What, if?

In unserem Haus wurde nie über den Holocaust gesprochen, zumindest nicht, als ich noch ein Kind war. Erst später hat mich mein Grossvater Walter zur Seite genommen und versucht zu erklären, was damals passiert ist. Sein Hass auf Hitler-Deutschland war riesig. Nie wieder Krieg. Das hat er gesagt.

Ich verstand wenig, ich konnte mir gar nicht vorstellen, wovon er eigentlich sprach. Nur eines wusste ich: das ist eines dieser Dinge, die die Sicht aufs Leben verändern.

Mein Grossvater war im Krieg an der Grenze. Er tat das Gleiche, wie dreissig Jahre zuvor mein Urgrossvater Henri. Es muss beide nachhaltig verändert haben.

Omi Paula war geprägt von den Kriegszeiten. Ihr Ramschen und Aufbewahren von defekten und unbrauchbaren Dingen ist nur ein Symptom jener Generation. Ich bin Paula dankbar, dass sie nichts wegwerfen konnte.

So stiess ich vor einigen Monaten beim Räumen des Hauses auf einen Prospekt von Yad Vashem aus den 70er Jahren. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser in dieses Haus gelangte. Ich habe eine Vermutung. Röös.

Sie ist der Schlüssel. Sie ist es, die aus Berlin geflohen ist.
Ihr Mann blieb zurück. In der Schweiz hat sie schliesslich meinen Urgrossvater Henri geheiratet.

Röös reiste gerne. Unzählige Photos konnte ich erhalten, War sie auch in Israel? Warum hat sie sich so sehr für Yad Vashem interessiert? Fragen über Fragen. Und keine Antworten, weil niemand mehr lebt, der sie mir beantworten könnte.

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Röös.

Röteli

Der Röteli ist eine gestreifte rotfarbene Katze. Ich weiss nicht, wie alt er ist. Vor einigen Jahren tauchte er vor Paulas Haus auf. Damals ging es Omi noch sehr gut. Sie meinte, sie wolle keine Katze im Haus. Sie hatte in jüngeren Jahren immer Angst, dass eine Katze ihr die Strümpfe und die Beine zerkratzen würde. Doch dann, mit Fortschreiten ihrer Demenz wuchs ihre Freundschaft zu Röteli.

Röteli kam fast täglich vorbei.
Er schmuste mit Paula. Sie bastelte ihm Schlafplätze und verwöhnte ihn, als wäre er ein kleines Baby. Ich weiss nicht, wie viele Packungen Katzenfutter ich eigens für ihn zu Paula brachte.

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Omis selbstgebaute Katzennester (Photo Sascha Erni)

 

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Röteli wird von Omi verwöhnt

 

Natürlich hatte Röteli ein Zuhause. Aber nun wohnte er bei Paula. Er brachte Mäuse vorbei. Wenn wir bei Paula vorbei schauten, lag er meistens tiefschlafend auf dem senfgelben Sofa, eingewickelt mit kuscheligen Frottiertüchtern.
Als Paula 2012 ins Pflegeheim zog, blieb Röteli zurück. Paula weinte so sehr. Doch nach einigen Tagen im Pflegeheim verblasste die Erinnerung an ihn.

Seit wir am Räumen sind, gehört Röteli zu unseren Gästen. Er kommt vorbei, legt sich auf der alten Gartenbank zum Schlafen hin und macht später seine Runde ums Haus. Es ist fast alles wie früher.

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Röteli kehrt zurück (Frühling 2013, Photo Sascha Erni)

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Juli 2014

Nur eines ist anders. Er kommt nicht mehr ins Haus. Es ist, als ob er genau weiss, dass sie nicht zurück kommt. Sein Miauen klingt vorwurfsvoll, sein Blick wirkt traurig. Ich setze mich zu ihm hin und streichle ihn. Er ist so verschmust. Jedes Mal sag ich ihm: es geht ihr gut, da wo sie jetzt lebt.

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Winter 2012. Röteli beim verlassenen Haus (Photo Sascha Erni)

Herumgeräume

Gestern verbrachten wir den ganzen Tag in Paulas Haus. Da die Fahrt ins Toggenburg im Moment äusserst mühsam ist, beschlossen wir, die erste Nacht im Haus zu verbringen.

Als erstes machte ich die Küche einsatzbereit. Ich entsorgte einen letzten, sapschigen, blauen Teppich und saugte bis zum Gehtnichtmehr. Ich wischte Regale ab, wusch das Geschirr. Was für ein seltsames Gefühl, Gegenstände anzufassen, die seit bald zwei Jahren unberührt blieben.

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Unter dem Dachgeschoss steht das Bett, in welchem Omi, meine Schwester und ich jeweils schliefen. Ich habe bestimmt 18 Jahre lang nicht mehr hier geschlafen. Ein seltsames Gefühl, die Bettsachen abzuziehen, die Omi hier vor zwei Jahren bereit gelegt hat. Es ist staubig. Ich wische Staub, Sascha saugt.

Sascha und ich räumten Müllsäcke, Altmetall und Altpapier in den Keller. Nun ist der Keller zum Bersten voll und wir haben eine ganze Menge, die wir entsorgen müssen.

Opas alte Werkstatt, das zukünftige „Bureau“, zu räumen, war mein nächstes Ziel. Eigentlich sollte man diesen Raum nur noch mit Mundschutz betreten, weil eine Ecke hinter all dem Plunder langsam angeschimmelt ist. Das bedeutet sehr viel Arbeit!

 

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März 2014

Es ist kein Wunder. Dieser Raum wurde bestimmt 20 Jahre nicht wirklich benützt und in den letzten Monaten im Haus, hat Paula ihre Abfälle und viele andere Dinge hier deponiert. Es kostet mich, als hochgradige Spinnenphobikerin, einige Mühe, hier Hand anzulegen. Aber es geht nun mal nicht anders. Ich muss sortieren, verschimmeltes wegschmeissen, Müll trennen. Unerwarteterweise kommt der alte Stubentisch zum Vorschein. Es ist ein wahres Wunder, dass ihm der Schimmel NICHTS anhaben konnte!

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Juli 2014

Nach drei Stunden ist der Raum, bis auf die Werkbank und ein Regal, praktisch leer und sauber gewischt. Unter all den vergessenen Dingen kommt ein Holzboden hervor, der von der abwechslungsreichen Geschichte des Hauses zeugt.

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der Raum ist nun praktisch leer und in der Ecke zeigt sich jetzt das Ausmass des Schimmelbefalls.

Um Mitternacht fallen wir beide erschöpft, aber zufrieden ins Bett. Draussen rauscht der Bach. Es ist fast wie früher, nur dass Omi nicht mehr hier im Haus lebt.

Senfgelbe Sofas

Von allen Räumen im Haus mag ich die Stube am liebsten. Jetzt, da sie aufgeräumt ist, wirkt sie etwas unbelebt. Ich stelle mir vor, wo ich den Fernseher hinstelle und wie warm es im Winter sein wird, wenn wir anheizen.

Während der ganzen Räumerei ist die Stube mein Auftankort. Hier ruhe ich aus. Hier fläze ich mich hin, wenn ich gar nicht mehr kann. Die senfgelben Sofas sind noch wie neu. Als Kind hab ich deren Muster mit den Fingern nachgefahren und auf dem Stoff nach seltsamen Gesichtern gesucht.

Während ich da sitze, denke ich über diese Sofas nach. Sie sind mitsamt meinen Grosseltern umgezogen. Früher einmal standen sie in Sirnach. Da war meine Mutter noch ein Teenager. Ich denke darüber nach, worüber sie geredet haben, als sie damals auf ihren wertvollen Sofasesseln sassen. Ich nehme an, mein Vater sass auf einem, als er meine Mutter vor den Eltern gefragt hat, ob sie ihn heiraten will. Sie haben bestimmt auch gefeiert, als ich und später meine Schwester geboren wurde. Wahrscheinlich stecken auch viele Tränen in den Polstern, als mein Bruder starb.

Später hat meine Oma die Sofas ins Gästezimmer verfrachtet, damit Opa sie nicht mit seinem Pfeifentabak voll raucht. So standen sie jahrzehntelang im 2. Stock. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie Paula es geschafft hat, sie (alleine) wieder in die Stube zu schleppen.

Ich schliesse die Augen und stelle mir vor, wie ich mit der Katze und Sascha in der Stube auf den Sofas sitze. Wir schauen zum Fenster heraus und schauen auf den blühenden Garten. Senfgelbe Blumen sollen darin wachsen.

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Opa Walter beim Rauchen

 

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Rückkehr aus Lourdes oder Rom

 

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meine Mutter

 

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meine Mutter und Paula

Die Traum-Werkstatt

Die letzten Nächte habe ich, zumindest im Traum, Opas alte Werkstatt ausgeräumt. Hier hat er fast zwanzig Jahre lang gewirkt.

Am Montag entsorgte ich mit Saschas Hilfe verschimmelte Kartons. Paula hatte sie den Wänden entlang gestapelt, um Durchzug vermeiden. Durchzug hats hier nicht. Seit wir lüften können, hat sich der modrige Gestank verflüchtigt.

Noch muss ich viel räumen. Da ist ein Tisch, der früher in der Stube stand. Die Schublade fehlt. Ich hab sie bisher im Haus noch nicht gefunden. Dafür fand ich die Scherbe einer Vase. Unglaublich, dass Omi sie aufbewahrt hat. Nun kann ich die Scherbe wieder einsetzen und fest kleben.

Im ganzen Haus hat Omi Werkzeug versteckt. Ich trage alles wieder zusammen und verräume es im Kasten. Mein Vater wird mir erklären, was ich davon noch brauchen kann.

In der einen Ecke, unter der Treppe, türmt sich das Holz in Einkaufskörben. Ich werde alles in den Garten, im kleinen Schopf verstauen. Hier ist es zu feucht für Holz. Bei alledem kämpfe ich gegen meine Spinnenphobie. Aber es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig.

Ich hätte die grösste Lust, mir sofort eine Schleifmaschine zu kaufen und die Wände meines zukünftiges Büros abzuschleifen. Jetzt sind die Wände mintfarben. Noch hab ich keinen Plan, welche Farbe sie einmal haben werden. Zuerst muss alles raus!

Hinter dem alten Stubentisch steht, versteckt und zugemüllt eine schöne alte Werkbank. Noch muss ich es mir schwer verdienen, all die Schätze des Hauses zu entdecken, zu entstauben und wieder aufzubereiten.

Meinen Traum, mal wieder eine Nacht im Haus zu verbringen und am nächsten Morgen um fünf Uhr auf den Säntis zu fahren, habe ich noch nicht umgesetzt. Was hindert mich daran?

Unrat

Heute haben wir erneut einen Teil des Hauses geräumt. Die Bilanz ist beeindruckend: acht 35lt Müllsäcke, sechs 60lt Kleidersäcke. zwei Säcke Altglas, zwei gefüllt mit Altmetall, einer mit Gift, mittlerweile sechs Kisten Karton sowie sechs Kisten gefüllt mit Geschirr, Tüchern und Nippes, den ich an meinem Bazar verkaufen und verschenken will.

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im Vorratsraum Juli 2014

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Opas Schlafzimmer Juli 2014

 

Beim Räumen komme ich meinen Grosseltern und Urgrosseltern wieder sehr nahe. Gewisse Dinge, die ich einfach nur scheusslich finde, schmeisse ich genüsslich weg. Da sind beispielsweise Einlagen. Omi hat sie zu Dutzenden gekauft und nie verwendet. Ich kanns nicht mehr sehen!

In allen Schränken, in allen von Omi gepackten Kisten, finde ich Wäscheklammern und Holzscheite. Ich könnte weinen. Weil ich ein ordentlicher Mensch bin, schmeiss ich die nicht einfach weg, sondern lege sie in die dafür vorgesehenen Körbe.

Mittags ruft mein Vater an, der gerade in der Nähe ist. Wir gehen mit ihm und seinem Kumpel in ein Restaurant. Ich geniesse die Ablenkung.

Mittlerweile ist neben dem Bad und der Stube auch das ehemalige Schlafzimmer von Omi Paula geräumt. Ich habe Frottéewäsche, weisse Bettwäsche und Küchentücher aussortiert. Schweren Herzens habe ich Kleider, die Omi längst zu gross sind, entsorgt.

In der Vorratskammer habe ich Geschirrschaften aussortiert. Es ist kaum zu glauben, was sich da alles angesammelt hat. Sobald ich eine erste Ladung Karton entsorgt habe, ist der Raum wieder besser begehbar und ich kann mich den versteckten Schränken widmen.

Schliesslich räumte ich auch noch Opas Werkstatt, die irgendwann mal mein Büro werden soll. Hier türmt sich der Müll und die Luft ist auch nicht besonders gut. Opas Schrank ist voll von Werkzeugen und alten Schrauben, Leimtuben und Verdünner. Ich werfe weg, was nicht mehr zu gebrauchen ist.

Nach fast sechs Stunden kann ich nicht mehr. Mir tut alles weh und ich setze mich in der Stube aufs Sofa. Da klingelt es unten.

Vor der Tür steht ein Mann in einem Anzug, der mir sofort unsympathisch ist, wohl weil er so nett drein schaut.
Er fragt nach Omi Paula und ob sie hier ist.

Ich weiss instinktiv, dass er ein „Sektenbruder“ ist. Omi hat verschiedentlich erzählt, dass ein gläubiger Mann bei ihr vorbei geschaut hat und sie ihm Kaffee und Kuchen ausgab. Ich nehme an, dass er auch Geld von ihr gekriegt hat.
Ich kriege mit einem Mal eine Sauwut.

Ich antworte dem Mann auf seine Fragen kurz angebunden. Nein. Paula lebt nicht mehr hier. Ja. Sie ist einem Pflegeheim. Nein. Sie will keinen Besuch von Ihnen.

Dann geht er seines Weges.
Unrat. Menschlicher Müll, der einen demenzkranken Menschen einlullt und ausnutzt. Ich könnte kotzen.

Omi und Röös

Meine Urgrossmutter Röös ist eine geheimnisvolle Figur in meiner Familie. Sie tauchte nach dem Krieg, irgendwann in den 50er Jahren, an der Seite meines Urgrossvaters Henri auf. Niemand weiss so genau, woher sie gekommen ist. Die Zeugnisse ihres Lebens sind Bücher, Photos und Postkarten.

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Röös in den 50er Jahren vor dem Haus

Mein Grossvater Walter hasste sie. Er war, als seine Mutter Anna 1947 starb, gerade mal 23 Jahre alt. Die neue Frau an seines Vaters Seite akzeptierte er nie. Trotzdem hat er die beiden seit Anfang der 80er Jahre bis zu ihrem Tod einige Jahre später gepflegt.

Röös‘ Vergangenheit scheint abenteuerlich. Sie lebte lange im Dritten Reich. Ihre Kinder sind über Osteuropa verstreut. Ich weiss nicht mal, ob O. und M. noch leben. Viele Briefe zeugen von ihrer Verbundenheit zu den Kindern. Doch existieren tun nur noch die Briefmarken in meinem Album, das mir mein Opa Walter schenkte.

Er war es, der mir, als ich 10 Jahre alt war, die Briefmarken schenkte und meinte, ich soll sie vernichten, weil sie seiner Meinung nach nichts wert waren. Nur zwei Jahre später, im Spätherbst 1989 rief mein Opa mich an und fragte scheu, ob ich alle Marken vernichtet hätte. Ich verneinte, woraufhin er mich lobte.

Röös war Omis grösste Prüfung während der damals noch jungen Ehe im Jahre 1951. Röös schien nicht besonders nett mit Omi Paula umgegangen zu sein. 2012, bevor Omi ins Pflegeheim eintrat, loderten all jene Geschichten nochmals auf. Überall im Haus entdeckte Paula Röös‘ Spuren. Sie fluchte. „Immer diese Röös. Überall lässt sie ihre Sachen herumliegen!“ Dass Röös damals fast 30 Jahre tot war, wusste Omi nicht mehr.

Ich war froh, dass ich all die Jahre gut zugehört hatte, um Omi jetzt in ihrer Not zu verstehen. Dank meines Vorwissens verurteilte ich Omis Sätze nicht als Hirngespinste.

Manchmal laufe ich durch das Haus und frage mich, wie viel von all den Sorgen meiner Vormütter noch in den Mauern steckt. Wie viele Tränen sind hier wohl geflossen sind?

Raumordnung

Nachdem ich gestern die Stube und das Bad geräumt hatte, war ich sehr erschöpft. Mir tat alles weh und ich hätte mich am liebsten in einer Höhle verkrochen, um lange zu schlafen.

Am Abend meine Eltern zum Essen zu treffen, war eine willkommene Ablenkung. Ich bin so froh, dass mein Vater und seine Frau so hinter uns stehen und uns mit Rat und Tat unterstützen.

Wir sprachen, natürlich, über das Haus, seine Bewohner, seine Toten. Ich überlege mir, dass ich all jene Gegenstände, die ich nicht mehr brauchen werde, in einem Bazar auf der Terrasse anbieten möchte. Ich werde Leintücher verschenken, Wolle und nie getragene Schuhe.

Die Kunst bei der Räumung des Hauses ist, all jene Gegenstände zu finden, die mir etwas bedeuten. Da ist die Geige meines Urgrossvaters. Ich denke mit Bedauern daran, dass ich nie ein Instrument spielen gelernt habe. Omas Sonntagsgeschirr, das sie nie auftischen mochte, ausser wenn ich da war. Als Kind erschien es mir wie ein grosser Schatz.

Die Briefe meiner Urgrosseltern und meiner Mutter. Sie sind ein grosser Schatz, quasi die Stimmen von früher. Ich muss dran denken, dass ich noch so viele Fotos digitalisieren muss. Ich freu mich darauf.

Der Vorratsraum beschert mir etwas Sorgen. Noch stehen so viele Schränke drin. Teppichresten. Kartonschachteln. Plastiktüten. Ich kanns nicht mehr sehen.

Der Grundriss des Hauses war einmal quadratisch. Er ist es längst nicht mehr. Der Anbau hat aus dem Haus etwas einzigartig exzentrisches gemacht. Vielleicht ist es so zu einem Art Abbild meiner Familie mütterlicherseits geworden: ein Haufen von Arbeitern mit künstlerischen Fähigkeiten.

Entmüllt.

Ich hab die letzte Nacht, wie schon die letzten Nächte, vom Haus geträumt. Immer wieder schleppte ich Säcke und Kartons weg. Doch der Berg wurde nicht kleiner. Ich roch die vergammelten Erinnerungen, den spröden Plastik, Gummiringe, Mottenkugeln.

Genug!

Wir fuhren ins Toggenburg zum Haus. Es zu sehen, war tröstend. Wie jedes Mal, wenn wir da sind, öffne ich Fenster und Läden. Lasse frische Luft hinein. Wie schon die letzten Tage stand plötzlich Röteli, Omis Gastkatze da. Sie miaute mich an, kam aber nicht ins Haus. Mir scheint, als wüsste die Katze genau, dass Omi hier nicht mehr wohnen wird.

Ich mache mich ans weitere Entmüllen. Zum Glück ist heute im Ort Müllsammlung. Wir packen also alles, was weg muss, in Müllsäcke, kleben Kehrrichtmarken drauf und weg damit. 12 Säcke à 35lt entsorgen wir. Der Vorratsraum sieht mit einem Mal wieder herrlich leer aus.

In Omis altem Schlafzimmer leere ich weitere Schubladen. Mehr als einmal finde ich kleine Zettelchen, die sich zur Erinnerung geschrieben hat. WC. Schlüssel! Paula!! Wäsche waschen! Essen kochen! Zora anrufen. Katzenfutter.

Ich weiss nicht, wie viele Zettel sie geschrieben hat und wie viele ich noch finden werde. Einige sind datiert.
Ich stelle fest, dass Paula sehr viel früher als ich gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Ich bin traurig, weil mir mit einem Mal bewusst wird, wie einsam ihre letzten Jahre im Haus gewesen sein müssen.

Ich finde in Kleiderschränken sorgsam in Plastik-Tiefkühlbeutel verpackte Werkzeuge. 10 Säcke à 60lt mit alten Kleidern finden ebenfalls ihren Weg in die Altstoffsammlung.

Die Krippe ist im Vorratskasten verräumt. Meine Kinderzeichnungen sind im Schlafzimmer in einer Schublade. Sie sind mit meinem Namen angeschrieben. Ich erinnere mich mit einem Mal, wie oft Omi erzählte, dass sie sich meine Bilder ansieht, wenn sie traurig ist. Ich brings nicht übers Herz, die Zeichnungen wegzuschmeissen. Ich lege sie wieder hinein in die Schublade. Morgen ist auch noch ein Tag.

Ruhelos

Der erste richtige Ferientag. Es zieht mich weg. Augusta Raurica. Da war ich in den 90ern mit Oma. Wir sind damals mit dem Zug gereist. Das waren Welten. Wir alleine, fast in Basel!

Es hat sich soviel verändert. So viele neue Häuser. Sascha und ich fahren über Land durch den Aargau. Das Wetter ist wechselhaft. Die Sonne brennt, weisse Wolken, dann Schauer. Wieder Sonnenschein. Prasselnder Regen.

Die Landschaft zieht an uns vorbei. Das Zusammenspiel zwischen blauem Himmel, weissen Wolken und goldenen Feldern berührt mich sehr. Wir fahren dem Rhein entlang, der ockergelb und schnell fliesst. Es riecht nach Lehm.

Ich bin unruhig.
Zwar geniesse ich die freie Zeit, erhole mich. Oft muss ich an Omi denken, meinen Traum. Ich wünsch mir so sehr, dass sie noch einmal das Haus sehen kann, wie es (auf)-geräumt aussieht.

Es geht mir nicht darum, dass das Haus mir gehörte und ich dort leben könnte. Nein. Ich hab das Gefühl, es ist eine Art Erlösung. Sie hat mich so oft in den letzten Jahren angefleht, alles auszuräumen und wegzuwerfen und gleichzeitig alles Brauchbare zu behalten.

Sie hat oft darüber geredet, dass sie fürchtet, man/ich könnte sie vergessen. Alle ihre Tücher, ihre Briefe, ihre Photos sind Erinnerungen an jemanden, der längst nicht mehr lebt. In jenen Zeiten, als ihre Erinnerung verblasste, hatte sie Angst, ich könnte auch mit einem Mal nicht mehr an sie denken.

Es hat mir immer sehr weh getan, weil es nicht so ist. Nicht so war. Vielleicht will ich drum, alles Kaputte aus dem Haus werfen, damit wieder mehr Platz für mich und Erinnerung für sie da ist.