Trauriger September

Die Schwermut überholt mich jedes Jahr in dieser Zeit, selbst wenn ich mir vornehme, glücklich zu sein und an nichts zu denken. Es scheint in meinen Genen zu liegen, diese Traurigkeit im September.

Bald 38 Jahre ist es her seit seiner Geburt. In meinen Augenwinkeln sehe ich meine glückliche Mutter. Sie strahlt und hält ihren prallen Bauch. Immer wieder ist es dieses Bild, das ich vor Augen hab. Sie ist glücklich. Sie erwartet ihr zweites Kind. Sie ist 28 Jahre alt. Ich bin nicht mehr alleine. Ein Geschwister.

Doch der Traum zerbricht. Sie verschwindet im Spital und kommt als komplett veränderter Mensch zurück. Sie ist noch immer meine Mutter. Doch etwas und alles in ihr ist zerbrochen. Nie mehr wird sie die gleiche sein wie vorher. Alles, was vorher war, ist mit einem Mal weg. So als wäre sie tot.

An ihrer Seite ist mein Bruder nicht. Er liegt in einem kleinen weissen Sarg, gleich einer Schuhschachtel und verschwindet alsdann in jenem Grab, das bald von einem seltsamen Nadelgehölze überragt wird. Ich sehe ihn niemals lebend. Es scheint, als wäre allein das Wissen, dass er gelebt hat, ohne dass ich mich jemals von seinem Dasein überzeugen konnte, verwirrend.

Mein bruderloses Leben dauert weitere zwei Jahre, in denen ich meine Mutter als vollends traurigen Menschen erlebe. Wie hat sie es nur geschafft, all das zu überleben? Und wie schaffte ich es?

Ihr 65ster Geburtstag

Gestern war Mamis 65ster Geburtstag.

Noch bis vor einigen Jahren haben Omi und ich immer Mamis Geburtstag gefeiert. 2011 wäre Mami 60 Jahre alt geworden und Omi konnte es kaum glauben, dass das schon so lange her ist. Zu dem Zeitpunkt verwechselte sie meinen und „Urselis“ Vornamen häufig. Ich akzeptierte es, auch wenn es mir weh tat, diesen Namen zu hören.

Omi hat Mami oft zum Geburtstag lange Briefe geschrieben. Omi war in ihrer Korrespondenz sehr geradlinig und wertschätzend. Immer wieder schrieb sie ihr, wie sehr sie ihr einziges Kind liebt. Ich freute mich immer für Mami, dass sie solche Briefe erhielt.

Heute fuhr ich nach dem Einkaufen bei Omi vorbei. Sie lebt zwei Dörfer weiter im Pflegeheim. Es ist immer etwas schwierig, sie wach zu erwischen. Nach dem Frühstück verbringt sie den Morgen immer im Aufenthaltsraum in einem Sessel, wo sie die Füsse hochlagern kann. Auch heute thront sie in diesem Sessel, in ihrem Arm einen riesigen Plüschhund, den sie festhält.

Ich setze mich zu ihr hin und berühre sanft ihre Hand. Sie öffnet die Augen und lächelt mich verschlafen an.
„Du bist da. Ich hab gerade geschlafen. Und jetzt bist du da.“
Ich streichle ihre Hand und sie hält sie fest.
Wir reden ein wenig.
Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich erzähle es. Ich würde gerne darüber reden, dass sie vor 65 Jahren meine Mutter zur Welt gebracht hat, aber ich lasse es, denn es würde Omi nur verstören und traurig machen.
Dann frage ich sie, wie es ihr geht.
Sie seufzt.
Omi Paula spricht von ihrer Schwester, die nicht mehr lebt und die mit ihren Söhnen vorbei gekommen ist. Sie redet, sucht Wörter, dann Buchstaben. Die Sätze machen keinen Sinn, aber sie redet wie früher.

Omis Hände

Dann verabschiede ich mich, denn ich bemerke, wie müde sie ist. Wir umarmen uns.
Zuhause gehe ich in den Garten, pflege die Rosen und denke an Omi und Mami. Die alten Rosen blühen noch immer.

wp-1472922011159.jpg

wp-1472922003892.jpg

Vom Verlust und der Liebe

Am 2. September würde meine Mutter 65 Jahre alt werden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Egal, wie lange ich darüber nachdenke, es stellt sich kein Bild meiner gealterten Mutter ein.

Wenn ich über sie nachdenke, sehe ich sie immer als junge Frau. Manchmal sogar als Teenager oder Kind. Im Haus gibt es so viele Bilder von ihr. Sie war wunderschön. Sie war eine grosse, schlanke Frau mit dunklem Haar und einer seltsam olivfarbenen Haut. In ihren 40ern war sie etwas fülliger geworden. Dann, mit 50 magerte sie ab. Sie wirkte ausgezerrt.

Am Ende ihres Lebens, nach all den Jahren des Leidens und des Erstickens von tiefen Emotionen mit Hilfe von Alkohol, war sie wieder wunderschön. Ihr Sterben war schwer. Doch der Tod hat was friedliches. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihrem Sterben hat mich sehr geprägt und die Sicht auf das Leben völlig verändert.

Als meine Mutter vor neun Jahren im Sterben lag, war mir alles schwer. Ich wusste nicht mehr, wie ich einen Schritt vor den anderen setzen sollte. Und doch war das Leben intensiv wie nie. Ich schätzte plötzlich Dinge, die ich vorher gar nicht erkannt hatte. Ich freute mich über Begegnungen, die mir Kraft gaben. Das waren insbesondere Gespräche mit Menschen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Das Feingefühl, das Verständnis und vor allem die wortlose Übereinstimmung, was Verlust angeht, haben mich beeindruckt und tief berührt.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Sie fehlt mir so. Ich wünschte, sie würde noch leben und wir würden uns hin und wieder treffen und gemeinsam ein Glas Wein trinken. Ich würde so gerne mit ihr über die Liebe und den Verlust sprechen. Ich würde sie so gerne besser verstehen. Jetzt, mit fast 40 Jahren, ist sie mir in ihrem Sein näher denn je. Wir sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind Alpha und Omega. Feuer und Wasser.
Mir fehlen ihre Umarmungen und ihre sanfte Stimme.

mami und ich

familie

mami_küche

DSC00115

 

Diese eine letzte Nacht

Sie hatte es wieder getan.
Sie wollte wieder einmal nicht mehr leben. Dabei war es noch nicht mal September.
Der Auslöser für ihren Entscheid war schnell gefunden.
Es gab tausend Gründe: sie wollte nicht mehr leben.
Sie hatte Tabletten genommen. Ich weiss nicht mal welche.
Es ging ihr himmeltraurig. Sie weinte. Sie schrie. Sie kotzte.

Ich versteckte mich mit meiner kleinen Schwester unter der Bettdecke.
Hielt ihr die Ohren zu.
Meine Schwester sollte ihre Schreie nicht hören. Aber wir wussten beide, es ging um alles.
Ohne Mutter würden wir hier nicht mehr länger leben können.

Der Arzt kam. Kümmerte sich um unsere Mutter.
Die Tränen. Ihre Stimme. Ihre Verzweiflung.

Ich wusste, irgendwann würde es so nicht mehr weiter gehen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt.

Irgendwann kriegt man ein Gefühl für die Gefühle anderer Menschen. Man spürt genau, wie weit man gehen kann und wo man helfen muss. Als Erwachsener lernt man das in einer Ausbildung. Ich hab das schon als Kind gekonnt.

20 Jahre nach dieser Episode sitze ich an ihrem Sterbebett. Ich bin erstaunt, dass sie es so weit geschafft hat. Dass sie noch immer lebt und an ihrem Leben so festhält, obwohl sie es doch jahrelang riskiert hat. Ich sitze da und weiss ganz sicher, dass sie gehen wird. Diese Klarheit ist seh viel klarer als in meinen Kindertagen, denn ich sehe ich ihre Gesichtsfarbe, messe ihren Puls und achte auf ihre Atmung.

Als meine Mutter stirbt, bin ich traurig. Aber ich bin auch erleichtert, dass diese Angst nach fast 30 Jahren ihr Ende gefunden hat.

Die 30er im Rückspiegel.

Vor neun Jahren wurde ich 30 Jahre alt. Ich feierte meinen Geburtstag mit Wein und Zigarren und meinem damaligen Freund. Ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Liebe, meinen Traumjob, ich war gesund und zuversichtlich.

10 Tage später zerbrach alles um mich herum. Ich hatte gewusst, dass meine Mutter früh sterben würde und ich hatte mir, schon in der Ausbildung, vorgenommen, sie nie zu pflegen. Der Moment, als ich erkannte, dass sie im Sterben liegt und ich sie nicht alleine lassen würde, war heftig. Diese Klarheit im Handeln war für mich wegweisend. Ich schöpfte Kraft in Gesprächen mit Omi. Gemeinsam würden wir es schaffen.

Der Tod eines geliebten Menschen verändert einen.
Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Die Trauer um einen Menschen stellt alles auf den Kopf.

Heute nun bin ich 39 Jahre alt geworden und ich staune erneut, wie sich in den neun Jahren alles um mich herum verändert hat. Jedes Jahr beinhaltete so viele gute Momente und mutmachende Begegnungen, trotz der Trauer um meine Mutter. Meine grosse Angst, in ein Loch zu fallen, bewahrheitete sich nicht. Irgendwie schaffte ich es, mich um Omi zu kümmern, auch wenn es oft weh tat und ich mich hilflos fühlte.

Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, über all diese Erlebnisse und Gefühle zu schreiben. Denn es ist wahr: es gibt so viele Menschen, denen es ähnlich geht und mit denen man sich austauschen kann, ohne zu jammern und wehklagen. Man muss sich nicht verstellen. Man schöpft Kraft und kann diese auch weitergeben.

Für mich der bewegendste Moment im Juni war der Moment, als der Kontakt zu meiner Schwester wieder zustande kam. Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht zu bemerken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Ich hoffe nun, wir können diesen Kontakt vertiefen. Es gibt noch so viel zu erleben und auszutauschen!

Omi schläft

Seit Omi im Pflegeheim lebt, und das ist schon vier Jahre her, ist es schwierig, den „richtigen“ Zeitpunkt für einen Besuch zu finden.

Früher konnte ich immer bei Omi vorbeigehen. Sie war immer zuhause, wach und freute sich über meinen Besuch. Omi stand früh am Morgen auf, ging in den Garten, einkaufen, schaute fern und räumte auf.

Ein Pflegeheim gibt andere Strukturen vor: Die Bewohner des Heims werden gewaschen, falls sie es nicht mehr selber können, zu einer bestimmten Zeit, sie essen zu einer bestimmten Zeit und sie schlafen zu einer bestimmten Zeit.

Omi ist schnell müde nach dem Essen. Sie geniesst zwar alles, aber irgendwann fallen ihr einfach die Augendeckel zu. Es berührt mich, denn ich kenne Omi als unermüdlichen Menschen. Wenn ich jetzt einfach so vorbeigehe, treffe ich sie oft schlafend an. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass sich ein Mensch gegen Ende seines Lebens entspannen kann.

Aber ich weiss natürlich auch, dass diese Schläfrigkeit ein Teil des Sterbeprozesses ist. Bei meiner Mutter habe ich ihn hautnah miterlebt.
Ich hab noch nicht mal Angst davor. Aber es macht mich traurig.

Ich bin dankbar, dass ich in Omis Haus leben darf. Es gibt keinen einzigen Tag, wo ich nicht an sie denke. Wenn ich die Rosen anschaue, die Johannisbeerbüsche oder die Eidechsen beobachte. Immer wieder denke ich an diese Kindheit zurück, die dank ihrer Liebe trotz allem schön war.

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten so wie früher miteinander beim Einkaufen herumlaufen. Mit eingehakten Armen. Lächelnd.
„No es Käfeli, Omi?“
„Aber immer, Schatz Gottes. E Schale. Und en Toascht Hawaii.“
„Gärn.“

„Noch einen kleinen Kaffee, Oma?“
„Aber immer, Schatz Gottes. Eine Schale. Und einen Toast Hawaii.“
„Gern.“

Erinnerungsstücke

Meine Mutter ist bald neun Jahre tot.
Aber manchmal scheint es mir, als wäre es erst gestern oder vor hundert Jahren passiert.
Alles scheint weit fort und gleichzeitig, als wäre die tiefe Wunde erst morgen am Entstehen.
Manchmal höre ich Musik, die uns beiden was bedeutet hat und dann muss ich weinen.
Oder ich höre Lieder, die sie immer geliebt hat.
Sie liebte „Wizard of Oz“.
Wir haben den Film unzählige Male gesehen. Ich kaufte irgendwann die DVD und wollte sie ihr schenken und vor allem, mit ihr anschauen. Doch dann bekamen wir Streit und die DVD lag die ganze Zeit in meinem Kofferraum.

Sie liebte Musik.
Sie hat mich mit ihrer Liebe zu Musicals und Filmen der 30er, 40er und 50er Jahre sehr geprägt.
Ich vermisse sie so oft.

Als sie im Sterben lag, hatte ich keine Kraft, mit ihr Filme anzuschauen. Unser Zusammensein konzentrierte sich auf halbe Stunden. Sie lag in diesem Zimmer mit Holzwänden und Blick auf Wil. Wir schauten gemeinsam Strick-Zeitschriften an und redeten über türkise Pullover. Sie würden mir stehen, meinte sie. Besser als schwarz.

Ich hatte so viele Fragen. Ich wollte sie nach meinem Bruder, ihren Lebenslieben, Vater, meiner Schwester fragen. Doch irgendwie hatte das alles keinen Platz. Es passte nie. Ich hasste es, unpassende Fragen zu stellen.

Der Moment, als sie tot vor mir lag, ist unauslöschbar aus meinen Erinnerungen. Sie lächelte sanft. Doch ihr Körper war kalt. Ich traute mich nicht, sie zu umarmen. Sie war einfach weg. Doch irgendwie war sie noch da. Alles war seltsam. Ich war ausser mir vor Trauer und Verzweiflung.

Einige Wochen nach ihrem Tod strich eine Katze über den Friedhof. Sie wirkte zutraulich und kam zu mir hin. Ich streichelte sie.

Wenn ich heute durch die Strassen fahre, durch die sie gelaufen ist, hoffe ich insgeheim, irgendein Überbleibsel von ihr zu sehen, und sei es nur eine rote Denner-Tasche. Sie bleibt verschwunden. Meine Mutter existiert nicht mehr.

Lebensader

Da gibt es Menschen in meinem Umfeld, die schwer krank sind und an ihrem Leben hängen. Jeder Gedanke, jede Faser ist aufs Leben konzentriert. Und trotzdem vergeht ihr Leben langsam wie Sand in einer Sanduhr. Der geliebte Mensch nimmt rasch ab, die Haut färbt sich langsam durchsichtig, dann gelb. Der Krebs kriecht durch diesen Menschen und man hofft, er möge aufhören zu wachsen und sich nicht länger am Körper dieses Menschen zu laben.

Es gibt Menschen, die sehr alt geworden sind und in ihrer Demenz zwischen Leben und Leben und Tod und Tod schweben. Sie werden immer dünner, kleiner und zerbrechlicher und man kriegt das Gefühl, sie verschwinden langsam, aber sie sind noch da. Sie wirken wie uralte Schmetterlinge aus Seidenpapier.

Es gibt Menschen, deren Leben noch kaum begonnen hat, die als kleine Kinder sterben und man steht daneben und hat wenig Worte und erst recht keinen Trost.

Dann gibt es da Menschen, denen das Leben zu schwer geworden ist. Keine Hoffnung. Kein Sonnenaufgang, kein Lachen und kein Kuss, auf den sie sich noch freuen könnten. Und als Mensch in ihrem Umfeld beginnst du Bahngleise, Fenster im dritten Stock, Äste mit Seilen dran, Schlaftableten oder Armeewaffen zu fürchten.

Du kannst dich den Menschen öffnen und hoffen, dass sie dein Herz sehen. Trauer macht den Menschen verbittert, so sagt man. Ich denke, Trauer macht einen Menschen fassungslos und verletzlich. Der Verlust eines Menschen kehrt alles. Nichts mehr ist wie vorher. Du bleibst zurück mit deinen Erinnerungen, die du nun nicht mehr mit ihm teilen kannst.

Du hast die Wahl zu leben, sagt man. Du hast die Wahl, wie du dein Leben gestalten willst. Du kannst einen Garten bepflanzen und dich an den Rosen, den Schmetterlingen und den vielen Vögeln freuen.

Oder aber du wählst die Planierraupe, fährst alles platt und machst einen Parkplatz draus.
Du hast die Wahl.

Lehrjahre

Ich war gerade 17 Jahre alt geworden, als ich in Frauenfeld, in einem kleinen Familienbetrieb, meine Lehre als Confiserie-Verkäuferin begann. Meine Eltern hatten sich kurz zuvor getrennt und ich steckte in der tiefsten und wirrsten Pubertät, die man sich vorstellen kann. Und Akne sowie eine fette Spange im Mund hatte ich auch.

Ich liebte meine Lehre, mein Lehrgeschäft und meine Lehrmeisterin war ein grosses Vorbild für mich. Sie war direkt, freundlich, kreativ und konnte wunderbar Geschichten erzählen. Ich ging immer gerne arbeiten und freute mich über all das, was ich dort lernen durfte. Doch all das bedeutete noch mehr für mich: ich fand in meiner Lehrmeisterin und ihrem Mann zwei Menschen, die ein offenes Ohr für mich hatten und denen es scheissegal war, woher ich kam. Nur meine Leistung, meine Noten und mein Wesen zählten.

Ich habe mich recht geschämt, wenn meine Mutter in mein Lehrgeschäft kam, um einzukaufen. Ich hatte Angst, man würde bemerken, wenn sie betrunken war. Für meine Lehrmeisterin war das kein Thema. Nachdem ich ihr das erzählt hatte, war das ok. Ich lernte dank ihr, dass Dinge ansprechen eine gute Sache ist. Ich musste mich nicht wegen meiner Mutter schämen. Das sagte sie mir sehr klar und genau das musste ich damals hören.

Die zwei Jahre Lehre gingen viel zu schnell vorbei. Ich schloss erfolgreich ab und verliess das Geschäft. Nicht immer hatte ich das Glück, so tolle Chefs zu haben. Manchmal war es wirklich schwierig für mich. Sehr oft dachte ich an die Menschen, die in der Confiserie arbeiteten. Für mich waren sie wie eine Familie geworden. Wann immer ich kann, besuche ich schöne alte Confiserien, denn der Geruch von dunkler Schokolade, das Geräusch knisternden Papiers und Regale voller Geschenkspackungen fehlen mir zu meinem Glück.

Meine Arbeitshaltung, meine Werte und mein Umgang mit Lernenden sind sehr von dieser ersten Erfahrung mit meiner Lehrmeisterin geprägt. Gerade an Weihnachten, wenn auch in der Pflege alles drunter und drüber geht, denke ich jeweils an meine Lehrmeisterin und daran, wie sehr sie den Betrieb an Weihnachten, den „Stress“ und die viele Arbeit geliebt hat. Dann muss ich lächeln.

Mein Lehrgeschäft existiert seit vielen Jahren nicht mehr. Die schöne Inneneinrichtung des Ladens ist verschwunden und hat einem Restaurant Platz gemacht. Und seit ein paar Tagen lebt nun auch meine Lehrmeisterin nicht mehr. Ich denke fest an sie und bin unglaublich dankbar, dass sie mir damals die Chance gab, bei ihr in die Lehre zu gehen.

Alles Liebe und gute Reise Ihnen. ❤

Narbenhaut

Letzthin fragte mich jemand, im Hinblick auf diesen Blog: „Du hast soviel erlebt. Wie überlebst du das nur?“

Ich habe mir diese Frage ehrlich gesagt nie so gestellt. Oftmals war ich verwundert, dass ich gesund bin. Arbeiten kann. Liebesfähig bin.

Als Kind war das für mich anders. Ich fragte mich oft, warum mich meine Mutter nicht liebt. Nicht so liebt, wie ich es bei anderen Kindern und ihren Müttern erlebte. Mütter sind für mich eine grosse Wundertüte.

Meine Mutter war keine Bilderbuchmutter. Sie war launisch, cholerisch und oft gewalttätig gegen mich. Sie fiel oftmals in wahre Verprügelungsorgien. Es war, als müsste sie all das, was sie plagt, verjagen und schlagen. Und das war dann ich.

Es gab einen Moment in meiner Kindheit, da wollte ich nicht mehr. Ich war vielleicht zehn Jahre alt. Sie rastete aus irgendeinem Grund aus. Sie schrie, fluchte, schlug zu. Sie trat zu. Mit Vorliebe trat sie in meinen Rücken und schlug gegen den Hinterkopf – nie in mein Gesicht, so als sollte es keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. So auch an diesem Tag.

Ich wusste, selbst als Kind, dass sie mich damit töten oder zumindest halbtot schlagen könnte. Es gab natürlich immer Gründe für sie, das zu tun. Aber ich verstand nur den Hass. Ich kauerte mich zusammen, auf dem Boden, weil ich hoffte, ihre Schläge würden mich nicht all zu sehr verletzen. Das Weinen hatte ich mir irgendwann abgewöhnt. Es schützte mich nicht vor ihren Schlägen.

Nach den Prügeln machte sie sich an mein Zimmer. Sie schlug es kurz und klein. Sie zerstörte meine Spielsachen, schmiss meine Bücher, meine Kleider und meine Plüschtiere herum. Es sah aus, als wenn eine Bombe in mein kleines Zimmer eingeschlagen hätte. Dann ging sie, mit einem Blick der Verachtung.

Ich versuchte mir an jenem Abend einen grossen Nagel ins Handgelenk zu schlagen, weil ich hoffte, ich würde vom Schmerz in meinem Herzen erlöst werden. Mir fiel in jenem Moment ein, dass ich in den Ferien zu Omi gehen wollte. Omi würde mich erwarten. Sie würde es nicht überstehen, wenn ich einfach nicht mehr da wäre. Ich entschied mich fürs Leben.

Ich zog den Nagel wieder raus und war froh, dass nichts schlimmeres passiert war. Ich wusste, ich wollte leben. Übrig blieb von diesem Gedanken bloss meine Narbenhaut.

Haut, die verletzt ist, vernarbt. Es gibt dicke und dünnere Narben. Die einen sind tief, die anderen fast unsichtbar.

Im Laufe der letzten Jahre erlebte ich immer wieder, dass sich (männliche) Freunde und Bekannte das Leben genommen haben. Meine Gefühle waren immer ambivalent. Einerseits war da die Trauer, Menschen verloren zu haben, die ich gerne hatte und deren Gesellschaft ich nun vermisste. Andererseits aber kann ich es nachvollziehen, wenn ein Mensch so verzweifelt ist und so starke innere Schmerzen erleidet, dass nur noch das Ende des Lebens Linderung verspricht. Jemand, der niemals an diesem einen, schwarzen Grat angekommen ist, hat keine Ahnung. Das Verurteilen eines Suizids ist grausam und lächerlich.