Das Haus verfällt

Langsam zerbröckelt es.
Es ist alt. Nichts hält ewig.
Ich möchte es umarmen.
Aber die Zeit läuft mir weg.
Ich werde so viele Dinge räumen müssen.
Es gibt soviel zu tun.
Ich will verhindern, dass es stirbt.

 

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ein Kellerabteil

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der Kompost

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Uropas Waschbärenstall

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Whatever.

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der Geräteschuppen

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Opas Keller

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Opas Werkzeuge. Unverändert seit 1997

Gang in die Vergangenheit

Das Haus liess mir die letzten Tage keine Ruhe.
Ich schlafe schlecht. Träume immer wieder davon.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich meinen Ängsten zu stellen. Letzte Nacht kam mir endlich die rettende Idee.

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Ich fuhr also zum Haus mitsamt einer Schachtel von Photos meiner Urgrosseltern. Ich positionierte mich mit meiner Kamera an jenen Orten, wo sie voneinander Photos gemacht haben. Ich wurde schnell ruhig und zufrieden. Irgendwie bin ich gerade sehr dankbar.

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Nachher bin ich mit Sascha durchs Haus gelaufen. Wir haben uns jeden Raum angesehen und phantasiert, wie er mal aussehen wird, wenn wir hier wohnen.

Da ist mein Büro. Dort wird Saschas Schreibtisch stehen. Unser Schlafzimmer. Unter dem Dach. Im rosa Zimmer wird unsere Bibliothek sein. Im Keller wird unser Seminarraum entstehen mit Blick auf den Bach. Dort wo jetzt alles überwachsen ist, werden Gartenmöbel stehen.

Ich weiss, dass ich Photos aufhängen werde. Ich werde Collagen anfertigen mit Bildern der Menschen, die hier gelebt haben.
Alles wird so sein, wie es gut ist.

 

 

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Hausträume

Letzte Nacht träumte ich mal wieder einen jener absolut verwirrenden Träume vom Haus.

Ich half Sachen aus dem Haus tragen. Es sollte geräumt werden. Eine grosse Mulde, Lastwagen standen vor dem Eingang, und das, obwohl kein Durchkommen durch die schmale Gasse wäre!

Seltsames geschieht: an mir fliegen Trachten, Herrenanzüge, Sommerkleider aus längst vergangenen Zeiten vorbei. Sie scheinen lebendig, stehen aber doch nur für die Geister meiner Vorfahren. Ich bin irritiert.

Dann bemerke ich, was im Traum geschieht: das Haus wird an jemand anderen als mich verkauft. Alles wühlt sich auf.

Die Sehnsucht ist gross.
Ich sehne mich nach den Schneeglocken im Garten. Ich will den Tulpen beim Wachsen zusehen. Ich träum davon, mich mit der Katze an der Sonne zu aalen. Ich will in meinem Büro unter der Treppe sitzen und schreiben. Sogar den Estrich will ich erforschen. (ich hoffe, da sind nicht zu viele Spinnen!)

Ich würde gerne in der Küche für Freunde kochen. Im Garten grillieren. Hühner züchten, Zucchetti essen aus eigenem Anbau.

Doch jetzt sehe ich zu, wie die Gartenbank meiner Urgrosseltern langsam verfault. Die Wiese wächst. Die Hortensien werden blühen. Sie tun es ohne mich. Ich steh daneben und neben mir. Das nicht-dortsein verfolgt mich bis in die Träume und raubt mir meine Zufriedenheit.

Warum nur?
Wie kann es sein, dass ich so tiefe Sehnsucht nach diesem einen Haus habe?

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Gartenarbeiten

Ein Blick in meine Agenda genügt. Ich werde wenig Zeit in den nächsten Wochen haben. Das Haus und der Garten rufen aber. Die Bäume und Büsche wollen geschnitten werden. Besonders der uralte Goldregen hats nötig.

So stehe ich im eisigen Nieselregen da und schneide. Ein seltsames Gefühl. Das Haus wirkt einsam, der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Doch zum ersten Mal seit Paulas Heimeintritt empfinde ich grosse Freude, wenn ich zu ihrem Haus gehe.

Ich möchte es kaufen und vor meinem geistigen Auge sehe ich den Gemüsegarten, die Johannisbeerplantage, die Terrasse im Sommer. Ich hole die Säge aus dem Kellerabteil, wo mein Büro entstehen soll. Dann schneide ich den Goldregen zu.

Meine Gedanken wandern zu meinem Urgrossvater, der hier Waschbären gezüchtet hat. Was würde er wohl sagen, wenn er mich sähe? Der Goldregen steht neben dem kleinen Stall. Inzwischen ist das Beet überwachsen. Hier lagen einst grosse Steine, auf denen im Hochsommer die Eidechsen ihr Sonnenbad genossen.

Ich schaue auf die Kellertür. Mein Grossvater verbrachte einen grossen Teil seiner letzten Jahre in diesem Keller. Hier hörte er Radio, trank seinen Rosé, rauchte und sägte Holz.

Mir wird mit einem Mal bewusst, wie sehr ich mit dem Haus und seinen ehemaligen Bewohnern verstrickt bin. Ich schaue auf den Bach, der am Haus vorbei fliesst. Wenn es jeweils stark regnet, schwillt er an. mehr als einmal trat er über die Kanalmauern. Aber den Keller meiner Grosseltern hat er offenbar nie überschwemmt.

Hier an diesem Ort verbrachte ich meine Schulferien. Es ist der Ort, wo ich immer glücklich war. Ich liebe dieses Haus, seine Bäume, die Wiese und den Bach so sehr. Vielleicht gehört es im Sommer schon mir. Dann wäre ich eine sehr glückliche Frau.

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Das Haus von hinten.

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Das alte Tor ist zerfallen. Die Katzen streichen gerne dort herum.

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Paula liebte es, Steine auf Schächten zu deponieren.

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Die Kellertüre.

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Mitten im Gelände steht dieser Baum.

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Der Waschbärenstall.

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Das Haus.

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Der alte Goldregen

Ich habe Angst

Angst vor Morgen.
Ich soll mich mit Behördenmitgliedern und dem zukünftigen Beistand von Paula treffen. Noch weiss ich nicht, was mich da erwartet. Ich bin froh, dass es keine Frage ist, dass Paula da mit dabei ist.
Meine Angst überwiegt. Wie geht es weiter?
Kann ich Paula das Haus abkaufen? Wie wird sich die weitere Betreuung gestalten?

Ich stehe so voller Tatendrang. So gerne würde ich das Haus räumen. Aber ohne Auftrag geht das nicht. Es tut mir in der Seele weh, dass das Haus leer steht. Bald ist Frühling. Es gibt soviel zu tun.

Ich weiss ganz bestimmt, dass sich mein Leben ändern wird. Es hängt von den nächsten Wochen ab. Ich bin bereit.

Die Weltkriegsgeschichte

In meiner Familie sind die beiden Weltkriege allgegenwärtig. Mein Urgrossvater Heinrich, er nannte sich selber in seinen Liebesbriefen an meine Urgrossmutter Anna Henri, hat den ersten Weltkrieg am eigenen Leib erlebt. Er war lange im Dienst und schrieb Anna viele Briefe. Ich kann nicht ermessen, wie schlimm die Ungewissheit und die Angst für die beiden Menschen gewesen sein muss. Heinrich war 1889 geboren und war gerade mal 25 Jahre alt, als der Krieg begann. In diesem Alter kriegt man eigentlich Kinder. Da tut man keinen Dienst an der Waffe. Er war an den verschiedensten Orten in der Schweiz stationiert und seine Briefe an seine Eltern und Anna lesen sich wie eine schöngefärbte Ferienreise, die doch vieles verschweigt. Mein Grossvater Walter wurde 1924 geboren, als mein Urgrossvater schon 35 Jahre alt war, Anna nur wenig jünger. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon ein Kind, meine Grosstante Nelly verloren. 1947, kurz nach Kriegsende stirbt Anna an Brustkrebs.

Mein Grossvater wurde mit knapp 20 Jahren im Jahre 1944 eingezogen. Er war unterernährt und krank. Der zweite Weltkrieg war für ihn ein einziges Desaster. Er hat nie über das gesprochen, was er erlebt hat, doch einige Erzählungen lassen mich daran denken, dass er sehr wohl reflektiert hat, was passiert ist. Meine Mutter erzählte mir, dass er sie einmal heillos verprügelt hat, als sie es wagte, seine Sammelbände „Der zweite Weltkrieg“ von Reader’s Digest anzuschauen. Sie war sehr geschockt und weinte. Mein Grossvater wurde rasend.

Es scheint mir heute, als hätte er mit dem Kauf dieser Bücher den Fluch dieses Krieges festhalten wollen. Er würde sich anschauen können, was wirklich passiert war, doch er wollte es niemandem sonst zumuten. Diese Bücher waren für Paula, meine Mutter und mich tabu.

Obwohl… er hat mich anfangs der 90er immer wieder ermutigt, ich war vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, mich mit dem Krieg zu befassen. Ich sollte begreifen, was passiert war. Ich war seine Hoffnung. Sein Bedürfnis, mit mir über das, was passiert war, zu sprechen, war gross. Ich habe so vieles nicht verstanden und bereue es, dass ich seine Worte nicht mehr weiss.

Warum ich beim Räumen des Hauses eine Broschüre von Yad Vashem entdeckte, kann ich nicht zuordnen. Mein Grossvater war bestimmt nie in Israel, auch Paula nicht. Allerdings war Heinrich in zweiter Ehe mit Rosa verheiratet, die während oder nach dem Krieg aus Berlin floh. Ihr erster Mann ist aus ihren Fotoalben verschwunden. Vielleicht finde ich im Haus noch mehr Spuren, die meinen Verdacht bestätigen.

Die Bücher meines Grossvaters stehen noch immer in dem Regal, in welchem sie bei seinem Tode standen. Obwohl Paula mich gebeten hat, alles mitzunehmen, brachte ich es nicht übers Herz, diese Bücher anzufassen.

Träume vom Haus

Im Moment ist es zu kalt, um sich länger im Haus aufzuhalten. Ich träume fast jede Nacht vom Haus, von der Wiese und den Räumen, die ich renovieren will.

Früher liebte ich den Winter sehr. Ich mag den Schnee. Ich liebe Langlaufen. Doch momentan halte ich es fast nicht aus. Ich wünsche mir den Frühling herbei. Ich will im Garten arbeiten. Ich möchte mir endlich einen Rasenmäher kaufen.

Ich denke daran, wie ich als Kind ums Haus getollt bin. Damals stand noch der grosse Hundezwinger aus rostigem Metall da. Ich mochte das Gefühl des Zerfalls. Mein Grossvater legte grossen Wert darauf, dass nichts am Haus verändert oder gar repariert wurde. Manchmal denke ich: es ist ein Wunder, dass nie etwas passiert ist.

Paula hat immer geschuftet. Nur ihr ist es zu verdanken, dass das Haus nicht zerfallen ist. Sie hat es geputzt, heimlich Reparaturarbeiten vorgenommen und nach Walters Tod einige Zimmer sanieren lassen.

Das Bad sieht noch immer gleich aus wie damals, als meine Urgrosseltern hier lebten. Die Küche hat nach wie vor nur fliessend kaltes Wasser. Paula hat den Kachelofen sanieren lassen. Leider konnte sie ihn die letzten Monate, als sie noch im Haus lebte, praktisch nicht mehr selbst befeuern.

Als ich im November räumte, fielen mir die grossen, dicken Balken auf. Sie müssen über 100 Jahre alt sein. Das Haus ist stark. Ich hoffe so sehr, dass unsere Geschichte einen gemeinsamen Verlauf nimmt.

Umgeben von Toten

Ich habe mich als Kind schon nicht gegruselt vor Toten.
In meiner Familie ist der Tod allgegenwärtig und vertraut.

Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Bruder. Zwar habe ich ihn nie gesehen, doch sein Sein hat Spuren hinterlassen. Ein einziges Photo habe ich von ihm.

Anders verhält es sich mit meiner Stief-Urgrossmutter Rosa und meinem Urgrossvater Heinrich. Sie sind mir nahe, obwohl ich erst sechs Jahre alt war, als sie beide starben. In meinem damaligen Empfinden waren beide uralt. Mein Urgrossvater wurde 95 Jahre alt!

Ich entdecke gerade die Welt dieser beiden Menschen, die auch im hohen Alter offenbar kein Problem damit hatten, sich ineinander verliebt zu zeigen. Auf den Bildern, die ich gefunden habe, ist Rosa eine herbe, aber stilsichere Frau, Heinrich, ein gemütlicher Mann mit einer enormen Ausstrahlung.

Fast 30 Jahre lang haben sie im Haus gewohnt. Beide sind sie darin gestorben. Das Haus atmet ihre Lebenshaltung aus: arbeiten. Fleissig sein. Sauber sein. Geniessen.

Einer ihrer Lieblingsplätze scheint die grüne Gartenbank zu sein. Mittlerweile ist sie von der Witterung beinahe verfault. Auf den Bildern ist die Gartenbank der Mittelpunkt jeglicher familiärer Aktivitäten. Sie sitzen drauf. Kinder turnen drauf rum. Der Hund thront brav vor der Bank.

Walter, mein Grossvater, hat die beiden zuhause gepflegt. Aus seinen Briefen erfahre ich, dass es zeitweise für ihn die Hölle gewesen sein muss. Dank erhielt er nicht viel. Er, der seit Jahren arbeitslos war, nahm die Bürde auf sich, zwei hochbetagte Menschen zu pflegen. Einen Spitex-Dienst gab es 1983 noch nicht…

Walter, Rosa und Heinrich sind seit Jahren tot. Doch im Haus leben sie noch immer. Ich finde ihre Gegenstände. Rosas Kämme. Heinrichs Strickmaschinen. Walters Zeugnisse. Rosas Fasnachtskostüme. Heinrichs Brillen.

Was bleibt von einem übrig, wenn man stirbt?

Aufräumen

Von Sonntag auf Montag hatte ich einen seltsamen Traum:
Ich sah mich, wie ich Paulas Schopf räumte. Ich sortierte Gerümpel, entsorgte Gegenstände, die defekt waren, warf alles weg, was nicht mehr brauchbar war.
Am Ende meines Traums war der ganze Raum sonnendurchflutet und ich erschöpft.

Als ich aufwachte, war ich aufgeregt. Ich wusste, ich musste einfach meinen Traum in die Tat umsetzen. Der Schopf war in einem schlimmen Zustand. Da Paula im letzten Jahr nicht mehr weit laufen mochte, stapelten die Haushaltshelferinnen Anzündholz und Holzscheite im Schopf. Da stapelten sich Geschirrberge, Tragtaschen voller Müll, Kartons in allen Farben und Formen.

Ich muss gestehen, dass ich bisher nicht die Energie dazu gefunden hatte, den Müll zu trennen und zu entsorgen. Schliesslich war es ja Paulas Haus und ich nur Gast. Doch nun, da Paula das Haus langsam vergisst, spüre ich, dass ich wirklich altes und neues trennen muss.

Es ist wirklich unglaublich: zwischen Reklamebriefen und alten Rechnungen, die Paula fein säuberlich geordnet hat, finde ich massenhaft Familienphotos, Briefe von mir und viele ungeschriebene Briefe von Paula an meine Mutter. Es rührt mich, wie sehr die beiden miteinander gerungen habe und erkenne mich selber darin.

Ich finde Negative von Photos meiner Urgrosseltern und sehe plötzlich, wie das Haus vor 40 Jahren ausgesehen hat. Ich sehe seine Bewohner, Gäste und die Tiere, die einst hier gelebt haben. Ich bin gerührt, wie liebevoll meine Urgrosseltern ihr Haus gepflegt haben. Einmal mehr fehlt mir auf, wie sehr das Haus lebt und doch wie auf einer Insel liegt.

Ich sehe die Zukunft des Hauses, während ich die Vergangenheit aufräume. Schirme, alte Staubsauger, einen defekten alten Samowar. Ich werfe einen vakuumierten Fleischkäse weg, den Paula in ihrer Büroschublade seit Sommer 2011 aufbewahrt hat. Immer wieder stosse ich auf handgeschriebene Zettel in Paulas schöner Schrift: Nicht vergessen, Paula! Denk dran, Paula! Rechnung einzahlen, Paula!

Dann finde ich einen Brief, der mich mehr als alles andere rührt. Mein Grossvater und Paula steckten in einer Ehekrise, weil mein Grossvater seine Eltern pflegen musste. Sie schreiben sich Briefe. Er entschuldigt sich bei Paula, dass er ungerecht zu ihr war und fleht sie an, zurück zu kommen, weil er das Leben hier, zwischen seinen greisen Eltern, nicht erträgt.

Ich bin den Tränen nahe, möchte mich hinsetzen und weinen. Ich empfinde das unbändige Verlangen, meinen Opa Walter zu umarmen und zu sagen: „Opa, ich versteh dich so gut!“ Doch dann fährt mir durch den Kopf, dass ich weiter aufräumen muss, nein: will!

Nach fast drei Stunden habe ich den Raum aufgeräumt. Ich nehme einen Papiersack voller alter Photos und Negative nach Hause. Dort scanne ich die Negative ein und entdecke wieder mein Haus darauf. Ich bin müde, aber glücklich.

Meine Mutter, Paula und ich

Natürlich wäre es mir lieber, sie würde noch leben, meine Mutter. Die Frau, die mich geboren hat, lebt aber leider seit bald sechs Jahren nicht mehr.

Ganz bestimmt würde sie Bemerkungen über meinen Freund fallen lassen. Aber keine Angst: meine Mutter wäre die allerbeste und allerliebste aller Schwiegermütter geworden. Niemals hat sie einen meiner Freunde runter gemacht. Im Gegenteil. Sie fand jeden toll, weil er eben meiner war.

Meinen Beruf fand sie immer sehr speziell. Wir haben nie gross darüber geredet. Ich aber konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie über ihre Kunden im Denner gesprochen hat. Sie hat ihre Arbeit als Verkäuferin so sehr geliebt.

Einige Jahre vor ihrem Tod half ich ihr bei ihrer Bewerbung als Rottenköchin. Meine Mutter war die beste Köchin ever. Ihr Voressen war legendär. Leider hat sie den Job nicht gekriegt.

Das bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was ich immer werden wollte. Schon als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Einige tolle Lehrer versuchten mir die Sprache abzugewöhnen. Meine Mutter war diesbezüglich immer sehr fordernd. Sie gab sich mit keiner halbwegs perfekten Note zufrieden. Deutsch fand sie wichtig. Also strengte ich mich an.

Zu gerne würde ich wissen, was sie über meine Hauspläne denkt. Würde sie mich unterstützen? Würde sie mich tatkräftig unterstützen?

Wahrscheinlich würde sie das nicht tun.
Sie hat mich auch all die Jahre vor ihrem Tod bei der Betreuung von Paula nicht unterstützt. Ein Beispiel? Meine Oma hatte immer so einen seltsamen Aschenbecher der Swissair. Den habe ich als Kind so sehr geliebt. Ich fand es wunderbar, das silberne Flugzeug aus seiner Verankerung zu holen und mit dem Ding zu spielen. Meine Mutter hat es Oma abgeschwatzt mit dem Vorwand, es behalten zu wollen. Stattdessen hat sie es verkauft. Das fand ich wirklich schlimm.

Nie übernahm meine Mutter einen der Einkaufsdienste. Nie ging sie mit Paula zum Arzt. Stattdessen habe ich das getan, obwohl ich 100% berufstätig war.

Ich mag meiner Mutter keine Vorwürfe machen. Sie ist tot. Aber manchmal denke ich, dass es furchtbar ungerecht ist. Sie sollte jetzt an meiner Stelle stehen. Sie sollte sich um Paula sorgen. Ich würde sie dabei unterstützen. Bestimmt.