Loslassen im Schneetreiben

Gestern war ein struber Tag.
Ich war seit dem frühen Morgen unterwegs, weil ich mir den Schnee auf den Strassen nicht antun wollte. Fuhr mit dem Zug zur Arbeit und ging über 2 km zu Fuss an meinen Arbeitsplatz. Der kalte Wind tat mir gut.

Am Vormittag rief mich eine Pflegende von Omis Heim an und informierte mich, wie es ihr ging. Sie konnte wenig essen, schlief aber sehr viel. Das war beruhigend. Ich versprach, dass ich nach der Arbeit vorbei kommen würde. Eine liebe Mitarbeiterin kam auf mich zu und meinte: „Willst du nicht jetzt schon gehen?“ Ich verneinte energisch. Es gab so viel zu tun!

Um 16h bestieg ich den Zug in Richtung Wil. Auf halber Strecke klingelte mein Telefon. Ich erkannte die Nummer sofort. „Bitte nicht!“ dachte ich. Ich will nicht in einem Regionalzug erfahren, dass Omi tot ist. Glücklicherweise aber wollte die Pflegende mich nur über Omis schlechter werdenden Gesundheitszustand informieren. Omi konnte nicht mehr aufstehen und war schläfrig. Sie hatte Mühe zu atmen. Dann fragte mich die Pflegende, ob ich mir Gedanken gemacht hätte, was Omi denn tragen sollte, wenn sie nicht mehr lebt.

Natürlich hatte ich mir das überlegt.
Aber es auszusprechen, brachte mich zum Weinen.
„Ihre schöne weisse Spitzenbluse und ihr dunkelblaues Ensemble!“ presste ich hervor, während mir die Tränen herabliefen.

Ich fuhr weiter, nach Hause, lief durch den Schnee heim, um mich anzuziehen.
Es passte, dass Omi genau jetzt gehen wollte. Den Winter mochte sie nicht. Ich lächelte beim Gedanken, dass auch dies ein letzter Wink mit dem Zaunpfahl von Omi war. Bei dem Wetter musste ich den Bus nehmen. Ich würde nicht mit dem Auto zu ihr fahren.
„Heb dir Sorg!“ fuhr mir durch den Kopf.

Im Pflegeheim angekommen, gingen Sascha und ich zu ihrem Zimmer rauf. Wir klopften und gingen zur ihr rein. Omi lag mit geschlossenen Augen da. Ihr Atem rasselte. Ich berührte ihre Hände. Sie waren noch warm und voller Leben. Ihre Wangen sahen rosig aus.

Wir setzten uns zu ihr hin und blieben eine Stunde.
Was sollte ich Omi sagen? Dass ich sie liebte? Ich war mir sicher, dass sie das wusste.
Ich hatte in einem Punkt Angst, und der hat nichts mit Omi zu tun: Als meine Mutter starb, konnte ich einfach nicht weg. Ich konnte meine Mutter nicht alleine lassen. Eine Pflegende hat mir damals gesagt: „Vielleicht kann sie nicht sterben, solange sie da sind.“
Das Atemrasseln meiner Mutter höre ich noch heute und ich kann es nicht ertragen. Ich blieb damals bis zum Ende, weil ich sie nicht alleine lassen konte und auch spürte, dass sie nicht gehen will. Wir hielten einander fest. Das geht mir heute noch nach.

Bei Omi ist es anders.
Sie ist so uralt. Sie wirkt auf mich so, als ob sie das Leben nun wirklich hinter sich gelassen hat. Und weil sie ein religiöser Mensch ist, hat sie auch keine Angst vor dem Tod. In früheren Jahren, wenn sie Schmerzen hatte, hat sie damit gehadert, dass der Herrgott sie noch immer nicht will. Sie hat immer davon gesprochen, dass sie zum Herrgott geht und wen sie im Jenseits alles wieder sehen will. Dann meinte sie jeweils: „Aber du brauchst mich ja noch. Und ich brauch dich. Gell, du vergissisch mich nöd.“

Also sass ich gestern abend da, betete für sie und bat sie, zu gehen, wenn sie gehen will. Ohne Rücksicht auf mich. Ich erzählte ihr, wer auf sie warten würde: meine Mutter, mein Bruder Sven, Opa Walter, ihre beste Freundin, ihre Schwester Hadj, ihre Brüder Hans und Sepp, ihre Mutter Berta und ihr Vater Johann.
Ich sagte ihr: du wirst sie alle wieder sehen und es wird wunderschön werden. Irgendwann wirst du auch mich wieder sehen.

Omi seufzte. Sie öffnete ihre Augen ein klein wenig. Ich umarmte sie.

Dann gingen wir wieder nach Hause. Der Schnee fiel unaufhörlich weiter. Es war eine grosse Stille um uns herum.

Silvester 2016

Als um halb vier heute nachmittag das Telefon klingelt, weiss ich genau, dass das nicht gut ist. Ich erkannte die Nummer des Pflegeheims und erwartete das Schlimmste.

Omi geht es sehr schlecht. Sie hat Fieber. Schmerzen. Mag nicht aufstehen. Nicht essen.
Die Pflegende hat Omi gesagt, dass sie mich anruft. Also mache ich mich auf ins Pflegeheim.

Der Gang ins Pflegeheim ist mir wohlbekannt. Ich bin, im Gegensatz zu 2007, als Mami im Pflegeheim lebte, nicht mehr voller Angst, wenn ich das Haus betrete. Mittlerweile kenne ich Omis Pflegeheim gut, bin gerne da und fühle mich fast wohl dort. Aber ich habe Angst, als ich Omis Zimmer betrete.

Omi hat sich sehr verändert. Man sieht ihr das Alter an. Sie ist ein sehr alter Mensch geworden. Sie ist dünn, wirkt zerbrechlich und ihre Hände gleichen zartem Holz, das von Adern wie Ranken durchzogen ist. Ihr Anblick erschreckt mich nicht so sehr wie jener von Mami, als ich sie damals vor bald 10 Jahren sterbend im Pflegeheim angetroffen hatte.

Omi liegt auf der Seite, den Blick an die Wand geheftet, wo Mamis Kinderfoto hängt. Ich begrüsse sie, doch Omi reagiert nicht. Ohne dass ich es will oder verhindern kann, laufen mir die Tränen herunter. Ich spüre eine unglaubliche Traurigkeit in meinem Körper.

Ich setze mich zu Omi hin, berühre sie sanft, fühle mich aber nur wie ein Fremdkörper.
Tausend Bilder fahren durch meinen Kopf. Vor zehn Jahren sassen Omi und ich genauso an Mamis Sterbebett. Ich streichle Omis grauweisses Haar und flüstere.

Ich sage ihr „Omi, ich hab dich sehr gerne.“ Meine Tränen laufen weiter.
Omi dreht sich leicht um, den Blick langsam auf mich richtend.
„Ich hab dich auch lieb.“
Ich kann Omi nicht mal umarmen, weil sie so zerbrechlich ist.

Die Pflegende kommt herein, schaut kurz zu Omi und meint dann, dass Omi den ganzen Tag nicht so fit ausgesehen hat wie jetzt, als ich da bin. Sie streichelt Omi liebevoll und geht wieder.

Ich setze mich an Omis Seite und streichle ihre Hand.
Omi spricht nicht, aber sie hält ganz sanft meine Hand.
Wieder läuft die Musigwälle, wie damals als meine Mutter starb. Ich ertrags nicht.

Ich lege mein Smartphone neben Omi und suche auf youtube Omis Lieblingslieder „Oma so lieb“ und „Mamatschi„.

Wir halten, während die Musik läuft, die Hände und ich kämpfe gegen die Tränen. Als die Lieder fertig sind, sage ich ihr nochmals, wie gerne ich sie habe. Sie lächelt mich an und ich hoffe, dass ich ihr eine kleine Freude gemacht habe. Ich wünsche Omi ein gutes neues Jahr und streichle zart über ihre Hände und ihr Haar, gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

Ich bin ruhig, als wir gehen. Was soll ich sagen? Dass ich traurig bin, weil ich Omi nicht verlieren will. Nicht jetzt. Nicht heute. Eigentlich gar nie.

Sascha und ich laufen zu Fuss nach Hause. Es ist kalt draussen. Der Himmel ist klar. Die Luft riecht nach Wald und Bergen.
Alles wird gut.

Unsagbare Wut

Heute war ich zum ersten Mal richtig wütend, als ich aus dem Pflegeheim wegfuhr. Das ist mir noch nie passiert.

Ich wollte nach dem Einkaufen kurz bei Paula vorbei schauen. Nach dem Besuch letzte Woche habe ich das Gefühl, die Zeit rinnt mir wie Sand zwischen den Händen davon. Ich will ihre Stimme hören, ihre Hand streicheln, sie umarmen. Ich weiss doch nicht, wann es das letzte Mal sein wird.

Als ich ins Fernsehzimmer trete, sitzt Omi nicht wie gewohnt in ihrem Königinnensessel. Der Platz ist leer. Es gibt mir für einen Moment einen Stich ins Herz. Ich gehe zur nächsten Pflegenden. Omi ist noch im Zimmer. Sie war fast nicht aufzuwecken.

Ihr Zimmer ist im dritten Stock. Ich klopfe an die Türe, höre die Stimme einer anderen Pflegenden. Ich warte, bis sie mich hineinruft. Omi sitzt auf dem Bett. Sie trägt weder Brille noch ihr Gebiss, ist aber wach. Sie wirkt sehr müde und sehr, sehr alt, aber irgendwie auch wie ein kleines Mädchen. Die Pflegende hilft Omi beim Anziehen der Brille und Einsetzen des Gebisses.
Die Pflegende hat Omi eben im Bett gewaschen und unterstützt Omi mit lieben Worten beim Transfer auf den Rollator. Omi hat fast keine Kraft mehr. Sie hat Mühe, ihre Hände und ihre Beine zu koordinieren. Zum ersten Mal, seit sie im Pflegeheim ist, tut es mir wirklich weh, sie so zu sehen.
Omi macht tapfer mit, aber ich bemerke, dass sie gar nicht richtig versteht, was sie tun soll und es sie gleichzeitig beschämt, dass sie so viel Unterstützung braucht. Ich denke: alt werden ist manchmal richtig Scheisse.

Wir gehen alle nach unten in den Essraum, weil es in 10 Minuten Mittagessen gibt. Cordon bleu mit Pommes. Omi hat das immer sehr gerne gegessen und oft für mich und meine Schwester gekocht. Ich setze mich neben sie. Ich traue mich nicht, sie anzufassen.
Omi blickt in die Ferne. Das hat sie früher oft getan, wenn wir am Bahnhof auf den Zug gewartet haben. Ihr linkes Auge ist entzündet. Das Lid hängt ein wenig herunter.
Schliesslich sage ich: „Omi, wenns nachher Essen gibt, gehe ich wieder. Dann lasse ich dich in Frieden essen.“ Omi dreht langsam ihren Kopf und schaut in meine Richtung. Sie lächelt.

„Aber Sie müssen doch nicht extra meinetwegen gehen. Bleiben Sie doch.“ Sie schaut wiederum in die Ferne. Ich reisse mich zusammen, dass ich nicht sofort weine. Es tut mir unendlich weh.

Die anderen Bewohner – ich habe übrigens gelernt, dass es jetzt politisch korrekt ist „Bewohnende“ zu sagen. Ich frage mich, welcher politisch korrekte Vollidiot sich sowas Saublödes ausdenkt – kommen jetzt langsam an den Tisch. Ich bin umgeben von lauter achtzigjährigen, langsam gehenden Menschen. Ich bilde mir ein, dass mich einige mitleidig anschauen. Ich stehe auf und frage Omi, ob ich sie noch umarmen darf.
Sie blickt mich an und nickt: **„Jo, da dörfsch du. Ich ha da gärn, wenn du mir zum Abschied äs Küssli gisch.“ Ich umarme ganz sanft mein zerbrechliches, altes Omi. Sie drückt mir einen sanften Kuss auf die rechte Wange und sagt: „Gross bisch worde.“

Dann gehe ich. Im Auto laufen mir die Tränen herunter. Ich bin so unsagbar wütend auf die Demenz, die mir Omi einfach nimmt. Ich bin wütend auf alles und jeden und auf Gott, der nicht existiert. Ich bin wütend auf die, die mich trösten wollen und sagen, es ist doch alles nicht so schlimm und auf die, die sagen: das geht vorbei. Ich bin wütend auf all jene, denen Menschen wie Omi am Arsch vorbei gehen und die denken, sie wären über alles und jeden erhaben.

Ich atme tief durch und fahre nach Hause.

**“Ja, das darfst du. Ich mag es gern, wenn du mir zum Abschied einen Kuss gibst.“ / „Gross bist du geworden.“

Kraftquellen in der Sterbephase

Als meine Mutter im Pflegeheim lag, ging es mir schlecht. Ich hatte andauernd Angst, mich nicht mehr von ihr verabschieden zu können. Ich war am Ende meiner Kräfte, denn ich musste gleichzeitig auf Druck des Sozialamts auch noch ihre Wohnung räumen. Mir schien, als würde alles über mir zusammenbrechen. Ich allein auf weiter See. Meiner Mutter gegenüber aber durfte ich nicht zeigen, dass ich unsagbar traurig war. Sie mochte es nicht. „Noch bin ich nicht tot“, sagte sie.

Ganz so alleine, wie es sich anfühlte, war ich nicht. Rückblickend waren viele Menschen für mich da. Meine Stiefmutter hörte mir oft zu. Sie kannte meine Mutter ja auch gut und ich hatte das Gefühl, dass sie genau verstand, wie es mir ging. Auch mein Vater war für mich da. Doch ich verspürte Hemmungen, mit ihm über meine Mutter zu sprechen, denn ihre Scheidung war schwierig gewesen.

An meinem Arbeitsplatz konnte ich ebenfalls darüber sprechen, dass meine Mutter bald sterben würde. Das war eine Erleichterung. Ich hatte keine Kraft mehr, Theater zu spielen.

Mit Omi habe ich oft über Mami gesprochen. Omi war sehr traurig, aber auch sehr gefasst. Meine Mutter war ja ihr einziges Kind. Dieses zu verlieren, muss ihr wie ein einziger Hohn vorgekommen sein. Omi tröstete mich und nahm mich in den Arm. Sie sagte: „Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir haben nur noch einander.“

Meine Katze war ein sehr grosser Trost für mich.
Meine Mutter wünschte sich so sehr, nochmals mit einer Katze spielen zu dürfen, als sie im Pflegeheim lag. Ich hatte Angst, diesen Wunsch vor den Pflegenden vorzubringen, weil die schlechten Erfahrungen mit den Pflegenden im Kantonsspital Frauenfeld mich ernüchtert hatten. Aber Mami traute sich. Sie fragte einfach: „Darf meine Tochter ihre Katze mitnehmen?“

Am Ende des Lebens scheinen Wünsche schneller in Erfüllung zu gehen. Natürlich durfte die Katze ins Pflegeheim mitkommen. Wir blieben über eine Stunde bei meiner Mutter, die sich riesig freute, ihr weiches Fell zu streicheln und sie mit Keksen zu füttern. Zuhause schliefen die Katze und ich ein. Wir waren erschöpft.

Alles ist anders

Vor vier Jahren um diese Zeit steckten wir mitten in den Vorbereitungen für Omi Paulas Eintritt ins Pflegeheim. Es war unglaublich emotional, und mehr als einmal dachte ich, wir schaffen das nicht. Ich hatte Angst, dass ihr im Haus was passiert. Dass sie überfallen wird. Dass sie sich nicht mehr wehren kann und ich spät komme.

Mehr als einmal träumte ich, wie ich in meinem Auto zu ihr hinfahre und nicht vom Fleck komme. Wie ich an der Haustür klingle und sie nicht öffnet. Wie ich ums Haus herum renne und nicht zu ihr reinkomme. Wie ich draussen stehe und langsam verzweifle.

Omi hat immer wieder erwähnt, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie hofft, dass der Herrgott sie zu sich holt und sie all das hier nicht mehr ertragen muss. Ich wusste darauf nichts zu entgegnen. Ihre Verzweiflung war auch meine.

Mein damaliges Gefühl glich jenem von 2007, als meine Mutter vom Spital ins Pflegeheim verschoben wurde. Meine Mutter war gerade 56 Jahre alt geworden. Kein Fall fürs Altenheim und trotzdem am Übergang zwischen Leben und Tod. Omi hingegen war lebensfroh, trotz Demenz, trotz Trauer und trotz Lebenszweifeln.

Ich kannte ja all jene Geschichten von Menschen, die ins Heim gehen und dann einfach schnell sterben. Ich wollte Omi nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte doch nur, dass sie zufrieden und behütet leben konnte.

Vier Jahre später ist alles anders.
Omi lebt in ihrem Pflegeheim, wird geliebt und behütet, so wie sie es sich immer erträumt hat. Sie hat mir sehr oft von ihrer Mutter, Omi Berti erzählt, die weich und zärtlich war und immer nur gute Worte hatte. In Omi Paulas jetziger Phase der Demenz wirkt sie so, als würde sie genau das dank der Pflegenden erleben, die sich so liebevoll um sie kümmern.

Die Rollen haben sich weiter gewandelt. Ich lebe im Haus und empfinde nun nach, wie es Omi all die Jahre hier ergangen ist zwischen all den Erinnerungen, alten Möbeln, Büchern und Werkzeugen. Anders als Omi habe ich die Freiheit mich von den Dingen zu trennen, die mich belasten, die mir nicht gefallen und die ich nicht mehr um mich haben will.

Alles ist anders. Alles ist gleich.

Sommermelancholie

Heute morgen arbeitete ich einige Stunden im Garten. Die Umgebung im Schuss zu halten, kostet Zeit, macht mir aber riesigen Spass. Ich verliere langsam den Ekel vor all den Insekten und Achtbeinern, die hier überall herumkriechen. Im Garten unterwegs zu sein, schafft Raum fürs Nachdenken. Das merke ich immer wieder.

Ich jätete heute das Beet beim Gartentor. Es war nicht voller Unkraut, aber doch so sehr, dass es sich lohnte, mit der Harke durchzugehen. Dann jätete ich das Tomatenbeet. Es steht dort, wo Omi schon vor dreissig Jahren bereits Tomaten geerntet hat. Ich entfernte eine Himbeerstaude, da ich unter all dem Zeugs einen wunderschönen, fruchttragenden Brombeerenstrauch entdeckt hatte. Den wollte ich frei legen. Beim Boden lockern entdeckte ich erneut Müll, den Omi hier „kompostiert“ hat: Brekkies-Aluminiumdeckel, verrottete Plastikstücke, Medikamentenblister.

Obwohl Omi Paula bald vier Jahre nicht mehr hier im Haus lebt, sind ihre Spuren noch deutlich. Erst kürzlich haben wir den Weichspüler aufgetrieben, den sie immer benützt hat. Jetzt riecht die Wäsche wieder so, als wäre sie erst gerade am Waschen gewesen.

Vor vier Jahren waren wir auf der Suche nach einem Heim für Omi Paula. Es scheint mir, als wäre es gestern und vor hundert Jahren gewesen. So viel ist seither geschehen. Manchmal, gerade wenn ich sehr glücklich bin, bedauere ich, dass Omi nicht mehr den Kontakt zu den tollen Menschen hier im Städtli gesucht hat. Sie hätte mit ihrer fröhlichen Art so gut hineingepasst.

Aber dann denke ich: genau das bringt die Demenz mit sich. Ein Mensch vereinsamt. Die Gedächtnislücken machen Angst und sorgen dafür, dass er oder sie sich nicht mehr unter Leute traut, weil man sich so sehr schämt und die Welt nicht mehr versteht. Der Umgang mit Demenz ist eine Aufgabe, die uns alle angeht, gerade in einer Gemeinschaft. Es scheint mir sehr wichtig, Menschen, die eine beginnende Demenz haben, nicht fallen zu lassen, sondern für sie da zu sein, sei es mit Einkaufen, gemeinsamem Kaffeetrinken oder ganz einfach Zuhören.

Omi besuchen

Ich habe lange nichts mehr von Omi geschrieben. Das hat aber weniger damit zu tun, dass ich sie nicht sehe, sondern dass es nichts zu erzählen gibt. Zumindest dachte ich das.

Omi schläft viel. Als wir sie das vorletzte Mal besuchen gingen, schlief sie tief und fest.
Sie wirkt zufrieden. Sie liegt auf ihrem Entspannungssessel, derweil der Fernseher läuft. Im Raum dösen noch mehr Menschen. Es herrscht eine friedliche Stimmung im Ruheraum zwischen diesen sehr alten Menschen. Manchmal denke ich daran, was haben sie alles noch zu erzählen haben.
Was habt ihr alles erlebt?
Welche Geschichten werden irgendwann mit euch gemeinsam für immer einschlafen?

Wenn Omi wach ist, reden wir. Sie thront in ihrem Ruhesessel, die Füsse hochgelagert, wie eine sehr alte Königin. Sie begrüsst uns wie früher, wenn wir sie im Haus besuchen kamen. Sie bietet uns Bier und Kaffee an und entschuldigt sich, dass sie keine Guetzli vorrätig hat. Sie gestiert sanft mit den Händen, ohne ihre Beine zu bewegen. Wir küssen uns und ich bemerke, wie sehr sie noch immer Berührungen und Küsschen mag.

Früher sind wir uns manchmal einfach unvermittelt in die Arme gefallen und standen einige Minuten eng umschlungen da. Sie hielt mich fest. Sagte Dinge wie: „Schön, dass du da bist.“ oder „Jetzt bleiben wir einfach so stehen.“

Das tun wir heute nicht mehr. Omi kann ohne Rollator nicht mehr stehen und ich traue mich nicht mehr, sie einfach zu umarmen, denn sie ist sehr zerbrechlich geworden.

Wir reden noch immer, aber unsere Dialoge klingen heute wie Dada-Gedichte. Omi bricht Sätze und Wörter ab. Fügt sie zu neuen Buchstabengebilden zusammen. Ihre Mimik ist noch gleich wie früher. Sie entschuldigt sich jedes Mal, dass sie sich nicht mehr erinnern kann und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

Vor einigen Tagen durchforstete ich die Fotoschachtel und stiess auf ein Photo, das ich vor bald 25 Jahren gemacht habe. Omi schaut aus dem Küchenfenster. Sie trägt ihren hellblauen Pullover, die schwarzen Haare liegen in Dauerwellen an ihrem Gesicht. Omi lacht und winkt mir zu. Ich muss oft an dieses Bild denken, weil es genau das ausdrückt, was ich empfinde: ein Abschied auf Raten.

Nach 30 Minuten gehen wir jeweils wieder. Länger halte ich es nicht (mehr) aus und längere Besuche machen auch keinen Sinn. Sie hat ihr Leben und ich meines. Wir geben uns Küsschen und ich verspreche ihr jedes Mal, dass ich wieder komme. Jedes Mal versucht sie mich zu überzeugen, doch noch nicht zu gehen. Jedes Mal denke ich daran, dass irgendwann der Tag da ist, wo ich ins Pflegeheim gerufen werde und nur noch ihre körperliche Hülle da ist und Omi verschwunden ist.

Die 30er im Rückspiegel.

Vor neun Jahren wurde ich 30 Jahre alt. Ich feierte meinen Geburtstag mit Wein und Zigarren und meinem damaligen Freund. Ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Liebe, meinen Traumjob, ich war gesund und zuversichtlich.

10 Tage später zerbrach alles um mich herum. Ich hatte gewusst, dass meine Mutter früh sterben würde und ich hatte mir, schon in der Ausbildung, vorgenommen, sie nie zu pflegen. Der Moment, als ich erkannte, dass sie im Sterben liegt und ich sie nicht alleine lassen würde, war heftig. Diese Klarheit im Handeln war für mich wegweisend. Ich schöpfte Kraft in Gesprächen mit Omi. Gemeinsam würden wir es schaffen.

Der Tod eines geliebten Menschen verändert einen.
Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Die Trauer um einen Menschen stellt alles auf den Kopf.

Heute nun bin ich 39 Jahre alt geworden und ich staune erneut, wie sich in den neun Jahren alles um mich herum verändert hat. Jedes Jahr beinhaltete so viele gute Momente und mutmachende Begegnungen, trotz der Trauer um meine Mutter. Meine grosse Angst, in ein Loch zu fallen, bewahrheitete sich nicht. Irgendwie schaffte ich es, mich um Omi zu kümmern, auch wenn es oft weh tat und ich mich hilflos fühlte.

Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, über all diese Erlebnisse und Gefühle zu schreiben. Denn es ist wahr: es gibt so viele Menschen, denen es ähnlich geht und mit denen man sich austauschen kann, ohne zu jammern und wehklagen. Man muss sich nicht verstellen. Man schöpft Kraft und kann diese auch weitergeben.

Für mich der bewegendste Moment im Juni war der Moment, als der Kontakt zu meiner Schwester wieder zustande kam. Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht zu bemerken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Ich hoffe nun, wir können diesen Kontakt vertiefen. Es gibt noch so viel zu erleben und auszutauschen!

Omi schläft

Seit Omi im Pflegeheim lebt, und das ist schon vier Jahre her, ist es schwierig, den „richtigen“ Zeitpunkt für einen Besuch zu finden.

Früher konnte ich immer bei Omi vorbeigehen. Sie war immer zuhause, wach und freute sich über meinen Besuch. Omi stand früh am Morgen auf, ging in den Garten, einkaufen, schaute fern und räumte auf.

Ein Pflegeheim gibt andere Strukturen vor: Die Bewohner des Heims werden gewaschen, falls sie es nicht mehr selber können, zu einer bestimmten Zeit, sie essen zu einer bestimmten Zeit und sie schlafen zu einer bestimmten Zeit.

Omi ist schnell müde nach dem Essen. Sie geniesst zwar alles, aber irgendwann fallen ihr einfach die Augendeckel zu. Es berührt mich, denn ich kenne Omi als unermüdlichen Menschen. Wenn ich jetzt einfach so vorbeigehe, treffe ich sie oft schlafend an. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass sich ein Mensch gegen Ende seines Lebens entspannen kann.

Aber ich weiss natürlich auch, dass diese Schläfrigkeit ein Teil des Sterbeprozesses ist. Bei meiner Mutter habe ich ihn hautnah miterlebt.
Ich hab noch nicht mal Angst davor. Aber es macht mich traurig.

Ich bin dankbar, dass ich in Omis Haus leben darf. Es gibt keinen einzigen Tag, wo ich nicht an sie denke. Wenn ich die Rosen anschaue, die Johannisbeerbüsche oder die Eidechsen beobachte. Immer wieder denke ich an diese Kindheit zurück, die dank ihrer Liebe trotz allem schön war.

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten so wie früher miteinander beim Einkaufen herumlaufen. Mit eingehakten Armen. Lächelnd.
„No es Käfeli, Omi?“
„Aber immer, Schatz Gottes. E Schale. Und en Toascht Hawaii.“
„Gärn.“

„Noch einen kleinen Kaffee, Oma?“
„Aber immer, Schatz Gottes. Eine Schale. Und einen Toast Hawaii.“
„Gern.“

Zwei Erinnerungen auf Fotofilm

Es gibt zwei Erinnerungen an Omi, bei denen ich immer auch bei schlechtester Laune sofort lächeln muss, sobald ich die jeweiligen Fotografien ansehe.

In der ersten Erinnerung sitze ich auf Omis Knien. Sie trägt ein gutes Kleid und füttert mich mit Süssigkeiten. Sie tut es mit den Händen. Lächelt mich glücklich an. Ich fühle mich offenbar wohl. Ich spiele gerne an den Knöpfen ihres Kleids herum, versuchte wohl, alle in die gleiche Richtung zu drehen. Wenn ich Fotos von damals ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass wir wie Mutter und Kind sind. Ich besitze kein einziges Bild, das mich so mit meiner eigenen Mutter in dieser Innigkeit zeigt.

 

Omi und ich (2) (685x582)

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zora isst Schokoküsse

 

In der zweiten Erinnerung bin ich schon grösser. Wann immer ich zu Omi kam, ganz egal, ob es in den 80ern, den 90ern oder bis vor wenigen Jahren war: Omi war immer dabei, Wäsche aufzuhängen. Ich glaube, dass diese Tätigkeit ihr Sicherheit gab. Ich weiss gar nicht, ob sie auch saubere Wäsche gewaschen hat. Sie mochte es einfach. Sie konnte die Stücke so perfekt befestigen, dass sie sie nachher nicht einmal mehr bügeln musste. Denn das hat sie nämlich gehasst.

Der Geruch von Comfort ist noch immer in meiner Nase. Der Wind weht zwischen den Leintüchern, der Unterwäsche und den Strümpfen hindurch.

Heute habe ich Wäsche auf unserer Terrasse aufgehängt. Wir haben sie „Acapulco“ getauft, weil es hier im Sommer sehr heiß ist. Ich hab den Eindruck, als Omi jeden Moment um die Ecke kommen könnte. Bemerkenswert ist hierbei, wie oft Omi beim Wäsche aufhängen fotografiert wurde.

 

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