Kindsein

Meine Kindheit fand draussen statt.
Ich liebte es, mich auf Bäumen oder auf einen Hügel zurück zu ziehen.
Fürs Leben gern spielte ich am Bach oder auf der Weide, wo ich den Schafen zuschaute.

Dann zogen wir um, weil mein Vater eine neue Stelle hatte.
Er wurde Hauswart.
Die Zeit beim Schulhaus war die schlimmste meines Lebens.
Wer auf öffentlichem Grund lebt, hat kein Privatleben mehr.
Ich erinnere mich an einen Lehrer, der unbedingt wollte, dass meine Katze eingeschläfert wird, weil sie einen Frosch gejagt haben soll. Ich erinnere mich an zerstörte Spielsachen, unsere gequälten Haustiere, meine geliebten Laufenten, die vom Hund des Nachbars bei lebendigem Leibe zerrissen wurden und die ich verbuddelt in der Kugelwerfanlage fand. Ich erinnere mich an unsere Hühner, die getötet wurden, weil Menschen es nicht für nötig befanden, ihre Hunde an die Leine zu nehmen.

All das kommt mir in den Sinn, während ich diesen Zeitungsartikel lese.
Wer Kindern das Spielen verbietet, treibt sie in die Untätigkeit. Das ist meine Meinung.
Menschen, die Kinder nicht mögen, sollten sich am besten zurückziehen. Sie sollten nicht Politiker werden. Solche Menschen verachte ich.

Ich denke zurück an die glücklichste Zeit meines Lebens. Die Kindheit im Haus von Paula.
Wir durften lärmen, uns verkleiden, spielen, Hütten bauen. Wir waren frei.

Die grosse Gräber-Tournee

Dieser Winter war lang.
Was ich sonst um Ostern besorge, nämlich Uschis Grab neu zu bepflanzen, hab ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich hab nämlich Prioritäten gesetzt: Paula besuchen, diese Wiese um Paulas Haus mähen, Freunde treffen und Energie auftanken. Die Tage schmolzen schneller als der Schnee dieses Jahres dahin. Heute endlich habe ich sie heute geschafft: die grosse Gräber-Tournee.

Wir fahren in das Dorf, wo ich einst aufgewachsen bin. Dort auf dem Friedhof, begraben und bedeckt von einem Nadelgehölz, liegt mein kleiner Bruder. Ich muss, seltsamerweise, immer an die gleiche Begebenheit denken, wenn ich das schmiedeiserne Tor zum Friedhof öffne. Ich sehe meine Eltern, gramgebeugt, meine Oma und mich selber. Wir stehen an Svens Grab. Es ist so furchtbar klein. Ich denke, das kann ja gar nicht sein. Mit zwei Jahren erinnert man sich nicht an so was.

Ich stehe mit Sascha vor Svens Grab. Ich wünschte mir, Sven wäre so gross wie der Baum, den mein Vater gepflanzt hat. Ich berühre seine feinen Äste und bin froh, dass es wenigstens ihn noch gibt. Ich habe manchmal Angst, dass Svens Grab einfach weg ist, wenn ich komme, so als hätte es diesen kleinen Menschen, den meine Mutter geboren hat, nie gegeben.

Ich stehe vor dem Grab. Ich bin bald 36. Als meine Eltern ihn verloren, waren sie wesentlich jünger als ich. Der Betonengel, den ich hier vor vier Jahren abgelegt habe, ist brüchig geworden. Svens Grabstein wirkt mit einem Mal so zerbrechlich.

Dann fahren wir, mit einem Kofferraum voller Pflanzen weiter ins Toggenburg, wo meine Mutter und mein Opa, früher auch Anna, meine Urgrosseltern und bestimmt auch Nelly, begraben liegen.

Ich packe die Pflanzen aus und bemerke, wie die Friedhofsleitung wieder einige Grabreihen aufgelöst hat. Opas Grab wird als nächstes dran sein. Er ist jetzt über 15 Jahre tot. Ich schliesse die Augen, bemerke, dass ich durchaus nicht die letzte bin, die für die Gräberbepflanzung besorgt ist. Einige ältere Herrschaften, mit und ohne Pudel, gramgebeugt oder aufrecht, machen sich auf, die Grabstätten ihrer Lieben zu verschönern. Bei kurzem Hinblicken wird mir klar, dass sie alle die Gräber ihrer Eltern, seltener die ihrer Geschwister und praktisch nie die ihrer Kinder bepflanzen. Ich fühle mich stumm geborgen in dieser Gesellschaft der Menschen, die Mutter und/oder Vater verloren haben.

Das Grab meiner Mutter sieht nicht so furchtbar aus, wie ich es erwartet habe. Die Tulpenzwiebeln, die ich vor einigen Jahren in einem Anfall von Übermut und Experimentierfreude gesetzt habe, sind auch diesen Frühling offensichtlich gespriesst. Ich entnehme alles, was verblüht ist, setze neue Erde auf und pflanze Tagetes und zwei Tabakpflanzen.

Sie hat immer so gerne geraucht. Vielleicht, so denke ich, macht ihr etwas das Freude. Ich platziere einige Figuren. Nippes hat sie immer so sehr geliebt.

Ich denke dran, dass sie nie ein Grab gewollt hat und wohl nie, dass ich es pflegen muss. Ich tue es trotzdem gerne. Es lenkt mich ab und lässt mich innehalten. Ich höre den Vögeln zu und dem Schluchzen all jener, denen es gleich ging wie mir, den Trauernden. Ich weiss, dass auch ich bald wieder trauern werde. Es macht mir nichts aus, es zu wissen. Es ist das Leben. Jetzt ist Sommer. Ich werde ihn geniessen und lieben mit all meinen Sinnen.

 

 

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Ein Vormittag mit Paula

Unsere Fahrten zu Paula dauern je nach Verkehrlage 40 bis 60 Minuten, vorbei an Frauenfeld, Wil bis ins Toggenburg. Wenn ein Traktor, oder so wie heute vier Traktoren als Grüppchen, unterwegs ist, geht die Fahrt noch länger. Die schöne Landschaft allerdings entschädigt einen für manchen Ärger. Wir fahren durchs Grüne, sehen auf die Thur. Melancholisch denke ich dran, wie wir letzten Frühling um diese Zeit längstens wandern gegangen sind. Heute regnet es. Schon wieder Schnee? Ich könnt kotzen.

Als wir im Pflegeheim ankommen, ist Paula nicht in ihrem Zimmer, auch nicht in den Aufenthaltsräumen. Ich kriege Panik. Dann denke ich: Paula kann ja nicht weit laufen. Keine Sorge. Weit kann sie nicht sein.

Sascha schaut zum Fenster raus und sieht sie auf dem Hof stehen. Sie schaut dem Treiben zu. Bauernhof. Tiere. Landwirtschaft. Paula sieht aus, als ob sie auf den Bus wartet. Ich bin erleichtert. Ich bin sogar glücklich, weil sie endlich wieder nach draussen geht, ihre Umwelt erkundet. Früher war sie so neugierig. So naturverbunden. Ich denke daran, dass die Natur, die Luft, der Geruch von frischer Erde ihr ein Gefühl von Gegenwart und Leben gibt.

Sascha geht zu ihr hin. Sie reden. Sie erkennt ihn.
Ich warte oben. Wie immer, wenn sie mich sieht, sagt sie: „Du hast abgenommen, nicht wahr?“
Wir gehen in ihr Zimmer. Sie freut sich über die Rosen, die wir ihr mitgebracht haben. Sascha geht mit ihr in den Keller, eine Vase suchen. Ich warte und schaue mich um. Paulas Zimmer sieht aus wie ihre Wohnung. Aufgeräumt. Ordentlich. Über den Fernseher hat sie ein Tuch gehängt, weil sie sich sorgt, dass die Sonne den Bildschirm bleichen könnte.

Paula erzählt uns von ihren Geschwistern und dem schweren Unfall ihres geliebten Vaters. Dieser hatte einen Arbeitsunfall und wurde von einer Rampe erdrückt. Paula erzählt uns die Geschichte, als wäre es gestern gewesen und ich kriege einen kleinen Einblick in ihr Leben. Ihr Vater, so schwer verletzt, mit einem abgerissenen Arm, mit einer Hirnverletzung, die zu Epilepsie führte, wie heftig muss dies für die fünf Geschwister gewesen sein?

Wir sprechen über ihre Zimmerpflanzen, die sie damals, vor über einem halben Jahr erst nicht mitnehmen, sondern „sterben“ lassen wollte. Jetzt gedeihen sie schöner denn je. Sie erzählt stolz, dass sie jetzt im 86sten Lebensjahr ist. Ich lächle. Ich möchte sie umarmen, doch sie ist so zerbrechlich, so klein. Dann sagt sie, sie mag nicht mehr essen. Ihr kleines Bäuchlein spricht eine andere Sprache. Paula erzählt, wie liebevoll man sie behandelt, wie die Pflegenden sich um sie kümmern, auch wenn sie einfach mal nur müde im Bett liegen will.

Ich bin so unsagbar froh, dass Paula so gehegt und gepflegt wird. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass sie nicht in ihrem Haus ist, sondern im Pflegeheim. Als wir aus dem Haus treten, regnet es stärker. Auf dem Korbsessel im Eingang sitzt eine Katze. Ich gehe zu ihr hin. Sie ist so weich und zutraulich. Als wir wegfahren, steht Paula am Eingang, wie früher vor ihrem Haus und winkt. Wir schauen zurück im Rückspiegel, bis wir sie nicht mehr sehen.

Die Wiese

Seit drei Wochen habe ich es auf meiner to-do-liste: ich muss die Wiese mähen.
Paula hat jeweils jemanden engagiert. Aber ich wollte es selber machen. Es scheint mir auch zu kompliziert, wenn ich in ihrem Namen jemanden anstellte.

Zuerst musste ich meinen Vater davon überzeugen, dass er mir das Mähen mit der Sense beibringt. Dies gestaltete sich als etwas schwierig, weil er ja mitbekommen hat, wie ich als Teenager auf die grosse Heuete jeweils reagierte: mit grossem Getobe.

Nach viel gutem Zureden und dem Versprechen, weder meine Hände noch seine Sense kaputt zu machen, kriege ich Unterricht. Ich darf eine kleine Wiese unter dem gestrengen Auge meines Vaters abmähen und fühle mich mit einem Male nicht mehr wie 35 sondern wie 12.

Nachdem er sich vergewissert hat, dass ich mir beim Dengeln nicht meine Finger zerschneide, darf ich die Sense und den Schleifstein mitnehmen. Dies nicht ohne Hinweis, alles wieder ganz zurück zu bringen. Am Abend!! (War er immer schon so??)

Es ist ein sehr seltsames Gefühl, Paulas Wiesen abzumähen. Zum ersten Mal arbeite ich in ihrem Garten, ohne dass sie dabei steht, mir Hilfe anbietet oder meine Arbeiten kommentiert. Trotz alledem bin ich nicht traurig. Ich bin glücklich, weil ich dem Haus so nahe bin. Die Wiese und ich. Die Büsche. Ich schneide dem morschen Goldregen die brechenden Äste ab.

Mit einem Mal ist mir alles wieder präsent. Ich war ein Kind und bin in den Wiesen herumgehüpft. Barri rannte mit mir herum. Wir pflückten Blumen, spielten im Bach, haben Johannisbeeren geerntet und beim Tränken der Beete geholfen. Meine Schwester und ich sind den Hundehaufen ausgewichen. Wir sind glücklich. Alles ist gut.

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Werde ich bald wieder Johannisbeeren ernten dürfen?

Telefonieren mit Paula

Paula liebt das Telefonieren.
Sie redet gern und lange.
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was wir nicht schon übers Telefon miteinander besprochen hätten.

Ich erzählte ihr von meinen Früsten, meinen Liebesfreuden, der Katze, Streit in der Familie, feinem Essen, tollen Erfahrungen mit Tieren und immer wieder von den Erlebnissen in der Kindheit.

Sie schwärmte von ihren Jugendfreunden, meinem Grossvater, ihren Brüdern, unserem Sennenhund, von Röteli und Simeli, schimpfte über ihre Schwestern, den Schwager aus Italien, den Krieg, die Armut und den Hunger.

Gemeinsam redeten wir früher über die Sommerferien, jenen Tag, als ich Barris Wassergeschirr ausleerte und meine Schwester und ich dachten, das Haus explodiert. Wir retteten unsere liebsten Dinge (ich meinen Schreibfüller, meine Schwester ihre Puppen und den Hund) und warteten im Garten. Paula und Walter fanden das derart schräg, dass sie beide noch jahrelang später deswegen Lachkrämpfe bekamen, wenn sie diese Geschichte erzählten.

Paula weiss sie heute nicht mehr.
Es scheint, als wäre ich die Verwalterin unserer familiären Anekdoten geworden.
Manchmal erzähle ich sie ihr, im Wissen, dass sie sie bald nicht mehr hören mag, weil sie darüber traurig wird.

Anna, Nelly und die alten Karten

Heute war ein Aufräumtag. Ich habe die Postkarten sortiert und eingeordnet, die Paula mir geschenkt hat. Dabei fielen mir einmal mehr all jene Karten in die Hand, die vor hundert Jahren an meine Urgrossmutter Anna verschickt wurden.

Ich weiss nicht viel über Anna.

Ich weiss nur, dass sie bis zu ihrer Heirat mit meinem Urgrossvater Henri in Herisau gelebt und gearbeitet hat, zwei Kinder hatte (Nelly und Walter) und 1947 an Brustkrebs gestorben ist.

Mein Grossvater hat nicht viel über sie gesprochen. Aber ich erinnere mich genau, dass er sie als liebe Frau bezeichnete. Als sie starb, war er gerade mal 23 und aus dem Militär entlassen.

Heute war ein besonderer Tag, denn ich fand inmitten all der Karten aus dem ersten und zweiten Weltkrieg, ein Familienphoto von Anna, Nelly und Henri. Es muss vor 1924 aufgenommen worden sein, da Walter auf dem Bild nicht auftaucht. An Annas Seite, sie ist schwarz gekleidet, sitzt ein kleines Mädchen. Vielleicht ist es Nelly. Falls ja, ist es das einzige Bild, dass von meiner Grosstante existiert.Ich vermute, dass sie es ist, denn Anna strahlt voller Stolz und grinst breit. Sie hat ihren Arm um das Mädchen gelegt. Die anderen auf dem Bild sehen mehr oder weniger aus, so wie es sich für jene Zeit geziemt. Anna scheint sich ihr Lachen zu verkneifen.

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Ich fühle mich Anna nahe. Ich hätte sie zu gerne gekannt, mit ihr geredet.
Nun steht das Photo auf meinem Schreibtisch und ich fühle mich seltsam beschützt durch Annas munteren Blick.

Das Zürcher Sechselüüte

Wenn ich bei meinen Grosseltern war, in den Frühlingsferien, war das „Sechselüüte“ einfach Pflicht. Mein Grossvater Walter stand dann breitbeinig da, die Hände auf den Hüften und erklärte mir die jüngere und ältere Schweizer Geschichte. Dies tat er leidenschaftlich und mit grosser Sachkenntnis. Paula erfreute sich an den Kostümen und den vielen Blumen.

Aber der Höhepunkt war das Verbrennen des Bööggs. Mein Opa Walter konnte den Sechselüüte-Marsch sowohl mitsummen als auch auf Trompete oder Saxophon mitspielen. Wie habe ich diese Einlagen geliebt. Zwar traf mein Opa mangels vorhandender Zähne nicht mehr jeden Ton, doch seine Leidenschaft für die Musik war spürbar! An solchen Abenden nahm ich meinen Opa als den Musiker wahr, der er war. Für wenige Momente konnte ich den jungen, ungestümen Swing-Musiker vor meinem geistigen Auge sehen.

Heute abend habe ich das Sechselüüte gesehen. Ich musste an 1988 denken. Ich war 11. Alles stimmte. Alle lebten noch. Alles war in meiner kindlichen Welt in Ordnung.

Erinnerungen

Ein Besuch bei Paula im Toggenburg birgt jedes Mal Überraschungen.
Wie geht es ihr dieses Mal?
Erkennt sie mich noch?
Wie ist ihre Stimmung?
Wie verwirrt, wie klar ist sie?
Ist sie gesund?

Heute war ein erfolgreicher Tag.
Paula war zufrieden, als wir kamen. Sie hat sich offensichtlich gefreut.
Das Schöne an Besuchen bei Paula, wenn es ihr gut geht, sind die Komplimente:
„Du bist aber gewachsen, Zora. Warst du schon immer so gross? Und dünner bist du auch! Pass bloss auf, dass du noch genügend Fleisch am Knochen hast. Mager ist nicht schön!“
Da fühlt man sich doch gleich besser. Ich muss daran denken, dass mir das irgendwann sehr fehlen wird. Ich umarme Paula.

Wir sprechen über früher. Also: ich rede über früher. Paula hört interessiert zu. Ich erzähle von meinen Erlebnissen als Kind. Noch vor ein paar Jahren lachte sie laut darüber. Ihre Worte gingen in meine über. Wir hatten dasselbe erlebt. Sie sitzt da und lächelt. Dann zuckt sie mit den Schultern.
„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, Zora. Aber es war bestimmt schön.“

Als ich von ihrem Hund, dem Barri, anfange, strahlt sie. Sie unterbricht mich und springt auf.
„Weisst du, der Barri, der ist immer bei mir. Sie geht zum Stuhl und nimmt das riesenhafte Plüschtier, das ich ihr vor ein paar Jahren geschenkt habe. Sie drückt ihn mir in die Arme.
„Sein Fell ist so kuschelig. Im Winter habe ich jeweils die Finger an seinem Fell gerieben, damit ich warm habe.“

Paula lächelt und ich tue es auch.

Das Haus und ich

Noch schaue ich für das Haus.
Jede Nacht träume ich davon.
Ich sehe es aufgefrischt, schön, belebt,
aufblühend, mit Garten.
Ich sehe seine Zukunft.

Jetzt ist das Haus verlassen
leblos. Es ist, als ob sein Geist einer Leere gewichen wäre,
die alles verschlingt und muffig ist.

Ich schaue das Haus an und sehe seine Vergangenheit.
Da ist die Witwe B., die Zeit ihres Lebens in Rechtsstreitigkeiten
wegen einer Sickerleitung verstrickt ist.
Da sind Heinrich und Rosa, meine Urgrosseltern, die das Haus
gekauft haben und aufblühen liessen.

Ich sehe die Tulpen, den Garten, die Hunde.
Und dann sind da Paula und Walter, die das Haus erbten.
Meine Kindheit inmitten von trocknenden Leintüchern,
Versteckisspielen und dem Beobachten von Bachforellen.

Was wird sein?

Paula kocht(e)

Meine Grossmutter Paula hatte, seit sie 16 Jahre alt war, hart gearbeitet. Sie war immer Teilzeit-Hausfrau, Mutter und 100% berufstätig.
Paula war keine grosse Köchin. Sie hatte dafür einfach nie Zeit.

In ihrem Haus finden sich nur wenige Kochbücher und die vorhandenen wurden nie benutzt. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie in den 50er Jahren versucht hat, einen Fuchsbraten zu machen. Dieses Experiment war derart grauenvoll, dass Paula und ihr Mann einen schlimmen Ehestreit hatten. Dementsprechend kochte sie, wenn wir bei ihr die langen Ferien verbrachten immer etwa dieselben Gerichte:

  • Rösti, Spiegeleier und Spinat
  • Tomatenspaghetti (die Sauce aus aufgewärmten Püreekonzentrat und Aromat)
  • Buchstabensuppe, auf Wunsch auch ohne Suppe
  • heisser Fleischkäse (Opas Lieblingsgericht)

und dann war da noch

  • das wunderbare Voressen

Dieses Essen kochten meine Mutter und Paula genau gleich. Beide taten sie für mich viele Rüebli in die Sauce, weil ich die so gerne mochte. Wenn das Voressen fertiggekocht war, schmolzen die Rüebli in meinem Mund, weil sie total weich waren. Die Farbe der Sauce war zutiefst dunkelbraun. Dazu gab es immer Müscheli, die ebenfalls weich gekocht waren, damit mein Opa sie essen konnte.
Leider habe ich meine Mutter nie nach dem Rezept gefragt, weil ich dachte, wir hätten genügend Zeit. Als jene Zeit abgelaufen war, dachte ich, ich hätte noch mehr. Denn Paula kannte das Rezept ja auch.
Aber auch diese Frist habe ich verpasst. Paula kann das Voressen nicht mehr kochen. Sie erinnert sich nicht mehr an die Zutaten, ja nicht einmal mehr daran, dass sie es einst gekocht hat und ich es liebte. Ich werde es nie mehr essen, geschweige denn kochen.