Thurgauer Herbst

Dunkles Wetter. Der Thurgauer Nebel ist da. Die Blätter verfärben sich. Ich hasse die ungeraden Jahre. Verabscheue die Dumpfheit des Nebels. Das Nieseln. Das Rasseln der Blätter. Den Geruch der Zuckerrüben.

Über mir krächzen die Krähen. Ihre Schreie scheinen mir nicht fremd. Sieben Jahre ist es her, seit ich im Nebel die Wohnung meiner Mutter geräumt habe. Frauenfeld bei Nacht ist traurig. Unter dem Dach über der Zürcherstrasse scheint die Traurigkeit noch präsenter. Mutters geblümte Bettwäsche. Die Blutflecken. Spuren von Erbrochenem. Leere Weinflaschen verstaut in schwarzen Herrensocken.

Der Kaninchenpelzmantel ist angeschrieben mit meinem Namen. Ich soll ihn kriegen. Ihre weisse Handtasche. Ihre Kochbücher. Die Fotos von mir, als ich kaum eine Woche alt war. Ich sehe darauf aus wie ein Kind.

Ich lege mich auf den Teppich. Er ist voller Zigarettenasche. Die Holzdecke ist schmutzig vom Nikotin. Ich werde sie waschen müssen. Alles riecht nach ihr. Nach frischer Leber. Ich kriege keine Luft mehr.

Sie liegt im Pflegeheim. Ganz gelb. Ihre Haut ist trocken. Sie hat Nasenbluten. Ihre dunklen Augen leuchten, als sie mich sieht.
„Du, hier?“ Sie freut sich. Wir umarmen uns. Ich möchte ihren weinroten Mund küssen, doch sie riecht nach Leber und Tod und mir wird übel. Ich drehe mich weg.

Ich steige in mein Auto. Täglich. Fahre durch den Nebel. In meine Wohnung. Öffne die Fenster.

Time after Time

Ist es wirklich schon 35 jahre her, seit er geboren wurde?
1979. Ich war zwei Jahre alt.
Ich erinnere mich an Fetzen von Gesprächen. Meine Mutter, die in dem dunkelgrün gekachelten Bad auf dem Klo sass. Sie zog sich dahin zurück, um hemmungslos zu weinen.

Ich erinnere mich an mein Kleid. Weiss-Rot. Meine Locken. Sein Grab. Quadratisch. Sehr klein. Seinen Namen.

Was mag in meiner Mutter vorgegangen sein?
Was für ein Gefühl ist es, ein Kind zu gebären und es zu verlieren und niemals wirklich zu erfahren, warum es gestorben ist?

Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Kopf an ihren Bauch gehalten habe. Ich sehe es genau vor mir, so als stünde ich vor uns. Die Stube in Wängi. Die Wohnwand. Die Vorhänge. Sogar an die grasgrünen Gläser erinnere ich mich.

Wenn man ein Geschwisterchen kriegt, dann wird alles anders. Man spürt, nein: weiss, dass man nicht mehr alleine ist. Ich hab ihn nie gesehen. Ich hab nur noch ein Photo und einen Fussabdruck von ihm, der mir verrät, dass er einmal da war.

familie

Mürbe

Den gestrigen Tag habe ich irgendwie hinter mich gebracht. Ich hatte gute Gespräche mit Freundinnen und Freunden über meine Mutter. Ich bin dankbar für liebevolle Gedanken.

Dennoch kann ich nicht verleugnen, dass alles an mir zehrt. Ich arbeite im Moment sehr viel, stecke in den letzten Überarbeitungen meines Kriminalromans „Lavinia Morgan“ und – warte seit Wochen darauf, dass ich endlich das Haus kaufen kann.

Die Warterei hat mich zermürbt. Ich bemerke dies vor allem an meinen Kieferschmerzen. Ich knirsche wieder mit den Zähnen. Der Herbst ist da und der Winter wird ebenso rasch kommen. Meine ganzen Pläne für diesen Herbst sind zur Sau.

Heute war ein wirklich turbulenter Tag. Ich lief bei der Arbeit an ein schwer verletztes Tier auf dem Gelände. Ein Steinmarder. Seine Beine gelähmt, die Augen vor Angst und Schmerzen geweitet. Er faucht. Zeigt mir seine Zähne. Ich schaute das Tier aus einigen Meter Entfernung an um es nicht weiter zu erschrecken und sah mit einem Male mich.
Mir war klar, ich muss handeln.

Ich rief die Polizei an und bat um den Wildhüter. Dieser kam dann auch rasch und erlöste das Tier von seinen schrecklichen Schmerzen. Ich bin mit einem Mal befreit. Ich hab das Richtige getan. Es musste nicht lange leiden.

Ich schaue auf mein Handy. Nachricht von Sascha. Wir haben Post von der Behörde. Grünes Licht. Endlich zur Bank. Endlich. Endlich. Später im Auto weine ich. Vor Glück. Trauer. Erleichterung. Endlich eine Perspektive. Endlich ein absehbares Ende. Keine Herzschmerzen mehr.

Freunde verlieren

In meinem Leben herrschen die männlichen besten Freunde vor. Ich mag Männer. Sie sind witzig, manchmal bärtig, sensibel und oft unsicher, was Frauen angeht. Ich verlor einige von ihnen.

Da war N. Er war mein Kindergartenschatz. Schon mit sechs Jahren wusste ich: das ist einer, den du irgendwann heiraten kannst und mit dem du Kinder hast. Er wird eine Schaukel bauen, die Waschmaschine reparieren und macht dich glücklich.
N. war katholisch. Schon in der ersten Klasse war mir klar: der heiratet dich wohl eher nicht. Dann zogen wir weg.
Einige Jahre später, ich war mit meinem Töffli unterwegs ins Toggenburg zu meiner Oma, machte ich am Friedhof Halt, um meinen Bruder zu besuchen. Ich wandelte immer sehr gerne über die Wiesen und die Gräber. Besonders der katholische Teil hat mir immer sehr gefallen, weil so viele Gräber mit Bildern der Toten geschmückt waren.
1995. Ich erinnere mich noch, wie wenns gestern gewesen wäre, stand ich plötzlich vor N.’s Grab. Mir kam alles wieder in den Sinn. Unsere Streiche. Der Tintenfischbaum. Sein liebes Gesicht. Ich begann zu weinen.

Vor bald drei Jahren starb O. Er war mir in meiner Teenagerzeit ein verlässlicher Freund. Ich weiss nicht mal, warum wir uns aus den Augen verloren. Wir hatten nochmals kurz vor seinem Tod Kontakt. Er schien mir unsagbar alt geworden. Ich erkannte ihn fast nicht mehr. Er hat sich selber getötet. Ich fühlte mich schuldig, weil er mir in meinem verrückten Zeiten soviel Ruhe geschenkt hat. Doch in seiner Not konnte ich nicht helfen. Das zu akzeptieren fiel und fällt mir schwer. Ich vermisse ihn, sein Lachen, seine feine Tenorstimme und sein Gesicht noch heute.

D. und ich stritten. Ich mochte ihn gern, obwohl wir wie Feuer und Wasser, Hund und Katz, Himmel und Erde waren. Seine Stimme hallt noch jetzt in meinem Ohr und manchmal weine ich einfach aus heiterem Himmel, weil ich ihn so vermisse.
Wir unterstützten uns mit Rat bei familiären Angelegenheiten. Dann stritten wir wieder. Er hat mich ermutigt, meine Schreibe zu veröffentlichen.
Doch dann hatten wir Streit.

Wir reden nicht mehr miteinander. Ich leide weniger, seit wir keinen Kontakt mehr haben. Ich vermisse ihn. Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Ihm erzählen, wies Paula geht. Wie wir das Haus wieder auf Vordermann bringen. Stattdessen schreibe ich jede Frage in mein Tagebuch in der Hoffnung, dass ich die Antworten in mir selber finde.

Mein Bruder und ich

Ich frage mich oft, was wäre, wenn mein Bruder Sven noch leben würde. Diesen September würde er 35 Jahre alt werden.

Er war noch ein Baby, als er starb. Sein nicht gelebtes Leben macht mich unsagbar traurig. Was hätte er alles erleben können? Wie hätte er ausgesehen?Hätte er rotes Haar gehabt?

Einen Bruder zu haben, der sein Leben nur kurz gelebt hat, ist eine Bürde. In jedem Mann seines Alters suche ich sein Gesicht. Welchen Beruf er wohl ergriffen hätte? Wäre er Landmaschinen-Mechaniker geworden? Jurist? Förster? Autor?

Mit 19 dachte ich oft daran, wie wir uns gestützt hätten. Er hätte mich getröstet, wenn ich unglücklich verliebt war. Ich hätte ihm Mut zugesprochen, wenn er in der Schule ein Problem gehabt hätte. Wahrscheinlich hätten wir uns auch sehr oft gestritten, denn dafür sind Geschwister schliesslich da.

Bestimmt hätte er mich an die Beerdigung unserer Mutter begleitet. Diesen letzten Weg hätten wir Kinder alle gemeinsam auf uns genommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Doch ich kann dieses „hätte“ und „würde“ nicht mehr sehen. Ich bin nicht traurig, ich bin wütend. Wütend auf dieses Baby, das nie gelebt hat und einfach starb. Auf Babies darf niemand wütend sein. Auf das Schicksal und den lieben Gott schon.

Manchmal denke ich, dass sein Tod so vieles zerstört hat. Ohne ihn ist alles anderes. Trotzdem haben wir uns noch. Wir leben. Warum bloss reisst der Tod eines drei Tage alten Kindes eine so tiefe Schneise in unsere Familie?

Beim Räumen in Paulas Haus fand ich Svens Geburtsanzeige. Sie gleicht der meinen. Die Eltern freuen sich, die Geburt ihres ersten Sohnes bekannt zu geben. Ich weiss nicht mal, ob diese Karte jemals abgeschickt wurde. Denn der Tod trat drei Tage nach der Geburt ein. Schliesslich fand ich seine Todesanzeige. Tod des Kindes. Eltern. Schwester. Grosseltern. Alle erschüttert. Noch heute.

Auch in Paulas Erinnerung ist sein Tod tief eingegraben. Sie nennt ihn den Schutzengel, hofft, dass sie ihn, ihre Eltern und ihre Tochter irgendwann wieder sieht.

Ich bin gespalten. Ich glaube nicht an das Jenseits. Da hab ich keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Mir steht der Sinn nach Klarheit. Ich will wissen, wie und warum er gestorben ist. Das gibt mir Frieden und nichts anderes.

Mein Herz in St. Gallen

Gestern durfte ich in St. Gallen zwei meiner Texte am Fest des Kulturmagazins Saiten vorlesen. Ich war aufgeregt.
Und wurde wehmütig. Zu gerne hätte ich meine Mutter und Omi hier gehabt. Wäre meine Mutter stolz auf mich gewesen?

Wenn ich an St. Gallen denke, kommt mir jene Stadt aus den 80ern vor mein Auge. Ich erinnere mich an jene seltsame Maestrani-Installation im Bahnhof. Wenn Omi und ich an die Olma gingen, blieb ich immer sehr lange stehen. Ich war fasziniert davon. Der Jahrmarkt. Die Riitschuel. Die vielen Gerüche. Halle 7. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.

St. Gallen ist aber auch der Ort, an den meine Schwester notfallmässig eingeliefert wurde, als sie einen Fieberkrampf erlitt. Obwohl dies schon dreissig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an die Angst meiner Mutter, den leblosen Körper meiner Schwester.

In St. Gallen wurde ich vor bald zwanzig Jahren am Kiefer operiert. Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ich litt Schmerzen und ich verlor meinen Geschmackssinn. Der Sommer aber war sehr heiss.

Später begleitete ich Paula zu ihrem Orthopäden nach St. Gallen. Wir marschierten keine weiten Strecken mehr. Jetzt führe ich Omi an der Hand, so wie sie mich als Kind an der Hand genommen hatte.

Vor über zwei Jahren erfuhr ich, dass Anna Aerne, meine Urgrossmutter, 1947 an ihrer Brustkrebserkrankung im Spital in St. Gallen verstorben ist. Als ich vor zwei Wochen ihre Todesanzeige fand, man stelle sich vor, ein Blatt Papier, das über 65 Jahre alt ist, wusste ich auch, dass sie in St. Gallen beerdigt wurde. Sie liegt nicht auf dem selben Friedhof wie alle anderen meiner Familie.

Ich las keinen ernsten Text in St. Gallen vor. Mir stand der Sinn nach Lebensfreude. Traurig sein kann ich auch morgen noch.

Zu früh. Doch Gottes Wille.

Diese Karte fand ich im Haus meiner Oma.
Sie hat mich entsetzt.

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Zu früh. Doch Gottes Wille.
Man könnte, wie mir jemand geraten hat, Gottes Wille durch „Schicksal“ ersetzen. Doch das steht da nicht.

Die Karte wurde versendet mit einem vermeintlichen Trost. Die Karte war an meine Oma adressiert. Den Absender kenne ich leider nicht. Grosse Wut steigt in mir hoch, wenn ich diese Worte lese.
Meine Mutter starb mit 56. Gottes Wille, dass sie in diesem Alter starb? Wohl eher nicht. Sie starb an einer Leberzirrhose, nachdem sie über Jahre hinweg versucht hat, ihren Lebenskummer mit Alkohol zu betäuben.

Ich glaube nicht an Gott.
Der Glaube kam mir abhanden, nachdem ich mitbekommen habe, wie schwer meine Eltern am Tod meines Bruders getragen haben. Gottes Wille? Dass ein Säugling stirbt? Wer bitte ist schuld daran?

Meine Mutter gab sich über Jahrzehnte lang die Schuld am Tod meines Bruders. Man hat es ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie als Mutter die Verantwortung für sein (Über-)Leben trug und versagt hat. Sie ist daran zerbrochen. Über Jahrzehnte hinweg hat sie versucht, sich an seinem Todestag das Leben zu nehmen. Sie hat geweint. Da war kein Gott und erst recht kein Mensch an ihrer Seite, der sie hätte trösten können.

Die Gottes-Keule ist ein super Mittel, trauernden Menschen so richtig eins reinzuhauen. Jemandem so, der gerade einen Menschen auf grauenvollste Art und Weise verloren hat, mit Gottes Willen zu kommen und dass alles bestimmt einen Sinn hat, ist unverschämt und pervers.

Nachtrag: Hass macht krank. Ich versuche, nur wütend zu sein. Der Song hier hilft. Danke, lieber Freund!

Der Brief

Meine Recherchen im Haus sind nicht immer fröhlicher Natur.
Als ich gestern die Stube räumte, fiel mir ein Block mit einem Briefentwurf in die Hand. Meine Oma muss ihn 1980, drei Jahre nach meiner Geburt und nur einige Monate nach dem Tod meines Bruders, verfasst haben. Ich gebe ihn hier sinngemäss wieder.

Meine liebe Tochter

wir danken Dir so sehr, dass du vor drei Jahren unsere Enkelin, unseren Sonnenschein, geboren hast. Du glaubst nicht, wie dankbar wir dafür sind und welchen Lebensmut Du in uns wieder entfacht hast.

Manchmal fürchte ich, du denkst, wir haben dich seit ihrer Geburt weniger lieb. Aber dem ist nicht so. Du bist unsere einzige, über alles geliebte Tochter. Du bist alles für uns. Wir lieben dich so sehr.
Dein Vater und ich wünschen Dir alles denkbar Gute für dich.

Die letzten Monate waren so schwer für Dich.
Lass uns all das Böse vergessen.
Du musst leben. Du hast eine Tochter, einen lieben Mann und Eltern, die Dich lieben. Ich hoffe und bete so sehr, dass du wieder Mutter wirst und all Deine Sorgen vergessen kannst.

Es lieben dich sehr

Deine Eltern

Ich stand da und mir fielen die Tränen ins Gesicht. Ich weiss nicht mal, ob Oma diesen Brief je abgeschickt hat. Ich hoffe es so sehr. Über das Böse musste ich nachdenken. Ich weiss, dass meine Mutter geschlagen wurde. Kam all dies wieder herauf, als meine Mutter meinen Bruder verlor? Was ist sonst noch passiert, was niemand mehr weiss? Fragen über Fragen und keine Antworten.

Über Beziehungen, die Ehe und das Gernhaben

Ich frage mich oft, was meine Grosseltern Paula und Walter über ihre Ehe dachten. Waren sie wirklich glücklich?

Meine Grosseltern haben nach der Geburt meiner Mutter praktisch nichts miteinander unternommen. Sie hatten keine gemeinsamen Hobbies. Mein Opa war ein Eigenbrötler, während meine Oma ein eher geselliger Mensch war damals.

Wenn ich das so mit meiner eigenen Beziehung vergleiche, überkommt mich Traurigkeit. Ich verbringe einen Grossteil meiner freien Zeit mit meinem Freund. Wir arbeiten daheim zusammen. Wenn wir mal getrennt sind, überkommt uns ein seltsames Gefühl von Verlorenheit.

Meine Oma ging, als sie in den frühen 40ern war und ich noch nicht geboren war, gerne mit ihren Arbeitskolleginnen auf Reisen. Sie flog nach Rom, reiste mit dem Zug nach Lourdes. Von meinem Opa ist nichts dergleichen bekannt. Seine einzigen Freunde waren jene Männer, mit denen er im Krieg war, später andere Musiker.

Als ich geboren wurde, war ich offensichtlich der Lebensmittelpunkt meiner Grosseltern. Oma und Opa hatten einfach immer Zeit, wenn wir was brauchten. Unsere Telefonate dauerten, zum Leidwesen meiner Eltern, jeweils sehr lange.

1996 litt mein Grossvater unter Müdigkeit und Entkräftung. Es wird ihn wohl sehr an die Zeit um 1944 erinnert haben. In seinem Dienstbüchlein steht, dass er ein eher schwächlicher, unterernährter Mann, aber dennoch diensttauglich war.

Was wie eine Grippe anfing, mauserte sich zu einer Diagnose, die todbringender nicht sein könnte: Leberkrebs. Opa wusste wohl ganz genau, was ihn erwarten würde. Aber, wie immer, wenn es ihm nicht gut ging, redete er wenig bis gar nicht mehr. (Irgendwie kommt mir das sehr bekannt vor…)

Erst als Opa immer schwächer wurde, fanden Oma und Opa wieder zusammen. Sie haben in jenen schlaflosen Nächten viele Gespräche geführt. Und, viel wichtiger: sie haben einander wieder umarmt und geküsst.

Diese Sache rührt mich auch nach über 17 Jahren noch immer. Wie muss das gewesen sein: fast 50 Jahre mit einem Mann verheiratet sein, mit dem man einfach ein gemeinsames Kind hat, dessen Namen man trägt, aber mit dem man sonst nichts gemeinsam hatte.

Umso wichtiger erscheint es mir heute, wann immer meine Oma Paula danach verlangt, sie zu umarmen. Ich traue mich nicht immer, denn Oma wirkt zerbrechlich. Aber wenn sie einen dann mit ihren lieben grünbraungrauen Augen anschaut und verschmitzt lächelt, muss ich sie einfach knuddeln und ihr zeigen, wie gerne ich sie habe und wie wichtig sie mir ist.

Auch mein Freund Sascha hat in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Ihn will sie immer umarmen. Sie will auch immer ein Küsschen von ihm. Natürlich fragt sie mich immer zuerst:
„Sag mal, würde der Schascha der Oma Paula bitte noch ein Küssli geben?“

Natürlich macht Sascha das. Dann drückte Paula ihn fest an sich und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

 

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März oder Mai 1951. Meine Oma ist bereits schwanger.

Zerfliessende Tage

Während ich mich hier mit dem Alltag herumschlage, manchmal fluche, wenn ich zuviel oder zulange arbeite, lebt meine Oma im Pflegeheim. Ihre Tage gehen langsamer vorbei. Das liegt aber nicht daran, dass sie kein Programm hätte.

Nein.
Seit sie nicht mehr in ihrem Haus lebt, kann sie sich ihren eigenen Bedürfnissen widmen. Sie kann im Pflegeheim jederzeit mit jemandem reden, was ihr vorher nicht möglich war.

„Geniess dein Leben, du hast nur eines“, sagte sie früher oft zu mir, „aber vergiss dein Omi nicht.“

Wie könnte ich das je?

Gerade jetzt, wo es ihr gesundheitlich nicht super geht, bin ich oft in Gedanken bei ihr. Ich wünschte, ich könnte endlich in ihrem Haus leben. Dann hätte ich mehr Zeit für sie. Doch stattdessen sitze ich hier, arbeite, putze die Wohnung, mache die Wäsche und träume von meinem noch brachen Garten.

Während ich herumhetze, wartet sie auf das Ende. So ist es nämlich. Sie weiss es. Ich weiss es auch. Daran ist nichts Schlimmes. Ich hoffe nur, ich habe noch genügend Zeit.