Die 30er im Rückspiegel.

Vor neun Jahren wurde ich 30 Jahre alt. Ich feierte meinen Geburtstag mit Wein und Zigarren und meinem damaligen Freund. Ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Liebe, meinen Traumjob, ich war gesund und zuversichtlich.

10 Tage später zerbrach alles um mich herum. Ich hatte gewusst, dass meine Mutter früh sterben würde und ich hatte mir, schon in der Ausbildung, vorgenommen, sie nie zu pflegen. Der Moment, als ich erkannte, dass sie im Sterben liegt und ich sie nicht alleine lassen würde, war heftig. Diese Klarheit im Handeln war für mich wegweisend. Ich schöpfte Kraft in Gesprächen mit Omi. Gemeinsam würden wir es schaffen.

Der Tod eines geliebten Menschen verändert einen.
Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Die Trauer um einen Menschen stellt alles auf den Kopf.

Heute nun bin ich 39 Jahre alt geworden und ich staune erneut, wie sich in den neun Jahren alles um mich herum verändert hat. Jedes Jahr beinhaltete so viele gute Momente und mutmachende Begegnungen, trotz der Trauer um meine Mutter. Meine grosse Angst, in ein Loch zu fallen, bewahrheitete sich nicht. Irgendwie schaffte ich es, mich um Omi zu kümmern, auch wenn es oft weh tat und ich mich hilflos fühlte.

Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, über all diese Erlebnisse und Gefühle zu schreiben. Denn es ist wahr: es gibt so viele Menschen, denen es ähnlich geht und mit denen man sich austauschen kann, ohne zu jammern und wehklagen. Man muss sich nicht verstellen. Man schöpft Kraft und kann diese auch weitergeben.

Für mich der bewegendste Moment im Juni war der Moment, als der Kontakt zu meiner Schwester wieder zustande kam. Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht zu bemerken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Ich hoffe nun, wir können diesen Kontakt vertiefen. Es gibt noch so viel zu erleben und auszutauschen!

Wie feiert man die 88?

Omi feiert heute ihren 88sten Geburtstag.
Wie jedes Jahr waren wir auch dieses Mal wieder eingeladen in Omis Pflegeheim.
Die Pflegenden haben für Paula im Séparée wunderschön einen Tisch gedeckt. Paula sitzt im Gang und döst. Zwei ältere Herren sitzen an ihrer Seite und ich muss dran denken, wie schön es ist, dass sie nicht alleine lebt.

Ich bin etwas gehemmt, denn ich traue mich nicht, Omi an der Hand zu nehmen und zu führen. Omi ist so zerbrechlich und alt, dass ich Angst habe, dass sie umfallen könnte. Ich bin froh, dass eine Pflegende uns hilft, Omi an ihren Platz zu begleiten. Kaum ist Paula wach, schon lässt sie ihre träfen Sprüche fallen.
„Wo möchten Sie sich hinsetzen, Frau M.?“ fragt die Pflegende.
„Am liebsten aufs *Füdli“, antwortet Paula.

Es gibt Suppe, Salat, einen Hauptgang und später Dessert.
Omi mag die Suppe nicht essen, weil sie ihr zu heiss ist. Aber den Salat hat sie gern. Er ist klein geschnitten, damit sie ihn besser beissen kann. Die Pflegende hilft ihr bei den Medis. Sie macht das einfach toll. Als Hauptgang wird uns Kartoffelstock, Rüebli und Hackbraten serviert. Das Essen ist lecker. Aber Omi hat keinen grossen Hunger. Die Pflegende hilft ihr, ich ermuntere sie, aber Paula sagt so klar: „Ich mag nicht mehr.“
Dann döst sie immer wieder ein. Zwischendurch schaut sie auf meinen Teller und findet: „Du kannst gerne noch meine Portion haben.“

Ich lasse für Omi den Radetzky Marsch auf dem Handy laufen. Obwohl sie die Augen zu hat, tippt sie den Takt auf dem Teller mit.

Das Dessert lassen wir aus. Omi ist zu müde. Sie geht jetzt ihr Schläfchen machen. Die Torte kriegt sie später. Ich hoffe, die beiden netten Herren von vorher kriegen auch ein Stück Schwarzwälder. Wir fahren nach Hause, gehen in Paulas Stammcafé, das Huber. Hier stossen wir auf unsere Paula an. ❤

 

*Dialektausdruck für Hintern

Geburtstag ohne Muttern

Ich denke, die Mutter vermisst man selten so sehr wie am Geburtstag, denn das ist ja schlussendlich die Sache, die einen zu 100% mit einander verbindet. Es geht mir nicht anders.

Ich kann mich allerdings nicht mehr wirklich daran erinnern, wann wir das letzte Mal ein Geburtstagsfest miteinander verlebt haben. Als Kind war ich an meinem Geburtstag immer in den Ferien bei Omi und Opi im Toggenburg und als Erwachsene versuchte ich, meiner Mutter an diesem Tag aus dem Wege zu gehen. Ich bereue das heute ein wenig. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Menschen konnte meine Mutter so sehr feiern, wie sie litt.

Mir war das alles immer zu nah.
Heute, wo ich in einem Alter bin, wo sie bereits drei Kinder geboren und zwei verloren hatte, sehe ich das anders. Ich frage mich, wo sie einen Ausgleich fand zu ihrem Leben. Wie sie versucht hat, ihre Ängste zu verarbeiten. Ihre Texte, die ich erst nach ihrem Tod gefunden habe, zeigen eine unglaubliche Neugier. Eine Liebe zum Leben. Eine Leidenschaft fürs Verliebtsein. In diesem Punkt sind wir uns verdammt ähnlich.

Ich hätte sie so gerne hier, jetzt. Ich würde mich gerne an sie anlehnen. Sie würde über mein Haar streichen und finden, es sei zu lang. Ich hingegen würde ihr kurzes blondiertes oder gefärbtes Haar verstrubbeln und versuchen, sie auszukitzeln. Denn das ist mir zu ihren Lebzeiten nie gelungen.

Feiere, wenn es etwas zu feiern gibt

Wenn ich mir die Blogtexte von vor einem Jahr durchlese, bin ich berührt, wie verzweifelt ich damals war. Ich hatte Angst, das Haus und all das zu verlieren, wofür ich so hart gearbeitet und mein Herzblut gegeben habe. Dabei gab es so viele Menschen, die daran glaubten, dass ich es schaffe. Nur ich tat es nicht.

Jetzt sitze ich in meinem Atelier, schreibe, freue mich auf das Ende der Woche, wenn „Demenz für Anfänger“ erscheint und warte auf meinen Geburtstag. Es ist mir noch immer nicht wohl mit diesem Tag. Die Hitze lässt mich dran denken, wie sie mich vier Tage lang länger als geplant in sich getragen hat.

Die Tage vor jenem Tag denke ich sehr oft an meine Mutter und mir wird klar, wie sehr sie mir fehlt. Letztes Jahr habe ich mich gegen ein Fest entschieden, weil ich überhaupt keine Lust auf irgendwas hatte. Dieses Jahr ist es anders. Es gibt soviel zu feiern.

Ich möchte Omi „ihr“ Buch vorbei bringen. Ohne sie wäre so vieles nicht möglich gewesen. Ich bin gespannt, was sie vom Buch hält.

Da ist beispielsweise die Johannisbeerernte. Letztes Jahr hab ich die ganzen alten Büsche geschnitten und dieses Jahr ist der Ertrag um ein mehrfaches höher. Ich werde wunderbaren Likör ansetzen.

Da sind die Hortensienbüsche, deren Wachsen und Blühen ich täglich mitverfolgen kann. Blumen machen glücklich!

Oder der Fact, dass wir nach bald drei Jahren Arbeit den Keller von Unrat und Müll befreit haben. Endlich ist Raum da für neue Ideen und fürs Renovieren!

Dann ist da noch die Tatsache, dass ich mich an meinem neuen Wohnort mit all den Menschen sehr wohlfühle und das Gefühl habe, nach bald 38 Jahren, ein Zuhause gefunden zu haben. Das alles möchte ich mit meinen Freunden feiern.

Ich bin glücklich und dankbar, dass ich lebe.

Die wilde 87

Paula freute sich, als sie uns sah.
„Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr“, sagte sie. Fast wie früher, nur dass sie nicht mehr weiss, wer wir sind. Sascha und ich setzen uns hin. Sie fragt, wie die Fahrt war. Und wo unsere Kinder sind.

Ich schalte schnell. Heute bin ich wohl Ursle, ihre Tochter und meine Mutter. Ich gebe ihr das Geschenk. Aber Geschenke sind nicht mehr wichtig. Viel schöner ist es für sie, dass wir da sind.
„Wie fühlst du dich?“, frage ich. „Wie 51“, antwortet Paula und strahlt mich schelmisch an. Als Paula 51 Jahre alt war, war ich gerade zwei. Wir stossen mit Mineralwasser an.

Paula redet wie ein Wasserfall. Dann gibt es Suppe. Paula weiss nicht mehr, wie sie den Löffel benutzen soll. Ich gebe ihr ein. Nur wenig. Damit sie sich nicht den Mund verbrüht. Sie redet. Dann kriegt sie Schluckauf.
Wir legen eine Pause ein. Meine Suppe ist währenddessen kalt, schmeckt aber prima. Dann gibt es Salat. Omi isst einige Bissen und amüsiert sich köstlich über mich.

Schliesslich gibt es Knöpfli, Poulet und Bohnen. Ich zerschneide es ein wenig. Dann fängt Omi selber an zu essen. Sie lässt sich Zeit. Geniesst es. Zwischendurch strahlt sie und bietet mir von ihrem Teller etwas an. Sie spiesst die zerschnittenen Bohnen auf, klaubt mit den Fingern Knöpfli und steckt sie sich genüsslich in den Mund.
Omi singt einige Kinderlieder. Dann erfindet sie noch rasch eine Strophe, die ich hier aufgrund der Ausdrücke, die sie verwendet hat, nicht wiedergeben kann.

Dann wird Omi müde. Sie lehnt sich etwas zurück und schliesst die Augen. Ich spüre, dass sie fix und fertig ist. Es gibt aber noch Dessert und Kaffee. Omi aber will schlafen gehen. Und aufs Klo.
Ich verhandle mit der Hauswirtschaftsmitarbeiterin, dass Omi ihr Stück Erdbeertorte am Abend kriegt. Wir warten auf die Pflegende, die Omi ins Bett bringen soll. Omi schaut mich an, berührt mich mein Gesicht und streichelt es.

„Du hast wirklich einen schönen Kopf. Den könnte ich immer ansehen“.

Ich lächle. Streichle ihre sehr alten Hände. Dann kommt die Pflegende, die Omi ins Zimmer bringt. Omi schläft tatsächlich immer um diese Zeit. Wir verabschieden uns.

Vom Krieg, Hunger und Dankbarkeit

Omi Paula hat als kleines Mädchen gehungert. Sie ist am 6. Mai 1928 geboren und erlebte den Zweiten Weltkrieg nahe an der deutschen Grenze. Diese Erfahrung hat sie ihr ganzes Leben lang geprägt.

In meiner Familie gibt es keine Diskussionen übers Abnehmen oder Hungerkuren.
Es ist nicht so, dass wild drauf los gefressen wird.
Viel eher hallt der Hunger aus früheren Zeiten nach. Es ist ein Privileg, Fleisch zu essen, frisches Gemüse und Früchte zur Verfügung zu haben und sich nicht nur von Kartoffelbrei ernähren zu müssen.

Paula hat, als ich älter wurde, oft gesagt: „Du gleichst meiner Mamme.“
Ihre Mutter, Berta, war wie alle Frauen in meiner Familie gross gewachsen. Sie besass ein rundes Gesicht und wirkte rundlich. Ich schlage da nicht aus der Reihe.
Es ist ein gutes Gefühl, auf alten Fotos Gesichter zu entdecken, die einem gleichen.

Ich bin heute meinen Urgrosseltern sehr dankbar, dass sie geschafft haben, dass meine Omi Paula ihre schwere Hirnhautentzündung überlebt hat. Denn wäre Omi damals daran gestorben, gäbe es meine Mutter und meine Geschwister nicht.

Omi feiert heute ihren 87sten Geburtstag. Sie lebe hoch!

Loslassen. Das Wort des Moments.

Omi wird in einigen Tagen 87 Jahre alt. Was für eine Zahl! Nie hätte ich gedacht, dass sie so alt wird. Niemand hätte wohl darauf gewettet, nachdem sie als Kind so schwer an einer Hirnhautentzündung erkrankte.

Ich sitze in meinem Atelier mit Blick auf den Garten, wo die Primeln blühen. Schaffe ich es, dass Omi noch einmal den Garten sieht? Ich habe Angst davor, dass sie nichts mehr erkennt, denn mich kennt sie ja auch nicht mehr.

Omi sprach, solange sie noch im Haus lebte, oft vom Sterben. Der Sehnsucht nach Ruhe. Schmerzlosigkeit. Das nicht Vorhandensein von Trauer und Verlust. Für sie ist diese Phase des Lebens, diese immensen Emotionen, wohl schon vorbei. Sie fühlt sich wohl und sitzt da, als warte sie auf den Bus, der sie bald abholen wird.

Ich sitze da und beende das Manuskript für das Buch über sie. Ich schreibe unsere Geschichte, weil nur noch ich diese Geschichten weiss. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es ist, wenn ich ihr im Juli das Buch zeige. Was wird sie dazu sagen?
Durch Omis Demenz und mein Schreiben darüber hat sich mein Leben komplett verändert. Alles scheint klar. Doch in meinem Innern ist das nicht so: Was wird sein, wenn Omi einmal nicht mehr ist?

Als meine Mutter starb, da war Omi für mich da. Wir haben gemeinsam getrauert. Omi war immer voller Hoffnung. Sie sagte: „Sei nicht traurig, es geht Urseli gut. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Trauer.“

Doch dann sagte sie: „Das Schlimmste ist, wenn die Mutter stirbt. Das weiss ich genau.“

Kurze Zeit später zeigte sich ihre Demenz immer stärker. Manchmal denke ich, dass nur das Sterben meiner Mutter sie vom Vergessen abgehalten hat. Es schien mir, als müsste meine Omi mit 79 diese letzte Aufgabe ihres Lebens, nämlich den Menschen, den sie 1951 geboren hat, bis zum Tod begleiten und wieder hergeben.

Ich stand daneben. Ihre Aufgabe war erfüllt. Doch was ist meine Aufgabe? Kinder kriegen ist es jedenfalls nicht.

Frühling im Toggenburg

Nach fast zehn Tagen Krankheit bin ich heute zum ersten Mal wieder zur Arbeit gefahren. Es ist schon unglaublich, was 200 Meter Höhenunterschied zwischen Toggenburg und Thurgau bewirken!

Während bei uns hier oben die Natur erst langsam erwacht, blühen im Thurgau bereits Magnolien und Löwenzähne. Hier oben leuchten die Primeln in allen Farben, so wie früher, als ich noch ein Kind war. Dieses Jahr hab ich das Gefühl, sie sind schöner als je zuvor.

Jetzt ist es schön warm und sonnig auf unserer Terrasse. Ich möchte mich hinlegen und mich sonnen. Ich fühle mich gut.

Dann ein Anruf von Omis Pflegeheim. In drei Wochen hat sie Geburtstag. Ich weiss. Ich hab ja extra Ferien genommen. Wir reden über Omis Zustand. Sie ist oft müde. Sie kann praktisch nicht mehr alleine essen.

Essen eingeben ist nicht so einfach, wie es vielleicht aussehen mag. Man muss sich auf den Essenden einstellen. Alte Menschen kauen vielleicht lange oder gar nicht. Verschlucken sich. Oder können gar nicht aufhören zu essen. Essen eingeben ist eine äusserst intime Sache. Es gehört sehr viel Vertrauen dazu.

Dann gebe ich ihr am Geburtstag also das Essen ein, wenn sie mag. Ich muss an ein Bild von mir und Omi denken. Ich war noch ganz klein. Sie hat mich mit einem Schaumkuss gefüttert und dabei gelacht.

 

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Werkstatt-Gedanken

Heute wäre eigentlich einer jener Tage gewesen, an denen ich am liebsten mit der Decke über dem Kopf und der Katze auf dem Bauch im Bett geblieben wäre. Ich war sehr müde.

Doch heute morgen um acht Uhr war ich hellwach. Und erstaunlicherweise fit. Ich wollte ins Toggenburg. Zum Haus. Ich wusste, wenn ich da heute nicht hingehe, bin ich unglücklich.

Wir transportieren die Balkonblumen, meinen Rosmarinstrauch und einige Kisten ins Haus. Dann mache ich weiter mit Wände abschleifen. Mit der professionellen Atemmaske kann ich problemlos arbeiten. Es macht Spass, ich komme gut voran.

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Heute ist Opas 90ster Geburtstag und ich stehe hier im Haus und schleife die Farbe seiner alten Werkstatt ab. Hier in diesem Raum wird einmal mein Computer stehen. Meine Nähmaschine. Dieser Raum wird mein neues kreatives Zentrum.

Ich schleife. Nach mehreren Stunden Praxis ist die Handhabung leicht. Zwar bin ich verstaubt, aber das stört mich nicht. Ich geniesse es, die alte Farbe, abzuschleifen. Darunter ist das Holz. Es sieht verletzlich aus.

Auf dem Heimweg kommt mir in den Sinn, dass ich nicht mal auf Opas Grab war. Muss ich mich jetzt schämen?

Ich muss dran denken, dass ich Opa Walter hier in seiner Werkstatt sehr viel näher bin, als auf dem Friedhof. Nach über 17 Jahren ist wohl nicht mehr viel von ihm übrig. Im Haus hingegen lebt sein Geist weiter. Sein Werkzeug ist noch hier. Seine Notizen. Seine Instrumente. Seine Pfeife. Seine Bücher. Seine Musiknoten. Seine Briefmarkensammlung.

Ach, lieber Opa: alles Liebe zu deinem 90sten Geburtstag. Du fehlst.

 

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mein Opa, wahrscheinlich um 1944

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Hochzeitsphoto von Paula und Walter, 1951

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Opa Walter in Sirnach. Ende der 60er Jahre

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Opa Walter im Toggenburg, um 1988

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Opa Walter mit meiner Mutter, um 1991

Heute.

Svens Todestag ist einen Tag vor Saschas Geburtstag.

Ich hab mir dieses Jahr vorgenommen, nicht zuhause zu sitzen und zu trauern, sondern rauszugehen.

Man soll den Dingen einen Sinn geben. Ich hab bis heute keinen Sinn in Svens Tod gefunden. Es hat sich nichts zum besseren verändert. Ich habe nichts daraus gelernt.

35 Jahre sind eine lange Zeit. Ich war bestimmt schon seit einem Jahr nicht mehr an seinem Grab. Eine Freundin hat mich vor einigen Monaten gefragt: „Warum trauerst du so lange?“

Ich wusste keine Antwort, überlege mir, dass ich vielleicht nichts anderes kenne?

Um einen Menschen zu trauern gibt Lebenssinn. Doch ich würde lieber etwas schaffen, anstatt Löcher zu stopfen. Rückwärts gewandt leben ist nicht so mein Ding. Und trotzdem ist das seltsame Gefühl da, ihn nicht einfach vergessen zu wollen.

Als ich im Haus entdeckte, dass auch mein Grossvater eine vergessene, tote Schwester hatte, wurde mir einiges klar. Das Gefühl, dass jemand da in der Familie ist, den man nicht fassen kann, kenne ich mein Leben lang.

Ich hab das Gefühl, mein Bruder gehört zu mir.

Als meine Mutter im Sterben lag und nicht gehen konnte, hat Paula gesagt: „Du wirst deinen Sven wieder sehen.“

Auch ich hab es zu meiner Mutter gesagt, in der Hoffnung, sie könnte dann endlich sterben. Aber geglaubt hab ichs nicht.

Wenn jemand stirbt, würde ich sein Leben feiern wollen. Die Dankbarkeit, dass ein Mensch gelebt hat, ist grösser als die Trauer, dass er nicht mehr da ist. Doch bei Svens Tod geht die Rechnung einfach nicht auf. Vielleicht, weil er nie richtig leben durfte?

Morgen ist Saschas Geburtstag. Das ist wichtig. Das will ich feiern.