Spurlos verschwunden

Meine Kindheit in den frühen 1980er Jahren im Thurgau war geprägt von der Angst vor dem bösen Mann. Als ich in den Kindergarten ging, hat mir meine Mutter tagtäglich eingebläut, ich soll nur ja mit keinem Mann sprechen. Das hätte ich natürlich eh nie gemacht, da ich erstens total schüchtern war und zweitens panische Angst vor bartlosen Männern hatte.

Damals verschwanden mehrere Kinder in meiner Gegend. Für meine Eltern und meine Omi muss das der totale Horror gewesen sein. Niemals durften wir Kinder irgendwo alleine spielen ohne uns nicht regelmässig bei den Eltern wieder zu melden. (Damals gabs keine Handys für Kinder!)

Als ich in die erste Klasse ging, ich glaube sogar, es war die erste Woche, entschied ich mich, meine Kindergartenlehrerin zu besuchen. Frau H. hatte ich immer so gerne gehabt und ich vermisste sie sehr. So beschloss ich nach Schulschluss, im Chindsgi vorbei zu schauen.

Frau H. freute sich sehr über meinen Besuch. Ich hingegen fühlte mich wie eine Erwachsene. Mit grossem Stolz machte ich mich eine Stunde später auf den Heimweg. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, nur noch daran, dass meine Oma und meine Mutter weinten, als sie mich sahen.

Oma drückte mich an sich. Sie trug ihren hellblauen Strickpullover, der ihr heute viel zu gross ist. Meine Mutter hingegen war wütend. Ich verstand gar nichts.

An jenem Nachmittag war nämlich meine Oma zu einem Überraschungsbesuch vorbei gekommen. Sie sassen im Garten und warteten auf meine Rückkehr aus der Schule. Nachdem sie bemerkt hatten, dass alle meine Schulkollegen nach und nach zu ihren Müttern gingen, kriegten sie Angst.

Für Omi und Mami schien sofort klar: das Kind wurde entführt. Sie haben wohl allen anderen Müttern telephoniert. Doch die Antwort war immer dieselbe: Nein, Zora ist nicht bei uns. Nein, meine Tochter weiss nicht, wo Zora ist.

Die Angst meiner Mutter und meiner Oma hat sich auf mich niedergeschlagen. Als einige Jahre später, 1986, Edith Trittenbass verschwand, hatte auch ich Angst. Noch heute denke ich oft an all die verschwundenen Kinder von damals.

Vom Schönheitswahn und Reissverschlüssen

Als ich so zwölf Jahre alt war und in die Pubertät kam, war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen, dass ich nicht begehrenswert war. Die hübschen Mädchen waren blond, hatten ebenmässige Zähne und eine grazile Gestalt. Ich entsprach dem nicht ganz.

Ich war ein grosses, damals noch dünnes Mädchen mit raspelkurzen Haaren, einer dicken Brille und krummen Zähnen. Nur gerade meine Brüste verrieten, dass ich kein Junge war.
Das alles hat mich aber nicht gestört.

Erst in der Badi wurde mir bewusst, dass ich anders war als die anderen. Nur gerade drei Jahre war es her, seit meine Hüften operiert worden waren. Hüftdysplasie von Geburt an. Aufgrund meiner schlechten Wundheilung blieben an beiden Beinen grosse, wulstige Narben zurück.

Es fing damit an, dass besonders ältere Menschen mich deswegen anpöbelten. Sätze wie: „Gopf, ist das hässlich. Wie kann man dieses Kind nur so herumlaufen lassen“, waren keine Seltenheit. Nie hat meiner gefragt, wies passiert ist. Nein. Ich sollte es nur zudecken. Blicke auf meine Beine fand ich irgendwann so schlimm, dass ich nicht mehr schwimmen ging.

Meiner Oma fiel natürlich auf, dass ich mich so schämte. Sie wollte das nicht akzeptieren. Paula sagte zu mir, ich müsste eben etwas Träfes entgegnen. Wir übten miteinander.

„Was hast du denn da für komische Schnitte an den Beinen?“, fragte mich Paula gespielt höhnisch. „Das ist ein Reissverschluss, um die Knochen zu wechseln, wenn ich alt werde, so wie du.“

Paula umarmte mich.
„Du machst das gut. Und jetzt gehst du wieder zum Schwimmen.“

Hühner, Hunde und andere Tiere.

In Sachen Tiere bin ich empfindlich.
Ich liebe Tiere. Am allerliebsten würde ich gerne Hühner halten. Tauben. Krähen aufziehen. Raubvögel füttern!

Ich wuchs mit jeder Menge Tiere auf. Wir hatten Katzen. Mauzi, Tigi, Negi und wie sie alle hiessen. Sie waren nicht einfach Tiere, sondern Familienmitglieder. Tigi bewachte mich, während ich in meinem Kinderbettchen lag. Mauzi hat mehr als einmal meine Tränen weg geschleckt. Negi kuschelte gerne.

 

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Mit den Kaninchen meines Vaters wusste ich nicht soviel anzufangen, nur soviel: ich ahnte früh, dass es äusserst schreckhafte, sensible Tierchen sind. Eine Narbe an meiner Hand zeugt davon. Keine Kuscheltiere. Aber mein Vater machte mir auch nie Illusionen über ihren Zweck, wenn ihr Leben vorbei war. Wir assen oft das Fleisch unserer Kaninchen. Das störte mich nicht, damals. Ich wusste, wenn mein Vater sie schlachtet, müssen sie nicht lange leiden.

Mein Vater züchtete auch Enten. An unserem früheren Wohnort habe ich mich sehr mit einigen angefreundet. Ich mochte das sanfte Klatschgeräusch ihrer Füsse. Eines Tages brach eine Schafherde aus und zertrampelte alles. Unsere Enten starben. Meine Mutter hat eine kleine Ente von Hand aufgezogen. Ich wäre am liebsten immer dagesessen und hätte ihnen zugehört: meine Mutter, die zärtlich spricht und das Entenküken, das antwortet.

Die Hühner meines Vaters habe ich sehr geliebt. Da war beispielsweise Berta, das Seidenhuhn. Ihr Mann, Berto. Schwarz. Majestätisch! Ein wahrer Gentleman. Dann waren da die Wyandotten. Ich glaube, wir hatten zwei. Die Antwerpener Bartzwerge. Was für ein Wort! Was für wundervolle, liebe Tiere! Als ich noch ein Kind war, hatten wir wachtelfarbige. Ich mochte den Gockel, der vornehm um seine Hühner herum lief. Später kauften mein Vater und seine Frau schwarze. Auch diese Hühner zeichneten sich durch eine unglaubliche Neugier und eine Gutmütigkeit aus.

Schliesslich kaufte mein Vater moderne englische Kämpfer. Diese Hühner, die einst für Hahnenkämpfe gezüchtet worden waren, wuchsen mir sehr ans Herz. Da ich sie täglich füttern durfte, wurden sie rasch zutraulich. Wenn ich mit dem Futtergeschirr in Richtung Hühnerhof kam, sie liefen damals frei herum, kamen sie geflogen.

Vielleicht liest es sich auf den ersten Blick wie eine Szene aus Hitchcocks „Die Vögel“. Sie landeten auf meinen Armen, meinem Nacken, immer gierig aufs Futter. Die feinen, aber spitzigen Schnäbel knabberten alsdann an meiner Haut, niemals bösartig, eher aufmunternd.

Die Idylle meiner Kindheit zerflog, als ein schwarzer Rottweiler zum wiederholten Mal durchs Dorf strich. Sein Herr, ein Nachbar, hatte es offenbar nicht für nötig befunden, seinen Hund an die Leine zu nehmen, beziehungsweise ihm Erziehung zukommen zu lassen. Als er unsere Hühner sah, drehte der Hund durch. Ich erinnere mich an Schreie meiner Mutter, damit wir Kinder uns in Sicherheit begeben. Für die Hühner kam der Warnschrei zu spät. Meine Mutter und mein Vater wollten nicht, dass wir rauskommen. Ich habs trotzdem getan. Der Hund hatte eine Spur der Verwüstung durch unsere Hühnerschar hinterlassen. Er hat die Hühner zerrissen und zerfetzt.
Berto, der tapfere Hahn, verlor einen Teil seiner Krallen, als er mutig versucht hatte, das Untier zu verscheuchen und Berta und die anderen Hühner zu beschützen.

Mein Vater hat den Besitzer des Hundes nie zur Rechenschaft gezogen. Das bedauere ich wirklich sehr.

 

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ca 1983.

 

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 ca 2011

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ca. 1983

 

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2011

Gartenarbeiten

Ein Blick in meine Agenda genügt. Ich werde wenig Zeit in den nächsten Wochen haben. Das Haus und der Garten rufen aber. Die Bäume und Büsche wollen geschnitten werden. Besonders der uralte Goldregen hats nötig.

So stehe ich im eisigen Nieselregen da und schneide. Ein seltsames Gefühl. Das Haus wirkt einsam, der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Doch zum ersten Mal seit Paulas Heimeintritt empfinde ich grosse Freude, wenn ich zu ihrem Haus gehe.

Ich möchte es kaufen und vor meinem geistigen Auge sehe ich den Gemüsegarten, die Johannisbeerplantage, die Terrasse im Sommer. Ich hole die Säge aus dem Kellerabteil, wo mein Büro entstehen soll. Dann schneide ich den Goldregen zu.

Meine Gedanken wandern zu meinem Urgrossvater, der hier Waschbären gezüchtet hat. Was würde er wohl sagen, wenn er mich sähe? Der Goldregen steht neben dem kleinen Stall. Inzwischen ist das Beet überwachsen. Hier lagen einst grosse Steine, auf denen im Hochsommer die Eidechsen ihr Sonnenbad genossen.

Ich schaue auf die Kellertür. Mein Grossvater verbrachte einen grossen Teil seiner letzten Jahre in diesem Keller. Hier hörte er Radio, trank seinen Rosé, rauchte und sägte Holz.

Mir wird mit einem Mal bewusst, wie sehr ich mit dem Haus und seinen ehemaligen Bewohnern verstrickt bin. Ich schaue auf den Bach, der am Haus vorbei fliesst. Wenn es jeweils stark regnet, schwillt er an. mehr als einmal trat er über die Kanalmauern. Aber den Keller meiner Grosseltern hat er offenbar nie überschwemmt.

Hier an diesem Ort verbrachte ich meine Schulferien. Es ist der Ort, wo ich immer glücklich war. Ich liebe dieses Haus, seine Bäume, die Wiese und den Bach so sehr. Vielleicht gehört es im Sommer schon mir. Dann wäre ich eine sehr glückliche Frau.

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Das Haus von hinten.

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Das alte Tor ist zerfallen. Die Katzen streichen gerne dort herum.

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Paula liebte es, Steine auf Schächten zu deponieren.

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Die Kellertüre.

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Mitten im Gelände steht dieser Baum.

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Der Waschbärenstall.

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Das Haus.

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Der alte Goldregen

Träume vom Haus

Im Moment ist es zu kalt, um sich länger im Haus aufzuhalten. Ich träume fast jede Nacht vom Haus, von der Wiese und den Räumen, die ich renovieren will.

Früher liebte ich den Winter sehr. Ich mag den Schnee. Ich liebe Langlaufen. Doch momentan halte ich es fast nicht aus. Ich wünsche mir den Frühling herbei. Ich will im Garten arbeiten. Ich möchte mir endlich einen Rasenmäher kaufen.

Ich denke daran, wie ich als Kind ums Haus getollt bin. Damals stand noch der grosse Hundezwinger aus rostigem Metall da. Ich mochte das Gefühl des Zerfalls. Mein Grossvater legte grossen Wert darauf, dass nichts am Haus verändert oder gar repariert wurde. Manchmal denke ich: es ist ein Wunder, dass nie etwas passiert ist.

Paula hat immer geschuftet. Nur ihr ist es zu verdanken, dass das Haus nicht zerfallen ist. Sie hat es geputzt, heimlich Reparaturarbeiten vorgenommen und nach Walters Tod einige Zimmer sanieren lassen.

Das Bad sieht noch immer gleich aus wie damals, als meine Urgrosseltern hier lebten. Die Küche hat nach wie vor nur fliessend kaltes Wasser. Paula hat den Kachelofen sanieren lassen. Leider konnte sie ihn die letzten Monate, als sie noch im Haus lebte, praktisch nicht mehr selbst befeuern.

Als ich im November räumte, fielen mir die grossen, dicken Balken auf. Sie müssen über 100 Jahre alt sein. Das Haus ist stark. Ich hoffe so sehr, dass unsere Geschichte einen gemeinsamen Verlauf nimmt.

Neujahr mit Paula und Walter

Manchmal durften wir Kinder am 25. Dezember bei den Grosseltern bleiben. Die Tage bis Neujahr verbrachten wir mit Spielen (mit den Puppen, der Märklin-Eisenbahn unter strenger Aufsicht Walters, Briefmarken einordnen, Vogelfutter sortieren, Malen, schreiben, lesen) und Fernseh schauen. Da das Haus bis heute keine moderne Heizung hat, sondern via Holzofen in der Küche geheizt wird, war es sehr kalt. Wir trugen mehrere Pullover, warme Socken und froren aber trotzdem immer. Ich werde den Geruch von brennendem Holz und Tomaten-Spaghetti nie mehr vergessen. Paula kochte wahre Festmähler für uns: ihr legendäres Voressen, dessen Rezept ich leider nicht kenne, Rösti mit Spiegelei und Kuhfladenspinat und Buchstabensuppe.

An Silvester schauten wir alte Filme und hörten zu, wenn die Grosseltern über längst vergangene Zeiten sprachen. Während der Neujahrsböller kümmerten wir uns alle um Barri, den Hund, der furchtbare Angst hatte. Opa fürchtete immer, das Haus könnte anfangen zu brennen.

Am Neujahrsmorgen standen wir rechtzeitig auf, um in der engen, getäferten Stube das Neujahrskonzert zu hören. Ich erinnere mich an das Konzert von 1993, das wir zusammen erlebt haben. Mein Grossvater, ganz der Musiker von früher, obwohl er mangels Zähnen längst kein Blasinstrument mehr spielen konnte, war in seinem Element. Er dirigierte, kommentierte und summte mit, tanzte sogar kurz ein wenig mit Paula. Diese beschwerte sich jeweils, wenn er zu viel redete, während sie doch die Musik geniessen wollte.

Seither schaue ich das Konzert und schwelge für kurze Momente in meiner Kindheit, denke an meine Grosseltern und vermisse sie. Ich bin dankbar für all die Liebe, die sie mir entgegen gebracht und für alles, was sie mir fürs Leben mit gegeben haben.

Kindsein

Meine Kindheit fand draussen statt.
Ich liebte es, mich auf Bäumen oder auf einen Hügel zurück zu ziehen.
Fürs Leben gern spielte ich am Bach oder auf der Weide, wo ich den Schafen zuschaute.

Dann zogen wir um, weil mein Vater eine neue Stelle hatte.
Er wurde Hauswart.
Die Zeit beim Schulhaus war die schlimmste meines Lebens.
Wer auf öffentlichem Grund lebt, hat kein Privatleben mehr.
Ich erinnere mich an einen Lehrer, der unbedingt wollte, dass meine Katze eingeschläfert wird, weil sie einen Frosch gejagt haben soll. Ich erinnere mich an zerstörte Spielsachen, unsere gequälten Haustiere, meine geliebten Laufenten, die vom Hund des Nachbars bei lebendigem Leibe zerrissen wurden und die ich verbuddelt in der Kugelwerfanlage fand. Ich erinnere mich an unsere Hühner, die getötet wurden, weil Menschen es nicht für nötig befanden, ihre Hunde an die Leine zu nehmen.

All das kommt mir in den Sinn, während ich diesen Zeitungsartikel lese.
Wer Kindern das Spielen verbietet, treibt sie in die Untätigkeit. Das ist meine Meinung.
Menschen, die Kinder nicht mögen, sollten sich am besten zurückziehen. Sie sollten nicht Politiker werden. Solche Menschen verachte ich.

Ich denke zurück an die glücklichste Zeit meines Lebens. Die Kindheit im Haus von Paula.
Wir durften lärmen, uns verkleiden, spielen, Hütten bauen. Wir waren frei.

Die grosse Gräber-Tournee

Dieser Winter war lang.
Was ich sonst um Ostern besorge, nämlich Uschis Grab neu zu bepflanzen, hab ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich hab nämlich Prioritäten gesetzt: Paula besuchen, diese Wiese um Paulas Haus mähen, Freunde treffen und Energie auftanken. Die Tage schmolzen schneller als der Schnee dieses Jahres dahin. Heute endlich habe ich sie heute geschafft: die grosse Gräber-Tournee.

Wir fahren in das Dorf, wo ich einst aufgewachsen bin. Dort auf dem Friedhof, begraben und bedeckt von einem Nadelgehölz, liegt mein kleiner Bruder. Ich muss, seltsamerweise, immer an die gleiche Begebenheit denken, wenn ich das schmiedeiserne Tor zum Friedhof öffne. Ich sehe meine Eltern, gramgebeugt, meine Oma und mich selber. Wir stehen an Svens Grab. Es ist so furchtbar klein. Ich denke, das kann ja gar nicht sein. Mit zwei Jahren erinnert man sich nicht an so was.

Ich stehe mit Sascha vor Svens Grab. Ich wünschte mir, Sven wäre so gross wie der Baum, den mein Vater gepflanzt hat. Ich berühre seine feinen Äste und bin froh, dass es wenigstens ihn noch gibt. Ich habe manchmal Angst, dass Svens Grab einfach weg ist, wenn ich komme, so als hätte es diesen kleinen Menschen, den meine Mutter geboren hat, nie gegeben.

Ich stehe vor dem Grab. Ich bin bald 36. Als meine Eltern ihn verloren, waren sie wesentlich jünger als ich. Der Betonengel, den ich hier vor vier Jahren abgelegt habe, ist brüchig geworden. Svens Grabstein wirkt mit einem Mal so zerbrechlich.

Dann fahren wir, mit einem Kofferraum voller Pflanzen weiter ins Toggenburg, wo meine Mutter und mein Opa, früher auch Anna, meine Urgrosseltern und bestimmt auch Nelly, begraben liegen.

Ich packe die Pflanzen aus und bemerke, wie die Friedhofsleitung wieder einige Grabreihen aufgelöst hat. Opas Grab wird als nächstes dran sein. Er ist jetzt über 15 Jahre tot. Ich schliesse die Augen, bemerke, dass ich durchaus nicht die letzte bin, die für die Gräberbepflanzung besorgt ist. Einige ältere Herrschaften, mit und ohne Pudel, gramgebeugt oder aufrecht, machen sich auf, die Grabstätten ihrer Lieben zu verschönern. Bei kurzem Hinblicken wird mir klar, dass sie alle die Gräber ihrer Eltern, seltener die ihrer Geschwister und praktisch nie die ihrer Kinder bepflanzen. Ich fühle mich stumm geborgen in dieser Gesellschaft der Menschen, die Mutter und/oder Vater verloren haben.

Das Grab meiner Mutter sieht nicht so furchtbar aus, wie ich es erwartet habe. Die Tulpenzwiebeln, die ich vor einigen Jahren in einem Anfall von Übermut und Experimentierfreude gesetzt habe, sind auch diesen Frühling offensichtlich gespriesst. Ich entnehme alles, was verblüht ist, setze neue Erde auf und pflanze Tagetes und zwei Tabakpflanzen.

Sie hat immer so gerne geraucht. Vielleicht, so denke ich, macht ihr etwas das Freude. Ich platziere einige Figuren. Nippes hat sie immer so sehr geliebt.

Ich denke dran, dass sie nie ein Grab gewollt hat und wohl nie, dass ich es pflegen muss. Ich tue es trotzdem gerne. Es lenkt mich ab und lässt mich innehalten. Ich höre den Vögeln zu und dem Schluchzen all jener, denen es gleich ging wie mir, den Trauernden. Ich weiss, dass auch ich bald wieder trauern werde. Es macht mir nichts aus, es zu wissen. Es ist das Leben. Jetzt ist Sommer. Ich werde ihn geniessen und lieben mit all meinen Sinnen.

 

 

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Die Wiese

Seit drei Wochen habe ich es auf meiner to-do-liste: ich muss die Wiese mähen.
Paula hat jeweils jemanden engagiert. Aber ich wollte es selber machen. Es scheint mir auch zu kompliziert, wenn ich in ihrem Namen jemanden anstellte.

Zuerst musste ich meinen Vater davon überzeugen, dass er mir das Mähen mit der Sense beibringt. Dies gestaltete sich als etwas schwierig, weil er ja mitbekommen hat, wie ich als Teenager auf die grosse Heuete jeweils reagierte: mit grossem Getobe.

Nach viel gutem Zureden und dem Versprechen, weder meine Hände noch seine Sense kaputt zu machen, kriege ich Unterricht. Ich darf eine kleine Wiese unter dem gestrengen Auge meines Vaters abmähen und fühle mich mit einem Male nicht mehr wie 35 sondern wie 12.

Nachdem er sich vergewissert hat, dass ich mir beim Dengeln nicht meine Finger zerschneide, darf ich die Sense und den Schleifstein mitnehmen. Dies nicht ohne Hinweis, alles wieder ganz zurück zu bringen. Am Abend!! (War er immer schon so??)

Es ist ein sehr seltsames Gefühl, Paulas Wiesen abzumähen. Zum ersten Mal arbeite ich in ihrem Garten, ohne dass sie dabei steht, mir Hilfe anbietet oder meine Arbeiten kommentiert. Trotz alledem bin ich nicht traurig. Ich bin glücklich, weil ich dem Haus so nahe bin. Die Wiese und ich. Die Büsche. Ich schneide dem morschen Goldregen die brechenden Äste ab.

Mit einem Mal ist mir alles wieder präsent. Ich war ein Kind und bin in den Wiesen herumgehüpft. Barri rannte mit mir herum. Wir pflückten Blumen, spielten im Bach, haben Johannisbeeren geerntet und beim Tränken der Beete geholfen. Meine Schwester und ich sind den Hundehaufen ausgewichen. Wir sind glücklich. Alles ist gut.

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Werde ich bald wieder Johannisbeeren ernten dürfen?

Hadi und ich

Tante Hadi war die Gotte meiner Mutter. Dies schlug sich in deren zweiten Namen nieder. Ich hätte auch gerne Hadi geheissen. Tante Hadi war in meiner Kindheit sowas wie eine Mischung aus Audrey Hepburn, Rita Hayworth und Hildegard Knef. Ich mochte sie immer sehr und hatte grossen Respekt vor ihr.

Hadi war zwei Jahre älter als Paula. Sie war Sekretärin und sie hatte einen sehr ehrbaren Herrn geheiratet. Hadi hatte sich allerdings später von ihm scheiden lassen und das war wohl in der sehr katholischen Familie meiner Grossmutter eine absolute Revolution.

Jahre später hat Hadi mir gesagt, dass sie und ihr Ex-Mann sich trotz der Scheidung noch gerne gehabt hätten. Nach seinem Tod ist sie täglich auf sein Grab gegangen. Auch dies hat mir grossen Eindruck gemacht. Sie war eine sehr liebende Frau.

Ich war als Kind und als Erwachsene mit Paula bei Hadi zu Besuch. Ich erinnere mich an ihre vornehme Wohnung, die so ganz anders als das einfache Haus von Paula war. Hadi freute sich über unseren Besuch. Wir gaben uns Küsschen. Das ist mittlerweile sechseinhalb Jahre her und das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

2007 sass ich am Sterbebett meiner Mutter. Es war ein Dienstagmorgen im Oktober. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass noch über 30 Stunden vergehen würden, bis meine Mutter tot war. Ich hatte mich noch nicht daran gewagt, Paula anzurufen, da ich nicht von meiner Mutter weggehen wollte, um sie abzuholen. Da klingelte das Telephon. Zuerst wagte ich mich nicht, es abzunehmen, weil ich Angst hatte, einfach so meinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Hadi war dran.
„Es ist soweit, oder?“ Ich nickte nur, die Tränen im Hals. Ihre Stimme war gefasst, tief und sanft.
„Du musst jetzt ganz stark sein. Du musst für deine Mutter da sein. Sie hat dir das Leben geschenkt. Jetzt kannst du für sie am Ende da sein. Das ist ein Geschenk.“
Ich wusste das. Aber das Geschenk war ein schweres.
Hadi sagte: „Ich werde fest an euch beide denken und zum Herrgott beten.“
Ich musste gar nicht viel sagen. Ich spürte Hadis Kraft und Liebe. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

Hadi hat bei allen Erzählungen über Familien und die damit verbundenen Dramen Einhalt geboten und gesagt: „Über die Toten soll man nichts schlechtes sagen.“
Sie hat recht. Wie immer. Über Hadi kann niemand etwas schlechtes sagen. Sie fehlt ungemein.

Am Donnerstag ist ihre Beerdigung. Ich werde wohl nicht hingehen. Ich kenne niemanden und ich mag keine Beisetzungen. Ich werde wohl Paula abholen und mit ihr und Sascha Bibi besuchen. Das ist mein Zugeständnis ans Leben.