Sonntag

Omi gings gestern wieder schlechter. Sie war sehr unruhig.
Immer wieder versuchte sie mit ihrer linken Hand die Decke wegzuschieben, aufzustehen, was ihr aber nicht gelang, weil sie zu schwach war.

Anders als die letzten Tage habe ich an ihrem Bett nicht geweint.
Ich bin innerlich ruhig und müde. Ich sprach ein wenig mit ihr.
Sagte ihr, wie sehr ich sie liebe.

Der kälteste Tag ist vorbei.
Als ich heute morgen anrufe, erfahre ich, dass es ihr nochmals ein wenig schlechter geht.
Sie macht sich auf den Weg.

Auf den Weg hat sie sich ja schon lange gemacht.
Demenz ist eine Einbahnstrasse und wer sich dorthin aufmacht, kehrt nicht wieder.
Ich vermisse ihr fröhliches Plappern. Ihre liebe Stimme.
Ihr Voressen mit den Rüebli, die sie nur für mich reintut und weichkocht, weil ich sie so gerne mag.

Trauern um jemanden, der noch da ist, aber doch nicht da ist, ist eine seltsame Sache.
Ich denke: 88 Jahre ist ein tolles Alter und niemand, vor allem du nicht, hätte je gedacht, dass du so alt werden würdest. Du hast den Krieg überlebt, deine Hirnhautentzündung, deine seelischen Verletzungen. Du hast deinen Ehemann und deine Tochter überlebt, deine Schwester und deine Brüder. So viele Menschen, die du gerne hattest, sind nicht mehr.

Ab morgen muss ich wieder zur Arbeit fahren. Wenn Paula dann stirbt, kann ich nicht sofort an ihre Seite eilen. Ich will sie nicht alleine lassen, auch wenn ich weiss, dass es ihr Weg ist und nicht meiner.

Ich bin sehr traurig.

Samstag

Den 7. Januar 1997 werde ich nie vergessen.
An diesem Tag, um Punkt acht Uhr, verstarb mein Opi Walter.
Ich war nicht dabei, Omi schon.

Es ging Opi nach Silvester und Neujahr immer schlechter.
Er wurde zunehmend schwächer. Er litt an Leberkrebs und sein grösster Wunsch, in seinem eigenen Bett zu sterben, wurde erfüllt. Täglich kam eine Pflegende der Spitex vorbei um Opa zu waschen und ihm Morphium zu geben.

Omi war einfach an Opas Seite.
Es muss sehr schwer für sie gewesen sein, zuzuschauen wie der Mann, mit dem sie fast 46 Jahre verheiratet war, langsam starb. Omi und Opa hatten die letzten Jahre oft gestritten. Ich weiss, beide waren unglücklich. Sie blieben zusammen. Eine Scheidung wäre für beide wohl nie in Frage gekommen. Sie hätten es sich nicht mal leisten können.

Opa hatte in der Nacht auf den 7. Januar grosse Atemprobleme. Seine grösste Angst war zu ersticken. Omi versuchte alles, um ihm die letzten Stunden erträglich zu machen. Sie hielt seine Hand. Sie streichelte ihn. Sie redete mit ihm, der nicht mehr sprechen konnte. Sie verzieh ihm alles und er ihr. Dann machte er seinen letzten Atemzug und starb.

20 Jahre später ist alles anders und doch gleich.
Omi lebt. Sie liegt in ihrem Bett, wirkt wacher, aber auch müde. Sie ist ruhig. Gestern nachmittag hat sie ein Schoggijoghurt gegessen. Sie kann zwar nicht reden, aber dafür zeigen, was sie nicht will.

Ich versuche an ihrer Seite zu sein. Nicht immer. Aber eine Stunde pro Tag bin ich da.
Es gibt nichts, was wir einander vergeben müssen. Wir haben immer geredet und sind nie im Streit auseinander gegangen. Ich bin ruhig, wenn auch sehr traurig. Ich bin Omi dankbar, dass das Loslassen von ihr nicht so schlimm ist wie damals bei meiner Mutter. Omi weiss, wie schrecklich das für mich war.

Am Ende eines Lebens haben viele Dinge ihren Wert verloren. Es geht nicht um Geld, Geschenke, Aussehen, sondern um Zeit und Liebe. Es geht um Berührung und unaufdringliche Präsenz.

Freitag

Die Rauhnächste sind vorbei.
Omi lebt noch.
Ich bin froh, dass sie noch da ist.

Es ist Freitagmorgen
Omi liegt in ihrem Pflegebett.
Alle zwei Stunden wird sie von den Pflegenden umgelagert, damit sie keine Druckstellen am Körper bekommt. Sie kriegt Schmerzmittel.
Ich sitze da und weine nicht.
Ich rede mit ihr. Erzähle ihr von unserer Reise nach Berlin, dem Ausflug nach Zürich in den Zoo.
Ich sage ihr, wie glücklich sie mich gemacht hat.

Sie öffnet langsam ein Auge. Sie schaut an die Decke.
Ihr Auge ist grünbraungrau. Genau wie meines.
Sie will etwas sagen, doch aus ihrem Mund kommt kein Laut.
Ich frage sie, ob es ihr gut geht. Sie drückt ein wenig meine Hand.
Hast du Schmerzen?
Keine Bewegung.

Für einen Moment lang befällt mich die Hoffnung, dass das Fieber einfach wieder verschwindet und wir in einigen Tagen wieder gemeinsam im Fernsehzimmer sitzen. Aber das ist in Anbetracht ihres aktuellen Zustands eine Illusion. Trotzdem hoffe ich. Innerlich. Irgendwie.

Ich bin im Zweifel. Ich möchte jede Minute mit ihr geniessen.
Ich würde so gerne nochmals mit ihr über früher reden.
Wir haben soviel gemeinsam erlebt.
Aber ich will nicht, dass sie leidet.

Das ist wohl die grösste Angst, die man als Angehöriger durchlebt, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Die Vorstellung, dass das Gegenüber leidet, ist furchtbar.

Andererseits weiss ich aber auch, dass mein Omi einen harten Grind hat. Sie hat immer alles im Leben so gemacht, wie sie es für richtig hielt. Auch wenn es anderen nicht gepasst hat. Vielleicht darf ich ihr auch einfach vertrauen, dass sie dann geht, wenn sie es will.

Donnerstag.

Omi liegt friedlich im Bett. Ihre Atmung geht ruhig, ab und zu ist ein Rasseln zu hören.
Anders als am Mittwochabend bin ich gestern morgen ruhiger.
Gleichwohl steigen mir die Tränen in die Augen, als ich sie sehe.

Fast 40 Jahre war sie an meiner Seite. Sie hat mich immer beschützt.
Sie war da, als mein Bruder starb. Sie hatte immer ein gutes Wort für mich.
Sie war immer stolz auf alles, was ich gemacht habe.

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Ich berühre ihre Hände. Sie sind kühler als noch am Mittwoch.
Omis Mund ist trapezförmig geöffnet.

Ich sitze da, streichle ihre Hand, ihre Wange.
Flüstere. Trockne meine Tränen.
Ich sage ihr wiederum, dass sie gehen darf. Dass ich zwar traurig bin, aber mich für sie freue, wenn sie es geschafft hat. Ich wünsche mir so, dass sie jetzt gehen darf.

Als wir das Pflegeheim verlassen, schneit es. Ich fühle mich müde, traurig und irgendwie ruhiger.

Loslassen im Schneetreiben

Gestern war ein struber Tag.
Ich war seit dem frühen Morgen unterwegs, weil ich mir den Schnee auf den Strassen nicht antun wollte. Fuhr mit dem Zug zur Arbeit und ging über 2 km zu Fuss an meinen Arbeitsplatz. Der kalte Wind tat mir gut.

Am Vormittag rief mich eine Pflegende von Omis Heim an und informierte mich, wie es ihr ging. Sie konnte wenig essen, schlief aber sehr viel. Das war beruhigend. Ich versprach, dass ich nach der Arbeit vorbei kommen würde. Eine liebe Mitarbeiterin kam auf mich zu und meinte: „Willst du nicht jetzt schon gehen?“ Ich verneinte energisch. Es gab so viel zu tun!

Um 16h bestieg ich den Zug in Richtung Wil. Auf halber Strecke klingelte mein Telefon. Ich erkannte die Nummer sofort. „Bitte nicht!“ dachte ich. Ich will nicht in einem Regionalzug erfahren, dass Omi tot ist. Glücklicherweise aber wollte die Pflegende mich nur über Omis schlechter werdenden Gesundheitszustand informieren. Omi konnte nicht mehr aufstehen und war schläfrig. Sie hatte Mühe zu atmen. Dann fragte mich die Pflegende, ob ich mir Gedanken gemacht hätte, was Omi denn tragen sollte, wenn sie nicht mehr lebt.

Natürlich hatte ich mir das überlegt.
Aber es auszusprechen, brachte mich zum Weinen.
„Ihre schöne weisse Spitzenbluse und ihr dunkelblaues Ensemble!“ presste ich hervor, während mir die Tränen herabliefen.

Ich fuhr weiter, nach Hause, lief durch den Schnee heim, um mich anzuziehen.
Es passte, dass Omi genau jetzt gehen wollte. Den Winter mochte sie nicht. Ich lächelte beim Gedanken, dass auch dies ein letzter Wink mit dem Zaunpfahl von Omi war. Bei dem Wetter musste ich den Bus nehmen. Ich würde nicht mit dem Auto zu ihr fahren.
„Heb dir Sorg!“ fuhr mir durch den Kopf.

Im Pflegeheim angekommen, gingen Sascha und ich zu ihrem Zimmer rauf. Wir klopften und gingen zur ihr rein. Omi lag mit geschlossenen Augen da. Ihr Atem rasselte. Ich berührte ihre Hände. Sie waren noch warm und voller Leben. Ihre Wangen sahen rosig aus.

Wir setzten uns zu ihr hin und blieben eine Stunde.
Was sollte ich Omi sagen? Dass ich sie liebte? Ich war mir sicher, dass sie das wusste.
Ich hatte in einem Punkt Angst, und der hat nichts mit Omi zu tun: Als meine Mutter starb, konnte ich einfach nicht weg. Ich konnte meine Mutter nicht alleine lassen. Eine Pflegende hat mir damals gesagt: „Vielleicht kann sie nicht sterben, solange sie da sind.“
Das Atemrasseln meiner Mutter höre ich noch heute und ich kann es nicht ertragen. Ich blieb damals bis zum Ende, weil ich sie nicht alleine lassen konte und auch spürte, dass sie nicht gehen will. Wir hielten einander fest. Das geht mir heute noch nach.

Bei Omi ist es anders.
Sie ist so uralt. Sie wirkt auf mich so, als ob sie das Leben nun wirklich hinter sich gelassen hat. Und weil sie ein religiöser Mensch ist, hat sie auch keine Angst vor dem Tod. In früheren Jahren, wenn sie Schmerzen hatte, hat sie damit gehadert, dass der Herrgott sie noch immer nicht will. Sie hat immer davon gesprochen, dass sie zum Herrgott geht und wen sie im Jenseits alles wieder sehen will. Dann meinte sie jeweils: „Aber du brauchst mich ja noch. Und ich brauch dich. Gell, du vergissisch mich nöd.“

Also sass ich gestern abend da, betete für sie und bat sie, zu gehen, wenn sie gehen will. Ohne Rücksicht auf mich. Ich erzählte ihr, wer auf sie warten würde: meine Mutter, mein Bruder Sven, Opa Walter, ihre beste Freundin, ihre Schwester Hadj, ihre Brüder Hans und Sepp, ihre Mutter Berta und ihr Vater Johann.
Ich sagte ihr: du wirst sie alle wieder sehen und es wird wunderschön werden. Irgendwann wirst du auch mich wieder sehen.

Omi seufzte. Sie öffnete ihre Augen ein klein wenig. Ich umarmte sie.

Dann gingen wir wieder nach Hause. Der Schnee fiel unaufhörlich weiter. Es war eine grosse Stille um uns herum.

Silvester 2016

Als um halb vier heute nachmittag das Telefon klingelt, weiss ich genau, dass das nicht gut ist. Ich erkannte die Nummer des Pflegeheims und erwartete das Schlimmste.

Omi geht es sehr schlecht. Sie hat Fieber. Schmerzen. Mag nicht aufstehen. Nicht essen.
Die Pflegende hat Omi gesagt, dass sie mich anruft. Also mache ich mich auf ins Pflegeheim.

Der Gang ins Pflegeheim ist mir wohlbekannt. Ich bin, im Gegensatz zu 2007, als Mami im Pflegeheim lebte, nicht mehr voller Angst, wenn ich das Haus betrete. Mittlerweile kenne ich Omis Pflegeheim gut, bin gerne da und fühle mich fast wohl dort. Aber ich habe Angst, als ich Omis Zimmer betrete.

Omi hat sich sehr verändert. Man sieht ihr das Alter an. Sie ist ein sehr alter Mensch geworden. Sie ist dünn, wirkt zerbrechlich und ihre Hände gleichen zartem Holz, das von Adern wie Ranken durchzogen ist. Ihr Anblick erschreckt mich nicht so sehr wie jener von Mami, als ich sie damals vor bald 10 Jahren sterbend im Pflegeheim angetroffen hatte.

Omi liegt auf der Seite, den Blick an die Wand geheftet, wo Mamis Kinderfoto hängt. Ich begrüsse sie, doch Omi reagiert nicht. Ohne dass ich es will oder verhindern kann, laufen mir die Tränen herunter. Ich spüre eine unglaubliche Traurigkeit in meinem Körper.

Ich setze mich zu Omi hin, berühre sie sanft, fühle mich aber nur wie ein Fremdkörper.
Tausend Bilder fahren durch meinen Kopf. Vor zehn Jahren sassen Omi und ich genauso an Mamis Sterbebett. Ich streichle Omis grauweisses Haar und flüstere.

Ich sage ihr „Omi, ich hab dich sehr gerne.“ Meine Tränen laufen weiter.
Omi dreht sich leicht um, den Blick langsam auf mich richtend.
„Ich hab dich auch lieb.“
Ich kann Omi nicht mal umarmen, weil sie so zerbrechlich ist.

Die Pflegende kommt herein, schaut kurz zu Omi und meint dann, dass Omi den ganzen Tag nicht so fit ausgesehen hat wie jetzt, als ich da bin. Sie streichelt Omi liebevoll und geht wieder.

Ich setze mich an Omis Seite und streichle ihre Hand.
Omi spricht nicht, aber sie hält ganz sanft meine Hand.
Wieder läuft die Musigwälle, wie damals als meine Mutter starb. Ich ertrags nicht.

Ich lege mein Smartphone neben Omi und suche auf youtube Omis Lieblingslieder „Oma so lieb“ und „Mamatschi„.

Wir halten, während die Musik läuft, die Hände und ich kämpfe gegen die Tränen. Als die Lieder fertig sind, sage ich ihr nochmals, wie gerne ich sie habe. Sie lächelt mich an und ich hoffe, dass ich ihr eine kleine Freude gemacht habe. Ich wünsche Omi ein gutes neues Jahr und streichle zart über ihre Hände und ihr Haar, gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

Ich bin ruhig, als wir gehen. Was soll ich sagen? Dass ich traurig bin, weil ich Omi nicht verlieren will. Nicht jetzt. Nicht heute. Eigentlich gar nie.

Sascha und ich laufen zu Fuss nach Hause. Es ist kalt draussen. Der Himmel ist klar. Die Luft riecht nach Wald und Bergen.
Alles wird gut.

Weihnachten in der Familie

Weihnachten ist für mich das Fest der Familie. Es gibt Geschenke. Gutes Essen. An Weihnachten sind alle Streite geschlichtet, alle haben sich gern.

In meiner Familie ist das nicht anders. Sascha, mein Vater und seine Frau und ich. Wir beschenken uns. Wir essen gemeinsam. Da wir nicht miteinander streiten, gibts auch keine Differenzen zu bereinigen. Es ist einfach friedlich. Für mich ist Weihnachten aber das Fest, wo ich an jene denke, die nicht mehr da sind und die fehlen.

Vor 20 Jahren feierte ich das letzte Mal Weihnachten mit meinem Opa. Am 7. Januar 1997 starb er mit 72 Jahren. Seine freundliche Art, seine Begeisterung für Musik und sein grosses Interesse an Politik und dem Weltgeschehen fehlt mir sehr. Zu gerne würde ich mit ihm darüber sprechen, wie sich die Welt in den 20 Jahren, wo er nicht mehr bei mir ist, verändert hat.

Meine Mutter fehlt mir auch sehr, denn ihre Art Weihnachten zu feiern, hat mich dann doch sehr geprägt. Ihre geschmückten Christbäume waren bunt und mit Schokolade behängt. Sie liebte Geschenke und Deko.

Mit Omi feiere ich im Pflegeheim.
Wobei jetzt alles anders ist als früher. Omi ist oft müde und erkennt mich nicht mehr. Ich kann sie nicht mehr einfach umarmen und küssen, so wie früher. Auch reden können wir nicht mehr miteinander. Ich streichle ihre Hand, so wie ich es früher immer getan habe.

Man hat mir gesagt, im Herzen erkennt sie mich noch. Aber das tröstet mich nicht in meiner Realität. Denn an Weihnachten, wenn sich alle umarmen und glücklich sind, ist mir mein Verlust noch bewusster. Es tut furchtbar weh.

Das fünfte Weihnachtsessen

Wieder ein Weihnachtsessen mit Paula im Pflegeheim.
Mittlerweile ist es das fünfte, das ich mit ihr in diesem Rahmen erleben durfte. Ich tue mich schwer mit diesem Abend. Das liegt wohl daran, dass das Essen immer am Mittwoch stattfindet, wenn ich meinen Bürotag und eigentlich erst um 16.30h Feierabend habe. Da ich eine knappe Stunde im Abendverkehr unterwegs bin, muss ich um 15h von der Arbeit gehen. Natürlich hat das gestern abend hinten und vorne nicht geklappt. Ich bin um 16.30 zuhause angekommen und hatte nicht mal Zeit, mich in Ruhe umzuziehen. Dass ich Frühdienst hatte und um 4.30 bereits aufgestanden war, machte die Sache nicht einfacher. Ich war wirklich müde.

Da der Anlass um 17h startet, sollte man meinen, man ist um 16.50h früh genug da. Aber natürlich sitzen alle anderen Gäste schon längst im Essraum. Omi wartet im Rollstuhl, mit dem Rücken gegen die Tür und ich fühle mich schlecht.

Omi sitzt da mit geschlossenen Augen. Ihr Gesicht sieht friedlich aus. Sie wirkt uralt, auch wenn ihre wunderschönen Wangen praktisch faltenlos sind. Ich setze mich neben sie. Die Pflegende ist sehr lieb und bittet mich, mich ja zu melden, wenn ich Omi das Essen nicht eingeben will. Sie würde sofort kommen und mir das abnehmen, damit ich in Ruhe das Essen geniessen kann.

Omi ist mittlerweile wohl die pflegebedürftigste Person dieses kleinen Heims.
Alle anderen Bewohner können selbständig essen. Omi aber weiss nicht mehr wie das Besteck halten. Ihre Finger sind sehr verkrümmt.

Ich zerschneide die Vorspeise und gebe Omi Bissen für Bissen ein. Sie isst langsam und mit geschlossenen Augen. Sie scheint das Essen sehr zu geniessen. Sie sitzt da und lächelt sanft. Ich bin ganz versunken in die Begegnung mit Omi, die schlafend kaut, dass ich die Pflegende gar nicht bemerke. Sie spricht mit einem warmen Berner Dialekt und strahlt mich an.

Sie spricht schliesslich über mein Buch und über die Impulse, die es ihr in der Arbeit mit Omi gegeben hat. Ich sitze da und höre zu und kämpfe mit den Tränen. Es ist ganz seltsam. Mein Herz zieht sich zusammen. Ich bin sehr gerührt. Sie sagt, sie hätte in all den Jahren noch nie einen so besonderen Menschen wie Omi gepflegt. Das Buch hätte ihr sehr geholfen, Omi zu verstehen.

Eine andere Pflegende fragt Omi schliesslich, ob sie weiss, wer ich bin. Omi schaut mich müde an und schüttelt den Kopf. Diese Frage, die ich nie stellen mag, verletzt mich noch immer, auch wenn sie gut gemeint ist. Die Antwort ist für mich seit Jahren eine Ohrfeige. Omi weiss weder meinen Namen, noch meine Geschichte. Sie erinnert sich nicht mehr an meine Geburt, meine Narben oder unsere gemeinsamen Erlebnisse. Es ist, als wäre ich aus ihrem Leben gelöscht. Ich bin nicht mal mehr eine Fussnote in ihrem Leben, weil die Erinnerung daran längst zerronnen ist. Jemand, der das nicht erlebt hat, wird diese Verletzung nie nachvollziehen können.

Die Pflegende mit dem Berner Dialekt spricht mich schliesslich nochmals an. Sie erzählt mir, dass sie Omi am Vortag über das Weihnachtsessen und meinen Besuch informiert hat. Sie motivierte Omi, dass sie sich Kleider für dieses Fest aussucht und sich schön anzieht, wenn Sascha und ich mit ihr essen. Anders als gewöhnlich sei Omi sehr klar in ihrer Äusserungen gewesen. Sie hatte sich die weisse Spitzenbluse ausgesucht.

Wiederum bin ich den Tränen nahe. Omi hat sich für das Weihnachtsessen die Bluse ausgesucht, die sie immer dann getragen hat, wenn wir beide gemeinsam einkaufen oder in den Ausgang gegangen sind.

Ich denke, vielleicht bin ich ja trotzdem nicht weg aus ihrem Leben, auch wenn es meinen Namen, mein Gesicht und meine Stimme nicht mehr für sie gibt.

Weihnachtessenübermorgen

Nächsten Mittwoch sind wir bei Omi im Pflegeheim zum Weihnachtsessen eingeladen.
Ganz im Ernst: mir graut davor.

Ich mag das Pflegeheim wirklich sehr. Die Tradition des Weihnachtsessens ist super, dass Angehörige dabei sein dürfen, finde ich wunderschön. Aber irgendwie habe ich Mühe damit, mit Omi, die müde sein wird, wenig Appetit hat, da zu sitzen, sie zu überreden, dass sie essen oder ihre Medis nehmen oder den Lärm aushalten soll.

Unsere Weihnachtsfeiern zuhause waren immer still. Wir haben im allerkleinsten Familienkreis gefeiert. Es gab Geschenke, Omi kochte Voressen oder wir assen Fondue Chinoise oder Raclette. Wir waren nie mehr als sechs Personen.

Omi hat immer gerne gegessen. Sie hat mir einmal erzählt, dass ihre Eltern so arm waren, dass sie jeweils ins Kapuzinerkloster gehen musste, um dort um Suppe zu bitten. Omi hat nie Essen weggeschmissen. Das alte Brot hat sie, wenn es Resten gab, klein geschnitten und den Enten gefüttert.

Ich bin froh, dass Sascha an meiner Seite ist, denn alleine würde ich den Mittwochabend nicht durchstehen. Ich weiss, dass Omi gut gepflegt wird. Ich weiss, dass alle es gut meinen. Aber ich komme damit nicht klar, dass sie essen soll, auch wenn sie nicht mag.

Ich würde Omi gerne beschenken, so wie sie mich all die Jahre an Weihnachten, und vor allem das ganze Jahr, beschenkt hat. Aber jetzt machen grosse Geschenke keinen Sinn mehr. Sie mag zwar Schokolade und Plüschtiere, aber immer nur Plüschtiere schenken, scheint mir auch doof. Zeit ist das, was ich ihr schenken mag, aber auch das kann sie nur bedingt annehmen.

So bleibt mir nur ein Versprechen, nämlich jenes, das wir uns gegeben haben, als mein Mami vor neun Jahren starb.
„Bleibst du auch bei mir bis zum Ende?“
„Ja, Omi. Aber das Ende kommt hoffentlich weder heute noch morgen.“
„Nein. Aber übermorgen. Oder überübermorgen. Oder überüberübermorgen.“
„Ich habs verstanden, Omi.“
„Ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“

Unsagbare Wut

Heute war ich zum ersten Mal richtig wütend, als ich aus dem Pflegeheim wegfuhr. Das ist mir noch nie passiert.

Ich wollte nach dem Einkaufen kurz bei Paula vorbei schauen. Nach dem Besuch letzte Woche habe ich das Gefühl, die Zeit rinnt mir wie Sand zwischen den Händen davon. Ich will ihre Stimme hören, ihre Hand streicheln, sie umarmen. Ich weiss doch nicht, wann es das letzte Mal sein wird.

Als ich ins Fernsehzimmer trete, sitzt Omi nicht wie gewohnt in ihrem Königinnensessel. Der Platz ist leer. Es gibt mir für einen Moment einen Stich ins Herz. Ich gehe zur nächsten Pflegenden. Omi ist noch im Zimmer. Sie war fast nicht aufzuwecken.

Ihr Zimmer ist im dritten Stock. Ich klopfe an die Türe, höre die Stimme einer anderen Pflegenden. Ich warte, bis sie mich hineinruft. Omi sitzt auf dem Bett. Sie trägt weder Brille noch ihr Gebiss, ist aber wach. Sie wirkt sehr müde und sehr, sehr alt, aber irgendwie auch wie ein kleines Mädchen. Die Pflegende hilft Omi beim Anziehen der Brille und Einsetzen des Gebisses.
Die Pflegende hat Omi eben im Bett gewaschen und unterstützt Omi mit lieben Worten beim Transfer auf den Rollator. Omi hat fast keine Kraft mehr. Sie hat Mühe, ihre Hände und ihre Beine zu koordinieren. Zum ersten Mal, seit sie im Pflegeheim ist, tut es mir wirklich weh, sie so zu sehen.
Omi macht tapfer mit, aber ich bemerke, dass sie gar nicht richtig versteht, was sie tun soll und es sie gleichzeitig beschämt, dass sie so viel Unterstützung braucht. Ich denke: alt werden ist manchmal richtig Scheisse.

Wir gehen alle nach unten in den Essraum, weil es in 10 Minuten Mittagessen gibt. Cordon bleu mit Pommes. Omi hat das immer sehr gerne gegessen und oft für mich und meine Schwester gekocht. Ich setze mich neben sie. Ich traue mich nicht, sie anzufassen.
Omi blickt in die Ferne. Das hat sie früher oft getan, wenn wir am Bahnhof auf den Zug gewartet haben. Ihr linkes Auge ist entzündet. Das Lid hängt ein wenig herunter.
Schliesslich sage ich: „Omi, wenns nachher Essen gibt, gehe ich wieder. Dann lasse ich dich in Frieden essen.“ Omi dreht langsam ihren Kopf und schaut in meine Richtung. Sie lächelt.

„Aber Sie müssen doch nicht extra meinetwegen gehen. Bleiben Sie doch.“ Sie schaut wiederum in die Ferne. Ich reisse mich zusammen, dass ich nicht sofort weine. Es tut mir unendlich weh.

Die anderen Bewohner – ich habe übrigens gelernt, dass es jetzt politisch korrekt ist „Bewohnende“ zu sagen. Ich frage mich, welcher politisch korrekte Vollidiot sich sowas Saublödes ausdenkt – kommen jetzt langsam an den Tisch. Ich bin umgeben von lauter achtzigjährigen, langsam gehenden Menschen. Ich bilde mir ein, dass mich einige mitleidig anschauen. Ich stehe auf und frage Omi, ob ich sie noch umarmen darf.
Sie blickt mich an und nickt: **„Jo, da dörfsch du. Ich ha da gärn, wenn du mir zum Abschied äs Küssli gisch.“ Ich umarme ganz sanft mein zerbrechliches, altes Omi. Sie drückt mir einen sanften Kuss auf die rechte Wange und sagt: „Gross bisch worde.“

Dann gehe ich. Im Auto laufen mir die Tränen herunter. Ich bin so unsagbar wütend auf die Demenz, die mir Omi einfach nimmt. Ich bin wütend auf alles und jeden und auf Gott, der nicht existiert. Ich bin wütend auf die, die mich trösten wollen und sagen, es ist doch alles nicht so schlimm und auf die, die sagen: das geht vorbei. Ich bin wütend auf all jene, denen Menschen wie Omi am Arsch vorbei gehen und die denken, sie wären über alles und jeden erhaben.

Ich atme tief durch und fahre nach Hause.

**“Ja, das darfst du. Ich mag es gern, wenn du mir zum Abschied einen Kuss gibst.“ / „Gross bist du geworden.“