Unterwegs

Schon seltsam. Ich fahre mit dem Zug durch den Thurgau. Das letzte Mal hab ich das getan, als Omi starb und es viel schneite. Ich lasse mein Auto heute erneut stehen. Am Freitag kann ich mein neues, voralpentaugliches Gefährt abholen. Bis dahin mag ich mich von dem verdammten Schnee nicht mehr stressen lassen.

Alles um mich herum blüht. So mag ich meine alte Heimat am liebsten. Der Duft der Apfelblüten ist der Geruch meiner Kindheit.

Omi und ich fuhren gerne miteinander im Zug. Damals durfte man nämlich noch rauchen und es gab keine Smartphones. Wir unterhielten uns stundenlang und entdeckten gemeinsam wundersame Dinge durchs Fenster.

In Wil fällt mein Blick in Richtung Iddaburg.
Dort haben Opi und Oma vor 65 Jahren geheiratet.
Omi und ich waren nie gemeinsam da. Der Ort hat auf mich eine magische Ausstrahlung.
Die Sicht von dort oben ist atemberaubend und ich fühle mich nach jedem Besuch frei und ruhig.

Ich muss da unbedingt mal wieder hin.

Dement = dumm?

Ich weiss noch, wie ich vor über 15 Jahren stinkwütend wurde, als ich Omi Paula im Spital Wattwil besuchen ging. Omi war wegen ihres Hallux valgus in Behandlung. Sie hatte schlimme Schmerzen und war nach der OP recht durcheinander. Ich hab mir natürlich Sorgen gemacht und sie nach dem Eingriff aufgesucht. Eine Pflegende nahm mich damals kurz zur Seite und meinte: „Ich glaube, Ihre Oma ist demenzkrank.“

Ich kriegte fast einen Tobsuchtsanfall. Mein Omi? Dement?? Doch nicht Omi. Omi war manchmal chaotisch. Verpeilt. Vergesslich. Aber dement?

Ich sagte Omi nichts von diesem Gespräch. Aber ab jenem Zeitpunkt war es irgendwie anders. Ich wurde älter und meine Angst, dass Omi demenzkrank sein könnte, bewahrheitete sich. Noch heute denke ich oft an diese Pflegende und meine Wut zurück. Sie hatte es gut mit mir gemeint. Ich hab patzig geantwortet, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Ich hatte damals ein Bild von Demenz im Kopf, das zu Omi einfach nicht passen wollte. Ich hatte mich in jenen Jahren für eine Ausbildung im gerontopsychiatrischen Bereich interessiert. Ich habe beim Schnuppern viele Patienten gesehen, die in der Psychiatrie alt und dement wurden. Ich hatte mit 20 Jahren Angst, Omi würde auch mit leeren Augen, sabbernd und entwürdigt, vollgestopft mit Medis in vollen Windeln herumliegen.

Glücklicherweise traf das alles nicht ein. Omi wurde zwar alt und demenzkrank, aber nicht würdelos. Nicht dumm. Sie bekam zwar zunehmend Mühe mit den Aufgaben des Alltags, doch all dies machte etwas anderem Platz. Sie strahlte Ruhe und Liebe aus. Sie war immer noch Paula. Dem Kern ihrer Persönlichkeit, ihrer Liebeswürdigkeit und ihrem Humor, konnte die Demenz nichts anhaben. Sie wurde liebevoll und respektvoll gepflegt bis zu ihrem letzten Tag.

Vielleicht macht es mich deshalb sehr sehr wütend, wenn Menschen alte Menschen als „dement“ bezeichnen, wenn sie eigentlich sagen wollen: dieser Mensch ist dumm. Oder senil. Michael Schmieder hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben: „Dement, aber nicht bescheuert“. Wer lesen kann, der lese dieses Buch!

Ich bin der Meinung, dass wir uns als Angehörige von Demenzkranken dagegen wehren müssen, wenn solche Menschen unsere Verwandten und andere alte Menschen, einfach pauschal abwerten, um sich selber aufzuwerten.

Die Demenz ist als Erkrankung zu ernst, zu traurig, zu kräftezehrend, als dass man sie als Beschimpfung in die Welt hinaus plärrt. Nur jemand, der selber einen demenzkranken Menschen gepflegt hat, kann dies wohl verstehen. Allen anderen wünsche ich, dass sie diese Erfahrung nie machen müssen.

Ostern ohne Omi

Das erste Mal Ostern feiern ohne Omi. Wie soll das nur gehen?
Beim Nachlesen der Einträge der letzten Jahre weiss ich nicht recht, ob ich schmunzeln oder weinen soll. Feiertage ohne Omi sind einfach kacke.

Es ist seltsam, das erste Mal, seit ich lebe, Omi an diesem Feiertag nicht zu sehen.
Irgendwie krieg ich es nicht zusammen.
Auf den Friedhof mag ich nicht gehen. Was soll ich da? Ostereier verstecken?

Stattdessen werde ich mich wohl auf den Garten konzentrieren. Die Magnolien blühen. Die Primeli leuchten in allen Farben. Die Tulpen werden auch bald ihre Köpfchen gegen den Himmel wenden.

Ich bin sehr traurig. Omi fehlt mir einfach. Ihr Lächeln. Ihre träfen Sprüche. Ihre lieben Worte. Die Berührungen ihrer alten Hände. Mir bleibt nur die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit.

Drei Monate

Paula ist jetzt drei Monate tot.
Als ich heute morgen aufstand und nach unten in die Küche ging, erinnerte ich mich, wie damals, als ich noch ein Kind war, das Licht rein schien und Omi am Küchentisch sass. Meist las sie den Blick oder studierte die Bingo-Zahlen.

Omi Paula liebte Bingo. Jeden Morgen erledigte sie diese Aufgabe pflichtbewusst und nicht mit wenig Effort. Sie liebte auch Lotto.

Wenn ich mich recht erinnere, war ihr Ignorieren des samstäglichen Lotto-Ziehens im Schweizer Fernsehen etwas, das mich zutiefst irritierte. Und wenn ich es richtig interpretiere, war das der spürbare Anfang ihrer Demenz.

Ich habe heute auf Facebook einen kurzen Film gesehen, wo ein junger Amerikaner seine an Demenz erkrankte Mutter immer wieder fragt, wer er ist und wer sie ist. Es hat mir verdammt weh getan, zu sehen, wie sich der junge Mann quält und wie auch seine Mutter leidet und verwirrt ist.

Ich weiss noch genau, wie Omi ausgesehen hat, wenn sie weinte und verzweifelt war, weil sie sich nicht mehr erinnern konnte, wo ihre Schlüssel oder ihr Portemonnaie lagen. Ich höre noch immer ihre Stimme, wenn sie mich danach fragte, warum sie alles vergisst. Wie sie sich selbst beschimpfte, weil ihr alles zwischen den Fingern davon rann.

Sehr oft hat sie gesagt: „Wenigstens habe ich noch dich. Gell, wir bleiben zusammen. Du darfst mich nicht vergessen!“ Dann hat sie jeweils nach meinen Händen gegriffen, sie gedrückt und wir haben uns umarmt. Ich habe sehr oft geflüstert: „Omi, i ha di gärn.“

Omi wurde immer älter und entrann mir zwischen den Händen. Jeden Tag nahmen wir Abschied voneinander. Ich wusste, was mich erwartet und sie wohl auch.

Ich habe ihr Rosen und Nelken auf dem Grab gepflanzt und frage mich, wie sie darüber denkt. Ich laufe an dem Baum vorbei, wo ich vor 15 Jahren meine Mutter und Omi fotografiert habe. Der Baum hat sich kein bisschen verändert. Er steht noch immer da, derweil meine beiden Lieben nun auf dem Friedhof liegen.

 

Durcheinander

Seit einigen Tagen ist mein Vater (wieder) im Spital. Ich mache mir Sorgen um ihn.
Ich bemerke, dass es mich stark mitnimmt, dass er an Schmerzen leidet.
Ich fühle mich ohnmächtig.

Seine Krankheit rührt an die Ängste, die ich wohl aus frühester Kindheit kenne:
ein absolutes Gefühl von Verlassenheit. Die Angst, ihn (auch noch) zu verlieren.
Damals, als ich zwei Jahre alt war, starb mein Bruder und mit ihm verschwand meine Mutter.
Nach seinem Tod war sie nicht mehr derselbe Mensch.
Papi aber war immer für mich da.
Wir gleichen uns.

Mir fehlen seit Tagen die Worte, meine Gefühle auszudrücken.
Ich hab das Gefühl, dass ich nach Omis Tod dünnhäutiger geworden bin.
Es scheint mir so, als ob ich nur mehr langsam trauern und verarbeiten kann.

 

Dieses Photo drückt mein Gefühl passend aus: Von all diesen Personen auf dem Photo leben nur noch Papi und ich. Und irgendwie hab ich den Eindruck, als ob er mich auf dem Bild vor all den Dingen, die unsere Familie noch erwarten, beschützen wollte. Es ist das letzte Bild vor dem Tod meines Bruders.

Vorwärts schauen

Die letzten Tage war ich sehr mit meiner Arbeit beschäftigt. So bleibt mir wenig Zeit nachzudenken. Schreiben mag ich aktuell nicht wirklich. Ich versenke meine Gedanken lieber ins Arbeiten mit Wolle.

Omi hat mir kistenweise Wollknäuel hinterlassen und wie schon beim Tod meiner Mutter verspüre ich jetzt den tiefen Wunsch, meine Trauer mit den Händen zu verarbeiten. Ich stricke, nähe und häkle, was das Zeugs hält und fühle mich so besser.

Manchmal frage ich mich schon, warum Omi damals so viele Wollpakete gekauft hat. Sie war immer stark kurzsichtig gewesen und ich habe sie ganz ehrlich nie beim Stricken gesehen. Trotzdem hat sie wenige Jahre vor ihrem Tod gemeint: „Vielleicht fange ich ja noch damit an…“

Frühlingsgrab

Frühlingsgrab

Seit Omi tot und beerdigt ist, verspüre ich den Wunsch, an ihr Grab zu gehen. Ich habe es aber erst heute geschafft. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte Angst, auf den Friedhof zu gehen.

Ihren Tod zu akzeptieren ist eine Sache. Ich weiss, Omi ist fast 89 Jahre alt gewesen und hatte ein volles Leben. Über „erfüllt“ mag ich gar nicht reden. Das weiss nur Omi alleine. Seit Tagen aber verspüre ich tiefe Trauer, wenn ich mich an Orten bewege, die uns beiden wichtig waren. Ich würde sehr gerne an Svens Grab vorbei gehen und mit ihm sprechen. Ich weiss genau, dass ich dann nur noch weinen würde, weil es mich so stark an alles Zurückgelassene erinnert.

Ich bekunde auch Mühe, in „unsere“ Cafés zu gehen. Omi und ich haben so viele Stunden bei Kaffee und Kuchen in Wil, Wattwil oder Lichtensteig verbracht, dass es mir jetzt einfach weh tut, ohne sie da zu sitzen.

Der Anblick ihres Grabes brachte mich an ihrer Beerdigung zum Weinen. Omi in Asche in diesem Loch zu wissen, schmerzte mich und brach mir fast das Herz. Kein Blumenschmuck, kein schöner Stein kann das heilen. Für mich liegt Omi Paula nicht in dieser kalten Erde verstreut.

Heute war ich schliesslich endlich da.
Die Sonne schien grell. Der Himmel war blau.
Omis Grab ist das erste jener Reihe und es ist so furchtbar klein.
Die Rosen ihres Grabschmucks sind längst erfroren.

Ich stehe da und meine Tränen tropfen auf den Boden,
ohne dass ich es verhindern könnte.

Mit einem Mal sind all die Erinnerungen an die letzten Wochen präsent:
Meine Angst, Omi endgültig zu verlieren. Die Kälte. Der viele Schnee.
Dann meine Müdigkeit und der Wunsch, einfach nur noch schlafen zu können, bis der Schmerz abgeklungen ist. Die Beerdigung. Die Klarheit, dass Omi nun einfach weg ist und ich von meiner direkten Familie nur noch meinen Vater habe. Die Erinnerungen an meine Kindheit im Thurgau und im Toggenburg.

Ich trete an Mamis Grab, das nur wenige Meter von Omis Grab liegt und nehme einen kleinen Engel weg. Omi hat die Engel auf Mamis Grab immer sehr geliebt. Ich stelle ihn zum Kranz und der Grabkerze, die jemand dort hingelegt hat.
Frühling, denke ich. Bitte komm und bleibe.

9. März 2017

Heute ist Omi acht Wochen tot. Es regnet in Strömen. Die Thur trägt ihr Wasser hoch und bei mir sind die Tränen zuvorderst. Das Vermissen ist stark. Ich sehne mich so sehr nach ihrer Stimme und ihrer Umarmung. Ich denke oft an unsere Treffen und worüber wir alles gesprochen haben.
Omi sagte oft: „Gell, du vergisst mich nicht.“
Nein. Das tue ich wirklich nicht.

Gestern las ich in der Zeitung, wie ein Mann eine Frau in Omis Alter schlecht behandelt hat und ich denke: „Zum Glück muss Omi sowas nicht erleben.“ Ich atme tief durch, denn ich bin froh, dass ich mir über solche Sachen keine Sorgen mehr machen muss.

Im Moment stricke ich viel. Irgendwie tut es mir gut, denn ich kann mich auf die Wolle und die Nadeln konzentrieren. Ich lese viel. Aber das Gefühl der Leere ist trotzdem stark. Ich denke oft: fast 40 gemeinsam Jahre sind nicht einfach in einem, zwei Monaten verschwunden. Es bleibt kompliziert.

Zwei Monate ohne Omi

Ich habs noch immer nicht geschafft, Omis Kisten aus dem Pflegeheim auszuräumen. Sie stehen im kalten Zimmer und ich hab das Gefühl, als schauen sie mich jedes Mal traurig an.

In der Kiste sind Fotos und Alben von Omi und mir und es tut mir einfach nur weh, wenn ich sie jetzt in die Hände nehme. Ich verfluche den Winter, denn ich mir sicher, wenn ich endlich Blumen auf dem Grab pflanzen könnte, ginge es mir besser.

Ich vermisse Omis Geruch, ihre Haare, die sie immer schön von mir gekämmt haben wollte. Ich vermisse es, über ihre langen Hände zu streicheln. Dass ihr Ehering jetzt an meiner Krähenkette hängt, tröstet mich nur bedingt. Es scheint alles auseinander gerissen, was zusammen gehört.

Jetzt sollte ich mich auch damit auseinander setzen, welcher Grabstein irgendwann auf Omis Grab stehen sollte. Schliesslich gehts ums Bezahlen, ums Erben. Ich mag jetzt nicht Steine aussuchen. Mit einem Stein auf dem Grind ist alles endgültig. Am liebsten würde ich warten, bis Opas Grabstein in ein paar Monaten entfernt werden muss, denn Omi hat ihn gemocht.

Manchmal rinnen mir einfach die Tränen aus den Augen und ich weiss gar nicht weshalb. Manchmal verspüre ich einen so tiefen Schmerz in der Herzgegend, dass ich denke: jetzt gehst du auch. Dabei ist es noch nicht an der Zeit. Ich muss endlich wieder in den Garten. Meine Hände müssen die Erde spüren, damit auch sie wissen: Lebe.