Ende September

Ich hatte Angst, heute Paula wiederzusehen.
Wie erging es ihr?
Wie hat sie sich von ihrem Knochenbruch erholt?
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich die grösste Angst, sie bleich und eingefallen in ihrem Bett aufzufinden. Es erinnert mich zu sehr ans Sterben meiner Mutter. Dazu bin ich nicht bereit. Noch nicht.

Doch heute war es anders.
Sie war nicht in ihrem Zimmer.
Sie sass im Fernsehzimmer unter all den anderen älteren Herrschaften, gebeugt über ihren Rollator und schnarchte leise.
Ich war gerührt. Meine Paula.
Sie hält sich unter anderen Menschen auf. Freiwillig!

Neben ihr sitzt ein gutaussehender, sehr alter Herr.
Er blickt uns aus Uhu-Augen an, als wir Paula anstupsen.
Paula wacht auf und strahlt mich an.
„Das ist meine Enkelin Zora!“, ruft sie laut, so dass auch die letzte dösende Heimbewohnerin die Augen öffnet.
Wir umarmen uns. Paula strahlt, steht auf.

Sie kann wieder laufen.
Zwar bewegt sie sich wie jemand, der was gebrochen hat, aber: sie läuft.
Ihr Sesselnachbar brummelt was unverständliches, als Paula ohne ihren Rollator davon marschieren will.
Er scheint, offensichtlich, besorgt. Oder ordentlich. Oder beides.

Paula will mit uns in ihr Zimmer rauf.
Wir benützen den Lift.
Paula fragt uns, ob wir ein Bierchen trinken wollen.
Sowas hat sie seit Sommer 1989 nicht mehr getan.
Ich erinnere mich nämlich genau.
An dem Tag hörte sie von einem auf den anderen Tag auf, ihr tägliches Spezli zu trinken. Die jahrelange Alkoholabhängigkeit meines Grossvaters und eine Bemerkung meiner damals achtjährigen Schwester „Omi, du riechst nach Bier“, hatte sie absolut abstinent gemacht.

Ich bin ein wenig sprachlos.
Aber nicht lange.
Wir sitzen in Paulas Zimmer, das nun sehr viel anders aussieht als noch vor ein paar Wochen. Vor ihrem Bett liegt nun eine Matte. Rutschfest und offensichtlich mit Sensoren dran.

Wir reden.
Also: eigentlich redet Paula.
Sie spricht ohne Punkt und Komma. Keine vollständigen Sätze.
Ich verstehe den Sinn nicht.
Sie redet über ihre Geschwister. Für sie leben sie alle noch.
Um sie ein wenig zu bremsen, erzähle ich ihr die Geschichte von ihr und meinem Opa. Paula grinst.

„Die Geschichte kenn ich. Die hast du mir schon ein paar Mal erzählt.“

Ich muss dran denken, dass Walter und Paula sie mir jeweils erzählt haben, als ich noch ein kleines Mädchen war. Wie sehr wir gelacht haben! Ich schliesse die Augen. Höre Paula zu.

Ihre Sprache verstehe ich nicht mehr Wort für Wort.
Ich wende Validation an. Naomi Feil. Meine Ausbildung hilft mir weiter.
Aber sie täuscht nicht über meinen Schmerz hinweg, Paula täglich ein Stück weiter zu verlieren.

Wo zieht es mich hin?

Als ich 16 Jahre alt war, zog ich von zuhause aus, floh vor der Mutter, die mich nicht verstand und dem Vater, den ich so gern hatte. Erwachsensein. Selbständigkeit. Mich verlieben. Französisch lernen. Mondän sein.

Ich war das Gegenteil von alledem.
Ein Kindskopf. Pickelig. Unsicher. Kindlich.
Ein ganzes Jahr habe ich abseits meines geliebten Thurgaus gelebt.
Ich hab die Romandie in jeder Jahreszeit gesehen. Lavaux im Herbst. Ich lieb es.
Ich hab so viele Filme gesehen. Mich in Genf verliebt.

Dann kam ich zurück.

Währenddessen war die Ehe meiner Eltern vollends am Ende. Meine Mutter war so unglücklich, dass sie ging und sich traute, ihr eigenes Leben zu leben. Da war sie 43, sieben Jahre älter als ich jetzt. Mutter von drei Kindern, eines davon tot.

Nie wieder wollte ich hier weg.

Eine Weltreise kam für mich nie in Frage. Mehr als fünf Tage nicht in meinem eigenen Bett schlafen, war mir eine Qual. Schliesslich lebten hier all jene Menschen, die ich liebte: mein Vater, meine Mutter, Paula und mein Grossvater.

Jetzt leben nur noch mein Vater und Paula. Alles, was von meiner Familie übrig geblieben ist, lässt sich einstellig beziffern. Nichts hält mich mehr hier, möchte man glauben.

Doch dann sind da diese wunderbaren Landschaften. Die sanften Hügel des Thurgaus, das Toggenburg, verbunden durch die Lebensader, der Thur. Meine Vorfahren lebten an ihrem Ufer.

Ich kann mir nicht vorstellen, hier weg zu gehen. Ich bin wie ein Baum, der seine Wurzeln tief in die Erde geschlagen hat.

Kann ich mich wirklich daran erinnern?

Der 20ste September. Das war der Tag, an dem mein Bruder starb.
Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter nicht da war. Sie lag im Spital.
Mein Vater kam an dem Tag zuhause an.
Ich denke an lichtdurchflutete Räume.
Unser Esszimmer im Schatten der grossen Weide.
Unsere getigerten Katzen.

Irgendwann verschwand mein Vater.
Damit sein Lächeln.
Ich habe ihn seither nie mehr glücklich gesehen.
Plötzlich war meine Paula da.
Sie sass neben meinem Bett und umarmte mich.
Sie weinte.

Etwas schlimmes war passiert.
Sie konnte, wollte es mir nicht sagen.
Ich spürte jedoch:
alles würde anders werden.

Meine Mutter kehrte nach Hause zurück.
Sie lachte nicht mehr.
Sie weinte nur noch.
Und auch mein Vater wirkte in sich gekehrt.

Mein Bruder war tot.
Warum ändert der Tod eines Menschen alles?

Paula, meine Paula, ist der Schlüssel.
Sie erzählte mir alles.
Sie sagte viel.
Paula war die Antenne in meine Kindheit.
Sie hat verstanden, was mich damals umtrieb.
Durch ihr Altern, ihr Vergessen
bin ich nun alleine auf mich gestellt.

Hoffnung ist ein fremdes Wort.
Es existiert nur für Menschen
die gläubig sind.
Ich bin es nicht.

Sonntage

Der Sonntag war immer ein besonderer Tag in der Woche.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, ging ich jeden Sonntagmorgen in die Sonntagsschule.
Dies habe ich nicht auf Druck meiner Eltern getan, denen war das egal, sondern weil ich (auch heute noch) fürs Leben gern Geschichten höre.
In der Sonntagsschule wurden einem diese von Frauen erzählt.
Meine Lieblingslehrerin war eine alte Dame mit Dutt, Alice, deren liebes Gesicht ich noch heute vor mir sehe. Sie erzählte die biblischen Geschichten alle auswendig.

Am Sonntagmittag kochte meine Mutter, wenn mein Vater da war, ein Festmahl, meistens Voressen mit Teigwaren und Gemüse. Wenn aber mein Vater nicht da war, kochte meine Mutter „schlampiges“ Essen. Das war immer wunderbar. Wir sassen dann mit ihr auf dem Teppich vor dem Fernseher, assen im Schneidersitz und lachten. Danach schauten wir fern.

Dazu ist zu sagen, dass meine Mutter ein wandelndes Filmlexikon war zu einer Zeit, da es noch kein Internet gab. Mehr als einmal habe ich Wetten gegen sie verloren. Ihr Namensgedächtnis war einfach grossartig.

Sonntags schauten wir mit ihr alte Filme. Hans Moser, Paul Hörbiger oder Grete Weiser. Das waren unsere Helden. Ich schaute mit ihr Klassiker, B-Movies, Serien. Mit ihr fern zu sehen, war eine Offenbarung. Sie liebte Fernsehen und ich liebte meine Mutter.

Als ich ins Welschland ging, ich war 16, zerbrach die Ehe meiner Eltern vollends.
Mir war, als wäre ich die personifizierte Silikonschicht, die meine Mutter und meinen Vater noch verband.

Danach waren die Sonntage anders. Die Kindheit scheint ein zerbrechliches Gut zu sein.

Als ich schliesslich die Sonntagabende mit meinem damaligen Freund verbrachte, war meine Mutter wieder präsenter. Sie rief jeden Sonntagabend um punkt 19.31 an und wollte mit mir reden.
Dass ich um diese Zeit Terra X schaute, war ihr egal.

Als sie vor bald sechs Jahren starb, brauchte ich sehr lange Zeit, bis ich am Sonntagabend nicht mehr neben dem Telefon sass und auf ihren Anruf wartete. Schliesslich war es 19.31.

Übers Lieben und geliebt werden.

Was mir immer wieder im Kopf rum schwirrt, ist die Tatsache, dass ich irgendwann alleine sein werde. Natürlich habe ich Freunde, Sascha, Paula, meinen Vater, meines Vaters Ehefrau. Doch irgendwann werden die auch nicht mehr da sein. Das Gefühl kommt mir so bekannt vor. Das macht mir Angst.

Als Kind und auch als Erwachsene durfte ich mit Paula die Erfahrung machen, wie es ist, wenn man geliebt wird. Paula liebte mich über alle Massen und sprach es auch aus. Ich war ihr allerliebstes Geschenk, ihre Enkelin und, wie sie später sagte: der Grund weiterzuleben.

Sie hat es oft nicht leicht gehabt. Sie hat immer schwer geschuftet. Sie arbeitete als Verkäuferin, als Kioskfrau und machte zuhause den Haushalt und besorgte das Haus. Sie war keine reiche Frau, aber sie wusste immer, wie sie mit Geld umgehen musste. Ich wurde als Kind mit Geschenken überschüttet und habe es genossen.

Noch viel mehr als alle Geschenke liebte ich aber die Gespräche mit ihr. Mit Paula übers Heute und über früher zu reden, war grossartig. Ich erfuhr so viel über meine Urgrosseltern, Paulas Geschwister und über das Leben in den 30er Jahren in der Ostschweiz.

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, fallen diese so wichtigen Dinge langsam weg. Die gemeinsame Vergangenheit verschwindet. Ich existiere zwar noch immer als Zora, doch für Paula werde ich je länger desto mehr zu einem freundlichen Schatten.

Es gibt Tage, da macht mir das nichts aus. Ich kann das fachlich wegstecken, denn als Frau, die in der Betreuung von Menschen arbeitet, kenne ich die Mechanismen. Doch dann sind da Tage wie heute. Die Sonne scheint. Ich war erfolgreich. Ich wurde gelobt.

Ich würde Paula gerne anrufen, doch sie würde nicht abnehmen. Sie wüsste nicht mal mehr, wovon ich spreche oder nicht mehr wissen, wer ich bin. Also schweige ich. Weine innerlich.

Dann denke ich daran, wie ich als Kind mit ihr herumtollte, sie mich in die Arme nahm und herumschwenkte, als wäre ich eine Feder, ein in Frottée gewandeter Schmetterling. Ich sehe Paula in ihrem eleganten, aber zweckmässigen Hahnentrittkleid vor mir. Sie lächelt. Ich umarme sie und sage ihr, wie sehr ich sie gerne habe und wie sehr mir das alles fehlt.

 

 

omi und anita (2)

Die Männer und das Kind

Der zweite Weltkrieg war in meiner Kindheit, die Ende der 70er bis Ende der 80er Jahre stattfand, allgegenwärtig.

Walter, mein Grossvater, war blutjung und unterernährt eingezogen worden. Er hatte wohl Glück und wurde Militärmusiker. Die Bilder von ihm auf dem Pferd, die Trompete in der Hand, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Walter war in Sachen Krieg unbarmherzig und klar. Nie wieder Krieg. Das war sein Credo. Meine Mutter erzählte, dass er ihr den Hintern versohlte, nachdem sie seine Sammelbuchreihe über den Krieg angeschaut hatte. Er wollte nicht, dass sie tote Menschen sieht.

Opa Walter und ich diskutierten sehr viel. Paula meinte mehr als einmal: „Seid ihr schon wieder am Politisieren?“
Ich erinnere mich nicht mehr daran. Opa und ich stritten leidenschaftlich, obwohl wir mehr als einmal der selben Meinung waren.

Opa und ich schauten fürs Leben gerne den Ziischtigsclub und Arena. Opa stand meistens da, mit Pfeife im Mund, mit blitzenden knallblauen Augen, im Blaumann an den grünen Kachelofen gelehnt und brummelte. Seine Stimme, seine lakonischen Kommentare habe ich heute noch in den Ohren.

Der Höhepunkt der politischen Streitereien war jeweils an Weihnachten erreicht. Paula und meine Mutter protestierten lauthals beim Vorbereiten des Weihnachtsessens und bestanden darauf, dass „die Männer und das Kind“ in die Stube „zum Politisieren“ gehen. Dies taten wir auch. Ich habe das so sehr genossen.

Vielleicht reagiere darum heute manchmal genervt, wenn ich mitbekomme, dass gewisse Männer einer Frau (mir!) nicht zutrauen, eine eigene Meinung zu haben. In meiner Familie habe ich das nie erlebt. Dafür bin ich sehr sehr dankbar.

Der Ausflug ins ferne Zürich

Als ich etwa sechs Jahre alt war, meine Grosseltern Omi Paula und Opa Walter lebten noch in einem Block in Sirnach, beschlossen die beiden, einen Ausflug mit mir in den Züri Zoo zu machen. Ich erinnere mich an ihre Wohnung: sie war sehr hell und sehr 50er Jahre. Der Nierentisch, gelbe Möbel, hässliche Puppen, alles ist mir noch präsent.

Ich übernachtete bei Paula, derweil Opa in der Stube schlafen musste.
Am nächsten Morgen ging es denn auch früh los.
Wir reisten mit dem Zug, denn weder Paula noch Opa konnten ein Auto fahren.

Wir hatten es sehr lustig. Ich erinnere mich an Paula und Walter, die lachen. Paula trägt ihr bestes Kleid, Opa seinen guten Anzug.
Der Hauptbahnhof Zürich ist in meiner Erinnerung riesig! Die blauen Trams! Die vielen Leute! Paula, die meine Hand hält, damit ich nicht verloren gehe.
Opa und Omi impfen mir ein, dass ich mir merke, wie sie heissen, damit, wenn ich verloren gehen sollte, jederzeit sagen kann, wohin ich gehöre. Sie wissen nicht, dass ich mir zu dem Zeitpunkt längst Telephonnummern merken kann und keine Angst habe.

Ich erinnere mich auch an die Fahrt mit dem Tram zum Zoo hinauf. Ein Chalet steht da. Es ist sehr hässlich. Modelleisenbahnen. Opa meint, er habe sich überlegt, dass er während unseres Zoobesuchs ins Restaurant geht. Paula nickt. Wir machen ab, dass Opa um vier Uhr nachmittags vor dem Zoo auf uns wartet.

Dann betreten Paula und ich den Zoo. Ich erinnere mich an die Schimpansen, die Fische und den Eisbären, die tollen Wegweiser in schwarz-weiss.
Als wir um vier aus dem Zoo treten, ist Opa natürlich nicht da. Er ist auch um halb fünf Uhr nicht da. Paula ist sauer.

Nun war es anfangs der 80er Jahre ja so, dass man nicht einfach sein Smartphone zücken konnte, um herauszufinden, wo der andere steckt. Das wäre aber in jener Situation sehr praktisch gewesen, zumal Paula in jenem Moment bemerkte, dass Walter den Hausschlüssel bei sich trug.

Sagen wir es so, die Retourfahrt war nicht ganz so lustig. Paulas Laune war schlecht, insgeheim hoffte sie wohl, dass Opa bereits zuhause auf uns wartete.

Das tat er natürlich nicht.
Paula und ich standen ratlos vor dem Haus. Ihre Wohnung war im ersten Stock. Als ihr Nachbar vorbeikam, der hatte sich wohl schon über uns gewundert, bat sie ihn um Hilfe. Ihr fiel ein, dass ein Fenster noch geöffnet war. So holte der Nachbar eine Leiter und ich kroch durch das Fenster in die Wohnung und machte die Tür auf. Der Abend schien gerettet.

Um elf Uhr nachts kehrte mein Opa zurück. Er war, um es anständig auszudrücken, sternhagelvoll. Wir aber waren froh, dass wir ihn wieder hatten.

Was man vermisst

Als Kind verbrachte ich meine Sommerferien immer bei Paula und Opa. Während Paula uns umsorgte, bekochte und unterhielt, wir waren ihre Augensterne, war Opa immer ein schrulliger Eigenbrötler. Den grössten Teil des Tages verbrachte er im Keller, in seiner Werkstatt, gehauen in den Fels, auf dem das Haus gebaut ist.

Ich weiss nicht genau, was er ausser Sinnieren und Holz sägen sonst noch gemacht hat. Er redete nicht viel, und wenn, dann von Politik, seinem Ärger auf entfernte, geldgierige Verwandte und dem Sonnenaufgang auf der Wasserflue.

Opa trug meistens ein königsblaues Übergwändli und rauchte in einer Pfeife einen zerschnittenen Rösslistumpen. Er schaute fürs Leben gerne den Eidechsen zu, wie sie sich an der Sonne wanden und träumten. Wenn ich ums Eck kam, zischte er und winkte, damit ich neben ihn trete und schaue.

So standen wir da, Opa und ich, und beobachteten die Eidechsen. Ihre Farben erscheinen mir heute noch schillernd und lebendig. Grün. Silbern. Walenseeblau.

Oft stand Opa am Nachmittag, wenn die Sonne auf den Bach schien, am Geländer und schaute zu, wie sich die Forellen im Wasser tummelten. Wenn ich eine sah und darauf zeigte, legte er den Finger auf den Mund, damit ich leise war. Nach ein paar Minuten tätschelte er liebevoll meinen Kopf. Ich kann seither an keinem Bach, keinem Fluss mehr vorbei gehen, ohne zu nachzusehen, ob ich eine von ihnen in den Wellen erkenne.

Am letzten Montag ging ich zum Haus, um die Johannisbeeren zu ernten. Ich werde die Bäume schneiden müssen, denn sie geben keine grossen Früchte mehr. Ich stand am Bach und schaute nach unten. Die Sonne schien.

Da erblickte ich sie. Sie schien uralt. Alleine. Aber sie ist noch da: eine grosse, wunderschöne, gesprenkelte Forelle. Minutenlang beobachtete ich sie und es schien mir, als würde mein Grossvater neben mir stehen und mir meinen Kopf tätscheln.

Der 1. August

Das Ende der Sommerferien markierte seit jeher der erste August, unser Nationalfeiertag. Für mich und meine kleine Schwester war es einer der schönsten Tage im ganzen Jahr. Seit wir klein waren, verbrachten wir den grössten Teil der Ferien bei Paula und Opa.

Wir schliefen aus. Am Vormittag hörten wir gemeinsam mit Opa Handörgelimusik auf DRS1. Oma machte Rösti oder je nach Wetter Raclette. Am Nachmittag schauten wir „Füsilier Wipf“. Später dekorierten wir den Garten mit Lampions.

Um 20h schauten wir in der Stube die Liveshow zum Nationalfeiertag. Opa fand sie jedes Mal saudoof. Sobald es eindunkelte, ging Opa nach draussen, um die Nachbarskinder zu erschrecken. Dies tat er, indem er sein altes Bajonett hervor holte und herum brüllte.
Opa machte dies nicht, weil er Kinder nicht leiden mochte, sondern weil er Angst hatte, dass eines der Kinder mit einer Rakete sein Haus anzünden könnte. Inwieweit wirklich jemand Angst bekam, kann ich nicht mehr einschätzen. Für mich und meine Schwester war er jedoch ein Held.

Später, wenn es dunkel war, zündeten wir die Kerzen in den Lampions an. Opa steckte die Vulkane an. Raketen gab es natürlich keine, da Oma und und Opa den Hund nicht plagen wollten. Am Schluss der Feier durften meine Schwester und ich bengalische Zündhölzer anstecken. Natürlich haben wir uns immer barbarisch daran die Finger verbrannt.

Darüber denke ich nach, während ich heute Johannisbeeren beim Haus abgelesen habe. Das Haus, es ist so still geworden. Noch riecht es nach Paula und nach Sommer. Ich bin traurig.

Übers Loslassen

Als ich meinen Opa Walter verlor, war ich keine 20 Jahre alt.
Keiner wusste so genau, woran er litt, denn er hielt es geheim. Einfach so.
Nur er und seine Krankenschwester wussten, wie er sterben würde.
1996, ich hatte meine Lehre beendet und hielt mich im Spital in St. Gallen auf, um meinen Kiefer zu operieren. Ich weiss nicht mehr, wie lange ich da war. Ich erinnere mich an starke Schmerzen und mein deformiertes Gesicht. Ich konnte damit nicht mehr herumlaufen. Also reiste ich nach Lichtensteig zu meinen Grosseltern Paula und Walter. Es war August.

Walter war schwach. Er lag oft im Bett. Er war müde, ass wenig.
Die Wärme des Sommers drang nicht bis in sein Krankenzimmer, ein dunkel getäfertes Zimmer.
Abends sassen wir vor dem Fernseher.
Ich konnte nicht sprechen, weil mein Ober- und Unterkiefer miteinander verdrahtet waren, damit beide Teile wieder anwuchsen. Also schwieg ich.

Das Schweigen wurde in jenen sechs Wochen zu meinem ständigen Begleiter.
Nichts sagen zu können, mag eine Strafe sein.
In meinem Fall war sie manchmal barmherzig.
Ich trat, nach Entfernung meiner Verdrahtung, meine erste Stelle an.
Ich war wesentlich abgemagert, weil ich während Wochen nur noch Flüssiges essen konnte.
Ich war blass. Das Sprechen fiel mir nach sechs Wochen Abstinenz schwer.

Walter wurde nicht wieder gesund.
Wir ahnten es alle. Er würde sterben.
Ich sah ihn an Weihnachten 1996 das letzte Mal. Seine Haut war senfgelb gefärbt.
Seine wundervollen, blauen Augen leuchteten. Doch auch seine Augäpfel waren gelb.
Nie hätte ich gedacht, dass ich diese Farbe einmal so hassen würde.

Wir redeten letzte Worte. Er segnete mich.
Er sagte mir, wie sehr er mich liebte, gab mir alles Gute mit auf den Lebensweg, ermutigte mich, dass ich das tun sollte, was ich wollte, ohne Rücksicht auf die Gesellschaft.
Am 7. Januar 1997 starb er in Paulas Armen, um Punkt acht Uhr.

Ich war froh, dass er gestorben war, denn ich konnte sein Leiden fast nicht ertragen.
Für mich war er immer jener ältere Mann, der im Keller des Hauses arbeitete und sein eigenes Ding machte. Ihn nur noch im Bett liegend zu sehen, hat mich geschockt.
Zugleich aber hat dafür für mich der Tod an Schrecken verloren.
Ich konnte plötzlich nachvollziehen, was es bedeutete, langsam zu sterben.

2007 wurde Uschi, meine Mutter, krank.
Ich hatte es seit längerer Zeit geahnt.
Aber sie in jenem Krankenbett zu sehen.
So senfgelb. Dünn. Diese riesigen gelben Augen.
Das hat mich sehr getroffen.
Das war einer jener Momente, wo man genau weiss, was passiert.
Man weiss, man wird leiden wie ein Tier.
Man wird traurig sein. Alles wird unüberbrückbar schwer.

Sie lag in diesem Bett und ich konnte absolut nichts tun.
Alles, was ich wusste, war in jenem Moment nichts mehr wert.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich in jenem Fluss mittreiben zu lassen.

Von Walter wusste ich ja schon, wie das abläuft.
Das ist keine gute Sache.
Leberversagen ist ein Scheissding.
Man erstickt, wenn die Leber nicht mehr richtig tut und die Lungen in Mitleidenschaft gezogen sind.

Das war bei Uschi so.
Dieses stundenlange Seufzen, dieses Ächzen, das man eigentlich nur von Ertrinkenden kennt,
ist das Allerschlimmste.
Ich werde ihre Seufzer, ihr Stöhnen und ihr erschrecktes Augenaufschlagen nie mehr vergessen.
Du sitzst daneben und kannst dem Menschen, den du liebst, und dem du dein Leben verdankst, nicht helfen. Du wirst dir deiner ganzen Machtlosigkeit bewusst.

Sie liegt da und kämpft mit dem Tod. Eigentlich möchte sie lieber leben. Sie liebt das Leben so sehr. Aber der Tod ist stärker und überwältigt sie.

Ich sitze daneben und kann es nicht fassen.
Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, rauchen, trinken, schreien, mir die Haare ausreissen.

Alles stellt sich auf den Kopf.
Du selber lebst weiter. Das ist die Abmachung. Und die ist scheisse.