Ein Leben entrümpeln. Teil 2

Einen Ferientag wollte ich zum Räumen von Paulas Haus brauchen. Wir fuhren eine Stunde lang durchs neblige Toggenburg.
Der Keller schien mir am dringendsten, denn hier vermutete ich verstauten Müll.

Der Geruch war heftig. Es roch nach verrottetem Karton.
Ich fing an zu sortieren: Altglas. Dosen. Altkarton. Zeitungen. Alte Batterien. Müll.

Nach einer Stunde schliesslich hatte ich soviel Müll sortiert, dass ich das Fenster öffnen konnte. Die frische Luft tat mir gut.

Ich räumte weiter und stiess auf Kinderspielsachen, Zeichnungen meiner Schwester und mir und einem Brief meiner Mutter an meine Urgrossmutter. Ein seltsames Gefühl. Ich stöberte hier nicht nur in den Sachen meiner Grossmutter Paula, sondern auch in denen meines Grossvaters und meiner Urgrosseltern. Vor mir liegt quasi ein Teil Toggenburger Geschichte.

Ich fand ein uraltes Bügeleisen, das noch immer rostfrei war, einige verschimmelte Bücher, die als Kind sehr geliebt hatte und die Quittung des Verlobungsessens meiner Eltern.

Nach zwei Stunden war mein Auto vollgeladen. Ich war erschöpft. Ohne Saschas Hilfe (und heldenhaften Mut) bei der Begegnung mit einer Spinne, hätte ich es nicht geschafft.

Trotz allem bin ich unzufrieden. Ich räume dieses Haus in meiner Freizeit, weil ich es so sehr liebe, weil ich hoffe, einmal darin leben zu können.

Heute erschien es mir so klar vor Augen: Der Kellerraum wird einmal mein Büro werden. Er ist herrlich verwinkelt und hat einen tollen Holzboden. Noch sind die Wände minzgrün, irgendwann werde ich sie abschleifen. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitzen und zum Fenster rausschauen werde, wird mein Blick auf die Wiese, die Johannisbergplantage und den Bach fallen.

Ich bin längst ein Teil des Hauses geworden. Meine Schwester allerdings, obwohl sie arbeitslos ist, rührt keinen Finger. Trotzdem wird sie irgendwann einen Teil davon erben oder ich werde sie dafür auszahlen müssen. Das nervt mich ungemein, denn es ist ungerecht.

Ein Leben aufräumen

Ich versuchte während Wochen, Uschis Wohnung zu räumen.
Es war ein Ding der Unmöglichkeit.

Zwar war die Wohnung sauber, aber Uschis Geruch war überall. Es roch nach Zigaretten (Mary Long!) und kaltem Rotwein. Auf dem Herd stand ein Topf mit Suppe drin, der angeschimmelt war. Ihr Kühlschrank gammelte ebenfalls vor sich hin.

Ihre Bettwäsche war verblutet. Durch ihre Lebererkrankung litt sie immer wieder unter starkem Nasenbluten. Die Couch und das Couchdeckchen waren übersät von Brandflecken von Zigaretten.

Ich fing an, Regale zu räumen. Ihre Bücher, ihren Nippes, ihre persönlichen Dinge.
Ich packte Fotos ein. Sie hatte tatsächlich Fotos von mir, meiner Schwester und den Katzen behalten. Es gab Fotos von ihren Liebhabern, meinem Vater und meinen Grosseltern.

Mir fielen Briefe in die Hand, die 40 Jahre alt waren. Ich erfuhr daraus, dass sie mit 16 von einem Schulschatz vergewaltigt worden war. Sie hat nie darüber geredet. Ich fand ihren Schmuck. Ihre Kruzifixe. Den silbernen Apfel, den sie während meiner Kindheit getragen hatte. Den Ring der Nofretete.

Ich weiss nicht, wie oft ich heulend ausgestreckt auf dem schmutzigen Teppich lag.
Ihr Leben aufräumen zu müssen, während sie im Spital und später im Pflegeheim lag, brachte mich halb um den Verstand.

Am nächsten Tag besuchte ich sie im Pflegeheim. Ich sagte ihr, dass ich die Briefe mit dem lila Band gelesen hatte. Ich fragte sie nach G. Sie drückte meine Hand, sah mich aber nicht an. Dann sagte sie:

„So weisst du es.“

Das hatte ich nie wissen wollen. Doch nun war das Geheimnis meiner Mutter in meinen Händen. Ich habe dann einige Monate später Paula gefragt, was passiert war. Doch sie konnte sich nicht mehr erinnern. Meine Mutter war für meine Grossmutter zu einem geliebten Phantom geworden.

Warum ich schreibe

Ich wurde schon einige Male gefragt, warum ich überhaupt über Paulas Demenzerkrankung, das Sterben und den Tod schreibe. Schliesslich sind das sehr intime Themen. Auch der Vorwurf des Breittretens wurde mir schon gemacht.

Es ist ganz einfach.
Ich finde, diese Themen gehören zum Leben dazu, genauso wie andere auch. Beispielsweise finde ich Babyfotos sehr viel privater.
Das Schreiben über die Ereignisse und Erlebnisse befreit mich. Das ist mein egoistischer Grund. Aber da gibt es noch einen anderen.

Als ich 2007 um meine Mutter trauerte, war ich sehr verzweifelt. Es gab nichts, was mich tröstete und niemanden, der mich verstanden hat. Ich las in jener Zeit sehr viele Bücher übers Trauern. Die meisten waren bullshit.

Dann stiess ich auf die Bücher von Jorgos Canacakis.
Seine Herangehensweise ans Thema Trauer hat mich total berührt. Jorgos begrüsst den Leser seines Buches und bietet sich als Expeditionsleiter ins Land der Gefühle an.

Nachdem ich monatelang nicht mehr über meine Gefühle sprechen oder lesen konnte, nicht mehr weinte, brachen beim Lesen von „Ich sehe deine Tränen“ alle Dämme. Ich weinte, bis ich nicht mehr konnte.

Ich begann mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen und schrieb.
Jorgos Canacakis Worte begleiteten mich von nun an. Ich bemerkte, dass nur schon die Erlaubnis, übers Traurigste zu reden, ohne Furcht, einem die Herzen zu anderen Menschen öffnet.

Als Paulas Demenzerkrankung vor über einem Jahr weiter fortschritt, und ich einfach nur noch überfordert und mit meinen Kräften am Ende war, fiel es mir wieder ein: sobald du darüber schreibst, bist du nicht mehr alleine.

So ist es noch heute. Wenn ich über meine Gefühle schreibe, komme ich ins Gespräch mit Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Der Austausch über Ängste und tiefe Gefühle bringt uns einander näher in einer Zeit, wo Rituale von früher nicht mehr gelebt werden (können).

Vom anständigen Sterben und was einen daran hindert

So kehrte meine Mutter zurück ins Spital.
Diese Zeit würde schwierig werden, das wusste ich.

So wunderte ich mich nicht, als man mir wenige Tage später eröffnete, ich hätte am folgenden Tag um punkt zwei dem behandelnden Arzt zu telephonieren, der mir die weiteren Schritte erklären würde.

Auf die Schritte war ich gespannt. Es gab meines Erachtens nämlich keine. In meinem Nacken sass das Sozialamt, welches von mir verlangte, dass ich rasch Uschis Wohnung räumte. So staunte ich nicht schlecht, als mir der Arzt eröffnete, sie würden Uschi am nächsten Tag entlassen. Ich bekam fast die Krise. Uschi hatte einen Aszites, schrecklichen Durst und würde innert weniger Stunden ohne medizinische Hilfe sterben. Ihre Wohnung lag im dritten Stock. Es gab keinen Lift. Doch statt einer klaren Antwort auf meine Fragen, meine Ängste, sie tot aufzufinden, meinte der Arzt nur:

„In einer intakten Familie würde man den Sterbenden zuhause aufnehmen und pflegen.“

Na vielen Dank.
Da war er wieder. Der passiv-aggressive Vorwurf.
Nur weil meine Mutter alkoholkrank war, nahm sich dieser Typ das Recht raus, meine Familie (und mich!) als nicht intakt zu bezeichnen. Er machte mir Vorwürfe, weil ich nicht einfach so meinen Job hinschmiss, um Uschi zu pflegen. Er beleidigte mich. Er hatte keine Ahnung von meinem Leben und fühlte sich schrecklich im Recht. Damals gab es nämlich für Menschen wie Uschi keine Hilfe zuhause. Sie hatte, nach Meinung der medizinischen Fachpersonen, ihr Unglück, selbst verschuldet

Ich war wirklich wütend und ich hatte grosse Angst um meine Mutter.

Aber ich hatte Glück.
Mir fielen meine Kontakte zu meiner ehemaligen Therapeutin und ihrer Beratungsstelle ein. Sie rief ich an. Ich erzählte ihr unter Tränen, was passiert war und bat sie um Hilfe.

Sie und ihre Kollegen halfen mir schnell und tatkräftig. Sie reichten bei der Stadt eine Gefährungsmeldung ein und sorgten so dafür, dass meine Mutter nicht in ihren sicheren, einsamen und entwürdigenden Tod entlassen wurde.

Was nun geschah, mag sich der geneigte Leser vorstellen.
Man darf nämlich allen möglichen Scheiss melden, aber wenn man einen bevorstehenden Tod anmeldet, der nur passieren wird, weil man eine todkranke Frau nicht mehr pflegen will, dann rebelliert das System.
Die Vorwürfe kamen von allen Seiten und das nicht zu knapp.
Der Arzt reagierte beleidigt, sogar die Dame des Sozialamts machte mich an, was mir eigentlich einfiele, eine solche Meldung zu machen. Ich war zu einer Art sozialem Freiwild geworden.

Aber das war es mir wert, denn am Ende, wenn Uschi hilflos in ihrer Wohnung gestorben wäre, hätte es nur noch mich gegeben, die ihre Überreste weggeputzt hätte. Und das hätte ich nicht ertragen.

Ein Platz für Uschi

Es war natürlich klar, dass meine Mutter im Spital nicht am richtigen Ort war. Dafür war die Pflege zu teuer und der Nutzen zu klein.
Meine Mutter wurde schliesslich, als sie wieder halbwegs lebendig war, in Absprache mit den betroffenen Abteilungen in die Psychiatrie verfrachtet.

In den Tagen vor dem Transport in die Psychiatrie hatte meine Mutter schreckliche Albträume. Sie rief mich an und sagte: „Ich hab geträumt, dass mich in der Psychiatrie Ratten bei lebendigem Leibe anfressen.“ Meine Mutter hatte nämlich schreckliche Angst vor Mäusen und anderen Nagern. Ich verstand, konnte aber nur wenig tun. Die Pflegemaschinerie war ins Rollen geraten.

Wider Erwarten gefiel es ihr.
Die Psychiatrische Klinik, in der sie nun lebte, führte ein ausgezeichnetes Aktivierungsprogramm. Uschi war glücklich, Sie konnte stricken, häkeln und keiner verbot ihr, Kreuzworträtselzeitschriften auf die Tischplatte zu kleben. Im Gegenteil.

Ich war allerdings etwas erstaunt, als meine Mutter mir erzählte, dass sie in einer Gruppentherapie war. Jahrelang hatte sie Therapien umgangen. Besonders die Gesprächstherapie lag ihr gar nicht. Doch dann meinte sie: „Weisst du, es ist schon komisch. Da bin ich am Sterben und ich sitze mit 20jährigen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben da und rede darüber, dass ich getrunken habe.“

Als ich sie besuchte, wurde ich von einem Arzt abgefangen. Der führte mich in ein Büro, wo er mich ausfragte. Er wollte wissen, ob ich begriffen hatte, dass sie stirbt. Das hatte ich natürlich. Ich war ja nicht doof. Dann fragte er mich unverhohlen, ob auch ich alkoholkrank sei, denn schliesslich sei ich als Tochter besonders in Gefahr.

Da wurde ich wirklich wütend.
Ich fand es unverschämt, in dieser Situation zu so einer Kackscheisse befragt zu werden. Ich antwortete ihm barsch, dass ich schon als Kind begriffen hatte, was los war und ihr geholfen hatte, die morgendliche Kotze wegzuwischen. Dieser Arzt hatte keine Ahnung von meinem Leben. Ich verliess sein Büro.

zwei Tage später erlitt meine Mutter einen Infekt und musste zurück ins Spital gebracht werden. Ich war darüber nicht unglücklich.

Sterben

Meines Erachtens das wirklich Schlimme am Sterben an Leberzirrhose sind die Bewusstseinsschwankungen.
Dadurch, dass das Gehirn langsam vergiftet wird, weil die Leber die Giftstoffe nicht mehr filtrieren kann, funktioniert nichts mehr richtig.

Meine Mutter litt an Sprechstörungen. Obwohl sie während Monaten keinen Schluck Alkohol mehr getrunken hatte, lallte sie phasenweise schwer. Sie hatte ebenfalls Mühe zu schreiben.

Ein Erlebnis im Spital Frauenfeld hat mich besonders berührt:

Meine Mutter hat während ihres Spitalaufenthalts verzweifelt versucht „ihr Hirn in Schwung zu bringen“, wie sie es nannte. Dies tat sie mittels Kreuzworträtseln und Sudokus. Da sie allerdings nur noch schwer aufsitzen konnte, ihr Aszites behinderte sie stark, lag sie halb im Bett. Sie hatte früher immer ihre Rätsel auf den Knien gemacht. Doch dies war nun nicht mehr möglich.

Sie hatte versucht, die Rätsel auf der schräggestellten Nachttischablage zu lösen, doch da die Kanten alle abgeschliffen waren, rutschten die Zeitschriften immer wieder ab. Als ich dies bemerkte, brachte ich ihr Klebeband mit. Ich machte den Umband ihres Heftlis an der Fläche fest. Nun konnte sie endlich wieder in Ruhe rätseln.

Doch schon einen Tag später war damit Schluss. Auf Druck der Pflegenden musste sie ihre Zeitschrift wieder abnehmen, da das Klebeband störte. Ich wollte reklamieren, doch meine Mutter bat mich, nichts zu sagen, da sie Angst hatte, deswegen Probleme zu bekommen. Sie wusste genau, dass sie als Alki hier nicht wirklich respektiert wurde.

Ich habe nie verstanden, warum man einer Sterbenden dies nicht ermöglicht hat. Es macht mich heute noch wütend.

Als ich einige Tage später mit einem Pfleger über den Gesundheitszustand meiner Mutter sprach, sagte er: „Sie kooperiert nicht.“ Als ich ihn fragte, was er genau meint, erzählte er, dass sie sich weigere, herumzulaufen. Mein Argument, dass meine Mutter einen riesigen Aszites mit sich herumtrug, der ihr Mühe beim Atmen bereitete und sie noch einige Tage zuvor an der Schwelle des Todes gestanden hatte, liess er nicht gelten.

Für ihn war meine Mutter nichts als eine leidige, mühsame und unangenehme Patientin. Es tut mir heute noch leid, dass meine Mutter so viel Zeit in diesem Spital verbringen musste.

Der schwarzgoldene Oktober.

Der Oktober ist ein seltsamer Monat. Ich liebte den Herbst, seit ich ein Kind war. Ich liebte die Farben. Gelb. Orange. Fauliges Grün.

Als ich meine Mutter zum letzten Mal sprechend sah, es war der 14. Oktober, wusste ich nichts. Es war sehr neblig. Ich wurde an meinem Arbeitsplatz angerufen und gebeten zu kommen, da es ihr sehr schlecht ging. Ich fuhr hin. Sonntagnachmittag. Die Strecke schien mir endlos.

Meine Mutter sass still, aber zufrieden in ihrem Bett. Ich hatte es mir dramatischer vorgestellt. Wir redeten ein wenig. Sie roch nach frischer Leber, dieser Geschmack, den ich niemals mehr in meinem Leben mehr aus meinem Kopf herausbringen werde. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre Haut senfgelb. ebenso ihre Augäpfel.

Wir sassen nebeneinander. Ich hatte das Gefühl, als sässe der Tod zwischen uns. Ich konnte seine Knochenhand und seinen eisigen Atem fühlen. Ich dachte, ich wäre bereit, sie gehen zu lassen. Die Nächte waren die Hölle. Ich konnte nicht mehr schlafen. Immer wieder wachte ich auf. Schweissnass. Horror.

Als ich zwei Tage später um acht Uhr morgens von Weinfelden nach Wil fuhr, hatte ich Panik. Ihre Nacht war schlecht gewesen. Man erwartete, dass sie in kürzester Zeit gehen würde.

Der Nebel war sehr, sehr dicht gewesen. Ich musste vorsichtig fahren. Ich fluchte am Steuer. Weinte. Schrie. Ich war so wütend. So abgrundtief traurig.

Als ich ankam, lag sie in ihrem Bett wie ein riesiger, senfgelber Embryo. Ihr Mund war trapezförmig geöffnet. Ich war nicht geschockt. Ich setzte mich neben sie hin. Ich streichelte sie. Nach einiger Zeit begann ich damit, ihre Häkeldecke zu flicken. Sie hatte die Endfäden jeweils stehen gelassen, weil sie nicht gerne nähte. Also tat ich das für sie.

Nach einer Nacht ohne Schlaf, vielen Tränen und einem unbequemen Sessel wurde es Morgen. Meine Mutter lag noch immer in ihrem Bett und lebte. Ich hatte dutzende von Atemaussetzern miterlebt. Aber sie ging nicht.

Am Vormittag kam Paula vorbei. Wir setzten uns an Mutters Bett und erzählten ihr ihre Lebensgeschichte. Um 16.15 machte meine Mutter den letzten Atemzug. Draussen schien die Sonne, leuchteten die Farben, so als hätten sie nur darauf gewartet, dies für sie tun zu können.

Paula anrufen

Früher konnte ich einfach Paula anrufen, wenn ich unglücklich war.
Sie nahm ab, sagte ihren Nachnamen und sobald sie meine Stimme hörte sagte sie:
„Zora!“
Dann sprachen wir darüber, was wir beide den ganzen Tag so gemacht hatten.
Wir konnten stundenlang reden.
Manchmal erzählte sie mir Geschichten. Manchmal erzählte ich ihr Geschichten.

Das ist alles vorüber.
Wir können nicht mehr ohne fremde Hilfe telefonieren, da sie ihren neuen Apparat nicht mehr bedienen kann. Wenn sie früher bestimmte Worte nicht mehr wusste, sagte sie „Dings“. Heute singt sie stattdessen „lalala“.

Ich ertrage es nur schwer.
Ich vermisse ihre Ratschläge, ihre Liebe und ihre Segnung.
Jedesmal, wenn wir telefoniert hatten, meinte sie, sie würde beten.
Das war bei ihr so eine ganz normale Sache, so wie wenn ich heute sage: „ich geh das mal googlen“.

Ich verliere meine Vergangenheit.
Das Haus ist ohne sie so schrecklich leer.
Es riecht noch nach ihr.
Nach ihrer Stimme.

Trotzdem fühle ich mich alleine.

Der Brief

Als ich vor sechs Jahren meine Mutter im Pflegeheim besuchte, hatte ich einen schweren Gang vor mir. Die nette Dame des Sozialamts drängte drauf, dass ich sofort die Wohnung meiner Mutter kündigte und auflöste, da diese sonst den Steuerzahler zuviel kostete. Das ist ja auch nachvollziehbar.

Allerdings bedeutete diese Wohnung alles für meine Mutter. Ich wusste nicht, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich vom Sozialamt eine Kündigungsvorlage bekommen hatte, die sie unterschreiben musste.

Ich trug den Zettel tagelang mit mir rum. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.
Als meine Mutter eines Tages eher müde und antriebslos war, gab ich ihr den Zettel. Ich hab nicht mal gelogen, als ich sagte, dass sie damit ihre Wohnung kündigte. Meine Mutter meinte nur: „Dann ziehe ich jetzt also in diese tolle, weisse, grosse Wohnung mit Waschmaschine und Lift ein?“ Ich zuckte mit den Schultern, aber das sah sie nicht.

Als sie einige Tage später fitter war, fragte sie mich danach. Sie wollte wissen, ob sie mit dem Unterschreiben des Zettels ihre Wohnung gekündigt hatte und nun für den Rest ihrer Tage (es waren nicht einmal mehr zwei Wochen) hier bleiben müsste. Ich nickte.

Sie begann zu fluchen und toben.
Und dann schmiss sie mich raus.
Sie schrie, dass sie mich nie mehr wiedersehen wollte.

Ich weiss nicht mehr viel, nur dass ich auf dem Flur einfach zusammensackte. Ich weinte. Ich konnte nicht mehr. Ich werde die blasse Farbe des Flurs, die nette Stationsleitung mit den roten Haaren und den Aufdruck auf der Tempo-Taschentücherverpackung nie mehr vergessen. Ich sass im Büro jener Frau und heulte. Ich war verzweifelt.

Kopfmässig wusste ich ja, dass meine Mutter im Begriff war zu sterben. Aber ich konnte es nicht ertragen, dass ich das Werkzeug war, mit dem sie ihre Wohnung kündigte. Noch heute werde ich wütend, weil ich denke, diese teilnahmslose Beamtin hätte das mal besser selber getan.

Die Stationsleitung meinte, nachdem ich mich beruhigt hatte, ich sollte wieder reingehen und der Mutter in die Augen schauen, denn dann würde ich bemerken, dass sie warm und lieb leuchten und sie nicht mehr wütend auf mich ist. Dem war auch so.

Meine Mutter beruhigte sich nach einigen Minuten wieder. Sie sass in ihrem Bett, ächzend, die Hände auf ihrem riesigen Bauch, in dem doch kein Kind heranwuchs, senfgelb. Sie blickte mich aus ihren verweinten, dunklen Augen an. Sie blutete aus der Nase.

Ich sagte nicht viel, sondern holte aus meiner Handtasche einen Tampon hervor und reichte ihn ihr.
Sie blickte mich verwundert an. Dann begann sie lauthals zu lachen. Sie öffnete ihre Arme, damit ich sie umarme. Wir hielten uns ganz fest.

Sie sagte: „Du bist mir ja vielleicht eine Lustige.“
Ich hingegen wusste, dass es das letzte Mal war, dass ich dieses Lachen hören würde.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.