Was Sterben bedeutet

Gestern las ich Peter Stamms Buch „Weit über das Land“ fertig. Darin geht es um einen Mann, der Frau und Kind verlässt und einfach verschwindet. Am Ende des Buchs kommt auch die Frage auf, ob er nun tot sei. Ein Satz ist mir eingefahren:

„Niemand schien zu begreifen, dass die Beziehung zu Thomas für sie nicht zu Ende war, nur weil er nicht mehr da war.“

Als ich diese Worte las, stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich musste an meine Mutter denken, die ich vor bald neun Jahren verloren habe. Es ist doch so: Nur weil jemand tot ist, erlöschen die Gefühle nicht. Der Überlebende fühlt weiter, ist mit seinem Angehörigen verbunden.

Ich denke sehr oft an sie.
Ich frage mich, wie sie mit dem Älterwerden klar gekommen ist. Was sie über mich gedacht hat. Ich war ihr fremd, obwohl ich ihr ähnle.

Als ich etwa zehn, elf Jahre alt war, musste sie ins Spital. Sie hatte Tumore in den Kieferknochen und sie haben ihr Zähne entfernt. Ich litt schreckliche Angst um sie. Ich dachte schon: jetzt sehe ich sie nie wieder. Jetzt stirbt sie.

Dabei war meine Mutter 1979 beim Tode meines Bruders schon gestorben. Ich hab das nur erst später verstanden. Nur weil jemand noch da ist, heisst es nicht, dass er noch lebt. Nur weil jemand tot ist, bedeutet es nicht, dass er nicht mehr existent ist.

Ich musste 30 werden, um zu verstehen, was Sterben bedeutet. Einen Menschen in seinen letzten Wochen begleiten zu dürfen, ist eine Erfahrung, die  wunderschön und zärtlich sein kann und gleichzeitig alles von einem abverlangt.

Oft denke ich: es musste so sein. Ich am Ende bei ihr, so wie sie am Anfang bei mir war. Ich war ja nicht alleine. Omi und ich sassen an Mamis Bett. Es hat mich ungeheuer berührt, Zeugin zu sein, wie Omi ihre eigene Tochter in den Schlaf flüstert und zärtlich streichelt, so als wäre sie nicht eine 56jährige, sterbende Frau, sondern ein Kleinkind.

Heute denke ich, wer ist dabei, wenn ich Omi begleite?

Und: wer ist an meiner Seite, wenn ich gehe?

Und schon gar nicht in einem Leben

Im Winter vermisse ich meine Mutter am meisten.
Sie liegt da in dieser Toggenburger Erde, hoch über dem Städtli, in Asche.
Die Wärme hatte sie nie gerne. Da ging es ihr schlecht.
Ich kann mich nicht mehr an die Winter mit ihr erinnern.
Ihre Zigaretten habe ich aufbewahrt. Mary Long. Sie zerfallen langsam.

Ich möchte sie so gerne anrufen. Mit ihr reden.
Ich würde ihr so gerne zeigen, wie gut ich heute nähen und häkeln kann.

Aber da ist nichts mehr von ihr. Ihr Geruch ist weg. Es ist so,
als hätte es sie nie gegeben. Sie existiert nur noch auf Fotos.
Ihre Tagebücher.
Ihre Zeichnungen sind verschwunden.
Noch immer hoffe ich, sie im Haus zu finden.
Die Welt mit ihren Kinderaugen gemalt.
Ihre Schrift war wunderschön.

Ich vermisse ihre Stimme.
Ihr kratziges Lachen.
Ihre weichen Hände, die den meinen so gleichen.

Es gibt wenig Fotos von uns beiden.
Sie sind immer verschwommen, so als gäbe es Zeit in Ruhe für
Mutter und Tochter nie in einem Bild.
Und schon gar nicht in einem Leben.

mami und ich

Papierberge

Heute machte ich mich mit Sascha und der Katze ans Ordnen und Räumen unseres Estrichs. Mir machte das Gewicht, das auf den Balken lastet, etwas Sorgen. Ich wollte sortieren, entsorgen und neu einräumen.

Ich sortierte heute sehr viel Papier und entsorgte alte Zettel. Ich musste mich entscheiden, was wichtig genug ist, damit ich es nochmals einige Jahre aufbewahre. Ich tat einen tiefen Blick ins Eheleben meiner Grosseltern, erfuhr einiges über die Preise von Schlafzimmermöbeln in den 70ern und wie viel Gebissprothesen 1953 kosteten (90.- für eine obere Prothese, aber nur bei Barzahlung).

Ich las, wie viel das Totenhemd meines Opas kostete und dass man damals meiner Oma sogar die Kinnbinde korrekt verrechnete. Ich weiss nicht recht, wie ich auf eine derart detaillierte Rechnung nach dem Tod meines Lebenspartners reagiert hätte. .

Omi, korrekt wie sie noch immer ist, hatte bis zu ihrem Einzug ins Pflegeheim fein säuberlich alle Menüpläne des Senioren-Menü-Lieferservices der letzten Jahre in Ordner abgelegt.
Fünf Stapel Altpapier!

Ich stiess auf die Todesanzeigen meines Opas und Uropas, fand Kostenvoranschläge von ortsansässigen Bildhauern, Bildern von Grabsteinen, Rechnungen von Leichenmahlen und Verlobungsessen, Babyfotos und Dankesbriefe von Baby-Eltern, Glückwunschkarten zum 80sten und schliesslich die Trauerkarten zum Tode meiner Mutter.

Es rührte mich, sie nochmals zu lesen. Einige wenige darunter waren sehr persönlich. Ich stiess auf die Traueranzeige meiner Mutter, die ich selber gemacht hatte und staunte für einen kurzen Moment über meine Wortwahl damals.

In einem letzten Ordner schliesslich stiess ich auf die Unterlagen meiner Mutter, jener Briefe, die ich nach ihrem Tod erhalten habe und Kopien der Briefe, die ich als Antwort schrieb.

Es tut nicht mehr so weh wie damals.
Aber die Wut ist noch da.

Ich ärgere mich noch immer über die Abgebrühtheit und Unverschämtheiten der damaligen Protagonisten vom Sozialamt und Amt für IV und bin – trotz allem, stolz darauf, dass ich ihnen zumindest verbal die Stirn geboten habe. Das war für mich damals in der Trauerzeit nicht einfach. Aber ich habe es getan.

Ich kämpfte mit mir. Soll ich das Zeugs wegschmeissen, damit es weg ist oder soll ich es noch behalten als Beweis, dass das alles passiert ist und vor allem: dass meine Mutter gelebt hat?

Unsere letzte Reise

Omi Paula und ich erlebten intensive Jahre, als sie sich noch an mich erinnern konnte.

2007 starb meine Mutter. Omi und ich wurden durch ihr Sterben noch mehr zusammengeschweisst, als wir es vorher schon waren. Wir telephonierten oft, sprachen über unsere Gefühle, die Trauer. Omi war so traurig, dass meine Mutter nicht mehr lebte. Aber sie trauerte nicht nur um ihre Tochter. Immer wieder betonte sie, wie schlimm es ist, wenn ein Kind die Mutter verliert.

Ich dachte damals, es ist schlimm, Mami verloren zu haben. Es ist überhaupt das Schlimmste, das mir je widerfahren ist. Ihr Tod hat mich völlig verändert. Aber ich dachte auch: ich hab ja noch mein Omi.

Omi und ich unternahmen viel. Wir besuchten ihr Grab, gingen einkaufen, trafen uns zum Kaffee. In der Adventszeit 2008 beschloss ich, mit Omi nochmals eine richtige Reise zu machen: ich wollte mit Omi nach Ulm an den Weihnachtsmarkt fahren.

Nun ist es eine wirkliche Herausforderung, mit einer 80jährigen Dame zu reisen. Omi ist ein Bewegungsmensch und es passte ihr nun überhaupt nicht, dass sie im Car ruhig herum sitzen musste. Sie jammerte, ass ein Gipfeli, trank Kaffee, schaute heraus.

Irgendwann waren wir da. Ulm.
Der Weihnachtsmarkt interessierte uns nicht wirklich.
Wir gingen ins Münster.
Omi betete.
Ich trank einen Glühwein, was Omi missbilligend kommentierte.
Ich kaufte in einer Confiserie Lavendelpralinen. Wir tranken Kaffee. Assen eine Wurst.Tranken noch mehr Kaffee. Omi kommentierte, dass die Deutsche Mark nicht mehr aussieht wie früher.
Und dann fuhren wir wieder ins tief verschneite Toggenburg zurück.

Ganz im Ernst: ich ahnte, dass dies das letzte Aufbäumen vor dem Vergessen war.
Aber wir habens genossen.
Vielleicht tue ich heute darum so schwer, an Weihnachtsmärkte zu gehen.
Omis kindliche Kommentare im Real Life fehlen mir.
Glühwein lieb ich noch immer.

Am Morgen

Ich sitze neben ihr. Sie atmet unregelmässig. Immer wieder stockt ihr Atem. Ihr Herz jedoch schlägt unermüdlich. Ich bin zu müde zum Weinen. Draussen steht mein Auto auf dem Parkplatz und ich sollte Münzen einwerfen gehen. Es erscheint mir seltsam, jetzt aufzustehen und etwas derart Sinnloses zu tun, damit ich keine Busse kriege.

Ich habe Angst, dass es an mir liegt, dass sie nicht sterben kann. Ich fühle mich unsagbar einsam. Ein paar Meter vom Pflegeheim weg liegt das Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hat. Ich frage mich, ob sie bei meiner Geburt auch einsam war. Ob das einfach dazu gehört, dieses Gefühl vollständiger Verlorenheit bei endgültigen Abschieden.

Sie wird von den Pflegenden umgelagert. Ich hoffe irgendwie, dass sie aufwacht und noch etwas letztes zu mir sagt. Dabei ist alles gesagt. Ihr Weg ist nicht meiner.
Ich lege mich auf das Bett neben ihrem. Die Pflegenden haben es neben sie geschoben, damit ich ihr nahe sein kann. Das Sterbezimmer ist leider schon belegt. Die Bettwäsche ist unverschämt bunt. Die Wände des Zimmers sind hölzern. Nie hätte ich gedacht, dass es sich so anfühlt.

Draussen lichtet sich der dichte Nebel. Es wird ein schöner Tag werden, so denke ich. Die Sonne scheint zärtlich. Ich aber sitze hier drinnen. Die Luft ist schwer. Mittags kriege ich ihr Essen. Dabei habe ich keinen Hunger und keinen Durst mehr.

Ich sitze da und wünsche mir ihren Tod. Wünsche mir, dass sie weiter lebt. Dass ich nochmals Kind und sie wieder Mutter ist. Denke darüber nach, was noch kommen wird. Was sie niemals erleben wird, aber ich schon. Ich denke darüber nach, was sie erlebt hat und ich nie erfahren werde. Es gleicht sich wohl aus.

Ich werde immer müder. Schlafe ein. Schrecke auf.
Bin besoffen vor Schlaflosigkeit und Tränen.
Noch ist sie da. Noch kann sie mich hören. Ich flüstere, denn ich will sie nicht erschrecken, nicht stören. Ich verspüre den Wunsch, sie zu umarmen und schaffe es doch nur, ihre Hände zu streicheln. Ich sehe sie an und entdecke mich in ihr.
Wir gleichen uns.
Wir werden uns geglichen haben.

Ein Morgen im Herbst

Ein Sonntagmorgen im Oktober 2007. Ich bin dreissig Jahre alt. Es ist kalt und neblig. Meine Mutter ist seit mehreren Wochen in einem Pflegeheim. Sie ist gerade mal 56 Jahre alt und lebt nun unter Greisen.

Sie war immer eine bildschöne Frau. Sie war sehr schlank, aber trotzdem kurvig. Ihr Haar leuchtete dunkelbraun, ihre Augen braungrün. Sie hatte schmale Lippen und eine schmale Nase. Im Gegensatz zu mir.

Nun sitzt sie vor mir. Ihre ergrauten Haare sind leicht blondiert. Mêches. Ihre Haut ist dunkelgelb. Sie ist sehr dünn. Ihr Bauch sticht hervor wie bei einer Hochschwangeren.

Meine Mutter riecht nicht mehr nach Rotwein, sondern nach frischer Leber. Der Geruch ist unerträglich. Für mich. Ich kann sie nicht mal mehr umarmen.

Es ist Sonntag. Ich arbeite. Man ruft mich vom Pflegeheim aus an.
„Wir wissen nicht, wie lange es noch dauert.“
Ich fahre hin. Der Nebel ist undurchdringbar und gefährlich. Ich fahre mit offener Fensterscheibe, damit mir der kalte Wind ins Gesicht schneidet und ich wach bleibe.

Sie döst. Es geht ihr nicht gut.
Sterben ist keine schnelle Sache.
Sie wartet.
Wir umarmen uns.
Ich muss dran denken, dass sie 30 Jahre lang da war. Dass mein 31ster Geburtstag ohne sie sein wird. Dass ich nie heiraten werde. Keine Kinder, keine Familie haben werde. Sie blickt mich sehr traurig an. Es ist nicht ihre Schuld.

Der 14. Oktober 2007. Am 16, Oktober werde ich wieder von der Arbeit, frühmorgens, hier her ins Pflegeheim fahren und es wird das letzte Mal sein, dass ich sie lebendig sehe. Aber das weiss ich jetzt noch nicht.

Atemlos

Die Geburt eines Menschen ist ein wunderbarer, denkwürdiger Vorgang. Ein Leben fängt an. Ein Kind wächst im Körper seiner Mutter heran. Sie gebärt es und das Kind wird gross.
Soweit alles gut. Das Glück einer jeden Frau. Eines jeden Mannes.

Meines ist es nicht. Ich war nie an einer Geburt dabei, ausser vielleicht bei meiner eigenen. Aber daran erinnere ich mich eher dunkel. Wenn überhaupt.

Das Gegenteil des Geburtsvorganges ist das Sterben. Damit habe ich Erfahrung. Sterben ist nicht minder berührend als eine Geburt, nur anders.

Als Lebender neben dem Sterbenden zu sitzen, in dem Fall sass ich neben meiner Mutter, war ein Gefühl von grösster Betroffenheit, Verletzbarkeit und Traurigkeit. Ich hatte Bauchschmerzen. Es schien mir, als risse man sie mir aus dem Herzen heraus.

So sass ich also da. Weinte. Aber nur innerlich. Ich dachte mir, sie mag es nicht, wenn ich offen weine. Sie lebt ja noch. Hätte sie nur geredet. Hätte sie nur noch einmal meine Hand gedrückt.

Wir waren miteinander im Reinen. Sie und ich. Trotzdem fiel es mir unsagbar schwer, sie loszulassen. Sie war immer ein Teil meines Lebens gewesen. Sie hatte mich geboren. Mich getröstet, wenn ich traurig war. Sie hatte mich auch geschlagen. Aber das verdrängte ich nun, es spielte für den Moment keine Rolle mehr.

Sie atmete noch. Ihr Lungen war stark, trotz ihrer jahrelangen starken Raucherei. Ihre Lippen waren braunrot. Sie roch nach Leber. Ihr Gesicht war eingefallen, denn sie hatten ihr zum Sterben das Gebiss entnommen. Ihr Mund formte sich trapezförmig. Manchmal öffnete sie ihre Augen, blickte panisch wie eine Ertrinkende um sich. Ihre Lungen füllten sich langsam mit Wasser.

Ich sass daneben. Die Stunden gingen, als wenn nichts wäre. Draussen wurde es dunkel, dann Nacht. Aber sie starb nicht. Sie atmete weiter, als würde sie den Ärmelkanal durchschwimmen. Ich legte mich neben sie. Hielt ihre Hand. Schämte mich, weil ich Angst hatte, sie vom Gehen abzuhalten. Mit einem Mal träumte ich, wir stünden an einem Bahnhof. Ich trug ein Costume und einen Hut. Sie öffnete das Fenster des Zugabteils und winkte heraus mit einem Taschentuch. Und dann fuhr der Zug ab. Ich schreckte auf.

Ihre Hand lag in meiner. Sie atmete. Noch immer.
Dann wurde es morgen. Mittag. Nachmittag.
Sie starb, als die Pflegenden sie umlagerten: Sie öffnete ein letztes Mal ihre Augen. Und dann entfuhr ihr ein letzter, tiefer, trauriger Atemzug.

Brudertag

Der 17. September ist ein Freudentag. An diesem Tag wurde mein Bruder Sven geboren. Einen Bruder zu haben ist ein wunderbares Gefühl. Ich mag es. Ich wollte immer viele Geschwister um mich haben.

Doch bei aller Freude ist sein Geburtstag auch immer das Vorzeichen seines Todes. Drei Tage nach seiner Geburt starb er. Ich weiss bis heute nicht, wie ich das alles einordnen soll. Es gibt für mich keine Antworten.

Meine Schwester lebt ihr Leben fern von mir. Und Sven ist einfach tot. Altern ohne Geschwister ist schwer. Man hat kein Spiegelbild mehr vor sich. Da sind noch die Eltern, die einem das Älterwerden vorleben. Dennoch bleibt der tote Bruder eine Illusion, ein ideales Bilder voller Liebe, die nie wirklich lebte.

An meines Bruders Geburtstag wirkte meine Mutter glücklich und zugleich am Boden zerstört. Sie hat all die verbleibenden Jahre ihres Lebens an ihn gedacht. Er kam zwei Wochen nach ihrem 28. Geburtstag zur Welt. Sie hat ihn um 28 Jahre überlebt.

Am 17. September 2007 sass ich bei ihr an ihrem Bett. Ich hatte Angst, dass sie jetzt stirbt. Im September. Diesen Monat hasse ich so sehr. Doch sie hat genau einen Monat lang mit Gehen gewartet. Dafür bin ich ihr dankbar.

Drei Frauen

Die Beziehung zwischen meiner Mutter und Omi war immer schwierig. Ich habe mich als Kind oft gefragt, warum dem so war, denn ich konnte es nicht verstehen. Meine Omi war mir immer der liebste Mensch. Warum meine Mutter sich mit ihr so stritt, fand ich unfair.

Als ich älter wurde, die Pubertät ist die Hölle auf Erden, verstand ich meine Mutter besser. Ich begann meine Mutter so zu hassen und mit ihr zu streiten, wie sie mit ihrer Mutter stritt. Ich gab meiner Mutter für alles, was in meinem Leben nicht so lief, wie ich es wollte, die Schuld. Das war ein gutes Gefühl.

Dann wurde ich älter. Meine Mutter und ich sprachen längere Zeit nicht mehr miteinander. Ich litt darunter, denn eigentlich wollte ich mit ihr auskommen, wollte, dass sie mich gerne hat und stolz auf mich ist. Ich vergass, dass es auch wichtig gewesen wäre, dass ich meinen Stolz auf sie zeigte. Das fiel mir schwer. Ich hielt sie für zu passiv. Zu wenig gebildet. Ich war überheblich, denn ich war der Meinung, wenn man sich auch nur ein klein wenig anstrengt, man alles im Leben erreichen kann.

Das stimmte ja auch, in meinem Fall. Als sie krank wurde, bemerkte ich, wie verworren alles war. Wie unglücklich meine Mutter war. Nichts war einfach. Im Angesicht des Sterbens schämte ich mich. Wenn jemand stirbt, dann spielt vieles keine Rolle mehr. Man lebt sein Leben plötzlich anders. So war es auch bei mir.

Ich sah, wie meine Mutter und meine Oma miteinander umgingen. Mir schien, als sei alles gesagt. Omi hat meiner Mutter alle Wut verziehen und meine Mutter begab sich in Omas Arme. Es war ein Geschenk und eine grosse Verantwortung, dass Omi und ich am Ende bei meiner Mutter sein durften.

Jahre später fand ich Briefe, die meine Omi an meine Mutter geschickt hat. Omi versuchte Worte für den Tod meines Bruders zu finden. Ich bemerkte, dass meine Oma sich unglaubliche Sorgen um meine Mutter gemacht hatte. Sie hatte erkannt, in welcher Krise meine Mutter steckte. Sie hatte Angst, dass sie sich umbringt. Die klaren Worte aber haben meine Mutter wütend gemacht. Sie mochte es nicht, wenn jemand in ihr Leben reinredete.

Meine Mutter hat mir kurz vor ihrer Trennung Briefe ins Welschland geschrieben. Sie beschrieb ihren Alltag an der Seite meines Vaters. Wenn ich diese Zeilen heute lese, steigen mir die Tränen ins Gesicht. In meiner Mutter steckte soviel literarisches Talent. Sie besass Witz, Klarheit, einen romantischen Geist. Sie hat nie ein Buch geschrieben. Ihre Tagebücher sind unvollständig. Vieles von dem, was sie wirklich bewegt hat, behielt sich für sich. Das ist unsagbar traurig.

 

img142

 

img803

 

2000 (15)

Pensionsalter

In einigen Tagen, am 2. September, würde meine Mutter 64 Jahre alt. Jetzt käme sie ins Pensionsalter. Ich weiss nicht genau, warum mich das seit Tagen so sehr beschäftigt.

Wir haben, als ich noch ein Kind war, oft darüber gesprochen, dass sie als Grossmutter meine Kinder sehr verwöhnen würde. Das hat sie nämlich Omi Paula immer vorgeworfen: „Du verwöhnst das Kind zu sehr.“ Ich hielt diesen Ausdruck lange Zeit für etwas Negatives. Omi verwöhnte mich nicht. Sie hatte mich einfach gern und zeigte mir das auch. Ich konnte mir nie vorstellen, dass meine Mutter mal ein Omi werden würde. Dafür schien sie mir einfach immer zu jung.

Meine Mutter hat einige Tage vor ihrem Tod 2007 dann den Wunsch geäussert, Grossmutter zu werden. Es hat alles in mir aufgewühlt. Ich fragte mich, was für eine Frau ich nun werden würde. Ich wusste, ich würde nie Mutter werden. Ich musste mich entscheiden, was ich wirklich wollte. Und so entschied ich mich. Fürs Schreiben. Für mich.

Vor acht Jahren starb meine Mutter. Ich wusste, wenn ihr Grab wieder ausgehoben wird, bin ich so alt wie sie, als sie starb. Was für eine Perspektive!

Wir haben manchmal darüber geredet, wie sehr sie sich aufs Nichtstun freut. Aber ich denke, sie meinte das nicht ernst. Sie hat gerne gewerkt. Sie hat gerne gestrickt und gehäkelt. Sie sass eigentlich nur still herum, wenn sie getrunken hatte.

Sie fehlt mir.
So sehr.

mami und ich

 

familie

 

reading zora

 

kadett und mami

 

img167

 

DSC00090 (2)