Im Garten

Heute habe ich zum ersten Mal wieder im Garten gearbeitet seit Omi nicht mehr da ist. Es war seltsam.

Ich habe die Tannzapfen unter der Tanne zusammengelesen. Omi hat die immer getrocknet und zum Anfeuern gebraucht. Wir tun es ebenso. Ich schneide die Rosen, die schon da waren, bevor Omi hier eingezogen ist vor über dreissig Jahren. Sie hatte immer grosse Freude, wenn ich ihr im Garten half, als sie es nicht mehr selber tun konnte.
Sie stand dann jeweils neben mir, schaute mir zu und motivierte mich.

Schon nach dem ersten Schnitt meinte sie jeweils: „Da chunnt guet.“ oder „Da machsch du guet, Meitli.“ oder „Bist du sicher, dass du das tun magst? Ist es nicht zu viel? Du arbeitest doch sonst so hart.“

Ich mochte es immer, für Omi im Garten was zu machen. Manchmal träumte ich davon, einen eigenen Garten zu haben.

Die Hortensienbüsche hat sie besonders geliebt. Sie hat sie vor einigen Jahren gepflanzt. Sie sind gewachsen und blühen jeden Sommer um meinen Geburtstag herum. Während ich die Stengel schneide, fährt es mir durch den Kopf: „Dieses Jahr bist du nicht dabei, Omi.“

Ich fange an, den Kompost umzuschichten und muss lächeln, weil Omi in ihren letzten Jahren im Haus so ziemlich alles im Kompost entsorgt hat. Die Sieberei war jeweils eine wahre Überraschung.

Meine Traurigkeit wird nicht weniger. Heute dachte ich mehr als einmal: gleich kommt Omi ums Haus und bringt mir einen Kaffee oder streichelt meinen Rücken.

„Warum bist du traurig?“, denke ich.
„Du fehlst, Omi.“

Frühlingsgrab

Frühlingsgrab

Seit Omi tot und beerdigt ist, verspüre ich den Wunsch, an ihr Grab zu gehen. Ich habe es aber erst heute geschafft. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte Angst, auf den Friedhof zu gehen.

Ihren Tod zu akzeptieren ist eine Sache. Ich weiss, Omi ist fast 89 Jahre alt gewesen und hatte ein volles Leben. Über „erfüllt“ mag ich gar nicht reden. Das weiss nur Omi alleine. Seit Tagen aber verspüre ich tiefe Trauer, wenn ich mich an Orten bewege, die uns beiden wichtig waren. Ich würde sehr gerne an Svens Grab vorbei gehen und mit ihm sprechen. Ich weiss genau, dass ich dann nur noch weinen würde, weil es mich so stark an alles Zurückgelassene erinnert.

Ich bekunde auch Mühe, in „unsere“ Cafés zu gehen. Omi und ich haben so viele Stunden bei Kaffee und Kuchen in Wil, Wattwil oder Lichtensteig verbracht, dass es mir jetzt einfach weh tut, ohne sie da zu sitzen.

Der Anblick ihres Grabes brachte mich an ihrer Beerdigung zum Weinen. Omi in Asche in diesem Loch zu wissen, schmerzte mich und brach mir fast das Herz. Kein Blumenschmuck, kein schöner Stein kann das heilen. Für mich liegt Omi Paula nicht in dieser kalten Erde verstreut.

Heute war ich schliesslich endlich da.
Die Sonne schien grell. Der Himmel war blau.
Omis Grab ist das erste jener Reihe und es ist so furchtbar klein.
Die Rosen ihres Grabschmucks sind längst erfroren.

Ich stehe da und meine Tränen tropfen auf den Boden,
ohne dass ich es verhindern könnte.

Mit einem Mal sind all die Erinnerungen an die letzten Wochen präsent:
Meine Angst, Omi endgültig zu verlieren. Die Kälte. Der viele Schnee.
Dann meine Müdigkeit und der Wunsch, einfach nur noch schlafen zu können, bis der Schmerz abgeklungen ist. Die Beerdigung. Die Klarheit, dass Omi nun einfach weg ist und ich von meiner direkten Familie nur noch meinen Vater habe. Die Erinnerungen an meine Kindheit im Thurgau und im Toggenburg.

Ich trete an Mamis Grab, das nur wenige Meter von Omis Grab liegt und nehme einen kleinen Engel weg. Omi hat die Engel auf Mamis Grab immer sehr geliebt. Ich stelle ihn zum Kranz und der Grabkerze, die jemand dort hingelegt hat.
Frühling, denke ich. Bitte komm und bleibe.

Zwei Monate ohne Omi

Ich habs noch immer nicht geschafft, Omis Kisten aus dem Pflegeheim auszuräumen. Sie stehen im kalten Zimmer und ich hab das Gefühl, als schauen sie mich jedes Mal traurig an.

In der Kiste sind Fotos und Alben von Omi und mir und es tut mir einfach nur weh, wenn ich sie jetzt in die Hände nehme. Ich verfluche den Winter, denn ich mir sicher, wenn ich endlich Blumen auf dem Grab pflanzen könnte, ginge es mir besser.

Ich vermisse Omis Geruch, ihre Haare, die sie immer schön von mir gekämmt haben wollte. Ich vermisse es, über ihre langen Hände zu streicheln. Dass ihr Ehering jetzt an meiner Krähenkette hängt, tröstet mich nur bedingt. Es scheint alles auseinander gerissen, was zusammen gehört.

Jetzt sollte ich mich auch damit auseinander setzen, welcher Grabstein irgendwann auf Omis Grab stehen sollte. Schliesslich gehts ums Bezahlen, ums Erben. Ich mag jetzt nicht Steine aussuchen. Mit einem Stein auf dem Grind ist alles endgültig. Am liebsten würde ich warten, bis Opas Grabstein in ein paar Monaten entfernt werden muss, denn Omi hat ihn gemocht.

Manchmal rinnen mir einfach die Tränen aus den Augen und ich weiss gar nicht weshalb. Manchmal verspüre ich einen so tiefen Schmerz in der Herzgegend, dass ich denke: jetzt gehst du auch. Dabei ist es noch nicht an der Zeit. Ich muss endlich wieder in den Garten. Meine Hände müssen die Erde spüren, damit auch sie wissen: Lebe.

Vergissmeinnicht

Nach einigen Tagen voller Arbeit und wenig Zeit fürs Sinnieren, überkam mich heute wieder die Wehmut. Omi fehlt mir so.
Die Auflistung der Bestattungskosten zeigt mir deutlich auf: Omi ist weg.

Ich habe heute mit einer Freundin, die ebenfalls einen lieben Menschen verloren hat, über die Zeit zum Trauern gesprochen. Zeit fürs Trauern bedeutet immer Zeit für mich. Zeit für meine Gefühle. Zeit, irgendwie weiter zu leben.

Mir scheint, als wäre jetzt gerade die Zeit zum Loslassen. Mein schöner, alter Mercedes gibt langsam den Geist auf und ich bemerke, dass ich, wider meine Befürchtungen, kein Problem damit habe. Dabei habe ich damals das Auto extra gekauft, damit Omi beim Einkaufen besser ein- und aussteigen kann und bequemer sitzt. Vor fünf Jahren fuhr sie das letzte Mal mit. Jetzt brauche ich kein solches Auto mehr.
Heute ist es viel eher so, dass ich mich freue, einen 4×4 zu kaufen.
Mir scheint, als entledige ich mich des Panzers, der mich so viele Jahre geschützt hat.

Ich freue mich auf den Frühling, wenn ich Rasen mähen und den Garten umgraben kann. Da ist mir Omi nahe und ich habe Zeit, um sie zu weinen, derweil ich die Erde spüre und mir die Sonne auf die nackte Haut scheinen lasse.

Ich war seit der Beerdigung nicht mehr an Omis Grab. Ich schaffe es einfach nicht.

Oder

Heute während der Heimfahrt von der Arbeit überkam mich eine Welle der Trauer.
Ich weiss nicht mal richtig warum.
Vielleicht war es der Anblick jener sehr alten Frau, die von hinten aussah, als wäre es Omi.
Am liebsten hätte ich angehalten.

„Du fehlst, Omi“ fuhr mir durch den Kopf.
Und dann flossen die Tränen.
Ich konnte einfach nicht mehr aufhören mit Weinen.

Freitagnachmittag.
Fast zwei Jahre hatte ich Zeit, die Freitagnachmittage zum Besuch zu nutzen.
Rückblickend war es zu kurz.
Ich erinnere mich noch genau an jenen schönen Freitag, als eine Ländlergruppe ihre Probe in Omis Pflegeheim abhielt und wir zusammen im Gemeinschaftsraum verzaubert der Musik lauschten.
„Ach Omi“, denke ich.

Jedes Mal, wenn ich sie besuchen ging, hatte sie ein gutes Wort für mich übrig.
„Du siehst gut aus.“
oder
„Hast du abgenommen? Schau aber auf dich, Meitli.“
oder
„Dings. Schön, dass du mal wieder da bist.“
oder
„Hast du zugenommen? Steht dir aber gut.“
Manchmal bot mir Omi auch Kaffee oder Bier an.
Oder Schoggi.

Ich bin Omi nie besuchen gegangen, wenn es mir schlecht ging.
Oder wenn ich krank war.
Oder wütend.
Omi hat nämlich immer gespürt, wie es mir ging.
Sie hat es jedes Mal persönlich genommen.
Das wollte ich nicht.

Wenn ich aber fröhlich zu Omi ging.
Ohne Sorgen.
Nur im Hier und Jetzt.
Verlief alles ruhig.
Ich fühlte mich jedes Mal gut und gestärkt, wenn ich wieder heimwärts fuhr.

Omis letzte Worte begleiten mich durch den Alltag:
„Aber warum bist du denn traurig?“

Weil du mir so fehlst, liebe Omi.

Reisegedanken

Ich weiss nicht, wie oft Omi und ich von Lichtensteig aus mit dem Zug nach St. Gallen gefahren sind. Die Reise durch Wälder, Nagelfluhlandschaften und die Sicht in die Ferne, kurz vor Herisau war für mich immer ein riesiges Erlebnis. Omi erzählte Geschichten, verpflegte mich und meine Schwester mit Süssigkeiten und bestaunte mit uns all die Dörfer auf unserer Fahrt.

Heute fahre ich diese Strecke alleine. Ich muss ganz fest an Omi denken, denn sie fehlt mir gerade bei dieser Reise sehr. Wir sind vor langer Zeit das letzte Mal gemeinsam mit dem Zug gefahren. Sie war vor über fünf Jahren nicht mehr gut zu Fuss und ich holte sie für Einkaufstouren einfach mit dem Auto ab.

Kurz nach dem Tod meiner Mutter, ihrer Tochter, sind wir gemeinsam mit einem Reisecar an den Weihnachtsmarkt in Ulm gefahren. Das Gefühl, das ich damals empfand, das ist unsere letzte gemeinsame Reise, hat mich nicht betrogen.

Beim Gedanken an Omi fühle ich, noch immer eine grosse Leere. Mir scheint, als wäre ein Teil meines Herzens verbrannt. Der Schmerz, die Trauer um Omi, sitzt tief. Ich vermisse sie.

Die Wälder ziehen an mir vorüber. Mein Blick fällt bei Mogelsberg auf alte Häuser. Ich muss an mein eigenes Haus denken, das auch sehr alt ist. Dann denke ich: Omi ist noch immer bei dir. Sie ist in den Mauern, den Möbeln und vor allem im Garten. Ich freu mich auf ihre Tulpen und die Rosen, die sie vor vielen Jahren neu gepflanzt hat. Der Frühling war Omis Lieblingsjahreszeit.

Paula im Zug

Freiheit

Als ich noch sehr klein war und in Wängi lebte, kaufte Omi mir eine Schaukel.
Sie war grün und rot und aus Metall.
Ich habe diese Schaukel sehr geliebt und es gibt unzählige Fotos, wie ich darauf sitze und glücklich bin.

Irgendwann zogen wir weg, in ein anderes Dorf.
Omi konnte nun nicht mehr einfach in den Zug sitzen und uns besuchen.
Sie war länger unterwegs. Wir sahen uns seltener.
Auch die Schaukel blieb am alten Wohnort.

Ich hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden.
In Wängi waren meine Schwester und ich „frei“. Wir hatten Freunde.
Unser Bruder lag auf dem Friedhof und in der Nähe des Hauses, am Bach,
stand mein Tintenfischbaum.

Am neuen Wohnort wurde alles anders.
Wir lebten mit unseren Eltern auf dem Schulhausareal und hatten nichts eigenes mehr.
Wir mussten alles teilen.
Die Schaukel des Kindergartens durften wir zwar benutzen, aber wenn ein anderes Kind kam, mussten wir Platz machen und gehen. Wenn wir im Sandhaufen spielten, gehörten unsere Moules plötzlich allen Kindern.

Das wäre nicht mal schlimm gewesen.
Aber andere Kinder machten unsere Sachen aus Spass kaputt.
Wir waren schliesslich nur die Kinder des Hauswarts und keiner wäre auf die Idee gekommen, diese Kinder zur Rechenschaft für ihr Verhalten zu ziehen. Ich fühlte mich minderwertig.

Das gleiche passierte unseren Tieren.
Wenn jemand sich an unserer Katze störte, konnte er sie ohne weiteres treten.
Als einmal der Hund des Nachbarn erst unsere Laufenten und dann unsere Hühner riss, passierte nichts. Warum auch besass unser Vater, der Hauswart, die Frechheit, einfach Tiere zu züchten?
Unser Privatleben war gleich null, denn immer konnte irgendjemand bei uns vorbei schauen und uns stören. Weil wir auf dem Schulhausareal lebten, konnte jeder Lehrer und jede Lehrerinnen sehen, wann ich beispielsweise spielte. Hatte ich dann eine schlechte Note an einer Prüfung, bekam ich genau das zu hören.

In den Ferien gingen wir immer zu Omi Paula.
Dort waren wir wirklich frei. Keiner machte unsere Spielsachen kaputt. Keiner nahm sich das Recht raus, uns Kindern zu sagen, dass wir stören.

Insofern hat mich dieses Erleben politisch sehr geprägt.
Ich hänge nicht am Geld oder am Wohlstand.
Aber ich liebe meine Freiheit und ich schaue wie ein Heftlimacher,
dass keiner mir sagt, wie ich zu leben habe.
Omi war da genau gleich.

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Freitag, 20. Januar 2017

Ein klein wenig habe ich mich auf gestern gefreut.
Seit Omis Tod am 9. Januar habe ich ihre Beerdigung organisiert.
Ich habe Freunde informiert und eingeladen, Blumen bestellt, mit dem Pfarrer gesprochen, ihre Todesanzeige und den Lebenslauf geschrieben und das Leidmahl organisiert. An Omis Beerdigung sollte alles so sein, wie sie es sich immer gewünscht hat.

Mehr als einmal hatte ich den Eindruck, dass sie neben mir sitzt und mir wohlwollend beim Telefonieren zusieht. Anders als beim Tod meiner Mutter fühlte ich mich nicht so gottverlassen. Weil ich wusste, dass Omi bereit war zum Gehen, mischte sich in meine Trauer immer wieder ein Glücksgefühl. Omi wurde nicht einfach aus dem Leben gerissen. Sie ging gelassen.

Trotz allem war ihre Beisetzung schwierig. Der Schnee liegt hoch und es ist sehr kalt. Ihre kleine Urne zu sehen, die auf dem Trauertisch bereitsteht, war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Einmal mehr begreife ich, das ist das Ende. Ihr Grab war freigeschaufelt und wartete nun auf ihre Asche.

Der Pfarrer segnete ihre Urne und wir watschelten alle durch den Schnee zum Grab. Omis Grab liegt praktisch neben Mamis. Wie oft standen wir hier an diesem Platz und weinten gemeinsam?

Ich berühre ein letztes Mal ihre Urne und sage ihr „Auf Wiedersehen!“. Dann gehen wir zurück in die Kirche. Ich kann nicht mehr gerade gehen. Ich fühle mich mit einem Mal uralt. Alles ist schwer und es fühlt sich an, als ob mein Herz aus der Brust gerissen wurde. Ein Freund stützt mich und ich bin dankbar, denn sonst wäre ich einfach zu Boden gefallen.

Der Trauergottesdienst ist wunderschön. Der Pfarrer fand wunderbare Worte für Omi. Sascha las ihren Lebenslauf vor. Ich denke: „Omi, da hast du ja wirklich noch einen Enkel dazu gekriegt.“
Ein wenig bedauere ich es, dass ich mich in der katholischen Kirche wie ein Alien fühle. Meine protestantische Erziehung verhindert, dass ich irgendeinen Satz mitsprechen kann.

Ich muss daran denken, was mir mein Vater erzählt hat: Omi hat nach meiner Geburt versucht, mich katholisch Nottaufen zu lassen. Ich lächle. Jetzt sitzen wir alle da. Mein Vater, seine Frau, Sascha, ich und all die Freunde, die in den letzten Tagen von Omis Leben so sehr an sie dachten und uns bei ihrer Sterbebegleitung mit lieben Worten unterstützten. Einige Bewohner und Mitarbeiterinnen des Pflegeheims sind auch da. Ich werde sie heute wohl alle zum letzten Mal sehen.

Dann ist der Gottesdienst vorüber und wir verabschieden uns voneinander. Ich bin sehr gerührt, dass der Herr Pfarrer mir nochmals anbietet, mich bei ihm melden zu dürfen, wenn ich reden will. Das werde ich wohl gerne annehmen.

Später essen wir gemeinsam in Omis Lieblingsrestaurant. Das Essen schmeckt genau so, wie sie es gemocht hätte. Es gibt eine wunderbare Suppe, Rahmschnitzel mit Spätzli und Mousses. Wir unterhalten uns, lachen und trösten uns.

Für meinen Vater und mich entstehen einige sehr emotionale Momente. Ich sage: „Jetzt habe ich nur noch dich von der Familie.“ Er weiss, was ich meine. Wir weinen beide. Ich erzähle ihm von den Briefen, die Omi nach Svens Tod an ihre Tochter geschrieben hat und sie bittet, ihr Leben nicht wegzuwerfen und für mich und Papi da zu sein. Es ist kaum zu glauben, dass es bald vierzig Jahre her ist. Ich denke: das ist das erste Mal seit 1979, dass Papi und ich an einer Beerdigung sind. Damals trugen wir Sven zu Grabe und wussten nicht, dass dies alles verändern würde.

Wir stehen draussen in der kalten, klaren Luft. Um uns herum ist alles weiss. Die Sonne drückt langsam durch und strahlt uns an. Wir umarmen uns und er drückt mich ganz fest an sich und ich mich an ihn.

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Die grosse Reise

Omi Paula liebte es, nachts abenteuerliche Einschlafgeschichten zu erzählen.
Meine liebste war folgende, die fast genau so in einer regnerischen Sommernacht passiert ist.
Wir Kinder lagen im Bett, derweil Omi uns diese Geschichte erzählte:

„Stellt euch vor, es regnet und wir sitzen alle im Bett. Wir hören die Tropfen aufs Dach tropfen, genau so wie jetzt.“
Meine Schwester und ich nickten im Dunkeln. Der Regen war furchteinflössend.
„Was machen wir,“ fragte meine Schwester, „wenn der Schlafzimmerboden nicht hält?“
Omi seufzte tief.
„Dann, ja dann, wird was ganz Schlimmes passieren.“
„Was??“ riefen meine Schwester und ich.
Wir wussten es genau!
„Wir werden mit dem Bett auf den Stubenboden purzeln, wo Opa jetzt schläft.“
Wir Kinder kreischten.
„Wir müssen Opa wecken! Und Barri!“
Barri war unser Appenzeller Sennenhund, der schon recht alt und kugelrund war.
„Ich habe eine bessere Idee“, sagte Omi.
„Wir lassen sie einfach aufs grosse Bett steigen.“

Und so fiel das grosse, alte Ehebett von Omi und Opa durch den Boden in die Stube, wo Opa und Barri sassen und mit allerletzter Kraft konnten meine Schwester und ich die beiden aufs Bett zu uns und Omi ziehen.
„Opa, hast du deine Stumpen? Und haben wir genügend Futter für Barri?“ fragte meine Schwester.
„Ja klar!“ riefen alle.
Kaum hatten wir dies ausgesprochen, fiel der Stubenboden in den Keller und von dort aus stürzte alles in den Bach. Wir hielten uns aneinander fest, denn das Bett wurde nun zu einem Floss. Wir flogen von Wasserfall zu Wasserfall, bis wir schliesslich mit einem grossen Rumpeln in der Thur landeten.

Opa zündete sich eine Zigarre an, meine Schwester streichelte den Hund.
Wir gondelten langsam die Thur hinunter, vorbei an Dietfurt, durch das tiefe Tal bei Bütschwil, vorbei an den Brücken von Lütisburg. Omi hatte einen Sack Süssigkeiten unter dem Kopfkissen versteckt und wir tranken alle Grapefruit, bis auf Opa, der ein Glas Rosé trank.

Unser Bett gondelte vorbei an Bischofszell, Weinfelden und schliesslich Frauenfeld. An der Rorerbrücke rief Omi: „Winkt mal nach oben! Da stehen eure Eltern!“
Meine Schwester und ich winkten wie wild den Eltern zu.
„Passt auf! Nicht zu fest! Nicht dass ihr aus dem Bett in die Thur fallt!“

Unser Bett hielt und so überstanden wir auch die Fahrt in den Rhein, bis wir kurz vor dem Rheinfall anhielten.
„Opa, jetzt müssen wir lenken!“ rief Omi. Und so sorgten Omi, Opa und Barri dafür, dass das alte Bett sicher den Rheinfall herabflog.
„Geht es euch allen gut?“, rief Omi.
„Ja!“ antworteten wir.

Unsere Reise dauerte noch sehr, sehr lange. „Irgendwann,“ so sagte Omi, „sind wir am Meer. Das werdet ihr schon sehen. Es ist wunderschön. Und nun schlaft gut.“

Sonntag – ein Nachtrag

Omi liegt in ihrem Bett.
Sie ist zur Seite gelagert.
Die Augen geschlossen.
Ihr Gesicht ist eingefallen.
Ihre Atmung geht schneller.
Ich streichle ihre Hand, die kühl wirkt.

Ach Omi. Ich hoffe nur, du kannst jetzt gehen.

Draussen ist alles weiss.
Es fällt weiter Schnee.
Auf dem alten Baum vor dem Pflegeheim haben sich grosse Krähen versammelt.
Ich will ihnen zurufen, denn ihr Gekrächze heimelt mich an.
Aber aus meinem Mund kommt kein Laut.

Als ich aus der Türe des Hauses trete, weine ich.
Die Schritte fallen mir schwer.
Ich bin müde und traurig.

Ich hab das Gefühl, dass ein Teil von Omi schon gegangen ist.
Wenn sie nicht mehr lebt, ist alles anders.