Weiher, Wurzeln und Grosseltern

Meine Oma Paula wuchs am Wiler Weiher auf. Sie lebte bis Jahre nach ihrer Heirat mit meinem Opa bei ihren Eltern. Paula brachte meine Mutter im eigenen Elternhaus zur Welt. Das war 1951.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, gingen wir oft gemeinsam an den Weiher. Wir fütterten die Enten und die Goldfische und Oma gab mir fein geschnittenes trockenes Brot in die Hand. Immer hatte sie Angst, dass ich ins Wasser fallen und ertrinken könnte. Immer fürchtete sie, jemand könnte etwas sagen, weil so viel trockenes Brot wegschmiss.

Ich liebte es, die Vögel zu füttern. Meine Oma Paula erzählte mir beim Gang um den Weiher, wie meine Mutter hochschwanger mit mir im Bauch drin ebenfalls darum herum gelaufen ist. Ein schönes Gefühl und vor meinem geistigen Auge konnte ich es sogar sehen.

Oma beschrieb mir, wie sie mit ihren Eltern in dem alten Haus, dem Bädli, gelebt hatten. Sie zeigte mir Bilder, wo meine Uroma Berta auf einer Bank vor dem Haus sitzt, freundlich lächelt und strickt.

Für meine Mutter war die Zeit bei den Urgrosseltern wohl die schönste ihres Lebens. Auch sie liebte ihre Oma so sehr, wie ich die meine. Da meine Oma voll berufstätig war, ebenso wie mein Opa, denn damals konnte man sich gar nichts anderes leisten, wuchs meine Mutter bei Berta und Johann auf.

Auch meine Urgrosseltern grossmütterlicherseits hatten erst spät Kinder gekriegt. Meine Uroma muss gegen die 45 gewesen sein, als sie ihre jüngsten Söhne geboren hatte. Als meine Mutter zur Welt kam, waren beide schon gegen die 70 Jahre alt. Ich hingegen hatte eine 49jährige Oma, als ich geboren wurde. Ein wahrer Luxus!

Meine Grosseltern mussten schliesslich ausziehen, weil mein Opa Walter eine neue Stelle im Toggenburg antrat. Pendeln kam wohl nicht in Frage. Paula erzählte mir, dass es ihr das Herz zerrissen hat, als sie ihre Mutter verlassen musste. Auch für meine Mutter war es einzige Katastrophe, denn sie verlor so die Nähe derjenigen Menschen, die sie bedingungslos geliebt hatten.

Auch in meiner Geschichte gab es einen ähnlichen Bruch. Als ich acht Jahre alt war, zogen meine Eltern in ein Dorf im hintersten Thurgau. Die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht und ich sah meine Oma nur noch alle 14 Tage. Noch viel schlimmer war es für mich, alle meine Freunde zu verlieren, in einem Alter, in dem man Freunde so dringend braucht. Am neuen Wohnort gewöhnte ich mich nur schwer ein. Mir fehlten unser altes Haus, meine Schaukel, die nur mir gehörte, und mein Bach mit dem Tintenfischbaum.

Als ich als erwachsene Frau aus jenem Dorfe weg zog, war ich nicht traurig. Im Gegenteil. Ich fühlte mich wie ein Vogel, dem die gestutzten Federn nachgewachsen sind.

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Vom Lieben

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bekam ich sehr wohl mit, dass meine Mutter und meine Oma Paula sich regelmässig stritten, Wie viele Mütter ertrug es auch meine Mutter nicht, dass Oma ihr dreinquatschte. Dies führte zu regelmässig stattfindenden Streitgesprächen und danach folgenden Besuchsverboten.

Streitthema Nummer eins war das Essen. Als Kind war ich sehr mager. Ich hasste Fleisch und wollte es einfach nicht essen. Auch Bohnen und gewisse Gemüsesorten konnte ich auf den Tod nicht aufstehen. Meine Mutter hatte da aber ganz eigene Erziehungsmethoden. Wenn ich nicht aufass, dann musste ich so lange sitzen bleiben, wie sie es wollte oder aber, bis ich das Essen gegessen hatte. Mehr als einmal schob sie mir das Essen in den Mund und drückte ihn zu. Noch heute kann ich gewisse Nahrungsmittel nicht essen.

Meine Oma sah diesem Treiben zu und hinterfragte es. Das konnte meine Mutter nicht ausstehen. Da Oma auffiel, dass ich zeitweise gar nichts mehr ass, schenkte sie mir Süssigkeiten, die wir in meinem Zimmer versteckten. Das machte meine Mutter sehr wütend. Verwüstungen meines Zimmers waren die Folge.

Paula hat auch immer wieder kritisiert, wenn meine Mutter mich geschlagen hat. Einmal ging sie sogar zwischen uns und hielt mich fest, damit meine Mutter sie trifft und nicht mich.

Meine Mutter war enttäuscht von meiner Oma, denn eigentlich übte sie nur dieselbe Art von Erziehung aus, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Meine Oma versuchte mehr als einmal zu erklären, dass dies falsch gewesen sei. Sie bedauerte zutiefst, dass auch sie als junge Mutter ihr Kind geschlagen habe. Oma fand klare Worte für ihre eigene Gewalt: ich war müde von der Arbeit, überfordert und unglücklich und wollte nur meine Ruhe. Aber geliebt habe ich dich immer.

Für meine Mutter waren das denkbar schlechte Argumente. Sie sah sich betrogen. Wenn ich mit ihr Streit hatte und sie mich schlug, rief sie mehr als einmal: „Deine Oma, die du so liebst, hat es genau gleich gemacht.“ Das nützte mir nicht viel. Wie eine Gläubige klammerte ich mich an meine Oma, die mir Schutz versprach.

Die Ferien bei Paula verbot uns unsere Mutter nicht. Sie sah wohl ein, dass sie so zumindest für einige Wochen von mir und meiner Schwestern befreit würde. Dieses Angebot nahm sie gerne an.

Als ich schliesslich älter wurde und meine Mutter auszog, war es mit ihren ambivalenten Gefühlen gegenüber meiner Oma nicht zu Ende. Ich erinnere mich noch gut, dass sie ein Jahr vor ihrem Tod sagte: „Irgendwann wirst du noch bereuen, dass du sie mehr geliebt hast als mich. Dann kannst du für sie schauen.“

Ich bereue es nicht, dass meine Oma und ich uns so nahe stehen. Meine Oma ist meine Oma und meine Mutter ist meine Mutter. Die Liebe, die ich für beide Frauen empfinde, ist nicht vergleichbar. Dass ich jetzt für Oma sorge, ist keine Strafe, es scheint mir nur die logische Folge unserer Beziehung seit Kindheit an.

Vom Schönheitswahn und Reissverschlüssen

Als ich so zwölf Jahre alt war und in die Pubertät kam, war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen, dass ich nicht begehrenswert war. Die hübschen Mädchen waren blond, hatten ebenmässige Zähne und eine grazile Gestalt. Ich entsprach dem nicht ganz.

Ich war ein grosses, damals noch dünnes Mädchen mit raspelkurzen Haaren, einer dicken Brille und krummen Zähnen. Nur gerade meine Brüste verrieten, dass ich kein Junge war.
Das alles hat mich aber nicht gestört.

Erst in der Badi wurde mir bewusst, dass ich anders war als die anderen. Nur gerade drei Jahre war es her, seit meine Hüften operiert worden waren. Hüftdysplasie von Geburt an. Aufgrund meiner schlechten Wundheilung blieben an beiden Beinen grosse, wulstige Narben zurück.

Es fing damit an, dass besonders ältere Menschen mich deswegen anpöbelten. Sätze wie: „Gopf, ist das hässlich. Wie kann man dieses Kind nur so herumlaufen lassen“, waren keine Seltenheit. Nie hat meiner gefragt, wies passiert ist. Nein. Ich sollte es nur zudecken. Blicke auf meine Beine fand ich irgendwann so schlimm, dass ich nicht mehr schwimmen ging.

Meiner Oma fiel natürlich auf, dass ich mich so schämte. Sie wollte das nicht akzeptieren. Paula sagte zu mir, ich müsste eben etwas Träfes entgegnen. Wir übten miteinander.

„Was hast du denn da für komische Schnitte an den Beinen?“, fragte mich Paula gespielt höhnisch. „Das ist ein Reissverschluss, um die Knochen zu wechseln, wenn ich alt werde, so wie du.“

Paula umarmte mich.
„Du machst das gut. Und jetzt gehst du wieder zum Schwimmen.“

Liebe Anna

Liebe Anna Aerne

heute, wir schreiben den 30. April 2014, wärest du 123 Jahre alt geworden. Du bist meine Urgrossmutter. Deinen Geburtstag kenne ich nur aus Deiner Hochzeitsbibel und Deiner Todesanzeige.

Trotzdem bist du eine Person, die sehr wohl lebendig erscheint, für mich als auch für meine Oma. Dein Leben war nicht einfach. Henri, meinen Uropa, hast du bestimmt um 1914 schon gekannt, denn ihr hattet euch geschrieben. Deine Briefe sind leider unauffindbar. Henri, dein zukünftiger Mann, hat dich sehr geliebt. Er war kein Mann, der seine Gefühle offen auf der Zunge trug. Aber du warst in seinen berührendsten Briefen seine Adressatin.

Liebe Anna, du hast all die Kriegsjahre ohne ihn ausgehalten. Nelly kam 1917 zur Welt und starb 1922. Wie muss das für dich gewesen sein?
Meinen Opa Walter hast du Ende des Jahres 1924 geboren, als du schon 33 Jahre alt warst, nur wenig jünger als ich jetzt.

Liebe Anna, dein Gesicht ist allgegenwärtig. Du warst wohl eine starke Frau mit Willen und Kraft. Trotzdem hat dich im Jahre 1947, nur wenige Jahre nach Ende des Krieges der Krebs hinweg geraffft, für Walter, meinen Opa, war das eine furchtbare Sache.

Das Haus, in welchem du mit Henri gelebt hast, steht in der Nachbarschaft des Hauses der Familie. Ich denke oft daran, wie du dort gelebt haben magst. Deinen Grabstein habe ich nie gesehen. Aber heute denke ich ganz fest an dich und umarme dich in Gedanken.

 

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Anna ist in der mittleren Reihe die zweite von rechts, Henri steht direkt hinter ihr.

In der Stube

Die Stube in Paulas Haus war immer der zweitwärmste Ort neben der Küche. Hier, in diesem mit Holz ausgekleideten Raum, spielten sich die Feierabende meiner Grosseltern ab. An der Wand neben dem Kachelofen stand das alte Radio, darauf das Telephon. Lange besassen Paula und Walter eines mit Wählscheibe. Das Telephon stand auf einem Deckchen, darunter das Telephonbuch von 1984. Ich glaube, es war ein hellblaues, vergilbt vom Rauch.

Opa stand oft am grünen Kachelofen und wärmte sich dort seine Hände. Er liebte es, Pfeife zu rauchen und die Tagesschau zu sehen. Dann mussten wir Kinder ganz ruhig sein. Opa kommentierte alles. Das Weltgeschehen liess ihn nicht kalt. Seine Verwünschungen und wüsten Flüche bleiben mir unvergessen.

Wir Kinder sassen am Tisch, spielten, schrieben. Mehr als einmal holte Walter seine grosse Enzyklopädie hervor, damit ich sie abschreiben konnte. Wissen war für ihn keine Bedrohung und meine kindliche Art, mir Wissen zu verschaffen, hat ihn immer erheitert.

Ich erinnere mich, dass er mir die Physik näher bringen wollte. Paula untersagte ihm dies. Sie traute der Sache nicht.

Paula stand oft in der Küche und trank Kaffee, während wir Kinder in der Stube spielten. Aber manchmal setzte sie sich dazu, kraulte Barri, den Sennenhund-Mischling und schaute uns einfach zu. Es ist dieses Gefühl des bedingungslosen Geliebtwerdens, das ich jetzt so oft vermisse.

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Barri frass sehr gerne Hundeknochen. Dies tat er mit Vorliebe unter dem Stubentisch. Ich erinnere mich, dass er oftmals nicht alles frass und ich auf dieses furchtbar glibberige Zeugs draufstand und schrie.

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mit Paula und Barri ca. 1988

Der Boden war nicht der sauberste. Aber das hat mich als Kind nie gestört.

Wenn ich heute in die Stube trete, dann sind die Sessel voll von Kisten gefüllt mit Leintüchern, Büchern und Nippes. Es scheint mir, als wäre Paula und alle Altvorderen ausgezogen.

Ich möchte die Fensterläden öffnen, lüften, den Boden saugen, mich hinsetzen. Die Katze an meiner Seite. Die Augen schliessen. Mich am Ofen wärmen. Eine neue Lampe aufhängen. Das Kruzifix meiner Urgrossmutter hängen lassen. Es hängt schon, seit ich denken kann da.

Ich schaue an die andere Wand. Dort stand einst Opas Bett, auf dem er 1997 gestorben ist. Der Raum sollte mir Angst machen, aber er tut es nicht. Das Leben wird wieder in diese Räume einkehren. Das weiss ich ganz genau.

Frühling im Toggenburg

Ich habs immer so geliebt, meine Ferien bei Paula zu verbringen. Die Schulferien waren für mich die schönste und befreiendste Zeit des Jahres.

Nie konnte ich im Haus und im Garten der Eltern so unbeschwert herumtollen wie im Toggenburg bei meinen Grosseltern. Hier gehörte alles mir. Niemand reklamierte, wenn ich mich schmutzig machte oder im Bach schwamm. Ich konnte spielen, soviel ich wollte.

Abends schauten wir fern. Opa stand Pfeifen rauchend in der Stube. Ich erinnere mich an viele Gespräche. Opa und Paula konnten wunderbar Geschichten erzählen.

Besonders aufregend waren die Gewitternächte. Paula, meine Schwester und ich schliefen jeweils im Obergeschoss, direkt unter dem Dach. Durchs Fenster konnten wir jeweils das Wetterleuchten sehen. Das Gewitter kam näher. Der Bach plätscherte laut. Dieses Geräusch. Ich mag es so sehr.

Irgendwann donnerte es. Blitze um uns herum. Starker Regen. Der Bach wird lauter. Um uns herum geht die Welt unter. Paula jedoch liegt im Bett neben uns und erzählt uns leise Geschichten. Trotz des Gewitters, des prasselnden Regens auf dem Dach, schlafen wir Kinder ein. Vielleicht gerade deswegen.

Am nächsten Morgen entdecken wir, dass der Bach über seine steinernen Ufer getreten ist. Es ist nichts passiert. Alles ist noch da. Der Boden ist matschig. Bald sind die Ferien vorbei.

Vom Reisen und Photographieren

Wenn ich meine gescannten Negative durchschaue, fällt mir auf, wie oft ich als Kind meine Omi Paula photographiert habe.

Schon als ich den ersten Photoapparat geschenkt bekommen habe, wie habe ich mich gefreut, war sie eines meiner ersten Sujets. Ihr liebes Gesicht, ihr schwarzes Haar, das später grau wurde, ihre schönen Hände. Immer nur Paula.

Ich erinnere mich an unsere Reisen. Besonders im Frühling setzten wir uns in den Zug und erkundeten die Schweiz. Wir reisten von Romanshorn bis Stein am Rhein. Dort stiegen wir aus und schauten uns die Stadt an. Das ist nun bestimmt zwanzig Jahre her.

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1999 reisten wir mit dem Zug von Zürich nach Berlin. Es war das erste Mal, dass wir gemeinsam ins Ausland fuhren. Paula war aufgeregt, ich weniger. Ich hatte gebucht. Wir reisten mit dem Nachtzug. Paula fands schlimm. Sie konnte nicht schlafen.

In Berlin marschierten wir herum. Die Stadt, so wie ich sie kennengelernt hatte, gefiel ihr nicht besonders. Wir assen zum ersten Mal Chinesisch. Paula hatte Angst, sich zu blamieren und war sehr froh, dass der Kellner ihr eine Gabel reichte. Stäbchen mochte sie nicht.

Es regnete. Das Brandenburger Tor wirkte dunkel. Wir waren nicht unglücklich, dass wir am Abend wieder zurückreisten.

 

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Paula nahm jeweils meine vollen Filme entgegen und liess sie für mich entwickeln. Die fertigen Photos feierten wir jeweils. Wir trafen uns zum Kaffeetrinken und redeten in bunten Farben über das Erlebte, das sich nun mehr oder weniger verwackelt auf Photopapier zeigte.

Ich vermisse es. Sie hat sich immer gewünscht, einmal mit mir nach Lourdes zu fahren; unsere grosse, gemeinsame Reise. Wir haben sie nie gemacht.

 

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Die stumme Krankheit

Als meine Oma Paula noch ein Kind war, wurde sie sehr krank. Sie beschrieb es mir immer wieder, denn es gab wohl ein Davor und ein Danach. Sie erzählte, sie wäre zum Schwimmen gegangen. In der Nähe von der Mühle, wo sie aufwuchs, gab es einen Teich. Paula sagte, sie hätte bemerkt, dass irgendetwas anders war.

Das Fieber kroch in ihrem Körper empor. Paula sagte, sie hätte eine Hirnhautentzündung bekommen. Sie konnte sich später nicht mehr an alles erinnern, nur, dass sie schreckliche Schmerzen hatte. Bei diesen Schmerzschüben hat sie sich die Haare vom Kopf gerissen und furchtbar geschrien. Ihre Eltern steckten sie trotz ihres Alters von vielleicht zehn Jahren in einen Kinderwagen und ihre Geschwister schoben sie so herum.

Sie konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, dass der Arzt regelmässig vorbei kam. Sie zeigte mir ein tiefes Loch an ihrer Hüfte. Dort soll er vereitertes Gewebe herausgenommen haben. Ich weiss nicht, wie schwer es um sie gestanden hat, aber ich nehme an, Paulas Eltern haben damit gerechnet, dass sie stirbt. Wie muss das damals, anfangs des Zweiten Weltkrieges, für diese armen Menschen gewesen sein?

Paula erzählte, dass sie offenbar nicht mehr reden konnte. Nur noch Laute seien aus ihrem Mund gekommen, obwohl sie es so sehr versucht hat.
Der Arzt aber sagte zu ihr: „Paula, wenn Du „Herr Dokter, Herr Dokter, hinderem Ofä hockt er“, sagen kannst, dann kriegst du einen Wunsch erfüllt.“

Paula versuchte es immer wieder. Eines Tages schaffte sie es. Ich weiss nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber sie konnte endlich wieder sprechen. Das kleine Mädchen wünschte sich nichts sehnlicher als einen kleinen Verkaufsladen. Den kriegte sie auch.

Der kleine Verkaufsladen ist mintfarbig gestrichen, gemacht aus festem Holz. Die bald 80 Jahre sieht man ihm nicht an. Kleine Ladenregale. Sogar die Verkaufsprodukte sind noch vorhanden. Ich habe es von ihr anvertraut bekommen.

Eine Geschichte aber wusste Paula noch: einige der Päckchen waren gefüllt mit Schokoladebohnen. Ihre kleinen Brüder spielten damit und assen alles auf. Ihre Gesichter waren mit Schokolade verschmiert.

Paula hat sich damals, als ich noch ein Kind war und im Spital lag, mit viel Liebe um mich gesorgt. In der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte empfinde ich sehr viel Dankbarkeit, dass meine Oma diese schwere Krankheit in der Kindheit überlebt hat.

Vom Vermissen

Der Mittwoch war Paulas und mein Tag. Seit frühester Kindheit hat sie mich an jenem Tag besucht. Für mich war es der schönste Tag der Woche. Wenn sie einmal nicht vorbeikam, sei es, weil sie arbeiten musste oder mit meiner Mutter Streit hatte, war ich traurig.

Mindestens einmal in der Woche hab ich mit Paula telephoniert. Wir konnten stundenlang reden. Sie wusste immer noch mehr zu erzählen und wenn wir uns nichts aktuelles mehr zu sagen hatten, sprachen wir eben über die Vergangenheit. Mehr als einmal hat mir Paula so die Geschichte ihres ersten Treffens mit Walter erzählt. Gewisse Geschichten werden besser und schöner, je öfter man sie sich erzählt.

Jetzt, wo Paula im Pflegeheim ist, telephonieren wir nicht mehr. Es fehlt mir, denn ich habe früher so gerne mit ihr geredet. Aber ich habe so grosse Mühe, ihr zuzuhören. Ich habe Angst, dass sie beim Gang zum Telephon stürzen könnte, dass sie überfordert ist, wenn es klingelt und sie nicht mehr weiss, wie bedienen. Ihre Scham ist zu meiner geworden.

Meine Mutter hat fürs Leben gerne erzählt, wie ich nackt im Bädli herumgeschwommen bin. Das tat sie aber nur, wenn von mir hochverehrte Männer in der Nähe waren. Ich schämte mich in Grund und Boden. Heute denke ich oft daran und wie sehr mir diese kleine Geschichte fehlt. Was gäbe ich darum, wenn meine Mutter jetzt dasässe vor einem Glas Merlot und sie mir erzählte?

Am schlimmsten waren am Anfang der Trauerzeit die Tage, an denen meine Mutter mich früher angerufen hatte. Terra X ist eine meiner liebsten Sendungen. Sie läuft seit meiner Kindheit um 19.30 auf ZDF. Meine Mutter hat mich just immer dann angerufen, um mir von ihrer Beziehung, ihren Sorgen und ihren kleinen Freuden zu erzählen. Mehr als einmal sass ich augenrollend auf dem Sofa meines damaligen Freundes und hoffte, das Telephonat wäre bald zu Ende.

Kurze Zeit danach war es zu Ende. Ich bereue es zutiefst, nicht mehr mit ihr geredet zu haben, kein schriftliches Zeugnis ihrer Gedanken zu haben, nicht zu wissen, wie man das beste Voressen der Welt macht. a