Meine Mutter, die Lieder und ich

Meine Mutter war in jungen Jahren die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Sie hatte dunkelbraune Haare, olivbraune Haut, dunkelbraune Augen. Sinnliche, aussergewöhnliche Lippen. Sie war grossgewachsen. Sehr lange Beine.

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Meine Mutter war wunderschön.
Sie hat damals keinen Hehl daraus gemacht, dass ich ihren Ansprüchen nicht genügte, meine Schwester hingegen schon. Ich war das klassische hässliche Entchen. Und verdammt: das Märchen vom schönen Schwan hab ich geliebt, weil es diametral von mir entfernt war.

Meine Mutter wurde langsam älter und ich weniger hässlich.

Und dann wurde sie krank. Ihr Gesicht färbte sich gelb, während ich immer blasser wurde. Wir unterhielten uns über die Liebe, die Männer und das Stricken. Über unsere Lieblingsfilme. Unsere Songs. Die Lieblingsfarben.

Als sie starb, musste ich mich auf Lieblingslieder für den Gottesdienst beschränken. Ich wählte jene Lieder, bei denen wir gemeinsam weinten.

Ave Maria

wonderful world

somewhere over the rainbow

und am Ende:

Die Angst meiner Grosseltern

Die Angst vor Krieg ist in meiner Familie verhaftet. Meine Omi Paula und Opa Walter haben den Zweiten Weltkrieg als Teenager erlebt. Der Horror ging ihnen ins Blut über.

Beim Räumen entdeckte ich Plastikgeschirr. Nie ausgepackt. Opa verlangte von Omi, dass sie dieses zu Zeiten des Ersten Golfkriegs kaufte. Ich werfe das Geschirr weg. Es beelendet mich.

Für Opa war dieser Krieg schlimm. Mir scheint heute, als hätten all die Berichterstattungen seine nie verheilten Narben wieder aufgerissen.

Opa wurde als junger, unterernährter Mann eingezogen. Er war Musiker und arbeitete in einer Weberei. Ihm hatte die ganze Welt offen gestanden. Doch nach dem Krieg schaffte er es kaum noch, wieder Fuss zu fassen.

Mein Vater, sein Ex-Schwiegersohn, erzählte mir kürzlich, was für ein guter, vielversprechender Musiker Opa gewesen war. Opa hatte einfach kein Glück.

Dennoch bin ich irgendwie sehr froh, dass er nie berühmt geworden ist. Vielleicht hätte er dann Omi nie kennengelernt. Sie hätten meine Mutter nie bekommen und ich wäre nie geboren worden.

Ich freu mich drauf, im Haus die Portraits meiner Grosseltern aufzuhängen. Sie sind noch immer ein Teil des Hauses.

11 Fragen und Nominationen meiner liebsten Blogs 2014

Die Sturmfrau hat mir eine Nominierung, 11 Fragen und den „Liebster Award“ zukommen lassen. Das freut mich sehr.

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Sinn und Zweck des „Liebster Award“ ist es, zur größeren Bekanntheit kleiner Blogs beizutragen. Sehr gerne trage ich dazu bei, die mir lieben Blogs weiter zu verbreiten.

Zuerst möchte ich gerne die Fragen von Sturmfrau beantworten:

1. Wie erfahren Sie von neuen Blogs? Wie vernetzen Sie sich?

Ich erfahre von neuen Blogs via Twitter und via Facebook. Dabei verlasse ich mich vor allem auch auf das Gespür meiner Freundinnen. Ich schreibe viel, habe aber nicht immer viel Zeit zum Lesen. Wenn mich allerdings ein Blogtext fesselt, dann bleibe ich dran und lese mich durch Blogposts durch.

2. Was interessiert Sie an den Blogs anderer?

Ich interessiere mich für literarische Texte, die von Herzen kommen und für Fotografie.

3. Das eigene Blog: strikt nichtkommerziell oder offen für die eine oder andere „Empfehlung“?

mein eigener Blog gehört mir. ich möchte ihn noch anfangs Jahr auf eine eigene Adresse übertragen. Werbung mag ich nicht.

4. Was sind Ihrer Meinung nach die größen Schwächen der Kommunikation im Netz (ob nun auf Blogs oder auf anderem Weg)?

Ich persönlich sehe mehrheitlich Stärken. Je länger desto mehr bemerke ich jedoch, dass es wie bei der verbalen Kommunikation rasch Missverständnisse gibt. Um eine Kommunikation reibungslos zu gestalten braucht es zwei Partner, die aufeinander zugehen. Wenn das nicht gegeben ist, funktioniert die Kommunikation nicht oder nur missverständlich.

5. Was sind die größten Stärken?

Ich profitiere am meisten von der Schnelligkeit und der barrierelosen Möglichkeit, mich mit Menschen auszutauschen, die ich sonst nicht getroffen hätte.

6. Ist Bloggen politisch oder privat? Oder vielleicht beides? Warum?

In meinem Fall ist Bloggen immer politisch. Ich kann gar nicht anders, als mich (persönlich) zu äussern.

7. Was macht das Bloggen für Sie wichtig?

Bloggen ist für mich eine Äusserung von Gefühlen, der Beobachtung von Tatsachen und der persönlichen Interpretation von alledem. Bloggen ist für mich immer eine persönliche Sache. Ich erhebe mit meinen Texten niemals den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern gebe meine eigene Wirklichkeit wieder.

8. Wo verläuft Ihr eigener Tellerrand?

Dieser ist höchstens sprachlicher Natur. Ich spreche weder Russisch, noch Chinesisch, hoffe es, aber noch zu lernen.

9. Blogs sprießen wie Pilze aus dem Boden. Was muss ein Blog haben, um Ihre Aufmerksamkeit zu fesseln?

Ich muss spüren, dass der/die BloggerIn mit ganzem Herzen mit dabei ist und etwas zu erzählen hat.

10. Zu welchen Themen würden Sie gern mehr lesen? Zu welchen selbst gern mehr schreiben?

Ich bin sehr interessiert an persönlichen, klugen Texten. Ich möchte meine eigenen Blogs (TV Real, Apfelland, Demenz für Anfänger und Bratwurstporno) gerne regelmässig weiterführen.

11. Und zum Schluss: Was bewegt Sie?
Im Moment werde ich nur durch meinen Umzug bewegt. Wenn der durch ist, fallen mir zwei Tonnen Gewicht von den Schultern. Da bin ich mir sicher!!

Die Regeln für’s Weitermachen noch kurz, bevor ich es vergesse:

  • Bitte verlinke mein Blog in deinem Blog (es reicht ein Link im Artikel – es muss ja nicht gleich die Blogroll sein)
  • Nominiere 11 neue Blogger mit weniger als 200 Followern (so sind die Regeln, aber wie viel Follower jemand genau hat, erschließt sich einem ja nicht gleich, also sagen wir mal: eher kleine Blogs erwünscht).
  • Beantworten Sie die Fragen und veröffentlichen Sie sie samt Antworten auf Ihrem Blog.
  • Denken Sie sich 11 neue Fragen aus und reichen Sie sie an die nominierten BloggerInnen weiter.
  • Die Person, von der Sie nominiert wurden, sollte nicht zurücknominiert werden. Kreislauf und so…
  • Alle Nominierten sollten informiert werden (auch hier bin ich der Auffassung, dass die Information via Blog genügen sollte)

Und hier meine eigenen Fragen an Sie/Euch:

  1. Wie kommunizierst du mit anderen Bloggern?
  2. Was interessiert dich an anderen Blogs?
  3. Das eigene Blog: strikt nichtkommerziell oder offen für die eine oder andere „Empfehlung“?
  4. Welche Chancen siehst du für Blogs in den nächsten Jahren?
  5. Was sind die größten Stärken?
  6. Ist Bloggen politisch oder privat? Oder vielleicht beides? Warum?
  7. Was macht das Bloggen für dich wichtig?
  8. Was sind deine Tabus?
  9. Blogs sprießen wie Pilze aus dem Boden. Was muss ein Blog haben, damit er dich interessiert und du neue Posts gerne liest?
  10. Zu welchen Themen würdest du gerne mehr lesen? Welchen Blog würdest du neu eröffnen?
  11. Was bewegt dich?

Wichtig:

Niemand der Verlinkten sollte sich durch diese Nominierung zu irgendwas gedrängt fühlen. Wer die Fragen lieber nicht beantworten oder den Staffelstab nicht aufnehmen und weiterreichen möchte, braucht das auch nicht zu tun. Fühl dich frei, zu schreiben oder nicht!

Alle verlinkten Blogs gelten als ausdrückliche Leseempfehlungen meinerseits.

Sandra ( denkzeiten.com )
Gerri ( gerri3003.wordpress.com )
Bettina ( yseult.mediaevaliter.com )
Jana Denise ( sofasophia.wordpress.com )
Sascha Erni (der Transparenz wegen: der teilt mit mir Bett, Tisch, Klo und Kadse)  ( angrysaschaisangry.com )
Lovey ( schreib-lounge-blog.ch )
Norbert ( nevigeser.blogspot.ch)
Abi ( abhijitbossotto.com )
Sandra ( wortsuche.wordpress.com )
Dani ( etwasanderekritik.wordpress.com )
Florence ( daslebenmitborderline.wordpress.com

Weihnachten mit Omi Paula

Weihnachtszeit. Bis vor wenigen Jahren habe ich mich mit Omi in Wil, Frauenfeld oder Wattwil verabredet, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Omi Paula und ich konnten stundenlang durch den Manor, die EPA oder den ABM laufen.

Omi und ich besahen uns Haushaltsartikel, Kleider, Schmuck, Pflegeprodukte und Mercerie. Während wir shoppten, besprachen wir alle Probleme des Lebens. Omi bestand jeweils drauf, mir etwas zu schenken. Manchmal waren es Waschlappen in schönen Farben, Wollknäuel, eine CD. Ich schenkte Omi Blumen. Oder ein herziges Plüschtier. Dann redeten wir über Opa, meine Mutter, das Weltgeschehen und Omis Hausarzt.

Vielleicht ist deshalb seit Omis Demenzerkrankung Weihnachten nicht mehr das gleiche. Sie fehlt, obwohl sie da ist. Ohne ihr helles Lachen, ihren Gang in den schwarzen Hosen mit dem zu weiten grünen Mantel und ihrer Dauerwelle ist nichts mehr wie vorher. Omi ist ein anderer Mensch als früher. Ich kann nicht mehr einfach mit ihr herum tollen. Sie wird älter. Zwar ist sie noch immer neugierig wie ein kleines Kind, doch ich hätte Angst, mit ihr in einen grossen Laden zu gehen. Omi ist so zerbrechlich geworden.

Als meine Mutter starb, rückten Omi und ich näher zusammen. Nie wollte sie, dass ich sie verlasse. Ich ahnte nicht, dass das Vergessen sie heimsuchte. Dass alles langsam verschwand. Ich weiss nicht mal, wie sehr sie Angst hatte, alleine in dem Haus.

Ich habe dieses Jahr wenig Lust auf Weihnachtsdekoration. Vielleicht wird das nächstes Jahr im Toggenburg anders.

 

Einkaufen mit Omi

Unterwegs mit Omi 2011

Omi Berta in meinen Augen

Seit einigen Monaten spricht mich Omi Paula immer wieder als ihre Mamme an. Es ist seltsam, aber dieser Vergleich tut mir nicht weh. Das muss dran liegen, dass Paula und ihre Mamme Berta eine sehr enge Beziehung hatten.

Omi Berta habe ich leider nie kennenlernen dürfen. Sie starb einige Jahre vor meiner Geburt, ja sogar lange vor der Hochzeit meiner Eltern.

Sie muss eine besonders starke Frau gewesen sein. Sie hatte meinen Urgrossvater geheiratet, der als Verdingkind ennet des Ricken aufwuchs. Berta und ihr Mann hatten fünf Kinder: Bibi, Hadi, meine Oma Paula, Sepp und Hans. Sie waren eine sehr arme Familie und lebten am Rande der Stadt Wil in der alten Mühle.

Meine beiden Grosstanten und Omi Paula erzählten nur gutes von Berta. Anders als in jener Zeit üblich hat sie ihre Kinder nie geschlagen. Sie umsorgte die Familie, erst recht als mein Urgrossvater einen schweren Unfall hatte. Danach muss er schwer körperbehindert und Epileptiker gewesen sein.

Auch die Hirnhautentzündung meiner Oma Paula muss die Familie in arge Nöte gebracht haben. Berta muss grosse Ängste um ihre jüngste Tochter gelitten haben.

Berta war eine Frau mit einer rundlichen Figur und einem sehr lieben Gesicht. Auf allen Bildern strahlt sie. Sie hat freundliche Augen und und einen breiten Mund.

Auch für meine Mutter war sie jahrelang die wichtigste Bezugsperson, so wie Paula für mich. Die Trennung von Berta aufgrund des Umzugs von Wil nach Ebnat-Kappel hat meine Mutter in eine tiefe Krise gestürzt.

Dann wurde Omi Berta krank. Sie lag im Pflegeheim und wartete auf den Tod. Das war Ende der 60er Jahre kein schönes Sterben. Paula durfte schlussendlich nicht mal die letzten Momente an Bertas Bett verbringen. Das hat sie nie verwunden, solange sie sich daran erinnert hat. Sie hat sich immer für mich gefreut, dass es mir gelungen ist, bei meiner Mutter bis am Schluss zu bleiben. Sie sagte: „Das ist ein Geschenk, Kind.“

Vielleicht macht es mich darum glücklich, dass, wenn Paula in mein Gesicht blickt, ihre Mutter sieht und keine Angst und keine Trauer mehr verspürt.

Übers Toggenburg

Ein wenig erscheint mir mein Toggenburg wie ein fernes Irland. Es ist rauh. Die Menschen sprechen eine scharfe Sprache. Trotzdem ist es in den Häusern drinnen warm.

Mitte November. Die Luft wird kälter. Der Martinisommer hat mich das ganze Wochenende lang mit Sonne verwöhnt. Ich möchte fürs Leben gern in Sonnenbrille und Wolldecke gehüllt auf unserer Terrasse auf dem Liegestuhl liegen.

Ein wenig Respekt habe ich schon vor der baldigen neuen Lebenssituation. Die Winterabende meiner Kindheit, wenn mir von den Zehen her der Kuhnagel wuchs, sind mir unvergessen. Zudem ist es schon komisch, mit meinem Freund im ehemaligen Schlafzimmer meiner Oma und meiner Urgrosseltern zu schlafen.

Doch dann denke ich, dass seit 175 Jahren die Bewohner dieses Hauses in diesen Räumen leben und ich die Ehre habe, ebenfalls dort den Rest meines Lebens zu verbringen.

2012 war der Winter besonders schlimm. Ich war so froh, dass Omi Paula nicht mehr im Haus lebte. Der viele Schnee, die Kälte, hätte ihr schwer zu schaffen gemacht. Ich hoffe sehr, dass dieser Winter mild wird, damit wir in Ruhe unsere Sachen zügeln können. Meinetwegen kanns ab März Katzen hageln.

Mein Vater, der König der Läufe und ich

Mein Vater war ein Waffenläufer. Das bedeutet, dass er in einem etwas ungewohnten Tenue, er nannte es „Vierfruchtpyjama“, schweren schwarzen Schuhen und einer hölzernen Waffe in einem Rucksack auf dem Rücken herumrannte.

Für mich als Kind war das eine vertraute Welt. Viele Freunde meines Vaters übten den gleichen Sport wie er aus. Wenn ich mit meiner Mutter an einen Lauf ging, waren sie alle da. Sie waren, jeder auf seine Art, besondere Läufer. Sie waren Kameraden und ich merkte, dass all diese Männer gerne liefen und danach gemeinsam ein Bier trinken gingen.

Der erste Lauf der Saison war der Toggenburger Waffenlauf und für mich bedeutete er den Beginn des Frühlings. Oft lag Schnee. Immer besuchten wir zuerst Omi Paula und Opa Walter in deren Haus, derweil mein Vater sich umzog und bereit machte für den Start des Laufes. Nach dem Zieleinlauf kam er verschwitzt in Omas Haus und ging duschen, derweil Oma für alle Voressen gekocht hatte.

Ich erinnere mich sogar an jenes dunkle Jahr, als es in der Altstadt von Lichtensteig gebrannt hatte. Verbrannte Häuser machen mir Angst. Die Männer starteten. Der Geruch von Rauch lag in der Luft.

Im November fand jeweils „der Frauenfelder“ statt. Er war der letzte und längste Lauf der Saison. Es gibt Menschen, die sagen, dass „der Frauenfelder“ der König der Läufe ist. Ich bin nie gelaufen, obwohl ich es mir immer gewünscht habe. In meinen Träumen lief ich an der Seite meines Vaters im Ziel ein.

Das war vor meinen Hüft-OPs und ich lächle noch heute über meine kindlichen Träume. Stattdessen begleitete ich meinen Vater wann immer möglich an den Lauf. Anfangs mit meiner Mutter, später alleine beziehungsweise mit seiner Frau. Die Kälte bleibt mir in Erinnerung. Mehr als einmal hatte ich Angst, mir die Füsse abzufrieren. Ich fuhr mit meinem Töffli, einem Rucksack voll Getränken, von Frauenfeld über Sirnach nach Wil, dann nach Thundorf, zum Spital Frauenfeld, schliesslich ins Ziel. Am Strassenrand jubelte ich allen zu, die daher kamen: den Jubilaren, dann den Frauen, die auch laufen durften, den Müden und den Fröhlichen.

Ich wartete am Ziel immer voller Ungeduld auf meinen Vater. Immer fürchtete ich, ihm könnte etwas passiert sein und ich war jedes Mal sehr froh, wenn ich ihn wieder in die Arme schliessen konnte. Es machte mir nichts aus, dass er verschwitzt oder verfroren ins Ziel rannte.

Morgen findet der 80. Frauenfelder statt. Mein Vater rennt nicht mehr. Er wird wie ich am Strassenrand zuschauen, wenn die zivilen und die Waffenläufer im Ziel ankommen. Wir werden uns freuen über all jene, die diesen härtesten und besonderen Marathon schaffen.

Schuld vs. Vergebung

Mein Vater hatte es mit den M’s, meiner Familie mütterlicherseits, nicht einfach. Meine Oma Paula, durch und durch Katholikin, war kritisch ihm gegenüber, der reformierter Thurgauer war. Schliesslich hatten mein Vater und meine Mutter protestantisch geheiratet.

Noch schlimmer drauf war mein Opa Walter, und das, obwohl er Protestant war. Er und meine Mutter Uschi standen sich nahe. Meine Mutter fühlte sich ihm sehr verbunden. Wenn ich seine Lebensgeschichte anschaue, scheint mir das nicht mehr als verständlich.

Meine Mutter und Opi Walter haben sich immer als Einzelkinder verstanden. Heute, fast neunzig Jahre nach Opas Geburtstag weiss ich mehr. Opa war kein Einzelkind. Er hatte eine Schwester, Nelly, die vor seiner Geburt starb.

Meine Mutter hat ebenfalls ein Kind, meinen Bruder Sven, geboren, der kurz nach der Geburt starb. Opi und Mami haben vor mir nie „darüber“ gesprochen. Doch meine Mutter war ihm so wichtig, dass er ihren Lebenspartner W. gebeten hat, immer für sie zu sorgen.

Mein Vater hat einen Widerwillen gegen das Haus. Ich verstehe ihn nur zu gut, denn ich habe damals miterlebt, wie Opa Walter meinen Vater verstossen hat. Die Trennung und Scheidung von meiner Mutter hat meinen Opa wütend gemacht. Er hat meinen Vater angeschrien und gemeint: „Verschwind von hier für immer.“

Nur zwei Jahre nach diesen Worten wurde Opa schwer krank. Er wusste genau, dass er sterben würde. Er hat sich diesem Sterben tapfer gestellt. Am 25. Dezember 1996 feierte ich mein letztes Weihnachten mit ihm. Er lag in der Stube neben dem Kachelofen auf einem Bett. Jeden hat er zu sich gerufen. Mir hat er gesagt, ich würde meinen Weg schon machen. Doch viel wichtiger schien ihm, dass mein Vater erfahren sollte, dass Opa sich beim ihm entschuldigte. Er flehte mich an, seine Botschaft zu überbringen und ihm kundzutun, ob mein Vater ihm vergeben hatte.

Natürlich hat mein Vater gesagt: „Schon gut.“
Noch am selben Abend habe ich Opi angerufen und ihm Papis Antwort mitgeteilt.
Das hat mich sehr beeindruckt. Ich war gerade mal 19 Jahre alt.

Mein Vater hat sich nicht dran gehalten, das Grundstück nicht mehr zu betreten. Zum Glück. Denn ohne ihn und seine Hilfe, besonders nach dem Tod meiner Mutter, hätte ich es nicht geschafft, zu Omi zu gehen. Wenn Papis Frau nicht dagewesen wäre, wäre auch Omis Umzug ins Pflegeheim nicht so gut von statten gegangen.

Ich habe mir überlegt, dass das Haus frei von diesen Gedanken der Schuldzuweisung sein soll. Alles ist so friedlich. Das soll so bleiben.

Das Photo

Wenn andere über ihre Kinder reden, spreche ich über Omi Paula. Während meine Kolleginnen über aufsässige Teenager sprechen, erzähle ich von Paulas Abenteuern im Pflegeheim.

Es ist eine verkehrte Welt. Andere Frauen in meinem Alter sind Mütter pubertärer Teenager. Ich dafür hab Omi.
Omi lebt ihr eigenes Leben. Sie braucht mich nicht offensichtlich. Sie ist nicht aufsässig, aber sie fordert mich auf ihre eigene Weise. Während andere „Mütter“ hoffen, dass ihre Kinder erwachsen werden und sich immer mal wieder melden, weiss ich ganz genau, dass ich Paula verlieren werde.

Letzthin schauten wir ein Bild an. Es ist mein liebstes Bild von uns. Ich stehe neben ihr in meinem türkisfarbenen Kinderbademantel. Sie trägt ihr pied-de-poule-Kostüm. Sie lächelt, als sie es sieht.

Sie zeigt auf mich und sagt: „Das bin ja ich.“ Paula lächelt. Sie streichelt über das Photo. Dann zeigt sie auf ihr Bild: „Und die Grosse hier bist du.“

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Die Rollen haben längst gewechselt

Herz aus Glas

Der Oktober ist verlockend golden. Die Farben leuchten. Der Nebel lässt manchmal noch auf sich warten. Ich fahre ins Toggenburg, ins Haus.

Die Grippe, die meinen Körper seit zehn Tagen plagt, scheint vorüber, doch ich fühle mich noch kraftlos. Möbel schleppen ist nicht.

Das Haus gibt mir einen Vorgeschmack auf bevorstehende Winter. Es ist bereits etwas kühl. Ich versuche nicht daran zu denken, was wir noch alles räumen müssen. Mittlerweile freue ich mich auf die Mulde und die Dinge, die ich endlich wegschmeissen kann.

Ich entscheide mich, den Geschirrschrank aufzuräumen. Daran hab ich mich bisher nur schwer gewagt. Dabei hat Omi Paula bei jedem Besuch darauf gedrängt, dass ich was mitnehme, aufräume und putze. Die Erinnerungen an Omi, Röös und Henri scheinen im Geschirr zu stecken. Alles ist arg verstaubt. Ein Durcheinander.

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Ich fülle ein Becken mit heissem Wasser aus dem Bad, denn in der Küche gibt es kein warmes Wasser. Ich beginne, Stück für Stück der Gläser abzuwaschen und schliesslich zu trocknen. Der ganze Tisch ist voll von Glas. Die einen mögen bestimmt sechzig Jahre alt sein.

Ich muss mich entscheiden, was ich nicht behalten will. Die Wahl fällt mir erstaunlich leicht. Sascha verpackt für mich die Gläser und Schüsseln, die weg sollen. Nach zwei Stunden habe ich zwei Regale geräumt, alles abgewaschen und abgestaubt. Ich bin fix und fertig.