Ein Samstag mit Henri

Eigentlich wollte ich heute frühlingshafte Photos und den dazugehörigen Text veröffentlichen. Gestern beschloss ich dann aber, dass ich an meinem Photoprojekt weiter arbeiten will.

Henri, mein Urgrossvater, beschäftigt mich immer wieder mal. Seit ich seine Karten an die Ururgrosseltern und an Anna gefunden habe, sehe ich ihn ganz anders. Er arbeitete in der damals florierenden Textilbranche im Toggenburg. Das ganze Haus zeugt davon. Es gibt keinen einzigen Schrank, wo nicht Wollresten, antike Fadenspulen oder gar Maschinen herumstehen. Drei Strickmaschinen befinden sich alleine im Dachgeschoss. Ich hoffe, ich werde es schaffen, mich mit der Materie vertraut zu machen…

Henri ist 1889 geboren. Das Haus ist 60 Jahre älter. Henri diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Vielleicht liegt es an seinen schriftlichen Zeugnissen, dass ich einen allzu lockeren Umgang mit der Zeit um 1914 nicht toll finde.

Die Zeit hat sich in Henris Gesicht eingeprägt. Über seine Kindheit weiss ich nichts. Er heiratete spät meine Urgrossmutter Anna. Sie waren beide nicht mehr die jüngsten, als sie ihr erstes Kind zeugten, meine Grosstante Nelly. Dieses Kind verstarb früh. Dann wurde mein Grossvater Walter geboren. 1947 verstarb Anna an Krebs. Wie muss das für Henri gewesen sein, als er seine geliebte Frau verlor?

Ich wurde 1977 geboren, da war Henri bereits 88 Jahre alt. Ich erinnere mich jedoch noch gut an ihn. Seine knarrende Stimme, heiser und blechern. Seine Hände. Sein riesiger Bauch. Der immergleiche Wollpullover. Seine würdevolle Ausstrahlung. Sein Zungenschlag. Toggenburger. Ein harter Grind.

Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Wie er den Krieg wirklich erlebt hat. Woran er an seinem Leben Freude gehabt hat. Worunter er litt. Ich würde ihn gerne noch einmal umarmen.

 

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Henri, wahrscheinlich in den späten 60er Jahren vor dem Haus.

 

 
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Henri vor seinem Waschbärengehege. Im Hintergrund ist klar zu erkennen, wie die Landschaft hier vor 50 Jahren ausgesehen hat.

 

 
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Henri und sein Hund vor dem Waschbärengehege, wahrscheinlich Ende der 60er Jahre

 

Heiraten und so.

An der Hochzeit meiner Eltern wäre ich gerne dabei gewesen. Ich kenne diese Feier natürlich nur von den Fotos aus dem Album meiner Oma. Ich vermute, das war ein richtig gutes Fest.

Ich sehe meine Mutter als junge, schöne Braut. Irgendwie hab ich in jüngeren Jahren gehofft, sie würde mir ihr Kleid einmal vermachen. Ich hoffte, mein Mann würde einmal genau so gut und so verliebt aussehen wie mein Vater.

Es ist nicht dazu gekommen. Mit anfangs zwanzig träumte ich, ich würde heiraten. Ich stand da in einem weissen Kleid. Ich hatte sogar einen Bräutigam, dessen Gesicht ich aber nicht erkennen konnte.

Ich stand da ganz vorne in jener Kirche in meinem Dorf, als sich meine Verwandten anfingen zu streiten. Plötzlich waren sie fort. Auch der Pfarrer war mit einem Mal verschwunden. Der Bräutigam schien in Luft aufgelöst.

Ich stand da vorne in einem weissen Kleid. Ganz alleine. Ich zog es aus und lief davon. In der Nähe befand sich damals ein Teich. Ich sprang hinein und verwandelte mich in einen Fisch.

Ich wäre sehr gerne dabei gewesen an der Hochzeitsfeier meiner Eltern. Damals waren sie noch glücklich. Sie ahnten nicht, was auf sie zukommen würde, drei Jahre vor meiner Geburt.

Sie wussten nicht, dass sie mich und meine Schwester aufziehen und meinen Bruder verlieren würden. Wie viel hält die Liebe aus?

Nicht wenig, würde ich sagen. Aber Todesfälle zerstören jegliche Liebe. Ich kenne nur wenige Menschen, die den Tod eines Kindes unbeschadet und in Liebe überleben. Meine Eltern gehörten nicht dazu. Ich trage es ihnen nicht nach.

 

 

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meine Mutter und meine Oma 1974

 

 

Der beste Freund meiner Familie

Es gibt nicht viele Dinge, die mich wirklich verletzen. Mittlerweile habe ich vieles gelernt einzustecken und zu deuten. Aber es gibt da einen Punkt, da verstehe ich keinen Spass.

Ich war noch keine zwei Jahre alt, als mein Bruder starb. Er war nur drei Tage alt und die Umstände seines Todes im Spital Frauenfeld sind rätselhaft. Meine Mutter, und auch mein Vater, waren danach andere Menschen.

Meine Mutter entstammt einer Toggenburger Textilarbeiterfamilie. Ich wage zu behaupten, dass „Alkoholismus“ eine der Überlebensstrategien war. Wie anders hätte man den harten Alltag in der Fabrik durchstehen können? Ich nehme an, dass dadurch während Generationen eine Art Stress wegzustecken, weiter vererbt wurde. So war es bei meinem Uropa Henri, meinem Opa Walter und wohl auch bei meiner Mutter.

Der Alk, und ich behaupte mal, dass viele gutmeinende, sozial denkende Menschen keine Ahnung von dem Thema haben, zerstört vieles. In erster Linie wurde der Körper meiner Mutter zerstört. Eine Leberzirrhose kommt nicht von ungefähr. Doch sehr viel heftiger ist die Zerstörung des sozialen Umfelds und notabene des Selbstwertgefühls der Angehörigen.

Ich kannte nichts anderes. Ich fand es nicht aussergewöhnlich, dass meine Mutter um sechs Uhr morgens kotzte, nein. Ich half ihr beim Aufwischen, damit mein Vater es nicht bemerkte. Später ging ich zur Schule. Es war nicht aussergewöhnlich oder gar befremdlich, dass meine Mutter die Nachmittage schlafend auf der Couch verbrachte. Ich wusste nicht, dass andere Mütter morgens nicht nach Merlot aus dem Mund riechen.

Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Kinder nicht einfach so verprügeln. Mir war nicht bekannt, dass Schläge auf den Rücken, den Kopf oder in die Beine nicht ok sind. Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Tochter nicht einfach so mit dem Kleiderbügel prügeln, bis der Bügel bricht. Den Kopf gegen den Heizkörper schlagen. Mir fiel nie auf, dass andere Kinder keine blauen Flecke am ganzen Körper hatten.

Natürlich hatten wir selten andere Kinder zu Besuch, denn ich nehme mal an, dass ausser mir so ziemlich jeder bemerkt hat, dass meine Mutter trinkt. Meine Kindheit und meine Jugend war einsam. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich vor allem und jedem schützen. Wenn der Körper verletzt ist, ist auch die Seele beteiligt. Die Narben wachsen zu, doch die Wunden an der Seele eitern lange.

Später, ich war im Welschlandjahr, sah ich etwas klarer. Meine Madame schlug niemanden, schrie nicht herum. Auch als mir einmal eine teure Schüssel zu Boden fiel, fand sie das nicht so schlimm. Schlimmer fand sie die Tatsache, dass ich mich zu Boden geschmissen und die Hände über den Kopf gelegt, mich zusammengerollt hatte, um mich zu schützen.

Sie meinte: „Ma fille, so geht das aber nicht.“

Sie hat mich dann, ich war gerade mal 16, in eine Therapie geschickt. Madame D., meine Therapeutin sprach nur französisch und so lernte ich, die Tiefen meiner Verletzungen in einer Fremdsprache auszudrücken.

Mir wurde in der Zeit bewusst, dass in meiner Kindheit und Jugend ziemlich was scheisse gelaufen war. Noch konnte ich es nicht einordnen. Als ich wieder zuhause war, das Jahr war herum, waren meine Eltern getrennt, meine Mutter ausgezogen und es kehrte Normalität in mein Leben ein.

Meine Schwester allerdings war wütend auf mich. Sie fand es furchtbar, dass ich mit jemandem ausserhalb der Familie über „das Problem“ geredet hatte.
„Du stellst uns alle schlecht hin“, sagte sie. Ich musste mich entscheiden, ob ich lieber schweigen oder darüber reden will. Ich wusste, wenn ich schweige, dann kommt das nicht gut. Dann werde ich krank oder wahnsinnig oder sterbe.

Darum rede ich darüber. Ich verschweige den Alk in meiner Familie nicht. Ich gebe der Flasche nicht die Macht über mein Seelenleben.

Aber manchmal bin ich empfindlich. Bei Witzen über Alkis kann ich nicht lachen. Zu schmerzlich wird mir das Drama dahinter bewusst. Zu offensichtlich ist die Bigotterie der Lachenden und Spottenden.

Hühner, Hunde und andere Tiere.

In Sachen Tiere bin ich empfindlich.
Ich liebe Tiere. Am allerliebsten würde ich gerne Hühner halten. Tauben. Krähen aufziehen. Raubvögel füttern!

Ich wuchs mit jeder Menge Tiere auf. Wir hatten Katzen. Mauzi, Tigi, Negi und wie sie alle hiessen. Sie waren nicht einfach Tiere, sondern Familienmitglieder. Tigi bewachte mich, während ich in meinem Kinderbettchen lag. Mauzi hat mehr als einmal meine Tränen weg geschleckt. Negi kuschelte gerne.

 

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Mit den Kaninchen meines Vaters wusste ich nicht soviel anzufangen, nur soviel: ich ahnte früh, dass es äusserst schreckhafte, sensible Tierchen sind. Eine Narbe an meiner Hand zeugt davon. Keine Kuscheltiere. Aber mein Vater machte mir auch nie Illusionen über ihren Zweck, wenn ihr Leben vorbei war. Wir assen oft das Fleisch unserer Kaninchen. Das störte mich nicht, damals. Ich wusste, wenn mein Vater sie schlachtet, müssen sie nicht lange leiden.

Mein Vater züchtete auch Enten. An unserem früheren Wohnort habe ich mich sehr mit einigen angefreundet. Ich mochte das sanfte Klatschgeräusch ihrer Füsse. Eines Tages brach eine Schafherde aus und zertrampelte alles. Unsere Enten starben. Meine Mutter hat eine kleine Ente von Hand aufgezogen. Ich wäre am liebsten immer dagesessen und hätte ihnen zugehört: meine Mutter, die zärtlich spricht und das Entenküken, das antwortet.

Die Hühner meines Vaters habe ich sehr geliebt. Da war beispielsweise Berta, das Seidenhuhn. Ihr Mann, Berto. Schwarz. Majestätisch! Ein wahrer Gentleman. Dann waren da die Wyandotten. Ich glaube, wir hatten zwei. Die Antwerpener Bartzwerge. Was für ein Wort! Was für wundervolle, liebe Tiere! Als ich noch ein Kind war, hatten wir wachtelfarbige. Ich mochte den Gockel, der vornehm um seine Hühner herum lief. Später kauften mein Vater und seine Frau schwarze. Auch diese Hühner zeichneten sich durch eine unglaubliche Neugier und eine Gutmütigkeit aus.

Schliesslich kaufte mein Vater moderne englische Kämpfer. Diese Hühner, die einst für Hahnenkämpfe gezüchtet worden waren, wuchsen mir sehr ans Herz. Da ich sie täglich füttern durfte, wurden sie rasch zutraulich. Wenn ich mit dem Futtergeschirr in Richtung Hühnerhof kam, sie liefen damals frei herum, kamen sie geflogen.

Vielleicht liest es sich auf den ersten Blick wie eine Szene aus Hitchcocks „Die Vögel“. Sie landeten auf meinen Armen, meinem Nacken, immer gierig aufs Futter. Die feinen, aber spitzigen Schnäbel knabberten alsdann an meiner Haut, niemals bösartig, eher aufmunternd.

Die Idylle meiner Kindheit zerflog, als ein schwarzer Rottweiler zum wiederholten Mal durchs Dorf strich. Sein Herr, ein Nachbar, hatte es offenbar nicht für nötig befunden, seinen Hund an die Leine zu nehmen, beziehungsweise ihm Erziehung zukommen zu lassen. Als er unsere Hühner sah, drehte der Hund durch. Ich erinnere mich an Schreie meiner Mutter, damit wir Kinder uns in Sicherheit begeben. Für die Hühner kam der Warnschrei zu spät. Meine Mutter und mein Vater wollten nicht, dass wir rauskommen. Ich habs trotzdem getan. Der Hund hatte eine Spur der Verwüstung durch unsere Hühnerschar hinterlassen. Er hat die Hühner zerrissen und zerfetzt.
Berto, der tapfere Hahn, verlor einen Teil seiner Krallen, als er mutig versucht hatte, das Untier zu verscheuchen und Berta und die anderen Hühner zu beschützen.

Mein Vater hat den Besitzer des Hundes nie zur Rechenschaft gezogen. Das bedauere ich wirklich sehr.

 

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ca 1983.

 

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ca. 1983

 

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2011

Geschichten erzählen

Was ich wirklich schlimm finde an Paulas Demenz ist ihr Erinnerungsvermögen, das langsam verloren geht. Als ich noch ein Kind und später ein Teenager war, konnte ich ihr stundenlang zuhören, wenn sie von meiner Kindheit und meinen Streiche erzählte. Es hat was unglaublich liebevolles, wenn man über sich Geschichten hört. Ich wusste früh, dass meine Oma mich über alles liebt. Ich liebte sie auch.

Meine Schwester und ich verbrachten alle Ferien bei ihr und Walter. Wir spielten von morgens bis abends, tollten ums Haus herum, gingen ins Schwimmbad und bauten uns aus Tüchern Hütten. Wir liebten es, mit Barri, dem Hund zu spielen. Er war ein wirklich guter Freund. Er war ein Erbstück von Henri und Rosa.

Als ich in die Lehre ging, stellte meine Oma mit Bedauern fest, dass meine Besuche bei ihr seltener wurden. Ich hatte viel weniger Ferien und wenig Zeit. Das Hüttenbauen und halbnackte Herumhüpfen ums Haus hatte ein Ende gefunden. Dann starb Barri. Er war ja auch schon ein alter Hund. Sein Tod war traurig.

Als nächstes starb mein Opa.

Wir erinnerten uns oft an seine Spässe während wir in der Küche sassen. Wie er uns Kinder liebevoll geärgert hat. Oma sprach sehr nachdenklich über ihn. Oft erzählte sie mir, wie sie über ihn nachgedacht hatte und wie sehr sie sich gewünscht hätte, friedlich mit ihm zusammen zu leben.

In jener Zeit sagte sie mir schon sehr oft den falschen Namen. Urseli. Der Name meiner Mutter. Sie entschuldigte sich immer sofort, wenn sie das getan hatte. Am Anfang ärgerte es mich, denn ich wollte nicht, dass ich sie an meine Mutter erinnere.

Dann starb meine Mutter.

Paula und ich trauerten gemeinsam, telephonierten stundenlang und redeten über unsere Gefühle. In jener Phase erzählte mir Paula sehr viel aus Uschis Kindheit. Es schien mit einem Mal alles präsent. Ich profitierte und lernte so meine verstorbene Mutter ganz anders kennen, was den Verlust noch schlimmer machte.

Einige Monate nach dem Tod meiner Mutter trennte ich mich von meinem damaligen Freund. Kurze Zeit später begann eine nächste Phase von Paulas Demenz. Sie brauchte Hilfe bei Medi einnehmen. Sie konnte nicht mehr alleine einkaufen gehen. Mich kannte sie noch. Ich war mit einem Male wieder ich selber.

In der Zeit vor dem Eintritt ins Pflegeheim wurde Paulas Kindheit unglaublich präsent. Sie wusste nicht mehr, dass sie ein Kind geboren hatte und verheiratet war. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie Mann und Tochter verloren hatte. Stattdessen lebte sie gefühlsmässig im Krieg. Sie hatte Angst. Sie verstand nicht mehr, was um sie herum passierte. Nachrichten hörte sie wenig. Der Radio war oft an. Dass gerade in der Zeit die Musikwelle abgestellt und der Sender nur noch via DAB empfangbar war, machte die Betreuung meiner Oma nicht einfacher. Einem über 80jährigen Menschen zu erklären, wie man ein Gerät mit Digitalanzeige und zu vielen Knöpfen bedient, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich heute bei Paula vorbei gehe, bin ich wohl einfach ein nettes Gesicht, das sie an irgendwen erinnert. Meine Geschichte weiss sie nicht mehr. Sie kann noch immer sprechen, an guten Tagen reden wir fast wie früher. Doch es ist anders. Die kindliche Unbekümmertheit ist verflogen. Bald weiss nur noch ich, was war.

Traumraum

Die Küche war in Paulas Haus immer der Mittelpunkt allen Geschehens. Zwar war es nicht der schönste Raum, aber der wärmste von allen in diesem Haus ohne moderne Heizung. Ich erinnere mich an die Weihnachtsfeste, wenn ich mit meinen Eltern, meiner Schwester, Walter und Paula am Tisch sass. Wir assen Raclette und Kartoffeln oder aber Omis wunderbares Voressen, das ich so sehr vermisse.
Wir Kinder tranken Rimuss, Opa seinen Rosé, die Eltern Rotwein und Oma ein Spezli.

Da es im Winter so schrecklich kalt im Haus war, spielten wir Kinder immer in der Küche oder aber, wenn es geheizt war, in der Stube. Wir durften Platten hören, Postkarten sortieren, die Puppenstube vom Estrich holen. Manchmal schauten wir zu, wie Opa den Ofen anfeuerte. Das tat er stets im Blaumann mit Pfeife im Mund. In der Pfeife kokelte ein ausgelutschtes Stumpenstück.

Einmal, daran erinnere ich mich noch sehr gut, weil danach ein schlimmer Streit zwischen Paula und Walter entstand, fiel Opa aus Versehen der Fuchsschwanz in den brennend heissen Ofen. Das wäre nicht gar so schlimm gewesen, wenn Opa nicht ganz furchtbar geflucht hätte. Paula fand das gar nicht lustig, denn schliesslich wollte sie nicht, dass meine Eltern dachten, sie und Walter würde einen schlechten Einfluss auf uns ausüben. Die nachfolgende Fluchattacke Paulas hingegen war dermassen heftig, dass ich sie hier aus Rücksicht auf sensible Gemüter nicht wiedergeben kann.

Im Sommer stand Paula meist um vier Uhr auf. Wenn ich um sieben aufstand und nach unten kam, sass sie meistens über der Zeitung und machte ihr Blick-Bingo. Sobald sie mich sah, stand sie auf und umarmte mich ganz fest, nannte mich ihren „Schatz Gottes“.

Als Paula älter wurde und Opa Walter längst tot war, wurde die Küche zum Diskussionsort Nummer eins. Hier haben wir sehr oft über die Zukunft gesprochen. Paula redete davon, dass sie gerne im Haus sterben würde. Einfach so am Morgen nicht mehr erwachen. Natürlich verwies sie dabei auf den Herrgott, der das dann schon in die Hand nehmen würde.

Wir sassen auch in der Küche einige Tage nach dem Tod meiner Mutter. Mein Vater, der längst von meiner Mutter geschieden war, begleitete mich auf dem Gang mit der Urne ins Städtchen. In der Küche von Paula sind wir dagestanden. Plötzlich umarmten wir drei uns und weinten. Hier hatte das Leben stattgefunden. Nun herrschte die Trauer.

Am Ende ihres Wohnens im Haus, lebte Paula praktisch nur noch in der Küche. Holz lag am Boden, damit sie nicht weit zu tragen hatte. Der Kaffeekrug stand wie immer auf dem Buffet. Ihre Sachen fürs Pflegeheim hatte sie gepackt. Nun sassen wir da. Tränen überströmt. Sie zutiefst traurig, ich von einem Gefühl des Verlustes gepackt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Küche jemals wieder Leben beherbergt.

Die letzten anderthalb Jahre haben Sascha und ich aufgeräumt. Alles, was zu entsorgen ist, steht im Speicher. Die Küche ist fast leer. Der Tisch ist jetzt bei Paula im Pflegeheim, ebenso die Stühle und ihre Pflanzenmöbel. Der rote Kachelboden ist an die Oberfläche gekommen, unter all den alten Teppichen. Ich freu mich, wenn ich ihn hoffentlich bald reinigen kann. Ich will weiter entrümpeln, die Küche streichen und neues Leben einhauchen. Ich hoffe, dass ich bald einmal am Herd stehen und kochen kann. Freunde einladen. Das Feuer anmachen. Am Tisch sitzen. Glücklich und dankbar sein, dafür, dass mir die Küche dieses Hauses immer eine Heimat war.

 

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mit Henri und Rosa ca. 1979

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ca. 2000

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Küche 2014

Die Postkarten-Sache

Vor bald zwei Jahren schenkte mir Paula die Postkarten, die Henri an Anna geschrieben hatte. Für mich, als Urenkelin, ist dies ein unermesslicher Schatz. Ihre Worte zu lesen, scheint mir wie eine Berührung mit der Vergangenheit.

Sehr berührend finde ich die Karten, die Henri seiner zukünftigen Frau Anna und seinen Eltern geschickt hat. Es ist keine grossartige, literarische Leistung, die Henri hier in wenigen Worten per Feldpost verschickt.

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Doch in ihrer Einfachheit zeigt sie umso mehr das Grauen des Krieges auf. Angst. Unsicherheit. Gleichzeitig handeln alle Bilder von den Dingen, die den Krieg erträglich machen: Kameradschaft. Verbundenheit.

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Dann ist da eine Karte von 1913. Ich weiss nicht genau, aber ich vermute, es könnte sich hier um Anna handeln. Jedenfalls wünsche ich es mir sehr, dass ich ein Bild meiner jungen Urgrossmutter in Händen halten könnte.

 

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Zu guter Letzt ist da mein lieber Opa Walter. Er war Musiker. Wenn man ihn so spielen sieht, wird mir schnell klar, warum sich Paula in ihn verliebt hat.

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So sitze ich da und blättere durch das Album. Ich habe es angelegt, um all die Worte und Bilder zu schützen vor dem Alter. Im Haus waren sie die letzten 50 Jahre unter Verschluss. Es hat alles konserviert. Ich bin dankbar.

Meine Konfirmation

1993 wurde ich konfirmiert. Es war sozusagen der erste und der letzte grosse religiöse Moment in meinem Leben. Monatelang dauerten die Vorbereitungen für dieses Ereignis. Während meine Konfklass-Kolleginnen mit ihren Müttern wild shoppen gingen und in modischen Wunderwerken am grossen Tag auftauchten, bestimmte meine Mutter mein Outfit. Ich würde einen schwarzen Minirock und einen schwarzen Blazer tragen. Das konnte man nämlich auch nachher nochmals verwenden. Das Top durfte ich mir selber unter der Voraussetzung aussuchen, dass ich kein rotes wählen würde. Ich wählte Türkis! Alle Kleider wurden aus dem Katalog bestellt. Einzig die Schuhe durfte ich frei wählen. Ich habe mir Pumps aus verschiedenfarbigem Leder gekauft. Mit Spitzen. Sie kosteten 99.-. Das war damals viel Geld! Ich hab sie noch jahrelang getragen.

Ich erinnere mich daran, wie sehr ich den Herrn Pfarrer gemocht habe. Er war, aus meiner Sicht damals, steinalt. In Wirklichkeit war er Mitte 70 und ein Ausbund an Humor, Weisheit und Intelligenz. Zudem besass er die blechernste Stimme und den wunderbarsten Basler Dialekt, den ich jemals in meinem Leben gehört hatte. Ich hatte ihn schätzen gelernt, weil er im Gegensatz zu all den Lehrern an der Schule nie versucht hat, mir das Lesen in den Pausen zu verbieten, bzw. ermutigte und verstand sogar meine Leidenschaft in Sachen Archäologie und Ägyptologie.

Dass ich ihm mitgeteilt hatte, dass ich beabsichtigte, Schriftstellerin zu werden, hat er nie lächerlich gemacht. Im Gegenteil. Irgendwo schwirrt sogar noch sein Gedichtlein über unsere Konfklasse im Estrich herum, wo er auf Mittelhochdeutsch über meine Zukunft als Autorin philosophierte. Er liess mich sogar eine Kurzgeschichte über T.E. Lawrence (und das mitten im Golfkrieg!) vortragen. Das hat mein Selbstvertrauen gestärkt, wofür ich ihm heute noch sehr dankbar bin.

An der Konfirmation durfte ich einen Monolog vortragen. Mir scheint im Rückblick, dass er mich in kurzer Zeit sehr gut beruflich gesehen einschätzen konnte. Wenn ich den Monolog finde, werde ich ihn einscannen und hochladen… Gelernt habe ich den Text, indem ich nonstop einen Song hörte, den ich kurze Zeit zuvor nachts im Radio gehört und auf Kassette aufgenommen hatte.

Sehr glücklich gemacht hat mich die Tatsache, dass Paula mit an der Konfirmation dabei war. Das war nicht selbstverständlich, denn meine Mutter und Paula tätschten in der Zeit davor mehr als einmal gewaltig zusammen.

Nach der Konfirmation, die wohl irgendwie meinen Eintritt ins Erwachsenenleben signalisieren sollte, damals hatte man mit 16 noch keinen Geschlechtsverkehr!, traf sich die ganze Familie im Gasthof Hirschen. Das heisst: meine Eltern, Paula, meine Schwester, meine Gotte und der Götti meiner kleinen Schwester. Walter, mein Opa, wollte den weiten Weg vom Toggenburg in den Thurgau nicht auf sich nehmen. Mit der Familie meines Vater hatte ich keinen Kontakt mehr. Ich fand das ein wenig bedrückend, denn ich bekam wohl mit, dass meine Konfklasskollegen sehr viel mehr Familienangehörige hatten. Ich überlegte damals, dass ich, falls ich mal heiraten würde, ein sehr günstiges Fest würde feiern können. Ich trank das erste Mal in meinem Leben Alkohol; einen Cynar. Für mich gabs einen Bündnerfleischteller, während die anderen irgendwas anderes essen mussten. Die Speisekarte von damals hab ich in mein Tagebuch eingeklebt.

Was geblieben ist von dem grossen Tag?
Sechs Jahre später bin ich zur Kirche ausgetreten. Ich fand vieles unehrlich und intolerant. Cynar mag ich bis heute nicht. Bündnerfleisch und gutes Essen schon. Den Pfarrer hab ich nach der Konfirmation nie mehr gesehen. Leider ist er kurze Zeit später an Krebs gestorben. Er fehlt mir noch heute.

Seelenwohnplatz

Ich denke sehr oft über meine Urgrosseltern, Anna und Henri, nach. Der Gedanke, dass ich vielleicht bald in Henris ehemaligem Haus wohnen werde, beschäftigt mich. In diesem Haus lebte Henri 30 Jahre lang mit Rosa, seiner zweiten Frau. Vieles erinnert noch an Rosa. Aber es gibt Überreste von Anna.

Henri war zuerst mit Anna verheiratet. Anna starb 1947 an Brustkrebs. Ihre Tochter starb vor 1924. Die Todesursache ist mir unbekannt. Ich möchte, sobald ich im Haus wohne, auf die Gemeinde gehen und nachforschen. Ich will und muss mehr über Anna und Nelly erfahren.

Das Haus steht nicht weit vom ehemaligen Haus von Henri und Anna weg. Ich möchte es ansehen. Vielleicht entdecke ich auf den Fotos weitere Anhaltspunkte.

Die Fotos schaue ich oft an. Sie geben mir einen Einblick, wie das Haus vor 50 und 30 Jahren ausgesehen hat. Ich mag die Nähe, die Verbundenheit zum Haus und dem Grundstück. Schon als Kind fühlte ich mich verbunden mit den Orten, wo meine Vorfahren lebten. Bäume, ein Fluss, der Wald oder Berge gaben mir ein Gefühl von Geborgenheit und Sinnhaftigkeit.

Ich mochte den Geruch des Hauses. Es ist ein wenig muffelig, modrig. Der Bach riecht besonders im Sommer stark. Wenn es windet, rieche ich den Geruch des Waldes.

Dann muss ich daran denken, dass Henri, Rosa und Walter ebenfalls auf der Wiese standen und die Gerüche wahrnahmen. Ich fühle mich ihnen verbunden, wenn ich am Geländer des Baches stehe, so als wenn nicht 34 Jahre vergangen wären, seit ich mit ihnen hier stand.

 

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Paula, Henri und meine Mutter mit dem Hund vor der Haustüre. ca 1965

 

 

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gleiches Haus. Anderer Hund. 60er Jahre

 

 

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Paula, meine Mutter, Walter, Rosa, der Hund, mein Vater und ich, im Vordergrund Henri ca 1979

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Paula und ich 2011

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Januar 2012

Frühling mit Walter.

Ich weiss nicht, in den letzten Tagen muss ich sehr oft an meinen Opa Walter denken. Jetzt, wo der Frühling kommt, fehlt er mir besonders. Als er im Januar 1997 an Leberkrebs starb, fand ich es so schrecklich, dass er die warmen Tage nicht mehr erleben konnte.

Mein Opa Walter ist für mich nach wie vor ein sehr rätselhafter Mensch. Er ist das zweite Kind von Anna und Henri, kam einige Jahre nach dem Tod des ersten Kindes, Nelly auf die Welt. Als Walter im Dezember 1924 auf die Welt kam, waren seine Eltern etwa so alt wie ich jetzt. Mitte 30. Der erste Weltkrieg hatte ihrer Lebensplanung einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ich weiss nicht, welche Träume Walter einst hatte. Ich vermute, er wollte Musiker werden. Er war in meinen Augen nicht die Sorte Mann, die täglich brav zur Arbeit geht und abends die Zeitung liest. Nein. Er liebte Jazz, Swing und Marschmusik. Er spielte so viele Instrumente: Querflöte. Saxophon. Klarinette. Geige. Flöte. Trompete.

Walter war ein politischer Mensch. Er hörte Radio, las die Zeitung, schaute sich die Tagesschau an. Er war keiner, der den Mund hielt. Oftmals löste ihm der Rosé die Zunge.

Mein Opa war ein zarter Mensch. Dass er mit 20 ins Militär musste, hat er nie bejammert. Er war Militärmusiker. Es gibt Photos, da sitzt er auf seinem Pferd. Seine Gesundheit war nicht besonders. Er war sehr dünn. Der zweite Weltkrieg hat ihn geprägt wie nichts anderes.

Aber im Frühling, da ist mir mein Opa wieder so nahe, als würde er noch immer unten am Bach seine Pfeife rauchen und warten, dass wir Kinder ihn und Paula besuchen kommen. Der letzte Blick von der Brücke über den Bach in Richtung des Hauses gilt noch immer ihm. Auch wenn er längst nicht mehr da steht.