Gedenkfeier

Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass ich zehn Monate nach Omis Tod zu einer Gedenkfeier des Pflegeheims eingeladen würde. Es war kein leichter Nachmittag für mich.

Dass ich keinen Parkplatz mehr fand, als ich zum grossen Pflegeheim im Toggenburg fuhr, war eine Sache. Ich war ein wenig verzweifelt. In ganz Ebnat-Kappel prangen unfreundliche Parkverbotsschilder, die mich und mein Auto drakonische Strafen erwarten liessen. Dass ich schlussendlich bei der Gemeindeverwaltung (auf Nachfrage) parkieren durfte, fand ich grossartig.

Omi hat nicht im grossen Pflegeheim Wier gelebt, sondern im kleineren. Im Speer. So heisst nämlich einer der Berge im Tal. Vor über einem Monat wurde ich zur Gedenkfeier 2017 eingeladen.

Der Reihe nach wurden die verstorbenen Bewohner und Bewohnerinnen des Jahres erwähnt. Omis Name fiel ziemlich am Anfang. Die Pflegedienstleiterin Frau R. beschrieb in liebevollen und respektvollen Worten die Lebensgeschichte der Verstorbenen, erzählte Anekdoten, die schmunzeln und nachdenklich werden liessen. Für einige Momente waren all jene verstorbenen Menschen wieder in jenem Raum anwesend.

Ich empfand die Atmosphäre anfangs sehr drückend. Ich musste weinen. In diesem Raum waren lauter Menschen anwesend, die innerhalb der letzten Monate einen ihrer liebsten Menschen verloren hatten. Dank der spirituellen Begleitung der Pfarrerin, des Kaplans und des Predigers zerfloss die Schwere des Moments. Frau R. gelang es immer wieder mit ihren Worten, die geliebten Menschen vor Augen und ins Herz zu halten, sich ihrer zu erinnern, zu trauern und sich mit ihrem Tod zu konfrontieren.

Für Momente wurden all jene toten Menschen ihrer Anonymität entrissen. Sie erhielten einen Namen, eine Lebenszeit und eine Geschichte. Tränen flossen. Kerzen wurden angezündet. Umarmungen ausgetauscht. Wir alle erfuhren mehr über all jene letzten Monate und Tage jener Menschen, die in diesen Mauern gestorben sind.

Es war nicht erschreckend, sondern erstaunlicherweise mutmachend. Wir, die Überlebenden erfuhren von Kämpfen ums Leben und den Tod, von grossen Liebesgeschichten. Überhaupt, die Liebesgeschichten waren in der Überzahl. Dass Menschen so sehr lieben können, selbst und erst recht im Angesicht des Todes, hat mich sehr bewegt. Liebe hat kein Alter.

Mich berührte Frau R.’s kurze Geschichte über Omi Paula. Letzten Dezember kam der Samichlaus in Omis Pflegeheim vorbei. Er fragte, wer denn ein Sprüchli aufsagen könnte. Omi meldete sich.
Sie sagte zum Samichlaus: „Ta tamm ta tamm ta tamm ta tamm… und…? weisst du auch eines?“

Ich musste lachen und weinen gleichzeitig, als ich diese Geschichte hörte.
Das war Omi, wie sie leibte und lebte am Ende ihres Lebens, knapp einen Monat vor ihrem Tod.
Omi fehlt so.
Das hab ich bemerkt heute nachmittag.
Mir fehlt ihre liebe Art.
Ihre Sprache.
Die sanfte Berührung ihrer schönen Hände.

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Ich bin noch immer sehr dankbar, dass mein Omi Paula im Pflegeheim Speer, das zum Pflegeheim Wier Ebnat-Kappel SG gehört, sterben durfte. Sie wurde bis zu ihrem letzten Tag liebevoll begleitet. Ich weiss, das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Ich möchte all jenen Frauen und Männern meinen Dank ausdrücken, die ihre Lebenskraft für Menschen in Omis Alter einsetzen.

Der Brief

Als mich vor einigen Tagen ein Brief von Omis Pflegeheim erreicht, denke ich für einen Moment: „Scheisse, jetzt kommt nach neun Monaten noch eine Rechnung.“

Ich öffnete den Umschlag und entnahm ihm eine Einladung.
Das Pflegeheim lud mich und andere Familienmitglieder ein, um an einem Gedenkanlass für Omi und all die anderen Bewohner und Bewohnerinnen, die in den letzten 12 Monaten verstorben sind, teilzunehmen. Mir stiegen die Tränen ins Gesicht.

Omi ist neun Monate tot. Neun Monate ohne ihr Lächeln, ihre Stimme, ohne eine Berührung ihrer Hände. Fast ein ganzes Jahr ist vergangen, und es scheint mir, als wäre es erst gestern passiert. Als wäre erst gestern Schnee gelegen und ich verzweifelt. Aber ich bemerke auch, dass die tiefe Trauer etwas neuem Platz gemacht hat. Mein Herz ist nicht länger verkohlt. Es tut zwar manchmal weh, aber ich spüre auch, dass es weiterlebt.

Wir leben hier in einer katholisch geprägten Region. Das Trauern in Abschnitten wird hier von einigen noch sehr hoch gehalten. Da ich reformiert erzogen bin, verstehe ich nur wenig davon. Den Gedenkanlass des Pflegeheims finde ich grossartig. So haben wir Familienmitglieder, aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner und die Pflegenden, eine Möglichkeit, den Toten dieses Jahres zu gedenken und uns zu verabschieden. Auf dass die Wunden heilen und neues wachsen kann!

Puppenstube

Vor fünf Jahren um diese Zeit suchten wir gemeinsam mit Omi ein Heim. Fünf Jahre sind vergangen wie im Fluge. Omi ist nicht mehr und manchmal erscheint mir alles sehr irreal.

Seit zweieinhalb Jahren leben wir nun im Haus. In diesen Sommerferien haben wir es geschafft, alle Kisten im Estrich zu ordnen und zu entsorgen, was wir nicht mehr brauchen. Ich frage mich, was Omi sagen würde, wenn sie nun durch ihr Haus marschieren würde. Würde sie es noch erkennen?

Nun ist auch das Gästezimmer frei geräumt.
Es ist das modernste Zimmer von allen, denn dieser Hausteil wurde erst in den 50er Jahren angebaut.
Omis Buffett steht hier, ein Tisch, Stühle. Auf den Balkon geht man besser nicht.
Als Kinder haben wir hier gerne gespielt, denn in den Seitenschränken hatte Omi unser Spielzeug verräumt.

Vor über fünf Jahren standen Sascha und ich mit Omi hier und sie bat mich, alles mitzunehmen, was ich noch brauchen kann. Immer wieder hatte sie Angst, dass sie, wenn sie ins Pflegeheim ginge, alles abgerissen und entsorgt wird. Erst mit Verschlechterung der Demenz verlor sie diese Angst.

Ihre Angst nahm mich als Enkelin in die Pflicht, sorgsam mit ihrem Hab und Gut umzugehen. Ich fasse alles bewusst an und entscheide, was damit passiert.

Omis Puppenstube ist 80 Jahre alt. Ich versuche mir vorzustellen, wie die kleine Paula überglücklich damit gespielt hat. Sie hat immer wieder erzählt, wie sie sie von ihrem Arzt bekommen hat, als sie so krank war. Als Omi entschied, ins Pflegeheim zu gehen, übergab sie mir ihre Puppenstube und ermahnte mich, sie in Ehren zu halten. Das hab ich getan. Wie könnte ich auch anders?

Vergessen

Omi ist jetzt fast fünf Monate tot. Es erscheint mir, als wäre es gestern oder nie passiert.

Ich sitze in Omis Garten, während ich dies schreibe. Der Wunsch, dass sie jetzt neben mir sitzt, so wie damals, als wir Foto für Foto aus der Familienkiste besprochen haben, ist riesig. Das wird sie nie mehr tun. Die Bank, auf der wir vor bald 20 Jahren gemeinsam sassen, ist längst verrottet und steht auf unserer Wiese.

Noch vor einem Jahr war sie im Pflegeheim und ich habe sie besucht.
Ich war nicht jeden Tag da. Auch nicht wöchentlich.
Es ist viel eher so, dass ein Pflegeheim seine eigenen Abläufe und Gesetze hat.
Es war immer jemand für Omi da.

Omi schloss ihre Pflegenden ins Herz und trotz aller Trauer meinerseits
tat mir das gut.

Es war sehr schmerzhaft, den eigenen Namen und die Geschichte in ihren Augen zu verlieren, gerade weil sie mich immer so sehr geliebt hat.
Aber all das hatte auch etwas Gutes.
Man ist austauschbar.
Ihre Gefühle für andere Menschen waren nicht mehr nur auf mich konzentriert.

Es hat mich immer sehr gefreut, wen sie mochte.
Das waren immer Frauen, mit denen auch ich sehr gut auskam. Die ich für besonders fähig und gut hielt. Es hat mich sehr gefreut, dass einige von ihnen an Omis Beerdigung kamen.

Einerseits war es schön, dass sie andere Menschen an sich heranliess, sie mochte und mit ihnen Beziehungen aufbaute.
Aber es tat mir immer wieder sehr weh, dass sie mich einfach vergessen hatte, so als wäre ich nicht fast vierzig Jahre an ihrer Seite gewesen.

„Lass los“, dachte ich mehr als einmal

Vor einem Jahr war alles anders.

Vor einem Jahr kam ich zurück aus Berlin.
Ich wollte Omis Geburtstag nicht verpassen.
Damals dachte ich: Du weisst nie, wann es das letzte Mal ist.

Jetzt, ein Jahr später ist alles anders.
Die Tulpen, haben erst vor einigen Tagen angefangen zu blühen.
Sie sind unter der Last des Schnees zerbrochen.
Einzig die Linde sieht aus wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals klein, und kein so grosser Baum wie jetzt, war.

Ich hab keine Ahnung, wie Omis Grab aussieht.
Morgen mache ich es nochmals neu.
Ich bin froh, dass Omi kremiert ist und ihr toter Körper nicht in dieser kalten Erde vor sich hin gefriert. Sie mochte es lieber immer warm.

Vor einem Jahr fuhren wir jeweils ins Pflegeheim, um mit Omi ihr Geburtstagsmahl zu essen.
Wirklich wohlgefühlt habe ich mich nicht. Das lag aber nicht am Heim oder an Omi, sondern daran, dass es mich sehr getroffen hat, als Omi nicht mehr selber essen konnte. Ich dachte daran, wie oft sie mich gefüttert hat, als ich noch ein kleines Kind war.

Ich hatte oft Angst, sie erstickt irgendwann, denn das passiert schwer demenzkranken Menschen manchmal. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass Ersticken für mich eine schreckliche Art und Weise zu gehen ist.

Ich versuche, mich an der Natur zu orientieren.
Ich freue mich über die Besuche der Kohlmeisen, Blaumeisen, der Spatzen, der riesigen Krähe und des Spechts. Dann denke ich: Vielleicht ist Omi jetzt ja eine wunderschöne Blaumeise, die sich über Futter und Zuspruch freut.

Omis Geburtstag ohne Omi

Am 6. Mai würde Omi Paula 89 Jahre alt.
Ihr Geburtstag war für mich seit Kindheit immer eine Art Feiertag.
An Omis Geburtstag hab ich nie was anderes abgemacht. Da ging ich zu ihr.

Früher gingen wir chic in ein Café essen. Wir tranken Kaffee, assen einen Gratin oder eine Wähe und sprachen stundenlang über Gott, die Welt und unsere gemeinsamen Erlebnisse.

Heute denke ich manchmal, dass wir all das vorgeholt haben, weil Omi vielleicht gespürt hat, dass es Zeiten geben würde, in denen wir nicht mehr miteinander reden können. Ich liebte es, Omi zuzuhören, wenn sie über ihre oder meine Kindheit erzählte. Mir schien, als gebe es nur sie und mich. Omi konnte ich alles sagen. Omi hörte immer zu und wusste auf alles einen Rat.

Die letzten Jahre im Haus waren schwierig. Aber irgendwie waren Omis Geburtstage immer schön. Es wurde Frühling und es war immer schönes Wetter.

Omis Geburtstage im Pflegeheim habe ich nicht in so guter Erinnerung. Zwar gab es für sie feines Essen und auch für uns. Doch gerade beim Essen können, wurde mir schnell und schmerzlich bewusst, wie Omis Fähigkeiten selber essen zu können, zurückgehen.

Ich weiss noch, als ich Omi zum ersten Mal Essen eingegeben habe.
Es tat mir sehr weh, Omi so verletzlich, so auf Hilfe angewiesen zu sehen.
Ich habe gezittert und es fiel mir schwer, ihr die Gabel an den Mund zu halten.
Aber dann ging es mit einem Mal und war gar nicht schlimm.

Den ersten Geburtstag von Omi ohne ihre Anwesenheit zu begehen, wird für mich seltsam sein.

Ich will auch gar nicht, dass der 6. Mai ein Tag wird wie jeder andere. Ich werde an ihr Grab gehen, nach den Blumen schauen und ganz fest an sie denken.

Dement = dumm?

Ich weiss noch, wie ich vor über 15 Jahren stinkwütend wurde, als ich Omi Paula im Spital Wattwil besuchen ging. Omi war wegen ihres Hallux valgus in Behandlung. Sie hatte schlimme Schmerzen und war nach der OP recht durcheinander. Ich hab mir natürlich Sorgen gemacht und sie nach dem Eingriff aufgesucht. Eine Pflegende nahm mich damals kurz zur Seite und meinte: „Ich glaube, Ihre Oma ist demenzkrank.“

Ich kriegte fast einen Tobsuchtsanfall. Mein Omi? Dement?? Doch nicht Omi. Omi war manchmal chaotisch. Verpeilt. Vergesslich. Aber dement?

Ich sagte Omi nichts von diesem Gespräch. Aber ab jenem Zeitpunkt war es irgendwie anders. Ich wurde älter und meine Angst, dass Omi demenzkrank sein könnte, bewahrheitete sich. Noch heute denke ich oft an diese Pflegende und meine Wut zurück. Sie hatte es gut mit mir gemeint. Ich hab patzig geantwortet, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Ich hatte damals ein Bild von Demenz im Kopf, das zu Omi einfach nicht passen wollte. Ich hatte mich in jenen Jahren für eine Ausbildung im gerontopsychiatrischen Bereich interessiert. Ich habe beim Schnuppern viele Patienten gesehen, die in der Psychiatrie alt und dement wurden. Ich hatte mit 20 Jahren Angst, Omi würde auch mit leeren Augen, sabbernd und entwürdigt, vollgestopft mit Medis in vollen Windeln herumliegen.

Glücklicherweise traf das alles nicht ein. Omi wurde zwar alt und demenzkrank, aber nicht würdelos. Nicht dumm. Sie bekam zwar zunehmend Mühe mit den Aufgaben des Alltags, doch all dies machte etwas anderem Platz. Sie strahlte Ruhe und Liebe aus. Sie war immer noch Paula. Dem Kern ihrer Persönlichkeit, ihrer Liebeswürdigkeit und ihrem Humor, konnte die Demenz nichts anhaben. Sie wurde liebevoll und respektvoll gepflegt bis zu ihrem letzten Tag.

Vielleicht macht es mich deshalb sehr sehr wütend, wenn Menschen alte Menschen als „dement“ bezeichnen, wenn sie eigentlich sagen wollen: dieser Mensch ist dumm. Oder senil. Michael Schmieder hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben: „Dement, aber nicht bescheuert“. Wer lesen kann, der lese dieses Buch!

Ich bin der Meinung, dass wir uns als Angehörige von Demenzkranken dagegen wehren müssen, wenn solche Menschen unsere Verwandten und andere alte Menschen, einfach pauschal abwerten, um sich selber aufzuwerten.

Die Demenz ist als Erkrankung zu ernst, zu traurig, zu kräftezehrend, als dass man sie als Beschimpfung in die Welt hinaus plärrt. Nur jemand, der selber einen demenzkranken Menschen gepflegt hat, kann dies wohl verstehen. Allen anderen wünsche ich, dass sie diese Erfahrung nie machen müssen.

Montag

Seit heute morgen vier Uhr lebt Omi nicht mehr.
Verstanden habe ich es wohl. Aber glauben konnte ich es nicht.
Mein Herz tut sehr weh.
Ich ziehe meine schwarzen Kleider an, die bereit gelegt im Schrank auf mich warten.

Wir fahren ins Pflegeheim. Dort werden wir von den Pflegenden empfangen.
Ich brech in Tränen aus, als ich Omis Gedenktischchen erblicke.
Auf dem Foto blickt sie lachend in die Kamera.
Daneben liegt ihr roter Rosenkranz, ihr Brillenetui und mein Buch.
Ach Omi, denke ich.

Die Pflegende tröstet mich.
Sie umarmt mich, derweil ich an ihrer Schulter weine.
Dabei gibt es keinen Trost.
Sie begleitet uns hinauf zu Paulas Zimmer.
Sie sagt: „Ihr Omi sieht wunderschön aus.“

Wir treten ins das Zimmer, wo wir die letzte Woche so viel Zeit verbracht haben. Omi liegt, gekleidet in ihren dunkelblauen Blazer, ihre weisse Bluse und mit einem ihrer bunten Halstücher, da. In ihren gefalteten Hände hält sie ihren schwarzen Rosenkranz. Das Zimmer riecht nicht nach Tod.
Als ich Omi so daliegen sehe, fliessen meine Tränen.
Sie sieht so friedlich aus.
Ich berühre Omis Hände. Sie sind kalt.

Ich lege einige Gegenstände auf ihr Bett. Den Schutzengel, ein Plüschtier, eine rote Rose, das Foto von Röteli und eines von mir. Immer wieder berühre ich ihre Hand, weil ich begreifen will und muss, dass sie mich nie mehr anlächelt, nie mehr umarmt und nie mehr meinen Namen sagen wird.
Ihre letzten Worte an mich fallen mir ein:
„Aber warum bist du denn traurig?“

Dann setze ich mich wieder auf den Stuhl. Ich weine.
Aber mit der Zeit werde ich ruhiger.
Ich drücke Omis Plüsch-Sennenhund, den ich ihr vor langer Zeit geschenkt habe, an mich.
Sie hat ihn immer Barri genannt.

Omi liegt friedlich da. Sie sieht aus, als ob sie jeden Moment den Bus besteigt und einkaufen geht. Nur ihre dunkelblaue Tasche fehlte noch. Immer wieder gehe ich zur hin und berühre ihre Hand. Dann spüre ich plötzlich, dass es gut ist. Ich verabschiede mich von ihr mit einem letzten Kuss auf die kühlen Wangen und streichle ein letztes Mal ihr liebes Gesicht, ihr Haar.

Die Pflegende informiert mich danach, dass am Nachmittag der Arzt kommt um den Totenschein auszustellen und danach der Schreiner mit dem Sarg. Nun muss ich nur noch einmal hierher kommen und ihre Sachen abholen. Die Beerdigung muss ich ebenfalls organisieren, aber ich glaube, das kommt gut. Ich bin so froh, dass Omi und ich all die Jahre über den Tod gesprochen haben, so dass ich jetzt glasklar weiss, was zu tun ist.

Die Pflegende erzählt mir, dass auch sie alle Omi sehr vermissen.
„Sie war so ein Sonnenschein“, sagt sie.
„Wenn es manchmal am Esstisch sehr still war, weil alle den Kopf hängen liessen und traurig waren, fing Paula einfach an zu singen: Det äne am Bergli, döt stoht e wiisi Geiss! Ich ha sie welle mälche, do haut sie mir eis!
Und alle lächelten wieder. Ihre Omi wollte, dass andere Menschen sich freuen und nicht niedergeschlagen sind.“

Trost

Heute morgen in aller Frühe ist Paula gegangen.

Ich bin so traurig, dass sie nicht mehr da ist.
Sie war so eine tolle, liebenswürdige, starke Frau.

Ich bin so froh, dass sie gehen durfte.
Die letzten Tage waren sehr intensiv.
Einem Menschen beim Sterben zuzusehen hat nichts Bedrohliches,
sondern wirft einen schlussendlich immer auf sich selbst zurück.
Ich bin dankbar, dass ich an ihrer Seite bis fast am Schluss dabei sein durfte und der Tod seinen Schrecken wieder etwas mehr für mich verloren hat.

Anders als beim Sterben meiner Mutter fühlte ich mich die letzten, schweren Tage nie alleine.
Sascha war da und hat all die Stunden mit mir gemeinsam an ihrem Bett verbracht, mich die letzten Tage verpflegt und getröstet.
Die Katze wich zuhause nie von meiner Seite.
Mit meinem Vater und seiner lieben Frau konnte ich ebenfalls jederzeit sprechen, wenn ich es brauchte.
Meine lieben, tollen Arbeitskolleginnen haben mir einfach so den Rücken freigehalten, so dass ich seit Mittwochabend täglich zu Omi gehen konnte.
Omis Beistand regelt die amtlichen Sachen und hat mir mit seinen lieben und ermutigenden Worten in den letzten Tagen sehr viel Kraft und Trost gegeben.
Die Pflegenden von Omis Heim waren immer für Omi da und haben sie liebevoll und professionell gepflegt. Ich bin ihnen so sehr dankbar, wie sie das gemacht haben und mich ebenfalls immer so nett informiert haben.
Und da wart da ihr alle, die diesen Blog die letzten Tage gelesen habt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie tröstlich es ist, wenn Menschen einfach aneinander denken, sich Kraft schenken und virtuelle Umarmungen.

Weil Omi im Pflegeheim lebte, muss ich heute nicht sofort alles in eine Tasche packen und mitnehmen. Als Mami starb, war das absolut grässlich: mit Mamis Koffer, wenige Stunden nach ihrem Tod, herumzufahren, hat mir fast das Herz gebrochen.

Omi bleibt heute noch einige Stunden in ihrem Zimmer. So kann ich nochmals von ihrem Körper Abschied nehmen. Sie verschwindet nicht einfach aus meinem Leben. Noch kann ich es nicht fassen, dass sie nicht mehr lebt. Aber ich bin sicher, ich begreife es in den nächsten Tagen.

Gestern nachmittag bin ich fast verzweifelt, dass Omi nicht gehen konnte. Am Abend konnte ich unsere Reisegeschichte aufschreiben. Seither bin ich ruhig. Ich wünsche meinem lieben Omi Paula eine gute Reise und hoffe, sie sieht all jene wieder, die sie vermisst hat und die auch ich vermisse.

Alles Liebe, zora

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Sonntag – ein Nachtrag

Omi liegt in ihrem Bett.
Sie ist zur Seite gelagert.
Die Augen geschlossen.
Ihr Gesicht ist eingefallen.
Ihre Atmung geht schneller.
Ich streichle ihre Hand, die kühl wirkt.

Ach Omi. Ich hoffe nur, du kannst jetzt gehen.

Draussen ist alles weiss.
Es fällt weiter Schnee.
Auf dem alten Baum vor dem Pflegeheim haben sich grosse Krähen versammelt.
Ich will ihnen zurufen, denn ihr Gekrächze heimelt mich an.
Aber aus meinem Mund kommt kein Laut.

Als ich aus der Türe des Hauses trete, weine ich.
Die Schritte fallen mir schwer.
Ich bin müde und traurig.

Ich hab das Gefühl, dass ein Teil von Omi schon gegangen ist.
Wenn sie nicht mehr lebt, ist alles anders.