über die trauer, den tod und die ähnlichkeiten

In zwei Wochen ist meine Mutter sechs Jahre tot.
Noch vier Jahre und sie ist schon ein Jahrzehnt nicht mehr da.
Es geht so furchtbar schnell.

Wenn ihr Grab ausgehoben wird, bin ich so alt wie sie, als sie damals starb, was für ein Gefühl. Mir blieben nur noch zwanzig Jahre ab jetzt.

Ich verschliesse mich dem Tod nicht, denn er ist mein ständiger Begleiter.
Manchmal wache ich nachts auf und denke: Paula stirbt. Ich versuche wieder zu schlafen. Mir kommen meine Gedanken von 2007 wieder in den Sinn. Ich wachte schweissgebadet auf, das Gesicht meiner sterbenden, vom Tod entstellten Mutter vor Augen, hilflos, ohnmächtig, unendlich traurig.

Trotzdem funktionierte ich. Ich bin nicht einen Tag krank gewesen. Ich arbeitete wie ein Tier.

Dabei hätte ich keine Angst zu haben brauchen.
Der Tod meiner Mutter war lang, aber nicht schlimm.
Ein Mensch, der tot ist, sieht meist friedlich aus.
Meine Mutter wirkte, im Tod als ob sie an einer besonders grossartigen Zigarette herum geraucht hätte.

Das Loslassen scheint schwierig, auf beiden Seiten. Ich wollte nicht, dass sie geht, denn ich hatte sie eben erst gefunden. Ich hatte wenige Wochen vor ihrem Tod entdeckt, dass der Alkohol nur ein Teil ihrer Persönlichkeit war. Ihr Humor und ihre Liebenswürdigkeit, ihr zauberhafter Charme waren davon unangetastet geblieben.

Ich hatte nur wenige Wochen Zeit, mich mit ihr auseinander zu setzen. Zu lange und zu heftig habe ich sie von mir fern gehalten, weil ich sie nicht ertrug.

Ich war nicht einmal besonders ignorant gewesen. Doch ich konnte ihre weinseligen Abende, ihre Wutausbrüche, ihren Hass auf verschiedene Menschen nicht mehr ertragen. Ich war der Meinung, ich hätte das richtige getan.

Doch am Ende des Lebens steht die Erkenntnis, dass man sich selber nicht entrinnen kann. Die Teile in mir, die von meiner Mutter stammen, kann ich nicht verleugnen.

Ich bin genauso leidenschaftlich und lebenslustig wie sie. Wenn ich wütend bin, bin ich wütend. Wenn ich glücklich bin, bin ich glücklich. In der Trauer hingegen sind meine Mutter und ich unterschiedlich: ich lasse sie zu.

Wie es ist.

Heute war zum ersten Mal seit vielen Jahren ein guter Tag für mich.
Den 20.9. verbrachte ich bisher jeweils gedämpft und traurig.
Ich trug meistens schwarz und redete wenig.
Ich trauerte um meinen Bruder.

Das war heute anders.
Ich entschloss mich, den Herbst einzulassen und zu meinen grauen Kleidern rostrote Strümpfe zu tragen. Ich will nicht länger traurig sein.

Ich verbrachte heute den ganzen Tag am Frauenseminar in Romanshorn und habe mich im Rahmen meiner Ausbildung zur Biographie-Schreibpädagogin mit der Heilkraft der Laute, umgeben von lieben Kolleginnen, beschäftigt. Nur wenig dachte ich an meinen Bruder. Es war mir, als würde das Herbstlicht mich ermuntern, Sonne in mein Herz lassen. Ich wünschte mir mit einem Mal, er könnte auch in meinem Leben langsam verblassen.

Ich habe es heute so stark gespürt, dass er weg ist und ich offenbar noch die einzige bin, die sich seiner erinnert. Er ist nicht mein Kind, sondern das meiner Mutter. Trotzdem bin ich traurig, dass er nicht mehr lebt.

Diese Trauer, dieses Erinnern ist mir geblieben. Wie oft habe ich mit Paula über ihn geredet?
Auch sie weiss nicht mehr, dass es ihn mal gegeben hat. Ihre Erinnerung an das Leben vor über 30 Jahren ist verschwunden.

Ich wollte nie Kinder haben. Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass ich Angst hatte, ein Kind zu gebären und so zu verlieren, wie es meiner Mutter passiert ist. Andererseits denke ich heute, dass es vielleicht, in jüngeren Jahren, das Risiko wert gewesen wäre.

Die Natur, Gott, was auch immer, hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich werde nie Kinder kriegen.

Allerdings ist da noch das Schreiben, was mich beflügelt und glücklich macht.
Etwas zu schreiben ist wie Gebären: Man ist inspiriert, verliebt, leidet, wartet und ist glücklich und erleichtert, wenn es endlich da ist. Das Wort. Der Satz. Die Geschichte.

So wie diese hier.

gegen den schmerz

ich kämpfe nicht gegen die trauer an, denn sie ist meine stille freundin. ich kämpfe gegen den schmerz, das gefühl des verlustes an. ich vermisse meine mutter über alles.

ihr lachen.
ihre dunklen haare.
ihre spitze nase,
ihre schönen braunen augen.
ihre schmalen lippen.
ich vermisse ihre weichen hände.
ihre umarmung.
ihr verlegenes kichern.
ihre stimme.
ihre sonntäglichen anrufe, während ich terra-x schaue.
ihr nachfragen.
ihre indiskreten fragen.
ihre reaktion auf meine indiskrete antworten.
ihren stolz auf mich.
ihre freude, wenn ich sie besuchen kam.
ihren nippes.
ihr voressen mit müscheli.
ihre kartoffelaufläufe.
ihre fernsehabende.
ihr mitsingen, wenn andy borg sang.
ihre liebe zu den oberkrainern.
ihre trauer um meinen bruder.
ihre wut.
ihr lächeln, wenn ich ihr blumen schenkte.
ihr gesicht, wenn sie negutzg streichelte.
den traurigen september.
ihre liebe zu schönen kleidern und schöner unterwäsche.
ihre verliebtheiten.
ihre bunten häkeldecken.
ihre flüche.
ihr flüstern.
ihren letzten anruf.
ihren letzten blick.
die letzte nacht an ihrer seite.
ihren letzten atemzug.

Septemberwehen und Sven

Der September ist nicht mein Lieblingsmonat. Er war es nie, obwohl ich seine Farben mag.

Meine Mutter wurde am 2. September an einem Sonntag geboren.
Sie glaubte fest daran, dass sie ein Glückskind war.
Sie war es nicht.

Seit ich zwei Jahre alt bin, durchlebe ich den September mit sehr gemischten Gefühlen. Am 17. September ist nämlich der Geburtstag meines Bruders Sven. Am 20sten September ist sein Todestag.

Als Kind durchlebte ich mit meiner Mutter jeweils ein Tauchbad der Gefühle. Sie mochte Feiern. Sie mochte ihren Geburtstag. Aber am 17ten wurde sie still und traurig. Sie betrank sich. Als sie älter wurde, versuchte sie sich an jenen Tagen auch das Leben zu nehmen.

Ich begann den September trotz seiner starken, schönen Farben zu hassen.

Die Schwere setzte sich auch fort, als ich älter wurde. Als meine Mutter 2007 in einem Pflegeheim auf ihren Tod wartete, hoffte ich inbrünstig, dass sie nicht im September sterben würde.

Das tat sie denn auch nicht. Sie wartete damit bis Oktober.

Ich versuche noch immer zu ergründen, was damals geschehen ist. Meine Mutter wurde durch den unerwarteten Tod meines Bruders in die Tiefe gerissen. Sie hat sich nie mehr davon erholt. Ihre Trauer war schwer und jeder der sie kannte, fühlte, wie schlecht es ihr geht.

Habe ich deshalb keine Kinder, weil ich mich insgeheim davor fürchte, mein geliebtes Kind auch zu verlieren und wahnsinnig zu werden?

Auch wenn meine Mutter jetzt schon sechs Jahre tot ist, versuche ich den September bewusst zu leben, mich an seinen Farben zu erfreuen und meinen Bruder loszulassen. Ich hoffe, es gelingt mir.

Die grosse Gräber-Tournee

Dieser Winter war lang.
Was ich sonst um Ostern besorge, nämlich Uschis Grab neu zu bepflanzen, hab ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich hab nämlich Prioritäten gesetzt: Paula besuchen, diese Wiese um Paulas Haus mähen, Freunde treffen und Energie auftanken. Die Tage schmolzen schneller als der Schnee dieses Jahres dahin. Heute endlich habe ich sie heute geschafft: die grosse Gräber-Tournee.

Wir fahren in das Dorf, wo ich einst aufgewachsen bin. Dort auf dem Friedhof, begraben und bedeckt von einem Nadelgehölz, liegt mein kleiner Bruder. Ich muss, seltsamerweise, immer an die gleiche Begebenheit denken, wenn ich das schmiedeiserne Tor zum Friedhof öffne. Ich sehe meine Eltern, gramgebeugt, meine Oma und mich selber. Wir stehen an Svens Grab. Es ist so furchtbar klein. Ich denke, das kann ja gar nicht sein. Mit zwei Jahren erinnert man sich nicht an so was.

Ich stehe mit Sascha vor Svens Grab. Ich wünschte mir, Sven wäre so gross wie der Baum, den mein Vater gepflanzt hat. Ich berühre seine feinen Äste und bin froh, dass es wenigstens ihn noch gibt. Ich habe manchmal Angst, dass Svens Grab einfach weg ist, wenn ich komme, so als hätte es diesen kleinen Menschen, den meine Mutter geboren hat, nie gegeben.

Ich stehe vor dem Grab. Ich bin bald 36. Als meine Eltern ihn verloren, waren sie wesentlich jünger als ich. Der Betonengel, den ich hier vor vier Jahren abgelegt habe, ist brüchig geworden. Svens Grabstein wirkt mit einem Mal so zerbrechlich.

Dann fahren wir, mit einem Kofferraum voller Pflanzen weiter ins Toggenburg, wo meine Mutter und mein Opa, früher auch Anna, meine Urgrosseltern und bestimmt auch Nelly, begraben liegen.

Ich packe die Pflanzen aus und bemerke, wie die Friedhofsleitung wieder einige Grabreihen aufgelöst hat. Opas Grab wird als nächstes dran sein. Er ist jetzt über 15 Jahre tot. Ich schliesse die Augen, bemerke, dass ich durchaus nicht die letzte bin, die für die Gräberbepflanzung besorgt ist. Einige ältere Herrschaften, mit und ohne Pudel, gramgebeugt oder aufrecht, machen sich auf, die Grabstätten ihrer Lieben zu verschönern. Bei kurzem Hinblicken wird mir klar, dass sie alle die Gräber ihrer Eltern, seltener die ihrer Geschwister und praktisch nie die ihrer Kinder bepflanzen. Ich fühle mich stumm geborgen in dieser Gesellschaft der Menschen, die Mutter und/oder Vater verloren haben.

Das Grab meiner Mutter sieht nicht so furchtbar aus, wie ich es erwartet habe. Die Tulpenzwiebeln, die ich vor einigen Jahren in einem Anfall von Übermut und Experimentierfreude gesetzt habe, sind auch diesen Frühling offensichtlich gespriesst. Ich entnehme alles, was verblüht ist, setze neue Erde auf und pflanze Tagetes und zwei Tabakpflanzen.

Sie hat immer so gerne geraucht. Vielleicht, so denke ich, macht ihr etwas das Freude. Ich platziere einige Figuren. Nippes hat sie immer so sehr geliebt.

Ich denke dran, dass sie nie ein Grab gewollt hat und wohl nie, dass ich es pflegen muss. Ich tue es trotzdem gerne. Es lenkt mich ab und lässt mich innehalten. Ich höre den Vögeln zu und dem Schluchzen all jener, denen es gleich ging wie mir, den Trauernden. Ich weiss, dass auch ich bald wieder trauern werde. Es macht mir nichts aus, es zu wissen. Es ist das Leben. Jetzt ist Sommer. Ich werde ihn geniessen und lieben mit all meinen Sinnen.

 

 

sven grab

Telefonieren mit Paula

Paula liebt das Telefonieren.
Sie redet gern und lange.
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was wir nicht schon übers Telefon miteinander besprochen hätten.

Ich erzählte ihr von meinen Früsten, meinen Liebesfreuden, der Katze, Streit in der Familie, feinem Essen, tollen Erfahrungen mit Tieren und immer wieder von den Erlebnissen in der Kindheit.

Sie schwärmte von ihren Jugendfreunden, meinem Grossvater, ihren Brüdern, unserem Sennenhund, von Röteli und Simeli, schimpfte über ihre Schwestern, den Schwager aus Italien, den Krieg, die Armut und den Hunger.

Gemeinsam redeten wir früher über die Sommerferien, jenen Tag, als ich Barris Wassergeschirr ausleerte und meine Schwester und ich dachten, das Haus explodiert. Wir retteten unsere liebsten Dinge (ich meinen Schreibfüller, meine Schwester ihre Puppen und den Hund) und warteten im Garten. Paula und Walter fanden das derart schräg, dass sie beide noch jahrelang später deswegen Lachkrämpfe bekamen, wenn sie diese Geschichte erzählten.

Paula weiss sie heute nicht mehr.
Es scheint, als wäre ich die Verwalterin unserer familiären Anekdoten geworden.
Manchmal erzähle ich sie ihr, im Wissen, dass sie sie bald nicht mehr hören mag, weil sie darüber traurig wird.

Hadi und ich

Tante Hadi war die Gotte meiner Mutter. Dies schlug sich in deren zweiten Namen nieder. Ich hätte auch gerne Hadi geheissen. Tante Hadi war in meiner Kindheit sowas wie eine Mischung aus Audrey Hepburn, Rita Hayworth und Hildegard Knef. Ich mochte sie immer sehr und hatte grossen Respekt vor ihr.

Hadi war zwei Jahre älter als Paula. Sie war Sekretärin und sie hatte einen sehr ehrbaren Herrn geheiratet. Hadi hatte sich allerdings später von ihm scheiden lassen und das war wohl in der sehr katholischen Familie meiner Grossmutter eine absolute Revolution.

Jahre später hat Hadi mir gesagt, dass sie und ihr Ex-Mann sich trotz der Scheidung noch gerne gehabt hätten. Nach seinem Tod ist sie täglich auf sein Grab gegangen. Auch dies hat mir grossen Eindruck gemacht. Sie war eine sehr liebende Frau.

Ich war als Kind und als Erwachsene mit Paula bei Hadi zu Besuch. Ich erinnere mich an ihre vornehme Wohnung, die so ganz anders als das einfache Haus von Paula war. Hadi freute sich über unseren Besuch. Wir gaben uns Küsschen. Das ist mittlerweile sechseinhalb Jahre her und das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

2007 sass ich am Sterbebett meiner Mutter. Es war ein Dienstagmorgen im Oktober. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass noch über 30 Stunden vergehen würden, bis meine Mutter tot war. Ich hatte mich noch nicht daran gewagt, Paula anzurufen, da ich nicht von meiner Mutter weggehen wollte, um sie abzuholen. Da klingelte das Telephon. Zuerst wagte ich mich nicht, es abzunehmen, weil ich Angst hatte, einfach so meinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Hadi war dran.
„Es ist soweit, oder?“ Ich nickte nur, die Tränen im Hals. Ihre Stimme war gefasst, tief und sanft.
„Du musst jetzt ganz stark sein. Du musst für deine Mutter da sein. Sie hat dir das Leben geschenkt. Jetzt kannst du für sie am Ende da sein. Das ist ein Geschenk.“
Ich wusste das. Aber das Geschenk war ein schweres.
Hadi sagte: „Ich werde fest an euch beide denken und zum Herrgott beten.“
Ich musste gar nicht viel sagen. Ich spürte Hadis Kraft und Liebe. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

Hadi hat bei allen Erzählungen über Familien und die damit verbundenen Dramen Einhalt geboten und gesagt: „Über die Toten soll man nichts schlechtes sagen.“
Sie hat recht. Wie immer. Über Hadi kann niemand etwas schlechtes sagen. Sie fehlt ungemein.

Am Donnerstag ist ihre Beerdigung. Ich werde wohl nicht hingehen. Ich kenne niemanden und ich mag keine Beisetzungen. Ich werde wohl Paula abholen und mit ihr und Sascha Bibi besuchen. Das ist mein Zugeständnis ans Leben.

was ist die grenze des trauerns?

darf ich um menschen trauern, die noch leben und die mir am herzen liegen?

darf ich traurig sein, weil nichts mehr so ist wie vorher?

darf ich um die vergangenheit trauern, im wissen, dass wenn ich mal älter bin, meine lieben nicht mehr um mich sind?

darf ich schwarz tragen, wenn alles um mich herum bunt ist?

darf ich blau tragen, wenn schwarz erwünscht ist?

darf ich weinen, wenn alle anderen um mich herum lachen?

darf ich lachen, wenn die menschen um mich herum traurig sind?

darf ich lieben, wenn um mich herum die liebe eingefroren scheint?

 

wie soll ich trauern, wenn nichts mehr so ist wie zuvor?

 

wie soll ich in ruhe leben, wenn ich jetzt schon weiss, dass ich später einmal alleine sterben werde?

 

welche farbe darf ich tragen, wenn ich die codes nicht verstehe?

 

wie soll ich mich fühlen, wenn jedes gefühl schon tausendmal gelebt wurde und ich meine noch immer erforsche?

 

wie soll ich lieben, wenn ich weiss, dass am ende gar nichts mehr ist?

 

 

lächeln.

ich arbeite dieses jahr über weihnachten durch. zum ersten mal seit langem habe ich keinen der feiertage frei. die kolleginnen mit kindern haben sich frei gewünscht. ich habe keine, da fällt die wahl leicht.

ich war recht erledigt, als ich heute mittag mit sascha ins auto stieg und ins toggenburg fuhr. eigentlich wollte ich mich vor einem besuch drücken, einfach mal ausruhen. ich dachte mir, dass paula ja gar nicht so genau weiss, ob weihnachten ist oder nicht.

die fahrt ins toggenburg zieht sich in die länge. wir fahren hinter sonntagsfahrern her. zwischendurch machen wir einen halt. ich besuche das grab meines kleinen bruders sven und sage ihm, wie sehr er mir an weihnachten fehlt. ich denke, die schulter meines bruders zum anlehnen wäre jetzt gerade praktisch. doch an seiner statt bleibt nur der baum, den mein vater vor 33 jahren angepflanzt hat.

wir fahren weiter, ins altersheim. als wir in den eingang kommen, steht ein kleiner tisch mit dem bild eines alten mannes drauf. paulas flurnachbar ist tot. ich schlucke schwer. wir gehen in den zweiten stock und finden paula in ihrem bett vor.
sie trägt keine brille, ihr nase ist ganz spitz und sie sieht sehr alt aus.

ich spüre es. sie bittet mich platz zu nehmen. hält mich mit ihrer hand fest. tätschelt meine schenkel. redet mit mir. sie sagt, es gehe ihr gar nicht gut. unkraut vergehe nicht. blutentnahme. keine entzündung. immer wieder: unkraut vergeht nicht.

verschiedene bilder tauchen vor meinem auge auf. ich sehe meine mutter vor mir, wie sie hechelt und kaum mehr atmen kann. ich denke: bitte nicht. nicht jetzt.

ich sitze an ihrem bett und möchte weinen. aber das geht natürlich nicht.
ich schlucke die tränen, den dicken kloss, runter. lächle.

was man alles verliert

als angehöriger eines demenzkranken menschen verliert man vieles.
man muss den einst geliebten menschen loslassen, mit dem man wunderbare gespräche führte und der immer für einen da war.
man verliert den menschen, der einen ein leben lang beschützt hat.
irgendwie verliert man einen teil seiner eigenen geschichte. der mensch, der sie mit dir hätte erzählen können, erinnert sich nicht mehr daran.

so mit acht begriff ich, wie wichtig meine grosseltern für mich waren. omi und opi waren die absolut lebensnotwendigsten menschen für mich. omi war kioskverkäuferin und kannte jede süssigkeit und jede kinderzeitschrift. trotz allem sprach sie meine sprache und akzeptierte mich wie ich war. von ihr kam niemals: „sei anders!“ mir scheint heute, als hätte sie schon früh mein wesen begriffen. meine gespräche mit ihr waren immer sehr viel ehrlicher als mit allen anderen menschen in meinem umfeld. mit ihr konnte ich über mein leben, meine freundschaften, meine sehnsüchte und meine wünsche sprechen. omi verstand mich immer.

vielleicht ist es das, was mich jetzt fast verzweifeln lässt. ich verliere diesen wunderbaren menschen, meine omi. alles, was wir einst gemeinsam hatten, zerstreut sich. die worte verschwimmen langsam. es bleiben umarmungen, berührungen und tränen.

paula ist wütend, weil ihr gedächtnis immer schlechter wird. sie hasst sich, weil sie ihre schlüssel, ihr portemonnaie und ihre notizzettel nicht mehr findet.
ich bin verzweifelt und wütend, weil ich es fast nicht ertrage, paulas zerfall mitanzusehen, ohne etwas verrichten zu können. ich stehe da und bin hilflos. so habe ich mir das nicht vorgestellt.