Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.

Vom Verlust und der Liebe

Am 2. September würde meine Mutter 65 Jahre alt werden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Egal, wie lange ich darüber nachdenke, es stellt sich kein Bild meiner gealterten Mutter ein.

Wenn ich über sie nachdenke, sehe ich sie immer als junge Frau. Manchmal sogar als Teenager oder Kind. Im Haus gibt es so viele Bilder von ihr. Sie war wunderschön. Sie war eine grosse, schlanke Frau mit dunklem Haar und einer seltsam olivfarbenen Haut. In ihren 40ern war sie etwas fülliger geworden. Dann, mit 50 magerte sie ab. Sie wirkte ausgezerrt.

Am Ende ihres Lebens, nach all den Jahren des Leidens und des Erstickens von tiefen Emotionen mit Hilfe von Alkohol, war sie wieder wunderschön. Ihr Sterben war schwer. Doch der Tod hat was friedliches. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihrem Sterben hat mich sehr geprägt und die Sicht auf das Leben völlig verändert.

Als meine Mutter vor neun Jahren im Sterben lag, war mir alles schwer. Ich wusste nicht mehr, wie ich einen Schritt vor den anderen setzen sollte. Und doch war das Leben intensiv wie nie. Ich schätzte plötzlich Dinge, die ich vorher gar nicht erkannt hatte. Ich freute mich über Begegnungen, die mir Kraft gaben. Das waren insbesondere Gespräche mit Menschen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Das Feingefühl, das Verständnis und vor allem die wortlose Übereinstimmung, was Verlust angeht, haben mich beeindruckt und tief berührt.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Sie fehlt mir so. Ich wünschte, sie würde noch leben und wir würden uns hin und wieder treffen und gemeinsam ein Glas Wein trinken. Ich würde so gerne mit ihr über die Liebe und den Verlust sprechen. Ich würde sie so gerne besser verstehen. Jetzt, mit fast 40 Jahren, ist sie mir in ihrem Sein näher denn je. Wir sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind Alpha und Omega. Feuer und Wasser.
Mir fehlen ihre Umarmungen und ihre sanfte Stimme.

mami und ich

familie

mami_küche

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Was Sterben bedeutet

Gestern las ich Peter Stamms Buch „Weit über das Land“ fertig. Darin geht es um einen Mann, der Frau und Kind verlässt und einfach verschwindet. Am Ende des Buchs kommt auch die Frage auf, ob er nun tot sei. Ein Satz ist mir eingefahren:

„Niemand schien zu begreifen, dass die Beziehung zu Thomas für sie nicht zu Ende war, nur weil er nicht mehr da war.“

Als ich diese Worte las, stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich musste an meine Mutter denken, die ich vor bald neun Jahren verloren habe. Es ist doch so: Nur weil jemand tot ist, erlöschen die Gefühle nicht. Der Überlebende fühlt weiter, ist mit seinem Angehörigen verbunden.

Ich denke sehr oft an sie.
Ich frage mich, wie sie mit dem Älterwerden klar gekommen ist. Was sie über mich gedacht hat. Ich war ihr fremd, obwohl ich ihr ähnle.

Als ich etwa zehn, elf Jahre alt war, musste sie ins Spital. Sie hatte Tumore in den Kieferknochen und sie haben ihr Zähne entfernt. Ich litt schreckliche Angst um sie. Ich dachte schon: jetzt sehe ich sie nie wieder. Jetzt stirbt sie.

Dabei war meine Mutter 1979 beim Tode meines Bruders schon gestorben. Ich hab das nur erst später verstanden. Nur weil jemand noch da ist, heisst es nicht, dass er noch lebt. Nur weil jemand tot ist, bedeutet es nicht, dass er nicht mehr existent ist.

Ich musste 30 werden, um zu verstehen, was Sterben bedeutet. Einen Menschen in seinen letzten Wochen begleiten zu dürfen, ist eine Erfahrung, die  wunderschön und zärtlich sein kann und gleichzeitig alles von einem abverlangt.

Oft denke ich: es musste so sein. Ich am Ende bei ihr, so wie sie am Anfang bei mir war. Ich war ja nicht alleine. Omi und ich sassen an Mamis Bett. Es hat mich ungeheuer berührt, Zeugin zu sein, wie Omi ihre eigene Tochter in den Schlaf flüstert und zärtlich streichelt, so als wäre sie nicht eine 56jährige, sterbende Frau, sondern ein Kleinkind.

Heute denke ich, wer ist dabei, wenn ich Omi begleite?

Und: wer ist an meiner Seite, wenn ich gehe?

Rückwärts leben

Eigentlich wollte ich vor sieben Jahren heiraten. Ich habe es nicht und werde auch nie verheiratet sein.
Der Tod meiner Mutter kam dazwischen. Oder besser: Der Tod meiner Mutter hat mich nachdenken lassen, wie ich sein will, wenn ich in ihrem Alter bin.

Die Ehe ist mir zuwider.
Ich gönne es jedem Paar, das sich findet und glücklich ist. Für mich stimmt es nicht.
Der verdammte Freiheitsgedanke hat sich in meinem Hirn festgesetzt. Loyalität kriege ich auch mit einem Ehering nicht einfach so. Sie muss von Herzen kommen, aber eigentlich noch mehr aus dem Innersten der Hirnwindungen. Und darauf vertraue ich.

Vor drei Jahren hat mich Omi gebeten, ihr bei der Suche nach einem passenden Heim für sie zu helfen. Ich hätte damals nicht gedacht, dass das so anstrengend ist. Wir haben zwar nur zwei Heime angeschaut, aber dazwischen lagen viele Gespräche. Ich wollte und musste herausfinden, was Omi wollte.

Das Haus wurde zunehmend unaufgeräumter. Omi schob Kisten herum. Ich frage mich noch heute, woher sie diese Kraft hatte. Das immerwährende Chaos hat mich bedrückt. Omi aber schien zielstrebig. Es gab aber auch immer wieder Einbrüche. Grosse Verzweiflung. Tränen. Dann wieder Gelächter. Herzliche Umarmungen. Trost.

Diese Zeit zwischen Juli und Oktober ist schwierig für mich. Gleichzeitig mit Omis Umzug kam mir immer wieder Mamis Sterben und der Tod meines Bruders in den Sinn. Die Leidensstränge überkreuzen sich. Ich war traurig in Momenten, wo ich energievoll sein wollte. Ich trauere um meinen Bruder und meine Mutter, aber eigentlich viel mehr um meine Familie, die so auseinander gerissen wurde.

Letzten Sommer schliesslich haben wir wirklich angefangen, das Haus zu räumen. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir die Mulde bestellt und vollbepackt haben. Ich habe entsorgt und das Haus um Tonnen erleichtert. Und nun stehe ich da, der Sommer ist bald vorüber und der Herbst kommt. Noch nie habe ich einen Herbst in meinem eigenen Heim erlebt. Ich bin gespannt.