Pensionsalter

In einigen Tagen, am 2. September, würde meine Mutter 64 Jahre alt. Jetzt käme sie ins Pensionsalter. Ich weiss nicht genau, warum mich das seit Tagen so sehr beschäftigt.

Wir haben, als ich noch ein Kind war, oft darüber gesprochen, dass sie als Grossmutter meine Kinder sehr verwöhnen würde. Das hat sie nämlich Omi Paula immer vorgeworfen: „Du verwöhnst das Kind zu sehr.“ Ich hielt diesen Ausdruck lange Zeit für etwas Negatives. Omi verwöhnte mich nicht. Sie hatte mich einfach gern und zeigte mir das auch. Ich konnte mir nie vorstellen, dass meine Mutter mal ein Omi werden würde. Dafür schien sie mir einfach immer zu jung.

Meine Mutter hat einige Tage vor ihrem Tod 2007 dann den Wunsch geäussert, Grossmutter zu werden. Es hat alles in mir aufgewühlt. Ich fragte mich, was für eine Frau ich nun werden würde. Ich wusste, ich würde nie Mutter werden. Ich musste mich entscheiden, was ich wirklich wollte. Und so entschied ich mich. Fürs Schreiben. Für mich.

Vor acht Jahren starb meine Mutter. Ich wusste, wenn ihr Grab wieder ausgehoben wird, bin ich so alt wie sie, als sie starb. Was für eine Perspektive!

Wir haben manchmal darüber geredet, wie sehr sie sich aufs Nichtstun freut. Aber ich denke, sie meinte das nicht ernst. Sie hat gerne gewerkt. Sie hat gerne gestrickt und gehäkelt. Sie sass eigentlich nur still herum, wenn sie getrunken hatte.

Sie fehlt mir.
So sehr.

mami und ich

 

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kadett und mami

 

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Nationalfeiertagsgefühle

Vor einem Jahr war ich am 1. August sehr verzweifelt. Ich wartete darauf, Paula das Haus abzukaufen und wusste zugleich, wenn sie jetzt stirbt, verliere ich alles. Mir war immerzu unwohl und ich tat mich schwer, zu feiern, obwohl ich den 1. August immer sehr feierlich begangen habe.

Ein Jahr später wundere ich mich nicht, dass ich kurze Zeit später krank geworden bin. Das andauernde Warten, all die Ereignisse der letzten Monate, raubten mir die Kraft. Heute ist das zum Glück anders. Ich kann wieder atmen. Meine Haut bräunt sich langsam. Ich sehe zum ersten Mal die Bäume und Pflanzen um unser Haus wachsen.

Der 1. August war für mich, als ich noch ein Kind war, ein Fest der Farben und der Feierlichkeit. Ich durfte fernsehen, Omi kochte Rösti und Spiegelei und Opa stampfte ums Haus um zu schauen, dass auch ja nichts Brennbares an unser Holzhaus fliegt. Für Opa war dieser Tag jeweils Stress pur und die Spannung entlud sich jeweils spätabends, wenn er fluchend die Nachbarskinder erschreckte. Für meine Schwester und mich aber war alles zauberhaft. Wir zündeten Kerzen an, sangen, streichelten den Hund und trösteten ihn, wenn es vom Geböller laut wurde.

Opa und der Hund leben nicht mehr und ob Omi den 1. August feiern mag, weiss ich nicht. Dieser Tag hat ihr nie gross was bedeutet. Für Opa jedoch war er wichtig. Das hing mit seinen Erfahrungen im Krieg und später im WK zusammen. Er sprach oft darüber, wie sich die Welt rasch verändert hat. Ich denke, für ihn kam alles zu schnell. Er litt unter dem Niedergang der Toggenburger Textilindustrie. Er wurde arbeitslos und fand bis zur Pensionierung keinen Job mehr. Er zog sich in seinen Keller zurück, schreinerte und bastelte an verschiedensten Dingen herum. Im August 1996 wurde er krank und starb anfangs 1997 in seinem Haus an Leberkrebs.

Am 1. August denke an ihn und meinen Thurgauer Grossvater, die alle beide einen Teil ihrer besten Jahre im Dienst verbrachten. Ich denke an ihre Frauen und Familien. Ich bin froh, dass sie es überlebt haben, denn sonst würde ich heute nicht leben. So feiere ich am Nationalfeiertag nicht die Schweiz, sondern ihre Menschen, die dieses Land zu dem machen, was es ist: eine Insel in stürmischer See, ein Ort der Hoffnung und der Menschlichkeit, der Bildung und der Reflektion. Darauf, und dass ich ein Teil davon sein darf, meine Lieben, bin ich stolz.

Fensterladengedanken

Nach fünf Tagen Arbeit haben wir es fast geschafft: die Fensterläden und das alte Gartentor sind frisch gestrichen. Der Unterschied ist gewaltig. Das Haus wirkt mit einem Male frischer. Das Grün der Läden leuchtet.

Irgendwann werden wir die Fassade neu machen müssen. Ich möchte den vanillefarbenen Farbton der Wände und die weinroten Fensterrahmen unbedingt erhalten. Die Farbkombination ist ungewöhnlich und wunderschön.

Es wäre schön zu wissen, wie Omi darüber denkt und ob ihr alles gefällt. Aber ganz im Ernst, ich denke nicht, dass sie noch einmal ins Haus kommen kann. Sie ist nicht mehr gut auf den Beinen. Sie sitzt nicht im Rollstuhl, sondern will selber mit dem Rollator gehen. Doch leider kommen wir mit dem Auto nicht bis zum Haus und die Schritte würden sie zu sehr erschöpfen.

Ganz tief drinnen weiss ich, dass das gar nicht nötig ist. Omi ist mit sich selber im Reinen. Das Haus ist nur eine Hülle. Viel reicher ist ihr Inneres. Sie lebt und denkt und spricht, auch wenn es für mich nicht mehr immer Sinn gibt. Aber ist es an mir, das alles zu interpretieren?

Ich sitze in meinem Atelier und schreibe. Ich bin dankbar, dass ich in diese Räume wieder Leben bringen darf. Ich denke, dass ganz viel von dem, was die Menschen in diesem Haus dachten und taten, noch immer hier ist. Ihr Fleiss, ihr Glaube an sich und das Gute, der Mut, nicht zu verzweifeln und zusammenzuhalten, das alles sind Werte, die mich ansprechen und die mir Kraft geben, wenn es mal nicht so rund läuft.

Es ist Sommer und ich lebe fast dreissig Jahre nach meiner Kindheit hier. Es ist pures Glück und ich weiss es zu schätzen.

Nachtrag: Esther hat mir einen wunderschönen Spruch zukommen lassen, der mein Herz heute sehr erwärmt hat:

Diss Hus ist min, und doch nicht min. Wer vorher da, s`was ouch nit sin. Wer nach mir komt, muoss ouch hinus: Sag lieber Fründ, wem ist diss Hus?

Streng dich an! Lass dich fallen!

Nun ist es also soweit. Meine Sommerferien fangen an.
Es ist ein seltsames Gefühl, drei Wochen nur für mich zu haben.
Ich habe viel vor, aber nichts geplant. Für jemanden wie mich ist das ein Drahtseilakt.

Wir haben aufgeräumt. Natürlich müssen wir weiterhin Kisten auspacken. Der Kühlschrank ist zu klein. Es gibt Wände zu streichen. Im Kalten Zimmer warten Flohmarktgegenstände auf neue Besitzer. Unser renovierter Kellerraum und der Holzflur brauchen ebenfalls einen neuen Anstrich. Im Sommer geht das besser als im Winter.Ich werde noch einen Tiefkühler kaufen.

Ich denke zurück. Letztes Jahr haben wir angefangen, gross zu räumen. Omi wohnt seit bald drei Jahren nicht mehr hier. Sie lebt jetzt im Pflegeheim, zwei Dörfer weiter. Gestern abend las ich in einem Quiz, dass Menschen 2,6 Jahre im Heim „überleben“. Omi ist jetzt 87. Ich bin seit einigen Tagen 38. Es ist noch immer so, dass sie ihr eigenes Leben lebt und ich seltsamerweise jetzt mein eigenes.

Es ist Sommer und ich muss dran denken, dass ich vor dreissig Jahren zum ersten Mal meine Ferien hier verbracht habe. Wir haben als Kinder hier gespielt. Opa lebte noch. Der Zwinger stand noch, zwar verrostet, aber immer noch sehr eindrücklich. Die Bäume waren alle kleiner. Der Garten existierte. Das Gartentor war damals schon vermodert.

Ich wurde älter. Nach meinen Hüft-Operationen 1986 und 1987 hat mich Omi jeweils wieder aufgepäppelt. Ich erinnere mich noch gut. Nicht alle fanden das passend. Das Wort „Strenge“ kenne ich gut. Omi hat mich gepflegt, als wäre ich ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest herausgefallen ist. Ein Kind, das mehrere schwere Eingriffe hinter sich hat, grosse Schmerzen verspürt, kann man nicht zum Laufen prügeln. Ich habe mich damals angestrengt und wieder laufen gelernt. Ein saudummer Lehrer hat damals zu mir gesagt: „Streng dich an. Du musst ein Vorbild sein für andere Kinder!“

Ich ärgere mich. Kein Mensch kann ergründen, was ich als Kind im Spital erlebt habe. Kein Mensch kann Schmerzen eines anderen Menschen nachempfinden. Ich konnte kein Vorbild sein, erst recht nicht für Menschen, die nicht empathisch genug sind, mit einem Kind umzugehen.

Omi hat sich nicht dafür interessiert, was andere Menschen von ihrer Art Pädagogik hielten. Dafür bin ich ihr bis heute unendlich dankbar. Der Glauben an sich selbst ist das wichtigste. In einem Punkt sind wir uns sehr gleich: wir hatten eine schwere Sache überlebt. Und: Omi lebt noch immer.

Der Bach rauscht, als wären keine 30 Jahre vergangen. Auf der Terrasse hängen Sonnensegel aus Leintüchern. Zarte Stoffe. Hier werde ich ausruhen. Das habe ich schon vor 30 Jahren hier getan.

Der Werkzeugschrank

Seit Februar lebe ich jetzt im Haus. Seit anfangs März habe ich mein Atelier bezogen. Langsam stellt sich eine Ordnung ein. Fast alles ist eingeräumt.

Mein pièce de résistance war Opas Werkzeugschrank. Er steht in meinem Atelier und ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr geöffnet. Warum? Das weiss ich nicht genau. Seine Werkzeuge waren ihm immer heilig. Wie Oma auch hatte auch er ein Faible fürs Aufbewahren von Dingen. Ich schaffte es einfach nicht, den Schrank zu leeren. Es war mir, als würde ich ein Stück von ihm von mir loslösen.

Heute packte ich die Aufgabe aber an und es fiel mir schwer. Sascha holte zuerst die Spinnweben herunter und dann nahm er Stück für Stück für Stück aus dem Schrank. Was rostig war, kam in die Tüte. Der ganze Schrank war stark verstaubt. Das Regal, auf dem Opa sein Werkzeug aufbewahrt hat, war früher Teil der Wohnwand meiner Eltern. Opa war ein Meister des Recycling. Er hat aus allem was gebastelt.

 

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Dann, nach einer Stunde ist der Kasten leer und ich machte mich ans Putzen und neu bestücken.

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Was übrig bleibt, kommt auf den Tisch.
Wieder erhalte ich ein neues Bild meines Grossvaters. Ich entdecke ihn als Erfinder, als Mann, der sich für Elektrik interessiert und: das Schneidern.

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Ich stosse auf Rollen von Milimeterpapier. Auf dem ersten Bogen ist gar nichts. Dann der Grundriss eines der Zimmer des Hauses. Er wollte es verändern. Schliesslich finde ich ein Schnittmuster für ein Jackett mit drei Knopflöchern. Für einen Moment bleibt meine Welt stehen. Ich wusste ja, dass er schneidern konnte. Doch ein Werk aus seinen Händen einfach so zu sehen, berührt mich.

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Vom Krieg, Hunger und Dankbarkeit

Omi Paula hat als kleines Mädchen gehungert. Sie ist am 6. Mai 1928 geboren und erlebte den Zweiten Weltkrieg nahe an der deutschen Grenze. Diese Erfahrung hat sie ihr ganzes Leben lang geprägt.

In meiner Familie gibt es keine Diskussionen übers Abnehmen oder Hungerkuren.
Es ist nicht so, dass wild drauf los gefressen wird.
Viel eher hallt der Hunger aus früheren Zeiten nach. Es ist ein Privileg, Fleisch zu essen, frisches Gemüse und Früchte zur Verfügung zu haben und sich nicht nur von Kartoffelbrei ernähren zu müssen.

Paula hat, als ich älter wurde, oft gesagt: „Du gleichst meiner Mamme.“
Ihre Mutter, Berta, war wie alle Frauen in meiner Familie gross gewachsen. Sie besass ein rundes Gesicht und wirkte rundlich. Ich schlage da nicht aus der Reihe.
Es ist ein gutes Gefühl, auf alten Fotos Gesichter zu entdecken, die einem gleichen.

Ich bin heute meinen Urgrosseltern sehr dankbar, dass sie geschafft haben, dass meine Omi Paula ihre schwere Hirnhautentzündung überlebt hat. Denn wäre Omi damals daran gestorben, gäbe es meine Mutter und meine Geschwister nicht.

Omi feiert heute ihren 87sten Geburtstag. Sie lebe hoch!

Mutters Schulhefte

Als ich noch ein kleines Mädchen war, durfte ich oft bei Omi und Opa in den Ferien sein. Das Haus war mein Paradies. Gemeinsam mit meiner Schwester durfte ich rumtollen, Theater spielen, lesen, schwimmen gehen und – das Haus durchforsten.

Damals erschien mir das Haus wie eine riesige Überraschungstüte. In jedem Schrank fand ich Überbleibsel meiner Urgrosseltern und Erinnerungsstücke an meine Mutter.

Eines Tages zeigte mir Omi die Schulhefte meiner Mutter.
Mir schienen sie wie ein unbekannter Schatz.
Meine Mutter besass eine aussergewöhnliche, volle, breite Schrift. Sie konnte wunderschön zeichnen und ihre Aufsätze faszinierten mich. Sie beschrieb in einfachen Worten ihren Alltag als Teenager im Toggenburg in den 60er Jahren.

Manchmal denke ich heute, wenn ich von jemandem Talent vererbt gekriegt habe, dann von meiner Mutter. Vielleicht trifft es mich auch darum so, dass sie nicht mehr lebt. Sie hätte noch soviel schreiben können.

Die letzten Sätze meiner Mutter stammen aus der Psychiatrie Littenheid. Dort hat sie drei Tage verbracht und mit krakeliger Schrift in ihrem „Psychi-Tagebuch“ beschrieben, wie sinnlos hier das Warten auf den Tod ist. Ich hab ihr Heft behalten, auch wenn ich es nicht lesen kann ohne zu weinen.

Als wir ins Haus zogen, hoffte ich, ich würde Mutters Schulhefte wieder finden. Jede Schublade, jeden Schrank habe ich durchgesehen. Doch ihre beigen Hefte bleiben verschwunden. Einmal noch habe ich Omi danach gefragt. Doch da sie nicht einmal mehr weiss, dass es meine Mutter gab, erinnert sie sich auch nicht an die Hefte.

Ich hege noch immer die Hoffnung, dass ich eines Tages drauf stosse. Es gibt noch ein Estrichabteil, der mit meinem Kinderwagen und Babykleidern gefüllt ist. Vielleicht finden sich Mutter Schulhefte dort. Ich wäre sehr glücklich.

Kindsein

Ich denke, je älter ich werde, desto mehr über meine Mutter nach. Ich schätze mich glücklich, denn ich trage keine Verantwortung über Kinder, so wie sie es getan hat. Sie hat immer gearbeitet, bis fast zum Schluss. Sie war kreativ und lustig.

Meine Mutter war von Teenagerzeiten an ein schönes Mädchen. Ich war es nicht. Sie war schlank, gut gebaut und hatte langes, dunkelbraunes Haar und leicht gebräunte Haut. Sie erinnerte mich immer ein wenig an Ali MacGraw. Ich hingegen hatte sehr kurzes, farblich schwer definierbares Haar. Ich hatte keine schmale Nase, so wie sie, sondern eine Hammerhainase. Meine Lippen sind die meines Vaters. Sie sind breit.

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mehr von meinem Vater als von meiner Mutter. Ich habe seinen ernsten Blick und ihre Hände.

Sie fehlt mir.
Als ich gestern abend eine Sendung über Alkoholiker im Jura sah, wurde mir bewusst, wie sehr. Früher hätte ich über diese Menschen gelästert, weil ich das alles so verabscheute. Ich hielt sie für willenlose, schlechte Menschen.

Das Sterben meiner Mutter war für etwas gut. Ich urteile nicht mehr. Ich hinterfrage mehr. Ich schaue den Menschen in die Augen und frage nach ihrer Geschichte.

Nachher ist man immer schlauer. Man hätte mehr fragen müssen. Zuhören. Ich vermutete hinter jedem Satz eine Lüge. Hinter der zärtlichen Hand einen harten Schlag.

Omi sagte nach Mutters Tod: Wir wollen nichts Schlechtes über sie sagen.
Das haben wir nie. Für meine Omi ist meine Mutter immer ihr Kind gewesen, nie eine erwachsene Frau. Und am Ende wurde sie wieder ihr Kind.

Manchmal denke ich, es ist gut, dass ich keine Kinder habe, denn am Ende bist du ohnehin allein.

Erste Tulpen und Scherben aus Ton

Es ist Ende April und seit gestern Sonntag blüht die erste Tulpe. Ich weiss nicht, wie alt die Tulpen auf unserer Wiese sind. Ich habe sie nicht gesetzt.

Auf Bildern aus den 60ern leuchtet die ganze Wiese voller roter und gelber Tulpen. Später haben meine Urgrosseltern einen Garten auf der Wiese bestellt. Omi hat nach deren Tod jahrelang Bohnen und Erdbeeren gepflanzt. Ich wundere mich heute noch, dass im Toggenburg Erdbeeren gewachsen sind.

Heute wachsen auf der Wiese, die früher ein Garten und vorher eine Wiese war, wieder Tulpen. Wie sie dahin gekommen sind, weiss ich nicht.

Wir versuchen, ein erstes Gartenbeet anzulegen. Ich möchte einen kleinen Kräutergarten schaffen. Im Keller finde ich grosse Ziegel. Ich fange an, an der alten Mauer, eine tiefe Kerbe zu graben. Hämmere die Ziegel rein. Grabe die Erde um. Schaufle Steine raus. Nach einer Stunde kann ich die neue Erde in das Beet leeren und die Kräuter einpflanzen.

Mir fällt auf, dass unser ganzes Grundstück von Ziegelstücken übersät ist. Ich finde sie in allen Farben: rot, dunkelrot, braun, weiss, orange, beige. Ich bin neugierig. Zu gerne möchte ich wissen, wie die Gegend früher aussah.

Im Keller finde ich Gartenutensilien. Omi hat sie hier vor vielen Jahren fein säuberlich versorgt. Tontöpfe in allen Grössen. Gartenwerkzeug. Rechen. Schaufeln.

Soweit ich mich zurück erinnere, hatte Omi immer einen Garten. Jetzt hab ich endlich auch einen.

übers Erinnern und Vergessen

Es gab eine Situation, da war ich noch ein kleines Mädchen. Ich war wütend, weil mir eine Lehrerin verboten hatte, über meinen toten Bruder zu sprechen. Ich konnte das nicht verstehen und war sehr enttäuscht, zumal ich diese Lehrerin besonders gerne mochte.

Zu meinen Eltern konnte ich mit dieser Sorge nicht gehen, denn ich wusste, dass sie traurig waren. Ich wollte nicht, dass meine Mutter deswegen anfängt zu weinen. Mein Vater sprach nicht gerne über meinen Bruder, also konnte ich auch mit ihm nicht sprechen.

Also rief ich Paula an.
Paula nahm meine Sorgen diesbezüglich immer sehr ernst und sie konnte wunderbar trösten.
Sie sagte: „Die Erinnerung an deinen Bruder kann dir niemand nehmen.“

Sie zeigte auf ihre Brust und sagte: „Weisst du, er lebt in deinem Herzen drin weiter, solange du lebst.“
Das leuchtete mir ein. Ich verstand auch, warum die Lehrerin so seltsam reagiert hatte. Sie hatte wohl keinen Bruder, der in ihrem Herzen lebte.

Morgen halte ich ein Referat übers Vergessen und Erinnern. Ich freue mich und bin dankbar für Omi, die mich so vieles darüber in den letzten Jahren gelehrt hat.