Der Brief

Als ich vor sechs Jahren meine Mutter im Pflegeheim besuchte, hatte ich einen schweren Gang vor mir. Die nette Dame des Sozialamts drängte drauf, dass ich sofort die Wohnung meiner Mutter kündigte und auflöste, da diese sonst den Steuerzahler zuviel kostete. Das ist ja auch nachvollziehbar.

Allerdings bedeutete diese Wohnung alles für meine Mutter. Ich wusste nicht, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich vom Sozialamt eine Kündigungsvorlage bekommen hatte, die sie unterschreiben musste.

Ich trug den Zettel tagelang mit mir rum. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.
Als meine Mutter eines Tages eher müde und antriebslos war, gab ich ihr den Zettel. Ich hab nicht mal gelogen, als ich sagte, dass sie damit ihre Wohnung kündigte. Meine Mutter meinte nur: „Dann ziehe ich jetzt also in diese tolle, weisse, grosse Wohnung mit Waschmaschine und Lift ein?“ Ich zuckte mit den Schultern, aber das sah sie nicht.

Als sie einige Tage später fitter war, fragte sie mich danach. Sie wollte wissen, ob sie mit dem Unterschreiben des Zettels ihre Wohnung gekündigt hatte und nun für den Rest ihrer Tage (es waren nicht einmal mehr zwei Wochen) hier bleiben müsste. Ich nickte.

Sie begann zu fluchen und toben.
Und dann schmiss sie mich raus.
Sie schrie, dass sie mich nie mehr wiedersehen wollte.

Ich weiss nicht mehr viel, nur dass ich auf dem Flur einfach zusammensackte. Ich weinte. Ich konnte nicht mehr. Ich werde die blasse Farbe des Flurs, die nette Stationsleitung mit den roten Haaren und den Aufdruck auf der Tempo-Taschentücherverpackung nie mehr vergessen. Ich sass im Büro jener Frau und heulte. Ich war verzweifelt.

Kopfmässig wusste ich ja, dass meine Mutter im Begriff war zu sterben. Aber ich konnte es nicht ertragen, dass ich das Werkzeug war, mit dem sie ihre Wohnung kündigte. Noch heute werde ich wütend, weil ich denke, diese teilnahmslose Beamtin hätte das mal besser selber getan.

Die Stationsleitung meinte, nachdem ich mich beruhigt hatte, ich sollte wieder reingehen und der Mutter in die Augen schauen, denn dann würde ich bemerken, dass sie warm und lieb leuchten und sie nicht mehr wütend auf mich ist. Dem war auch so.

Meine Mutter beruhigte sich nach einigen Minuten wieder. Sie sass in ihrem Bett, ächzend, die Hände auf ihrem riesigen Bauch, in dem doch kein Kind heranwuchs, senfgelb. Sie blickte mich aus ihren verweinten, dunklen Augen an. Sie blutete aus der Nase.

Ich sagte nicht viel, sondern holte aus meiner Handtasche einen Tampon hervor und reichte ihn ihr.
Sie blickte mich verwundert an. Dann begann sie lauthals zu lachen. Sie öffnete ihre Arme, damit ich sie umarme. Wir hielten uns ganz fest.

Sie sagte: „Du bist mir ja vielleicht eine Lustige.“
Ich hingegen wusste, dass es das letzte Mal war, dass ich dieses Lachen hören würde.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.

über die trauer, den tod und die ähnlichkeiten

In zwei Wochen ist meine Mutter sechs Jahre tot.
Noch vier Jahre und sie ist schon ein Jahrzehnt nicht mehr da.
Es geht so furchtbar schnell.

Wenn ihr Grab ausgehoben wird, bin ich so alt wie sie, als sie damals starb, was für ein Gefühl. Mir blieben nur noch zwanzig Jahre ab jetzt.

Ich verschliesse mich dem Tod nicht, denn er ist mein ständiger Begleiter.
Manchmal wache ich nachts auf und denke: Paula stirbt. Ich versuche wieder zu schlafen. Mir kommen meine Gedanken von 2007 wieder in den Sinn. Ich wachte schweissgebadet auf, das Gesicht meiner sterbenden, vom Tod entstellten Mutter vor Augen, hilflos, ohnmächtig, unendlich traurig.

Trotzdem funktionierte ich. Ich bin nicht einen Tag krank gewesen. Ich arbeitete wie ein Tier.

Dabei hätte ich keine Angst zu haben brauchen.
Der Tod meiner Mutter war lang, aber nicht schlimm.
Ein Mensch, der tot ist, sieht meist friedlich aus.
Meine Mutter wirkte, im Tod als ob sie an einer besonders grossartigen Zigarette herum geraucht hätte.

Das Loslassen scheint schwierig, auf beiden Seiten. Ich wollte nicht, dass sie geht, denn ich hatte sie eben erst gefunden. Ich hatte wenige Wochen vor ihrem Tod entdeckt, dass der Alkohol nur ein Teil ihrer Persönlichkeit war. Ihr Humor und ihre Liebenswürdigkeit, ihr zauberhafter Charme waren davon unangetastet geblieben.

Ich hatte nur wenige Wochen Zeit, mich mit ihr auseinander zu setzen. Zu lange und zu heftig habe ich sie von mir fern gehalten, weil ich sie nicht ertrug.

Ich war nicht einmal besonders ignorant gewesen. Doch ich konnte ihre weinseligen Abende, ihre Wutausbrüche, ihren Hass auf verschiedene Menschen nicht mehr ertragen. Ich war der Meinung, ich hätte das richtige getan.

Doch am Ende des Lebens steht die Erkenntnis, dass man sich selber nicht entrinnen kann. Die Teile in mir, die von meiner Mutter stammen, kann ich nicht verleugnen.

Ich bin genauso leidenschaftlich und lebenslustig wie sie. Wenn ich wütend bin, bin ich wütend. Wenn ich glücklich bin, bin ich glücklich. In der Trauer hingegen sind meine Mutter und ich unterschiedlich: ich lasse sie zu.

Sonntage

Der Sonntag war immer ein besonderer Tag in der Woche.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, ging ich jeden Sonntagmorgen in die Sonntagsschule.
Dies habe ich nicht auf Druck meiner Eltern getan, denen war das egal, sondern weil ich (auch heute noch) fürs Leben gern Geschichten höre.
In der Sonntagsschule wurden einem diese von Frauen erzählt.
Meine Lieblingslehrerin war eine alte Dame mit Dutt, Alice, deren liebes Gesicht ich noch heute vor mir sehe. Sie erzählte die biblischen Geschichten alle auswendig.

Am Sonntagmittag kochte meine Mutter, wenn mein Vater da war, ein Festmahl, meistens Voressen mit Teigwaren und Gemüse. Wenn aber mein Vater nicht da war, kochte meine Mutter „schlampiges“ Essen. Das war immer wunderbar. Wir sassen dann mit ihr auf dem Teppich vor dem Fernseher, assen im Schneidersitz und lachten. Danach schauten wir fern.

Dazu ist zu sagen, dass meine Mutter ein wandelndes Filmlexikon war zu einer Zeit, da es noch kein Internet gab. Mehr als einmal habe ich Wetten gegen sie verloren. Ihr Namensgedächtnis war einfach grossartig.

Sonntags schauten wir mit ihr alte Filme. Hans Moser, Paul Hörbiger oder Grete Weiser. Das waren unsere Helden. Ich schaute mit ihr Klassiker, B-Movies, Serien. Mit ihr fern zu sehen, war eine Offenbarung. Sie liebte Fernsehen und ich liebte meine Mutter.

Als ich ins Welschland ging, ich war 16, zerbrach die Ehe meiner Eltern vollends.
Mir war, als wäre ich die personifizierte Silikonschicht, die meine Mutter und meinen Vater noch verband.

Danach waren die Sonntage anders. Die Kindheit scheint ein zerbrechliches Gut zu sein.

Als ich schliesslich die Sonntagabende mit meinem damaligen Freund verbrachte, war meine Mutter wieder präsenter. Sie rief jeden Sonntagabend um punkt 19.31 an und wollte mit mir reden.
Dass ich um diese Zeit Terra X schaute, war ihr egal.

Als sie vor bald sechs Jahren starb, brauchte ich sehr lange Zeit, bis ich am Sonntagabend nicht mehr neben dem Telefon sass und auf ihren Anruf wartete. Schliesslich war es 19.31.

gegen den schmerz

ich kämpfe nicht gegen die trauer an, denn sie ist meine stille freundin. ich kämpfe gegen den schmerz, das gefühl des verlustes an. ich vermisse meine mutter über alles.

ihr lachen.
ihre dunklen haare.
ihre spitze nase,
ihre schönen braunen augen.
ihre schmalen lippen.
ich vermisse ihre weichen hände.
ihre umarmung.
ihr verlegenes kichern.
ihre stimme.
ihre sonntäglichen anrufe, während ich terra-x schaue.
ihr nachfragen.
ihre indiskreten fragen.
ihre reaktion auf meine indiskrete antworten.
ihren stolz auf mich.
ihre freude, wenn ich sie besuchen kam.
ihren nippes.
ihr voressen mit müscheli.
ihre kartoffelaufläufe.
ihre fernsehabende.
ihr mitsingen, wenn andy borg sang.
ihre liebe zu den oberkrainern.
ihre trauer um meinen bruder.
ihre wut.
ihr lächeln, wenn ich ihr blumen schenkte.
ihr gesicht, wenn sie negutzg streichelte.
den traurigen september.
ihre liebe zu schönen kleidern und schöner unterwäsche.
ihre verliebtheiten.
ihre bunten häkeldecken.
ihre flüche.
ihr flüstern.
ihren letzten anruf.
ihren letzten blick.
die letzte nacht an ihrer seite.
ihren letzten atemzug.

Wie das so war.

Ich erinnere mich an den Bauch meiner Mutter, als sie meinen Bruder drinne hatte. Ich weiss noch genau, wie ich den Kopf hinhielt und seine Fusstritte spürte. Das war für mich ein wahres Wunder.
Ich freute mich so sehr, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeutete.

Den Tod meines Bruders bekam ich nur dunkel mit. Ich erinnere mich daran, dass von einem Moment auf den anderen Paula da stand und mich umarmte und weinte. Es war Nacht.
Das nächste, was ich wirklich klar vor meinen Augen sehe, ist meine Mutter, die in einem dunkelgrün gekachelten Badezimmer auf dem Klo sitzt und weint.

Meine Mutter erzählte mir danach, dass ich mit einem Bodenputzlumpen zu ihr hin marschiert sei und ihn ihr hingehalten habe mit den Worten: „Hör bitte auf zu regnen, Mami.“

Irgendwann wurde meine Mutter wieder schwanger.
Sie gebar meine kleine Schwester und ich begriff, dass sie ein Schatz war.
Für meine Eltern war sie ein Geschenk des Himmels, vom lieben Gott oder wem auch immer.
Für mich war sie ein seltsames, blondes blauäugiges Wesen.

Ich war vier Jahre älter als meine Schwester. Vier Jahre sind sehr viel.
Für mich war Sven immer präsent, aber sie hat ihn nie erlebt.
Trotzdem musste meine Schwester die Erinnerungen an ihn ertragen.

Meine Mutter hat mehr als einmal zu meiner Schwester gesagt:
„Für mich bist du zwei Kinder!“
Nur meine Schwester allein kann ermessen, was das für ihr Leben bedeutete.

Ich schreibe dies im Gedanken an meine Schwester, die ich sehr vermisse, weil ich sie viel zu selten sehe. Aber: sie lebt. Und das ist das wichtigste von allem.

Liebes Mami

heute, am 2.9. wäre ein 61ster Geburtstag.
Ich vermisse dich sehr.

Ich würde so gerne mit dir über das Leben diskutieren.
Die Männer
Die Liebe.
Ich bin sicher, du könntest mir so viel mitgeben, was ich bisher nicht gehört habe.

Du bist so fern.
Ich sehe dich als schöne Frau
als Mutter.
Du warst immer so wunderschön und lebenshungrig.
Nichts konnte dich einknicken, so dachte ich.

Im September warst jedes Jahr deines Lebens müde.
Du wolltest einfach nicht mehr.
Als du meinen Bruder verloren hast, warst du gerade mal 28 Jahre alt.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich an deiner Seite gesessen wäre, in jener Nacht
als du die schlimme Nachricht bekommen hast und sich niemand um dich gekümmert hat.
Du warst wie von Sinnen, denn du hast nicht verstanden, warum dein Neugeborenes starb.
Ich wäre so gerne an deiner Seite gewesen.

Wie muss es für dich gewesen sein, all die Monate bis zur Geburt meiner Schwester?
Wie sehr hast du gelitten? Dich gefürchtet?
Niemand konnte dir helfen, denn du selbst warst deine schärfste Richterin.

Du warst es bis zu deinem Ende.
Du hast dir nie erlaubt, zerstört und traurig zu sein.
Immer wieder hast du versucht, zu lächeln.

Liebes Mami
dein Geburtstag ist für mich auch mein Geburtstag.
Du bist meine Mutter, die mich geboren hat.
Ich möchte dich umarmen und dir sagen, wie sehr ich dich liebe und vermisse.
Du warst so lieb und so humorvoll. Zärtlich.
Ich gäbe so viel dafür, deine Stimme noch einmal zu hören.

Manchmal seh ich dich in meinen Träumen.
Du bist sehr jung und schön und unbekümmert.
Ich sitze da und schaue dich an.
Ich lächle dir zu und hoffe, nein, weiss:
du bist stolz auf mich, deine Tochter.

Septemberwehen und Sven

Der September ist nicht mein Lieblingsmonat. Er war es nie, obwohl ich seine Farben mag.

Meine Mutter wurde am 2. September an einem Sonntag geboren.
Sie glaubte fest daran, dass sie ein Glückskind war.
Sie war es nicht.

Seit ich zwei Jahre alt bin, durchlebe ich den September mit sehr gemischten Gefühlen. Am 17. September ist nämlich der Geburtstag meines Bruders Sven. Am 20sten September ist sein Todestag.

Als Kind durchlebte ich mit meiner Mutter jeweils ein Tauchbad der Gefühle. Sie mochte Feiern. Sie mochte ihren Geburtstag. Aber am 17ten wurde sie still und traurig. Sie betrank sich. Als sie älter wurde, versuchte sie sich an jenen Tagen auch das Leben zu nehmen.

Ich begann den September trotz seiner starken, schönen Farben zu hassen.

Die Schwere setzte sich auch fort, als ich älter wurde. Als meine Mutter 2007 in einem Pflegeheim auf ihren Tod wartete, hoffte ich inbrünstig, dass sie nicht im September sterben würde.

Das tat sie denn auch nicht. Sie wartete damit bis Oktober.

Ich versuche noch immer zu ergründen, was damals geschehen ist. Meine Mutter wurde durch den unerwarteten Tod meines Bruders in die Tiefe gerissen. Sie hat sich nie mehr davon erholt. Ihre Trauer war schwer und jeder der sie kannte, fühlte, wie schlecht es ihr geht.

Habe ich deshalb keine Kinder, weil ich mich insgeheim davor fürchte, mein geliebtes Kind auch zu verlieren und wahnsinnig zu werden?

Auch wenn meine Mutter jetzt schon sechs Jahre tot ist, versuche ich den September bewusst zu leben, mich an seinen Farben zu erfreuen und meinen Bruder loszulassen. Ich hoffe, es gelingt mir.

Seltsamer August. Teil 1

Der August ist ein seltsamer Monat. Als Kind mochte ich ihn ungemein, denn schliesslich fand ich den ersten August und den Schulanfang toll.

Seit sechs Jahren nehme ich den August anders war. Er hat von seinem kindlichen Glanz eingebüsst.
Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass ich erfuhr, dass meine Mutter todkrank war und nicht mehr lange zu leben hatte. Ich war gerade 30 geworden und hatte keinen Plan, was nun werden würde.

Paula rief mich im Geschäft an. Das war das erste und einzige Mal. Sie sagte nur:
„Deine Mutter ist im Spital. Es geht ihr gar nicht gut.“
Also fuhr ich nach der Arbeit vorbei.
Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht auf das, was mich in ihrem Krankenzimmer erwartete.
In ihrem Bett lag nämlich ein total abgemagertes, senfgelb gefärbtes Etwas. Meine Mutter. Sterbend.

Ich war so geschockt, dass ich nichts sagen konnte. Ich ging wieder aus dem Zimmer, allerdings mit dem Gefühl, jetzt sofort und ohne jemals wieder aufhören zu können mich zu erbrechen. Die Pflegende reagierte mitleidig.
„Sie haben sie wohl schon länger nicht mehr gesehen?“

Nein. Das hatte ich nicht. Mir war jetzt nämlich auch klar, was da seit einigen Monaten zwischen mir und meiner Mutter gelaufen war. Natürlich wollte ich sie immer wieder besuchen, doch sie fand immer einen Grund, warum es genau jetzt nicht gehen würde. Mal hatte sie Besuch, mal wollte sie wen besuchen, mal war sie auf Jobsuche.

Sie wollte nicht, dass ich sie so sehe.
Ich weiss bis heute nicht, was sie sich dabei gedacht hat.
Hat sie wirklich gehofft, dass sie irgendwann tot in ihrer Wohnung herumliegen würde?

Ich wusste natürlich, dass sie einen Ikterus hatte. Ich wusste, was es bedeutete. Aber ich verstand es nicht. Es war, als wäre alles, was ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, einfach weg. Die Ausbildung, die kam mir in dem Moment, als ich meine Mutter sah, in den Sinn.

Während jener Zeit, einige Jahre zuvor, schwor ich mir nämlich, meine Mutter niemals zu pflegen. Der blosse Gedanke daran erschütterte mich. Die Erinnerungen an meine Kindheit waren zu heftig.
Jemanden in den Tod begleiten, bedeutete Stärke und Liebe. All das traute ich mir nicht zu.

Bis zu jenem Moment, als ich sie da liegen sah. Da wusste ich es.
Ich konnte nicht weg.
Ich konnte meine Mutter nicht im Stich lassen.
Also blieb ich.

melancholischer august

der tod gehört zum leben.
das sagt man so gemeinhin.
ich akzeptiere den tod, weil er das leben erst recht lebenswert macht.

als ich noch ein kind war, schien mir die welt nicht immer gewogen.
ich hatte oft angst.
ich hatte angst, meine mutter würde sterben. ich fürchtete oma und opa würde was schlimmes passieren. ich sorgte mich um meine kleine schwester.

dann wird man älter und man verliert seine lieben wirklich.
ich frage mich oft, ob es einfacher gewesen wäre, wenn ich meine mutter später verloren hätte.
würde sie mich bei der pflege von paula unterstützt haben?

ich vermisse meine mutter unsäglich bei gesprächen über männer.
wie oft rief sie mich an und erzählte mir von ihren sorgen und problemen mit den männern, die sie liebte. sie führte buch über sie. über jeden.

als ich ihre wohnung räumen musste, fand ich ihre notizen. ich brachte sie ihr, doch sie wollte sie nicht. sie meinte nur, ich soll ihre sachen nicht wegschmeissen. das habe ich auch nicht getan.
ihre notizbücher halte ich in ehren, auch wenn ich nicht jeden ihrer gedanken nachvollziehen kann.

wenn ich ihre schrift sehe und am papier rieche, kommt sie ein wenig zurück.
ich vermisse sie furchtbar.
gerade jetzt im august.
ich würde so furchtbar gerne mit ihr ein panache trinken gehen.
pommes essen.
ingrid bergman sehen.
mit ihr über männer sprechen.
über die liebe.
über mein leben.

stattdessen pflanze ich blumen auf ihr grab.