Donnerstag.

Omi liegt friedlich im Bett. Ihre Atmung geht ruhig, ab und zu ist ein Rasseln zu hören.
Anders als am Mittwochabend bin ich gestern morgen ruhiger.
Gleichwohl steigen mir die Tränen in die Augen, als ich sie sehe.

Fast 40 Jahre war sie an meiner Seite. Sie hat mich immer beschützt.
Sie war da, als mein Bruder starb. Sie hatte immer ein gutes Wort für mich.
Sie war immer stolz auf alles, was ich gemacht habe.

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Ich berühre ihre Hände. Sie sind kühler als noch am Mittwoch.
Omis Mund ist trapezförmig geöffnet.

Ich sitze da, streichle ihre Hand, ihre Wange.
Flüstere. Trockne meine Tränen.
Ich sage ihr wiederum, dass sie gehen darf. Dass ich zwar traurig bin, aber mich für sie freue, wenn sie es geschafft hat. Ich wünsche mir so, dass sie jetzt gehen darf.

Als wir das Pflegeheim verlassen, schneit es. Ich fühle mich müde, traurig und irgendwie ruhiger.

Loslassen im Schneetreiben

Gestern war ein struber Tag.
Ich war seit dem frühen Morgen unterwegs, weil ich mir den Schnee auf den Strassen nicht antun wollte. Fuhr mit dem Zug zur Arbeit und ging über 2 km zu Fuss an meinen Arbeitsplatz. Der kalte Wind tat mir gut.

Am Vormittag rief mich eine Pflegende von Omis Heim an und informierte mich, wie es ihr ging. Sie konnte wenig essen, schlief aber sehr viel. Das war beruhigend. Ich versprach, dass ich nach der Arbeit vorbei kommen würde. Eine liebe Mitarbeiterin kam auf mich zu und meinte: „Willst du nicht jetzt schon gehen?“ Ich verneinte energisch. Es gab so viel zu tun!

Um 16h bestieg ich den Zug in Richtung Wil. Auf halber Strecke klingelte mein Telefon. Ich erkannte die Nummer sofort. „Bitte nicht!“ dachte ich. Ich will nicht in einem Regionalzug erfahren, dass Omi tot ist. Glücklicherweise aber wollte die Pflegende mich nur über Omis schlechter werdenden Gesundheitszustand informieren. Omi konnte nicht mehr aufstehen und war schläfrig. Sie hatte Mühe zu atmen. Dann fragte mich die Pflegende, ob ich mir Gedanken gemacht hätte, was Omi denn tragen sollte, wenn sie nicht mehr lebt.

Natürlich hatte ich mir das überlegt.
Aber es auszusprechen, brachte mich zum Weinen.
„Ihre schöne weisse Spitzenbluse und ihr dunkelblaues Ensemble!“ presste ich hervor, während mir die Tränen herabliefen.

Ich fuhr weiter, nach Hause, lief durch den Schnee heim, um mich anzuziehen.
Es passte, dass Omi genau jetzt gehen wollte. Den Winter mochte sie nicht. Ich lächelte beim Gedanken, dass auch dies ein letzter Wink mit dem Zaunpfahl von Omi war. Bei dem Wetter musste ich den Bus nehmen. Ich würde nicht mit dem Auto zu ihr fahren.
„Heb dir Sorg!“ fuhr mir durch den Kopf.

Im Pflegeheim angekommen, gingen Sascha und ich zu ihrem Zimmer rauf. Wir klopften und gingen zur ihr rein. Omi lag mit geschlossenen Augen da. Ihr Atem rasselte. Ich berührte ihre Hände. Sie waren noch warm und voller Leben. Ihre Wangen sahen rosig aus.

Wir setzten uns zu ihr hin und blieben eine Stunde.
Was sollte ich Omi sagen? Dass ich sie liebte? Ich war mir sicher, dass sie das wusste.
Ich hatte in einem Punkt Angst, und der hat nichts mit Omi zu tun: Als meine Mutter starb, konnte ich einfach nicht weg. Ich konnte meine Mutter nicht alleine lassen. Eine Pflegende hat mir damals gesagt: „Vielleicht kann sie nicht sterben, solange sie da sind.“
Das Atemrasseln meiner Mutter höre ich noch heute und ich kann es nicht ertragen. Ich blieb damals bis zum Ende, weil ich sie nicht alleine lassen konte und auch spürte, dass sie nicht gehen will. Wir hielten einander fest. Das geht mir heute noch nach.

Bei Omi ist es anders.
Sie ist so uralt. Sie wirkt auf mich so, als ob sie das Leben nun wirklich hinter sich gelassen hat. Und weil sie ein religiöser Mensch ist, hat sie auch keine Angst vor dem Tod. In früheren Jahren, wenn sie Schmerzen hatte, hat sie damit gehadert, dass der Herrgott sie noch immer nicht will. Sie hat immer davon gesprochen, dass sie zum Herrgott geht und wen sie im Jenseits alles wieder sehen will. Dann meinte sie jeweils: „Aber du brauchst mich ja noch. Und ich brauch dich. Gell, du vergissisch mich nöd.“

Also sass ich gestern abend da, betete für sie und bat sie, zu gehen, wenn sie gehen will. Ohne Rücksicht auf mich. Ich erzählte ihr, wer auf sie warten würde: meine Mutter, mein Bruder Sven, Opa Walter, ihre beste Freundin, ihre Schwester Hadj, ihre Brüder Hans und Sepp, ihre Mutter Berta und ihr Vater Johann.
Ich sagte ihr: du wirst sie alle wieder sehen und es wird wunderschön werden. Irgendwann wirst du auch mich wieder sehen.

Omi seufzte. Sie öffnete ihre Augen ein klein wenig. Ich umarmte sie.

Dann gingen wir wieder nach Hause. Der Schnee fiel unaufhörlich weiter. Es war eine grosse Stille um uns herum.

Was kommt?

Es gibt etwas, was mich sehr beschäftigt.
1997 wurde ich 20 Jahre alt, in dem Jahr starb Opa. 2007, drei Monate nach meinem dreissigsten Geburtstag, starb Mami. Dieses Jahr werde ich 40 und ich setze mich damit auseinander, dass Omi geht.

Omi ist 88. Sie lebt, anders als es ihre Lebensgeschichte hätte vermuten lassen, noch immer. Als sie ein kleines Mädchen war, erkrankte sie an einer Hirnhautentzündung. Daran wäre sie fast gestorben.

Trotzdem habe ich Angst vor dem Tag, wo Omi nicht mehr ist.
Unsere Verbindung ist sehr tief. Sie ist nicht zu vergleichen mit der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Es ist etwas anderes. Es ist Verstehen ohne Worte. Liebe ohne Bedingungen.

Es gibt Tage, da hadere ich so sehr mit ihrer Demenz. Unsere Gespräche, unser gemeinsames Lachen, die Geschichten, die sie so wunderbar erzählen konnte, fehlen mir. Sie ist meine Verbindung zu all den Leuten, die ich nicht gekannt habe. Das ist mein grösster Verlust und das verzeihe ich der Demenz nie.

Dann wieder gibt es Tage, Silvester 2016 war so ein Tag, da bin ich einfach nur verwundert.
Omi hat Fieber, wälzt sich, ist nicht ansprechbar, reagiert dann aber so klar auf Worte und Musik. Es scheint, als wäre sie für einen Moment aus der Tiefe der Demenz aufgetaucht, um mit mir zu reden. Mich zu trösten. Mir zu sagen, dass ich keine Angst zu haben brauche, denn Omi hat auch keine Angst.

Es gibt Menschen, die mir sagen, ich darf Omi loslassen. Oder ich höre „das Leben ist halt so“.
Ich bin dann immer etwas hilflos, denn das weiss ich alles selber.
Ich bin traurig, und ich schaffe es nicht, in dieser Situation Fröhlichkeit und Hoffnung zu vermitteln. Ich schaffe es auch nicht, meine Tränen herunterzuschlucken, denn mir scheint, als wären die Tränen die einzige Möglichkeit, meinen Verlust, den ich erlebe, auszudrücken.

Silvester 2016

Als um halb vier heute nachmittag das Telefon klingelt, weiss ich genau, dass das nicht gut ist. Ich erkannte die Nummer des Pflegeheims und erwartete das Schlimmste.

Omi geht es sehr schlecht. Sie hat Fieber. Schmerzen. Mag nicht aufstehen. Nicht essen.
Die Pflegende hat Omi gesagt, dass sie mich anruft. Also mache ich mich auf ins Pflegeheim.

Der Gang ins Pflegeheim ist mir wohlbekannt. Ich bin, im Gegensatz zu 2007, als Mami im Pflegeheim lebte, nicht mehr voller Angst, wenn ich das Haus betrete. Mittlerweile kenne ich Omis Pflegeheim gut, bin gerne da und fühle mich fast wohl dort. Aber ich habe Angst, als ich Omis Zimmer betrete.

Omi hat sich sehr verändert. Man sieht ihr das Alter an. Sie ist ein sehr alter Mensch geworden. Sie ist dünn, wirkt zerbrechlich und ihre Hände gleichen zartem Holz, das von Adern wie Ranken durchzogen ist. Ihr Anblick erschreckt mich nicht so sehr wie jener von Mami, als ich sie damals vor bald 10 Jahren sterbend im Pflegeheim angetroffen hatte.

Omi liegt auf der Seite, den Blick an die Wand geheftet, wo Mamis Kinderfoto hängt. Ich begrüsse sie, doch Omi reagiert nicht. Ohne dass ich es will oder verhindern kann, laufen mir die Tränen herunter. Ich spüre eine unglaubliche Traurigkeit in meinem Körper.

Ich setze mich zu Omi hin, berühre sie sanft, fühle mich aber nur wie ein Fremdkörper.
Tausend Bilder fahren durch meinen Kopf. Vor zehn Jahren sassen Omi und ich genauso an Mamis Sterbebett. Ich streichle Omis grauweisses Haar und flüstere.

Ich sage ihr „Omi, ich hab dich sehr gerne.“ Meine Tränen laufen weiter.
Omi dreht sich leicht um, den Blick langsam auf mich richtend.
„Ich hab dich auch lieb.“
Ich kann Omi nicht mal umarmen, weil sie so zerbrechlich ist.

Die Pflegende kommt herein, schaut kurz zu Omi und meint dann, dass Omi den ganzen Tag nicht so fit ausgesehen hat wie jetzt, als ich da bin. Sie streichelt Omi liebevoll und geht wieder.

Ich setze mich an Omis Seite und streichle ihre Hand.
Omi spricht nicht, aber sie hält ganz sanft meine Hand.
Wieder läuft die Musigwälle, wie damals als meine Mutter starb. Ich ertrags nicht.

Ich lege mein Smartphone neben Omi und suche auf youtube Omis Lieblingslieder „Oma so lieb“ und „Mamatschi„.

Wir halten, während die Musik läuft, die Hände und ich kämpfe gegen die Tränen. Als die Lieder fertig sind, sage ich ihr nochmals, wie gerne ich sie habe. Sie lächelt mich an und ich hoffe, dass ich ihr eine kleine Freude gemacht habe. Ich wünsche Omi ein gutes neues Jahr und streichle zart über ihre Hände und ihr Haar, gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

Ich bin ruhig, als wir gehen. Was soll ich sagen? Dass ich traurig bin, weil ich Omi nicht verlieren will. Nicht jetzt. Nicht heute. Eigentlich gar nie.

Sascha und ich laufen zu Fuss nach Hause. Es ist kalt draussen. Der Himmel ist klar. Die Luft riecht nach Wald und Bergen.
Alles wird gut.

Weihnachtessenübermorgen

Nächsten Mittwoch sind wir bei Omi im Pflegeheim zum Weihnachtsessen eingeladen.
Ganz im Ernst: mir graut davor.

Ich mag das Pflegeheim wirklich sehr. Die Tradition des Weihnachtsessens ist super, dass Angehörige dabei sein dürfen, finde ich wunderschön. Aber irgendwie habe ich Mühe damit, mit Omi, die müde sein wird, wenig Appetit hat, da zu sitzen, sie zu überreden, dass sie essen oder ihre Medis nehmen oder den Lärm aushalten soll.

Unsere Weihnachtsfeiern zuhause waren immer still. Wir haben im allerkleinsten Familienkreis gefeiert. Es gab Geschenke, Omi kochte Voressen oder wir assen Fondue Chinoise oder Raclette. Wir waren nie mehr als sechs Personen.

Omi hat immer gerne gegessen. Sie hat mir einmal erzählt, dass ihre Eltern so arm waren, dass sie jeweils ins Kapuzinerkloster gehen musste, um dort um Suppe zu bitten. Omi hat nie Essen weggeschmissen. Das alte Brot hat sie, wenn es Resten gab, klein geschnitten und den Enten gefüttert.

Ich bin froh, dass Sascha an meiner Seite ist, denn alleine würde ich den Mittwochabend nicht durchstehen. Ich weiss, dass Omi gut gepflegt wird. Ich weiss, dass alle es gut meinen. Aber ich komme damit nicht klar, dass sie essen soll, auch wenn sie nicht mag.

Ich würde Omi gerne beschenken, so wie sie mich all die Jahre an Weihnachten, und vor allem das ganze Jahr, beschenkt hat. Aber jetzt machen grosse Geschenke keinen Sinn mehr. Sie mag zwar Schokolade und Plüschtiere, aber immer nur Plüschtiere schenken, scheint mir auch doof. Zeit ist das, was ich ihr schenken mag, aber auch das kann sie nur bedingt annehmen.

So bleibt mir nur ein Versprechen, nämlich jenes, das wir uns gegeben haben, als mein Mami vor neun Jahren starb.
„Bleibst du auch bei mir bis zum Ende?“
„Ja, Omi. Aber das Ende kommt hoffentlich weder heute noch morgen.“
„Nein. Aber übermorgen. Oder überübermorgen. Oder überüberübermorgen.“
„Ich habs verstanden, Omi.“
„Ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“

Ungebetene Gäste

Plötzlich waren sie da.
Ich hatte sie nicht eingeladen. Die ersten beiden Tage nach ihrer Entdeckung konnte ich nicht darüber sprechen. Mit niemandem. Tausend Dinge schwirrten durch meinen Kopf.
Was ist, wenn…?
Was machst du jetzt? Wie soll dein Leben weiter gehen?

Vor zwei Wochen entdeckte ich Knoten in meiner Brust.
Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt verstarb, litt ebenfalls darunter. Sie wurde 56 Jahre alt.
Darüber nachzudenken, was nun passieren würde, fiel mir schwer. Frauenärztin. Ein Besuch. Die nächste Kontrolle war zwar erst für Februar 2017 geplant, aber dies war wohl eine andere Sache.

In der Phase des Nichtdarübersprechenkönnens musste ich an Omi Paula denken.
„Das kannst du Omi nicht antun!“ schrie eine Stimme in mir.
Ich musste lachen und weinen gleichzeitig. Omi würde nicht mal merken, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich schob den Gedanken zur Seite.

Ich dachte an jene Menschen und Dinge, die mir Kraft gaben. Aber bei Omi ging ich nicht vorbei. Denn ich wusste genau, sie würde meine Traurigkeit spüren und es würde sie verwirren. Denn trotz Demenz würde sie noch immer direkt in mein Herz sehen können, so wie sie es immer getan hat, als ich noch ein Kind war und sie meine Oma.

Einige Tage zuvor hatte ich ein Referat übers Trauern gehalten. Dass ich mich nun damit auseinandersetzen musste, dass ich selber vielleicht sehr krank würde, befand ich als Ironie des Schicksals.

Der Termin bei meiner Ärztin verlief gut. Ein Ultraschall. Keine Tumoren. Kein Krebs. Lediglich eine Laune der Natur. Ich war erleichtert. Und dann dachte ich: mit 39 ist es verdammt noch Mal zu früh, um über das eigene Ende nachzudenken.

Neun Jahre ohne dich

Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn der morgige Tag nicht der wäre, der er für mich geworden ist: dein Todestag. Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn du noch lebtest.

Neun Jahre sind eine lange Zeit und ein Flügelschlag.

65 wärst du jetzt und ich stelle mir vor, dass du ein klein wenig aussiehst wie Connie Palmen. Eine rauhe Stimme vom vielen Rauchen und Trinken. Ein charmantes Lächeln. Viele Falten. Du wärst ne ziemlich coole Rentnerin geworden.

Doch dann stellen sich die Bilder in meinem Kopf ein, wie du gegangen bist. Dein Leiden. Dein Festhalten am Leben wie eine Ertrinkende. Sterben ist kein Ponyhof. Das Band zwischen Mutter und Tochter scheint in unserem Falle tiefer und enger zu sein, als wir es beide je erwartet haben.

In 16 Jahren bin ich so alt wie du, als du starbst. 16 Jahre sind nichts. Neun Jahre sind nichts. Das ganze Leben verläuft im Sand. Es geht viel zu schnell. Es bleiben nur die Erinnerungen und die Gedanken an jene Menschen, die einen geprägt haben.

Kraftquellen in der Sterbephase

Als meine Mutter im Pflegeheim lag, ging es mir schlecht. Ich hatte andauernd Angst, mich nicht mehr von ihr verabschieden zu können. Ich war am Ende meiner Kräfte, denn ich musste gleichzeitig auf Druck des Sozialamts auch noch ihre Wohnung räumen. Mir schien, als würde alles über mir zusammenbrechen. Ich allein auf weiter See. Meiner Mutter gegenüber aber durfte ich nicht zeigen, dass ich unsagbar traurig war. Sie mochte es nicht. „Noch bin ich nicht tot“, sagte sie.

Ganz so alleine, wie es sich anfühlte, war ich nicht. Rückblickend waren viele Menschen für mich da. Meine Stiefmutter hörte mir oft zu. Sie kannte meine Mutter ja auch gut und ich hatte das Gefühl, dass sie genau verstand, wie es mir ging. Auch mein Vater war für mich da. Doch ich verspürte Hemmungen, mit ihm über meine Mutter zu sprechen, denn ihre Scheidung war schwierig gewesen.

An meinem Arbeitsplatz konnte ich ebenfalls darüber sprechen, dass meine Mutter bald sterben würde. Das war eine Erleichterung. Ich hatte keine Kraft mehr, Theater zu spielen.

Mit Omi habe ich oft über Mami gesprochen. Omi war sehr traurig, aber auch sehr gefasst. Meine Mutter war ja ihr einziges Kind. Dieses zu verlieren, muss ihr wie ein einziger Hohn vorgekommen sein. Omi tröstete mich und nahm mich in den Arm. Sie sagte: „Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir haben nur noch einander.“

Meine Katze war ein sehr grosser Trost für mich.
Meine Mutter wünschte sich so sehr, nochmals mit einer Katze spielen zu dürfen, als sie im Pflegeheim lag. Ich hatte Angst, diesen Wunsch vor den Pflegenden vorzubringen, weil die schlechten Erfahrungen mit den Pflegenden im Kantonsspital Frauenfeld mich ernüchtert hatten. Aber Mami traute sich. Sie fragte einfach: „Darf meine Tochter ihre Katze mitnehmen?“

Am Ende des Lebens scheinen Wünsche schneller in Erfüllung zu gehen. Natürlich durfte die Katze ins Pflegeheim mitkommen. Wir blieben über eine Stunde bei meiner Mutter, die sich riesig freute, ihr weiches Fell zu streicheln und sie mit Keksen zu füttern. Zuhause schliefen die Katze und ich ein. Wir waren erschöpft.

Sie fehlt.

Als meine Mutter vor bald neun Jahren verstarb, hätte ich nicht gedacht, dass es jemals ein anderes Gefühl als Trauer und Leere für mich geben würde. Ihre letzten Tage hatten mir alles abverlangt. Ich hatte das Gefühl, einen Marathon absolviert zu haben.

Die Erleichterung darüber, dass sie „es“ geschafft hatte, herrschte nur am Anfang vor. Schnell einmal war der Alltag wieder da. Es war, als hätte es meine Mutter nie gegeben. Als wäre sie nie gestorben. Als wäre ich nicht dabei gewesen, wie sie ihren letzten Atemzug tat. Trauer ist ein gottverdammter Hemmschuh in einer Gesellschaft von allzeit fröhlichen Menschen.

Nichts war mehr wie vorher. Mir schien, als hätte ich all meine Zwiebelhäute auf einmal verloren. Als wäre ich ein Haus, das zwar aussieht wie früher, aber als wären alle Steine, aus denen ich erbaut worden war, neu aufgeschichtet und mit frischem Putz überzogen. Ich hatte Schmerzen. Mein Herz. Es schien mir, als wäre es von tausend feinen, kleinen Schnitten durchzogen und würde langsam ausbluten.

Ich las Bücher über Trauer. Einige waren hilfreich. Lyrik war ebenfalls ein gutes Pflaster. Manchmal schaute ich unsere gemeinsamen Lieblingsfilme an, nur um einfach weinen zu können. Manchmal schmunzelte ich auch über mich. Nie hatte ich um einen Mann, einen Liebhaber, so sehr getrauert wie um meine Mutter. Sie hätte das bestimmt witzig gefunden.

Durch die Strassen zu fahren, durch die sie einst gelaufen ist, tat mir weh. Noch heute erinnere ich mich daran, wie und wo wir uns in Frauenfeld getroffen hatten. Alles scheint präsent. Nur sie fehlt.

Der letzte Monat

Getäfert waren die Wände des Pflegeheims, in dem meine Mutter lag. Es war September, neblig und sonnig zugleich. Ihr Bett stand an der Wand. Auf der Matratze lag eine selbstgehäkelte Decke. Auf ihrem Nachttischli stand eine kleine Flasche Grapillon Traubensaft.

Ich kaufte ihr einen CD-Player mit Radio, damit sie die Musikwelle hören konnte. Sie liebte diesen Sender in ihren letzten Monaten, als ihr das Fernsehen längst nichts mehr bedeutete. Oft sassen wir gemeinsam auf ihrem Bett. Wir schauten Zeitschriften an. Schwiegen.

Manchmal stritt sie mit mir über meine Kleidung. Sie hasste schwarz.
Vielleicht ist dies vielen Sterbenden gemeinsam. Sie liebte Farben. Von ihr aus hätte ich auch in knallgelb trauern können.

Ich wusste, dass uns die Zeit davon lief. Ich wollte jeden Moment mit ihr geniessen. Sie umarmen. Nie mehr loslassen.

Das Wissen, dass ein geliebter Mensch, die Mutter stirbt, schmerzt ungemein. Ich war dauernd nahe am Weinen, ohne es endlich tun zu können. Die abgrundtiefe Trauer riss mich erst mit, als sie tot war. Selbst da brauchte ich Zeit, bis ich endlich wieder weinen konnte.