Ich habe Angst

Angst vor Morgen.
Ich soll mich mit Behördenmitgliedern und dem zukünftigen Beistand von Paula treffen. Noch weiss ich nicht, was mich da erwartet. Ich bin froh, dass es keine Frage ist, dass Paula da mit dabei ist.
Meine Angst überwiegt. Wie geht es weiter?
Kann ich Paula das Haus abkaufen? Wie wird sich die weitere Betreuung gestalten?

Ich stehe so voller Tatendrang. So gerne würde ich das Haus räumen. Aber ohne Auftrag geht das nicht. Es tut mir in der Seele weh, dass das Haus leer steht. Bald ist Frühling. Es gibt soviel zu tun.

Ich weiss ganz bestimmt, dass sich mein Leben ändern wird. Es hängt von den nächsten Wochen ab. Ich bin bereit.

Hilfe annehmen

Eines der zentralen Themen, wenn ein Mensch älter (und vergesslicher) wird, ist die Hilfestellung. Niemand mag sich vorstellen, dass er von einem anderen abhängig ist. Es ist schlicht schlimm, daran zu denken, dass man plötzlich Hilfe bei alltäglichen Dingen brauchen könnte.

Das war bei Paula genau so.
Wie hätte ich, die Enkelin, meiner Oma befehlen können, Hilfe anzunehmen?
Paula war immer selbständig. Sie war die, die geholfen hat. Nicht umgekehrt.
Aber die Veränderung des Älterwerdens führte schliesslich dazu, dass sie sich damit auseinandersetzen musste.

Es fing vor bald 10 Jahren an, als sie einen starken Rheumaschub in den Händen hatte. Sie konnte sich fast nicht mehr bewegen, nicht mehr einkaufen gehen und auch nicht mehr selber kochen.

Die Hilflosigkeit als Angehörige war riesig. Was sollte ich tun?
Ich lebe 1 Autofahrstunde von ihr entfernt. Kochen auf Vorrat wäre eine Möglichkeit gewesen, aber bei meinen Arbeitseinsätzen schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hätte mit dem Arzt reden sollen, aber das wollte Paula nicht.
Der Arzt verordnete ihr Spitex und Mahlzeitendienst. In meinen Augen war das eine Möglichkeit, Paula so lange wie möglich in ihrem Haus schalten und walten zu lassen.

Hier kommen wir zu einem weiteren Punkt: auch wenn ein Mensch eine beginnende Demenz hat, bedeutet das nicht, dass er keine Entscheidungen mehr treffen kann. Für mich war das immer das wichtigste: ich würde nichts tun, was meine Oma nicht will.

Meine Strategie war Überzeugen, immer wieder ansprechen und Verantwortung abgeben. Mehr als einmal habe ich ihr gesagt: „wenn du deinen Notfallknopf nicht trägst und verunfallst, werde ich dir nicht helfen können.“
Es war ihre Entscheidung, ihn nicht zu tragen – und ihr gutes Recht.

Natürlich denke ich oft daran, ob sie nicht hätte früher ins Pflegeheim gehen sollen. Wie viel Ängste wären ihr (und mir) erspart geblieben?

Dennoch denke ich, dass das höchste Gut eines Menschen die Freiheit bzw. die Selbstbestimmung ist. Ich habe immer gespürt, dass sie die Kontrolle über ihr Leben haben will. Da kann man auch als junge Frau nicht einfach kommen und sagen: So. Fertig! Jetzt lässt du dir helfen.
Im Gegenteil.

Sprache, Kreativität und Gelassenheit

Wenn ich zu Paula ins Pflegeheim fahre, bin ich einen halben Tag unterwegs. Da ich 100% arbeite, wollen Besuche gut geplant sein. Heute Samstag war einer dieser Tage, an dem ich einkaufen ging, nach dem Rechten im Haus schaute und Paula besuchte.

Der Gang zum Haus beklemmt mich jedes Mal, denn es berührt mich, das Haus so alleine und verlassen zu sehen. Praktisch jedes Mal photographiere ich es, laufe rund herum und bedauere, dass ich nicht da wohne.

Nach einer weiteren Viertelstunde Fahrt komme ich im Pflegeheim an. Paula sitzt zufrieden mit den anderen im Fernsehzimmer. Sie erkennt mich zwar, weiss aber meinen Namen nicht. Trotzdem ist die Begrüssung freundlich und aufgestellt.

Wir gehen in ihr Zimmer, denn ich habe ihr Tulpen als Frühlingsgruss mitgebracht, obwohl das Pflegeheim noch bis vor wenigen Tagen umgeben von Schnee war.

Wir setzen uns auf ihr Bett hin und mir fällt auf, dass ihre Zimmerpflanzen am Vertrocknen sind. Paula hat in ihrem Haus alle Blumen immer gehegt und gepflegt. Ich giesse die Blumen und Paula bemerkt trocken, dass sie dies halt jetzt vergisst.

Wir setzen uns erneut hin. Paula beginnt zu reden.
Wenn ich ihre Worte mit jenen von früher vergleiche, ist es ein Schock. Sie hat Wortfindungsstörungen, bricht Sätze ab, singt gewisse Worte und nennt Namen in Zusammenhängen, die ich bisher nie gehört habe. Wenn ich nicht daran gewohnt wäre, würde ich weinen.

Paula redet ohne Punkt und Komma. Es ist schwierig und anstrengend, ihr zu folgen. Ich höre ihr zu, nicke. Als sie Namen von früher nennt, stehe ich auf und hole eines der Fotoalben. Ich setze mich hin und zeige ihr die Photos. Es ist das Hochzeitsalbum meiner Eltern.

Meine Mutter sieht auf den Photos so aus, wie ich sie immer in Erinnerung haben werde: strahlend schön, jung und glücklich. Auch mein Vater strahlt. Nichts deutet darauf hin, in welche Katastrophe sie in ein paar Jahren rein schlittern werden.

Meine Grossmutter bewundert die Schönheit und das Hochzeitskleid meiner Mutter, erkennt sie aber nicht mehr. Sie erkennt auch sich selber, Walter, meinen Grossvater und meinen Vater nicht mehr. Ich sitze da und erzähle ihr die Anekdote mit dem Schwein.

„Welches Schwein?“, fragt Paula.
„Na, das Ferkel, das du als Glücksbringer für das Hochzeitspaar gekauft hast.“
„Häh?“
„Schau hier“, ich zeige auf ein riesiges Schwein, welches bei der Feier kein kleines Ferkelchen mehr war. Der Gesichtsausdruck von Paula während der Feier soll unbezahlbar gewesen sein. Alle haben jahrelang darüber gelacht, wenn Paula diese Geschichte erzählt hat. Jetzt hört Paula mir neugierig, aber ahnungslos zu.

Sie zeigt auf das Bild einer Frau in meinem heutigen Alter.
„Das bist du, oder?“
Ich schüttle den Kopf.
„Das war 1974. Dann wäre ich dieses Jahr schon 76.“
„Ah so? Und wie alt bin ich denn?“
„Was denkst du?“
„94. Ich fühle mich wie 94.“
„Du bist 85. Das geht 10 Jahre bis dahin.“
Paula blickt mich bedeutungsschwanger an und meint:
„Ich werde langsam aber sicher ein altes Wiibli.“
Dann lacht sie und tätschelt meine Hand.

Auf dem Heimweg sage ich zu Sascha, dass Paula nun eigentlich höchstkreativ mit ihrer Sprache umgeht. Es kümmert sie nicht mehr, ob die Worte stimmen und ob sich jemand an ihrer Aussprache stören könnte. Sie spricht ohne innere Zensur. Sie schämt sich nicht einmal mehr, wenn sie etwas nicht mehr weiss. Es ist nicht mehr wichtig. Nur die Gefühle zählen noch. Das ist beruhigend.

Paula und Röös

Röös und Paula an der Hochzeit meiner Eltern 1974

Was für ein bewegtes Jahr!

Anfangs Jahr fürchtete ich mich sehr vor dem, was mir dieses 2013 bringen würde.

Meine Aufgaben wurden nicht weniger. Ich kümmerte mich nach wie vor um Paulas Haus, die Wiese, das Gehölz. Ich versuchte teilweise das Haus zu räumen, defektes Zeugs zu entsorgen. Ich mähte zum ersten Mal die Wiese. Ich schnitt den Goldregen und befreite ihn von den alten Ästen.

Der Winter dauerte aussergewöhnlich lange und ich war mehr als einmal froh, dass Paula nicht mehr in ihrem Haus lebt, sondern betreut wird. Der Toggenburger Winter ist hart!

Im Mai wurde Paula 85 Jahre alt. Wir feierten diesen Tag, indem wir gemeinsam ins Haus gingen. Paula war berührt und froh, dass sie danach wieder „nach Hause“ ins Pflegeheim gehen konnte.

Paula stürzte im Spätsommer im Pflegeheim, brach sich Knochen und erholte sich aber rasch wieder. Zwar musste sie einige Zeit mit dem Rollator herum laufen, doch mit ihrer aufgestellten und nach vorne gerichteten Art und der Unterstützung durch die aufmerksamen und liebevollen Pflegenden, schaffte sie diese schwierige Situation in der ihr eigenen Art.

Immer wieder treffe ich Menschen, die wie ich Angehörige von Menschen mit Demenzerkrankungen sind. Das Gespräch und der Austausch mit ihnen tröstet mich, denn ich bemerke immer wieder von neuem: wir sind nicht alleine. Es ist so immens wichtig, sich nicht zu verstecken, sondern über die Erfahrungen, Erlebnisse und manchmal auch sehr traurigen Begebenheiten zu sprechen. Wer schweigt, vereinsamt.

Ich bin gespannt, was 2014 mit sich bringen wird und ob sich meine Träume erfüllen. Ich bin neugierig und ängstlich, wie sich Paulas Gesundheitszustand entwickeln wird. Ich wünsche ihr so sehr, dass es ihr gut geht, sie nicht leiden muss und zufrieden ist.

Das Weihnachtsessen

Ich gebe es unumwunden zu; ich hatte gestern Angst.
Der Gedanke, ins Toggenburg zu fahren, zu Paula, bereitete mir grosses Magenweh. Schon wieder ein Abend, den ich nicht zuhause verbringen würde. Eine Stunde hin. Eine Stunde zurück. Und heute würde ich einen langen Tag haben.

Alles Ausreden. Das weiss ich jetzt.
Ich hatte Angst, Paula zu sehen, weil ich mich nur schwer daran gewöhnen kann, dass ihr Weg ein anderer ist als meiner.

Wir fahren als ins Toggenburg, vorbei am Haus. Die beleuchteten Strassen heimeln mich an. Es ist wie in meiner Kindheit. Nur das Haus ist dunkel.

Im Pflegeheim steht Paula. Sie sieht überrascht aus, sagt, uns hätte sie ersehnt, aber nicht erwartet. Die alten Menschen, die nicht immer zufrieden wirken, sehen für einmal entspannt aus. Viele Verwandte sind eingetroffen, sitzen da neben ihren betagten Eltern oder Grosseltern. Die Stimmung ist herzlich.

Wir kriegen Wein, Paula trinkt Traubensaft. Dann gibt es mehrere Gänge zu essen, von denen einer besser ist als der andere. Das Essen ist schmackhaft, gut zu zerkauen. Mir fällt auf, dass Paula Mühe hat, Besteck zu benutzen. Ein nächster Schritt.

weihnachtsessen mit Paula 2013 (13)

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Sie, die immer so auf Manieren geachtet hat, streicht mit den langen, schönen Fingern auf den Tellern herum, leckt sich Schoggisauce von den Fingerkuppen. Sie kennt auch die Funktion der Serviette nicht mehr. Ich helfe ihr. Sie hat ein wenig Mühe zu schlucken. Eigentlich mag sie nach der Vorspeise nicht mehr essen. Doch da ihr weiter freundlich Essen angeboten wird, isst sie. Einmal würgt sie. Sascha sagt ihr, dass sie nicht essen muss, wenn sie nicht mehr mag.

Mag sie noch? Oder ist der Gedanke, dass Essen auf unseren Tellern verdirbt, nicht unerträglich für sie, einen Menschen, der als Kind Hunger leiden musste?

Am Tisch nebenan sitzt ein kleines Kind. Paula ist hin und weg. Sie macht Faxen und freut sich riesig. Auch als das Kind zu kreischen beginnt, verliert sie ihre gute Laune nicht. Irgendwann blickt sie mich an und meint:
„Sag mal, Mädchen, bist du breiter geworden?“ Sie blickt ungeniert auf meinen Bauch. Was soll ich ihr sagen? Ja. Nein. Ist doch unwichtig.

Ich gehe auf die Toilette. Sascha sagt mir später, dass sie ihn unumwunden gefragt hat, ob ich schwanger sei. Als er nein sagt, entschuldigt sie sich höflich für die Frage. Für den Rest des Abends schaut sie nicht mehr auf meinen Bauch, winkt aber jedem zu, der auch nur in ihre Richtung schaut.

Wir fahren nach Hause.
Am Haus vorbei. Es ist dunkel. Sascha und ich schauen uns an.
„Vielleicht ist es nächstes Jahr um die Zeit beleuchtet.“

Die grosse Nähe

Als ich noch ein kleines Mädchen war, konnte ich es nur schwer ertragen, wenn ich von meiner Omi Paula getrennt war. Wenn sie uns besuchte, kroch ich fast in sie hinein. Sie war mir die liebste, die herzlichste Frau. Sie und ich, das war eines.

Heute bin ich 36, Paula bald 86. Seit über einem Jahr lebt Paula in ihrem Pflegeheim. Sie wird Tag und Nacht umsorgt.

Meine Schuldgefühle haben abgenommen, wohl weil Paula im Heim angekommen ist und sich sichtlich wohlfühlt. Doch es gibt auch noch andere Gründe. In meiner Tätigkeit als Ausbilderin erlebe ich mit, vor welche Probleme die Pflegenden gestellt werden. Über die Löhne schweige ich mich aus. Auch über den Umgang der Schweizer Klienten mit ihren Pflegenden, die mehrheitlich aus Südosteuropa stammen.

Aber ich erlebe mit, wie die jungen Pflegenden trotzdem liebevoll und professionell pflegen. Mit einem Mal fühle ich mich klein. Denn ganz im Ernst: einen fremden Menschen pflegen, ist anspruchsvoll. Aber den eigenen, liebsten Menschen tagtäglich zu pflegen, ohne Pause, ist selbst für mich ein unerträglicher Gedanke.

Der Artikel hier hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich musste daran denken, dass wenn ich vielleicht nicht so einen tollen Job hätte, Paula weniger Vermögen und ich näher wohnen würde, ich in derselben Situation gewesen wäre. Ich hätte Paula gepflegt und wäre total überfordert.

Gewalt in der Pflege passiert so schnell. Man ist gestresst, demente Klienten können selber auch sehr rabiat sein und schon ist es geschehen.

Deshalb ist es unglaublich wichtig, dass Frauen und Männer, die in der Altenpflege arbeiten, eine gute Ausbildung erhalten und wissen, wie sie bei Überforderung reagieren müssen. Noch sehr viel wichtiger ist aber, dass wir, die wir nicht in diesem Bereich arbeiten, diesen Menschen unseren Respekt für ihre Tätigkeit erweisen. Sätze wie: Füdli putzen kann ja wohl jeder sind einfach daneben. Ganz egal, ob ein Bauarbeiter oder ein Politiker sie macht…

Ein sehr langer Tag

Als ich vor sechs Jahren zum Frühdienst fuhr, hatte ich keine Ahnung wie dieser Tag enden würde.

Um acht Uhr wurde ich auf meinem Handy von der Pflegenden angerufen, die mir mitteilte, dass sich Uschis Zustand stark verschlechtert hatte. Ein Kollege vertrat mich, so dass ich einfach zu meiner Mutter gehen konnte.

Sie so zu sehen, wie sie da in ihrem Bett umhüllt von schöner, bunter Bettwäsche lag, war ein Schock. Ihr Mund war trapezartig verformt. Ihre Augen weit geöffnet, ins Leere schauend. Ich bin einfach nur zu ihr hingegangen und habe ihre Hand gehalten.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg. Was hätte ich auch sagen können? Ich hatte den Eindruck, als wäre ihr Körper noch hier, aber ihre Seele nur noch an feinen Seidenfäden festgemacht.

36 Stunden blieben uns noch. Aber das wusste ich damals nicht. Wenn mir das jemand gesagt hätte, wäre ich zusammengebrochen. Doch stattdessen sass ich da.

Ihr Atem rasselte stark. Dieses Geräusch, dieses unglaubliche Geräusch, werde ich nie mehr vergessen. Es klang, als würden sich alle Säfte in ihrer Lunge bewegen. Sie atmete schwer.

Ihr Herz schlug noch immer regelmässig. Es war so stark. Mir kam in den Sinn, dass sie doch eigentlich ein zerbrochenes haben musste.

Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass sie noch einmal ihre Augen aufgeschlagen hätte. Am Ende ihres Lebens fanden jedoch keine grossen Worte mehr Platz.

Ich redete mit ihr, doch sie reagierte nicht mehr sichtbar. Ich wusste, nein: hoffte, dass ihr Gehör noch da war. Ich strich über ihre Hände, ihre Finger, deren Nägel die jungen albanischen Pflegenden so schön lackiert hatten.

Immer wieder setzte ihr Atem aus. Mehr als einmal meinten die Pflegenden, dass jetzt ihre Stunde gekommen sei. Aber wir täuschten uns alle.

Meiner Mutter Herz schlug einfach weiter. Ich hatte das Gefühl, dass sie noch jeden Moment Leben auskosten wollte.

Der Pflegedienstleiter kam mehrere Male vorbei und saugte Schleim ab. Er versuchte mich zu beruhigen, indem er mir erklärte, dass sie keine Schmerzen hatte. Meine Mutter hatte nämlich, und das hat mich sehr überrascht, eine Patientenverfügung erstellt. In jener stand, dass sie in die Behandlung mit Morphium eingewilligt hatte. Es überraschte mich insofern, als dass ich nie gedacht hätte, dass sich Uschi mit ihrem Tod auseinander gesetzt hatte.

Ich war ihr sehr dankbar, dass ich in jenen Stunden zwischen Leben und Tod nichts mehr entscheiden musste.

Irgendwann wurde es Abend, dann Nacht. Aber meine Mutter lebte noch immer.

Der schwarzgoldene Oktober.

Der Oktober ist ein seltsamer Monat. Ich liebte den Herbst, seit ich ein Kind war. Ich liebte die Farben. Gelb. Orange. Fauliges Grün.

Als ich meine Mutter zum letzten Mal sprechend sah, es war der 14. Oktober, wusste ich nichts. Es war sehr neblig. Ich wurde an meinem Arbeitsplatz angerufen und gebeten zu kommen, da es ihr sehr schlecht ging. Ich fuhr hin. Sonntagnachmittag. Die Strecke schien mir endlos.

Meine Mutter sass still, aber zufrieden in ihrem Bett. Ich hatte es mir dramatischer vorgestellt. Wir redeten ein wenig. Sie roch nach frischer Leber, dieser Geschmack, den ich niemals mehr in meinem Leben mehr aus meinem Kopf herausbringen werde. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre Haut senfgelb. ebenso ihre Augäpfel.

Wir sassen nebeneinander. Ich hatte das Gefühl, als sässe der Tod zwischen uns. Ich konnte seine Knochenhand und seinen eisigen Atem fühlen. Ich dachte, ich wäre bereit, sie gehen zu lassen. Die Nächte waren die Hölle. Ich konnte nicht mehr schlafen. Immer wieder wachte ich auf. Schweissnass. Horror.

Als ich zwei Tage später um acht Uhr morgens von Weinfelden nach Wil fuhr, hatte ich Panik. Ihre Nacht war schlecht gewesen. Man erwartete, dass sie in kürzester Zeit gehen würde.

Der Nebel war sehr, sehr dicht gewesen. Ich musste vorsichtig fahren. Ich fluchte am Steuer. Weinte. Schrie. Ich war so wütend. So abgrundtief traurig.

Als ich ankam, lag sie in ihrem Bett wie ein riesiger, senfgelber Embryo. Ihr Mund war trapezförmig geöffnet. Ich war nicht geschockt. Ich setzte mich neben sie hin. Ich streichelte sie. Nach einiger Zeit begann ich damit, ihre Häkeldecke zu flicken. Sie hatte die Endfäden jeweils stehen gelassen, weil sie nicht gerne nähte. Also tat ich das für sie.

Nach einer Nacht ohne Schlaf, vielen Tränen und einem unbequemen Sessel wurde es Morgen. Meine Mutter lag noch immer in ihrem Bett und lebte. Ich hatte dutzende von Atemaussetzern miterlebt. Aber sie ging nicht.

Am Vormittag kam Paula vorbei. Wir setzten uns an Mutters Bett und erzählten ihr ihre Lebensgeschichte. Um 16.15 machte meine Mutter den letzten Atemzug. Draussen schien die Sonne, leuchteten die Farben, so als hätten sie nur darauf gewartet, dies für sie tun zu können.

Paula anrufen

Früher konnte ich einfach Paula anrufen, wenn ich unglücklich war.
Sie nahm ab, sagte ihren Nachnamen und sobald sie meine Stimme hörte sagte sie:
„Zora!“
Dann sprachen wir darüber, was wir beide den ganzen Tag so gemacht hatten.
Wir konnten stundenlang reden.
Manchmal erzählte sie mir Geschichten. Manchmal erzählte ich ihr Geschichten.

Das ist alles vorüber.
Wir können nicht mehr ohne fremde Hilfe telefonieren, da sie ihren neuen Apparat nicht mehr bedienen kann. Wenn sie früher bestimmte Worte nicht mehr wusste, sagte sie „Dings“. Heute singt sie stattdessen „lalala“.

Ich ertrage es nur schwer.
Ich vermisse ihre Ratschläge, ihre Liebe und ihre Segnung.
Jedesmal, wenn wir telefoniert hatten, meinte sie, sie würde beten.
Das war bei ihr so eine ganz normale Sache, so wie wenn ich heute sage: „ich geh das mal googlen“.

Ich verliere meine Vergangenheit.
Das Haus ist ohne sie so schrecklich leer.
Es riecht noch nach ihr.
Nach ihrer Stimme.

Trotzdem fühle ich mich alleine.

Der Brief

Als ich vor sechs Jahren meine Mutter im Pflegeheim besuchte, hatte ich einen schweren Gang vor mir. Die nette Dame des Sozialamts drängte drauf, dass ich sofort die Wohnung meiner Mutter kündigte und auflöste, da diese sonst den Steuerzahler zuviel kostete. Das ist ja auch nachvollziehbar.

Allerdings bedeutete diese Wohnung alles für meine Mutter. Ich wusste nicht, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich vom Sozialamt eine Kündigungsvorlage bekommen hatte, die sie unterschreiben musste.

Ich trug den Zettel tagelang mit mir rum. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.
Als meine Mutter eines Tages eher müde und antriebslos war, gab ich ihr den Zettel. Ich hab nicht mal gelogen, als ich sagte, dass sie damit ihre Wohnung kündigte. Meine Mutter meinte nur: „Dann ziehe ich jetzt also in diese tolle, weisse, grosse Wohnung mit Waschmaschine und Lift ein?“ Ich zuckte mit den Schultern, aber das sah sie nicht.

Als sie einige Tage später fitter war, fragte sie mich danach. Sie wollte wissen, ob sie mit dem Unterschreiben des Zettels ihre Wohnung gekündigt hatte und nun für den Rest ihrer Tage (es waren nicht einmal mehr zwei Wochen) hier bleiben müsste. Ich nickte.

Sie begann zu fluchen und toben.
Und dann schmiss sie mich raus.
Sie schrie, dass sie mich nie mehr wiedersehen wollte.

Ich weiss nicht mehr viel, nur dass ich auf dem Flur einfach zusammensackte. Ich weinte. Ich konnte nicht mehr. Ich werde die blasse Farbe des Flurs, die nette Stationsleitung mit den roten Haaren und den Aufdruck auf der Tempo-Taschentücherverpackung nie mehr vergessen. Ich sass im Büro jener Frau und heulte. Ich war verzweifelt.

Kopfmässig wusste ich ja, dass meine Mutter im Begriff war zu sterben. Aber ich konnte es nicht ertragen, dass ich das Werkzeug war, mit dem sie ihre Wohnung kündigte. Noch heute werde ich wütend, weil ich denke, diese teilnahmslose Beamtin hätte das mal besser selber getan.

Die Stationsleitung meinte, nachdem ich mich beruhigt hatte, ich sollte wieder reingehen und der Mutter in die Augen schauen, denn dann würde ich bemerken, dass sie warm und lieb leuchten und sie nicht mehr wütend auf mich ist. Dem war auch so.

Meine Mutter beruhigte sich nach einigen Minuten wieder. Sie sass in ihrem Bett, ächzend, die Hände auf ihrem riesigen Bauch, in dem doch kein Kind heranwuchs, senfgelb. Sie blickte mich aus ihren verweinten, dunklen Augen an. Sie blutete aus der Nase.

Ich sagte nicht viel, sondern holte aus meiner Handtasche einen Tampon hervor und reichte ihn ihr.
Sie blickte mich verwundert an. Dann begann sie lauthals zu lachen. Sie öffnete ihre Arme, damit ich sie umarme. Wir hielten uns ganz fest.

Sie sagte: „Du bist mir ja vielleicht eine Lustige.“
Ich hingegen wusste, dass es das letzte Mal war, dass ich dieses Lachen hören würde.