Licht beruhigten mich irgendwie. Ich hatte keine Angst mehr vor dem grossen Nichts.

Als mein Grossvater starb, bemerkte ich, wie mühsam und lange Sterben dauern kann. Es ist eine quälende Sache, besonders wenn ein Mensch weiss, was ihn an Leiden erwartet. Doch ist nicht das einzig Gute daran, dass man von seinen Lieben bewusst Abschied nehmen kann?

Meine Mutter starb nicht ruhig und friedlich. Bis sie endlich ihren letzten Atemzug tun konnte, dauerte es 36h. Todeskampf ist ein schlimmes Wort. Ich mag es lieber anders nennen: Lebenskampf. Sie wollte leben, nicht sterben.

Ich denke oft über meine Mutter und ihre letzten Tage nach. Sie hat so gerne gelebt, trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse. Die letzten Jahre ihres Lebens hat sie wirklich und intensiv gelebt, Dinge getan, die sie liebte. So überredete sie an ihrem Geburtstagsfest 2006 im Restaurant Rebstock einen Rocker, ob sie auf seinem Trike mitfahren dürfte. Natürlich durfte sie das, denn Rocker sind liebe Menschen. Es war das letzte Fest, das wir gemeinsam verbrachten. Ich sass da und schämte mich, weil meine 55jährige Mutter sich benahm wie ein Teenager. Ich hatte keine Ahnung, was uns erwarten würde.

Sie hat so sehr geliebt. Wenn sie verliebt war, dann liebte sie mit Haut und Haar und Kochbuch. Sie hat auch oft geweint. Denn zu grosser Liebe gehören auch viele Tränen.

Was würde sie zu mir sagen, wenn sie mich heute sähe?
Wäre sie glücklich? Oder würde sie fragen: Meitli, läbsch würklech?

Lieblingsenkelin

Tante Hadi hat mich vor einigen Jahren bekniet, Paula endlich ins Altersheim zu bringen.
„Sie ist dement“, sagte Hadi am Telephon. Ihre Stimme klang ärgerlich.
„Ja. Ich weiss“, antwortete ich. Was sollte ich sonst auch sagen? Paula und Hadi telephonierten damals einmal pro Woche. Meine Oma hat Hadi den letzten Nerv geraubt, weil sie immer wieder das gleiche sagte und vor allem nie das tat, was ihr ihre ältere Schwester an Ratschlägen bereithielt.

„Du bist ihre Lieblingsenkelin“, sagte Hadi und es klang wie ein Vorwurf. „Dich hat sie geliebt und verwöhnt. Du bist es ihr schuldig.“
Das wusste ich auch. Kann man Liebe schulden? Ich denke nein.

Es war unsinnig, Hadi meine Haltung zu erklären. Sie war eine Frau Mitte 80, eine wahre Dame. Wie sollte ich ihr denn klar machen, dass ich fand, dass Paula so lange wie möglich selbst über ihr Leben bestimmen sollte? Ich war anfangs 30, hatte gerade meine Mutter, Hadis Patenkind, verloren und sah mich nicht in der Lage, meiner Oma einfach zu sagen, was sie tun sollte.

Paula hat immer ihren eigenen Kopf gehabt. In meiner mittlerweile fast inexistenten Familie mütterlicherseits gab es den Ausdruck „Toggenburger-Grind“. Das bedeutet, dass einer unglaublich stur ist.

Ich hab mir damals lange überlegt, was wirklich meine Aufgabe war. Ich liebte Paula sehr, aber ich wusste, ihr einfach den Willen zur Selbstbestimmung abzusprechen, wäre ein Vertrauensmissbrauch sondergleichen gewesen.
Paula sagte sehr oft zu mir: „Du bist der grösste Schatz in meinem Leben und der Grund, warum ich überhaupt noch da bin.“
Das ist ein Ausdruck grösster Liebe und gleichzeitig eine grosse Last. Als ich als Kind oft im Spital war, dachte ich darüber nach, was es bedeuten würde für Oma, wenn ich stürbe. Diesen Gedanken verwarf ich jeweils schnell wieder, denn ein Kind von zehn Jahren darf doch nicht an den Tod denken. Dann kam mir mein Bruder in den Sinn und ich wusste: der Tod gehört einfach dazu, egal wie alt du bist.

Nun bin ich 36.
Ich denke oft an jene Zeiten zurück, als ich noch ein kleines Mädchen war und glücklich, wenn Oma da war. Ihre Umarmungen, ihre Geschichten und ihre bedingungslose Liebe haben mich wohl gerettet.

Meine Oma war zu einer Zeit für mich da, als meine Mutter es nicht mehr konnte. Wenn ich früher dachte: eigentlich ist meine Oma meine Mutter, so lag ich nicht so falsch. Meine Mutter hat mir mein Leben geschenkt, mich geboren. Meine Oma hat mich geliebt.

1914

Heinrich, genannt Henri, war 1914 bis 1918 im Militär. Er, 1889 geboren, verbrachte einige Jahre im Militär. Während der ganzen Zeit hielt er via Postkarten Kontakt zu Anna, meiner Urgrossmutter. Ihre Karten lesen sich fast wie heutige SMS:

„Liebe A. Hiermit teile ich Dir mit, dass ich also bestimmt am 3. März komme. Jedoch kann ich leider nicht bestimmt berichten, wann. Die Bahnverbindung ist sehr schlecht. Es kann Abend werden. Mit Gruss Henri“

Sie kannten sich bestimmt seit 1912, haben aber erst nach 1914 geheiratet. Meine Grosstante Nelly muss nach 1914 auf die Welt gekommen sein, starb aber früh. Mein Grossvater kam Ende 1924 auf die Welt, als mein Urgrossvater schon Mitte 30 war. Anna war nur wenig jünger. Was muss ihnen durch den Kopf gegangen sein? Wie haben sie sich gefühlt?

Immer wieder hoffe ich, dass ich im Haus auf ihre Spuren stosse, noch mehr Briefe finde, vielleich sogar ein Tagebuch. Ich sehne mich danach, mehr zu erfahren über Annas Leben

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